Freemium gone bad?

Mit Faszination habe ich Anfang des Jahres Chris Andersons Buch Free gelesen. Anders als der Titel vermuten lässt, geht es Anderson (Chefredakteur von Wired) gar nicht um ein Plädoyer für Gratismentalität, sondern vor allem um Preismodelle, bei denen “kostenlos” einer der Preise ist.

Die meisten Modelle, die Anderson vorstellt, entsprechen der so genannten “Freemium”-Denke, das heißt: Ich biete eine Basis-Version meines Produkts kostenlos an und die Premium-Version kostet dann Geld. Die wenigen Premium-Nutzer quersubventionieren die vielen Kostenlos-Nutzer, die ich aber gleichzeitig so sehr an mich binde, dass sie vielleicht auch bleiben, wenn sie die Premium-Dienste doch irgendwann benutzen.

Besonders im Internet ist dieses Geschäftsmodell inzwischen weit verbreitet (de facto ist es immer noch das Hauptfinanzierungsmodell vieler Online-Ableger von Printprodukten) und die Tatsache, dass ich für die CSS-Customization in meinem kostenlosen WordPress-Blog bezahle ist eins der Beispiele, dass es funktioniert.

Im Madison+Vine-Blog von Advertising Age hat Chris Tilk mit Blick auf die Filmbranche eine interessante These aufgestellt: Durch das “verschenken” von Film-Clips im Netz – in der Hoffnung, dass sie als Appetitanreger auf den kostenpflichtigen Komplettfilm dienen – ist Hollywood dabei, ein Freemium-Modell zu entwickeln, das aber auch nach hinten losgehen kann.

In the case of “Despicable Me,” releasing a batch of clips featuring the Steve Carell-voiced Gru and the young girls he adopts worked out well as the movie grossed $56 million its opening weekend. But audiences didn’t react nearly as well to the extended scenes of a scruffy Nicolas Cage, with “The Sorcerer’s Apprentice” only conjuring up $24 million in its first outing at the box office.

Die Überlegung finde ich durchaus erwägenswert. Ich persönlich versuche normalerweise, mich von Clips fernzuhalten, wenn ich weiß, dass ich den Film noch sehen möchte, was aber daran liegen mag, dass ich die wenigsten Filme, für die ich ins Kino gehe, aufgrund solcher Clips anschaue, sondern entweder aus professionellem Interesse oder wegen Regisseuren/Schauspielern/Artikeln etc. Wäre ich unsicher, ob ich einen Film sehen will, würde ich mir solche Clips auch anschauen, mir würde aber vermutlich auch der Trailer reichen (ohnehin gibt es ja sehr gute Trailer, die zu großen Teilen aus nur einer Filmszene bestehen).

Mit anderen Worten: Viele kostenlose Clips können einen Film vermutlich sowohl killen als auch befördern – aber wie so oft in der Filmindustrie liegt das vermutlich eher an der Qualität des Films. Bei einem guten Film tritt vermutlich seltener ein Gefühl von “das waren bestimmt schon alle guten Szenen” ein, als bei einem mittelmäßigen.

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich Tilk den Begriff “Freemium” zugestehen würde. Ein Film ist und bleibt meiner Ansicht nach (allen Mashups, Director’s Cuts und Extended Versions zum Trotz) ein abgeschlossenes Kunstwerk, dass man in der Regel entweder ganz oder gar nicht sieht. Drei bis sechs zwei-Minuten-Clips können nur bei wenigen Filmen “Shareware”-Ersatz dafür sein, dass man nicht den ganzen Film sieht.

Diese wenigen Filme könnten Action-Filme, Musicals oder Komödien sein (von Pornos mal ganz abgesehen), bei denen einzelne Szenen ohnehin wichtiger sind, als das große Ganze. Gerade im Action-Bereich könnte ich mir vorstellen, dass es genug Filme gibt, deren spektakuläre Verfolgungsjagd es sich zu schauen lohnt, ohne dass man dafür wissen muss, wer hier wen jagt und warum. Würde man diese Szene vorab ins Netz stellen mit dem Hinweis “Hier eine Basis-Version des Films für alle, wer das Drumherum sehen will, soll bitte ins Kino gehen”, hätte man in der Tat ein Freemium-Modell geschaffen. Bei komplizierteren Filmen, z. B. Inception, würde das aber niemals funktionieren.

Vielleicht ist das der Grund, warum die Clip-Verteilung bei Despicable Me funktioniert hat? Man möchte gerne mehr über die ulkigen Charaktere und ihre Verknüpfung erfahren, auch wenn es damit wohl nicht weit her ist. Und Sorcerer’s Apprentice? Wirkte auf mich schon im Trailer wie eine Ansammlung von beeindruckenden CGI-Szenen mit einer Entschuldigungs-Story drumherum.

