Vier Leute sitzen auf Stühlen und sprechen miteinander

“Mythos Blogosphäre” auf der re:publica 2026

Gestern Abend fand das angekündigte Panelgespräch zum Thema “Mythos Blogosphäre” auf der re:publica statt und ich bin mittelzufrieden. Zum einen habe ich Kritik an mir selbst als Moderator. Ich habe den Fehler gemacht, mich mitten zwischen meine Gäste zu setzen, was zwangsläufig immer dazu führt, dass, wenn ich eine Seite anschaue, die andere für mich unsichtbar wird. Das ist super unangenehm. Besser wäre es gewesen, ich hätte mich an eins der beiden Ränder gesetzt.

Außerdem hat sich schon in der Vorstellung der Gäste ein peinlicher Fehler in meiner Vorbereitung offenbart: Ich habe Inés, der Kaltmamsell, zugeschrieben, dass ich von ihr den Wahlspruch “Blog like no one’s watching” beherzigt habe, der allerdings – wie Inés sofort anmerkte – von Anke Gröner stammt. Er ist sogar das Motto ihres Blogs, das leider zurzeit offline ist. Ich will nicht ausschließen, dass Inés mal auf Anke verwiesen hat und ich den Spruch tatsächlich über sie wahrgenommen habe, aber das hätte ich einfach besser recherchieren können. Kein guter Start also. Entschuldige, Inés.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs hatte ich dann aber auch immer wieder das Gefühl, mit meinen Fragen ein wenig auf Grund zu laufen. Vieles von dem, was mich interessiert – gab es eine Selbst-Identifikation als Blogger:in innerhalb einer größeren Blogosphäre? Haben sich erste Blogger:innen-Treffen wie “Blog mich” oder re:publica wie besondere Momente angefühlt? Habt ihr beobachtet wie andere auf euch reagiert haben? Wie bewertet ihr eure Pionierrolle im Nachhinein? – wurde weder bejaht und erklärt, noch wurde ihm so richtig widersprochen. Bei mir hat sich ein großes Gefühl von “Es war alles sehr schön, aber mehr auch nicht” breitgemacht. Und das, obwohl ich nach kleinen Vorgesprächen mit Felix (mündlich) und Franziska (schriftlich) eigentlich ganz guter Dinge war.

Ich will ganz deutlich sein: Keine der anwesenden Personen schuldet mir oder irgendwem eine Deutung oder Einordnung ihres eigenen Tuns. Vielmehr ist das ja genau mein Projekt. Es braucht eventuell auch genau diese Zuschreibungen von Nachfolgenden, um dem ganzen Sinn und Form zu geben.

Ich glaube, ich bin darüber nur immer wieder irritiert, weil es diese Bedeutungszuweisungen ja durchaus zu der Zeit, über die wir sprechen, bereits gab. Blogger:innen haben auch immer schon gerne über das Bloggen gebloggt. Und Bücher wie Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo, das 2006 erschienen ist, haben den Mythos, auf den ich immer wieder referenziere, aktiv befeuert. Friebe und Lobo schreiben von “Blogrevolution” und “Spirit der Blogs” und beschreiben “das diffuse Wir-Gefühl einer angenehmen Schankwirtschaft, gepaart mit der offensiven Proklamation eines öffentlichen Plakatanschlags; und schließlich das Gefühl, im Lokalteil umfassend über den Nahbereich informiert zu werden, während die große Welt eher gefiltert eindringt” (S. 206, aktualisierte Taschenbuchausgabe).

Es ist also etwas passiert, damals, aber hier sind wir wieder an dem Punkt, dass Menschen, die Geschichte erleben, das im Moment selbst oft nicht merken. Ich glaube meinen Gästen, dass es für sie damals vor allem darum ging, einem Spaß am öffentlichen Schreiben zu folgen und sich mit anderen Leuten auszutauschen, und sie dann auch persönlich zu treffen, deren Texte sie sympathisch fanden. Genausoviele andere Blogger:innen waren ihnen aber egal, genau wie das von manchen Kommentator:innen oder eben cleveren Selbstvermarktern wie Friebe und Lobo zugewiesene Etikett “Blogosphäre”. Die Blogosphäre, insbesondere die frühe, war eben kein Druidenzirkel, in den man eingeschworen wurde, sondern ein amorphes Zusammenspiel von Menschen und ihren Medien, das aus jedem Blickwinkel anders aussah.

Damit ist das Thema aber nicht tot. Ich war besonders froh, dass sich mehrere Menschen im letzten Drittel des Gesprächs mit Wortbeiträgen meldeten, und mich dann doch eher bestätigten: “Es gab sehr wohl eine Blogosphäre und als Randfigur war ich total happy, dabei zu sein.” “Wenn es euch nicht gegeben hätte, hätte ich selbst nie mit dem Podcasten angefangen, ihr dürft also durchaus stolz sein.” – alle diese Beiträge kamen von Leuten, die, wie ich, etwas später, ab etwa 2009 dazukamen.

Eventuell ist das ein wichtiger Punkt: Damals hatte sich der Mythos, die Aura der Blogosphäre durch die vielen Berichte darüber schon gebildet. Aber erst durch die Menschen, die diesem Mythos folgten, wurde er erst so richtig real. Ähnlich wie ich öfter schon gelesen habe, dass der Mythos von Woodstock erst durch Michael Wadleighs Film wirklich kodifiziert wurde. Ich bin kein Historiker, aber ich glaube, diese Wahrnehmungsverschiebung ist ein typisches Phänomen.

Und dennoch glaube ich nach wie vor, dass in dieser Zeit auch eine Geschichte steckt. Das haben mir die diversen Gespräche mit Menschen abseits der Bühne in den letzten Tagen immer wieder gezeigt. Es gab – eventuell nicht ganz zu Anfang der 2000er aber spätestens zwischen 2005 und 2008 – einen Moment, wo sich in Blogs und in Veranstaltungen wie der re:publica eine fruchtbare Zusammenkunft aus Technik-Nerdtum und popliterarischem Feuilleton Bahn brach.

Dieser Moment war besonders, weil dieses Zusammentreffen so nur in diesem zeitlichen Moment mit genau diesen Leuten möglich war. Und weil er eben viele inspirierte, die damals noch zuschauten, weil sie zu jung waren oder sich noch nicht selbst getraut hatten, mitzumachen. Und ich hoffe, es gelingt mir noch, ihn irgendwie einzufangen. Wahrscheinlich muss ich einfach noch viel mehr Gespräche führen.

Bild: Rebecca Görmann

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