Piq: Die Entmachtung von Dov Charney

Startup war die erste Säule des wahrscheinlich bekanntesten US-Podcastunternehmens Gimlet. Alex Blumberg schilderte darin angenehm ungeschönt seine eigene Firmengründung. In Staffel 3 hat sich die Perspektive geändert. Gimlet folgt dem ehemaligen Kopf von American Apparel, Dov Charney, der gerade eine neue T-Shirt-Firma aufbaut – aber eigentlich geht es kaum um das neue Unternehmen.

Die jüngste Folge macht das besonders deutlich. Sie schildert, wie Charney aus der Firma, die er selbst über Jahrzehnte aufgebaut hatte, gefeuert wurde – wegen seiner andauernden sexuellen Übergriffe und seines gefährlichen Management-Stils. Diese Podcaststunde, ein angenehmer Höhepunkt einer ansonsten eher mauen Staffel, ist ein Psycho-Krimi erster Güte

Sie erzählt auch, dass die destruktiven Charakterschwächen einer visionären Führungspersönlichkeit nicht endlos hingenommen werden müssen. Beeindruckendstes Dokument ist der Mitschnitt eines Charney-Wutausbruchs, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

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Mixtape 2016

In den vergangenen Jahren habe ich in diesem Blog immer nur auf Filme und Persönliches zurückgeblickt und mein musikalisches Jahr in andere Social-Media-Reiche verbannt. 2016 bin ich aber der Meinung: Wer dieses Blog regelmäßig liest, der verkraftet es auch, mit meinem Musikgeschmack konfrontiert zu werden.

Das Besondere am Jahr für mich war, dass ich es erstmals vollständig im Streamingland verbracht habe. Was das für mein Hörverhalten bedeutet hat, steht seit August im Techniktagebuch. Ich glaube außerdem, dass sich dieses Jahr endgültig mein Musikgeschmack so verändert hat, dass mich Bands, die ich vor zehn Jahren noch für die Krönung der Schöpfung hielt, mit ihren Alben nicht mehr begeistern können.

Stattdessen: dieses Mixtape. Die Reihenfolge ist nicht als Wertung, sondern als vorgeschlagene Hörreihenfolge zu verstehen.

A-SEITE

1. Bloc Party – The Love Within

Bloc Party zurück nach längerer Pause mit einem spirituellen Album, das nach wie vor die beiden Pole hymnenhaftigkeit (so heißt es auch, “Hymns”) und weirdness großartig miteinander verschränkt, wie dieser Track zeigt. The love within is moving upward / sweeter than any drug, das sollten wir uns merken.

2. Laura Mvula – Overcome (feat. Nile Rodgers)

When you’re heart is broken down / and your head don’t reach the sky / take your broken wings and fly, so beginnt dieser vielschichtige Song, nachdenklich-lieblich, aber mit Wumms, und definitiv zugänglicher als der Rest des Albums “The Dreaming Room”. Entdeckt durch die Nominierung für den Mercury Prize, jedes Jahr eine exzellente Quelle für neue Musik.

3. AURORA – Conqueror

“Running with the Wolves” ist wahrscheinlich der bekanntere Song der jungen Norwegerin, aber ich mag “Conqueror”, wie ich ja offene Lovesongs generell mag. I’ve been looking for a conqueror / but he don’t seem to come my way.

4. Paul Simon – The Werewolf

Paul Simons jüngere Alben hatten einen großen Klangcollagen-Faktor und “Stranger to Stranger”, dessen Opener “The Werewolf” ist, bildet keine Ausnahme. Im Interview erzählt Simon, aus wie vielen Komponenten dieser Werwolf zusammengesetzt ist. Die Kombination aus ironisch-leichten Texten (They eat all the nuggets, then they order extra fries) und einer sich zunehmend aufbauenden Drohkulisse gefällt mir an diesem Song.

5. Shearwater – A Long Time Away

Das Album “Jet Plane and Oxbow” ist vermutlich mein Lieblingsalbum des Jahres. Es lässt sich wunderbar von vorne bis hinten durchhören und findet genau die richtige Songmischung. “A Long Time Away” ist der dynamischste und besste Song des Albums.

