Pop-Taubheit bei der ARD

Dank diesem Artikel bin ich gerade auf diese Abstimmung aufmerksam geworden und kann nur den Kopf schütteln. Steckt hinter dieser vollkommen willkürlichen Liste irgendeine Systematik – außer “möglichst Weichspülerhaft”? “HR4-geeignet + Tokio Hotel”?

Wo ist die Hälfte der NDW? Wo sind Ärzte, Hosen, Neubauten? Wo ist die DDR? Wo sind selbst Dancefloor-Deppen wie Blümchen? Dafür ist ausgerechnet Stefan Raab gleich zweimal dabei – unter anderem auch (oh Wunder!) mit seinem ARD-Titel “Hier kommt die Maus” (in die gleiche Kategorie fällt wohl auch “Schnappi”, der ganz bestimmt nicht zu den wichtigsten deutschen Hits der letzten 10 Jahre zählt). Dafür fehlt dann wiederum Guildo Horn. Und zwei Drittel der deutschen Musikgeschichte scheinen sich in den Siebzigern abgespielt zu haben.

Und am Ende wird das ganze dann als ernsthaftes Ranking “Die schönsten Hits der Deutschen” verkauft. Und mich fragt wirklich noch jemand, warum ich nur noch Filme auf DVD und “Daily Show”-Folgen im Netz gucke?

Vorschlag-Hammer

Nachdem man seine Ausstrahlung jetzt nicht mehr verhindern kann, werden in den Nachwehen des ganzen “Erwachsen auf Probe”-Buheis jetzt die Vorschläge aus der Politik ausgepackt. Manche erscheinen ganz sinnvoll, wie der Vorschlag, endlich verbindliche Gesetzgebung für unter 3-Jährige in Medienproduktionen einzuführen. Andere klingen hauptsächlich gut, sind allerdings schon auf den zweiten Blick als politische Worthülsen zu erkennen.

Die Kinderkommission des Deutschen Bundestags, einer der ersten Zu-Wort-Melder in der EaP-Debatte, hat in einer Pressemeldung (eigentlich nur in einem Nebensatz) die Einrichtung eines Ethikbeirates für die Produktion von Rundfunksendungen angeregt. Da das so ziemlich das einzig neue in der Mitteilung war, haben die Mediendienste prompt reagiert.

Eine Nachfrage bei der Kinderkommission ergibt allerdings: Niemand, weiß, was die obige Formulierung eigentlich bedeuten soll. Mir konnte niemand erklären, was genau der Ethikbeirat machen soll, welche Kompetenzen er haben könnte, wer drin sitzen könnte (Politiker? Verbände? Medienmacher?) oder an welche Institution er angegliedert werden könnte. Selbst auf den Versuch, auch nur ein Minimum zu erfahren (“Aber irgendwelche Gedanken darüber, was so ein Ethikbeirat sein soll, wenn Sie ihn schon anregen, müssen Sie sich doch gemacht haben.”) wurde hilflos und achselzuckend reagiert. Der Vorschlag sei ja für Kulturstaatsminister Bernd Neumann gemacht worden, der müsse jetzt wissen, was er damit anfängt.

Na, wenn man schon mit so klaren Ideen reingeht, dann kann das Ergebnis ja auch nur die Schneidekraft einer Samuraiklinge besitzen.

Etwas ähnliches hatte ich übrigens auch bei NRW-Familienminister Armin Laschets Vorschlag eine Alterskennzeichnung fürs Internet einzuführen vermutet. Typisches Wahlkampfgebrabbel, dachte ich. Wie das funktionieren soll, hat sich noch niemand überlegt, dachte ich.

Hier wurde ich allerdings eines Besseren belehrt. Zwar hatte ich mit dem Wahlkampfgebrabbel recht, denn der Vorschlag ist nicht plötzlich Herrn Laschet ins Hirn gesprungen. Aber die Arbeit daran läuft bereits. Seit Jahren beschäftigt sich im Bundestag ein Runder Tisch mit dem Thema, wie man Altesfreigabegrundsätze von Offline-Medien auf die Netzwelt übertragen kann. In der Vergangenheit hat der Verantwortliche beim Beauftragten für Kultur und Medien, Hans Ernst Hanten, bereits ein so erfolgreiches Projekt wie Ein Netz für Kinder auf die Beine gestellt. Es klang, als könnte die Jugendschutzgeschichte auch klappen, man hat sich immerhin inzwischen auf einen Kriterienkatalog geeinigt.

Hanten konnte mir jedenfalls sehr konkret erklären, wie genau das alles funktionieren soll. Im Gegensatz zu Laschets wässrigen Formulierungen in der Pressemitteilung. Warum können nicht einfach die Leute mit Ahnung die Politik machen?

Mein Lieblingsmoment auf dem medienforum.nrw…

…abgesehen von all den Stöhn-Momenten, in denen Politiker von heute Litaneien von gestern darüber wiederholten, was das Internet kann und muss und darf (Thomas Knüwer dazu), fand in dem letzten Panel statt, das ich besucht habe, am Dienstag nachmittag zum Thema “Presse und Politik – Geht der öffentlichen Kommunikation das Publikum verloren?”.

