Gottes Auge: Der wirklich geniale Kniff an This Is Us

This Is Them (c) NBC

Es gibt vieles, was man This Is Us vorwerfen kann (und ich denke, es ist zu Genüge geschehen). Die Serie um ein Drillingstrio, von dem eins Schwarz und adoptiert ist, ist oft genug kitschig. Sie ist melodramatisch und dreht bei allem, was mit Gefühlen zu tun hat, die Regler immer so weit nach rechts, das sie manchmal brechen. (Finde ich nicht nur verkehrt, vor allem wenn es um männliche Verwundbarkeit geht, aber sei’s drum.) Und sie hat alle Fallstricke einer Seifenoper, mit dramatischen Wendungen in einer solchen Häufigkeit, das es manchmal ins Absurde abdriftet. Insbesondere die Dichte an lange verloren geglaubten, plötzlich wieder auftauchenden Verwandten lässt an einen eher an die Klischees einer Telenovela denken, als an “Qualitätsfernsehen”.

Doch während ich gerade in der Mitte der 5. Staffel stecke (wir hatten zwischendurch fast zwei Jahre Pandemiepause gemacht, weil uns alles etwas too much war), bewundere ich aufs Neue, wie genial weniger die Handlung als der zentrale erzählerische Kniff von Dan Fogelmanns Serie ist. This Is Us spielt, das ist der erste große Reveal am Ende der Pilotfolge, parallel in verschiedenen Zeitebenen. Gleichzeitig zum Leben der Hauptfiguren als erwachsene anfangs 35-Jährige im Jahr 2016, erzählt die Serie auch die Geschichte der Eltern 35 Jahre zuvor.

In den ersten Staffeln hat das Ganze ein bisschen den Vibe von The Godfather – Part II. Die Szenen, die in den 80ern spielen, haben hauptsächlich Rückblenden-Charakter. Sie informieren Geschehnisse in der Gegenwart, bieten notwendigen Hintergrund, und dienen vor allem darum, ein sehr lange gezogenes Stück Suspense aufrecht zu erhalten. Wir wissen, dass Jack, der Vater von Kevin, Kate und Randall, gestorben ist, aber wir wissen nicht, wann und unter welchen Umständen. Bis diese Frage endlich aufgelöst wird, legt die Serie sehr viele falsche Fährten. Meisterhaft, aber irgendwann auch ein wenig ernervierend.

Von dieser Enthüllung befreit wird This Is Us ab Staffel 3 mutig. Sie multipliziert die Zeitebenen und springt nicht nur in verschiedene Zeiten zurück (inklusive der Kindheit der Eltern), sondern auch nach vorne, wenn die Kinder der Protagonist*innen bereits erwachsen sind. Gelegentlich baut sie dadurch die gleiche Fake-Spannung auf, indem sie einen schicksalhaften Moment vorwegnimmt und uns dann lange in der Schwebe hält, wie es dazu kam.

In den besten Fällen aber nutzt die Serie ihre Allwissenheit über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht nur eines Menschen sondern einer ganzen Gruppe, um wirklich wie mit dem Auge Gottes auf ihre Leben zu blicken. Sie tritt einen Schritt zurück und breitet das Leben ihrer Figuren wie einen geknüpften Teppich vor den Zuschauenden aus. Sie lässt uns die Fäden sehen, die sich vom Gestern ins Heute und ins Morgen ziehen, und die, die plötzlich enden, nur um vielleicht später wieder aufgenommen zu werden. Sie zeigt uns, wo Pfade auseinandergehen und wieder zusammenfinden oder neue Abzweigungen bilden. Sie lässt uns Menschenleben als Ganzes betrachten, nicht nur durch den schmalen Sehschlitz, der unser Alltag ist.

Man stelle sich vor, man besäße diese Fähigkeit für sein eigenes Leben. Möchte man das überhaupt? Psychotherapie versucht es manchmal. Alle Karten auf den Tisch legen und versuchen, die Muster zu erkennen. Aber This Is Us sieht eben nicht nur die Kausalitäten aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Es kann auch noch sehen, ob wir die Versprechen, die wir uns heute geben, halten werden, und wer noch dabei sein wird, um uns daran zu erinnern. Wer diesen Auge hat, der besitzt ein mächtiges Werkzeug. Es lässt ein ein kleines bisschen ehrfürchtiger auf uns Menschen und unsere Verstrickungen blicken. Und das ist etwas Besonderes.

Popkultur-Simulakren, 2021

Cowboy Bebop, (c) Netflix

Seit ich ihn gelernt habe, beim Schreiben meiner Magisterarbeit vor etwa 15 Jahren, lässt mich der Begriff des Simulakrums nicht mehr los. Ich weiß nicht, ob Jean Baudrillard ihn erfunden oder nur adaptiert hat (und bin gerade zu faul zum Googeln, der Sinn dieser Blogposts soll sein, dass ich sie schnell runterschreibe) und ich weiß auch, dass er sie deutlich politischer aufgeladen hat, als es heute meistens getan wird. Aber ich mag ihn einfach sehr, diesen Gedanken, von einem Zeichen, das auf etwas verweist, was nicht mehr da ist und somit nur noch als leerer Verweis stehen bleibt – wie ein Hyperlink auf eine 404-Seite.

