Vier Thesen zur deutschen Film-Blogosphäre

Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre. Ich habe wochenlang überlegt, wie ich diesen Artikel beginnen soll, unter Lese- und SEO-, unter Ego- und Zielpublikums-Gesichtspunkten, aber letztendlich bringt es ja doch nichts, lange um den heißen Brei herumzureden. Ich bin der Meinung, dass die deutschen Medien zum Thema Film im Netz kaum etwas miteinander verbindet, was unter eine “Sphäre” Platz hätte. Mein Bauchgefühl war das schon länger, aber meine Beobachtungen des letzten halben Jahres und die Interviews, die ich geführt habe, haben es zum großen Teil bestätigt.

Das hier ist eine Streitschrift. Aber ich will nicht stänkern. Ich will zum Diskutieren anregen, indem ich zwei meiner Leidenschaften verbinde und Medienjournalismus über Filmjournalismus mache, was viel zu selten passiert. Weil ich zur Diskussion anregen will, habe ich meine Meinung auf vier Thesen zugespitzt und lehne mich für’s erste nur auf die Zitate, die sie bestätigen. Ich hoffe natürlich, dass die kommende(n) Woche(n), wenn ich nach und nach auch die vollen Texte der Interviews hier veröffentliche, tatsächlich über die Thesen diskutiert wird und die Bandbreite der Meinungen damit klarer wird.

Ich weiß, dass – wenn überhaupt – auch auf Facebook und Co. diskutiert werden wird, aber denkt auch daran, dass die zweite Absicht dieser Artikel ist, die deutsche Film-Blogosphäre vielleicht doch noch zu einer zur machen. Hört auf Papa Haeusler.

These 1: Es gibt keine deutsche Film-Blogosphäre

Vielleicht ist meine Wahrnehmung schief, und ich verstehe unter einer Blogosphäre das falsche. Für mich ist das Bild des Netzes wichtig, das einzelne Knoten miteinander verbindet, darüber aber eben das der Sphäre, die wie eine Glocke, wie ein Himmelszelt, über allem schwebt. Wenn man von der “deutschen Blogosphäre” spricht, denken doch hoffentlich alle ungefähr an dasselbe. Die deutsche Blogosphäre, das sind die, die sich jedes Jahr auf der re:publica treffen, ihre Gallionsfiguren sind Leute wie Lobo, Beckedahl, Gröner, Häusler, Borchert – unsere digitale Bohème. Die gehören irgendwie zusammen, denkt man sich so. Die reden miteinander und hecken bestimmt gemeinsam einen Plan aus, stecken unter einer Decke vor allem auch gegen die etablierten Printmedien, die uns immer noch erzählen wollen, Bloggen wäre minderwertiges Schreiben.

Kleinere Blogosphären gibt es wohl auch für bestimmte Themen. Essen. Technik. Gadgets. Medien. Mode. Aber nicht für Film. Zumindest nicht in Deutschland. Im englischsprachigen Raum hat man das Gefühl, dass sich die Blogger untereinander kennen und gleichzeitig jeder für sich und alle zusammen arbeiten. “Ich denke da schwärmend an Comic-Con-Videologs, in denen Autoren von /Film, Collider, First Showing, Joblo und Cinema Blend wie Kumpels zusammenhängen”, schreibt mir Sidney Schering alias Sir Donnerbold. Und fügt dann hinzu: “Das scheint es hier nicht zu geben.”

In Deutschland gibt es höchstens Cluster. Sozusagen: Mini-Blogosphären. Einen dieser Cluster nennt Ciprian “Chip” David von “Negativ”, die “Berliner Elite”. Christoph Hochhäusler, der selbst ein Teil davon ist (und einer der wenigen deutschen bloggenden Filmemacher), nennt sie natürlich nicht so, antwortet aber mit den gleichen Namen wie Chip auf die Frage, ob es eine deutsche Blogosphäre gibt: “Ja die gibt es. Zwischen new filmkritik (als einer der ältesten Seiten dieser Art in Deutschland) und Cargo und critic.de und Lukas Förster und Thomas Groh und The Wayward Cloud und Eskalierende Träume und auch Revolver natürlich gibt es viele Verbindungen.” Und dann schreibt er, es gebe auch “andere Cluster dieser Art” (daher habe ich mir dann auch den Begriff geborgt).

Ein weiterer Cluster gruppiert sich zum Beispiel um moviepilot.de. Zu diesem würde ich die “Fünf Filmfreunde” zählen, das größte deutsche Filmblog, und das einzige, das auf meine Kontaktanfrage leider nicht reagiert hat – denn “Batzman” Oliver Lysiak arbeitet bei Moviepilot, ähnlich wie etwa Jenny “The Gaffer” Jecke. Und ich würde auch noch Sascha Brittner von pewpewpew.de dazuzählen, einfach weil er mit seinem Blog ähnlich erfolgreich ist und auf Twitter von den gleichen Luten verlinkt wird (er hat das selber nie gesagt). Und zu Sascha gehört dann wiederum Stefan Rybkowski und ein paar mehr.

Das “Medienjournal” vereint noch ein paar Leute, die relativ weit weg sind vom “professionellen” Bloggen, aber gerne über Filme im Netz schreiben, die sie mögen, mit seinem “Media Monday”. Kein Wunder also auch, dass Wulf Bengsch von “Medienjournal”, der Meinung ist, dass “die deutsche Filmblogosphäre mehr als quicklebendig ist” und “einen regen Austausch untereinander pflegt”.

Ich glaube aber, dass das nicht stimmt. Es findet insgesamt kein Austausch statt, sondern eben nur in solchen Clustern, die nur sehr wenig Berührungspunkte haben. Einer der Gründe dafür ist meine These zwei.

These 2: Den deutschen Netzfilmschreibern fehlen die deutschsprachigen Leitmedien

Die Frage war eine der kontrovers beantworteten in meinem Mail-Fragebogen. Brauchen wir überhaupt Leitmedien? Ist das Leitmedium einfach “Facebook, Traurig aber wahr” wie Martin Beck meint? Weil dorthin die Diskussion abgewandert ist? Oder sind es einfach die großen amerikanischen Filmseiten wie /film, Twitchfilm oder Collider, von denen alle deutschen Blogs ihre Informationen bekommen (und deren Autoren übrigens – das muss man an dieser Stelle einmal mindestens sagen – bezahlt werden)? Eine definitive Antwort konnte mir jedenfalls niemand geben. Niemand konnte mir eine Seite nennen, die jeder, der in Deutschland über Film bloggt, lesen sollte, einfach aus Prinzip, egal ob er sie gut findet oder nicht (wie etwa turi2 im Medienjournalismus).

Klar, es geht “nichts an den Fünf Filmfreunden vorbei” (Sascha Brittner), aber die “Fünf Filmfreunde” posten Trailer und Infos weiter über einen sehr begrenzten Radius von Filmen, und die Infos kommen fast immer von den US-Seiten. “Es gibt natürlich beliebte Filmblogs und Aushängeschilder wie die fuenf-filmfreunde.de, über die man garnicht nicht stolpern kann, wenn man den deutschen Film-Blog-Wald durchforstet, wie auch die grossen Filmportale wie Moviepilot.de. Letztere sind jedoch viel zu breit aufgestellt, inhaltlich verwässert und selten mit Charakterköpfen besetzt”, sagt Severin Auer von ANIch. Die Antwort? “Wir brauchen mehr und selbstbewusstere Aggregatoren, die eine Art Portalfunktion übernehmen und vielleicht auch bestimmte Fragen ‘plakatieren’, den Streit organisieren, die Arena dafür bieten”, sagt Christoph Hochhäusler.

Das einzig Dumme dabei? Die paar Seiten, die es wirklich versucht haben; die wirklich versucht haben, auf einem hohen Niveau umfangreich zu informieren und zu deutschen Leitmedien neben den großen Printmarken zu werden, sind eingeknickt. Martin Beck, der “so eine Art deutsches Twitch” mit reihesieben.de bauen wollte, stellte fest, dass sich das “einfach nicht stemmen ließ”. Und den prominentesten Untergang (inklusive Wiedergeburt) hatte sicherlich “Negativ”:

“Nach zwei Jahren wurde uns klar, dass ohne angemessene Gehälter die Wenigsten auf Dauer motiviert bleiben, eine immer größer werdende Seite zu betreiben und dass diese Seite sich immer mehr thematisch und qualitativ einem wirtschaftlichen Diktat unterordnet, und sich somit von unserem ursprünglichen Ideal, gut und immer besser über Film zu schreiben, entfernte. Als es klar wurde, dass die wirtschaftliche Ausrichtung in eine Sackgasse führte und das Verfolgen dieses Ziels für einige von uns Selbstdestruktion oder zumindest geistige Stagnation bedeutete, zogen wir die Notbremse.”
- Ciprian David

Wir brauchen also einen guten, deutschsprachigen Aggregator. Ein Must-Read-Blog, das die deutsche Film-Blogosphäre irgendwie über ihre Cluster hinweg eint und Diskussionen befeuert. Denn:

These 3: Die guten Inhalte, die es gibt, werden nicht gefunden

Als ich damit anfing, die deutschen Netz-Filmschreiber zu vermessen, habe ich mir Blogrankings angeschaut und mich von da an weiter vorgearbeitet. Ich fand einiges, was mir gefiel, einiges, was ich langweilig fand. Aber viel interessanter fand ich, dass ich manchmal Monate später noch auf Blogs stieß, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört hatte (und nein, sie waren nicht erst in der Zwischenzeit entstanden).

