Filmdrehorte: Umsonst und draußen

In der Calton Road wird gerade gebaut. Das beeinträchtigt die Stimmung leider sehr. Zwecklos, darauf zu warten, dass ein Auto aus der Einfahrt kommt, über dessen Motorhaube man ein irres Grinsen in die Welt schicken könnte – wie einst Mark Renton in der ikonischen Eröffnungsszene von Danny Boyles Trainspotting. Ich muss mich mit Fotos und einer Rezitation des »Choose Life«-Monologs begnügen. Aber dass ich herkommen würde, in diese historische Seitenstraße in Edinburghs Zentrum, stand bereits vor meinem Urlaub fest.

Ich bin nicht allein. Nicht nur in der Calton Road, wo sich auch andere Trainspotting-Fans herumtreiben. Filmfans sind schon immer gepilgert – zu den “Homes of the Stars” und dem Hollywood-Boulevard, aber auch zu den oft entlegenen Drehorten ihrer Lieblingsfilme. Sie wissen, dass in der tunesischen Wüste ein paar verwitterte Überbleibsel von Lukes Feuchtigkeitsfarm aus Star Wars zu besichtigen sind oder dass in der Nähe des südspanischen Alméria viele Italowestern ihr Pulver verschossen haben. Ganz zu schweigen von Filmstädten wie New York, Los Angeles oder Berlin, zu denen einige Regalmeter mit einschlägigen Reiseführern gefüllt wurden. Doch seit einigen Jahren hat der Filmtourismus eine neue Qualität erreicht. Wo man früher oft Einheimische nach dem Weg fragen musste, ist eine kleine Industrie aus dem Boden geschossen.

Eine Voraussetzung dieser Entwicklung: Drehs außerhalb der Studios an beeindruckenden Schauplätzen haben zugenommen, ironischerweise nicht trotz, sondern wegen digitaler Technologien. Fernsehantennen an Gebäuden etwa müssen heute nicht mehr mühsam abmontiert werden, sie lassen sich einfach in der Postproduktion digital entfernen. In Totalen können ganze Gebäude und Aussichten durch digitale Modelle und matte paintings nahtlos ersetzt werden. Häufig bedeutet das auch, dass die gefilmten Orte nicht sich selbst repräsentieren, sondern fantastische Orte aus anderen Welten, die von Filmemachern behutsam konstruiert werden. Perfekt für Touristen.

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Werde auch du ein popkultureller Anfänger-Coach!

Vor über zehn Jahren hat meine Freundin Julia mal etwas für mich getan, was ich ihr nie vergessen werde. Sie, im Besitz aller Staffeln von Buffy The Vampire Slayer auf DVD, schuf für mich, der ich noch keine einzige Folge der Kultserie gesehen hatte, ein Video-Mixtape. Eine mit der Longplay-Funktion aufgenommene VHS-Kassette, die mir einen Einstieg in das Buffyversum ermöglichen sollte. Die Auswahl war perfekt: Pilotfilm und zweite Folge zur groben Orientierung in der Welt, das Finale der ersten Staffel um zu kapieren, worum es im Größeren geht, und anschließend eine Reihe von legendären Folgen wie “Hush”, “Once more with feeling” und “The Body”, um mir einen Eindruck davon zu vermitteln, welche Wege die Serie unter anderem eingeschlagen hat.

Julias Auswahl hat mich nicht zum Fan gemacht. Ich bin nicht losgezogen, um mir die restlichen Folgen so schnell wie möglich reinzupfeifen, aber seit ich diese acht Stunden Buffy gesehen habe, habe ich zumindest eine grobe Ahnung davon, was die Serie für ihre Fans besonders macht. Wenn in einem Gespräch mit Buffy-Liebhabern das Gespräch darauf kommt, kann ich zwar nicht behaupten, dass ich wirklich Bescheid weiß, aber es wird klar: ich habe mich damit beschäftigt. Das ist vielen schon eine Menge wert und es gibt auch mir ein gutes Gefühl, an dieser Stelle kein popgeschichtliches Loch klaffen zu sehen.