Dort fragte Moderator Hajo Schumacher den Chefredakteur der “Kölnischen Rundschau”, Jost Springensguth, ob er denn all die Bürgerreporter mit den Handys haben wolle? Und der druckste kurz und sagte dann, fast erleichtert, “Na ja, im Prinzip eigentlich nicht.” Das war so ehrlich, dass der ganze Saal erleichtert auflachte.

Im gleichen Panel sagte übrigens auch “Tagesspiegel Online”-Chefin Mercedes Bunz, dass sie Titelseiten von Zeitungen wegen ihrer ordnenden Funktion mag und deswegen durchaus findet, das Nachrichten dort ihren Platz haben. Was wieder einmal zeigt: Leute, die wirklich wissen, was “Synergie” bedeutet, brauchen keine falschen Antagonismen aufzubauen.

Casting Couch

Nicht genug damit, dass RTL ernsthaft meint, mit einer Sendung wie Mission Hollywood jetzt auch noch für äh… Schauspieler eine Castingshow anbieten zu müssen. Geradezu besorgt war ich darüber, heute zu lesen wie Silke Burmester, die ich für eine sehr gute Kritikerin halte, das alberne Machogehabe der Sendung, in der die Kandidatinnen als erste Bewährungsprobe erstmal Orgasmen (When Harry Meets Sally), lesbische Küsse (Cruel Intentions) und Striptease (9 1/2 Weeks) nachspielen mussten, bei Spiegel Online auf auch noch zynisch gutheißt:

Es wäre naiv, sich über diese Darstellung aufzuregen. Im Gegenteil, es ist lobenswert, wenn das Fernsehen die Realität so klar und wahrhaftig abbildet: Die gönnerhafte Pose bleibt ein gesellschaftlich anerkanntes Erfolgsmodell. Und wahr bleibt auch: Männer können einen groß rausbringen. Man muss ihnen nur das richtige Fleisch zeigen.

Sie mag mit den letzten drei Sätzen voll und ganz recht haben. Nur das mit der Naivität verstehe ich nicht. Aufregung über solche Darstellung, selbst wenn sie der Realität entspricht, sollte meiner Meinung nach absolute Pflicht sein. Es mag wie ein Allgemeinplatz klingen, aber ist nicht Aufregung – immer, immer und immer wieder – der erste Schritt, um die mediale Verhökerung und Degradierung von Frauen zu sexuellen Objekten vielleicht irgendwann in ferner Zukunft mal zu verändern? Oder müssen wir erst warten bis die nächste Castingshow Germany’s Next Top-Hooker sucht?

Die Empörung der Wissenden (was: Die Empörung der Unwissenden IV)

Vorabankündigung: Meine vollständiges Fazit über die Debatte um “Erwachsen auf Probe” kann man ab Samstag in der neuen Ausgabe von epd medien lesen (evtl auch online).

Bis dahin sei die Debatte im Fernsehblog empfohlen, in der ich mich auch nicht zurückhalten konnte.

De Senectute

Im Jahr 2003 wurde der Begriff “Das alte Europa” in Deutschland Wort des Jahres. Wie der Wikipedia-Eintrag zum Thema hilfreich aufschlüsselt, geht der Begriff in seiner damaligen Konnotation auf eine Äußerung von Donald Rumsfeld, damals US-Verteidigungsminister, zurück, der am 22. Januar 2003 auf einen Kommentar eines Journalisten, nach dem in den traditionellen europäischen Verbündeten der USA (Frankreich, Großbritannien, Deutschland) mehr als 70 Prozent der Bevölkerung gegen den Irakkrieg seien, antwortete:

You’re thinking of Europe as Germany and France. I don’t. I think that’s old Europe.

Altes Europa, im Sinne also von: Ein Europa, das rückwärts gewandt ist, das die scheinbar zukunftsweisende Politik der USA nicht unterstützen will. Ein Europa auch, das nicht mehr so wichtig ist, wie früher. Das neue Europa hat mehr zu bieten als die Kulturklötze Deutschland und Frankreich, beispielsweise ehemalige Ostblockstaaten wie Polen, die den Krieg der Amerikaner unterstützten.

Wie die Wikipedia weiter schreibt, und wie ich es auch in Erinnerung habe,

entwickelte sich das alte Europa [in Deutschland] zu einem geflügelten Wort, das teilweise auch mit Stolz und dem Hinweis auf eine vorgeblich moralisch integere Position gebraucht wird. Zudem dient es auch zur Unterscheidung der westeuropäischen Länder von den mittelosteuropäischen Ländern, die aus verschiedenen Erwägungen heraus den Kriegskurs der USA mehr oder weniger stark unterstützten. Kritiker sehen in dieser Haltung den Ausdruck einer gewissen Arroganz gegenüber den Staaten Ost- und Mittelosteuropas.

So weit, so gut. Das ist jetzt ja auch schon sechs Jahre her. Der Begriff jedoch lebt weiter, in persönlicher Unterhaltung genau so wie in den Medien. Eine Google News-Suche ergibt 19 Treffer, allein zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Blogeintrags.