Es ist nämlich mitnichten so, dass alle nur entweder private Filmtagebücher führen oder Trailernews von großen US-Seiten abschreiben (wie ich am Anfang dachte). Nein, es gibt Leute, die fantastische Ideen haben, die mit Stills arbeiten wie die Könige, die interessante Meta-Analysen über ganze Genres oder Epochen fabrizieren. Aber eben auch sehr gute Blogs, die auf bestimmte Themen spezialisiert sind. Es gibt sogar etwas, was mir im deutschen Filmjournalismus generell oft fehlt, den “typischen US-Mix aus Wissen und Passion” (Sidney Schering) – den Willen, Service für unerfahrene zu bieten, diesen aber leidenschaftlich rüberzubringen (zu meinen persönlichen Favoriten gehören, auch der Themen wegen, “Digitale Leinwand” und das Blog eben von Sidney Schering, “Sir Donnerbolds Bagatellen”).

Aber:

Es gibt regen Austausch auf Plattformen wie Facebook zwischen miteinander bekannten (Online) publizierenden Filmnerds, zu denen ich mich auch gerne zähle. Und natürlich gibt es Blogrolls. Aber es fehlen doch ein wenig die Netzwerkeffekte, was möglicherweise mit der grundlegenden Tendenz in Deutschland zusammenhängt, im eigenen Blog oder Magazin nur wenig die Artikel anderer zu zitieren.
- Frédéric Jaeger, critic.de.

Also (und ich kann mich da selber nur mit einschließen): Vertraut nicht auf die Blogrolls, auf die Twitterfeeds und Facebook-Updates. Radikal gesagt: Wer sich nicht zu schade dafür ist, einem neuen Trailer zu Film X einen Blogpost zu widmen (vielleicht auch in der Hoffnung auf Klicks), der kann auch die Arbeit eines Kollegen mit einem Blogpost würdigen. “Natürlich ist es sehr schön, wenn man als relevante Quelle erkannt wird, einige Seiten sind aber auch sehr erfolgreich darin, meine Inhalte umfassend zu kopieren und zu veröffentlichen, natürlich weder zitiert noch verlinkt”, sagt Gerold Marks von “Digitale Leinwand”. “Es ist auch für mich frustrierend, wenn ein lange erarbeiteter Artikel mit viel Rechercheleistung nur ein paar hundert Leser interessiert, das Publikum auf das neue Bild vom nächsten Star Trek-Film aber abfliegt wie Wespen auf Butterkuchen.”

Es ist ein ewig frommer und ewig unerfüllter Wunsch, dass der harte Journalismus mehr (oder genauso viel) Aufmerksamkeit erfährt, wie der grellste Boulevard. Die deutsche Film-Blogosphäre wird ihn nicht erfüllen können, aber sie kann zumindest ihr bestes geben, Juwelen auszugraben. “Da sind schon einige Perlen dabei, die leider nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen”, sagt Sascha Brittner. Allerdings:

These 4: Die nervige Trennung zwischen E- und U-Kultur lebt im Netz fort

Und damit wären wir wieder am Anfang. Einer der Gründe, warum die “Cluster” nicht zueinander finden ist, dass ausgerechnet Film, das Medium, das Pop- und Hochkultur so gut vereint, wie kein anderes, noch immer von verschiedenen Seiten betrachtet wird. Und wer auch immer auf einer dieser beiden Seiten steht, scheint die andere Seite für vernachlässigbar zu halten.

Das Interessante, aber auch Tragische dabei ist, dass es anders als bei der traditionellen Hoch-/Pop-Demarkationslinie beim Schreiben über Film nicht mehr um das Objekt (also den Film) geht, sondern um das Subjekt, also den Autoren. Es geht also um das E und U innerhalb der Kritik. “Das Publikum ist heute sehr ausdifferenziert, entmischt sozusagen, und das schlägt auf das Kino zurück”, schreibt mir Christoph Hochhäusler. Man kann also die gleichen Genres lieben und trotzdem nicht miteinander reden wollen. Ist das nicht zum Kotzen?

Mir ist in meinen Interviews zum ersten Mal der Begriff “Stuntschreiber” untergekommen. Martin Beck von “Reihe Sieben” hat ihn benutzt. “Das sind verzwirbelte Typen, die vor allem dadurch auf die Pauke hauen, dass sie a) möglichst viele Fremdwörter in möglichst lange Sätze packen und/oder b) ihre ‘Meinung’ immmer konträr zur kollektiven Empfindung postieren.” Das klingt übel. Es hat mir zwar keiner so gesagt, aber ich habe das Gefühl, dass die andere Seite über die “Fan-Kultur”, die auf der anderen Seite der Linie herrscht, genauso denkt.

Eine meiner Ursprungs-Thesen, die sich nicht bestätigt hat, ist, dass die Linie zwischen “Profis” und “Amateuren” verläuft, also zwischen denjenigen, die Film oder Medien “gelernt” haben, und denen, die einfach gerne Filme sehen. Ich glaube aber, es ist vielmehr einfach eine Einstellungssache. Ein Mangel an Bereitschaft, andere Sichtweisen zuzulassen. “Reine Filmblogs, noch dazu professionelle oder semiprofessionelle, scheinen mir im deutschsprachigen Raum doch giftiger zueinander zu stehen als US-Seiten”, sagt Sidney Schering.

Zusammenfassend: Bloggen ist in Deutschland immer noch als Niederes Schreiben verpönt. Im Filmbereich liegt das aber auch daran, dass die Film-Blogger keine Lobby haben und sich auch keine Mühe geben, eine zu bilden. Sie mosern lieber herum, statt sich gegenseitig zu unterstützen. Einfacher wäre das natürlich, wenn jemand voranschreiten würde, den es noch nicht gibt, mit dem sich aber FilmwissenschaftlerInnen und Fanboys und -girls gleichermaßen arrangieren könnten. Vielleicht kommt ein derart messianisches Blog eines Tages des Wegs, vielleicht nicht. Aber es könnte auf jeden Fall besser sein, als jetzt. Oder?

“Die unhaltbaren Missstände in der Filmpolitik und der Filmkultur fördern hoffentlich die vereinende Kraft zutage, gegen sie aufzubegehren. Das ist eine Utopie, mit der ich mich identifizieren kann: ein Kampf freilich, aber ein gemeinsamer.” – Frédéric Jaeger, critic.de

Disclaimer: Ich entdecke täglich neue Filmseiten. Es ist also hoffentlich klar, dass es nicht beabsichtigt ist, dass ich manche Ecken der deutschen Filmblogosphäre wahrscheinlich völlig unbeleuchtet gelassen habe. Ciprian David kenne ich persönlich, wir haben ein oder zweimal lose gemeinsam über das Thema diskutiert.

Meine erste persönliche Bilanz gibt es hier.

80 thoughts on “Vier Thesen zur deutschen Film-Blogosphäre

  1. Bestätigt meine Auffassung zu dem Thema in vielen Punkten. Oft mehr Gegen- statt Für- und Miteinander, eine Art von “Grüppchenbildung” und ungesundem Konkurrenzdenken, das schon dadurch geschürrt wird, wenn man plötzlich mehr Facebook-Fans hat, als der andere…
    Die US-Filmblogs (die oben genannten “Standartseiten”) machen’s definitiv besser, zumindest in der Vernetzung. Ins Schwärmen gerate ich da ebenfalls, wie die zum Teil auf einer förderlichen Ebene koorperieren, Leser teilen und sich nicht zu schade sind, mal einen Inhalt querzuverlinken.
    Bin gespannt, wie sich das alles so entwickeln wird, gehöre selbst seit mittlerweile vier Jahren irgendwie in diese Filmblogosphäre oder Clusterwirtschaft und in die eine oder andere Richtung sehe ich da wenig Entwicklung…

  2. Danke für den Text. Ich finde deine Definition von Blogosphäre etwas weich. Ja, sicher, „messianische” Seiten gibt es keine, aber macht es nicht den Reiz der Netzpublizistik aus, dass sie dezentraler, vielfältiger und weniger hierarchisch funktioniert als die Printwelt? Die großen Platzhirsche vermisse ich eigentlich nicht, eher „Zusammenführer”, aber auch dafür muss es nicht unbedingt einen großen Bruder geben. Mit dem Begriff „Berliner Elite” kann ich, wie du dir vorstellen kannst, wenig anfangen. Ich verbinde mit „Elite” jedenfalls Macht, Geld, Einfluss. Nichts davon ist vorhanden — Einfluss allenfalls im kleinen Kreise, aber auch das wage ich zu bezweifeln (dieser Zweifel beweist sich zum Beispiel bei Veranstaltungshinweisen, denen niemand Folge leistet). Und: bilden viele Cluster nicht eine Sphäre? Beispiel Biosphäre: Was schert sich die Maus um den Falter? Und doch haben sie miteinander zu tun… Christoph

