Gestern Abend fand das angekündigte Panelgespräch zum Thema “Mythos Blogosphäre” auf der re:publica statt und ich bin mittelzufrieden. Zum einen habe ich Kritik an mir selbst als Moderator. Ich habe den Fehler gemacht, mich mitten zwischen meine Gäste zu setzen, was zwangsläufig immer dazu führt, dass, wenn ich eine Seite anschaue, die andere für mich unsichtbar wird. Das ist super unangenehm. Besser wäre es gewesen, ich hätte mich an eins der beiden Ränder gesetzt.
Außerdem hat sich schon in der Vorstellung der Gäste ein peinlicher Fehler in meiner Vorbereitung offenbart: Ich habe Inés, der Kaltmamsell, zugeschrieben, dass ich von ihr den Wahlspruch “Blog like no one’s watching” beherzigt habe, der allerdings – wie Inés sofort anmerkte – von Anke Gröner stammt. Er ist sogar das Motto ihres Blogs, das leider zurzeit offline ist. Ich will nicht ausschließen, dass Inés mal auf Anke verwiesen hat und ich den Spruch tatsächlich über sie wahrgenommen habe, aber das hätte ich einfach besser recherchieren können. Kein guter Start also. Entschuldige, Inés.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs hatte ich dann aber auch immer wieder das Gefühl, mit meinen Fragen ein wenig auf Grund zu laufen. Vieles von dem, was mich interessiert – gab es eine Selbst-Identifikation als Blogger:in innerhalb einer größeren Blogosphäre? Haben sich erste Blogger:innen-Treffen wie “Blog mich” oder re:publica wie besondere Momente angefühlt? Habt ihr beobachtet wie andere auf euch reagiert haben? Wie bewertet ihr eure Pionierrolle im Nachhinein? – wurde weder bejaht und erklärt, noch wurde ihm so richtig widersprochen. Bei mir hat sich ein großes Gefühl von “Es war alles sehr schön, aber mehr auch nicht” breitgemacht. Und das, obwohl ich nach kleinen Vorgesprächen mit Felix (mündlich) und Franziska (schriftlich) eigentlich ganz guter Dinge war.
Ich will ganz deutlich sein: Keine der anwesenden Personen schuldet mir oder irgendwem eine Deutung oder Einordnung ihres eigenen Tuns. Vielmehr ist das ja genau mein Projekt. Es braucht eventuell auch genau diese Zuschreibungen von Nachfolgenden, um dem ganzen Sinn und Form zu geben.
Ich glaube, ich bin darüber nur immer wieder irritiert, weil es diese Bedeutungszuweisungen ja durchaus zu der Zeit, über die wir sprechen, bereits gab. Blogger:innen haben auch immer schon gerne über das Bloggen gebloggt. Und Bücher wie Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo, das 2006 erschienen ist, haben den Mythos, auf den ich immer wieder referenziere, aktiv befeuert. Friebe und Lobo schreiben von “Blogrevolution” und “Spirit der Blogs” und beschreiben “das diffuse Wir-Gefühl einer angenehmen Schankwirtschaft, gepaart mit der offensiven Proklamation eines öffentlichen Plakatanschlags; und schließlich das Gefühl, im Lokalteil umfassend über den Nahbereich informiert zu werden, während die große Welt eher gefiltert eindringt” (S. 206, aktualisierte Taschenbuchausgabe).
Es ist also etwas passiert, damals, aber hier sind wir wieder an dem Punkt, dass Menschen, die Geschichte erleben, das im Moment selbst oft nicht merken. Ich glaube meinen Gästen, dass es für sie damals vor allem darum ging, einem Spaß am öffentlichen Schreiben zu folgen und sich mit anderen Leuten auszutauschen, und sie dann auch persönlich zu treffen, deren Texte sie sympathisch fanden. Genausoviele andere Blogger:innen waren ihnen aber egal, genau wie das von manchen Kommentator:innen oder eben cleveren Selbstvermarktern wie Friebe und Lobo zugewiesene Etikett “Blogosphäre”. Die Blogosphäre, insbesondere die frühe, war eben kein Druidenzirkel, in den man eingeschworen wurde, sondern ein amorphes Zusammenspiel von Menschen und ihren Medien, das aus jedem Blickwinkel anders aussah.
