Game of Thrones x Deutsche Zeitschriften (II)

Ich hab es einmal getan, es war klar, dass es wieder passieren müsste. Vor allem dank der unermüdlichen Kreativität meines Freundes Marc Exner gibt es pünktlich zum Start der neuen Staffel eine neue Runde Game of Thrones Zeitschriften-Mashups. “Braavos” stammt von mir. Alle anderen sind von Marc. [Ergänzung: 16.4., “Stark” stammt von Michael]

Abschließende und Mehrwollende – Wer bist du?

© HBO

Will abschließen (links), will mehr (rechts)

Ich habe das Zitat zuerst in einem Scriptnotes-Podcast gehört. Einer Google-Suche zufolge wird es der amerikanischen Publizistin Dorothy Parker zugeschrieben und es drückt eigentlich schon vieles von dem aus, womit ich mich im folgenden Text beschäftigen will: “I hate writing, but I love having written.”

Dabei kann ich nicht einmal sagen, ob ich der ersten Hälfte des Zitates zustimmen würde. Ich hasse es nicht, zu schreiben. Aber die zweite Hälfte stimmt dafür umso mehr: Ich liebe es, etwas getan zu haben. Das geht mir nicht nur in der Produktion so, sondern auch in der Rezeption. Ein Buch durchlesen, einen Film fertigsehen, eine Serienstaffel beenden – das alles sind Momente, die mich mit Freude erfüllen. Sie geben mir das Gefühl, etwas geleistet, etwas geschafft zu haben. Eine Sache weniger vor Augen zu haben, die auf Vollendung wartet.

Das erste Feld eines neuen Weges

Doch wie so häufig stelle ich fest, dass mein Empfinden keinesfalls dem der gesamten Menschheit entspricht. Wie diametral entgegengesetzt die Wahrnehmung von Abschlüssen sein kann, erlebe ich jedes Mal wieder, wenn ich gemeinsam mit einer mir sehr nahen Person (insbesondere) Fernsehen gucke. In der letzten Folge der vierten Staffel von Game of Thrones passiert Einiges, auch Überraschendes, aber es gelingt der Serie, alle Hauptfiguren am Ende der Folge – und der Staffel – auf das erste Feld eines neuen Weges zu setzen und wunderbare offene Enden zu konstruieren. “Prima”, denke ich mir, während der Abspann läuft, “brillant beendet. Ich freue mich auf nächstes Jahr und bin froh, jetzt erstmal wieder andere Dinge zu machen.” Doch neben mir auf der Couch quietscht es entrüstet: “WAAAS? UND JETZT MUSS ICH WIEDER EIN JAHR WARTEN, BIS ES WEITERGEHT?”

Ich habe das Gefühl, dass die in Nerdkreisen so übliche Listenkultur eigentlich meine Sichtweise der Dinge unterstützt. Erst wenn ich einen Film gesehen, ein Buch gelesen habe, kann ich es in die “Erledigt”-Ecke meines virtuellen Regals stellen, egal ob auf Goodreads oder auf Letterboxd. Ein Buch, das auf ewig in meiner “Currently Reading”-Liste vor sich hinrottet, “bringt” mir nichts. Ich kann nicht behaupten, dass ich es gelesen habe. Und eine Serie, die nie endet, etwa eine Daily Soap, erlaubt nicht nur ihren Charakteren, sondern auch mir nicht, Frieden zu finden, abzuschließen, weiterzugehen.

Eine Art Limbus

Ich staune, wenn ich lese, dass meine Blogger_innen-Kollegen Björn und Yolanda Bücher nach der Hälfte oder zwei Dritteln zur Seite legen und nie wieder angucken. Sicher, so leben die Charaktere ewig fort, aber doch nur in einer Art Limbus – ohne Ziel und Zweck. Mein innerer Aspie würde da auf Dauer durchdrehen.