  3. Alex, Danke erstmal für dein Unternehmen, das Filmnetz zu beschreiben (auch um es zu ändern). Ich finde mich insgesamt in deiner Beschreibung nicht wieder. Am besten zeigt sich das vielleicht an deinem Bemühen, eine Trennlinie zwischen E und U zu ziehen. Das ist zwar ein verbreiteter Ansatz, aber gerade bei Film scheint er mir nicht zielführend. Die Faszination für Film ist schließlich doch eine, die jenseits von solchen Kategorien liegt. Und wieso sollen wir alle die gleichen Filme und Genres aus den gleichen Gründen mögen? Mir gefällt es ja schon eher, durch andere Texte, neue Facetten an Filmen zu entdecken, die ich mir zuvor vielleicht nur auf eigene Weise erschlossen habe.
    Ich weiß auch nicht so recht, wen das beschreiben soll: “die einfach gerne Filme sehen”? Soll das heißen: aber ohne nachzudenken? Oder: ohne sich dafür zu interessieren, wieso die Filme ihnen gefallen? Oder: und in Filmkritiken nur Bestätigungen der eigenen (Vor-)Urteile suchen? Oder: und sich dennoch vor Fremdwörtern gruseln? Oder: und sich darauf verlassen, dass die Konsumware Film sich auf Geschmacksfragen reduzieren lässt?
    Ich denke mal, all das ist nicht gemeint – denn das wäre dann doch ein unversöhnlicher Gegensatz: Zwischen denen, die versuchen, Filme besser zu verstehen, und denen, die das nicht wollen oder nicht brauchen.
    Klar, der Zugriff auf Film kann nunmal sehr unterschiedlich sein. Aber eine Homogenisierung des Raums, in dem sich Diskussionen anbahnen, die wünsch ich mir wirklich nicht. Eher das Gegenteil. Homogenität gibt es schon genug, wenn man sich die überall gleichen verbreiteten Trailer oder die Orientierung an den Kino- und DVD-Starts anguckt.
    Davon unbenommen sehe ich aber auch den Mangel an Verbreitung und Aggregation von vielfältigen Inhalten. Ich glaube nicht, selbst in einer Filterbubble gefangen zu sein und dennoch kriege ich von vielen interessanten Beiträgen sicherlich nichts mit.

  4. Die Beobachtungen sind vielleicht im einzelnen richtig, auch wenn ich die meisten nicht bekräftigen kann. Weder sehe ich ein “Gegeneinander”, noch großen Neid, wie das ChristiansFoyer angemerkt hat. Mir ist solches Denken eher fremd. Und seit Jahren weise ich auf andere Beiträge in Print und Blogs hin, vor allem auch in der rechten Spalte unter “Reading Room” (früher deutlich häufiger als heute, zugegeben).

    Allerdings kann ich mit der ganzen Grundmotivation nicht so recht viel anfangen. Oder anders gesagt: Ich sehe weder eine Dringlichkeit, noch ein Problem.

    Das Netz hat, wenn schon nicht zu einer umfassenden Ent-Hierarchisierung des Filmdiskurses, so doch zur Schwellenabsenkung hinsichtlich der Teilhabe daran geführt und entsprechend zu einer Vielfalt der Stimmen. Nun ist die Dynamik des Netzes ja eher zentrifugal als zentrierend. Austausch im Einzelnen ist zwar wünschenswert (und sie geschieht ja auch, mal innerhalb von “Clustern”, die in Berlin auch einfach daher rühren, dass man sich eben auch offline über den Weg läuft, und mal zwischen ihnen), aber ich sehe z.B. keine Dringlichkeit für eine “Deutsche Filmblog-Zentrale”. Die bildet sich eh jeder individuell: In meinem “Google Reader” habe ich unter “movie” alles abgespeichert, was mich interessiert, und wenn mich was neues interessiert, kommt das hinzu. Was mich nicht interessiert, bleibt draußen (nur am Rande, wegen “alle deutschen Blogs ziehen ihre Infos von dort”, bzw. “kommt man nicht dran vorbei”: twitch, collider, /film habe ich alle nicht abonniert. auch bei den 5 filmfreunden – obwohl ich mich mit Rajko rege über Facebook austausche und wir uns regelmäßig in Berliner Pressevorführungen sehen – schaue ich höchstens ein, zwei mal im Monat pro forma in den Feed. Mich interessieren trailerlastige Blogs einfach nicht sonderlich, ohne dass ich ihnen deshalb gegenüber abschätzig gegenüber stehe – not my cup of tea, but I’m happy when it’s yours!).

    Für was brauche ich also ein “Leitmedium”? Es ist doch gerade der Vorteil des Internets, dass es ein “Leitmedium” nicht mehr gibt und braucht. Was zeichnet ein “Leitmedium” aus? Dass es filtert, kanalisiert, weglässt, Einigung herstellt, was den kleinsten gemeinsamen Nenner betrifft. Wo es ein “Leitmedium” gibt, muss man nicht mehr weiter wühlen: Blogosphere in a nut shell.

    Die Thesen klingen für mich so, als stecke dahinter der Wunsch nach Homogenisierung. Insbesondere der erste Absatz von These 4 klingt sehr danach: Film wird “immer noch von verschiedenen Seiten aus betrachtet”. Ja, nun – aber: Was soll daran das Problem sein? Ich finde das gut. Der eine feiert geile Action ab, der andere holt bei Arnold Schwarzenegger von der Gendertheorie inspirierte Body-Thesen aus dem Zauberhut. Für beides ist im Internet nach derzeitigem Stand der Dinge noch Platz, keiner nimmt dem anderen was weg. Auch deshalb finde ich den “Stuntschreiber”-Diss befremdlich. Die Freiheiten, die das Netz bietet, bestehen ja gerade darin, dass sich jeder zunächst einmal nach gusto betätigen kann (und soll). Es gibt den totalen Boulevard , die totale akademische Abstraktion und zwischendrin viele Nuancen und Grenzgänger. Die einen schmiegen sich der Industrie an (Trailer! Gewinnspiele! Exklusives Preview! Gesponserte Postings!), die anderen suhlen sich hemmungslos individualistisch in der Ultrakunst entlegenster Filmarchiv-Funde. Warum muss man das unter einen Hut bringen? Warum sollte man das wollen? Ich wäre eher für noch mehr Idiosynkrasie (Fremdwort! Fuck! Stuntschrieb-Verdacht!), für mehr Profil, mehr Differenz. Nur Grabenkämpfe sind Blödsinn, das Internet ist groß genug für alle.

  5. Vielen Dank für den anregenden Beitrag! Zu der jetzt hoffentlich aufkommenden Diskussion möchte ich als Blogger hier bei SchönerDenken auch meine fünf Cent beitragen. Und die lauten in drei Worten: “Machen statt klagen”.

    Fangen wir mit ersten These an, es gebe keine Filmblogosphäre. Mhm. Meine Blogosphäre besteht aus den Freunde mit denen ich zusammenschreibe. Wir stehen morgens nicht auf und denken, es muss unbedingt eine deutsche Filmblogosphäre geben. Wir haben unser Blog vor mehr als sechs Jahren nicht gegründet, um unbedingt Teil einer Filmblogosphäre zu sein. Wir haben wenig darüber nachgedacht und bislang überhaupt nicht darüber geschrieben. Geschrieben haben wir stattdessen über Filme und Bücher – mehr als 1.000 Beiträge in sechs Jahren.

    Alexander Gajic beklagt, es gebe nur Cluster und keine echte Filmblogosphäre. Tja, auch da hilft nur: Machen statt klagen. Also einfach andere Blogger einladen zu Gastartikeln und Aktionen – das funktioniert ganz wunderbar, wenn man es nur versucht. Wir laden für unsere Reihe “14 Jahre ohne Kino” für jeden Jahrgang einen Filmblogger ein, damit sie einem unserer Leser erklären, welche Filme aus welchem Filmjahrgang unbedingt geschaut werden müssen. Der Abspannsitzenbleiber hat mitgemacht, auch Florian Lieb von Symparanekronemoi und Timo von Blockbuster Entertainment – es werden noch einige folgen.

    Oder die Gelegenheit bei Filmfestivals nutzen, um sich zusammenzusetzen. Gary Siemund bei Nippon Connection zum Beispiel hatte für uns Filmblogger einen kuscheligen Rückzugsort geschaffen, hier haben sich die Blogger Ciprian David von Negativ, die Düsseldorfer Bloggerin Karoline Steinfatt, Cathy Munroe Hotes von Nishikata Eiga, Roger Macy von MidnightEye, Hendrik und ich von SchönerDenken und vor allem the legendary Roger MaGee vom Toronto J-Film Pow-Wow zusammengesetzt und sogar einen gemeinsamen Powwow-Podcast gesprochen.

    Zweite These: Es gibt kein Filmblogleitmedium. Mhm. Was ist eigentlich ein Leitmedium? Und braucht es das tatsächlich? Eigentlich blogge ich, weil ich kein Leitmedium haben will.

    Dritte These: Die Inhalte werden nicht gefunden. Da hilft ebenfalls: Machen statt klagen. Gemacht hat sich zum Beispiel der Abspannsitzenbleiber an eine Filmblogsuche. Und wenn einer will, dass gute Beiträge aus Filmblogs gefunden werden, dann soll er soll sie verlinken. Machen wir bei fast jeder Filmkritik. Und wer gefunden werden will, sollte sich überlegen, ob er seine Beiträge unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlichen will. (Und wer als Blogger beklagt, dass zu wenig über Filmpolitik und geschrieben wird, sollte vielleicht einfach selbst darüber schreiben.)