6. Julien Baker – Sprained Ankle

Wenn es mal richtig richtig weinerlich werden darf, dann doch gerne so. Entdeckt in der “NPR Music Austin Top 100”.

7. Tiger Lou – You Town

Tiger Lou gehört zu den Bands, die ich Anfang der 2000er entdeckt habe, aber deren Werk für mich immer etwas im Vakuum hing. Dieses Jahr war ich dank Apple Musics “Neue Musik”-Playlist zur Stelle als ein neues Album erschien und konnte dann im Dezember sogar auf ein Konzert gehen. Das ganze Album lohnt sich sehr.

8. Archive – Driving in Nails

“False Foundation” ist wahrscheinlich Archives bisher düsterstes Album. So düster, dass ich es bisher noch nicht am Stück gehört habe. Die Vorabsingle “Driving in Nails” beweist das eindrücklich.

9. 65daysofstatic – Asimov

Vor zwei Jahren habe ich hier im Blog als einer der ersten berichtet, dass 65daysofstatic eventuell am Soundtrack zum Videospiel No Man’s Sky beteiligt sein könnten. Dieses Jahr sind Soundtrackalbum und Spiel endlich erschienen. Das Soundtrackalbum zumindest enttäuscht nicht.

B-SEITE

10. Ryley Walker – The Great and Undecided

Ryley Walker hat mich mit seinem Folk-Rock-Pop schon letztes Jahr begeistert, sein neues Album ist fast noch besser.

11. KT Tunstall – All or Nothing

KTs Album “KIN”, das im Herbst erschien, gehört zu den vergessbareren Releases des Jahres. Bei mir hat es bisher nicht einmal für einen zweiten Hördurchlauf gereicht. Aber auf der vorab erschienenen EP “Golden State” fand sich diese B-Seite, die an ihre besten Zeiten erinnert. Vor allem diese Woah-Yeah-Bridge zum Ende des Songs hat es in sich.

12. Coldplay – Up&Up

Dieses beeindruckende Video mag eine Rolle gespielt haben, aber in kleinen Dosen finde ich Coldplay nach wie vor sehr gut hörbar, auch wenn sie inzwischen als Schnulzenkönige gelten. “Up&Up” gibt Hörenden jederzeit eine Portion Optimismus zurück, wenn sie gebraucht wird: We’re gonna get it, get it together right now / get it together somehow / get it together and flow.

13. NAO – In the Morning

Als NAO erst im “All Songs Considered”-Podcast und dann in meinem “New Music”-Mix auftauchte, wusste ich, dass ich ihr eine Chance geben muss. Und ich wurde nicht enttäuscht: Das ganze Album “For All We Know” ist wunderbar greasy-sleazy R&B, garniert mit zerrenden Ausbrüchen, wie hier am Ende von “In the Morning”.

14. The Pretty Reckless – Take Me Down

“Take Me Down” erscheint mir wie ein Sequel zu “Sympathy with the Devil”. Die Instrumentierung, das Thema, alles passt zusammen. Nur eben all girls, wie bei Ghostbusters. Und mit der geilsten Triangel aller Zeiten.

15. Kula Shaker – 2 STYX

Ich mag Songs, die es erfolgreich schaffen, sehr unterschiedliche Refrains und Strophen miteinander zu verknüpfen. Kula Shaker gelingt das in “2 STYX” sehr gut – und wenn der Refrain dann endlich losbricht, knallt er doppelt.

16. Kishi Bashi – M’lover

Wenn Männer Falsett singen, ist es ja meist schon halb um mich geschehen. “M’Lover” ist definitiv der beste Song von Kishi Bashis neuem Album “Sonderlust” und gefällt mir in seinem operatischen Drama. Fast eine Antwort auf “Conqueror” 13 Songs zuvor.