In den vergangenen Jahren habe ich schon oft über Retromanie und reaktionäre Nostalgie geschrieben, aber das, was mir im Jahr 2021 begegnet, halte ich oft für harmloser. Ich denke, es stammt meist aus einer genuinen Liebe für etwas Vergangenes, und dem Wunsch, ihm ein zweites Leben einzuhauchen. Musik-Streaming etwa hat musikalischen Nischen den Weg bereitet, die sehr stark in diesen Topf greifen. Die Musik der Band LeBrock klingt eins zu eins nach Powerballaden und Hairmetal-Hymnen der 1980er, so nah dran, dass man es fast schon für Parodie halten könnte – es ist aber bierernst. Wir leben aber nicht mehr in den 1980ern, sondern 40 Jahre später. Worauf die musikalische Ästhetik der Zeit reagiert hat, etwa den Überhang der Hippie-Ära oder den Maximalismus der politischen Rhetorik, hat sich gewandelt. Somit wird die Musik von LeBrock zum Simulakrum, zum Zeichen ohne Bezeichnetes. (Ich finde sie trotzdem gar nicht schlecht, ehrlich gesagt)

Im Streaming-TV sehen wir etwas Ähnliches. Wir haben darüber unter anderem in der bald kommenden Folge von Kulturindustrie gesprochen, deswegen will ich nicht zu sehr vorgreifen, aber was genau will eigentlich Cowboy Bebop? Wenn man ein kulturelles Produkt remaket, das seinerseits bereits auf alle Lieblingsdinge der Macher*innen verweist, was bleibt dann übrig?`

Die Ästhetik, die entsteht, wenn man diesen Produktionen einerseits genug Geld gibt, um sie stellenweise poliert aussehen zu lassen, andererseits aber auch wieder nicht so viel, um sie wirklich ins Detail zu durchdenken und etwas eigenes schaffen zu können, ist so eine merkwürdige Middlebrow-Hohlheit. Nicht underdog-mäßig genug, um in seiner niedrigen Qualität charmant und roh zu sein (was man evtl. für den Original-Anime argumentieren könnte, aber auch für andere Kultprodukte wie etwa Evil Dead), aber auch nicht so mit Budget zugeschissen, dass es für echte Hochwertigkeit reicht.

Bei The Wheel of Time, von dem ich – so viel Transparenz muss sein – erst eine Folge gesehen habe, verhält es sich meiner Ansicht nach ähnlich. Die Serie ist auf Glamour gebürstet, der ruft “Schau mal, ich bin hochwertig”, es scheint ihr aber an wirklicher Qualität zu fehlen. Die Hauptdarsteller*innen, mit Ausnahme von Rosamund Pike, fallen alle in die Kategorie “Hübsch, aber charakterlos”, für die Ausstattung gilt Ähnliches. Passt aber vielleicht dann auch wieder ganz gut für eine Buchvorlage, die zwar ein großer Fantasy-Erfolg war, sich aber im Rückblick vor allem wie eine Neuverquirlung aller bis dahin bekannten Fantasy-Klischees, von Bibel über Tolkien bis Dune, mit wenigen eigenen Ideen liest.

Das sind sie, die Popkultur-Simulakren von 2021 – Verweise auf Verweise, aber nicht originell und postmodern verspielt, sondern außen poliert und innen hohl. Streaming-Golems, gut genug für Netflix und Amazon Prime.

The Morning Show und Real World Suspense – Is it a thing?

Wir haben am Wochenende die zweite Staffel von The Morning Show auf Apple TV+ beendet. Obwohl es tragisch ist, dass diese Serie, die ich in der ersten Staffel mal sehr unterhaltsam fand (und in der immer noch viele sehr charismatische Schauspieler*innen mitspielen), in der zweiten leider ziemlich random und langweilig geworden ist (Linda Holmes kann besser erklären, warum), hat sie doch einige Gedanken in mir angestoßen.

Denn eine Entscheidung, die ich sehr clever von den Drehbuchautor*innen fand, war, die Staffel in den Wochen vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie anzusiedeln. Sie spielen immer wieder sehr geschickt damit, wie fast alle Menschen den Ausbruch in China vor anderthalb Jahren erstmal nicht besonders ernst genommen haben (ich höre ab und zu meinen Podcast vom 11. März 2020 nochmal) und baden geradezu darin, große Menschenmengen und Händeschüttel-Orgien zu zeigen, während wir – das Publikum mitten in der Pandemie – dabei vermutlich jedes Mal zusammenzucken. Die Staffel kulminiert darin, dass einer der Hauptcharaktere selbst COVID bekommt, aber bis dahin spielt die Serie geschickt damit, dass wir uns ständig fragen, wie die anlaufende Pandemie wohl die Handlung beeinflussen wird?