    Vierte These: Die Trennung zwischen U und E lebt im Netz weiter. Da ist was dran. Aber ist diese Trennung nicht unglaublich langweilig? Wir leben doch in einer potentiell postideologischen Zeit, ich kann mir gar nicht vorstellen, mich zwischen Popcornkino und Programmkino zu entscheiden. Dementsprechend gibt es bei uns alles durcheinander. Also auch hier: Machen statt klagen. Die U-und-E-Trennung ignorieren, beim Schreiben und beim Verlinken.

    Bloggen, das heißt für mich in erster Linie meinen Leidenschaften gemeinsam mit Freunden nach gehen zu können. Bloggen heißt darüber hinaus: die Freiheit, dass wir schreiben können, was wir wollen, wie wir es wollen und wann wir wollen. Und es heißt auch, sich über ein paar hundert Leser und ein paar hundert Podcasthörer zu freuen. Wer größere Ambitionen hat, der sollte sich bis auf weiteres vielleicht Medien mit größerer Reichweite suchen. Ich bleibe hier und versuche erstens noch mehr Filmblogs zu lesen, zweitens noch mehr zu bloggen, drittens noch mehr Filmblogs zu verlinken und viertens zu reden – mit Filmbloggern, nicht über sie.

  6. Yep, gut zusammengefasst @ThomasLaufersweiler Ich hatte das vor ein paar Jahren auf einer Podiumsdiskussion zum Thema “Filmkritik im Netz” als Schlusswort ganz ähnlich zusammengefasst: “Einfach machen.”

  7. Hi Alex,

    ich danke Dir auch für die anregenden Thesen wie auch Christoph, Frédéric, Thomas G. und Thomas L für die bereichernden Antworten!

    Vielleicht war ich da zu unreflektiert, als ich von Eliten schrieb, aber nun ist es getan und wohl oder übel stehe ich auch dazu:)

    Versuche mich ein bisschen auf die Seite des Lesers zu schlagen, die kam ja bisher nicht wirklich vor. Und auch wenn ich altbewährtes wiederkauen soll, lässt sich auch auf diesen Weg etwas feststellen:

    Meine Annahme ist, dass ein Orientierungsbedürfnis und daraus entspringend der Wunsch nach einem Orientierungsrahmen für Interessierte (ich zähle auch dazu) diese Reihe und die Thesen veranlasst hat und das muss ich begrüßen.

    Die existierende Vielfalt der Blicke auf Film, Clustering und die anderen angesprochenen Aspekte können alle aus dieser Orientierungs-Perspektive auch als Hindernisse im Wege der Auswahl von zu lesenden Seiten gesehen werden und das zurecht. Einerseits möchte man möglichst unterschiedliche Ansätze kennenlernen, andererseits ist da draußen zu viel, um alles mitzubekommen – hinzu kommen noch die sich verdoppelnden Inhalten, die lange nicht nur News betreffen.

    Was Aggregatoren wohl hier helfen können, ist auch fraglich. Sobald sie automatisiert werden und mit irgendwelchen Logarithmen hinterlegt, werden sie dem Wunsch oder Geschmack des Einzelnen nicht gerecht. Lediglich Handverlesenes (aber nach was für Kriterien dann, um allen gerecht zu werden?) scheint mir halb plausibel. Vielleicht für jemanden, der ein Startpunkt braucht, um sich von da aus weiter zurecht zu finden. Alles andere geschieht im guten alten RSS-Reader, wo jeder seine eigene Sphäre selbst gestaltet.

    Die Anzahl meiner abonnierten RSS-Feeds habe ich vor einigen Monaten auf ein recht spartanisches Minimum gebracht, weil mich zB die über 500 Posttitel, die ich vor ein Jahr noch täglich durchforstete, einfach mich aus dem Reader rausjagte, mir die Zeit raubte und mir schließlich das schlimmstmögliche beigebracht hat: Texte nicht mehr zu lesen, sondern zu überfliegen. Das wäre ein Extremfall. Der andere besteht darin, dass man sich auf einige Seiten festlegt und sich vielem, was einem eigentlich interessieren würde, verschließt.

    Beides ist nicht OK, darum kommen die vielen existierenden Kanäle, allen voran Facebook,entgegen. Facebook ist für mich nach wie vor die größte Bereicherung in der Landschaft und vermutlich für jeden, der eine gewisse Ehrlichkeit zwischen sich selbst und seiner digitalen Signatur pflegt. Denn da wird immer wieder dieses Clustering außer Kraft gesetzt, ohne das von Homogenisierung die Rede sein kann und weil da eben gezeigt wird, dass Austausch nicht eine Sphäre braucht, sondern recht schneeballartig stattfinden kann. Blogosphäre ist für mich heute etwas fast obsoletes, was aufgelöst werden musste um besseren Möglichkeiten der Vernetzung platz zu machen.

    Ich fragte mich letztlich oft, was wohl die Kommentarfunktion der Blogs heutzutage noch will , wenn die meisten Diskussionen eh in sozialen Netzwerken stattfinden. Sie hätte ihren Existenzrecht – wenn nicht als das, was sie mal vor einigen Jahren war, dann vor allem als Ergänzung zum Post, als halbgares Dossier zum Thema des Textes. Aber wo findet sich das schon in dieser Form? Jedenfalls muss ich mich immer überwinden, um auf einem Blog etwas zu kommentieren, allein Anmeldeformulare sind der Schreck. Als Betreuer einer Seite ist das Warten auf Kommentare und Reaktionen auf diesen Weg sowieso fraglich inzwischen, wenn man eh weiß, dass mehr davon woanders besser aufgehoben ist.

  8. @Thomas Laufersweiler – Vielen Dank für die ganzen Beispiele von erfolgreicher Zusammenarbeit und Gemeinschaftsaktionen! Schade, dass ich davon bisher noch nichts wusste.

    Ich denke, ich werde auf die besten Kommentare in einem extra-Post in den nächsten Tagen eingehen.

  9. Sehr intensiv hast du glaub ich nicht versucht mich zu kontaktieren ;) ^^

    Das Problem ist aus meiner Sicht, dass Deutschland nicht nur kein Filmbloggerland ist, sondern schlicht kein Filmland ist. Das meint: Das Interesse an Filmthemen ist extrem gering, was bedeutet es ist schwer ausreichend Klicks zusammenzubekommen damit man die Seite finanzieren kann, was auch bedeutet Filmblogs sind reine Hobbyangelegenheiten. Und egal wie gut doer schlecht die Leute sind, es ist schwer zu “scoopen” wenn man es nicht Vollzeit macht und nicht davon leben kann.

    Als die Filmfreunde gestartet sind, hatte ich auch noch mehr Zeit für ungewöhnlichere längere Artikel, doch seit ich bei moviepilot arbeite ist das eben der Vollzeitjob und für die Filmfreunde bleibt eben “nur” Freizeit – und da liegt der Fokus dann auf Reviews / News und für andere Sachen fehlt die Zeit. Den anderen vier Kollegen geht es da wohl kaum anders.

    Was stimmt ist der fehlende Zusammenhalt und der Dünkel der Filmseiten untereinander was “ernsthaft” und “unernst” angeht. Eine Souveränität und der Spaß an fließenden Grenzen zwischen Filmjournalismus und Filmfan wie in den USA ist hier unbekannt. Das betrifft allerdings wieder nicht nur die Macher, sondern auch die Leser. Ich kenne wenige Leser die so unentspannt und anstrengend sind, wie der Filmfreunde. Da reicht es schon wenn ein Video nicht der richtigen Videoplattform entstammt, damit sie es ablehnen (Merke: Vimeo – Super, YouTube – Doof).

    Man merkt, die Leserschaft ist Nischenpublikum, denn Filmblogs bedienen eben Nischen. Auch wenn der Deutsche ins Kino geht, er interessiert sich nicht für Film jenseits des Besuchs. Der Spaß an Reflektion, Diskurs, unterschiedlichen Meinungen oder tiefergehenden Diskussionen ist deutlich unterentwickelt, was auch erklärt warum es in Deutschland keinen erfolgreichen und richtig gelungenen Filmpodcast gibt. Hier ist es schon Überforderung sich 6-7 Minuten auf Interviews zu konzentrieren, geschweige denn Filmgespräche die vielleicht mehrere Stunden gehen.

    Ein /FilmCast bei dem regelmässig Autoren von anderen Blogs zu Gast sind würde es hier vermutlich schwer haben. Zum einen weil er kein Publikum findet, zum anderen weil sich die Autoren untereinander nicht ausreichend respektieren und mögen und eher als Konkurrenz betrachten. Wobei ich das zumindest für die Filmfreunde ignoriere – denn da das Projekt reines Hobby ist und finanziell auch nicht wirklich was dabei rumkommt, gibt es bei uns kein wirklichen Konkurrenzkampf mit anderen was die Zahlen angeht.

    Fiep und Gruß,
    Oliver

  10. Oliver – habe mich gestern abend schon bei Rajko für die Spitze entschuldigt. Hätte mich nicht nur auf euer Kontaktformular verlassen sollen. Umso besser, dass du jetzt hier kommentierst! Danke dafür!

