Liebe Podcastredaktionen des ÖRR,
bitte entscheidet euch, ob ihr mit euren Podcast-Hosts persönlich motivierte Geschichten erzählen wollt oder nicht. Beides ist gut und gleich wertvoll. Aber hört auf mit peinlicher “Hostifizierung”.*
Ich hatte schon nach einer Folge Wem gehört Wacken? wieder keine Lust mehr. Es ist voll okay, dass dieses Projekt von einem großen Team recherchiert und umgesetzt wurde. Eine Host kann trotzdem die Erzählerin sein. Sie kann auch persönliche Eindrücke und Bewertungen schildern, aber sie muss mir nicht zwischendurch erzählen, dass sie 1990 (beim ersten Wacken-Festvial) vier Jahre alt war und einen gelben Plastikhund liebte. Das trägt nichts zur Geschichte bei. Sie darf auch bei einem vermeintlich launigen Thema einfach Journalistin sein.
Ein ähnliches Erlebnis hatte ich Anfang des Jahres mit dem Podcast zu “Bibi”. Egal wie viele persönliche Details die Host eingestreut hat, es klang trotzdem nicht wie “ihr” Podcast. Dazu fehlte die ehrlich erzählte Motivation. (Und eigentlich immer, wenn ich dieses Gefühl habe, blicke ich in die Credits und sehe: Host und Autor:in sind nicht die gleiche Person.)
Positive Gegenbeispiele: In Wolf of Cannabis wusste ich nach kurzer Zeit sehr genau, wer mir diese Geschichte erzählt und warum, ganz ohne dass die Journalistin mir irgendwas über ihre Jugend erzählen musste. In Gabalier hat mir die Journalistin etwas über ihre Jugend erzählt, aber es war auch relevant für die Gesamtsituation und Haltung, die den Podcast trägt.
Der Unterschied ist eigentlich nicht schwierig. Podcasts können alles sein. Man muss sie nicht auf eine bestimmte Art gestalten, nur weil man das halt so macht. Viel wichtiger ist, dass sie in sich stimmig sind. Entweder ihr gebt den Hosts die Freiheit, persönliche Geschichten zu erzählen, oder ihr lasst es!
Ende der Seifenkistenrede.
(Ich habe bewusst keine Namen genannt. Es geht mir nicht darum, Menschen zu kritisieren, sondern ein System. Und genauso bewusst sind alle vier Hosts Frauen – positive wie negative Beispiele haben nichts mit dem Geschlecht der hostenden Person zu tun.)
(Zuerst auf LinkedIn veröffentlicht)
* Erstaunlicherweise habe ich dieses Wort in einem Vortrag über ein Projekt gelernt, das ich eigentlich mehrfach als Positivbeispiel hervorgehoben habe, OBSESSED – Döner Papers. Host Aylin Doğan spricht im Podcast darüber, dass sie auch Passagen, die sie nicht selbst geschrieben hat, “hostifizieren” – also auf sich selbst zuschneiden – musste. Diese Art von Arbeitsteilung beim Schreiben geht, irgendwie. Auch beim Podcast Werner Herzog waren nicht alle Folgen von Host Max Ostenstätter geschrieben. Aber sowohl die Döner Papers als auch Herzog waren in ihrer Gesamkonstruktion trotzdem als persönliche Geschichten aufgebaut – als eigene Faszinationen, denen die Hosts nachgehen. Das macht für mich den Unterschied.
