Das Interessanteste an … Erwartungen (2016)

Erwartungen ist das Langfilmdebüt von Regisseur, Drehbuchautor und Freund dieses Blogs Sebastian Mattukat. In vier miteinander zusammenhängenden Geschichten zeigt er darin die amourösen Verstrickungen einer Nacht und die Art, wie sich Menschen durch ihre eigenen Erwartungen oft im Weg stehen.

Liebe geht heute nur noch selten ohne Technik, und auch wenn Erwartungen eine feurige Rede gegen Online-Dating enthält (was ich als jemand, der dort seine Frau kennengelernt hat, durchaus persönlich nehme), spielt digitale Kommunikation im Film eine Rolle. Dass die Darstellung von Unterhaltungen per SMS noch immer eine Herausforderung für Filmemacher_innen ist, hat nicht zuletzt Tony Zhou in seinem Video-Essay “A Brief Look at Texting and the Internet in Film” aufgezeigt. Der Trend geht dahin, die SMS als souveräne Elemente ins Bild einzubauen wie es Sherlock und House of Cards machen.

Das wollte Sebastian aber nicht, wie er mir schreibt:

Ich wollte es unbedingt vermeiden, wie in House of Cards Grafiken im Raum zu haben. Das macht das ganze sehr technisch. Gleichzeitig ist es der absolute Krampf, echte Handy-Displays zu filmen. Oft sind die Displays zu dunkel, Fettflecken, Spiegelungen, zitternde Hände von Schauspielern (gerade bei Nahaufnahmen). Dann muss das schreiben passen, sprich: der Darsteller darf sich nicht vertippen, irgendjemand im Raum muss die richtigen Antworten parat haben und der Fokus stimmen. Also alles in allem mega-anstrengend. Dann haben wir beschlossen die Teile komplett zu animieren und immer einen passenden Anschluss mit den Figuren zu kreieren, so dass der Inhalt optimal rüber kommt, es möglichst hübsch aussieht und wir im Nachhinein die optimale Leselänge festlegen konnten.

Sebastian und sein Motion Designer Tom Degel zeigen ihre Handydisplays als Leinwand füllende Screenshots, über die eine in After Effects und Cinema 4D animierte Kamera langsam hinwegwandert. Was banal klingt, stellt gerade im Kino eine merkwürdig intime Nähe zu den Nachrichten her – als wäre man als Zuschauer_in mittendrin in der digitalen Konversation – auch wenn sie etwas klischeehaft ist wie im folgenden Clip.

Die Nachrichtenblasen scheinen im Raum zu schweben, sind aber dennoch ganz eindeutig flach im Bildschirm eingesperrt. Ich fand das eine kluge und ästhetisch wirkungsvolle Idee und bin gespannt, wann ich es in einem anderen Film sehe.

Hinweis: Sebastian stellt Blogger_innen gerne einen Screening-Link seines Films zur Verfügung. Seine Kontaktdaten stehen auf seiner Website.

Piq: Die aggressive Expansionspolitik von Netflix

Vor drei Jahren sagte Ted Sarandos, Netflix’ Chief Content Officer, einen berüchtigten Satz: “The goal is to become HBO faster than HBO can become us.” Ein Bloomberg-Artikel trägt zum Stand dieses Plans einige beeindruckende Zahlen zusammen: Sechs Milliarden Dollar will die Streaming-Plattform 2017 für Programm ausgeben. 30.000 Quadratmeter hat die neue Konzernzentrale. Über 100 Millionen Kunden sollen nächstes Jahr erreicht werden. 40 Millionen Dollar hat ein Deal mit Chris Rock gekostet.

Und noch ein weiterer Punkt macht den traditionellen Machtinhabern in Hollywood zu schaffen: Netflix wirbt ihnen die Mitarbeiter ab. Allein im Bereich Öffentlichkeitsarbeit hat das Unternehmen derzeit 60 Stellen ausgeschrieben — und lockt mit enorm hohen Gehältern. Vertragsbrüche und die darauf folgenden Rechtsstreits werden billigend in Kauf genommen.