  11. Der Begriff der Blogospähre – da musste ich jetzt erst einmal drüber nachdenken.

    Ich habe vor fast genau einem Jahr mein Film- und TV-Blog eingeschläfert. Ein Grund war, dass es einfach sehr viele Film- und TV-Blogs auf der Welt und auch in Deutschland gibt. Alle Themen sind ausreichend besetzt und auf jeden Film kommen unzählige Kritiken, die mal mehr und mal weniger gut geschrieben sind. Dies liegt einfach daran, dass Film genau wie Fußball zu den Themen gehört, zu denen fast jeder eine Meinung hat – und diese auch gerne kundtut.

    Mein Blog hatte in diesem Ozean der Rezensionen nur wenig Relevanz. Ich fing deshalb an, ein neues Blog über ein völlig anderes Thema aufzusetzen, das bislang im Netz eher vernachlässigt wurde.

    In meinen Augen ist also eine deutsche Film-Blogosphäre durchaus vorhanden. Natürlich fehlen uns die sogenannten Alphablogger wie die von dir angeführten Lobo, Beckedahl, Gröner, Häusler und Borchert. Das mag manch einer anders sehen – insbesondere die, die diese Position gerne hätten oder für sich schon beanspruchen.

    Das völlige Fehlen von meinungsstarken Platzhirschen, die der deutschen Film-Blogosphäre in der realen Welt als Aushängeschild dienen, halte ich nicht für grundsätzlich schlecht. Die Sogwirkung, die solche Alphawesen produzieren, hat nicht immer positive Auswirkungen auf den Rest vom Schützenfest. Sie ähnelt meist der eines Schwarzen Loches.

    Natürlich finde ich es wünschenswert, wenn aus Clustern und Cliquen ein deutschlandweit funktionierendes Netzwerk würde. Ich glaube allerdings, dass es aufgrund der DNS des klassischen Filmkritikers (egal ob Print oder online) schwer ist, die häufig nicht besonders kleinen Egos unter einen Hut zu bringen. Es herrscht doch bei vielen schreibenden Filmexperten das Highlander-Syndrom: Es kann nur einen geben. Oder zumindest nur eine richtige Meinung.

  12. Kleiner Nachtrag: Wir haben ja jetzt 2013. Also habe ich vor ZWEI Jahren mein Filmblog eingeschläfert.

  13. Kein Problem :) Wenn mal wieder was ist besser direkt auf Facebook anchatten oder oliver(ät)moviepilot.com anmailen – die Sachen vom Kontaktformular gehen bisweilen im Wust von Agenturspam unter.

  14. Sorry Oliver, aber natürlich ist Deutschland ein Filmland. Allein die hiesigen Einspielergebnisse widerlegen doch die These.
    Das Problem ist doch eher, dass jeder über Film berichtet. Alle großen Medien im Print und Online-Bereich rezensieren was das Zeug hält. Dementsprechend ist man nicht auf Blogs angewiesen, um Reviews zu lesen. Sprich: Deine Klickzahlen sind in der Relation niedrig, weil du mit unzähligen anderen das gleiche Feld beackerst.
    Weiterhin ist das Publikum, dass sich online informiert, nicht auf die deutsche Sprache fixiert, sondern liest auch oder nur die internationalen Seiten, die sich mit Film beschäftigen.

  15. “…deutschsprachigen (!) Aggregator (!). Ein Must-Read-Blog (!), das die deutsche Film-Blogosphäre irgendwie über ihre Cluster (!) hinweg…”
    Ich vermute, das ist Ironie?

  16. @Dennis

    Die Deutschen gehen im Vergleich zu anderen eher selten ins Kino und wenn sie es tun, dann schauen sie Filme und das reicht ihnen. Wir haben hier keine Kultur von “Ich bin an Film interessiert und warte auf Filme und will viel über sie wissen”. Wir haben hier eine Mehrzahl von Leuten die Kino als soziales Event betreiben, die sich verabreden um mal wieder ins Kino gehen und ggf erst am Kino entscheiden welchen Film sie sehen wollen.

    Da steht dann Kino in Konkurrenz zu Disco oder Clubs und genauso unwichtig scheint da dann oft auch der Film zu sein. Nach dem Kino sagt man “Jo war gut” oder “war doof” und das wars. Das Bedürfnis nach weiterem Diskurs, nach Informationen und begleitenden Informationen ist eher gering. Das spiegelt sich auch auf dem DVD/BD-Markt wieder – die meisten Leute schauen kein Bonusmaterial, die wenigsten haben schonmal Audiokommentare gehört

    Im besten Falle nehmen sie mal im Tralala-Magazin ihrer Wahl einen Bericht mit, wobei Starklatsch da auch mehr interessiert als die Auseinandersetzung mit Film. Film ist hierzulande nicht sehr angesehen, er ist kein hohes Kulturgut, ja ich zweifle sogar ob er trotz des hohen Konsums der Zuschauer, besonders hoch angesehen ist. Film wird lieber daheim geschaut, am liebsten umsonst. Da ist es auch egal ob er gekürzt oder durch Werbung zerstört wird. Er läuft ja oft eh nur nebenbei. Leute über 40 gehen sowieso nur in Hype-Filme wie Amelie, Das Parfüm, Ziemlich beste Freunde oder Lost in Translation – und die lesen bestenfalls mal in ihrer Tageszeitung etwas über Film.

    Die Leute die du meinst, die wirklich interessiert sind und sich dann auch im Netz auf ausländischen Seiten informieren sind Nischenleser, sind die Minderheit. Ich bleibe dabei, Deutschland hat keine Filmkultur, keine Filmindustrie und im Grunde auch keine Filmidentität. Das schließt gute Filme aus Deutschland und Filmfans aus Deutschland nicht aus – aber sie bleiben nunmal eine Minderheit.

    Die Masse bleibt daheim, guckt TV und geht 2x im Jahr mit den Kindern in Ice Age und die Wilden Kerle o.ä.

  17. @Klaus: Natürlich muss das Ironie sein. Schließlich weiß ja jeder gute Präskriptivist, dass Sprachen sich besser nicht vermischen sollten. (Rassen auch?)

    • @Oliver Unsere jeweilige Definition von einem Filmland ist wohl sehr unterschiedlich.
      Deine Aussage “Wir haben hier keine Kultur von “Ich bin an Film interessiert und warte auf Filme und will viel über sie wissen” kann ich nicht teilen. Auch vermisse ich ein wenig die Belege für deine Behauptungen wie “Leute über 40 gehen sowieso nur in Hype-Filme wie Amelie, Das Parfüm, Ziemlich beste Freunde oder Lost in Translation – und die lesen bestenfalls mal in ihrer Tageszeitung etwas über Film.”
      Und was soll die Verteufelung des reinen Konsumierens von Filmen? “Das Bedürfnis nach weiterem Diskurs, nach Informationen und begleitenden Informationen ist eher gering. Das spiegelt sich auch auf dem DVD/BD-Markt wieder – die meisten Leute schauen kein Bonusmaterial, die wenigsten haben schonmal Audiokommentare gehört.” Tja, die wenigsten Romanleser kaufen sich dazugehörige Biografien oder Königs Erläuterungen. Also warum muss man das bei Filmen machen? Es reicht manch einem das Werk zu sehen – und sich dann ein Urteil darüber zu bilden. Ob das nun ein simples “Jo, ist gut” oder eine Analyse der angeblichen Meta-Ebene ist, sollte da eigentlich in den meisten Fällen egal sein.
      Wenn sich in Deutschland also fast niemand für Kino interessiert, warum ist die Berichterstattung darüber dann so präsent in den Medien? Und ich meine nicht nur Artikel über Blockbuster. – oder die von dir genannten “Hype”-Filme, die für dich anscheinend nur ein Beweis für die Dummheit des bundesdeutschen Kinogängers sind. Nur ein kleines Beispiel: Diese Review auf SPON (http://www.spiegel.de/kultur/kino/rainer-kirbergs-videoexperiment-das-schlafende-maedchen-mit-jakob-diehl-a-877934.html) wurde ordentlich geklickt. Am Mass Appeal des Films kann es nicht liegen.

      Meine Einschätzung ist, dass es viele Menschen gibt, die sich Filmkritiken durchlesen und danach entscheiden, ob die Produkion für sie in Frage kommt. Das Problem der Blogs in Bezug auf Klicks ist, dass die Kinofreunde ihre Infos ohne Probleme bei den großen und kleinen Nachrichtenseiten bekommen. Filmblogs sind dafür nicht nötig.

      Ich glaube, wenn wir uns persönlich treffen würden, könnten wir bestimmt in der Diskussion einen gemeinsamen Nenner finden. Oder zumindest ein nettes Bier trinken. In solchen Kommentarspalten entfernt sich meist leider nur.