17. Justin Timberlake – Can’t Stop the Feeling!

Switched On Pop hat sehr gut auseinanderdividiert, wo sich Justin Timberlake diesen Song überall zusammengeliehen hat, aber das macht nichts: er ist einfach gnadenlos catchy und man kann quasi nicht nicht dazu tanzen. Und bei der Tonartverschiebung auf dem Wort “Move” muss man dann immer das Gesicht auf eine bestimmte Art verziehen.

18. Aoife O’Donovan – Magic Hour

Dieser mir eher durch Zufall zugeflogene Track ist definitiv mein Song des Jahres. Er fängt einfach ganz wunderbar so eine bestimmte Stimmung zwischen Melancholie und innerer Ruhe ein, und er beschreibt in wenigen Worten die schönste Zeit des Tages: In the magic hour, when the moon is low / and the sky’s the kind of blue that you think you know / but you don’t know.

BONUSTRACK

19. Gipfeltreffen – Der aufrechte Gang

Im Herbst 2015, nach dem Umzug nach Berlin, war mir schnell klar, dass ich wieder ein Hobby brauchen würde. Ich fand Christian und Olli, die im Begriff waren, eine Band zu gründen und noch einen Schlagzeuger brauchten. Ein Jahr später haben wir bereits drei Demos aufgenommen, die zum Bestklingendsten gehören, was ich jemals auf virtuelles Tonband fixiert habe. Auf Soundcloud kann man reinhören.

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Advent, Advent: Mein Erlebnis mit Spotlight

Im Adventskalender von “kino-zeit” dürfen alle Autorinnen und Autoren über ein prägendes Kinoerlebnis dieses Jahres schreiben. Ich habe mich meiner Begegnung mit Spotlight gewidmet:

Deutsche Filmveröffentlichungs-Politik kann grausam sein. Oft beginnt schon im September das leise Summen um besondere Award-Season-Filme, die dann am Ende des Jahres bei vielen Kolleginnen und Kollegen, insbesondere aus den USA, auf den Top-10-Listen landen, deren Kinostart in Deutschland aber noch weit entfernt ist. Spotlight war so ein Fall. Als ich das Drama um die Recherche des Boston Globe zu systemischem sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche endlich zu sehen bekam, hatte es sogar gerade ein paar Tage zuvor den Oscar als bester Film gewonnen. Alles, was es an Hype zu diesem Film geben konnte, war bereits entfacht worden.

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Piq: Durchatmen: Ein Regisseur hat der Alt-Right das Ladekabel geklaut

Hollywood und Politik beschäftigen sich nicht so oft miteinander, wie sie sollten, aber in diesen Tagen führt kein Weg dran vorbei. Das Gute: Wenigstens wird es dadurch manchmal unterhaltsam.

So wie in der Geschichte von Jordan Voigt-Roberts. Der ist zufällig Regisseur des kommenden Monster-Blockbusters Kong: Skull Island, aber das tut eigentlich wenig zur Sache bei seiner Begegnung mit einem unsympathischen Vertreter der “Alt-Right” in einem Flugzeug. Der unliebsame Sitznachbar behandelt die Flugbegleiterinnen schlecht, liest Fake News auf dem Tablet und scheint Schwierigkeiten damit zu haben, sein Handy ordentlich zu laden.

Voigt-Roberts begleitete das Erlebnis mit einem Strom aus ätzenden Tweets (Kostprobe: “He just keeps jamming it in. As if by force it will work. He’s grabbing the pussy of his phone charger. This is our future folks…”) und rächt sich am Ende auf sehr kindische Art, wie er selbst zugibt. Der kleine Rant ist deswegen auch nicht unbedingt sehr erhellend – aber er hat Hollywood-Qualitäten.

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Das Interessanteste an … Paterson (2016)

© Weltkino Filmverleih

Paterson war genau das, was ich am Ende eines stressigen Tages inmitten einer stressigen Woche brauchte. Ein Film, der mich runterbringt. Mit ruhigen Bildern und einem gleichmütigen Hauptcharakter. Kein Film, der mich auf ewig beschäftigen wird. Kein Film, bei dem ich das Gefühl hatte, dass er dringend gedreht werden musste. Aber ein Film, der guttat.