Dazu frage ich mich einmal, ob das die erste Serie ist, die den Corona-Ausbruch auf diese Art thematisiert. (Ich habe mitbekommen, dass Grey’s Anatomy sich auch mächtig ins Zeug gelegt hat, aber dort ist man ja an vorderster Front. Auf die entsprechende Staffel von The Good Fight warte ich sehnsüchtig.) Denn wie wir zum Beispiel noch in Kulturindustrie festgestellt haben, fühlte sich etwa die dritte Staffel von Master of None ja sehr nach “in der Pandemie gedreht” an, thematisierte sie aber gar nicht.

Zweitens frage ich mich, ob diese Art von “Suspense durch Ereignisse aus der echten Welt” ein regulärer Brunnen ist, aus dem TV-Autor*innen schöpfen können und/oder sollten. Bei historischen Filmen ist es ja eigentlich gang und gäbe, dass ein großer Teil der Spannung daraus besteht, dass wir als Publikum wissen, was passieren wird, und uns eigentlich pausenlos fragen, was deswegen den Figuren zustoßen kann. Ist ja auch eine beliebte Quelle für dramatische Ironie, egal ob auf der Titanic (“Gott selbst könnte dieses Schiff nicht versenken”) oder am Vorabend der Machtübernahme durch die Nazis. Aber mit einem so jungen historischen Ereignis fühlte es sich irgendwie anders an – vielleicht auch, weil wir noch nicht auf der anderen Seite sind (“I am tired of being a part of a major historical event“). Und wie so oft endet mein Gedankengang dort – ich finde es weder besonders gut oder schlecht, nur irgendwie bemerkenswert.

Die merkwürdige Menschlichkeit von Space Force

Manchmal sind meine Podcast-Skripte nur Stichwortsammlungen, manchmal sind sie fast echte Texte. Im letzteren Fall habe ich mich entschieden, sie auch hier zu veröffentlichen für Leute, die keine Podcasts hören. Sie sind aber natürlich trotzdem darauf ausgelegt, gesprochen (und während des Sprechens verknüpft) zu werden und enthalten evtl. Fehler.