Ich muss nicht alles kennen, aber

Von diesen Löchern nämlich hat man als Ottonormalmensch in Zeiten von Peak TV, dutzenden Franchises im Kino und in den Bücherregalen, irgendwie viel zu viel. Natürlich ist die einfachste und vollkommen legitime Reaktion darauf, einfach zu entscheiden: Ich muss nicht alles kennen. Weil es stimmt. Aber vielleicht gibt es doch immer wieder diese einzelnen juckenden Stellen, die man gerne kratzen würde (Was hat eigentlich Generationen von Leuten so an Perry Rhodan begeistert? Worum ging es im großen Hype um Lost? Woher zur Hölle kommt die Langlebigkeit von Pokémon?), aber bei denen man trotzdem weiß, dass man nicht bereit ist, 150 Stunden seines Lebens zu investieren, um sich vollständig auf Stand zu bringen. Und bei denen auch klar ist, dass es oft wenig bringt, am Anfang anzufangen, wenn man einen repräsentativen Eindruck bekommen möchte. Weil viele serielle Phänomene leider erst nach einiger Zeit zu Hochform auflaufen.

In diesen Fällen wünsche ich mir Leute wie Julia, die sich die Mühe machen, eine Art Anfänger-Coaching zu verfassen. Als Hardcore-Fan ist das manchmal nicht ganz einfach. Man muss sich dem Nerd-Empfehlungsdilemma stellen und versuchen die eigene Innensicht zu verlassen. Man muss selbst Zeit und Aufwand reinstecken und um Zugänglichkeit und Übersicht bemühen. Aber im besten Fall ist das Resultat, dass man einem anderen Menschen das eigene Liebhabertum nähergebracht hat. Ewige Dankbarkeit ist vorprogrammiert.

Everything you need to know

Immer wieder gibt es bereits solche Anfänger- oder Aufhol-Coachings. Für die neue Marvel/Netflix-Serie The Defenders zum Beispiel war ich sehr dankbar für ein Video von ScreenCrush mit dem Titel “Everything you need to know before you watch ‘The Defenders'”. Obwohl ich selbst nur Jessica Jones gesehen hatte, fühlte ich mich mit dem Video bereit, die Serie anzugehen, auch weil es in seiner Beurteilung so ehrlich war und sich explizit an Menschen wandte, die die Vorgängerserien nicht oder nur zum Teil gesehen hatte (“Iron Fist? Boy, you’re gonna be glad you skipped this one.”). Wie ein guter Freund, der einen ganz persönlich abholt.

Ich sehe schon zwei Gegenargumente von Weitem auf mich zufliegen. Erstens: “Auf diese Art bekommt man keinen wirklichen Eindruck von dem, was an X tatsächlich besonders ist. Die 150 Stunden, die man reinsteckt, gehören dazu!” Stimmt. Wer mit Hilfe einer “Executive Summary” der Meinung ist, er wisse genauso viel wie die Wissenschaftlerin, die die Studie erarbeitet hat, leidet an einem Egoproblem. Aber es geht ja auch viel mehr darum, nicht völlig im Dunkeln zu stehen und sich nur von Vorurteilen oder popkulturellen Zitaten leiten zu lassen. Wer Feuer fängt, verschlingt anschließend sowieso das ganze Kunstwerk.

Zweitens: “Es gibt Phänomene, bei denen dieser Zugang nicht funktioniert.” Das mag sein. Ich bin froh, dass ich Breaking Bad vollständig nachgeholt habe und nicht nur in repräsentativen Ausschnitten. Aber grundsätzlich denke ich: Wenn hinter dem Coaching nur genug echte Begeisterung steckt, ist es trotzdem möglich, einem unbedarften Publikum die eigene Leidenschaft zu vermitteln.

Mach mit!

Wer bis hierhin gelesen hat: Ich rufe dich dazu auf, ein solches Coaching zu schaffen. Such dir etwas aus, wo du dich auskennst und was du liebst, und gib anderen die Chance, deine Liebe zu verstehen, mit Erklärungen und gut kurartierten Beispielen. Verlinke wie bei einer Blogparade auf diesen Beitrag, und in ein paar Wochen sammle ich alle Coachings in einem Posting. Ich selbst habe Ähnliches bisher auch nur für die erste Staffel von Agents of SHIELD (im letzten Absatz) gemacht und möchte es wieder tun. Was könnte sich deiner Meinung nach lohnen?

Hast du ein Thema, für das du dir immer schon ein Anfänger-Coaching gewünscht hast? Schreib es in die Kommentare. Ich selber bräuchte dringend jemand, der mir erklärt, was zur Hölle in den letzten 15 Jahren bei Magic: The Gathering los war – und was sich seit 1999 wirklich im Videospiel-Bereich getan hat.

