ABBA Voyage: Das uncannyeste aller Valleys

Seit ich das erste Mal von ABBA Voyage gehört habe, wollte ich hingehen. Nicht, weil ich so ein riesiger ABBA-Fan bin — ich mag viele ihrer Lieder wegen ihrer grandiosen Pop-Hooks, aber mich verbindet nichts mit der Band (nicht mal Mamma Mia!) – sondern, weil ich von Anfang wissen wollte, zu welcher Art von Konzerterlebnis heutige Computertechnik fähig ist. Ob Gebräue wie ABBA Voyage gar die Zukunft des Konzerts in sich tragen. 

Vor kurzem war ich für ein paar Tage in London (zum ersten Mal seit 1993, es war super!). Ich habe ABBA Voyage gesehen und bin mir immer noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Auf jeden Fall aber bin ich an meine semiotischen Grenzen gestoßen.

Nach so großen Worten sollte ich vermutlich kurz erklären, worum es geht. Obwohl die Story damals vor rund vier Jahren groß durch die Medien ging, habe ich nämlich die Erfahrung gemacht, dass kaum jemand wusste, wovon ich sprach. ABBA Voyage ist ein Konzerterlebnis, das im Mai 2022 gestartet ist und einem die Möglichkeit gibt, ein ABBA-Konzert zu erleben, ohne dass die vier Mitglieder der Gruppe anwesend sind.

Zu diesem Zweck haben ABBA mit Industrial Light and Magic zusammengearbeitet, um digitale Versionen ihrer jüngeren Ichs aus den 1970ern zu generieren, die sogenannten ABBAtare. Diese performen ein 100-minütiges, virtuelles Konzert ihrer größten Hits auf einer riesigen, hochauflösenden LED-Wand in einer eigens dafür errichteten “ABBA Arena” im Nordosten Londons, für das Agnetha, Benni, Björn und Annifrid selbst große Teile des Motion Capturing und ihre eigenen Stimmen aufgenommen haben.

Die Grenzen verschwimmen

Ok, ein computeranimierter Konzertfilm ist jetzt nichts wirklich Besonderes, könnte man sagen. Nicht im Zeitalter von, zum Beispiel, K-Pop Demon Hunters. Das Besondere aber ist, dass ABBA Voyage alles daran setzt, die Grenzen zwischen der künstlichen und der echten Welt maximal verschwimmen zu lassen, bis man als Zuschauer endgültig ins uncannyeste aller Valleys abgetaucht ist.

Sehr viele Entscheidungen rund um ABBA Voyage sind so getroffen worden, dass das Erlebnis möglichst stark an ein echtes Konzert erinnert. Die Arena hat zum Beispiel in der Mitte einen Stehplatz-”Dancefloor”. Effekte auf dem Screen sind nahtlos integriert mit realen Geschehnissen (Lichtern, Spiegeln, Bühneneffekten) im Saal. Jedes ABBA-Mitglied bekommt Solo-Spots im Set, in denen sie kleine Geschichten erzählen und das Publikum ansprechen. Und schließlich ist da eine zehnköpfige Live-Band am vorderen linken Bühnenrand, die jeden Abend die Musik zum eingespielten Gesang liefert.

Auch die Art und Weise, wie die ABBAtare präsentiert werden, ist einem Live-Konzert nachempfunden. Man sieht die vier Mitglieder am unteren Rand des Screens stehen, so dass der Eindruck entsteht, sie stünden weiter hinten auf der Bühne, während am linken und rechten Rand große Nahaufnahmen an typische Konzert-Kameras erinnern. Den Gipfel der Konzert-Simulation fand ich, dass sich bei schunkeligeren Songs wie “Chiquitita” oder “Fernando” Mitarbeitende des Theaters vor die Zuschauerränge stellen, um die anwesenden Fans zum rhythmischen Winken zu animieren. Für eine Musikgruppe, die nicht wirklich da ist. Es zählt alleine das Gefühl “Konzert”.

Abstraktionsebenen

Das wiederum hält ABBA Voyage aber nicht über 100 Minuten durch und dringt daher von Zeit zu Zeit auf eine andere Abstraktionsebene vor. Etwa beim dritten oder vierten Song schon wechselt die Darstellung auf dem Screen von der Konzertsimulation zum Musikvideo. Immer noch mit den ABBAtaren, die nun aber abstrahiert an ganz unterschiedlichen Stellen auf der Leinwand auftauchen und sich bewegen – ganz ohne dass die Gruppe als reale “Referenz” auf Bühnenhöhe zu sehen ist. In der Mitte des Sets wird es sogar noch abstrakter: Zu einer Sequenz mit Songs wie “Eagle” und “Summer Night City” wird eine animierte Geschichte über eine Abenteurerfigur gezeigt, die durch die Wüste reist, um einen Tempel zu finden, in dessen Zentrum riesige ABBA-Ebenbilder stehen. Anschließend aber kehrt man wieder zur Konzertsimulation zurück, nur mit anderen “Kostümen”.