Erfolgsstory Internet? – Kirstin Bernert und die Cyberloxx

Als ich diese Serie plante, war mir von Anfang an klar, dass ich ein Interview führen muss mit einem Profiteur des Long Tail. Schließlich musste an Chris Andersons Buch ja irgendwas dran sein.

Über einen Suchaufruf auf dem Selbermach-Forum Natron und Soda fiel mir tatsächlich die perfekte Geschichte in die Hände: Kirstin Bernert verdient einen Teil ihres Geldes mit einer verrückten Idee: Sie verkauft künstliche Haarteile in den grellsten Farben über das Internet, die sich sowohl in der Dark-Wave- und Industrial-Szene, aus der sie stammt, als auch bei Kostümbildnern auf der ganzen Welt großer Beliebtheit erfreuen – dabei ist sie keine gelernte Maskenbildnerin. Eine kleine Nischengruppe von Interessenten und die grenzenlose Erreichbarkeit des Internets reichen aus, um aus einem Liebhaberprojekt ein funktionierendes Geschäftsmodell zu machen, mittlerweile sogar mit eigenem Laden.

Wie Kirstin allerdings im Interview auch erzählt ist sie mit ihrer Handarbeit keinesfalls Millionärin geworden. Wie bei selbstständigen Handwerkern der Old Economy, gehört auch im Internetzeitalter eine Menge Leidenschaft und die Bereitschaft, mit wenig zufrieden sein, zum Erfolg dazu. Und interessant ist auch, dass jemand, der sich selbst aus dem Amateurbereich hochgearbeitet hat, sich jetzt manchmal über Amateure ärgert, die ihre Arbeit unter Wert verkaufen. Der Streit zwischen professionellen Journalisten und Bloggern lässt grüßen.


Real Virtuality: Kirstin, du hast dich auf meinen Aufruf gemeldet, in dem ich Internet-Erfolgsstories aus der Selbermach-Szene gesucht habe. Sind die Cyberloxx eine Internet-Erfolgsstory?

Kirstin Bernert: Ich denke schon. Ohne das Internet und meine Teilnahme in diversen Do-it-Yourself-Foren hätte ich wohl auch nie entdeckt, wie kreativ ich sein kann. Zudem wäre es wohl ohne Internet auch sehr schwer gewesen an Hersteller aus Übersee zu kommen oder erste Schritte in Richtung Marketing zu versuchen.

Jetzt vertreibst du deine Haarteile und Accessoires über eine Webseite und hast einen Laden in Duisburg, aber wie kam es dazu?

Entwickelt hat sich das ganze aus einem Hobby. Da ich nicht von Natur aus mit einer wallenden Mähne ausgestattet bin, habe ich mich immer schon für Kunsthaar interessiert. Das ganze wurde aber schnell langweilig und ich habe mich nach Alternativen umgesehen. Diese Polyesterschläuche waren so schrill, bunt und super zu verarbeiten. Daher passten die super zu meinen schrillen Outfits. Als ich dann Reste bei eBay verkaufte, habe ich schnell gemerkt, dass es viele Leute gibt, die auf solch ausgefallene Haarteile gewartet hatten.

Wenn das ganze nur ein Hobby war, was hast du denn davor gemacht?

Buchhaltung! Seit 15 Jahren in derselben Firma… da sucht man nach einem kreativen Ausgleich.

War die Gründung des Internet-Shops ein schwieriger Schritt für dich oder erschien es dir als die logische Konsequenz?

Der Internet-Shop war notwendig. eBay schluckte mir zuviel Gebühren und außerdem wollte ich unabhängig sein und ordentliche Werbung machen können. Als ich dann zufällig mit meiner Schwiegermutti beim Quiztaxi einen ordentlichen Betrag zusammengespielt habe, war das Grundkapital für die ersten Überseelieferungen da. Eine Freundin aus dem Web-und Grafikdesignbusiness half mir dann bei der Umsetzung des Webstores.

Wenn ich das richtig sehe, kannst du von Herstellung und Verkauf deiner Produkte jetzt leben. War das immer abzusehen, oder war es manchmal auch hart?

Es sieht nur von außen so aus, als könnte man von dem Verkauf eines Nieschenproduktes leben. Mein Mann arbeitet Vollzeit. Ich arbeite immer noch 20 Stunden wöchentlich als Buchhalterin. Nebenbei führe und verwalte ich den Onlineshop und den Store in Duisburg. Viele unserer Produkte produziere ich außerdem in Handarbeit. Meine Woche hat 60 Stunden und Wochenenden kenne ich schon lange nicht mehr. Ich lebe für meine Arbeit und es macht riesigen Spaß zuzusehen, wie die eigene Idee wächst. Es ist manchmal hart, aber ich will nichts anderes machen.