Momente der Authentizität

Angela Merkels letzte Begegnung mit einem Youtuber liegt zwei Jahre zurück, und sie war nicht gerade
glorreich. Wurde nach dem Interview mit LeFloid im Juli 2015 zunächst dem jungen Interviewer vorgeworfen, nicht hart genug gefragt und zu oft genickt zu haben, kristallisierte sich später das Narrativ heraus, dass das Kanzleramt LeFloid in eine Arena geholt hatte, in der sich dieser weder wohlfühlte noch selbst die Regeln bestimmen durfte. So beraubten sie ihn, vielleicht aus Angst, jeden Bisses und degradierten ihn zu Merkels Stichwortgeber. LeFloid fühlte sich „benutzt“.

Es ist erstaunlich, dass Merkels mediale Zwischenhändler offenbar aus dem Flop mit LeFloid ausgerechnet
die Lehre gezogen haben, dass zwischen der Bundeskanzlerin und der rauen Welt von Youtube dringend die
Strukturen einer konventionellen TV-Talkshow stehen sollten. Die von Studio71, dem Youtube-Arm von Pro- SiebenSat.1, produzierte Sendung „#DeineWahl“ ließ zwar gleich vier Youtube-Persönlichkeiten die Kanzle- rin interviewen, glich aber abgesehen von den jungen Protagonisten einem fernsehüblichen Talkshow-Format.

Weiterlesen in epd medien 33/2017

Schauspiel im Zeitalter der Performance Capture

Die Debatte wird mit Sicherheit auch dieses Jahr wieder geführt. Sollte Andy Serkis nicht endlich für einen Oscar als bester Schauspieler nominiert werden? Nicht für seinen Part als Ulysses Klaue im Marvel-Universum natürlich (der dazugehörige Film Black Panther kommt sowieso erst 2018 ins Kino), sondern für eine Rolle, in der sein Gesicht nicht zu sehen ist: die des Schimpansen Caesar in Planet der Affen – Survival. Serkis ist, wie schon in den beiden vorhergehenden Planet-der-Affen-Filmen und wie in King Kong und Der Herr der Ringe, die treibende Kraft hinter Caesars Performance, aber Serkis alleine könnte die Rolle nicht spielen. Er braucht das Team der Effektfirma Weta Digital, die Serkis in Caesar verwandeln.

Seit sein Auftritt in Der Herr der Ringe – Die zwei Türme Andy Serkis zum Star gemacht hat und seine Interpretation von Gollum zur popkulturellen Ikone wurde, versucht die Filmwelt dem Phänomen performance-capture-acting Herr zu werden. Wie soll man Schauspieler*innen behandeln, die in einem grauen Gymnastikanzug ihre Bewegungsmuster und Mimik in einen Computer übertragen und aus deren Daten anschließend von einer Horde digitaler Zauberer*innen Wesen geschaffen werden, deren Physis sich von der eines Menschen signifikant unterscheidet? Wie viel Credit sollten sie für ihre Leistung bekommen?

In der Riege der Schauspieler*innen, die nicht als solche gelten, sind sie damit keinesfalls alleine. Beispiel Animationsfilm: Voice Actors (die im Deutschen nicht „Stimmenschauspieler*innen” sondern meist „Synchronsprecher*innen” heißen, was schon viel über ihre Klassifizierung aussagt – als gehe es einzig darum, Lippenbewegungen abzupassen) sind oft ausgebildete Schauspieler*innen, die neben ihrer Arbeit als Sprecher*innen auch mit dem ganzen Körper auf der Bühne oder vor der Kamera stehen. Dennoch werden Parts, in denen sie nur ihre Stimme einsetzen, kaum als „Schauspiel” gehandelt. Animationsregisseur*innen betonen wiederum bei jeder Gelegenheit, dass auch Animator*innen im Grunde Schauspieler*innen sind, die zu vorhandenen Tonaufnahmen Bewegungen und Mimik der Figuren ausbilden. Als Referenz dient ihnen dabei, entgegen verbreiteter Marketing-Mythen, deutlich häufiger der eigene Körper und das eigene Gesicht als die der Sprecher*innen – wenn der Charakter überhaupt spricht. Einen Schauspielpreis würden sie trotzdem nicht gewinnen.