Aber die semiotische Uneindeutigkeit (Ist es ein Konzert? Ist es ein 4D-Musikvideo?) hört hier noch nicht auf. Während die ABBAtare ganz bewusst so aussehen wie ABBA in ihren besten Jahren – wie ich gelesen habe, wollten die Mitglieder der Gruppe gerne, dass die Fans sie wie zu ihren imperialen Zeiten erleben können – sprechen sie aus dem Jetzt zu den Zuschauenden. Björn macht einen Witz darüber, dass er sich einfach sehr gut gehalten hätte. Agnetha sagt, dass es ja doch irgendwie unglaublich sei, dass sie nach all der Zeit noch einmal zusammen ins Studio gegangen sind. Ein Teil des Sets ist der Song “I still have faith in you”, der erst 2021 veröffentlicht wurde. Wo also befinden wir uns? 1979 oder 2021? Und warum gelingt es anscheinend allen anderen, das einfach so zu akzeptieren?

Gelernte Ambiguität

Ich habe das hier im Blog einmal mit Bezug auf Alanis Morissette erwähnt: Konzerte großer Künstler:innen enttäuschen mich immer wieder. Weil das, was eigentlich ein Live-Konzert ausmacht, nämlich den gleichen Raum mit Menschen zu teilen, die performen und dafür eine Rückkopplung aus dem Publikum erhalten, automatisch verloren geht, sobald dieser geteilte Raum eine gewisse Größe überschreitet. Also muss auf Kameras und ergänzende “Visuals” gesetzt werden, um auch die Leute weiter hinten bei Laune zu halten. Also muss die Ton- und Lichttechnik so gestaltet werden, dass überall Konzert stattfindet, unabhängig von seiner Quelle auf der Bühne. De facto ist es bei vielen großen Konzerten, wenn man nicht gerade direkt an der Bühne steht, egal, ob Performance und Ton live sind oder nicht. Irgendwann merkt man den Unterschied sowieso nicht mehr. Auf diese gelernte Ambiguität setzt ABBA Voyage.

Und auch in Sachen “Konzerte alter Künstler:innen aus den 70ern” habe ich schon einiges erlebt. In den 2000ern war ich mehrfach auf Konzerten von The Musical Box, einer Coverband, die Genesis-Konzerte aus den 1970ern haargenau nachbildete, inklusive Perücken und Kostümen. Als ich in den 2010ern mal Roger Waters’ The Wall gesehen habe (bevor Waters seinem Antisemitismus endgültig freie Bahn ließ), erschien es mir schon total absurd, dass hier ein 70-Jähriger ungebrochen eine Geschichte nachspielte, die aus der Wut und Einsamkeit eines 35-Jährigen entstanden war. Ähnlich traurig waren auch Queen mit Adam Lambert, in der die Freude darüber, Roger Taylor und Brian May live spielen zu sehen, dadurch konterkariert wurde, dass Adam Lambert sich ständig dafür entschuldigte, nicht Freddie Mercury zu sein. Ähnlich Yes, deren neuer Sänger zuvor Sänger einer Yes-Coverband war.  Vielleicht ist ein virtuelles Konzert, das nur zur Hälfte wirklich ein Konzert ist, dann doch die bessere Wahl.

Paradesimulakrum

Für mich ist ABBA Voyage das Paradebeispiel für ein Simulakrum im Sinne Jean Baudrillards. Es ist eine gigantomanische Sammlung von Zeichen, für die es kein Bezeichnetes gibt. Es ist keine Nachbildung eines realen Konzerts (wie bei The Musical Box), es ist keine aufgemotzte Version eines alten Show-Konzepts (wie bei The Wall), es ist nicht mal ein richtiges Konzert, Live-Band hin oder her. Aber trotzdem tut es alles dafür, den Anschein zu erwecken, man könnte jeden Abend ein perfektes ABBA-Konzert besuchen. Ein Konzert, das es so nie gegeben hat und das deswegen sogar besser ist als jedes Original. Das demnach, genau wie Baudrillard schrieb, das Bezeichnete ersetzt, mindestens für sämtliche Generationen, die die Original-ABBA nie live sehen konnten.

Eins muss ich allerdings zugeben: ABBA Voyage ist es durchaus gelungen, mir eine neue Wertschätzung für ABBAs Musik mitzugeben. “SOS” und “Waterloo” gingen mir über Tage nicht aus dem Kopf. Und “Eagle” war ein kleinerer Hit, den ich gar nicht kannte und wirklich mag.

