Mit dem Brechen brechen

Wer sich schon einmal mit einer schwangeren Frau im ersten Trimester unterhalten hat, weiß, dass „Morgenübelkeit” ein gemeiner Marketing-Euphemismus der Schwangerschaftsratgeber-Industrie ist. In den ersten Monaten der Schwangerschaft ist einem nicht nur morgens ein bisschen übel, sondern die kleinsten Trigger reichen aus, um das dringende Bedürfnis zu verspüren, die nächste Toilettenschüssel aufzusuchen. So war es zumindest bei meiner Frau im vergangenen September, weshalb wir regelmäßig Zuflucht im Kino suchten.

Dort fing das Elend aber erst an. Kaum saßen wir in The Party, läuft eine der Figuren auf der Leinwand aufs Klo, um sich dort genüsslich zu übergeben. Meine Frau war in diesem Moment froh, am Rand zu sitzen, denn sie musste ebenfalls spontan den Saal verlassen. Nur wenige Tage später in Atomic Blonde das gleiche. Die stark gebeutelte Heldin verschafft sich im Vomitorium Erleichterung.

Danach schien es egal zu sein, in welchem Film wir saßen. Überall wurde gewürgt. In The Circle arbeitet eine Figur so hart, dass ihr der Stress wieder hochkommt. Sogar in Barfuß in Paris wird ein Charakter seekrank. Trauriger Höhepunkt war dann Darren Aronofskys mother!, in dem nicht nur etwas Undefinierbares ausgespien, sondern kurze Zeit später auch noch ein Neugeborenes zerfleischt und gegessen wird (auch nicht so super für Schwangere). Ich konnte irgendwann ein ungläubiges Kichern nicht mehr unterdrücken, aber im Sitz neben mir wurden echte Kämpfe ausgefochten. Erst Victoria & Abdul befreite uns über einen Monat später von der großen Kino-Kotzerei – oder vielleicht ist auch nur meine Erinnerung getrübt.

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Die nervige Nostalgiewelle und der einzige Film, der sie begriffen hat

Die zweite Staffel von Stranger Things habe ich schon gar nicht mehr geschaut. Ich kann sie nicht mehr sehen, diese elende Nostalgie in vergangenen Perioden bewegter Bilder. Egal, ob es die Sehnsucht nach der eigenen Kindheit und ihrer Steven-Spielberg-Magie wie in der Serie der Duffer-Brüder oder nach der Zeit der vertikalen Integration von Hollywood wie in La La Land ist. Egal, ob die Nostalgie als geradliniger Geldmacher-Reboot wie Baywatch oder als halb ironisches, halb sehnsüchtiges Spiel mit einer vergangenen Ästhetik wie in Guardians of the Galaxy Vol. 2 daherkommt.

Und egal, ob die Bevölkerung des Internets, gefügig gemacht mit einer Unzahl von Listicles mit Gegenständen, die man nur versteht, wenn man die 1980er erlebt hat, danach verlangt und das Resultat abfeiert: Nostalgie kann nicht für sich alleine stehen. Wer sich von ihr einlullen lässt und das Heute vergisst, läuft Gefahr (in der Terminologie von Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym) von der „reflektiven“ in die „restaurative“ Nostalgie zu wechseln. Er oder sie ruft plötzlich nicht mehr „Hach, früher war auch schön“ sondern „Make America Great Again“.

Der einzige Film, der das 2017 so richtig begriffen hat, ist …

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Selbstvergewisserungsfilme für Männer

Kennen Sie das? Sie lernen bei einer Party einen Mann zwischen 18 und, sagen wir, 55 kennen, unterhalten sich gut und erwähnen nach einiger Zeit vorsichtig, dass Sie sich sehr für Kino interessieren. Die Augen Ihres Gegenübers leuchten auf. Auch er interessiere sich für Filme, sagt er. Er sei sogar ein echter Filmkenner. Fight Club, das sei ein toller Film – haben Sie davon schon mal gehört?