  18. Lieber Alexander Gajic, mit großem Interesse habe ich Deine vier Thesen gelesen. Vieles davon kann ich als „kleiner“ Blogger nachvollziehen und bin gleichzeitig dankbar für die offenen Worte und die Anregung zur Diskussion!
    Allerdings bin ich auch verwundert, dass Du das Thema Kommerz nicht ansprichst! Das „Gegeneinander“ entspringt- meiner Meinung nach- primär aus diesem Sachverhalt. Filmseiten die einen professionellen Anspruch haben, werden auch von der „Industrie“ unterstützt. Klar, dass die keine Stuntschreiber haben wollen! Von der Tatsache, dass die sklavischen Schreiber wohl kaum subjektiv bleiben können, mal ganz abgesehen.
    „Stuntschreiber“ wie wir http://www.lomax-deckard.de die leidenschaftlich, nicht redaktionell und somit auch (na klar!) amateurhaft agieren somit bemitleidenswert abgewertet werden, im besten Fall als Nerds, im schlimmsten Fall als Legastheniker, keine Glaubwürdigkeit erhalten, auch klar! Das liegt in der Natur der Sache!
    Wozu also eine deutsche Film-Blogosphäre. Gewinnen würden die Medien- und Verlagshäuser, die sich im Hintergrund wahrscheinlich schon die Hände reiben und ihre SEO-Agenturen Briefen.
    Zum Glück gibt es in deutschen Internet noch ein Teil unkommerzieller Freiheit, bei der jeder User wählen kann was er lesen möchten oder eben auch nicht. Texte werde häufig genug kopiert, Filmrezessionen verkümmern immer mehr zu reinen inhaltlichen Beschreibungen mit dem Fazit einer ein – fünf Sternevergabe.
    Mir ist der Respekt von irgendwelchen Leitmedien oder professionellen Filmjournalisten egal! Wir haben unsere paar tausend Leser, die es offensichtlich gut finden, dass subjektive Leidenschaft, vor abgeschrieben Wissen und vorkonfektionierten Templates stehen.
    Frei nach Albert Einstein: „Wir haben keine besondere Begabung, wir sind nur leidenschaftlich neugierig.“
    Alan Lomax
    http://www.lomax-deckard.de

  19. Eine sehr gute und schöne Debatte. Worüber ich mich besonders wundere: Dass all die Filmblogger und Filmfans, so sie nicht professionell oder semi-professionell im “Über Film Schreiben” arbeiten doch gerade die Debatte, den Ausstausch den Streit vermissen dürften.
    Um so erstaunlicher, dass der zwischen den Blogs ja offenbar nicht stattfindet. Wer wie ich viele Jahre im Filmmekka Berlin gelebt hat und 1-2 die Woche ins Kino ging, dann aber wegzog und nun mit 2 Programmkinos leben muss, deren Programm…., egal, und der vor allem die Debatten nach dem Film sehr vermisst, der wundert sich. Es leben ja nicht alle Blogger in Berlin, Hamburg oder Köln und treffen dort ausreichend Leute, um Film zu sprechen. Warum ist diese Debatte, eben im Gegensatz zu USA, wo viele Filmleute auch nicht in den Filmstädten wohnen, in Deutschland so wenig ins Netz verlegt – ich zähle mal dummdusselige Kommentarfeeds auf den großen Filmseiten nicht dazu. Wohnt der deutschen Film-Blogwelt ein wenig zu viel Autismus und Debattenfremdheit inne? Sind es die von anderen Kommentatoren erwähnten Alphablog und Sympathie Probleme? Schade für mich in der Semi-Provinz auf jeden Fall, dass ich mit Usern auf MUBI interessantere und offenere Debatten führen kann, als auf den deutschen Blogs. Und eine Korrektur an Oliver: einen wie ich finde tollen, witzigen, eigenwilligen vor allem Podcast gibt es schon: die Flimmerfreunde.

  20. Bevor ich heute Abend noch ausführlicher werde: Warum ist Deutschland kein Filmland, was macht dies aus? Die oben genannten Argumente lassen sich auf jedes x-beliebige Land übertragen. Da sticht Deutschland nicht negativ heraus. Ich würde gar behaupten, Filmliebhaber, um es mal euphemistisch zu umschreiben, werden eher mehr. Durch den frühen Kontakt mit der englischen Sprache und dem Netz, wächst da einiges nach.

  21. Bisher haben hier ja nur Blogger kommentiert, darum versuche ich mal die Sichtweise eines Blog-Lesers darzulegen. Wobei ich allerdings eine Zwitter-Stellung einnehme, da ich ich selber auch einen kleinen Filmblog habe. Da dieser aber wirklich nur Hobby ist und von mir nebenbei – mein “echten” Job hat (leider) so gar nichts mit Film zu tun hat – betrieben wird, will ich diesen auch gar nicht mit den anderen Blogs von Filmwissenschaftlern und -journalisten vergleichen. Darum nehme ich mir mal heraus, nur als interessierter Leser von Filmblogs meine Gedanken über die vier Thesen mitzuteilen.

    1. Es gibt meiner Meinung nach sehr wohl eine lebendige und vielseitige Bloglandschaft, in der es viele engagierte Blogger gibt, die ihre Blogs regelmäßig mit Leben füllen. In meinem RSS-Reader tummeln sich zur Zeit ca. 80+ Blogs, die ich wöchentlich beobachte und es gibt sicherlich noch viele mehr, die ich bisher noch nicht entdeckt habe. Das zeigt ja auch, dass es in Deutschland durchaus viele Menschen gibt, die sich nicht nur für Film interessieren, sondern, mehr noch, bereit sind sich hier aktiv einzubringen. Ich brauche auch keine “Gurus”, deren Meinung, die maßgebliche ist. So etwas ist mir auch eher suspekt. Natürlich ist es mir durch meinen Beruf zeitlich nicht möglich, immer alle Blogs im Reader durchzulesen. Darum überfliege ich die kurz die Schlagzeilen und vertiefe mich dann dort, wo ich etwas für mich interessantes finde. Ich denke einmal so verfahren die meisten Leser – wenn sie sich nicht eh aus Zeit- oder Bequemlichkeitsgründen auf drei-vier “Stammblogs” festgelegt haben. Ja, mir ist auch schon aufgefallen, dass es in der Tat “Cluster” gibt. Also Blog-“Zirkel”, in denen sich die Macher untereinander kennen, zitieren und kommentieren. Und ich habe auch das Gefühl, dass es zwischen den Clustern kaum Austausch gibt. Ich wüsste aber nicht, was daran schlimm sein sollte. Es sei denn, man besteht darauf, dass die Filmblogwelt nur aus einer bestimmten Anzahl von meinungsbildender Blogs zu bestehen hat. Das sehe ich nicht aber nicht so. Die Blog-Landschaft sollte eben so heterogen sein, wie die das Medium Film selber.

    2. Ein Leitmedium brauche ich nicht. Ich evaluierte für mich selber Blogs, die mir wichtig sind. Diese lese ich, weil sie mir zusagen, nicht weil “man” sie lesen muss. Damit fahre ich bisher sehr gut. Überhaupt: Wie soll ein Blog es schaffen, all meine filmischen Interessen zu bündeln? Wie soll so etwas aussehen? Dann müsste man ja zunächst definerien, über welche Filme/Themen solche ein “Leitmedium” zu schreiben hätte und dieser Gedanke ist mir zutiefst zuwider. Bisher übernimmt mein RSS-Reader die Aufgabe meine Interessen zu bündeln auch sehr gut.

    3. Dass gute Inhalte nicht so einfach gefunden werden, stimmt. Hier ist es aber an den Bloggern selber, für Abhilfe zu sorgen. Wer keine Werbung für seinen Blog macht, wird auch nicht gefunden. Dass das nicht einfach ist und ziemlich viel Zeit und Kraft kostet, weiß ich selber. Aber wer meint etwas zu sagen zu haben, dem sollte es das wert sein. Und zu “Wer sich nicht zu schade dafür ist, einem neuen Trailer zu Film X einen Blogpost zu widmen (vielleicht auch in der Hoffnung auf Klicks), der kann auch die Arbeit eines Kollegen mit einem Blogpost würdigen.” kann ich nur sagen: Ganz richtig. Wird aber kaum gemacht. Ich habe bei mir selber eine Rubrik, in der ich die – subjektiven – Highlights der Woche aus den von mir beobachteten Blogs verlinke. Das macht zwar sehr viel Arbeit (wodurch ich das nicht regelmäßig schaffe), aber ich finde, diese Art der Belohnung haben gute Beiträge einfach verdient.

    4. Kann man so nicht über einen Kamm scheren. Da gibt es solche und solche. Es gibt Blogs, in denen sich alles um den Autoren dreht und mir die Filme nur als Mittel der Selbstdarstellung vorkommen. Hier gibt es dann zwar auch Austausch, aber meistens auf aggressive und mir höchst unsympathische Art und Weise. Da lasse ich die Finger von, weiß aber natürlich, dass gerade diese Seiten durchaus ihre Fans haben. Es gibt aber ebenso viele – wenn nicht mehr – Blogs, die ihre Filmliebe miteinander teilen und auf konstruktive Weise austauschen.

  22. @Oliver Lysiak

    Die ganze Diskussion ist mir zu ausufernd, also nur zum Teilaspekt, dass es keinen populären, guten deutschsprachigen Filmpodcast gibt: Doch, gibt es. Zum einen wäre das der Celluleute-Podcast, zum anderen Almost Daily bzw. der Plauschangriff. Interessanterweise jeweils aus dem Gaming-Bereich stammend. Hohe Zugriffszahlen, regelmäßig auf Sendung, hoch sympathische Angelegenheiten. Die Celluleute rekrutieren sich aus dem Maniac-Forum, Almost Daily wird von der Game One-Crew gemacht. Das sind zumindest die einzigen deutschen Filmpodcasts, die mir in den letzten Jahren begegnet sind, die es mit dem Unterhaltungslevel der amerikanischen locker aufnehmen können.