Muss man diese Leidenschaft haben, wenn man Selbstgemachtes verkaufen will?

Ich denke schon. Erfolg fällt einem nicht in den Schoß. Auch nicht im Netz. Dafür muss man schon was tun.
Ich dachte eigentlich immer, man arbeitet um zu leben und nicht anders herum. Doch wenn man einmal einen Job hat der einem massig Spaß macht, denkt man anders darüber.

Die Cyberpunk-Industrial-Mythologie pflegt ja so eine Art Hassliebe mit der totalen Vernetzung, wie ist das bei dir?

Das Bundesverfassungsgericht hat ja zum Glück entschieden, dass die Vorratsdatenspeicherung verfassungswidrig ist. Ich denke das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ich selbst stehe dem Thema auch sehr kritisch gegenüber. Und es ist wirklich erstaunlich, wie wir heute mit Themen jonglieren, die William Gibson in seinen Cyberpunk-Romanen schon in den 80ern beschrieben hat. Ich selbst musste mich im Internet auch erst rantasten und lerne täglich dazu. Ich habe auch sehr viel Glück, dass ich viele Freunde in der Branche habe. Egal ob Webdesign oder Probleme mit dem PC: Ich habe immer jemanden zur Hand, der helfen kann.

Ist das Internet also für dich nur eine Vertriebsplattform oder irgendwie auch ein Ort, eine Lebenseinstellung?

Ich glaube, ich lebe halb online. Meine E-mails rufe ich per Blackberry überall ab. Mit UMTS ist man auch mit dem Notebook online. Ein halber Tag ohne Internetzugriff ist schon eine Herausforderung… Ja, ich glaube es ist tatsächlich eine Lebenseinstellung.

Und deine Helfer: Sind das Leute, die du auch über das Internet kennengelernt hast, oder Menschen aus deinem direkten Umfeld?

Sowohl als auch. Ich habe mittlerweile viele gute Freunde, die ich irgendwann mal über Foren oder MySpace kennengelernt habe.

Wie waren die Reaktionen bei deinen Kontakten – Sowohl als du dich entschieden hattest, deinen Plan in die Tat umzusetzen, als auch als du dann damit Erfolg hattest? Gab es auch Neider?

Oh ja, Neider gibt es genügend. Kritik auch. Wobei das eher mit dem Erfolg kam. Am Anfang haben mich die wenigsten ernst genommen. Ich habe Anfangs selbst geglaubt nach einem Jahr will die Cyberloxx keiner mehr sehen. Kritik bekomme ich heute oft aus der DIY-Szene. Viele halten Cyberloxx für zu kommerziell und vergleichen uns mit großen Szenelabels, weil wir sehr bekannt sind. Aber die wenigsten wissen, dass wir alles selbst machen und bisher nicht mal Angestellte haben. Mein Mann und meine Freunde unterstützen mich sehr, aber den Großteil der Arbeit erledige ich allein.

Meinst du, dass es einen Unterschied machen würde, wenn du diesen “HANDGEMACHT”-Aspekt noch weiter in den Vodergrund rücken würdest?

Ich bin mir da nicht sicher. Mit “handgemacht” rutscht man heute auch schnell in die Amateurliga ab. Daher würde ich wohl immer eher den Begriff “Designerware” bevorzugen. Das drückt Individualität und Professionalität aus.

Wiredhatte im Februar eine Titelstory über die “New Industrial Revolution”, in der beschrieben wurde, dass sich Herstellungsprozesse durch die weltweite Vernetzung vereinfacht haben, so dass man eben auch bei kleineren Verkaufmengen Gewinn machen kann. Wie siehst du diese Gesamtentwicklung vom “Internet-Mittelstand”, sozusagen? Hast du das Gefühl, du bist eine Art Revolutionär, ein Guerilla in einer Welt der Massenvermarktung?

Es ist in der Tat einfacher an Materialien oder an Herstellungsbetriebe zu kommen. Google ist was das angeht mein bester Freund. Aber um in die Großproduktion zu gehen braucht man auch heute noch Beziehungen oder viel Durchhaltevermögen. Ich strebe aber sowieso keine Massenvermarktung an. Ich sehe mich eher als Designer. Mir ist wichtig, dass alles eine individuelle Note hat.

Hast du Konkurrenten? Wie stehst du als Profi inzwischen zur Selbermachszene?