Die unterschiedlichen Bedürfnisse an große Erzählungen scheinen eine breitere Diskussion in der Popkultur, insbesondere in der Fan-Kultur zu sein. Nicht nur in der Serie Community ist eine Figur erst dann vollständig zufrieden, als sie mit dem Doctor Who-inspirierten “Inspector Spacetime” eine Obsession gefunden hat, die selbst in ihrem bisherigen Umfang quasi endlos ist und damit auch endlose Obsession zulässt. In einem lesenswerten Artikel auf “The Daily Dot” blickt Dominic Mayer kritisch auf die erste kanonische Veröffentlichung aus dem Harry-Potter-Universum seit mehreren Jahren und die bevorstehenden Filme, die J. K. Rowling derzeit schreibt, und zieht vergleiche zu George Lucas’ Herumdoktern an der ursprünglichen Star Wars-Trilogie, George R. R. Martins “Fuck You” an Fans, die verlangen, er möge schneller schreiben – und sogar Community selbst, die Serie, die sich auf immer absurdere Weise weigert zu sterben, um ihr selbst-gesetztes “six seasons and a movie”-Schicksal erfüllen zu können.

“Part of Art is Finality”

“[I]t’s hard to argue that part of art is finality”, schreibt Mayer. “The debate and continual reinterpretation is what keeps it alive, not a continuous stream of canon that ensures nobody ever has to feel sad about a thing they enjoyed coming to a close.” Ich bin geneigt, ihm Recht zu geben – und das als jemand, der sich bevorzugt mit nicht-endendem Franchising beschäftigt. Wie enttäuschend sind doch häufig nachgeschobene Sequels wie Indiana Jones and the Crystal Skull oder Live Free and Die Hard? Wie belanglos und leichenfleddernd neue Pink Floyd Alben 20 Jahre nach einem würdigen letzten Aufbäumen, das auf dem bittersüßen Gitarrensolo von “High Hopes” (allein der Titel!) geendet hatte?

Ich kann Anderen ihre Lust am Mehr nicht absprechen, finde es sogar bewundernswert, wenn sie so gut mit der Nichtabgeschlossenheit einer Geschichte leben können und gar nicht das Bedürfnis haben, eine Art “innere Ablage” zu betreiben. In unserer Kultur der “Hyper-Stasis” oder Atemporalität befeuert es aber natürlich auch das immerwährende Bedienen am Alten und die Weigerung, zu neuen Grenzen aufzubrechen, bis nur noch ein Weltuntergang helfen kann – wobei uns Comics, Alien-Filme und Posthume Auftritte natürlich daran erinnern, dass niemand tot bleiben muss.

Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende? Zu welcher Fraktion gehört ihr, liebe Leserinnen und Leser?

Game of Thrones entert die deutsche Zeitschriftenlandschaft

Mit “Ygritte” (die mir in den letzten Tagen mehrere tausend Hits auf dem Blog verschafft hat und bisher 130 mal bei Facebook geteilt wurde) fing alles an. Aber die Idee war zu gut (oder zu blöd), um sie nicht zu variieren. Hier ist die gesamte Galerie der mir bekannten Cover. [Ergänzung: Inzwischen gibt es eine zweite Folge.]

Hodor


Montage: Slow Pulse Boy

Eltern (Jaime und Cersei-Ausgabe)


Montage: Alex Matzkeit

Brienne


Montage: Marc Exner

Dany


Montage: Alex Matzkeit

Ygritte


Montage: Alex Matzkeit

Crowsmopolitan


Montage: Henrik Tersteegen

“Ygritte” – Die Zeitschrift für die moderne Wildlingsfrau

Ich schaue Game of Thrones auf Englisch. Wäre meine Frau nicht eines Tages laut schimpfend ins Wohnzimmer gekommen, weil sie im Hörbuch von “Das Lied von Eis und Feuer” den Namen von Rose Leslies Charakter deutsch aussprechen, wäre wohl nie diese Idee geboren.

Vorschläge für weitere Heftthemen gerne in die Kommentare.