  23. Ich gehöre wohl auch zu den kleinen Amateur-Schreiberlingen, die man “dem Dunstkreis” des Medienjournals zuschreiben kann – was nun aber nichts schlechtes heißen soll, ich fühle mich mit dieser Umgebung und dieser Position recht wohl (und möchte zudem anmerken, dass ich diesen Beitrag hier durch den Media Monday überhaupt erst entdeckt habe ;-) ). In diesem Amateur-Bereich findet nämlich tatsächlich noch ein Austausch statt und die verschiedenen Blogger sind hier auch gerne noch bereit, einander auch einmal unter die Arme zu greifen. Was soll ich als jemand, der den Blog in erster Linie zum eigenen Vergnügen betreibt (ja, ich schreibe tatsächlich, weil ich Spaß daran habe) mich auch in Richtung der großen Blogs und Communities orientieren? Ein echter Austausch könnte hier doch beinahe nicht stattfinden, da ein Portal wie zum Beispiel Moviepilot oder von mir aus auch die OFDb einfach schon eine viel zu große und wichtige Stellung inne haben, als dass Schütze Arsch im letzten Loch (also ich) überhaupt in der Lage wäre, noch eigenen interessanten Content beizutragen.

    Was nun ein Leitmedium angeht, teile ich die schon vertretene Ansicht, dass das nicht unbedingt nötig ist – ich möchte keinen Blog lesen, nur weil es “sein muss”, weil er der richtungsangebende ist. Ich möchte die Blogs lesen, die mich interessieren. Und das sind eben auch eher Bullion mit Moviescape, Willy mit notagainsuchabadmovie, Timo mit Blockbuster Entertainment oder Garfield mit den Blogbusters. Warum? Weil mir die Macher sympathisch sind. Weil mir die Inhalte dort gefallen. Nicht, weil es sein muss. Das ist für mich viel wichtiger als das Gefühl zu haben, dass ich die wichtigen Blogs mitlese.

    Die guten Contents zu finden ist natürlich in der Tat schwer, da die fülle gerade an kleinen Filmblogs doch recht hoch ist. Hier muss ich als Leser schon etwas Aufwand betreiben und mich durch die diversen Blogrolls klicken. Nicht so toll, unterschreibe ich voll und ganz. Auf der anderen Seite habe ich als Autor es aber zumindest zu einem gewissen Teil auch selbst in der Hand, hier unterschreibe ich die wohl vorherrschendste Meinung absolut. Und hier wäre etwas mehr Vernetzung – und das nicht nur innerhalb der Filmblogger-Szene – wohl tatsächlich auch das angebrachteste Mittel zum Zweck. Nur, und jetzt komme ich zurück auf den Anfang meines Kommentars, denke ich nicht, dass seitens der “Großen” hier ein echtes Interesse an einer richtigen Partnerschaft besteht. Denn erstens wäre es für sie unnütz – die paar Leser, die mein Blog bringt, sind zu vernachlässigen, auf der anderen Seite ist es natürlich schon ärgerlich, wenn man seine eigenen “Kunden” verliert. Anders als bei mir ist auf den großen Seiten ja auch Kohle mit im Spiel, ich kann mir schon vorstellen, dass man sich da dann eher bedeckt hält.

    So, jetzt habe ich aber genug geschwallt. Ich danke dir auf jeden Fall für den Beitrag hier – eine Diskussion ist so auf jeden Fall einmal ins Rollen gekommen. Und Denkanstöße hat er sicherlich auch nicht nur bei mir gegeben.

  24. Ein guter und interessanter Beitrag!

    Ich möchte nicht gesondert auf Punkte eingehen, sondern meinen Standpunkt nennen. Als Eigenständigkeit sehe ich persönlich nur Kritiken an. Bei allem anderen sind äußere Einflüsse zu groß und die Persönlichkeit geht zumeist völlig verloren.

    Ich schreibe wahnsinnig gerne Kritiken und das sollte man auch merken. Allerdings bin ich auch großer Fan von News, kleinen Bildchen und Co., die ich als eine Art Service ansehe. Das Hauptaugenmerk liegt dennoch ganz klar auf den Kritiken.

    Mit den Querverweisen – das ist wohl das größte Übel. Ich für meinen Teil sehe hier keinen Konkurrenzkampf. Bei mir ist es eher so, dass ich Sachen zumeist schon viel früher erfahren habe oder es schlichtweg vergesse. Doch hin und wieder verlinke ich auch ganz gerne mal auf Blogs aus meiner Blogroll oder andere interessante Beiträge. Ich bin mir aber sicher – und unterstütze die These hier – dass viele andere das nicht machen, um keine “Besucher zu verlieren”, was ja auch irgendwo richtig, aber dennoch falsch ist.

  25. Als ich angefangen habe zu bloggen, da hatte ich schon einige Jahr des Schreibens hinter mir. Viele davon waren vollkommen dilettantisch und auch mein Start bei der OFDb lief eher aus dem Bauch heraus ab. Meine Ansprüche haben sich mit der Zeit entwickelt.
    Was mich schließlich zum Blog hingezogen hat, war gerade die Unabhängigkeit von Themen- und Duplikatskorsetts. Die Möglichkeit des kommentierens fand ich interessant. Die erste Idee, durch kurze Kommentare eher ein Filmtagebuch aufzubauen, ist allein aus Zeitgründen einem unregelmäßigen posten von dem geworden, was ich zu tippen in der Lage bin.
    Als Spätstarter habe ich die Hochzeit des Bloggens verpasst und dennoch kam es anfangs schnell zu einem Aufbau eines Kreises, der zudem durch meine Aktion deutscher Film zunächst lebendig im Austausch befindlich war.

    Es mag an meinen Zwangspausen liegen und am Einknicken mancher Blogger – mit Whoknows ist kürzlich einer der agilsten Kommunikationspfleger leider verstorben -, daß gefühlt weniger zusammen und miteinander geschieht. Auch die Zahl meiner Kommentare auf anderen Seiten ist im Verhältnis zu denen, die eingehen gestiegen.
    Natürlich könnte ich das auf die Länge meiner Texte und den Verzicht auf Bilder und Videos zurückführen, was erschreckenderweise nicht nur Teenager, sondern auch immer mehr Erwachsene davon abhält, sich weiter mit dem Inhalt auseinander zu setzen. Natürlich könnte ich auf die Wortkargheit von Twitter schimpfen, der/die/das(?) gemeinsam mit dem bösen Facebook in einem hermetisch abgeriegelten Raum die an Austausch interessierten Besucher abgreift. Die Frage die ich mir als Ein-Personen-Blogger in diesem ich-bezogenen Diskurs stattdessen stellen sollte, ist, ob ich hier überhaupt meine Zielgruppe zu suchen habe und ob ich in meiner Welt nicht alles richtig mache.

    Wenn ich mich nur bedingt für das aktuelle Filmgeschehen interessiere, komme ich nach Außen auch wenig in Kontakt mit jenen, die über dieses schreiben. Wenn ich in deutscher Sprache über alte (nach Einschätzung der jüngeren Generation eher prähistorische) Filme schreibe, die schlimmstenfalls nie eine Veröffentlichung in Deutschland genossen haben, dann ist mir der unique Content zwar einigermaßen sicher, aber die Zahl derer, die es lesen, geschweigedenn kommentieren wird, ist verschwindend gering. Wenn aber tatsächlich ein Suchender über den Artikel stolpert, dann ist dieser vielleicht 12 Monate alt. Wenn der Leser sich entgegen jeden Trends nun doch hinreißen läßt, zu diesem Text einen Kommentar zu hinterlassen, ja was bleibt mir dann noch, außer mich brav zu bedanken, weil mir dieser Film nun kaum noch vor Augen ist?
    Da braucht es keiner Leiter, um zu erkennen, daß im Grunde alles sich selbst im Wege steht und im Grunde jeder einfach aufgefordert ist, zu machen.

    Bedingungslos jeden Artikel schreiben, auch wenn Texte über Filme mit Freddy Quinn 10x so viele Klicks wie den neuen Spider-Man erhalten (war wirklich so), weil da draußen irgendwo ein Mensch sein könnte, den das Thema interessiert.
    Bedingungslos die Artikel von anderen lesen und auch kommentieren, wenn dieser älter als 15 Minuten ist.
    Bedingungslos eine Linkliste pflegen, die manchmal der einzige Ansatz ist, überhaupt auf Blogs aufmerksam zu werden.
    Bedingungslos auch einfach mal in einem Artikel auf andere Blogs hinweisen. Zumindest, wenn es einen Anlaß gibt, eine Meldung herausugeben.
    Und natürlich auf Augenhöhe bleiben, egal in welcher Höhe man sich selbst vermutet.

    Leider wäre das ein Vollzeitjob und vermutlich anspruchsvoller als die Kommentare auf Fashion- und Beautyblogs, deren 60 Kommentare pro Artikel oft, wenn man mal genauer hinsieht, aus “Tolle Bilder”, “Hab dich verlinkt, link mich bitte zurück” oder ähnlichen Off-Topic-Beiträgen bestehen, also im Kern nicht wertvoller als Nichts sind. (Loben muß ich an dieser Stelle Manfred Polak, der mit seinen Kommentaren stets interessante Daten beizutragen hat.)
    Aber vielleicht ist das einfach die Moral, nicht motzen sondern machen. Ganz oft entwickelt sich dann auch ganz von selbst ein Sog.