Wie mir heute aber erstmals deutlich in einem Perlentaucher-Beitrag bewusst wurde, scheint sich die Abgrenzung des Begriffs etwas verändert zu haben. Er bezieht sich nach wie vor ironisch und ein wenig trotzig auf die damaligen Oppositionsparteien, die Allianz der Grande Nation und des Landes der Dichter und Denker, allerdings kaum noch in Abgrenzung zum tatsächlich “neuen Europa” (im Sinne jener Staaten, die erst nach Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich wieder als europäische Staaten in Erscheinung traten und auch die neuesten Mitglieder der EU sind), sondern stattdessen in Abgrenzung zu den USA (bzw. den USA und Großbritannien).

So schreibt also Thierry Chervel:

In den USA wird das Netz bei allen Problemen – etwa dem Zeitungssterben – als Reich einer neuen Freiheit begrüßt. Im alten Europa ist es das Reich des Bösen.

“Und im neuen Europa?” möchte man fragen. Auch in diesem Artikel tritt “das Alte Europa gegen die Neue Welt an”. Und hier schickt ein ursprünglich amerikanisches Kreuzfahrt-Unternehmen seine Schiffe nun auch “ins ‘alte Europa'”.

Auch in seinem ursprünglichen Kontext wird der Begriff noch oft genug gebraucht, aber diese Verwendung ist doch interessant genug. Das alte Europa ist hier also nicht mehr nur das altehrwürdige Europa, dass sich im Gegensatz zu den neureichen uppity-Staaten wenigstens auf seine moralische Integrität berufen kann und es nicht nötig hat, sich bei den Amerikanern anzubiedern. Es ist vielmehr auch das “gute alte Europa” (so wie die Briten ihr Land gerne Old Blighty nennen), das vielleicht von den fortschrittlichen Amerikanern längst abgehängt wurde, aber dafür “Staatengemeinschaft der Herzen” ist, oder so. Seine rückschrittliche Attitüde wird jedenfalls eher milde betrachtet. Wer will, der kann ja in die Neue Welt gehen, wir bleiben in unserem alten Europa. Wir müssen ihm gar kein neues Europa gegenüberstellen. Es gibt eh nur eins, und das ist nunmal alt.

Die Zukunft

“Everyone and their mum” äußert dieser Tage seine Meinung zum wogenden Kampf um die Zukunft der Zeitung, die Konkurrenz durch das Internet, Urheberschutz, Qualitätsjournalismus und und und… (nicht zuletzt angestoßen durch das schon einmal verlinkte SZ-Magazin der vergangenen Woche. Natürlich habe ich mir auch eine Meinung dazu gebildet. Ich will aber hier keine Gesamtanalyse des Problems und der Selbstüberschätzung der Printjournalisten abgeben (das hat Stefan Niggemeier, wie immer bravourös, schon erledigt), sondern einfach nur mal eine Prognose abgeben, was ich meine, wie sich das ganze weiterentwickeln wird. Für diese Prognose in fünf Thesen kann ich weder einen Zeithorizont nennen, noch irgendwelche Statistiken oder sonstige untermauernden Fakten. Sie beruht auf einem informierten Bauchgefühl.

1. Aktuelle Information wird des Mediums Print nicht mehr bedürfen. Das Internet ist schon jetzt der Ort, wo man sich am aktuellsten und gezieltesten informieren kann, nicht die Zeitung, die nur einmal am Tag erscheint und von den meisten Leuten nur überflogen wird. Irgendwann werden auch die Verlagsleute einsehen, dass sie mit dem Verzicht auf eine gedruckte Zeitung nicht nur dem Zeitgeist folgen und die Umwelt schonen, sondern auch Geld sparen (harte Zeiten für Drucker und Vertrieb brechen an). Wenn Lesegeräte wie der Kindle noch ein bisschen billiger und noch ein bisschen handlicher (faltbar?) werden, muss irgendwann der Umschwung zur digitalen Zeitung kommen – denn dann kann man die Zeitung lesen wie bisher: Beim Frühstück, im Bus, in der Mittagspause. Zwanzig Minuten pro Tag, wie der durchschnittliche Deutsche: Die Titelseite, ein paar zusätzliche lokale Artikel, den ein oder anderen Kommentar, die ein oder andere Hintergrundgeschichte und gut ist. Und man genießt zusätzlich alle Vorteile: Aktuelle Geschichten aktualisieren sich selbstständig, Artikel, die man gerne noch einmal oder später lesen will, kann man abspeichern. Und wer gar keine Zeitung will, sondern nur harte News, kann ein reduziertes Abo nur mit den Nachrichtenmeldungen bestellen. Überhaupt lässt sich das Abo prima individuell auswählen. Wer braucht da noch Papier? Und wenn “nichts so alt ist wie die Zeitung von gestern”, muss man sie nicht wegwerfen, sondern kann sie einfach löschen.

2. Print wird deswegen noch lange nicht verschwinden. Die Tatsache, dass das Modell papierne Zeitung ausgedient hat, heißt nicht, dass das gedruckte Wort verschwindet. Publikationen, deren Look und Haptik mindestens ebenso sehr Teil ihres Reizes ist wie ihr Inhalt, bleiben natürlich bestehen. Filmzeitschriften oder Magazine wie “Geo” will ich beim Lesen in der Hand haben und hinterher ins Regal stellen. Sie sind echte Dinge, keine Gebrauchswaren wie Zeitungen. Und viel handlicher. Sascha Lobo hat es im aktuellen Medium Magazin gut ausgedrückt: “Papier ist das neue Vinyl”. Es hat seine Daseinsberechtigung, aber hauptsächlich für Liebhaber.