  • Serie auf Netflix, bereits am 29. Mai gestartet
  • Von Greg Daniels und Steve Carrell
  • Die Macher des amerikanischen “Office” (nie gesehen)
  • Greg Daniels: Auch “Parks and Recreation”, “King of the Hill”
  • Eine von diesen “Blank Check” Situationen
  • Außer Titel “Space Force” stand zunächst nichts fest
  • Juni 2018 – Trump: “Space Force” als Unterdivision der Air Force, “Boots on the Moon” 2024
  • Daniels: “Wer ist wohl die arme Sau, die das jetzt umsetzen muss?”
  • In der Serie ist es Steve Carrell, General Mark Naird
  • Er zieht mit seiner ganzen Familie irgendwo nach Nirgendwo, Colorado
  • Seine Mitstreiter sind 
    • John Malkovich als Wissenschaftlicher Leiter
    • Ben Schwartz als Medienbeauftragter
    • Tawny Newsome als eine der Soldatinnen, die ins All fliegen sollen
  • “Workplace Comedy”, die meisten Plots drehen sich um die Zusammenarbeit, den absurden Auftrag und die Wünsche der Politiker, die pragmatische Umsetzung dieser Wünsche und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Beteiligten
  • Kritik nicht begeistert von der Serie, vor allem weil es keine besonders harte Satire ist
  • Man erwartete anscheinend ein generelles, beißendes Auseinandernehmen der wahnwitzigen Idee, Truppen auf dem Mond zu stationieren, Trumps Größenwahn, Unfähigkeit etc.
  • Das liefert sie aber nicht. Von so etwas Ätzendem wie “Veep” könnte “Space Force” gar nicht weiter entfernt sein
  • Mir ist die Serie irgendwie ans Herz gewachsen, und ich habe in jeder Folge mehrfach laut gelacht – und das obwohl sie eigentlich weder besonders originell noch besonders lustig ist
  • Aber irgendwie hat sie so eine merkwürdige Menschlichkeit, die mir imponiert hat
  • Die Serie nimmt den Auftrag ernst – auch wenn sie seine Auftraggeber als Idioten dastehen lässt
  • Und sie nimmt vor allem auch die Leute ernst, die das umsetzen müssen – sie glauben alle auf ihre Art daran
    • Mallory (Malkovich) ist Wissenschaftler und geht mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit an die Aufgabe heran, Weltraumforschung zu betreiben
    • Und Naird, das macht die Serie ganz klar, ist nicht umsonst 4-Sterne-General
    • Er wird dargestellt als ein “guter Soldat”, jemand der an Integrität und Aufrichtigkeit glaubt, an Anstand und Diplomatie (im Gegensatz zu den anderen Top-Militärs, vor allem den Air Force Kommandanten Grabaston, der ein echter Drecksack ist), gleichzeitig hat er als Soldat einiges durchgemacht und ist deswegen nicht “schießwütiger” sondern eher friedliebender geworden
    • Damit ist Naird näher dran an Leslie Knope aus Parks and Rec als an der Chef-Figur in “The Offfice”, was wohl auch viele Zuschauer enttäuscht hat
    • Eher der Straight Man, als die Witzfigur für die man ihn halten könnte (Malkovich genauso) – die Absurditäten dringen eher auf sie ein (Schwartz, sein trotteliger Sekretär, Grabaston, der chinesische Gegner)
  • Was das merkwürdig menschliche an Space Force ist, zeigt die Serie gleich in der ersten Folge
    • Ein Raumschiff soll gestartet werden, und diesmal soll es nach mehreren Fehlstarts endlich funktionieren
    • Die Wissenschaftler beharren darauf, dass die Wetterkonditionen nicht ideal sind
    • Naird steht unter jeder Menge Druck, weil die Politik endlich Ergebnisse sehen will
    • Nachdem er sich die ganze Folge lang damit herumgeschlagen hat, bittet er auf dem Klimax um 10 Minuten alleine in seinem Büro.
    • Er blickt aus dem Fenster und …
    • … beginnt zu singen: “Kokomo” von den Beach Boys
    • Das ist seine merkwürdige, irgendwie peinliche aber unglaublich sympathische Art, sich selbst zu beruhigen
    • Es wird nicht als peinlich dargestellt. Als ungewöhnlich vielleicht, aber nicht als peinlich
    • Und es hilft ihm dann am Ende wirklich eine sinnvolle Entscheidung zu treffen
  • Solche Situationen gibt es immer wieder
    • Naird ist nicht perfekt, er trifft falsche Entscheidungen, er lässt sich in blöde Situationen bringen, er hat an einigen Stellen sehr rigide Überzeugungen, die ihn auch disqualifizieren, z. B. denkt er mit ein bisschen Disziplin wäre doch jede Herausforderung zu meistern und junge Leute heute sind Weicheier
    • Aber durch solche Eigenschaften und Überzeugungen ist er nicht zuende definiert, und er zeigt immer wieder an ungewöhnlichen Stellen Güte und Integrität
      • Zwei Beispiele
      • Er ist alleinerziehender Vater, weil seine Frau für mehrere Jahrzehnte im Gefängnis sitzt (warum wird frustrierenderweise nie erklärt) und obwohl er seiner 17-jährigen Tochter nicht die Zeit widmen kann, die sie wahrscheinlich verdient, ist er immer fair, und auf keinen Fall ein “Idiot Dad” – er hilft ihr bei den Hausaufgaben oder holt sie mit dem Helikopter aus schwierigen Momenten raus
      • Ein längerer Plotstrang dreht sich darum, dass Nairds Frau (Lisa Kudrow) ihn dazu überreden will, die Ehe zu öffnen, weil sie beide sich nur so selten sehen können (zwei Intimbesuche pro Jahr, die manchmal auch gestrichen werden). Das spricht gegen alles Konservative in Mark Naird, aber er lässt sich schlussendlich überzeugen, dass es beiden gegenüber das fairste ist
      • So versucht die Serie immer wieder, ihren Straight Man im Zentrum zu mehr zu machen als einer militärischen Witzfigur; lässt damit auch freiwillig viele Gelegenheiten aus, seinen Konservatismus für Cringe-Humor zu benutzen
      • Naird scheint einigermaßen Woke zu sein (dass Mallory schwul ist kümmert ihn zum Beispiel überhaupt nicht), er ist einfach nur unflexibel – und ich finde es angenehm, dass der Humor dann eher dort gesucht wird, als in den niedrig hängenden Früchten.

Es gibt ein längeres Interview mit Daniels, wo er seinen Ansatz für Figurenentwicklung beschreibt:

“You talk to the actors, you try and get to know who they are as people, you try to involve some of their own traits in their own backstories. I think it’s what the actors do, because the actors are given a character and then part of the actor’s job is to go into their own experience and figure out how they can relate to the character. So you try and help them with that, and be part of that process to flesh them out, and make them feel like real three dimensional people.”

Nichts besonderes, genau wie die Serie nichts wirklich Besonderes ist (und das Cliffhanger-Finale ist eigentlich sogar blöd), aber doch etwas, was mich irgendwie berührt hat – in der heutigen Fernsehlandschaft ist irgendwie für alles Platz und gerade im Bereich Comedy wird glaube ich zurzeit viel damit experimentiert, wie weit man von den vertrauten Mustern abweichen kann.

Stefan Raab, König der Proto-Memes

Stefan Raab und seine “Nippel” / Bild: Brainpool/Willi Weber

Es mag an meiner Filterblase liegen, aber Jan Böhmermann ist für mich einer der Moderatoren im deutschen Fernsehen, die das Internet am besten begriffen haben. Immer wieder produziert er für seine Sendung Neo Magazin Royal Clips und Ideen, die bewusst darauf ausgelegt scheinen, nach der Ausstrahlung im sozialen Netz viral zu gehen. Das reicht von Musikideen wie “Pol1z1stens0hn”oder “Be Deutsch” bis hin zu seinem Schmähgedicht gegen den türkischen Präsidenten Erdogan.

