Nicht in die Fresse. Die erste deutsche “Wired”

Was ist eigentlich aus dem Ausdruck “Mitten in die Fresse” geworden? Die erste deutsche Ausgabe der Zeitschrift “Wired” sei “deutsch ‘in your face'” hat Chefredakteur Thomas Knüwer stattdessen in einem Interview mit “Horizont” gesagt. Ein widersprüchlicheres Bonmot hat man lange nicht mehr gelesen.

Widersprüchlichkeit findet sich auch in der merkwürdig schizophrenen Haltung des Magazins zu sich selbst. Deutsche In-Your-Facigkeit heißt anscheinend, dass sich schon das Editorial von Knüwer, ehemals Redakteur des “Handelsblatt” und seit Jahren kritischer Beobachter der deutschen Medienlandschaft, wie eine einzige große Rechtfertigung dafür liest, warum “Wired” in Deutschland überhaupt erscheinen sollte. “Kann Deutschland das noch, sich für Fortschritt entflammen?” heißt es dort. Die Argumentation setzt sich in Knüwers Leitartikel fort, in dem das angeblich ausschließlich negativ besetzte Wort “Nerd” dem positiveren “Geek” gegenübergestellt und die Häufigkeit des ersteren als Beweis für Deutschlands Innovationsfeindlichkeit herangezogen wird. Eine Haltung, die in den Reaktionen auf das Magazin im Netz von vielen stolzen Nerds bereits abgelehnt wurde.

Klar – es blinken einem aus dem Design des Magazins von jeder Ecke die Farben Schwarz-Rot-Gold entgegen. Johannes Gutenberg wird (von einem Amerikaner, Jeff Jarvis) als “erster deutscher Geek” bezeichnet und viele der porträtierten Geeks sind Deutsche oder arbeiten hier. Doch so recht wollte in mir bei der Lektüre kein Patriotismus aufkeimen. Und das sicher nicht nur, weil die fotografierten Atommeiler in der zentralen Fotostrecke zur Zeit nach der Energiewende alle in der Schweiz stehen.

“Wired” erscheint seit 1993 in den USA und besitzt bereits Ableger in Großbritannien, Japan und Italien. Die Zeitschrift ist geprägt durch einen visionären, hoffnungsvollen und innovativen Blick auf Technik, Innovation und die Welt, in der wir leben. Sie scheint ständig sagen zu wollen: “Schaut her, wir haben jede Menge Probleme aber wir schaffen das schon.” Die Überbringung dieser Botschaft gelingt ihr in einer Zweiteilung des Magazins in kurze, scharfzüngig-humorvolle Fenster auf die verdrahtete Erde und lange, analytische Artikel aus der aktuellen Forschungs- und Kulturlandschaft.

In der deutschen “Wired” hingegen scheint dieser Haltung oft eine Art Sicherheitsnetz vorgeschaltet zu sein, das sich nicht nur in Knüwers Selbstgeißelung sondern auch im eher moderaten Tonfall der Kurzrubriken und der deutlich kürzeren und damit zwangsweise oberflächlicheren Artikel niederschlägt. Thomas Knüwer hat die mögliche Reaktionen darauf im anfangs zitierten Interview sogar vorhergesehen, bleibt aber bei seinem Standpunkt, die amerikanische Machart sei in Deutschland “so nicht brauchbar”.

Am besten sollte man die deutsche “Wired” mit dem Auge von “Wired” selbst betrachten. Das kühne Design loben, die liebevoll gestalteten Infografiken, die starken Meinungskolumnen von Vertretern der deutschen Netzgemeinde und die Spaßrubrik “FAQ”, die tatsächlich Spuren der gewohnten “Wired”-Rotzigkeit besitzt. Vor allem aber anerkennen, dass es Erstausgaben ohne feste Zusage auf Fortsetzung in ihrer Selbstbehauptung immer schwer haben, eben weil ihnen die Aufenthaltsgenehmigung erst noch ausgestellt werden muss. Und man darf, wie es “Wired” tun würde, die Hoffnung nicht aufgeben, dass gute Absichten belohnt werden. Dass die deutsche “Wired” kein Einzelexperiment bleibt, in Serie geht und es sich in Zukunft dann vielleicht auch leisten kann, noch ein bisschen mehr in die Fresse zu schlagen – und ein bisschen weniger schief in your Face zu grinsen.

erschienen in epd medien 37/2011

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