Doch die aggressiven Ausgaben haben auch ihren Preis: Dieses Jahr macht Netflix rund 1,5 Milliarden Dollar Schulden. Die Hoffnung: Teuer selbst produzierte Serien und Filme kosten nur einmal Geld und bleiben dann auf ewig als attraktive Gründe für ein Abo im Portfolio, statt regelmäßig neue Lizenzgebühren zu verschlingen.

Zum Artikel | Zum Piq auf piqd.de

360 Grad Luther

Die Panoramen von Yadegar Asisi, denen ich erstmals 2010 in Dresden begegnet bin, finde ich ja eine sehr abgefahrene Verschmelzung alter und neuer Immersions-Techniken. Sie finden im analogen Raum statt, werden aber mit digitalen Mitteln erstellt, zusammenkomponiert aus tausenden Fotos, Texturen und CG-Strukturen. Insofern habe ich mich darum gerissen, die Chance zu bekommen, Asisi in Kreuzberg zu besuchen und mit ihm über seinen Prozess und seine Philosophie zu reden. Das Ergebnis musste ich vom Nerdfaktor natürlich etwas runterschrauben, aber ich bin trotzdem ganz zufrieden damit. Wenigstens mal ein Schnittpunkt zwischen meinem Brotjob und meinen Privatinteressen.

Ein Blitzschlag wie bei Martin Luther war es nicht, der Yadegar Asisi dazu bewog, sich mit der Reformation zu beschäftigen. Aber einen inspirativen „Impuls“ habe er vor rund zehn Jahren doch gespürt, als er auf die Tür der Schlosskirche in Wittenberg blickte. Vor seinem inneren Auge sei die Idee für ein „Gesellschaftsbild“ aus der Lutherstadt entstanden, das anhand des Lebens des Reformators und seiner Zeitgenossen zeigt, „wie die Gesellschaft zusammenspielt“. Zehn Jahre später sitzt der 61-Jährige in seinem Atelier in einem Kreuzberger Hinterhaus und denkt zurück an das, was alles passieren musste, damit das Panorama „Luther 1517“ im Oktober in Wittenberg feierliche Eröffnung feiern kann. Kontakte, Reisen, Gespräche über Finanzierung, Beratung, Ideen und schließlich sehr viel Arbeit. Dabei hielt der mit sanfter Stimme und leicht sächsischem Dialekt erzählende Künstler zu jeder Zeit selbst die Fäden in der Hand. „Ich verwirkliche nur noch Herzensprojekte“, sagt er. „Es ist ein großes Glück, dass ich inzwischen so selbstbestimmt arbeiten kann.“

Begehbare Kunst

Das war nicht immer so. Zwar gewann der 1955 als Sohn iranischer Immigranten in Wien geborene Asisi schon wenige Jahre nach seinem Architektur- und Malereistudium in Berlin und Dresden erste Preise, doch erst 1995 stieß er auf das Panorama – ein fast verlorenes Kunstund Unterhaltungsformat aus dem 19. Jahrhundert, das vom Kino schnell verdrängt wurde. Innerhalb weniger Jahre wurde er zum Meister des begehbaren 360-GradKunstwerks, das Besucherinnen und Besucher in eine fremde Welt oder Zeit eintauchen lässt. Auf erste Auftragsarbeiten folgten irgendwann eigene Ideen. Inzwischen betreibt die Asisi GmbH selbstständig zwei Panoramen in Dresden und Leipzig, weitere Bilder von historischen Städten und beeindruckenden Landschaften hängen derzeit in Berlin, Pforzheim und Rouen. Dabei variiert Asisi trotz einer gewissen Routine immer wieder seine Form. So habe er für „Luther 1517“ seinen gewohnten Prozess umgedreht, erzählt er: „Bei anderen Stadtpanoramen erschließt sich der Bildinhalt zuerst über die Architektur, dieses Mal wird die Geschichte zuerst durch die Menschen erzählt.“ Das bedeutet: Wenn Besucherinnen und Besucher ab Oktober das Panorama in Wittenberg betreten, sehen sie sich an den Wänden Figuren gegenüber, die mit ihnen auf Augenhöhe stehen. Sie müssen nicht erst auf eine Plattform in der Mitte des Raums steigen, um die richtige Perspektive einzunehmen.