Vier Filmadaptionen, die besser Fernsehserien wären

© 20th Century Fox, Everett Collection, Warner Bros.

Am vergangenen Wochenende ist die vierte Staffel von Game of Thrones gestartet. Die Serie ist bis heute insofern ein Meilenstein, als dass sie gezeigt hat, dass die Dicke eines zu adaptierenden Buches nicht unbedingt etwas über die Größe des Ausgabemediums aussagen muss. Im immer noch andauernden Neuen Goldenen Zeitalter der Dramaserie kann eine Fernsehadaption für einen epischen Fantasyroman eine deutlich bessere Adresse sein als ein Kinofilm. Eben weil sie Zeit hat für Charakterentwicklung, Mythologie und Weltenbau – Faktoren, die im effekthascherischen Blockbusterkino gerne zu kurz kommen. Nach einer Reihe von Adaptionsflops im Kino wie The Golden Compass, Eragon und Tintenherz hat Game of Thrones bewiesen, dass klassische Fantasy jenseits von Tolkien durchaus weiterhin ihren Reiz hat – wenn sie das richtige Medium findet.

Das Kino schaut sich derzeit eine Menge vom Fernsehen ab. Das Aufsplitten von Stoffen in mehrere, nicht abgeschlossene Folgen etwa wird zur akzeptierten Tatsache – bei Twilight, The Hunger Games und jetzt auch Divergent. In den Superheld-Kosmen bilden sich sogar Konstruktionen, die an die “Showrunners” und “Writer’s Rooms” der US-Fernsehindustrie erinnern. Gleichzeitig erarbeitet sich das Fernsehen immer mehr Freiheiten und löst sich in den USA Stück für Stück von den klassischen Network-Formaten mit ihren festen Vorgaben für Längen, Staffeln und Werbepausen-Dramaturgie.

Warum also nicht gleich ins Fernsehen? Von monetären Gründen jetzt mal abgesehen: hier sind vier Kinoereignisse, die sich meiner Meinung nach auf dem kleinen Bildschirm genauso wohl gefühlt hätten – wenn nicht wohler.

1. Harry Potter

Die Harry-Potter-Filme bilden – nach dem Marvel Cinematic Universe – die erfolgreichste Filmserie aller Zeiten, aber man muss nicht lange bohren, um zu der Meinung zu kommen, dass einige von ihnen als Filme im Vergleich zu den Büchern wirklich abstinken. Die Deathly Hallows wurden in zwei Teile geteilt, aber gerade die Bücher vier bis sechs leiden doch sehr darunter, dass viele hundert Seiten mit Mühe und Not in zweieinhalb Stunden gepresst werden mussten.

Dabei ist purer Plot mit Sicherheit nicht Joanne K. Rowlings starke Seite. Immer und immer wieder jagen Harry und seine Kumpanen diversen MacGuffins hinterher. Dabei sind der eigentliche Star der Bücher die Beziehungen der Figuren zueinander, zu der Welt um sie herum und besonders zu ihrer Vergangenheit. Dazu folgen die Romane noch bis Buch sechs den regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen eines Schuljahres, das sich nicht ganz zufällig gut mit dem Zeitplan einer Fernsehsaison deckt. Harry Potter als Internatsserie, mit einem großen Cast aus Lehrern und Schülern, die alle echte Persönlichkeiten sind und nicht nur Stichwortgeber für die Hauptfigur. Und dazu der Season-übergreifende Plot rund um Voldemort und Co. Ich glaube, das könnte richtig gut werden.

2. The Godfather – Part II

Aus irgendeinem Grund muss The Godfather – Part II immer in der “Sequels, die besser sind als der erste Teil”-Diskussion als Beweisstück herhalten. Dabei gewinnt dieser zweite Teil hauptsächlich dadurch, dass er MEHR Handlung in einem Film bietet, als Teil eins. Ganz hinterhältig baut er eine zweite Zeitebene ein, die keinerlei direkte Auswirkungen auf die Handlung in der Jetztzeit hat.