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Warum ich kein Fan bin, und eigentlich auch keiner sein möchte

Es gab eine Zeit, in der ich nicht verstanden habe, warum Menschen in Bundesligaspielen für Bayern München sind, obwohl sie nicht in München wohnen oder aus München stammen. Irgendwann hat es mir mal jemand erklärt: Meistens gibt es einen entscheidenden Moment, oft in der Kindheit, in der eine große Identifikation entsteht. Vielleicht spielt einfach der geilste Fußballspieler der Welt gerade für diesen Club oder der Verein beeindruckt mit einer sympathischen Mannschaft. Später ist es dann egal, ob Bayern München gerade bejubelnswert ist. Die Identifikation ist da, man ist halt einfach Fan.

Mir wurde klar, dass das mit Sport auch nicht anders ist, als mit anderen Dingen. Einem Künstler oder einer Künstlerin, den oder die ein Mensch einmal ins Herz geschlossen hat, bleibt er auch dann treu, wenn er die Band austauscht oder sie ein, zwei schlechte Filme macht. Der Mensch wird getragen von einer emotionalen Verbundenheit, die nicht auf dem aktuellen Status basieren muss. Sie geht tiefer. Und sie treibt ihn zu den wahnsinnigsten Sachen.

Wahrscheinlich war ich ein Fan

Aus meiner Kinder- und Jugendzeit kann ich mich an Momente erinnern, die mich so begeistert haben, dass ich fortan große Teile meines Lebens darauf verwenden würde, ihnen nachzuspüren. Als ich das Kartenspiel Magic: The Gathering entdeckte, zum Beispiel, oder als ich zum ersten Mal die Band Dream Theater hörte. In beiden Fällen wusste ich einige Jahre später alles, was es über Spiel oder Band zu wissen galt, ich besaß oder kannte alles, was es zu besitzen oder kennen galt. Ich war auf jedes neue Kartenset perfekt vorbereitet und ich besuchte jedes Mal ein Konzert, wenn Dream Theater im Umkreis von 300 Kilometern auftraten. Es war großartig.

Wahrscheinlich war ich ein Fan, und wahrscheinlich war ich auch noch ein Fan des ersten Herr der Ringe-Films, des letzten kulturellen Erzeugnisses, bei dem ich mich an eine Identifikation erinnere, die so intensiv war. Seit ich volljährig bin jedoch kann ich nicht mehr sagen, dass ich noch einmal etwas so bedingungslos geliebt habe. Ich habe mich immer wieder stark für Dinge begeistern können, zuletzt sicher für das Marvel Cinematic Universe, aber ich gestehe: Ich kann mich nicht mehr als Fan bezeichnen. Und, ganz ehrlich, ich merke auch immer wieder, dass ich gar kein Fan sein möchte.

Fans sind im Zeitalter des Internets so wichtig geworden wie nie. Sie sind die Kernzielgruppe jedes subkulturellen Produkts. Es scheint, als hätten sie die Macht, Königinnen und Könige auf den Thron zu heben und sie auch wieder zu stürzen. Und sie sind mehr als nur jubelnde oder buhende Anhänger. Sie sind selbst derivative Schöpfer. In Wissenssammlungen, Fanfiction und Cosplay drücken sie ihre eigene Kreativität und Leidenschaft aus, erschaffen Neues, entwickeln das subkulturelle Produkt in unerwartete Richtungen weiter.

Gefangen im Griff der Schöpfenden

Und dennoch – und das ist der Punkt, wo bei mir die Bewunderung in Entsetzen übergeht – sind sie vollends im Griff der ursprünglichen Schöpferinnen und Schöpfer gefangen. Die nämlich entscheiden was Kanon ist, was wahr ist und was falsch. Sie entscheiden, wie eine serielle Erzählung sich weiterentwickelt, welche Charaktere leben und welche sterben. Sie denken dabei an die Fans, schenken ihnen manchmal vielleicht sogar “Fanservice”, aber schlussendlich verfolgen sie entweder eine eigene kreative Vision oder eine Rechnung der Gewinnmaximierung. Manchmal beides gleichzeitig.

Die Hilflosigkeit der Fans ist für mich immer wieder ein erstaunlicher Anblick. Sie hoffen und bangen, manchmal bekommen sie genau, was sie sich wünschen, oft genug werden sie enttäuscht. Ihre Wertigkeit als Fans drücken sie durch ihre Leidenschaft aus, durch ihr obsessives Wissen, und im schlimmsten Fall dadurch, dass sie viel Geld ausgeben. Es ist Selbstversicherung und immer wieder die Hoffnung darauf, jenen Moment der Identifikation zurückzuholen.