Bild Copyright: ABBA Voygae

Höreindrücke: Die Lieblingsschülerin, Ab in den Urlaub, Kulturschock, Imperium: Die RTL-Story

Die Lieblingsschülerin (DLF Nova)

Sehr bitteres Thema (sexuelle Übergriffigkeit durch Lehrer), sehr gut, holistisch und vor allem sachlich, ohne unnötige dramaturgische Zuspitzungen, erzählt, mit einem Ende, das einen angemessenen Abschluss eines Erzählstrangs bietet, ohne das dahinterstehende Problem als geklärt darzustellen. Nicht ganz erschlossen hat sich mir, warum genau diese drei Protagonistinnen und ihre Erlebnisse (die sich vor allem am Anfang nicht immer leicht trennen ließen) ausgewählt wurden. Sind sie exemplarisch für bestimmte Ausprägungen oder waren es einfach die Personen, die bereit waren, zu sprechen? Hier wäre mir etwas redaktionelle Erklärung lieb gewesen.

Ab in den Urlaub: Der Crash des Internet-Imperiums UNISTER (Studio Soma/Zimmer und Zirk/MDR)

Eine Geschichte, über die ich vorher nichts wusste, in angenehmerweise mal nur drei Episoden erzählt. Grundsätzlich hatte ich den Eindruck, dass die Story während des Erzählens oft in unterschiedliche Richtungen zieht und es dem Team nicht immer leicht fällt, sie zusammen- und auf Kurs zu halten. Das wird am Ende sogar reflektiert: Geht es um das Unternehmen, den Menschen Thomas Wagner oder den Wirtschaftskrimi? Generell: Die letzten 15 Minuten, in denen laut darüber nachgedacht wird, was man eigentlich von allem zu halten hat, waren mit das Beste am Podcast. Aber vorher gibt es auch genug zu hören, das sich lohnt.

Kulturschock (ACB Stories/MDR)

Auf diesen Podcast habe ich gewartet! Ich bin seit langem der Meinung, dass Promi-Interviews sofort 200 Prozent besser werden, wenn die Promis nicht nur über sich selbst reden müssen. Dass sie hier ein Kulturthema mitbringen, das sie bewegt und dass sich Hendrik Bolz vorher sogar selbst Gedanken dazu gemacht hat (klingt absurd, das herauszustellen, aber es ist keine Selbstverständlichkeit), ist einfach super zu hören. Dass die ersten beiden Gästinnen Frauen sind, ist auch ein wertvolles Statement. Nehme ich in meine feste Rotation auf.

Imperium: Die RTL-Story (Studio Jot)

Ich kannte das Konzept von “Imperium” bisher nicht, und ich gebe zu, dass es mich etwas fertiggemacht hat. Höchsten Respekt vor den beiden Sprecher:innen, dass sie in so viele Rollen schlüpfen (ich habe erst am Ende der ersten Folge überhaupt kapiert, dass ich die ganze Zeit nur zwei Personen zugehört habe) und dass Szenen genutzt werden, um die Story biopic-mäßig zu erzählen, aber das ständige Einbauen von Exposition in diesen Szenen, in denen Menschen Dinge sagen, die das Gegenüber bereits weiß, ist leider eins meiner am meisten gefürchteten Klischees. Es war angenehm, die Historie von RTL noch einmal so kompakt erzählt zu bekommen, aber ich hätte wahrscheinlich lieber einen Artikel gelesen.

Höreindrücke: Shell Game, Die Welt der Klänge, Hörzu und ab geht’s, Die Medienhölle

Shell Game (Staffel 2) (Kaleidoscope/iHeart)

Evan Ratliffs narrativer “Selbstversuche mit KI”-Podcast geht weiter, und auch die zweite Staffel, in der Ratliff ein Unternehmen aus KI-Agenten aufbaut, lohnt sich für sein präzises Nachdenken über die Arbeitswelt und unser merkwürdiges Verhältnis zu menschlich wirkenden Programmen. Die Technik in “Shell Game” ist wahrscheinlich schon teilweise wieder veraltet, aber der Podcast kann auch helfen, auf Phänomene wie “Moltbook” mit kritischen Augen zu blicken. Etwas merkwürdig finde ich nur die Entscheidung, ausführlich die Geschichte einer Praktikantin in Folge 7 zu erzählen, zu der kein Kontakt mehr besteht. Rechtlich vermutlich alles sauber, aber journalistisch auch integer? Was denken die, die es auch schon gehört haben?