Dennoch erinnert die Struktur von The Godfather – Part II in gewisser Weise enorm an die so genannten A- und B-Plots von Fernsehserien. Und darin steckt sein Potenzial: Statt einem über-überlangen Film erschafft man eine Serie, in welcher der A-Plot in der Gegenwart und der B-Plot in der Vergangenheit spielt. Die beiden spiegeln und beeinflussen einander mal mehr, mal weniger und die komplizierten Familienverhältnisse der Corleones bekommen allen Raum, den sie brauchen. Verdammt, ich glaube abgesehen von der Zeitebene haben die Sopranos diese Aufgabe wahrscheinlich schon erfüllt.

3. The Hobbit

Ja, ihr lacht. Mit jedem neuen Film aus Peter Jacksons zweiter Mittelerde-Saga bricht das Gejammere darüber wieder los, dass hier ein kurzes Buch auf viel zu viel Zeit ausgedehnt wird. Ich halte dagegen, dass die Geschehnisse des Buches im Gegenteil noch viel mehr Zeit verdient hätten. Derzeit befindet sich der Hobbit in einem merkwürdigen Limbus: Er muss einerseits auf drei Kinofilme gestreckt werden, hat aber trotzdem nicht die Zeit, um seinen Charakteren (13 Zwerge!) und Schauplätzen ausreichend Tiefe zu verleihen. Das Ergebnis sind hauptsächlich überflüssig lange und komplizierte Actionszenen, die einen nach einer gewissen Zeit zu langweilen beginnen. (Das ist auch der Grund, warum zumindest bei An Unexpected Journey die 20 Minuten längere Extended Edition einen wesentlich besseren Fluss entwickelt).

Wieviel schöner wäre ein Hobbit in 19 jeweils 45-minütigen Fernsehepisoden (eine für jedes Kapitel)? Mittelerde in all seiner Pracht entdecken. Genug Zeit für ausführliche Gesangseinlagen, Slapstickszenen und Geschichten. Und im Hintergrund der unterhaltsamen Episoden langsam aber unaufhaltsam den düsteren “Erwachsenen”-Plot aufbauen, den Jackson mehr schlecht als recht in seinen Film hineinzufriemeln versucht. Das wäre ein Hobbit der Fans und Neulinge gleichermaßen zufriedenstellen könnte.

4. Slumdog Millionaire

Danny Boyles erfolgreichster Film ist zugleich der, über dessen Enttäuschung ich nie hinwegkommen werde, weil er eins der zentralen Elemente seiner Vorlage unter den Tisch fallen lässt. Vikas Swarups Roman Q & A folgt dem gleichen Prinzip wie Boyles Film: Er entdeckt die Lebensgeschichte eines Menschen in den Antworten auf 15 Quizfragen. Doch weder sind die Fragen so einfach und eindeutig mit den Lebensereignissen verknüpft, noch folgen sie im Buch der Lebenschronologie der Hauptfigur.

Die emotionale Bindung an den Hauptcharakter wird in 120 Minuten stärker, wenn das Drumherum überschaubar bleibt, insofern sind die Entscheidungen von Simon Beaufoys Drehbuch nachvollziehbar. Doch meine ideale Adaption von Q & A wäre nach wie vor eine Art indische Variante von Lost, in der in 15 Episoden das Leben eines Menschen wie ein Puzzle aus einer Reihe von nicht-chronologischen Flashbacks zusammengesetzt wird. Und das Konzept ließe sich durchaus über mehrere Staffeln ausdehen, in denen der Quizmaster und die Quizshow das verbindende Element bleibt, aber jedes Jahr das Leben und das zentrale Mysterium einer neuen Persönlichkeit zusammengesetzt wird.

Ursprünglich sollte dieser Artikel mal fünf Vorschläge enthalten, doch mir wollte einfach kein gutes fünftes Beispiel einfallen. Habt ihr noch Beispiele für Filme, die ihr lieber in Serienlänge erleben würdet, liebe Leser_innen?