  26. Wenn man sich ideologiekritisch oder zumindest kulturtheoretisch zu Filmen äußern will, geht man einen einsamen Weg. Selbst etablierte Kritiker scheuen theoretisches Rüstzeug wie der Teufel das Weihwasser. Man kann durchaus von einer Intellektuellenfeindlichkeit sprechen. Diese Erfahrung mache ich mit meinem Videoblog “Die Filmanalyse” auf youtube. Aber es gibt auch ein wachsendes Publikum, daß sich für solche Inhalte interessiert, die über dauerironische Verrisse oder spirituelle Lobeshymnen hinausgehen. Gerade moviepilot ermöglicht da eine nicht zu unterschätzende Vielfalt.

  27. Als Schirmherr des „Dunstkreises“ oder „Clusters“ um das Medienjournal bzw. den „Media Monday“ und natürlich indirekter Nutznießer dieser angestrebten Debatte möchte ich freilich auch meinen Beitrag leisten und in kurzen Worten meinen Standpunkt kundtun, wenngleich ich auf eine Stellungnahme zu jeder einzelnen These gleichsam verzichten möchte. Blogosphäre ist natürlich ein recht schwammiger Begriff, der der Interpretation bedarf und ich sehe hier eine große Kluft zwischen den professionell ambitionierten und aufgestellten Blogs und den reinen Hobby-Schreibern, zu denen ich mich ja auch zählen darf, weshalb mich die Auswahl für das Interview nur umso mehr ehrt, hätten es meiner Meinung nach manche länger etablierten Blogs aus meinem direkten Umfeld durchaus eher verdient, hier berücksichtigt zu werden, wobei ich natürlich gespannt bin, welche Vertreter hier in den folgenden Tagen noch mit ihren Interviews folgen werden.

    Der These, dass keine deutsche Film-Blogosphäre existiert, kann ich mich unter dem Gesichtspunkt der Zerfaserung durchaus anschließen, wobei ich hier natürlich anmerken muss, dass dies die Gesamtheit deutscher Film-Blogs betrifft, wo doch meine Hobby-Kollegen untereinander einen recht regen Austausch pflegen. Nur inwieweit ist eine tiefergehende Vernetzung seitens der „etablierten“ Blogs überhaupt gewünscht? Ich sehe hier wenig Anstalten einer Annäherung von Groß zu Klein und die Hemmschwelle ist beachtlich, wenn ich nur daran denke, welchen Respekt ich vor der Arbeit beispielsweise von Christians Foyer gehabt habe und wie erstaunt ich war, wie menschlich und interessiert sich dieser an meinen Kontaktaufnahmen zeigte, wähnte ich ihn doch zu Beginn als Teil der elitären und ebenfalls hier angesprochenen Leitmedien.

    Durchaus sind Zusammenrottungen und gegenseitige Kommentatoren auszumachen, doch ob dies den lauter werdenden Ruf nach einem Leitmedium rechtfertigt wage ich zu bezweifeln, zumal ja insbesondere die Blogosphäre im Allgemeinen betrachtet davon lebt, sich nicht von irgendwelchen Leitmedien abhängig zu machen, geschweige denn abhängig machen zu wollen, denn dann könnte ja auch jeder auf einschlägigen Seiten bis hin zu amazon seine Meinung zum Besten geben und auf die Möglichkeit verzichten, ein Blog sein Eigen zu nennen. Ich persönlich werde vermutlich niemals reich werden mit dem was ich tue oder auch nur meinen Lebensunterhalt damit verdienen können, doch war dies ja auch nie meine Absicht oder Intention und insofern bin ich unendlich dankbar für jedes zur Verfügung gestellte Pressemuster, jede mir zuteilwerdende Aufmerksamkeit in Form von Kommentaren oder Einladungen zu Pressevorführungen oder Anfragen bezüglich Gastbeiträgen und fahre mit diesem Kurs ausgesprochen gut. Freilich hat so mancher einen gänzlich anderen Anspruch und sicherlich jeder würde sich freuen, zu den „Leitmedien“, den „Must-Read-Blogs“ gezählt zu werden, aber was macht das insbesondere für den Hobby-Blogger, der mit Spaß an der Sache dabei ist, für einen Unterschied. Seiten wie moviepilot wird man niemals ausstechen können, alles was in irgendeiner Form professionell und auf Vollzeitbasis betrieben wird, bleibt utopische Zukunftsmusik. Ich gehe einem Vollzeitjob nach, besuche in meiner Freizeit Fortbildungskurse zum Betriebswirt und was fange ich mit meiner verbleibenden Freizeit an? Ich blogge. Über Filme, Serien, Bücher oder sonst etwas, weder weil ich damit Geld verdienen möchte, noch weil ich hoffe eines Tages Leitmedium zu werden, noch weil der Drang nach Selbstdarstellung mich dazu treibt, sondern nur, weil ich meine Leidenschaft mit denjenigen teilen möchte, die sich auf meine Seite verirren und die ebenso Spaß daran haben, Filme zu analysieren, zu bewerten, gegeneinander aufzuwiegen, in den Himmel zu loben oder in der Luft zu zerreißen.

    Nun stellt sich mir abschließend die Frage, bei wem konkret – denn so die Schlussworte der Streitschrift – „Bloggen […] in Deutschland immer noch als Niederes Schreiben verpönt“ ist? Die zahlreichen Kooperationen und die bereitwillige Zusammenarbeit mit Filmverleihern und Marketing-Institutionen, ebenso wie auch beispielsweise mit diversen Buchverlagen spricht für mich da eine gänzlich andere Sprache, zumal ich keinerlei journalistische Ausbildung genossen habe. Zudem ist mir bis jetzt kein Film-Blogger untergekommen, der lieber mosert, statt gegenseitig zu unterstützen. Vielleicht lebe ich da im Dunstkreis meines „Media Monday“ in einer ausgesuchten Lila-Wolken-Welt, doch bisher war sich niemand für eine Verlinkung zu schade, hat sich oftmals artig bedankt und konnte mich bei Fragen gerne kontaktieren oder wurde im Gegenzug bei aufgefallenen Missständen von mir per diskreter Mail bedacht. In meiner Wahrnehmung ist die deutsche Film-Blogosphäre, so sie denn nach allgemeinem Konsens existiert, ein Ort ausgesuchter Höflichkeit und gegenseitiger Hilfsbereitschaft, aber vielleicht bin ich da mit meinen noch jungen 27 Jahren bisher einfach immer an die „falschen“ Leute geraten.

    Cluster-Bildung, fehlendes Leitmedium, mangelnde Vernetzung hin oder her, wir sind doch alles umgängliche Menschen und wollen an den Zuständen was ändern, frönen einer gemeinsamen Leidenschaft, warum also vernetzen wir uns nicht einfach, unterstützen uns, wo wir können und machen den digitalen Raum der Film-Aficionados zu einem noch schöneren Ort!? Ganz ehrlich, so schwer kann das eigentlich auch nicht sein. Und wenn es dafür wirklich einer Lobby, einer Kuppel, am besten einer Gewerkschaft bedarf, dann gründet sie und ich bin sofort dabei!

    • Als Blogger bekommt man ja jetzt auch Presseakkreditierungen und Einladungen für Pressevorführungen. Wir machen das seit 7 Jahren auf der Berlinale http://www.festivalblog.com, die echt früh dran waren, den Trend zu sehen.

      Aber so weit, wie in USA, wo Blog und Twitter Kalifen sogar zu Pre-Screenings geladen werden, um Uffrejung und Vorfreude für den Film zu erzeugen, bevor er überhaupt fertig ist. Oder dass Filmplakate mit Kommentaren von Blogs und Twitterleuten als Referenzen bedruckt werden und dass die Frage “Blogger” oder “Journalist” eben NICHT anhand des Mediums getfoffen wird, für das man schreibt oder sendet, sondern anhand von Reichweite und Klasse und auch der ganze urdeutscch U oder E Kultur Quatsch sein Ende hat, so weit sind wir in Deutschland noch lang nicht.

      Vielleicht ja eine These Nr. 5: Die Blogszenen nimmt sich selbst nicht ernst genug und wird deshalb von den Etabllierten auch nicht ernst genommen. Oder so….

  28. Pingback: Media Monday #83
  29. Film ist und bleibt, zumindest für den Großteil, ein pures Unterhaltungsmedium. Darüber zu schreiben, zu lesen, zu philosophieren kommt für diese nicht in Frage, da es “offline” elementarere Themen gibt. Es ist ein Hobby. Verurteilt wird man von denen, die es nicht tolerieren, vor dem Ende des Abspanns das Kino zu verlassen, oder nach einem Film nicht eine intensive Reflexion zu unternehmen. Keinesfalls möchte ich die Film-Blogosphäre negativ stigmatisieren, dennoch müsst ihr euch darüber im Klaren sein, dass ihr zu einer Minderheit gehört, die nur ohne ein Leitmedium funktionieren kann. So individuell wie die Frage nach dem richtigen Glauben, ist die Frage nach der richtigen Filmanalyse. Die Menschen sind alle gleich, jeder ist anders.

  30. Es gibt doch unzählige Filmblogs. Einfach googlen oder die Blogrolls bekannter Filmblogger durchgucken. Seit Jahren erfolgreich aktiv http://www.millus.org zum Beispiel.

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