3. Inhalte werden sich ergänzen. “Das Internet” ist nur als Medium eine Konkurrenz für den traditionellen Journalismus, nicht als Inhaltsgenerator – dort ist es eine Ergänzung. Aus den abwatschenden Kommentaren der Traditionalisten gegen Blogger und das Web 2.0 spricht nur eine Angst vor der Abgrabung eigenen Bodens. Den Blogs haben nunmal eine andere Aufgabe und Tradition als klassischer Printjournalismus. Niggemeier schreibt in einem Kommentar zu seinem eigenen Blogeintrag, dort könne er “Dinge machen […], die ich in Zeitungen nicht tun könnte. Mich an Details abarbeiten oder endlose persönliche Texte über den Grand-Prix verfassen, zum Beispiel.” Eben. Blogs sind Outlets für Leute, die sowieso gerne schreiben aber eben nicht all ihr Geschriebenes überall unterbringen können. Diejenigen, die den Platz in den Medien verwalten, können dort Ideen finden, sich Anregungen holen, oder selbst etwas beitragen. Trotzdem werden Blogs, die Leute in der Regel aus persönlichem Antrieb führen, nicht den Journalismus ersetzen, warum auch? Wenn die Journalisten sich von den Bloggern bedroht fühlen, haben sie nur eine Wahl: Sie müssen besser sein als die Blogger. Sonst haben sie ihr Gehalt nicht verdient. Meckern und pauschales Beschimpfen ist keine Lösung. Wie gesagt: Im utopischsten aller Fälle ergänzen sich die beiden Sphären, respektieren und nutzen einander, verschmelzen vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle durch die Möglichkeit zu unmittelbarem Feedback, bilden aber jedenfalls eine machtvolle Symbiose.

4. Professionalität wird wieder kostenpflichtig. Irgendwann ist das Internet der Lebensraum der Zukunft, also werden dort auch wieder “normale” Zustände eintreten. Dazu gehört, dass man für professionelle Arbeit Geld bezahlt. Und Journalismus, wenn er gut ist, ist professionelle Arbeit. Wenn sich also die Micropayment-Systeme endlich so weit vereinfachen, dass man zum Online-Lesen eines Artikels nur einen (!) Button anklicken muss, um einen Betrag etwa im Bereich von 5 Cent dafür zu bezahlen, den man dann am Ende des Monats abgerechnet bekommt, dann muss professionell erstellter Content wieder Geld kosten. Klar wird es auch weiter Gratiszeitungen geben, diese werden auch eine starke Konkurrenz sein. Aber hier gilt das gleiche Argument wie beim Bloggen: Wenn man dieser Konkurrenz die Stirn bieten will, gibt es nur eine Möglichkeit: Besser sein. Vielleicht auch nicht nur für die Bildungselite, sondern besser für alle.

5. Alles bleibt beim Alten. Selbst wenn sich, wie in dieser Utopie beschrieben, die Journalismuslandschaft irgendwann konsolidieren sollte und Digital und Print, unendliches Netz und destillierte Zeitung ihren Frieden miteinander geschlossen haben, werden sich Journalisten nicht ändern. Viele von ihnen werden genau so faul, jammerig oder zynisch bleiben, wie sie es heute schon sind (wohlgemerkt, ich bin selber einer). Sie werden Pressemitteilungen ungeprüft übernehmen, Sachverhalte so lange zuspitzen, bis sie nicht mehr stimmen, jammern dass früher noch alles besser war, weil Pluto da noch ein Planet war, und ihre “Die Welt ist schlecht”-Sicht zwischen den Zeilen breitreten. Wohlgemerkt: Nicht alle, und nicht alles gleichzeitig und nicht alles extrem. Aber manche, mehrere, nicht zu wenige – und nicht nur schwach ausgeprägt. Die digitale Welt ist die Zukunft des Journalismus. Sie ist nicht seine Rettung.

Was taugen Reboots wirklich?

Der Blogger Benjamin Kausch aka Bekay war so freundlich, auf meinen Reboot-Artikel in epd-Film hinzuweisen und sich kurz damit auseinanderzusetzen. Er zeigt “eine gewisse Paradoxie” darin auf, dass die von mir im Artikel konstatierte Ursprungs-Sinnsuche bei Reboots “gerade an sattsam bekannten Franchises (Batman, Bond, Star Trek etc.) umgesetzt und befriedigt” wird. Er schließt damit, dass ich die Hollywood-Reboot-Schwemme für kritikwürdig halte.