Katie, eine Nutzerin der Filmdatenbank Letterboxd, musste diese Situation anscheinend schon öfter ertragen. Sonst hätte sie wohl kaum eine Liste angelegt mit dem Titel “Movies that snobby men ask if I’ve heard of cause I say ‘I’m into film'” (etwa: Filme, bei denen versnobte Männer fragen, ob ich sie kenne, weil ich sage, dass ich Filme mag). Inzwischen existiert die Liste nur noch im Google Cache, aber die Auswahl, mit Ausnahme des wahrscheinlich ironischen Ausreißers Barbie in The Nutcracker, ist bezeichnend.

Blade Runner, Gladiator, Taxi Driver, Inception oder Mad Max: Fury Road. Es sind die Art Filme, von denen man als junger Mann schon auf dem Schulhof Raunen gehört hat. Einer der Klassenkameraden hatte mit einer ausgeleierten VHS (diese Erwähnung von Technik verrät mein Alter) von Requiem for a Dream oder Donnie Darko ein Erweckungserlebnis, wie es nur Teenager haben können. Plötzlich wusste er, was Kino sein kann. So abgefahren, das hast du noch nicht gesehen.

Katie kann fast froh sein, dass in ihrer Liste nur ein Film von Quentin Tarantino auftaucht (Pulp Fiction). Die Autorin Ali Elkin hat im Internetmagazin McSweeny’s gleich eine ganze “Oral History of Quentin Tarantino as told to me by men I’ve dated” zusammengetragen. Wenn Männer einer bestimmten Spezies erstmal loslegen mit der Filmkennerschaft, gibt es kein Entkommen mehr, scheint Elkin zu sagen. Sie identifizieren sich nicht nur mit den Filmen, sondern auch mit ihren Regisseuren – mit den Männern, die es überhaupt gewagt haben, solche Filme zu erschaffen. Meist Außenseiter mit einer singulären Vision, die sich durch nichts haben kleinkriegen lassen. So will es zumindest die Legende. Und so wären die, die ihre Geschichte erzählen, auch gerne.

Das nämlich verbindet die Filme von Tarantino, die Filme von Katies Liste und ein paar weitere:

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Zeit, um großartig zu sein

Wer in der Postmoderne überleben will, sollte die Fertigkeit beherrschen, zwei scheinbar konträre Konzepte gleichzeitig geistig festzuhalten. Filme wie My Little Pony: Der Film sind selbst Meister dieser Kunst und verlangen entsprechend ihren Zuschauern das Gleiche ab. Sie sind gleichzeitig hirnverbrannte Glitzerexplosionen für ein U13-Publikum und die Subversion davon; reine, blank polierte Plastikoberfläche mit angeschlossener Produktlinie und aus tiefem Herzen ernst gemeintes Gefühlskino.

Vielleicht ist das der Grund, dass die dem Film zugrundeliegende Serie My Little Pony: Freundschaft ist Magie, die das Universum des 35 Jahre alten Hasbro-Spielzeugs 2010 in dessen neuester Inkarnation begleitete, so ein großer Erfolg wurde. Nicht nur beim geplanten Zielpublikum junger weiblicher Kinder, sondern auf merkwürdige Weise auch bei erwachsenen Männern, die sich selbst Bronies nennen und vor allem im Netz einen eigenartigen Kult begründet haben. My Little Pony: Der Film jedenfalls, hinter dem das gleiche, nur um ein paar Promi-Stimmen aufgestockte Serien-Kreativteam steckt, funktioniert im Rahmen der Erwartungen an einen Film zur Fernsehserie zum Spielzeug erstaunlich gut.

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Schauspiel im Zeitalter der Performance Capture

Die Debatte wird mit Sicherheit auch dieses Jahr wieder geführt. Sollte Andy Serkis nicht endlich für einen Oscar als bester Schauspieler nominiert werden? Nicht für seinen Part als Ulysses Klaue im Marvel-Universum natürlich (der dazugehörige Film Black Panther kommt sowieso erst 2018 ins Kino), sondern für eine Rolle, in der sein Gesicht nicht zu sehen ist: die des Schimpansen Caesar in Planet der Affen – Survival. Serkis ist, wie schon in den beiden vorhergehenden Planet-der-Affen-Filmen und wie in King Kong und Der Herr der Ringe, die treibende Kraft hinter Caesars Performance, aber Serkis alleine könnte die Rolle nicht spielen. Er braucht das Team der Effektfirma Weta Digital, die Serkis in Caesar verwandeln.