Falls Paterson eine Aussage hat, dann wahrscheinlich am ehesten, dass “Poet sein” nicht an einen Beruf gebunden ist. Zumindest habe ich das “Aha!” von Patersons zufälliger Bekanntschaft am Ende des Films so verstanden. Beschäftigt hat mich am Film aber etwas anderes: die Art und Weise, wie Jim Jarmusch Routine und Kreativität miteinander verknüpft.

Über die Woche, die Jarmusch Paterson begleitet, sehen wir, wie ähnlich seine Tage ablaufen (auch im Kontrast zu seiner Frau, die jeden Tag einen neuen Reiz entdeckt). Er wacht von selbst zu einer bestimmten Zeit auf, er frühstückt, er geht zur Arbeit, er schreibt ein paar Zeilen, er fährt seinen Bus, er schreibt ein wenig weiter, er geht nach Hause, er richtet den Briefkasten gerade, er geht mit seinem Hund in die Bar und trinkt ein Bier.

Nach oberflächlicher Weisheit sollte das eigentlich bedeuten, dass Paterson ein langweiliges Leben führt, so monoton und routiniert. Aber Jarmusch zeigt auch, dass genau diese Routine dazu führt, dass Paterson Zeit hat, sich inspirieren zu lassen. Er muss nicht ständig neue Entscheidungen treffen, sondern hat Muße, um seine Umgebung wahrzunehmen, den Gesprächen seiner Passagiere zu lauschen. Er schreibt regelmäßig und konsistent, im Einklang mit dem regelmäßigen Rauschen des Wasserfalls an seinem Lieblingsort.

Mich hat das gefreut. Zu oft lese ich in den im Internet kursierenden Kalendersprüchen, wieviel bessere Menschen wir werden, wenn wir aus unserem Alltag ausbrechen. Wir sollen ständig neue Dinge probieren, neue Impulse aufnehmen und uns nicht von unseren schlechten Angewohnheiten runterziehen lassen. Dabei gibt es gerade unter Autoren genug Beispiele für diejenigen, die mit Routinen großes leisten konnten, Haruki Murakami und Thomas Mann konnte ich ergoogeln, aber ich meine, das auch mal über Kurt Vonnegut gelesen zu haben.

Als jemand, der Routinen auch sehr mag, der auch oft vor dem Wecker aufwacht und Dinge in einer festen Reihenfolge erledigt, fühlte ich mich durch Paterson wertgeschätzt. Genau wie “Poet sein” nicht am Beruf liegt, hängt Poesie eben auch nicht an einem aufregenden Leben.

Piq: Die Elemente der Musik von “Arrival”

“Song Exploder is a podcast where musicians take apart their songs, and piece by piece, tell the story of how they were made.” Ein faszinierend einfaches Konzept, das sich perfekt für einen Podcast eignet.

In einer Mischung aus Interviews und einzelnen Aufnahmespuren erlaubt Hrishikesh Hirways Sendung Hörerinnen und Hörern so nah an den kreativen Prozess von Musikerinnen und Musikern heranzukommen wie sonst selten. Und was bei Pop-Bands schon spannend ist, ist bei Filmmusik erst recht genial. Song Exploder hat angekündigt, in den nächsten Monaten Scores auseinanderzunehmen, die gute Chancen auf eine Oscar-Nominierung haben.

Den Anfang macht ein Cue aus Arrival, einem neuen Sci-Fi-Film von Denis Villeneuve (Sicario), der mit viel Vorschusslorbeeren aus anderen Teilen der Welt diese Woche in Deutschland anläuft. Komponist Jóhann Jóhansson setzt in der Geschichte über Verständigung mit Aliens auf eine Minimal-Music-ähnliche Mischung aus organischen Collagensounds und Orchesterinstrumenten. Die einzelnen Komponenten und Gedanken dazu zu hören ist die ideale Vorbereitung auf den Kinobesuch am Wochenende.

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