Und in der Tat endet mein Artikel mit den Worten:

Dann stellt sich allerdings die Frage, ob es auf Dauer reichen wird, die Popkultur der letzten fünfzig Jahre aufzurühren und umzuschichten. Statt die abgehangensten Heldenepen rückwärts zu lesen, wäre es vielleicht doch eher an der Zeit, neue Helden zu schaffen, die das Kino erobern können. Sie müssen ja nicht aus dem luftleeren Raum stammen, erfolgreiche Buchvorlagen gibt es genug – siehe Twilight. Auf jeden Fall aber kann man sie auf die Leinwand bringen, ohne dass sie allzu viel Gepäck mit sich herumschleppen.

Ein feuriges Plädoyer für neue Stoffe also, dass ich jederzeit wieder so schreiben würde. Dennoch hat mich Bekays Anmerkung nachdenklich gemacht. In erster Linie sollte mein Artikel den momentanen Reboot-Wahn in Hollywood feststellen und darüber nachdenken, was dahinter steckt. Doch obwohl ich ein großer Freund von Originalstoffen bin, und tatsächlich der Meinung bin, dass man nicht ständig nur auf Bewährtes setzen sollte, haben Reboots, Remakes und die ihnen verwandten (und im Artikel ebenfalls behandelten) Prequels durchaus ihre Daseinsberechtigung, ebenso wie Neuinszenierungen am Theater.

Wichtig, so würde ich argumentieren, ist, dass sich im neuen Film die wirtschaftliche Ausbeutung einer etablierten Marke mit so etwas wie einer künstlerischen Vision die Waage hält. Einfacher formuliert: Für den Rückgriff auf Reboot oder Prequel innerhalb eines Franchises sollten sich triftige Gründe finden lassen. Ich will versuchen, diese These an einigen Beispielen zu erläutern.

Als Christopher Nolan 2005 die Batman-Serie übernahm, steckte die Batman-Figur wirklich knietief im Kaugummi. Ehrlich zugegeben habe ich Joel Schumachers Batman and Robin nie gesehen, aber ich habe bis heute noch niemanden getroffen, der sich positiv über den Film geäußert hat. Nimmt man den von mir gesehenen Vorgängerfilm Batman Forever (ebenfalls von Schumacher) als Vorbild, ist nachvollziehbar, warum Nolan gut zehn Jahre später die Notwendigkeit sah, Batman neu zu erfinden: Härter, gröber und zerrissener. In einer Post-9/11-Welt, die sich von der Jubilierung über den Fall des Eisernen Vorhangs in den Neunzigern erholt hat, die Erde erneut in zwei Lager eingeteilt hat, sich in diesem Antagonismus aber wesentlich unsicherer ist, erscheint es sinnvoll, Gotham City von seinem Fantasy-Image zu befreien und ihm den Charakter eines übersteigerten New York (wie ursprünglich) zurückzugeben. Mit The Dark Knight, der ein in jeder Hinsicht perfekt ausgeführter Action-Thriller ist – ob man ihn mag oder nicht, hat Nolan bewiesen, dass sein Reboot zu etwas führt, nämlich zu einer zeitgenössischen und brutalen Spiegelung von politischen und gesellschaftlichen Vorgängen in der überzogenen Welt des Comichelden-Films.

An einem ähnlichen Konzept versucht sich seit einigen Jahren auch das James-Bond-Franchise. Seit Casino Royale ist Bond in einer härteren Origin-Story zu neuem Leben erwacht, immer noch cool, aber nicht mehr lässig-leicht, sondern äußerst verletzbar und als kleines Zahnrad in einer Verstrickung von weltpolitischem und -kapitalistischem Machtgeklüngel. Doch auch wenn Casino Royale wegen seinem Neuigkeitswert, seinen gewissen ironischen Referenzen zum Neustart (“Sehe ich so aus, als würde mich das interessieren?”) und vor allem wegen seiner grandiosen Actionszenen einen gewissen Reiz hatte, so hat sich spätestens mit dem Nachfolger Quantum of Solace bewiesen, dass die Figur aus den neuen Filmen kaum noch als Bond durchgehen kann. Hatte sich James Bond nicht immer und von Anfang an dadurch ausgezeichnet, dass er mit einem Lächeln durch die Welt geht und eben der ist, der am Ende siegt? Der nicht in einem Schwall von schnell geschnittenen Szenen ohne Übersicht untergeht, alles verliert was er liebt und ihm in einem Blutrausch hinterher jagt? Der neue Bond mag etwas näher an Ian Flemings Romanen sein, als Film-Reboot ist er gescheitert. Denn im Endeffekt verraten die neuen Filme die Figur und die über zwanzig Filme umfassende Tradition für eine relativ beliebig wirkende Zeitgeist-Aufbesserung. Und gerade Mark Forster macht es in Quantum of Solace nichtmal besonders gut. Da die Bond-Figur sowieso verschiedene Permutationen durchlaufen darf (ähnlich eines Dr. Who) hätte man mehr Effekt auch ohne Reboot erreichen können.

Dickstes Beispiel für einen überflüssigen Reboot ist wohl The Incredible Hulk. Weil den Marvel-Studios (die fleißig an ihren Avengers puzzeln) Ang Lees Film Hulk zu künstlerisch war, gaben sie kurzerhand einen Reboot in Auftrag, die den Hulk stärker in das neue Marvel-Universum eingliedern soll. Der entstandene Film ist nicht an sich schlecht, so etwas wie eine filmemacherische Vision fehlt ihm aber völlig, er ist weitgehend langweilig und folgt einem Dramaturgieschema F.