Im August 2018 ging dieser Clip um, der ganz deutlich zeigt, auf wessen Schultern Jan Böhmermann damit steht.

Das Video, das sich über den inzwischen legendären “Hutbürger” auf einer Pegida-Demo lustig macht, referenziert eins zu eins eine Aktion, die Stefan Raab in seiner Sendung TV Total 1999 zuerst zum Gesprächsstoff meines damaligen sozialen Netzwerks, des Schulhofs, machte und später sogar auf die Nummer Eins der deutschen Charts katapultierte. In “Maschen-Draht-Zaun” schnippelte sich Raab aus Clips der Sendung Richterin Barbara Salesch, in der eine beleibte sächsische Frau einen Grenzstreit austrug, einen Country-Song zusammen und drückte immer im entscheidenden Moment auf einem Buzzer, um einen der Clips abzuspielen.

Auf der Maxi-Single von “Maschen-Draht-Zaun” (die ich mir damals gekauft habe) gab es eine zusätzliche Strophe, in der nicht nur Maschendrahtzaun und Knallerbsenstrauch eine Rolle spielten, sondern auch diverse andere Fernsehclips die in Raabs Sendung berühmt geworden waren. Von Sonja Zietlow die “Ochsenpimmel” sagt, bis hin zu Fußballer Janusz Góra, der “Skandal!” ruft. Die Clips hatte Raab zuvor in seiner Sendung benutzt, weil sie unter den sogenannten “Nippeln” auf seinem Moderationstisch lagen. Diese “Nippel”, die Raab schon in seinem Vorgängerformat Ma Kuck’n auf Viva eingesetzt hatte, waren von Anfang an Teil des Sendungskonzepts.

Bevor TV Total eine viermal wöchentliche Late Night Talkshow mit Showtreppe und Ankündigungs-Plattform für Raabs größere Unternehmungen wurde, war die Sendung vor allem eine Clipshow. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchsuchten das Fernsehprogramm der vergangenen Wochen nach Ausschnitten, die komisch, peinlich oder sonst irgendwie bizarr waren, und Raab kommentierte und diskutierte sie in seiner Sendung. Die Figuren aus diesen Ausschnitten wurden so oft genug unfreiwillig zu Stars, etwa der Heizungsmonteur Dieter Bürgy, der in einem Werbespot für eine Reinigermarke mitgespielt hatte, oder eben die schon aufgeführte Regina Zindler, die einen Nachbarschaftsstreit bei Richterin Barbara Salesch schlichten lassen wollte.

Besonders beliebte Clips aus den zahlreichen Reality- und Talkshow-Formaten, die in der Sendung hochgenommen wurden, ließ sich Raab von seinem Produktionsteam auf Knöpfe auf seinem Pult legen (“Videosampler”). Weil sie unabhängig von jeder Sendungsregie eingespielt wurden, konnte er somit jederzeit alles andere unterbrechen und mit Hilfe der Knöpfe das Geschehen spontan kommentieren. Nicht wenige der Knöpfe wurden zu Running Gags, die in unterschiedlichen Kontexten immer wieder hervorgeholt werden konnten. Etwa ein Talkshowgast mit interessanter Frisur, der “Was, wer bist du denn?” sagt, oder auch nur besonders behämmert wirkende Lacher oder Gesichtsentgleisungen.

Schon nach kurzer Zeit begann die Sendung, die Nippelclips nicht mehr nur für sich stehen zu lassen. Sie wurden munter remixt und in neue Kontexte gesetzt. Moderator Ingo Dubinskis Schrittblitzer etwa führte nicht nur zu einem Lied namens “Der Puller von Dubinski”, sondern auch zu einem großen roten Knopf auf Raabs Pult, der, beim Drücken laut losdröhnte und “Puller-Alarm” verkündete. Als Rapper LL Cool J einige Wochen später in der Sendung auftrat, hatte dieser zuvor den “Puller-Alarm” mitbekommen und baute ihn zu Beginn seines Auftritts mit einem lauten Shout ein, was Raab wiederum dazu veranlasste, statt der bisherigen Alarmsirene LL Cool Js Auftritt unter den Knopf zu legen. (Ein Videospiel namens Pulleralarm gab es später auch noch.)

Kurz gesagt: Stefan Raab war ein höchst effektiver Produzent von Memes.

An dieser Stelle kommt in Artikeln wie diesem normalerweise der Verweis auf Richard Dawkins der einst das Mem als kleinste Gedankeneinheit analog zum Gen formulierte, aber ich pfeife auf Dawkins. Kein Mensch versteht unter “Meme” heutzutage mehr das, was Dawkins damals zu beschreiben versuchte. Heutzutage sind Memes vor allem teilbare Bildchen und GIFs, merkwürdige Stock Photos oder kurze Videoausschnitte aus Fernsehsendungen und YouTube-Videos, die eingesetzt werden, um Inhalte in sozialen Netzwerken zu kommentieren. Manche von ihnen sind uralt aber erstaunlich langlebig und stammen noch aus Prä-Web 2.0-Zeiten. Andere generieren sich laufend aus aktuellen Rundfunkübertragungen und verbrennen schnell wieder. Die Variablen “Alter” und “Nachhaltigkeit” lassen sich aber auch austauschen.