Die nächste Stufe jedoch ist noch unangenehmer. Wenn sie sich einmal so viel von dem einverleibt haben, wovon sie Fan sind, sind viele von ihnen der Meinung, dass sie nun auch am besten wissen, wie es sein sollte. Sie glauben, seine Essenz erkannt zu haben. Und wenn sich ein Produkt weiterentwickelt, manchmal weg von dieser gefühlten Essenz, werden sie sauer. Sie fühlen sich als wahre Besitzer ihres Kulturprodukts. Sie verstehen nicht, dass jemand anderes anders darüber denken könnte. Ist es der ursprüngliche Schöpfer, die ursprüngliche Schöpferin, so hat diesen der wahre Geist verlassen. Ist es jemand, der ihm oder ihr nachgefolgt ist, so war dieser Mensch eindeutig die falsche Wahl. Ist es, wie es heutzutage immer häufiger vorkommt, jemand, der selbst früher Fan war, hat diese Person ihre Wurzeln vergessen.

Bittere Abhängigkeit

Dieser Besitzanspruch, der sich aus nichts weiter herleitet, als aus einer intensiven Beschäftigung, hat nichts Positives mehr. Er führt zu einer bitteren Abhängigkeit, in der man sich als Fan noch immer genötigt sieht, dem Geliebten die Treue zu halten, während man gleichzeitig leidet. Im schlimmsten Fall entwickelt man auch noch eine Abneigung gegen alle, die die Lage anders sehen, denen die neue Richtung vielleicht sogar gefällt, und verdirbt ihnen die Laune, indem man sagt, dass sie keine Fans sind. (Am Beispiel Batman hat Glen Weldon dieses Phänomen letztes Jahr in seinem Buch The Caped Crusade ganz gut aufgezeichnet.)

Ich bedaure manchmal, dass ich anscheinend irgendwann das Fan-sein verlernt habe. Diese Begeisterung und Identifikation zu spüren, dieses pure Glück, sich in der Schöpfung eines anderen zu erkennen, zu wissen, dass man sich über diese Schöpfung auch selbst in wenigen Gedanken definieren kann, ist etwas Wunderbares. Neuen Entwicklungen gebannt entgegenfiebern, mitleiden und mitfreuen mit Scheitern und Erfolgen, so intensiv habe ich schon lange nichts mehr wahrgenommen. Ich kann nicht einmal behaupten, wirklich Filmfan zu sein. Obsessives Immer-Wieder-Schauen der gleichen Filme, Reinigendes Erleben der wahren Essenz des Kinos – ich kann es nicht.

Aber ich bin auch froh, dass mir die andere Seite erspart bleibt. Filme immer wieder zu sehen, Alben immer wieder zu hören, in der Hoffnung, dass sie doch noch irgendwann so werden, wie ich sie mir wünsche. Gleichzeitig zu wissen, dass das nicht passieren wird und dass die große Identifikation eventuell nie wieder kam.

Gibt es Hoffnung für mich?

Ganz ruhen lassen kann ich meine alten Fantümer nicht. Ich wandere immer wieder in Spieleläden hinein und kaufe Magic-Karten (das Spiel ist immer noch großartig), doch ich werde wohl nie wieder Zeit und Geld investieren, um ein turnierfähiges Deck auf die Beine zu stellen. Ich war enttäuscht, dass die Hobbit-Trilogie nicht so gut war, wie ihr Vorgänger, aber ich bin deswegen nicht wütend auf Peter Jackson. Und es fiel mir schwer, aber das letzte Dream-Theater-Album habe ich nur einmal gehört und dann aus meiner Musikbibliothek geworfen. Ich fand es endgültig furchtbar, aber ich wünsche der Band damit alles Gute.

Eventuell machen die Eigenschaften, die es mir unmöglich zu machen scheinen, ein ordentlicher Fan zu sein, aus mir gleichzeitig einen besseren Journalisten. Jemanden, der in der Betrachtung von kulturellen Gütern in der Lage ist, Begeisterung für ganz unterschiedliche Dinge zu entwickeln, sie aber gleichzeitig immer kritisch zu hinterfragen. Jemand, der (meistens) Kulturprodukte so beurteilen kann, wie sie sind, und sie nicht daran misst, ob sie einem platonischen Ideal entsprechen, dass man nur selbst zu kennen scheint. Ich hoffe es sehr.