Wolverine habe ich noch nicht gesehen, die Kritiken überschlagen sich nicht unbedingt mit Lob. Da der Film aber doch irgendwo außerhalb der bisherigen X-Men-Filme steht und seinen größten Reiz daraus zieht, dass Hugh Jackman in der Filmtrilogie zu der Repräsentation des unverwundbaren Mutanten geworden ist, sehe ich für ein solches Spin-Off immerhin einen triftigen Grund: Die Figur gibt tatsächlich mehr her, als in einem Ensemblefilm herumzuspuken, vor allem wenn man einen so guten Schauspieler hat, der ihr Leben verleihen kann. (Da Wolverine nicht den bisherigen Kanon über den Haufen wirft, zählt er übrigens – genau wie Star Trek – streng genommen nicht als Reboot, sondern als Prequel).

Wie auch schon im Artikel erwähnt, spielen die Terminator-Filme innerhalb des filmischen Markengeflechts eine besondere Rolle, da sie sich durch ihre Zeitmanipulation quasi mit jedem Film automatisch Rebooten. Jeder Film schafft sich selbst eine neue Zukunft, was dem Nachfolger absolute Interpretationsfreiheit für alle Ereignisse auf der Timeline in beide Richtungen gibt. Propagierte Teil II noch “No Fate” – die Zukunft ist noch nicht geschrieben – so wirkte Teil III zwar insgesamt extrem beliebig, endete aber immerhin mit einer erstaunlich konsequenten apokalyptischen Vision. Wie sich Terminator: Salvation aus dem Dickicht befreien will, bleibt abzuwarten, aber immerhin versucht er nicht noch ein viertes Mal die Storyline der ersten drei Filme neu aufzugießen und betritt neuen Boden innerhalb des Kanons. Regisseur McG ist immer für eine Überasschung gut, ich habe also Hoffnungen.

Mit Star Trek neu anzufangen halte ich grundsätzlich auch für eine gute Idee, da die Next Generation-Filme zuletzt auch nichts mehr zu bieten hatten. Der nun startende Film läuft allerdings natürlich ebenso wie die Star Wars-Prequels Gefahr, in die Retcon-Falle zu treten, also ständig die noch nicht geschehene Zukunft neu erklären zu wollen. Die Lektüre einiger Interviews mit den Drehbuchautoren hat mich bisher davon überzeugt, dass man sich im Filmteam über die Stolperfallen von Zeitreise und Co sehr bewusst ist – meine Erwartungen sind also positiv. Trotzdem hätte es gerade Star Trek vielleicht eher gut getan, seine Geschichte weit in die Zukunft der drei 90er-Serien zu verlegen, als sich in den Hollywood-Sinnsuch-Trek einzureihen und mit dem Glitzer des 21. Jahrhunderts eine Serie aus den Sechzigern zu torpedieren. Die Hoffnung hängt zuletzt an JJ Abrams, auf dessen Gespür für interessanten Zeitgeist man sich bisher recht gut verlassen konnte.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass sich bei den momentanen Reboots Hits und Misses so ziemlich die Waage halten. Einige Filme (besonders auch solche aus der Prequel-Maschine wie Hannibal Rising) haben keine wirkliche Daseinsberechtigung, denn sie dienen wirklich nur einer überflüssigen Markenausschlachtung. Andere bieten tatsächlich einen neuen, zeitgemäßen Blick auf eine Figur, die es wert ist, am Leben erhalten zu werden.

Diese Figuren jedoch, dabei bleibe ich, müssen ergänzt werden durch neue Helden, die nicht nur an die Zeit und den filmemacherischen Trend angepasst werden, sondern die ihr tatsächlich entspringen. Die jüngste der hier diskutierten Figuren ist der Terminator, und selbst der hat inzwischen 25 Jahre auf dem Buckel. Hancock ist ein Beispiel für einen originären Kinosuperhelden, der vielleicht nicht der große Wurf ist, aber immerhin – wie oben beschrieben – kein altes Gepäck mit sich herumträgt.

Auch Mitteldeutschland weiß jetzt: Erde ist tatsächlich rund

Wie so viele andere Blogger (die ich hier gar nicht alle aufzählen kann, exemplarisch verlinke ich mal hierhin) reihe ich mich hiermit mal in den Kreis derer ein, die darüber aufstöhnen, dass immer wieder diverse öffentliche Organe plötzlich entdecken, dass dieses Internet-Dings doch ziemlich gefährlich ist und dass wir am besten alle davor geschützt werden sollten.

Der ein oder andere greift dafür mit Vorliebe zu extremen Schutzmaßnahmen, die meisten begnügen sich aber damit, immer mal wieder zu mahnen und anschließend zu fordern, dass man Kindern beibringen muss, wie man ordentlich damit umgeht, vor allem mit diesem Web 2.0 mit all seinen Foren, Chats und Blogs.