Damit ist das Thema aber nicht tot. Ich war besonders froh, dass sich mehrere Menschen im letzten Drittel des Gesprächs mit Wortbeiträgen meldeten, und mich dann doch eher bestätigten: “Es gab sehr wohl eine Blogosphäre und als Randfigur war ich total happy, dabei zu sein.” “Wenn es euch nicht gegeben hätte, hätte ich selbst nie mit dem Podcasten angefangen, ihr dürft also durchaus stolz sein.” – alle diese Beiträge kamen von Leuten, die, wie ich, etwas später, ab etwa 2009 dazukamen.
Eventuell ist das ein wichtiger Punkt: Damals hatte sich der Mythos, die Aura der Blogosphäre durch die vielen Berichte darüber schon gebildet. Aber erst durch die Menschen, die diesem Mythos folgten, wurde er erst so richtig real. Ähnlich wie ich öfter schon gelesen habe, dass der Mythos von Woodstock erst durch Michael Wadleighs Film wirklich kodifiziert wurde. Ich bin kein Historiker, aber ich glaube, diese Wahrnehmungsverschiebung ist ein typisches Phänomen.
Und dennoch glaube ich nach wie vor, dass in dieser Zeit auch eine Geschichte steckt. Das haben mir die diversen Gespräche mit Menschen abseits der Bühne in den letzten Tagen immer wieder gezeigt. Es gab – eventuell nicht ganz zu Anfang der 2000er aber spätestens zwischen 2005 und 2008 – einen Moment, wo sich in Blogs und in Veranstaltungen wie der re:publica eine fruchtbare Zusammenkunft aus Technik-Nerdtum und popliterarischem Feuilleton Bahn brach.
Dieser Moment war besonders, weil dieses Zusammentreffen so nur in diesem zeitlichen Moment mit genau diesen Leuten möglich war. Und weil er eben viele inspirierte, die damals noch zuschauten, weil sie zu jung waren oder sich noch nicht selbst getraut hatten, mitzumachen. Und ich hoffe, es gelingt mir noch, ihn irgendwie einzufangen. Wahrscheinlich muss ich einfach noch viel mehr Gespräche führen.
Bild: Rebecca van der Meyden

Es war trotzdem ein sehr schöner Tagesabschluß. Danke.
Ich habe euer Gespräch noch nicht gesehen. Neben den Gallionsfiguren, wie du sie nennst, war die Blogosphäre tatsächlich sehr bunt und vielfältig, so daß ich dich in deinem Forschungsdrang bestärken möchte. Ich war von Anfang an dabei und sage noch heute “das Weblog”. Das, was später durch Plattformen wie Antville unter dem Namen Bloggen bekannt wurde, habe viele immer schon getan, seitdem sie ins WWW gingen. Ich ging 1995 online und habe quasi von Tag 1 an protokolliert, dokumentiert, geschrieben, gesammelt und darüber wieder geschrieben, täglich. 1999 startete Claudia Klinger ihr digital diary, der Schockwellenreiter IIRC 2000. Nachdem ich mein Schreiben 1996 auf der Webseite begann, nannte ich ab April 2001 dann Weblog und hortete dann auf Antville und Twoday zig Weblogs zu verschiedenen Themen, bis ich 2011 wieder auf meine Seite zurückkehrte. Es gibt also im Hintergrund viele wie mich, die das, was im Vordergrund, nicht zuletzt durch die re:publica, durch Bloggertreffen geschaffen wurde, miterlebten.
Mir hat das Gespräch auch Spaß gemacht (ich bin der Christian mit der letzten Wortmeldung). Ja, es war gelegentlich etwas zäh, weil die drei Gesprächspartner deine Versuche, nach Sinn, Struktur und Gemeinschaft im frühen Bloggen zu suchen, gekontert haben mit: „Wir haben doch nur ins Internet geschrieben.“ Ich verkürze stark ;-) Dennoch ein schöner Rückblick und ein guter Ausklang für Tag 1.