Das Entscheidende ist: es sind kurze, aus ihrem Originalkontext entfernte Ausschnitte, die in neue Zusammenhänge gesetzt oder leicht verändert werden, um Aussagen, Geschehnisse oder Zustände zu kommentieren. Meistens, um sich über Ereignisse oder Personen lustig zu machen. Nichts anderes hat Raab damals in TV Total gemacht, daher ist er für mich der (deutsche) König der Proto-Memes.

Heute mutieren besonders beliebte Meme-Inhalte per Autotune auf YouTube zu Musikstücken und werden immer wieder neu remixt und anders verdrahtet. Ähnliche Mechanismen hatte auch “Maschen-Draht-Zaun”, der aus einem ursprünglich einfach nur albernen Grenzstreit und der sächsischen Aussprache einer Fernsehpersönlichkeit zu einem Countrysong mit Hitstatus wurde. Raab regierte eine ganz bestimmte Ecke des Fernsehens bevor es das Internet gab, und insofern schließt sich ein logischer Kreis, wenn Jan Böhmermann, der heute diese gleiche Ecke des Internets regiert, mit seinem Lied seinem Vorbild huldigt.

Annotierte Links: Unsichtbare Kunst

Der Link: Unsichtbare Kunst (epd medien)

Visual Effects ist, wenn man es ehrlich besieht, das Thema was mich als Jugendlicher zu Film und Medien gebracht hat. Ich habe also nichts lieber gemacht, als mir für epd medien mal die deutsche VFX-Branche vorzunehmen und zu fragen, wie sie eigentlich zum Fernsehen stehen.

Die Interviews waren alle auf ihre Art spannend. Ein Besuch in den Büros von RISE, wo alle gerade noch am neuesten Marvel-Film schufteten. Ein bisschen truth to power von Frank Kaminski, einem Selfmade-Supervisor, der unter anderem Dietrich Brüggemanns Stau realisiert hat und am Ende dem Artikel seinen Rahmen gab. Einblicke in die Trends der Zukunft von Barbara Flueckiger (die das beste Buch zum Thema geschrieben hat) und Mario Müller von der FMX. Und ein Doppelgespräch mit den Abteilungsleitern von Action Concept, die ein bisschen der alten Rock-n-Roll-Zeit hinterhertrauern, als Stuntmen noch Helden in Asbest-Overalls waren und nicht nur eine Komponente einer komplex montierten Effektsequenz.

Danke an alle, die mit mir gesprochen haben. Ich hoffe, das Ergebnis ist lesenswert.

Real Virtuality 2016 – Persönliche Höhepunkte (Kurzform)

Ich hatte wie in den vergangen Jahren an dieser Stelle einen Post geschrieben, in dem ich meine persönlichen Gefühlshöhepunkte des Jahres rekapituliert hatte. Beim Zwischenspeichern ist WordPress abgestürzt und hat alles gelöscht. Ich kann das heute nicht noch einmal aus mir herausholen, deswegen folgt nur eine telegrafierte Zusammenfassung. Sehr schade. Oder vielleicht sogar besser so?

Immer noch Berlin

Ich finde die Stadt, in der ich seit 16 Monaten lebe, nach wie vor endlos faszinierend, und das ist toll.

#rpTEN

Trotz inhaltlicher Ambivalenz gab es wieder sehr viele denkwürdige persönliche Momente. Insbesondere habe ich eine Person näher kennengelernt, die ich sehr gern habe, und ich habe einen sehr schönen letzten Abend erlebt.

BoJack Horseman

Die beste aller Netflix-Serien kombiniert sehr speziellen Humor mit der Erforschung existenzieller Lebensfragen und gibt keine einfachen Antworten. Jeder und jede sollte sie sehen, vor allem wenn er oder sie etwas mit Medien macht.

Liepāja

In dieser lettischen Küstenstadt habe ich dieses Jahr Urlaub gemacht. Sie hat tolle Strände, einen Park und ein riesengroßes Schlagzeug (siehe Bild). Ich war dort sehr entspannt.

Piqd

Eine Seite, die die besten Artikel aus dem Netz kuratiert. Ich bin sehr froh, randständiger Teil eines inspirierenden Teams zu sein.

Breaking Bad

Ich habe die Serie dieses Jahr endlich nachgeholt und ihr Status ist gerechtfertigt. Die interessanteste Figur ist für mich Hank Schrader. Sie zeichnet vieles nach, was mit heutigen Männlichkeitsbildern nicht stimmt, und man muss sich einmal vorstellen, die Handlung durch ihre Augen zu sehen, um zu merken, wie genial die Serie ist.

