Das Slate Culture Gabfest nimmt Abschied – aber wie!

Mir ist ein bisschen das Herz in die Hose gerutscht, als ich die Nachricht gehört habe. Der Podcast Slate’s Culture Gabfest stellt nach 18 Jahren seinen Sendebetrieb ein. Einen richtigen Grund hat Host Steven Metcalf nicht genannt, aber ich vermute, dass es viel damit zu tun hat, dass Co-Host Julia Turner bereits seit mehreren Jahren nicht mehr in New York lebt und nach Stationen bei der L.A. Times und der Annenberg School of Journalsm nun ein eigenes Online-Magazin gegründet hat und schlicht keine Zeit mehr hat, drei Kulturthemen pro Woche zu recherchieren.

18 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Mir fallen nicht viele Podcasts ein, die so lange in gleicher Besetzung und mit gleichem Format durchhalten. Ich schätze, dass ich ca. 2011 auf das Gabfest gestoßen bin, vermutlich über die dritte Co-Host Dana Stevens, die Filmkritikerin von Slate, deren Kritiken ich immer schon sehr geschätzt habe.

Ich fand das Format des Gabfest immer perfekt: Drei kluge Menschen, zu denen ich inzwischen eine tiefe parasoziale Beziehung habe, sprechen jede Woche über drei kulturelle Themen. Klug aber humorvoll, nicht nur im “Daumen hoch/Daumen runter”-Modus, aber auch nicht in erschöpfender Tiefe – also auch dann interessant, wenn man sden Film/die Serie/das Phänomen noch nicht selbst erlebt hat. Pop Culture Happy Hour von NPR war anfangs ähnlich angelegt, wenn auch etwas oberflächlicher, und hat im Gegensatz zum Gabfest irgendwann sein Format auf einen täglichen Podcast geändert – womit ich dann auch ausgestiegen bin.

Beide Sendungen stammen aus einer Zeit, in der es solche Podcasts in Deutschland noch nicht gab. Deswegen waren sie für mich das große Vorbild für den Podcast Kulturindustrie, den ich 2017 mit Lucas Barwenczik, Sascha Brittner und Mihaela Sartori gestartet habe. Mein (etwas verkrampfter) Anspruch war damals, dass Kulturindustrie das deutsche Gabfest wird. Das haben wir natürlich nicht geschafft, obwohl wir schon recht erfolgreich waren. Aber auch wir haben Ende 2023 aufgehört, weil ein bisschen die Luft raus war.

Dieses Ende haben wir nicht vorher angekündigt. Ich habe irgendwann eine kurze Folge aufgenommen, in der ich eine Abschiedsbotschaft verlesen habe. Das erschien uns allen am saubersten – andere Podcasts hören einfach auf ohne jemals Bescheid zu sagen.1

Umso genialer finde ich, was das Culture Gabfest gerade macht. Es feiert seinen Abschied mit einer gigantischen Ehrenrunde. Die Folgen sind extralang. Jede Woche kommen besonders liebgewonnene Gäste noch einmal vorbei. Schmerz und Erleichterung stehen gleichberechtigt nebeneinander und werden gemeinsam zelebriert. So und nicht anders sollte man nach 18 Jahren von der Bühne gehen. Farewell, Julia, Steve and Dana! Ihr werdet mir fehlen!

Wie soll ich diese Lücke in meinem Podcast-Plan füllen? Sollte ich das überhaupt? Ich hätte gerne ein nicht-tägliches Format, das mir einen Überblick über aktuelle kulturelle Themen liefert. Was denken die Lesenden hier? Zur Auswahl stünde zum Beispiel Critics At Large, das ähnliche Format des New Yorker. Ich finde auch Las Culturistas von Weitem ganz interessant. In Deutschland gibt es Die sogenannte Gegenwart von der Zeit, aber ich fürchte mich ein bisschen vor deutschem Feuilleton, um ehrlich zu sein. Habt ihr noch Tipps? Oder muss ich am Ende selbst wieder ran?2

  1. Zum Beispiel mein liebstes Kulturpodcast-Format jüngerer Zeit, Kulturschock mit Hendrik Bolz. Ich habe Bolz über den MDR im April für ein Interview in LÄUFT angefragt. Damals hieß es, er habe keine Zeit. Inzwischen frage ich mich: Wusste man damals schon, dass das Format nach einer Handvoll Folgen sang- und klanglos wieder verschwinden würde? ↩︎
  2. Einen solchen Podcast zu produzieren sind ca. zwei volle Tage Arbeit pro Folge. Man muss sich auf mehrere Themen einigen, die gut zueinander passen und zu denen jeder das Gefühl hat, etwas sagen zu können. Dann muss man alles sehen/lesen/hören (das ist nicht nur Vergnügen, vor allem, wenn man nicht eh hauptberuflich Kulturjournalist ist) und am besten noch ein bisschen Material drumherum sichten, damit man alles gut einordnen kann. Dann muss man aufnehmen, schneiden, veröffentlichen und bewerben. It’s a lot. ↩︎

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