Reformatorischer Prozess

Und noch etwas ist anders: Statt einen bestimmten Moment in der Zeit festzuhalten, zeigt Asisis Rundgemälde gewissermaßen einen reformatorischen Prozess. Luther kommt nicht nur einmal, sondern mehrfach im Bild vor, in symbolischen Szenen aus verschiedenen Zeitaltern seines Lebens: beim Diskutieren mit Mönchen vor den Toren der Schlosskirche, beim Streit mit Thomas Müntzer, beim Predigen in der Kirche, beim Feiern mit Katharina von Bora. „Diese Momente sollen einander die Hand geben, ohne sich aus den Angeln zu heben“, hofft der Künstler. Yadegar Asisi, das merkt man im Gespräch, ist jemand, der sehr stark von innen nach außen arbeitet. Bilder und Ideen entstehen in seinem Kopf in beinahe finaler Form, bevor er sie aufs Papier bringt. Die erste, zweieinhalb Jahre alte Bleistiftskizze des Panoramas enthält schon alle wesentlichen Elemente der 12,5 Gigabyte großen Photoshop-Datei, an der er zurzeit letzte Hand anlegt: im Zentrum des Bildes die imposante Wittenberger Schlosskirche, links davon die mittelalterliche Stadt mit einer Mühle als weiterem visuellen Ankerpunkt, rechts der Neubau der Stadtmauer und der Blick auf die Elbwiesen. Das Licht fällt durch die Fenster der Kirche auf den Schlossplatz, sodass das Bild im Rund einen Weg von der Dunkelheit ins Licht beschreibt – nicht ohne am Horizont auch die Kriege anzudeuten, die folgten.

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Das Panorama ist seit dem letzten Wochenende in Wittenberg für Besucher geöffnet. Es gibt auch ein Video der Eröffnung auf Facebook.

Wie mir ein Mem bei der Selbstfindung half (und umgekehrt)

Dirk von Gehlen ist großer Fan der These, dass Internet-Quatsch einen wichtigen Beitrag zur menschlichen Kulturlandschaft leistet. Unser Denken und Fühlen, unsere Art mit Dingen umzugehen, spiegelt und bricht sich darin. Weil ich zum Ichbezug neide (dazu später mehr), ist mir das schon lange nicht mehr so sehr aufgefallen, wie vor kurzem – eine Geschichte, die ich gerne erzählen möchte.

Der Hashtag #describeyourselfin3fictionalcharacters ging vor ein bis zwei Wochen durch’s Netz, aber er ging größtenteils an mir vorbei. Selbst als Stefan Mesch auf Facebook darüber schrieb, schenkte ich dem Mem nur kurz Beachtung. Mir schien es in eine Kerbe mit den ganzen “#fav7”-Listen zu hauen, die einen Monat zuvor auf Twitter herumliefen. Nach einigen Tagen aber merkte ich, dass mich der Gedanke nicht losließ, in welchen fiktionalen Charakteren ich mich eigentlich wiederfinde. Nicht: Welche ich toll finde. Nicht: Welche mir äußerlich ähneln. Sondern: Gibt es fiktionale Repräsentationen meiner Persönlichkeit? Also dachte ich doch noch einmal gezielter darüber nach.