Mit diesen fünf US-Podcasts fühle ich mich gut über Musik informiert

Redphones” by Garry Knight, CC-BY 2.0

Es gibt wohl nichts, wofür sich Podcasts besser eignen, als über Musik zu berichten – deutlich besser zumindest, als über Film und TV. Wenn dann noch das in den USA deutlich großzügigere Urheberrecht mit “fair use” hinzukommt, ergeben sich jede Menge tolle Möglichkeiten. Im Laufe der Jahre hat sich für mich als Musikfan eine kleine aber feine Auswahl an Podcasts durchgesetzt, in denen Musik von allen Seiten beleuchtet wird, und die ich gerne teilen möchte.

1. Neue Musik für die Playlist

Nachdem vor einigen Jahren der “Music Weekly” Podcast des Guardian eingestellt wurde, machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Sendung, in der ich einfach neue Musik zum Hören entdecken konnte. Fündig wurde ich bei “All Songs Considered” von NPR. Hier spielen die Moderatoren Bob Boilen und Robin Hilton sich jede Woche eine Stunde lang aktuelle Musik vor, die ihnen gefällt. Boilen und Hilton sind beides mittelalte weiße Männer aus den USA, natürlich ist die Auswahl entsprechend angeschlagen. Scharfen Musikkritiker*innen aus Europa wäre sie vermutlich häufig zu seicht, aber für meinen Geschmack ist sie oft genau richtig. Indie, Rock, Folk und Country machen wahrscheinlich den größten Teil der Auswahl aus, aber der Musikgeschmack der beiden – und der Gäste, die sie manchmal im Studio haben – ist groß genug, dass man auch Highlights aus Feldern wie Hip-Hop, Punk, Metal und avantgardistischeren Musikrichtungen zur hören bekommt. Das besondere: “All Songs Considered” spielt seine Songs voll aus (im Streamingzeitalter scheinen die Lizenzen bezahlbar zu sein) und erlaubt daher, wirklich zu entscheiden, ob einem ein Song gefällt oder nicht. Ergänzt wird der Podcastfeed durch gelegentliche Interviews mit Musiker*innen, die oftmals weitere interessante Entdeckungen bereithalten.

2. Wie kommen die Löcher in den Käse?

Hinter “Song Exploder” steckt eine Idee, die so einfach wie genial ist. Moderator Hrishikesh Hirway interviewt Musiker*innen über die Entstehung einzelner Songs und bekommt von ihnen zusätzlich die sogenannten “Stems”, also die Originalspuren ihrer Aufnahmen. Das ermöglicht es ihm, einzelne Elemente der Songs zu isolieren und den Beschreibungen zuzuordnen. Im Ergebnis lernt man nicht nur, wie vielschichtig manche Songs sind, sondern auch wie unterschiedlich die kreativen Prozesse in der Entstehung von Musik sein können. Aus welchem Element ist der Song gewachsen? Welchen Einfluss hatten Musiker und Produzenten? Was war gewollt und was ist einfach passiert? Warum hat Rivers Cuomo von Weezer eine riesige Excel-Tabelle mit Textzeilen? Da ich selbst Musiker bin (wenn auch nur Schlagzeuger) ist “Song Exploder” für mich eine endlose Fundgrube an Inspiration. Die Musikrichtungen von “Song Exploder” reichen von Filmmusik über Hardcore bis Pop und Rock. Einfach mal reinhören! (Bonus: Das Longform-Interview mit Hrisikeh Hirway gibt wiederum Einblicke in die Entstehung von “Song Exploder” und die kleinteilige Arbeit, die Hirway investiert.)

