You’re a Cyborg, But That’s Okay: Das Unbehagen über Google Glass

Heinrich Hoerle, Denkmal der unbekannten Prothesen
via Wikimedia Commons.

Google Glass könnte das nächste große Ding werden. Wenn es hält, was es verspricht, ist die neue Erfindung aus Mountain View, die Ende des Jahres auf den Markt kommen soll, ein erster Schritt dahin, dass Computer nicht länger ein externes Gerät sind, das wir mit uns herumtragen, sondern ein allgegenwärtiger Teil unseres Organismus. Sicher, auch die Brille ist streng genommen noch etwas Externes, was wir an- und ausziehen. Aber sie sitzt fest auf unserem Körper und kann ohne Zuhilfenahme der Hände bedient werden. Obwohl also genau genommen der Unterschied zu einem Smartphone mit Sprachsteuerung vielleicht gar nicht so groß ist, fühlt sie sich an wie ein neues Paradigma, eine neue Stufe auf dem Weg zur (möglichen) völligen Verschmelzung von Mensch und Maschine.

Mir war gar nicht bewusst, dass unter den Netzmenschen längst eine Pro-und-Contra-Diskussion über diese Entwicklung losgegangen ist, bevor ich Martin Gieslers Post bei “Blogrebellen” las. Über die Links am Ende des Posts gelangte ich zu den diversen Gegenstimmen zu Google Glass, die von schelmisch amüsiert über historisch abwägend bis sachlich besorgt reichten. Und es gibt eine Kampagne gegen Google Glass, die unter dem Namen “Stop the Cyborgs” läuft.

Die Argumente kurz gefasst: Google Glass ist eine “egoistische Technologie” (“Netzwertig”), ein bisschen wie Rauchen. Nicht nur der Nutzer muss damit umgehen, sondern auch alle, die ihn (freiwillig oder unfreiwillig) umgeben. Denn nicht nur besteht ständig die Gefahr, dass der Glass-Träger abgelenkt ist, weil er nebenher im Augenwinkel E-Mails liest, sondern es existiert auch eine reale Chance, dass alle um ihn herum gefilmt oder fotografiert werden, diese Aufnahmen in die Cloud wandern und damit von Google für kapitalistische Machenschaften genutzt werden können.

Ich habe volles Verständnis dafür, dass eine neue Technologie grundsätzlich Besorgnis auslöst, und es ist gut, wenn die Probleme, die sie verursachen kann, konkret benannt werden. Was mich allerdings wundert, ist das, was häufig am Ende übrig bleibt. Etwas wie “Stop the Cyborgs”, eine ungefilterte Anti-Haltung, die auf wenig mehr als einem grundsätzlichen Unbehagen beruht – oder, wie in Martins Post anklingt, eine Angst davor, ohne eine Technologie wie Glass im Nachteil zu sein:

Du fällst ins Hintertreffen, weil Du, wenn Du keine Datenbrille nutzt, weniger Informationen zur Verfügung hast. Ein Wettkampf um Informationen entfacht. Konzerne entscheiden über Dich und nicht Du über Konzerne.

Könnte man das gleiche nicht auch über Smartphones sagen? Obwohl es vielen meiner Freunde ohne Smartphone eigentlich ziemlich gut geht. Danach der Satz: “Es wird Zeit, dass wir in Deutschland ein größeres Bewusstsein für Datenschutz und Privatsphäre entwickeln.” Als wäre das Thema in Deutschland nicht sowieso schon völlig schief gelagert, siehe Google Street View.