Mir drängt sich in solchen Fällen immer folgender Eindruck auf: Wer hier eigentlich beigebracht bekommen will, wie das Internet funktioniert und wie man sich dort verhalten sollte, sind nicht die Kinder, sondern die überforderten Erwachsenen. Sehr schön demonstrieren lässt sich diese These an einer aktuellen Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft der mitteldeutschen Landesmedienanstalten (AML) mit dem Titel “Neue Medienwelten – Neue Anforderungen”.

Wenn man Pressemitteilung (und zugehöriges “Thesenpapier”) liest, wird einem folgendes klar: Die Führungsgremien von drei Landesmedienanstalten (Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen) haben eine Tagung gebraucht, um anschließend mahnend festzustellen: Medienkompetenz ist wichtig. Ach was. Ach so: Auch im Internet. Und vor allem: In unseren immer schlimmer werdenden Zeiten.

Das klingt wie ein Allgemeinplatz, der vielleicht bösartig zugespitzt wurde? Lassen wir das Original zu Wort kommen:

Die Verschmelzung der alten und neuen Medien, die damit verbundene Zunahme des interaktiven und partizipativen Medienumgangs sowie die zeit- und ortsunabhängige Verfügbarkeit der Medien in allen Lebensbereichen in einer globalen Medienwelt eröffnen der Bevölkerung neue Lern- und Erfahrungsräume in Bildung, Arbeit und Freizeit.

Zugleich bringt die Medienentwicklung gesellschaftliche Risiken mit sich, etwa hinsichtlich fragwürdiger ethisch-moralischer Orientierungen in der psychosozialen Entwicklung und Sozialisation Heranwachsender oder hinsichtlich des Umgangs mit privaten Daten in der Online-Kommunikation. Diesen Risiken muss in den Arbeitsfeldern Jugendmedienschutz und Medienkompetenzförderung entgegnet werden.

Die mitteldeutschen Landesmedienanstalten haben in den vergangenen Jahren ihre Aktivitäten in diesen beiden Feldern stets verstärkt und werden ihnen auch in Zukunft einen hohen Stellenwert einräumen.

Und warum ist Medienkompetenz so wichtig. Weil, wie jeder weiß, man im Internet sagen kann, was man will:

Die Formen der Artikulation in Chat, Forum, Blog oder internetbasierten sozialen Netzwerken sind
eine noch junge kulturelle Praxis innerhalb derer sich bislang nur unzureichende Normen, Werte und Verhaltensstandards herausgebildet haben und in denen es, wie in anderen Alltagsbereichen auch in Online-Communities zu Ungerechtigkeiten, zu Beleidigungen und zu Gewaltakten kommt.

Der geneigte Leser möge mich nicht falsch verstehen: Ich halte Medienkompetenz ebenso für wichtig und bin grundsätzlich auch dafür, dem Nachwuchs einen verantwortungsbewussten Umgang mit seinen Daten beizubringen (und mochte zum Beispiel diese Kampagne durchaus), aber: Muss der Zusammenschluss von drei Landesmedienanstalten wirklich ein Thesenpapier herausbringen, um das festzustellen? Und dafür vorher eine Tagung veranstalten?

Die Pressemitteilung und das Thesenpapier der AML besteht aus Feststellungen die enorm allgemein und hinreichend bekannt sind. Es ist grundsätzlich zu begrüßen, dass dieses Wissen jetzt auch in den Medienwächterzentralen von Mitteldeutschland angekommen ist. Dass diese versuchen, diese Erkenntnis als neue Erkenntnis zu verkaufen ist allerdings ziemlich peinlich.

Zur Ehrenrettung sollte man hinzufügen, dass die Pressemitteilung auch folgende Neuigkeit enthält: Die AML will zukünftig stärker mit ihrem hessischen Pendant, der LPR Hessen, zusammenarbeiten. Hierzu ließ sich LPR-Direktor Prof. Wolfgang Thaenert zu einer scharfsinnigen Beobachtung hinreißen: “Hessen und Mitteldeutschland haben viele Gemeinsamkeiten”. Ende des Zitats. Genauer kann man es nicht formulieren.

Grimmes Märchen

Hans Hoff hat in der heutigen Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift Grau wie Grimme über die Preisvergabe beim diesjährigen Grimme-Preis – man muss fast sagen – abgelästert (wie er es übrigens die vergangenen Jahre auch immer getan hat).

Ich schaue seit zu vielen Jahren zu wenig Fernsehen um sachlich beurteilen zu können, ob es berechtigt ist, die Preisentscheidungen zu kritisieren. Vielleicht gab es tatsächlich bessere Filme, Serien und Sendungen im letzten Jahr, die einen Preis verdient hätten. Wenn dem so ist, dann hätte Hoff vielleicht mal ein paar nennen können. Stattdessen befleißigt er sich auf einer halben Seite, vage Kritik aufeinander zu türmen.

Selten war so ein Murren wie nach der Bekanntgabe der Preisträge in der vergangenen Woche. Von Skandal war da die Rede, von Fehlentscheidungen, von Lethargie im System. Insbesondere die Arbeit der für die Fiktion zuständigen Jury wurde kritisiert, weil wichtige Filme wie etwa Mogadischu auf der Strecke geblieben sind. […] Doch es wurde erstmals öffentlich gefragt, wie es passieren konnte, dass ein Fernsehjahr so mangelhaft abgebildet wurde.