3. Die Perlen der Charts

Eher selten in den beiden erstgenannten Sendungen vertreten sind die Songs, die nicht die Regale von Musiksnobs, sondern die Heavy Rotations junger Radiowellen dominieren. Hier hilft “Switched on Pop” aus. Songwriter Charlie Harding und Musikwissenschaftler Nate Sloan nehmen dort alle zwei Wochen aktuelle Pophits auseinander und entdecken ihre verborgenen Tiefen. Das beste an dem populär-musikwissenschaftlichen Ansatz, den die beiden verfolgen, ist, dass sie auch versuchen Trends zu identifizieren, ihnen Namen zu geben und zu beobachten, wo sie herkommen und hingehen. Im letzten Jahr ist etwa der “Pop Drop” zum definierenden Merkmal aktueller Popmusik geworden, in dem der Refrain durch eine gepitchte und zerstückelte Stimme auf fetten Beats ersetzt wird, die Assimilation eines Stilmittels aus der elektronischen Tanzmusik. “Switched on Pop” hilft mir dabei, auch bei Musik “in the know” zu bleiben, die ich selbst wenig höre, die aber Rückschlüsse auf unsere Popkultur als Ganzes zulässt. Und manchmal entdecke sogar ich in den aktuellen Chartpoppern etwas, was mir gefällt, zum Beispiel Julia Michaels.

4. Auf zu neuen Ufern

So nah “Switched on Pop” an populärer Musik ist, so weit ist “Meet the Composer” davon entfernt. Die preisgekrönte Sendung der Musikerin und Moderatorin Nadia Sirota beschäftigt sich mit moderner Klassik oder “New Music”, wie sie es nennt. Auch wenn ich selbst nur wenig dieser Musik selbst höre (Atonalität ist wirklich nicht mein Ding), ist die Sendung allein schon wegen ihrer Produktion hörenswert und weil man so viel dabei lernt. Wurden in Staffel 1 und 2 noch pro Folge individuelle Komponist*innen vorgestelllt, widmet sich Staffel 3 oft auch abstrakteren und faszinierenden Konzepte. Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Komponist*in und den Ensembles, die die Musik spielen – und welche Rolle spielt Sadomasochismus dabei? Welche Rolle spielen Komponist*innen, die Musik nicht notieren, sondern aus Samples zusammenbauen? “Meet the Composer” hat meinen Horizont in Sachen Musik so erweitert wie schon lange nichts mehr.

5. Der kulturindustrielle Komplex

Chris Molanphy ist Autor der Slate-Kolumne “Why is this Song Number One?” und hat das pophistorische Wissen des 20. Jahrhunderts in seinem Kopf gespeichert. In seinem Podcast “Hit Parade”, der monatlich im Feed des “Slate Culture Gabfest” auftaucht untersucht er Phänomene, die weniger mit Komposition und Musikgeschmack, als mit den Karrieren von Musiker*innen im Spiegel von Promotion und Airplay zu tun haben. Bisher gibt es drei Episoden von “Hit Parade” und alle waren spannend: Warum wurde UB40’s “Red Red Wine” in den 80ern ein Hit in den USA und welche Rolle spielten abweichlerische Radio-DJs dabei? Wie gelang es den Beatles 1964, die gesamte Top 5 der Billboard-Charts zu besetzen und was hatte die schlechte Plattenlabel-Politik der USA damit zu tun? Und eine Historie der Zusammenarbeit und Rivalität von Elton John und George Michael über vier Dekaden hinweg. Musik ist eben auch eine Industrie, die aber ihre eigenen beeindruckenden Geschichten bereithält.

Außerdem Über “Pitch” und “Our Debut Album” habe ich im Blog schon geschrieben. Beide Projekte scheinen für’s erste beendet zu sein.

Was fehlt? Über die deutsche Musikszene weiß ich weiterhin sehr wenig, aber mir ist auch noch kein guter Podcast dazu in die Hände gefallen. Vorschläge und weitere Tipps zu guten Musikpodcasts gerne in die Kommentare.

Verlassene Waldwege: Tod eines Stasi-Agenten

Eine „Shaggy Dog Story“ bezeichnet im Englischen eine Art Antiwitz, der in langen, durchaus amüsanten Ausschweifungen seemannsgarnartig am Ende auf eine eher enttäuschende Pointe hinausläuft. Über weite Strecken gleicht die sechsteilige Featureserie „Tod eines Stasi-Agenten“ von WDR5 und Danmarks Radio einer solchen Shaggy Dog Story. Eine Abenteuergeschichte mit scheinbar erstaunlichen Wendungen aber ohne größere Erkenntnis. Hauptfiguren sind die dänische Journalistin Lisbeth Jessen und Eckardt Nickol, ein in Dänemark lebender Deutscher, den Jessen 2007 für das dänische Fernsehen interviewte. Nickol erzählte in diesem Interview von seinem Leben als Stasi-Agent und davon, wie er nach der Wende auch weiter aus seinen Geheimdienst-Verbindungen Profit schlagen wollte. 2008 wird er von einer Freundin an seinem Wohnort, einer dänischen Feriensiedlung, tot aufgefunden. Kurz vor seinem Tod hatte er sich bei Jessen gemeldet und ihr gesagt, dass er um sein Leben fürchtet.