Unbehagen ist ein wichtiger Indikator dafür, dass Sachverhalte Aufklärungsbedarf und eventuell auch Gewöhnungszeiten mit sich bringen. Es ist spannend zu sehen, dass selbst technologiefreundliche Menschen, die nach eigener Aussage das Internet atmen, irgendwann an den “Jetzt ist es aber auch mir zu viel” Punkt geraten (es tut mir leid, dass Martin Giesler hier als Prügelknabe herhalten muss, ich kenne ihn nicht und habe nichts gegen ihn persönlich!). Ein Grund für völlige Ablehnung – und die Verunglimpfung der Befürworter als “Cyborgs” – sollte ein grundsätzliches Gefühl von “creepy” aber nicht sein. Damit macht man es sich zu einfach.

Denn Wegdrehen und sagen “Damit will ich nichts mehr zu tun haben” kann jeder – siehe die Art, wie Deutschland mit dem Netz allgemein umgeht. Viel wichtiger ist es, Wege zu finden, wie wir mit möglichen technischen Paradigmenwechseln wie Google Glass umgehen können. Ein paar von diesen Wegen können gesetzlich sein. Es gibt bereits sehr detaillierte Rechte, was das Aufnehmen von Bildern und den Schutz der abgebildeten Personen angeht. Die “Unsichtbarwerdung” der Kamera hebt diese Rechte nicht auf. Auch ist in vielen Bereichen schon gesetzlich festgelegt, welche Informationen über Menschen in bestimmten Situationen genutzt werden dürfen, zum Beispiel in Bewerbungsgesprächen oder vor Gericht. Wenn die Lage sich ändert, muss man eventuell neue Gesetze schaffen, das wird zu sehen sein.

Viel wichtiger aber sind die gesellschaftlichen Konventionen, die wir untereinander entwickeln. Ein brillanter Paranoia-Film wie Sight zeigt auf, wie es nicht laufen sollte – das liegt aber an uns! Meine Freundin muss mich regelmäßig treten, weil ich in Gesprächsrunden dazu neige, das Handy rauszuholen und mich ablenken zu lassen. Das ist aber nicht die Unhöflichkeit des Handys, sondern meine. In anderen Kontexten – zum Beispiel in einem geschäftlichen Treffen, oder mit Freunden, bei denen das Nebenher-Handy-gucken etabliert ist – kann es völlig in Ordnung sein, sich nebenbei Notizen zu machen, Informationen zu verifizieren oder sogar zu twittern.

Das Filmen mit versteckter Kamera ist schon heute – außer für investigative Reportagen – gesellschaftlich geächtet, obwohl es nicht eindeutig verboten ist. Genauso kann es zur Konvention werden, dass man sein Google Glass absetzt, wenn man sich mit jemandem persönlich unterhält. Oder eben nicht, wenn der andere das okay findet. Es könnte normal werden, dass man in Clubs seine Googlebrille in der Tasche lässt, so wie man im Theater das Handy stumm schaltet. Dass sich, wie immer, viele Idioten an solche Konventionen nicht halten (ICH REDE MIT EUCH, HANDY-IM-KINO-BENUTZER!) ist wahrscheinlich. Aber einen Cyborg im Bekanntenkreis würde ich trotzdem erstmal ansprechen, bevor ich ihn ausgrenze.

Euer technophober Determinismus kotzt mich an (I)

Schlagzeilen. Titelgeschichten. Man kann nicht mit’se, man kann nicht ohne’se. Und immer wenn Hitler grad nicht geht, kann man ja immer gut auf neueren technischen Entwicklungen rumhauen. Schließlich war früher alles besser.

Dabei sind manche alarmistischen Schlagzeilen so leicht zu entschärfen. So wie die des aktuellen “Stern”, der mir gerade an einem Zeitschriftenkiosk auffiel:

Screenshot: stern.de

Durch das simple Hinzufügen eines Halbsatzes nämlich ist jeder unbescholtene Bürger beruhigt. Immer online, aber sprachlos: Wie die digitale Welt unser Familienleben verändert, wenn wir uns wie komplette Deppen benehmen, was wir aber natürlich nicht tun.*

Echt jetzt. Ist doch ganz einfach.

* Wobei, “Stern”-Leser, …. Hm.