Forensische Selbstfindung

Auf Rob Gordon, die Hauptfigur aus Nick Hornbys Roman High Fidelity (und der Verfilmung von Stephen Frears, gespielt von John Cusack) kam ich relativ schnell. Rob ist ein Grübler, ein Selbstzweifler, ein Kritiker. Streckenweise auch ein ziemlich arroganter Mensch, der glaubt, dass er die Welt durchschaut hat. In High Fidelity, das ich mit Anfang 20 gelesen und gesehen habe, besucht er alle seine Ex-Freundinnen, um herauszufinden, was bei seiner letzten Trennung schief gegangen ist. Mit dieser Art der forensischen Selbstfindung habe ich mich damals schon identifiziert, und auf die ein oder andere Art habe ich sie auch in die Tat umgesetzt – dieser Artikel ist das beste Beispiel dafür. Der Rob Gordon in mir ist der Grund, dass dieses Blog existiert. Auch, wenn ich mich bemühe, nicht so ein Snob zu sein. Bemühe.

Animal, den Schlagzeuger der Muppets-Band (die übrigens auch einen Namen hat, “Dr. Teeth and The Electric Mayhem”), musste ich mir erst von einer Freundin bestätigen lassen, aber er passt schon ziemlich gut. Nicht nur weil ich auch Schlagzeug spiele. Wenn die drei fiktionalen Charaktere nach Freudscher Lehre irgendwie Ich, Über-Ich und Es repräsentieren würden, wäre Animal definitiv mein Es. Animal ist pure Leidenschaft. Er spielt Schlagzeug nicht mit Berechnung und Präzision, sondern aus dem Bauch heraus, mit viel Persönlichkeit – wie Keith Moon, dem er nachgebildet wurde. Wer mich nur schriftlich kennt, hat diesen Teil meines Ichs wahrscheinlich nur mal durchschimmern sehen, in Artikeln über das Tanzen auf der Straße, zum Beispiel. Er ist aber ein wichtiger Teil von mir. wie jeder weiß, der mit mir mal Karaoke singen war.

Die Erzählung vom Nerd

Nachdem ich Rob Gordon und Animal zusammen hatte, traf ich beim Nachdenken zunächst auf eine Wand. Ich hatte “grüblerisch” und “leidenschaftlich” untergebracht, aber ich wollte unbedingt noch einen Charakter, in dem ich mich als ganzer Mensch möglichst gut wiederfinden würde. Mir war klar, dass es ein Nerd würde sein müssen, aber die Nerds in fiktionalen Welten entsprechen bis heute fast ausschließlich jenem klassischen Bild des introvertierten, linkischen, streng analytisch denkenden Genies, das Michael Seemann mal sehr passend als eine Erzählung, die sich der Nerd selbst erzählt, bezeichnet hat. Ich bin nicht introvertiert und fühle mich in sozialen Situationen nicht unwohl, ich wollte aber auch nicht auf die andere Seite des Spektrums überlaufen und die Art überschäumenden Popkultur-Charakter wählen, der dem “Geck”, von dem das Wort Geek kommt, alle Ehre macht.

Meinen Durchbruch erlangte ich erst nach mehreren Tagen, als mir auffiel, dass ich viel zu eingeschränkt nachgedacht hatte. Beim Abschreiten der Galerie fiktionaler Nerds vor meinem inneren Auge hatte ich mich ausschließlich an männliche Charaktere gehalten. Im selben Moment, als ich die Tür zum Galerieraum weiblicher Nerds öffnete, fiel mir ein, wen ich natürlich auf jeden Fall auswählen sollte: Hermione Granger aus den Harry Potter-Büchern und ihren Verfilmungen. Ähnlich wie männliche Nerds definiert sich Hermione zu einem guten Teil über ihre Bücherwurmigkeit, über die Tatsache, dass sie nicht eins der “Popular Kids” ist. Aber das hält sie nicht davon ab, Gefühle zu zeigen, Herausforderungen mutig entgegenzutreten und zielorientiert zu denken und zu handeln. Und das alles ohne sich dafür in ihren Mind Palace zurückzuziehen. Anna James hat Hermiones Rolle in den Büchern im Juni perfekt in einem Tweet zusammengefasst.