Ich würde mich hier in den Kommentaren Christian anschließen wollen. Es klingt für mich eher nach einem guten Versuch, der an seinen Subjekten scheitert und nicht an der Idee. Deine Hypothese in der zweiten Hälfte des Beitrags würde ich unterstreichen. Wie viele meiner Peers fing ich erst verzögert an, verfolgte aber zu dem Zeitpunkt natürlich schon über Jahre zuvor diverse Blogs, die dann meine Arbeit inspirierten. Berichte über eine Blogosphäre, zu der man dazustoßen könnte, wenn man nur mitmacht, waren wahr. Diese dann mit eigenen Beiträgen fortführend zu beseelen ebenso. Das ist unabhängig von den Wahrnehmungen der frühen Subjekte zutreffend. Diese zweite Generation ist daher vielleicht eine viel spannendere, aufschlussreiche und aussagekräftige Gruppe, die du interviewen könntest.
Bei dir hat es ja im Endeffekt (ähnlich wie bei mir) sogar geklappt,
Ich hatte mich sehr darüber gefreut, dass es diesmal gleich zwei Programmpunkte zum Thema Bloggen gab. Von dem her vielen Dank für deine Initiative. Würde kein Problem darin sehen, wenn du im nächsten Jahr damit weitermachst :-)
Man muss natürlich so ein bisschen schauen, wie viel man reinihterpretieren will. Ich entdecke das auch immer wieder bei mir selbst. Man ahnt eine Geschichte, die man gerne auf eine bestimmte Weise schreiben würde. Und dann fragt man das bei Leuten ab, bei denen man vermutet, dass sie es einem genau so erzählen. Und plötzlich hat man eine andere Geschichte. Verdammt :D
Aber das ist eigentlich ganz gut so. Und macht am Ende mehr Spaß.
Du hast also keinen Fehler gemacht, sondern was Neues herausgefunden.
Mir war schon auch irgendwie klar, dass es quasi verschiedenen Bloggergenerationen gibt, oder Phasen. Hatte mir dazu aber noch gar nicht so viele Gedanken gemacht. Dein Slot auf der rp26 hat mir darum was gegeben, was mein Bild der Bloggosphäre verfeinert hat. Danke dafür!
Ich war ja zum Glück von Anfang an offen dafür, dass alles anders ist, als ich es mir zurechtgelegt hatte. Mit jedem Gespräch komme ich weiter.
Ich habe nur einen Teil gehört, weil ich dann verabredet war. Deshalb nur ein Teil-Eindruck: Die Menschen auf dem Panel wollten sich nicht selbst mystifizieren und das ist ja erst einmal sympathisch, aber natürlich nicht unbedingt spektakulär erhellend.
Ich weiß nicht, ob Dir so etwas wie eine Oral History vorschwebt, aber es klingt ein bisschen danach. Das fände ich prinzipiell spannend, andererseits fehlt vielleicht auch etwas jenseits der Meta-Ebene. Ein Beispiel: Das Buch “Gegenwart machen: Eine Oral History des Popjournalismus” funktioniert so gut, weil es neben dieser Meta-und Zeitgeist-Ebene noch eine Menge Zusammenhänge und Handlung in der physischen Welt erzählt werden. Du weißt vielleicht besser, ob das bei der Blogosphäre der Nullerjahre über “Und dann habe ich x kennengelernt” oder “Da sind wir zum Barcamp gefahren” hinaus geht. Prinzipiell steckt schon etwas in den Persönlichkeiten von damals (“Wer war Robert Basic?”, “Was macht der Typ hinter FIXMBR heute?”, “Warum hat das mit den Blogs für Katharina Borchert bei derWesten nicht geklappt?” etc.). Wie auch immer, gutes Gelingen, ich lese hier immer gerne mit!
Oral History war die allererste Ursprungsidee. Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, was es werden sollte oder müsste (am wahrscheinlichsten sind Podcast-Doppelfolge oder Magazin-Feature). Danke für den Hinweis auf das Buch – das klingt als wäre es das direkte Prequel. Und mit allem anderen hast du recht.