Der Audiokommentar von Captain America: Civil War

Obwohl mich die Marvel-Filme inhaltlich immer weniger berühren, bin ich immer noch von der Logistik dahinter begeistert. Dass die Regisseure Joe und Anthony Russo enorm gut in der Lage sind, ihre eigene Rolle in diesem Geflecht mit dutzenden beweglichen Teilen zu reflektieren, finde ich bemerkenswert. Es lohnt sich, ihnen zuzuhören. Hier oder im bereits verlinkten Q&A des Smithsonian.

Gipfeltreffen

Ich habe wieder eine Band, was mir sehr gut tut. 2016 haben wir zum ersten Mal live gespielt und ihr solltet uns 2017 buchen!

Hoffen wir, dass das 2017 nicht wieder passiert. Prozit!

Piq: Die aggressive Expansionspolitik von Netflix

Vor drei Jahren sagte Ted Sarandos, Netflix’ Chief Content Officer, einen berüchtigten Satz: “The goal is to become HBO faster than HBO can become us.” Ein Bloomberg-Artikel trägt zum Stand dieses Plans einige beeindruckende Zahlen zusammen: Sechs Milliarden Dollar will die Streaming-Plattform 2017 für Programm ausgeben. 30.000 Quadratmeter hat die neue Konzernzentrale. Über 100 Millionen Kunden sollen nächstes Jahr erreicht werden. 40 Millionen Dollar hat ein Deal mit Chris Rock gekostet.

Und noch ein weiterer Punkt macht den traditionellen Machtinhabern in Hollywood zu schaffen: Netflix wirbt ihnen die Mitarbeiter ab. Allein im Bereich Öffentlichkeitsarbeit hat das Unternehmen derzeit 60 Stellen ausgeschrieben — und lockt mit enorm hohen Gehältern. Vertragsbrüche und die darauf folgenden Rechtsstreits werden billigend in Kauf genommen.

Doch die aggressiven Ausgaben haben auch ihren Preis: Dieses Jahr macht Netflix rund 1,5 Milliarden Dollar Schulden. Die Hoffnung: Teuer selbst produzierte Serien und Filme kosten nur einmal Geld und bleiben dann auf ewig als attraktive Gründe für ein Abo im Portfolio, statt regelmäßig neue Lizenzgebühren zu verschlingen.

Zum Artikel | Zum Piq auf piqd.de

Piq: Ein Superheld mit Hip Hop-Seele

Auf Netflix hat Marvel in den letzten Jahren sein Superhelden-Imperium um eine bodenständige Serien-Kolonie erweitert. Daredevil, Jessica Jones und nun Luke Cage (ab 30. September) sollen einen Kontrast zu den Kino-Materialschlachten von Iron Man und Co bieten, und kämpfen mit härteren Bandagen in den Straßen von New York.

Nebenher rollen sie aber auch das stereotype Bild vom Superhelden neu auf. Kein All-American-Weißbrot in Uniform, keine sexy Hexy im Catsuit. In den Netflix-Serien sind die moralischen Grenzen ambivalenter und die Helden realer. Nach einem Blinden und einer traumatisierten Frau scheint die Netflix-Welt mit Luke Cage nun erstmals auch bereit für einen Superheld of Color in der Hauptrolle (im Kino folgt nächstes Jahr Black Panther).

Obwohl ich persönlich Daredevil nicht mochte und Jessica Jones zu lang fand: nach diesem Artikel von Jason Tanz freue ich mich sehr auf Luke Cage. Tanz trifft Hauptdarsteller Mike Colter, der schon in Jessica Jones eine gute Figur gemacht hat, und Showrunner Cheo Hodari Coker und spricht mit ihnen über ihre Erwartungen und Einflüsse. Allein dass Coker ein hochdiverses Team um sich scharen konnte und die Musik von Ali Shaheed Muhammad stammt, sollte Luke Cage sehenswert machen.

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Das erneute Ende des großen Büffets

Im Sommer 2015 habe ich mich entschieden, Musikstreamingdiensten endlich eine faire Chance zu geben. Ausschlaggebend war nicht zuletzt ein Gespräch mit einer zehn Jahre jüngeren Kollegin, deren Musikgeschmack ich schätzte und die mir fröhlich und selbstverständlich davon erzählte, wie sie ständig neue Bands entdeckt und eine innige Beziehung zu Musik entwickelt, auch ohne eine Repräsentation dieser Musik zu kaufen. Ich testete Spotify erst einen kostenlosen Monat und blieb dann noch zwei weitere, weil ich mich sehr schnell an diese neue bequeme Art, Musik zu hören, gewöhnte. Im September entschied ich, der Konkurrenz eine Chance zu geben (und ein bisschen Geld zu sparen), und testete drei weitere Monate Apple Music.

Ich fand Apple Music etwas umständlicher zu bedienen als Spotify und ihm fehlte der geniale “Discover Weekly”-Algorithmus, aber am Ende siegte vor allem die Bequemlichkeit. Apple Music dient als Erweiterung meiner bisherigen mp3-Musiksammlung in iTunes, ich kann im gleichen Ökosystem bleiben. Praktisch. Es gab aber einen weiteren Grund. Im Dezember entdeckte ich auf Apple Music ein Album, das ich toll fand, aber auf Spotify nie gefunden hätte. Gavin Harrisons “Cheating the Polygraph”, ein furioser Big-Band-Jazz-Remix seiner besten Porcupine-Tree-Performances, ist aus irgendeinem Grund nicht in den 30.000.000 Songs auf Spotify enthalten, in denen von Apple Music aber schon.