Ich bin ein Mädchen mit wirren Haaren

Hermione ist ein Charakter, mit dem ich mich fast durchgängig identifizieren kann und möchte. Von der besserwisserischen, nervigen Art, mit der sie die Buchreihe beginnt, bis zu der starken und konstruktiven Freundschaft, mit der sie den Protagonisten, dessen Sidekick sie ist, in den letzten Kapiteln der Saga begleitet. Vielleicht sogar damit, dass Viktor Krum ihr zwar imponiert, sie aber nicht glücklich macht. Nur dass Hermione eben kein Mann (bzw. das, was die Gesellschaft kulturell als Mann definiert) ist, sondern ein “girl with frizzy hair”. Also bin ich wohl auch eins – als hätte ich das nicht immer gewusst.

Vielleicht habe ich es immer gewusst, aber erst ein auf den ersten Blick recht plattes Internet-Meme hat es mir mal so richtig gut vor Augen geführt. Es hat mir aber außerdem zum wiederholten Mal gezeigt, wie unterschiedlich die angebotenen Identifikationsfiguren für Jungs und Mädchen sind. Als Kerl habe ich oft nur die Wahl zwischen “heldenhaft” und “schwach”, genau wie Frauen sich meistens nur zwischen “häuslich” und “bitchy” entscheiden dürfen. Dabei ist das, was wir in uns selbst sehen und womit wir uns identifizieren, im Grunde völlig unabhängig von Geschlecht oder Gender. Danke, Internet!

In der Mitte ein Loch: Der talentierte Mr. Vossen

Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ (und die zwei Verfilmungen mit Alain Delon und Matt Damon) handeln von einem mittellosen jungen Mann, der über Leichen geht, um sich die Identität und den Lebensstil eines reichen Freundes anzueignen, und am Ende damit davonkommt. Felix Vossen, dessen Name im Titel der NDR-Podcastserie in Anspielung auf Highsmiths Roman verwendet wird, ist der wohlhabende Sohn eines Textilfabrikanten, der sich nach Jahren luxuriösen Lebens mit 60 Millionen Euro veruntreutem Geld absetzte und derzeit in Zürich im Gefängnis sitzt. Bis auf die Tatsache, dass beide Personen ihren Freunden etwas vorspielen, haben Mr. Ripley und Mr. Vossen nicht viel gemeinsam.

Doch nicht nur der Titel suggeriert Hörerinnen und Hörern etwas, das Christoph Heinzles Hörfunk-Reihe nur schwer einlösen kann. Von einem „rätselhaften“ Kriminalfall spricht Heinzle im Vorspann jeder Folge, der in der „Jagd“ auf einen Millionenbetrüger mündete. Dabei ist Vossen, das gibt der Autor bereits in der zweiten der sieben Folgen zu, das klassische Zentrum eines Ponzi-Systems, in dem ein charmanter Vertrauensmann mit dem Versprechen auf hohe Rendite immer neue Investoren anwirbt, um alte Investoren auszuzahlen und immer größere Geldlöcher zu stopfen.

Eine Folge zuvor hat man erfahren, dass die Jagd auf Vossen wenig spektakulär mit einer Festnahme bei einer Routinekontrolle in Spanien endete. Statt auf eine Jagd begibt sich Christoph Heinzle also auf eine Spurensuche durch die verschiedenen Stationen von Vossens Leben. Das Ende der 90er Jahre Konkurs gegangene Frottier- Unternehmen Vossen in Gütersloh, das Internat in der Schweiz, die gelinkten Freunde in London, Felix Vossens leidenschaftliche Ausflüge ins Filmgeschäft.

Die vollständige Kritik ist erschienen in epd medien 40/2016.