Grund genug für Jessen und ihren deutschen Kollegen Johannes Nichelmann, den Fall Nickol neu aufzurollen. Nickol war nicht nur Stasi-Mitarbeiter, der nach eigener Aussage international Agenten geführt und geworben hat und enge Verbindungen zum sowjetischen Nachrichtendienst GRU besaß, er war auch – das meinen zumindest die Experten der Stasi-Behörde – ein Hochstapler. Laut seiner Personalakte beim Ministerium für Staatssicherheit ist er zu DDR-Zeiten nie aus Erfurt herausgekommen, hat allenfalls ein paar Erfurter Rentner angeworben. Alle brisanten Dokumente, die er nach dem Fall der Mauer Journalisten und Geheimdiensten für viel Geld angeboten hat, waren entweder gefälscht, bedeutungslos oder letzten Endes von Nickol nicht produzierbar, beispielsweise in einem Deal mit dem BND vor einigen Jahren.

Die einzigen Menschen, die seine Aussagen stützen, sind sein Sohn, seine Exfreundin und die Dokumentenhändlerin Christina Wilkening, die sich vor kurzem vor dem Landgericht Schwerin wegen Bestechungsvorwürfen verantworten musste. War Eckardt Nickol also ein Lügner, der den ständigen Wunsch westlicher Medien nach saftigen Agentengeschichten zu seinem Vorteil genutzt hat? Jessen und Nichelmann können es nicht endgültig beweisen, und deswegen stellen sie auch nicht die eigentlich interessantere Frage nach der Psychologie dieses verschwörungstheoretischen Apparates. Stattdessen dokumentieren sie ihre eigene Recherche über zweieinhalb Stunden Laufzeit chronologisch, inklusive aller Sackgassen und mit investigativer Ernsthaftigkeit, die dadurch verstärkt wird, dass die Dänin Lisbeth Jessen von der Schauspielerin Angelika Bartsch mit Krimi-Gravitas übersprochen wird.

Weiterlesen in epd medien 28/2017

Seite des WDR zu “Tod eines Stasi-Agenten” mit Podcast-Downloads

Podgast (XIII) – Cinematic Smash Bros.

Es gibt diese Sliding Doors-mäßigen Punkte in meinem Leben, an denen ich heute noch denke, alles hätte anders kommen können, wenn ich damals eine andere Entscheidung getroffen hätte. Zum Beispiel habe ich mich in der Orientierungswoche an der Uni (lang ist’s her) trotz eindeutiger Sympathien anders als einige Freunde dagegen entschieden, dem Debattierclub beizutreten. Ein bisschen was von dieser verlorenen Historie konnte ich diese Woche nachholen, denn Henning hatte mich eingeladen, bei seinem Film-Debattier-Podcast Cinematic Smash Bros. dabei zu sein und mit Axel und Felix über Buchverfilmungen, Ripoffs und Filme mit X im Titel zu streiten. Was soll ich sagen? Es hat Spaß gemacht und ich habe mich für’s erste Mal ganz gut geschlagen.

Noch ein paar Worte dazu, warum ich in diesem Post das Wort “Debattieren” so betone: Mir ist es wichtig, klarzustellen, dass ich nur wenige Dinge mehr ablehne, als Diskussionen über Geschmacksfragen. Vor allem, weil sie in Nerdsphären manchmal so virulent sind. Es ist aber völlig unerheblich, welcher Film eines bestimmten Genres, Schauspielers oder sonstiger Kategorien “besser” ist. Bei den Smash Bros. werden trotzdem solche Fragen gestellt, bewertet wird aber (wie beim reglementierten Debattieren) nicht die Antwort, sondern die Argumentation. Beim “Streit” geht es nicht darum, wer Recht hat (denn alle wissen, dass niemand Recht hat), sondern wer seinen Standpunkt am besten verteidigt. Das ganze hat also eher etwas von Labersport.

Viel Spaß beim Hören. Ich werde hoffentlich irgendwann wieder dabei sein.