Seit sein Auftritt in Der Herr der Ringe – Die zwei Türme Andy Serkis zum Star gemacht hat und seine Interpretation von Gollum zur popkulturellen Ikone wurde, versucht die Filmwelt dem Phänomen performance-capture-acting Herr zu werden. Wie soll man Schauspieler*innen behandeln, die in einem grauen Gymnastikanzug ihre Bewegungsmuster und Mimik in einen Computer übertragen und aus deren Daten anschließend von einer Horde digitaler Zauberer*innen Wesen geschaffen werden, deren Physis sich von der eines Menschen signifikant unterscheidet? Wie viel Credit sollten sie für ihre Leistung bekommen?

In der Riege der Schauspieler*innen, die nicht als solche gelten, sind sie damit keinesfalls alleine. Beispiel Animationsfilm: Voice Actors (die im Deutschen nicht „Stimmenschauspieler*innen” sondern meist „Synchronsprecher*innen” heißen, was schon viel über ihre Klassifizierung aussagt – als gehe es einzig darum, Lippenbewegungen abzupassen) sind oft ausgebildete Schauspieler*innen, die neben ihrer Arbeit als Sprecher*innen auch mit dem ganzen Körper auf der Bühne oder vor der Kamera stehen. Dennoch werden Parts, in denen sie nur ihre Stimme einsetzen, kaum als „Schauspiel” gehandelt. Animationsregisseur*innen betonen wiederum bei jeder Gelegenheit, dass auch Animator*innen im Grunde Schauspieler*innen sind, die zu vorhandenen Tonaufnahmen Bewegungen und Mimik der Figuren ausbilden. Als Referenz dient ihnen dabei, entgegen verbreiteter Marketing-Mythen, deutlich häufiger der eigene Körper und das eigene Gesicht als die der Sprecher*innen – wenn der Charakter überhaupt spricht. Einen Schauspielpreis würden sie trotzdem nicht gewinnen.

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Was ist noch echt?

Kurz nach den Oscars machte ein Video deutlich, dass ein Film bei der Preisverleihung in einer überraschenden Kategorie zu unrecht leer ausgegangen war. „The Mind-Blowing Special Effects Used on Manchester By The Sea“ enthüllt, dass die erste Szene des Films, in der ein Fischerboot auf dem Meer vor den Küste der titelgebenden US-Kleinstadt herumschippert, nicht dort gedreht wurde. Stattdessen, so zeigt das Video in der bei Visual-Effects-Reels etablierten Darstellungsform aus sich Stück für Stück aufbauenden Bildschichten, stand das Boot auf einer Hebebühne in einem Studio, umgeben von Blue Screens. Die maritime Umgebung entstand vollständig im Computer.

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Lob der tapferen Gesellen – Die Vorzüge von Journeyman-Regisseuren

Es mag vielleicht so wirken, als wäre mein Ziel mit dieser Kolumne, eine Lanze für das Mittelmaß zu brechen. Böse Zungen würden behaupten, um damit für meine eigene Mittelmäßigkeit Abbitte zu leisten. Sind Regisseure wie Joe und Anthony Russo nicht auch die Erfüllungsgehilfen der Maschine Hollywood, die uns immer wieder den gleichen Brei in leicht anderen Zusammensetzungen aber mit identischem Geschmack vorsetzt? Gibt es für reibungslose Abläufe und solides Handwerk nicht Regieassistenten und Line Producer, die den Auteurs den Rücken frei halten?

Da Film nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Industrie, auch ein Handwerk ist, darf man die mittelbare Wirkung von Menschen wie Journeyman-Regisseur*innen nicht unterschätzen. Vielleicht helfen sie einer unerfahrenen Schauspielerin dabei, ihren Stil zu finden, den sie später in anderen Filmen ausformen kann. Vielleicht ermöglichen sie einem Drehbuchautor, der selbst nicht zum Regisseur taugt, seine Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Vielleicht sind sie so gut organisiert, dass diejenigen, die mit ihnen arbeiten, zur Abwechslung mal in der Lage sind, ihre Work-Life-Balance aufrechtzuerhalten.

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