Ich bilde mir ja ein, dass ich auch mit über 40 nach wie vor einen relativ breiten Musikgeschmack habe. Ich habe zwar klare melodische und harmonische Vorlieben, derer ich mir auch bewusst bin, aber ich höre mich immer noch gerne breit durch alle möglichen Genres und Künstler:innen und versuche überall die Sachen zu entdecken, die mir gefallen.
Eine große Leerstelle ist bei mir trotzdem nach wie vor Rap und Hip-Hop. Das mag daran liegen, dass ich immer ein großer “Music first” Mensch war, der erst beim x-ten Hören wirklich auf Texte achtet. Vielleicht hat es zum Teil auch etwas mit dem Gestus der Subkultur zu tun, der mir insbesondere seit den 2000ern, ganz ohne Wertung, bis heute eher fremd ist. Was sich auch durch eingehendere Beschäftigung (ich habe dieses Jahr zum Beispiel mit Spaß das Buch “Könnt ihr uns hören?” von Jan Wehn und Davide Bortot gelesen) nicht ändert.
Insofern hat es mich dann doch gefreut, dass ich dieses Jahr ein Rap-Album entdeckt habe, das vermutlich mein Album des Jahres ist – und daher auch mit zwei Songs in meiner Playlist vertreten sein darf. Klar, wenn man ein Album schon Dead Channel Sky nennt – in Anspielung auf den berühmten ersten Satz von William Gibsons Neuromancer – und in seinen Songs dann auch ein allgemeines Gefühl von Cyberpunk aufkommen lässt, hat man bei mir sowieso schon gewonnen. Aber der eher maximalistische Ansatz des Trios clipping. – vertrackte Beats und Soundscapes, über die Daveed Diggs dann auch noch mit angeberischer Geschwindigkeit rappt – spricht in mir natürlich auch die Liebe zu Konzepten und Musiktheater an, die im Rap sonst eher nicht so vertreten sind. Die furiose letzte Minute von “Dodger”, in der Breakbeat, Streicherflächen und synkopierter Rap gemeinsam abheben, ist vielleicht das beste, was dieses Jahr entstanden ist.
Ansonsten war das Jahr musikalisch für mich eher wenig herausragend. Ich war auf vier Konzerten – über Alanis Morissette hatte ich ja schon geschrieben – und hatte sowohl bei And So I Watch You From Afar (Titelbild) als auch bei KNOWER einigen Spaß. Am meisten in meine Gehörgänge gewurmt haben sich der Song “Antarctica” der Band Divorce, in der sich männliche und weibliche Gesangsstimme wunderschön miteinander verweben, und Joe “Djo” Keerys Beatles-Pastiche “Charlie’s Garden”. Letzteres ist wirklich schon nah an der Parodie, mit seinen Ringo-esken Drumfills und dem Einsatz einer Piccolotrompete, die direkt aus “Penny Lane” geklont sein könnte, aber es ist trotzdem auch einfach ein schöner Song.
Ein willkommenes Wiedersehen gab es 2025 unter anderem mit Nao (Album Jupiter), Tunde Adepimpe von TV on the Radio (der immer mehr wie Peter Gabriel klingt), Molly Tuttle, The Beths (deren Konzert ich leider verpassen musste) Tyla und – überraschend für mich – auch Mariah Carey. 90er Jahre RnB steckt doch tiefer in meinem Venen, als ich selbst vermutet hätte. Ich habe nunmal als Teenager auch ab und zu geschmachtet.
Und wie immer ist auch dieses Jahr ein Song auf der Liste, der fast eine Hassliebe ist. Charlie Puths “Changes” klingt so sehr nach einem bestimmten musikalischen Moment Ende der 80er, Anfang der 90er (sehr bewusst, wie er in Switched on Pop erklärt hat), das ich einfach nicht weghören konnte. Hier trifft Wilson Philips “Hold On” auf Bruce Hornsbys “The Way it Is”, und es klingt einfach irgendwie genial, auch wenn mir die Melodielinie etwas zu repetitiv daherkommt.
Da ich letztes Jahr so viel darüber geschrieben habe, woher meine Musik kommt, will ich das zumindest kurz aufgreifen. Wohl in kaum einem anderen Jahr haben die Empfehlungen von NPR Music sich so sehr in meiner Endjahres-Playlist niedergeschlagen. Seit Bob Boilen das Team verlassen hat und All Songs Considered zwölfmal im Jahr “Contenders” nominiert, also Lieblingslieder der Journalist:innen dort, ist meine Überschneidung mit dem Geschmack der Redaktion erstaunlich hoch geworden. 17 von 26 Titeln habe ich zuerst bei All Songs Considered gehört. Die einzigen echten Algorithmus-Empfehlungen dieses Jahr waren Chloe Qisha und die zwei elektronischen Tracks.
- HAIM – Relationships
- clipping. – Keep Pushing
- Chloe Qisha – Sex, Drugs and Existential Dread
- Divorce – Antarctica
Bester Reim des Jahres, über zwei Strophen hinweg: “Antarctica” mit “Parked the Car”.
- Great Grandpa – Junior
- Djo – Charlie’s Garden
- Nao – Light Years
- The Knocks & Dragonette – Dreams
- Erik Luebs – Beat the Lifeless Heart
- Anthony Naples – Uforia2
- Tautumeitas – Bur ma laimi
- FKA Twigs – Eusexua
- Tunde Adepimpe – Drop
- Jacob Collier – Norwegian Wood
- Sandbox Percussion – Don’t Look Down: I. Hammerspace
- The Beths – No Joy
- Molly Tuttle – Rosalee
- Brandi Carlile – Church and State
- Amy Millan – Kiss that Summer
- Sarah McLachlan – Better Broken
- Tyla – Bliss
- Bon Iver – If Only I Could Wait (feat. Danielle Haim)
- Mariah Carrey & Shenseea – Sugar Sweet (feat. Kehlani)
- Charlie Puth – Changes
- Ólafur Arnalds & Talos – We didn’t know we were ready
- clipping. – Dodger
Die Playlist ist so arrangiert, dass sie sich gut von vorne bis hinten durchhören lassen sollte. Es gibt sie auf meinem Heimatplaneten Apple Music und kopiert bei Spotify.