Selbstverständlich habe ich mittlerweile auch Konkurrenz. Viele halten mein Konzept für eine schnelle und einfache Art, Geld zu verdienen. Ich möchte mich aber von solchen Geschäften unterscheiden. Ich bin mit Leidenschaft bei der Sache, und das Feedback gibt uns da auch Recht: Die Leute wollen Service, Individualität und 1A-Beratung und ich denke, das bekommen sie bei uns.

Ohne Natron und Soda wäre ich wohl nie auf diese Idee gekommen. Ich verdanke der Community wirklich sehr viel, und ich bin da sicherlich nicht die einzige! Ich finde es schön, wie viele junge Leute wieder selber Dinge herstellen und wie kreativ manche sind. Es ist auch gut, dass sie jetzt auf Plattformen wie Etsy diese Dinge verkaufen können. Als Unternehmer stört mich natürlich auch ab und zu, dass so oft Handwerk in großem Stil unter Wert verkauft wird. Das macht uns natürlich auch manchmal die Preise kaputt.

Das musst du mir kurz mal genauer erklären.

Jemand, der hobbymäßig einen Pullover strickt, kann diesen zu ganz anderen Preisen anbieten als der Großhersteller, der vom Erlös noch Steuern und andere Fixkosten bezahlen muss. Und viele der sogenannten “Hobbybastler” machen so viel Umsatz, dass man es fast professionell nennen kann.

Was hättest du gemacht, wenn es das Netz nicht gäbe?

Ich glaube, ohne das Netz wäre das alles nicht möglich gewesen. Die Cyberloxx sind jetzt auch kein Produkt, das man in einem Laden in der Fussgängerzone an alle Passanten verkaufen kann. Es wäre einfach zu schwierig gewesen. Über das Internet erreiche ich ja meine Kunden in ganz Europa.

Was ist das Coolste, was ist das Unangenhemste, das dir im Zusammenhang mit cyberloxx.de bisher passiert ist?

Das coolste war wohl ein Auftrag vom Finnischen Staatstheater in Helsinki. Die haben tatsächlich eine echt durchgeknallte Kollektion an Perücken für eine Produktion bestellt. Das war aufregend. Unangenehm sind bisher nur Streitigkeiten mit der Konkurrenz gewesen. Ich gönne jedem Erfolg und Geld, aber ich habe hart für meine Marke gearbeitet. Bei Markenrechtsangelegenheiten werde ich echt böse, und gerade bei eBay wird mein Markenname gerne für die Beschreibung von anderen Cyberhaarteilen hergenommen. Da Cyberloxx eine rechtsgültige Marke ist, bestehe ich dann auf der Unterlassung dieser Beschreibungen. Das gibt oft Streit, weil viele Konkurrenten nicht verstehen, dass es in Deutschland tatsächlich ein Gesetz dafür gibt. Ich finde das manchmal seltsam…. es würde ja auch keiner selbstgestrickte Schuhe als Adidas-Treter verkaufen.

Was unternimmst du, um dich und deinen Webshop zu vermarkten?

Wir schalten Anzeigen in Szenezeitschriften. Da wir aber auch für den Karneval und für Theater arbeiten, schalten wir auch hier Anzeigen oder besuchen Messen. Die Internetvermarktung ist auch sehr wichtig. Gerade durch Netzwerke wie MySpace ist der Kunde auch ganz nah dran. Die Kunden sind so Teil einer Clique. So bekommen wir auch immer wieder Feedback zu unseren Produkten und können uns verbessern.

Glaubst du, dass das etwas ist, was im Special-Interest-Bereich generell so ist, oder ist das etwas Besonderes im Netz?

Ich glaube es ist generell einfacher, im Netz seine Meinung zu äußern.

Welche Rolle spielst du als Person im Cyberloxx-Gefüge?

Ich selber spiele keine Rolle bei der Vermarktung. Ich bin nur Person hinter dem Produkt. Und das Modeln für die Flyer und Anzeigen überlasse ich den jüngeren Damen.

Ist es für dich etwas anderes, Dinge im Internet oder im Laden zu verkaufen?

Ich bin ein sehr kontaktfreudiger Mensch. Daher fällt mir auch der persönliche Umgang mit dem Kunden nicht schwer. Ich berate gerne und ausgiebig. Das gleiche gilt aber auch für den Internetkunden. Ich beantworte jede E-Mail persönlich und umgehend.

Würdest du irgendwas an der Art und Weise ändern wollen, wie das Internet funktioniert?

Wenn ich könnte, würde ich es sicherer machen.

Dieser Beitrag ist Teil 4 der Serie Erfolgsstory Internet?
Sie spricht mit Menschen, in deren Leben sich durch das Internet etwas verändert hat, über das Internet.