So ein Murren? Meint Hoff seinen eigenen Artikel vom 26. März? Oh, und natürlich den von FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld (“Mogadischu fehlt!”). Außer zwei Medienjournalisten bei zwei großen deutschen Tageszeitungen scheint sich niemand aufgeregt zu haben. Die übergangenen Nominierten nicht, die übergangenen Juroren nicht, die übergangenen Sender nicht.

Es geht Hoff anscheinend hauptsächlich darum, zu betrauern, dass sein persönlicher Lieblingsfilm, Mogadischu dieses Jahr nicht ausgezeichnet wurde. Und das, obwohl in ihm “viele” (aber vielleicht nicht genug…) die “beste Leistung des Fernsehjahres erkennen”.

Um zu beweisen, wie unfair die Jury mit Mogadischu umgesprungen ist, zitiert Hoff aus dem Jury-Bericht meines “epd medien”-Kollegen Michael Ridder (den er sich bemüht, als “Agentur-Journalist” zu deklassieren). In dem steht, dass in der Jury Fiktion Konsens darüber herrschte, dass Mogadischu politisch schwach und dafür Hollywood-mäßig heroisierend war. Heinrich Breloer hätte mit Todesspiel 1997 einen besseren Film zum gleichen Thema gedreht und dafür auch keinen Preis bekommen.

Das stößt Hoff bitter auf: Die “handwerklichen Kategorien”, in denen Breloer und Mogadischu-Regisseur Roland Suso Richter arbeiten, ließen sich nicht vergleichen:

Breloer überwand die Grenzen der Dokumentation, indem er gespielte Szenen einfügte. Suso Richter näherte sich im fiktionalen Genre der Dokumentation, in dem er sich für eine entsprechend ästhetische Optik entschied. […] Wenn man dem Spielfilm Mogadischu eines nicht vorwerfen kann, dann ist es, mit den Mitteln des Spielfilms – der Personalisierung, des Spannungsaufbaus durch Dramaturgie – zu emotionalisieren. […] Auf die politischen Recherchen zum Film haben die Produzenten sich viel gut gehalten, was ihnen von Politikern und Wissenschaftlern bestätigt wurde. Aber das ließ sich sicher anders sehen.

“Wir haben aber viel recherchiert” ist ein gerne gegebenes Argument von Filmemachern, um ihre Filme zu verteidigen. Leider bewertet man als Kritiker aber nicht die Recherche oder die Arbeit, die in einem Film steckt (auch wenn ich manchmal gerne würde), sondern den Film der am Ende dabei rauskommt. Und wenn der schwach auf der politischen Brust ist, bei einem politischen Thema, dann darf man das durchaus kritisieren. Und wenn Breloer in einer anderen Form einen ebenso spannenden und politisch besser austarierten Film geschaffen hat, darf man die Filme anhand dieses Merkmals auch ruhig vergleichen.

Doch Hoff hat noch einen Kritikpunkt. Die Jury “Unterhaltung” ist ihm zu jung.

Warum eigentlich ist die Jury Unterhaltung so verdächtig mit überwiegend jungen Juroren besetzt? Überlässt man denen das ungeliebte Feld Entertainment, das man erst seit kurzem beackert und hofft, dass kein Flurschaden entsteht, weil Unterhaltung per se nicht Grimme-Außergewöhnlich ist? Aus der Politik weiß man, dass man über die gekonnte Besetzung von Ausschüssen oft mehr bewirken kann als durch die in ihnen geführten Debatten.

Wie passt dieses Argument eigentlich damit zusammen, dass Grimme (wie Hoff seit Jahren kritisiert) das Fernsehen nur “verwaltet” und weniger “fordert”, nur “Zeugnisse vergibt”? Sollen daran ausgerechnet die jungen Leute schuld sein? “Man könnte schon viel mehr, wenn man nur wollte”, meint Hoff. Man könnte “die Stärke der Marke nutzen”.

Könnte man. Muss man aber nicht. Das treffende Zitat von Grimme-Chef Uwe Kammann, “Ich kann das Fernsehen nicht über den Preis reformieren”, lässt Hoff unkommentiert im Raum stehen. Was genau Grimme anders machen sollte, welche Sendungen (außer Mogadischu) das Institut zum Beispiel hätte auszeichnen können, sagt Hoff nicht. Stattdessen schimpft er lieber noch ein wenig auf die Juroren, die ihre eigenen Entscheidungen kommentieren.

In der Regel zeichnet ein Preis aus, was existiert. Er schafft nicht eigene Preiskandidaten, um sie hinterher auszeichnen zu können – das wäre totalitär. Nach Ansicht der Jurys und der schweigenden Mehrheit der Kritiker geht der Adolf-Grimme-Preis dieses Jahr wieder an einige herausragende Produktionen – wie immer vor allem der ARD. Mehr besseres Fernsehen wollen wir alle. Die Preise können es nicht aus dem Hut zaubern.

Ich freue mich übrigens besonders, dass die Reihe Mädchengeschichten meiner ehemaligen Kollegen von der 3sat-Filmredaktion ausgezeichnet wurde. Herzlichen Glückwunsch an Katya Mader und Inge Classen.