Eine mächtige Kombination

Klar, ich hätte trotzdem bei Spotify bleiben und mir “Cheating the Polygraph” einfach kaufen können – aber es ist ätzend anstrengend bis unmöglich, “externe” Songs ins Spotify-System einzuschleusen. Im Endeffekt hätte ich das Album also mit Sicherheit seltener gehört. Apples Exklusivbesitz des Assets “Cheating the Polygraph” hat mich an den Dienst gebunden. Irgendwo hat ein Content Marketing-Experte seine Flügel bekommen.

Die Kombination von Abonnements und exklusiven Inhalten ist nichts Neues, sie fällt mir aber in diesem neuen Streaming-Zeitalter gerade mal wieder enorm auf, weil sie so mächtig ist. Netflix hat 2015 mit (guten) Exklusivinhalten richtig auf die Kacke gehauen und plant, die Menge an “Original Programming” 2016 zu verdoppeln. Amazon steht derzeit ungefähr so da wie Netflix vor einem Jahr – mit einer frischgebackenen besten TV-Serie des Jahres und schon einigen weiteren Hits im Sack oder in Petto.

Opfer der Bequemlichkeit

Will man einen dieser Hits genießen hat man keine Wahl, außer sich gleich auf das ganze Paket einzulassen. Und je mehr exklusive Inhalte ein Anbieter hat, umso schwächer wird unser Wille, ihn zu verlassen. Abos, selbst monatlich kündbare, sind clever, weil sie garantierten Umsatz bedeuten, egal ob die Abonnenten den Dienst nutzen oder nicht. Und Bequemlichkeit sorgt dafür, dass wir Abos viel länger behalten, als wir müssten. Ich habe mein GMX-ProMail Abo, das ich mal abgeschlossen habe, weil ich ein IMAP-Postfach wollte, ungefähr zwei Jahre gekündigt nachdem ich das erste mal dachte “Könnteste eigentlich mal kündigen”. Meine erste Domain läuft immer noch bei einem anderen Provider als mein Blog, weil ich einfach zu faul bin, mich mal eine Stunde hinzusetzen und den ganzen Schlonz zu tranferieren.

Es mag Leute geben, die in den USA ihr HBO-Abo immer nur während der aktuellen Game of Thrones-Staffel laufen lassen und es danach wieder kündigen, aber das wäre mir zu viel Arbeit. Ich bin zwar Fürsprecher entspannter Mediennutzung angesichts des Überflusses, aber ich möchte selbst entscheiden können, welche Optionen ich ignoriere. Ich gehe gerne mal in ein Restaurant mit kleiner Karte, weil eine reduzierte Auswahl entspannen kann, aber ich würde mich ärgern, wenn ich dieses Restaurant dann immer auch dann bezahlen müsste, wenn ich dort nicht esse.

Entbündelung und vertikale Integration

Als Kultur noch an Trägermedien gebunden war, war der freie Markt unser großes Büffet. Wir konnten einfach so losgehen und uns die Kultur kaufen und dann hatten wir sie zu Hause. Das Internet hat diesen Prozess, Stichwort “Entbündelung“, auf noch kleinere Teile heruntergebrochen – Songs statt Alben, Artikel statt Zeitungen. Streamingdienste, mit ihrer Emulation des HBO-Modells im Digitalen, kehren zu einer vertikalen Integration zurück, wie sie im US-Kinomarkt beispielsweise in den 50er Jahren verboten wurde: Produktion, Bereitstellung und Auslieferung aus einer Hand.

Überdramatisiere ich? Mit Sicherheit. Will ich eigentlich nur nicht dauerhaft mehrere Abos abschließen, um alles sehen/hören/lesen zu können, was andere mir empfehlen? Genau. Ist das ein luxuriöses First World Problem? Auf jeden Fall! Aber ich denke doch, dass es auch ein paar ernstzunehmende Folgen haben könnte. Zum Beispiel hat das Internet die große kulturelle Unterhaltung demokratisiert, exklusive Angebote aber schaffen wieder Filterbubbles, die jene ausschließen, die sich (beispielsweise) kein Netflix-Abo leisten können. Darüber darf man ruhig mal nachdenken. Das moderne Unterhaltungsparadigma bedient nicht nur die Nische, es schafft sie auch selbst.

Nachgedanke, 22:09 Uhr: Exklusivinhalte sind das Gegenteil von guter Kuration, womit Netflix zum Beispiel ja mal angefangen hat. Kuration sucht dir aus der Masse der Angebote die besten an einem Ort zusammen. Exklusivinhalte bedeuten, dass es mehrere Orte gibt, von denen jeder behauptet, er habe selbst das Beste.