Das glorreiche Chaos gescheiterter Filme

Manchmal ist die Geschichte rund um einen Film stärker als der Film selbst. “Ich habe gestern Abend Heaven’s Gate gesehen”, erzählt mir mein Freund Carsten. “Ah”, antworte ich, “den Film zum gleichnamigen Debakel?”

Zum Zeitpunkt dieses Austauschs, vor etwa zehn Jahren, kannte ich den Film wirklich nur in diesem Zusammenhang (und um ehrlich zu sein, habe ich ihn mir auch erst in Vorbereitung auf diese Kolumne angeschaut). Ich wusste nicht mehr als dass Heaven’s Gate der Film ist, der fast ein Studio ruiniert hätte. Ein Endpunkt des New Hollywood, Symbol für über die Stränge schlagendes Autorenkino, während dessen eskalierender Dreharbeiten Regisseur Michael Cimino ein komplettes Set abreißen und einige Meter weiter wieder aufbauen ließ, weil er es halt so wollte. Ein unfassbar teurer Flop, den nicht einmal die Kritik wirklich gut fand. Die Art Film, dessen katastrophale Entstehung genug Stoff bietet für einen weiteren Film, einen abendfüllenden Dokumentarfilm namens Final Cut: The Making and Unmaking of Heaven’s Gate.

Und doch sagt allein die Tatsache, dass ich all das über Heaven`s Gate wusste, ohne ihn gesehen zu haben, etwas über die Faszination solcher Filme aus. Sie sagt: Wenn der Wind ein wenig anders gestanden hätte, hätte Heaven’s Gate auch Apocalypse: Now werden können. Ein Film mit ähnlich chaotischen Dreharbeiten und ähnlich furchterregenden Meta-Filmen (Heart of Darkness), der aber heute als wegweisender Klassiker rezipiert wird. Warum Heaven’s Gate nicht der Apocalypse: Now des Westerns wurde, darüber haben sich Kritikerinnen und Filmschaffende über Jahrzehnte den Kopf zerbrochen, in dutzenden neuen Schnittfassungen, Wiederaufführungen und Neubewertungen. (Ich würde es auf die Figuren schieben.) Das teure Chaos hat definitiv seinen ganz eigenen Sog.

Meine Kolumne weiterlesen auf “kino-zeit.de”

Piq: Das Ende der kinematischen Monokultur

Jedes Jahr um diese Zeit tanzen sie verlässlich durch Branchenblätter und Blogs: die Texte, die wahlweise den Tod oder die Wiedergeburt des Kinos verkünden. Hollywood beendet im September die Blockbuster-Saison – und es sind diese Bewegtbild-Breitenevents, die seit den 70ern, als sie erfunden wurden, für den Zustand des Kinos im Allgemeinen als Anschauungsobjekt herhalten müssen.

2016 war kein besonders gutes Blockbuster-Jahr, es gab einige hochkarätige Flops wie Independence Day: Resurgence und nur wenige erwartbare Hits wie Finding Dory, aber keine Überraschungen wie Mad Max: Fury Road 2015, hinter die sich Kritiker wie Publikum scharen konnten. Lucas Barwenczik versucht im Blog von “kino-zeit.de” (für das ich auch manchmal schreibe) weder in Abgesang oder Apologie einzustimmen. Stattdessen fragt er: Wenn das Breiten-Kino tot sein sollte, was folgt ihm als monokulturelles Event nach?

Lucas bietet an: das weniger breite Kino à la Toni Erdmann, die Serie (nähert sich auch bereits dem Ende ihres Eventzyklus) und das Videospiel, plädiert aber am Ende einfach für eine Kultur, in der am Ende Vieles nebeneinander steht, darunter auch das Kino: “Der ursprüngliche Schock des Kinos, seine umstürzende, weltverändernde Macht, ist einer tiefen Vertrautheit gewichen”, schreibt er. Und das könnte doch auch eine Rettung sein. Ein Gedanke, den man mal in seinem Herzen bewegen kann.

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