Die Welt der Klänge (Uni Mainz)

Hier bin ich alles andere als unparteiisch, da ich mit Produzent und Co-Host Christian Conradi befreundet bin. Aber von allem, was ich bisher gehört habe, finde ich, dass es wirklich ein schönes und lohnenswertes Projekt geworden ist. Von Folge zu Folge werden ganz unterschiedliche Aspekte von Klang aus einer zugänglichen Fachperspektive beleuchtet, und auch wenn immer wieder zu hören ist, dass Co-Host Peter Kiefer kein Sprech-Profi ist, habe ich in jeder Folge etwas gelernt und mich auch einfach immer wieder gefreut, dass das Medium Podcast für diese Art von Wissensvermittlung genutzt wird. Gerade für das Thema “Klang” kann ich mir kein besseres vorstellen.

Hörzu und ab geht’s (Hörzu)

Hier bin ich mir wirklich verschaukelt vorgekommen. Ein Podcast, der verspricht, mir etwas über Reisen zu berühmten Drehorten zu erzählen und dann zu 90 Prozent aus hundertfach ähnlich gehörten fluffigen Lifestyle-Promi-Interviews besteht, mit ein bisschen generischem Reisetipp-Text im Anschluss. Ich bin vermutlich einfach nicht die Zielgruppe, aber: wer ist es dann?

Die Medienhölle (Indie)

Ich habe großen Respekt davor, dass Jörg Wagner nach seinem Ende beim RBB einfach seinen Stiefel auf eigene Faust weiter durchzieht, in gewohnt hoher journalistischer Qualität und mit bemerkenswerten Bonus-Anreicherungen aus dem Archiv. Aber das etwas verbittert-zynische “Alles geht den Bach runter”-Framing, das schon Teile seines Abschieds begleitet hat, und sich hier allein durch den Titel weiterzieht, macht mir auf Dauer schlechte Laune und ich halte es auch nicht für produktiv. Daher wohl eher kein Weiterhör-Kandidat für mich.

The Clock

Vor kurzem habe ich mir einen vierzehn Jahre alten Wunsch erfüllt.

Im Februar 2011 habe ich auf David Bordwells Blog erstmals von Christian Marclays Filminstallation The Clock gehört. Marclays Werk passte in die Zeit. Denn mit der allgemeinen Verfügbarkeit von Videostreams über YouTube war auch die Zeit der “Supercuts” angebrochen, in denen Enthusiast:innen im Internet Filmszenen aneinanderreihten, die miteinander zu interagieren schienen, oft unterlegt mit Musik.

The Clock ist, so wird er auch immer wieder genannt, der ultimative Supercut. Marclay und sein Team haben aus über 3000 Filmen Szenen herausgesucht, in denen Uhren im Bild zu sehen sind oder in denen es um Zeit geht. Diese Szenen haben sie zu einem 24-Stündigen “Film” montiert, in dem, wenn man ihn korrekt synchronisiert, die im Bild gezeigten Uhren immer der Uhrzeit außerhalb des Films entsprechen. Um 12 Uhr mittags sieht man Szenen, die mittags spielen. Um 18 Uhr abends sieht man Filme, die um 18 Uhr abends spielen. The Clock ist also nicht nur ein Supercut von Uhren-Szenen, er ist auch selbst eine Uhr. Ein erstaunliches Werk, das ich unbedingt sehen wollte, seit ich zum ersten Mal davon gelesen hatte.

Aus Rechtegründen ist The Clock nirgendwo einfach so zu sehen, weder im Internet noch im Kino. Seit 29. November aber läuft er in der Neuen Nationalgalerie in Berlin und somit hatte ich vor kurzem die Gelegenheit, mich in seinen Bann zu begeben.

Meine erste Erkenntnis: The Clock ist doch etwas anders, als ich erwartet hatte. Die Uhrenszenen folgen nicht “neutral” aufeinander, sie sind, wie in einem Supercut, miteinander verwoben. Manche Szenen sind parallel montiert, als würden sie im Dialog stehen. Auf der Tonebene werden Übergänge geschaffen, die im Bild nicht zu sehen sind. So erzeugt The Clock wirklich einen fortlaufenden Flow, der nie endet, auch wenn die gezeigten Bilder oft wenig miteinander zu tun haben. Und somit entsteht auch ein Sog, dem man sich schwer entziehen kann. (All das steht schon in Bordwells Artikel, an den ich mich aber nicht im Detail erinnern konnte.)

Die zweite Beobachtung: The Clock erlaubt einem (wie alle Supercuts), seine eigene Filmbiografie gameshow-mäßig auf die Probe zu stellen. Obwohl Marclay Filme aus der ganzen Welt in seinem Werk verarbeitet hat, liegt der Schwerpunkt doch auf Hollywood-Produktionen, viele davon populär. Ich konnte nicht anders, als mich bei jedem neuen Ausschnitt zu fragen, ob ich den Film kenne. Die Abstufungen waren: 1) Ja, kenne ich und kann ich benennen. 2) Habe ich vielleicht irgendwann mal gesehen, aber ich kann ihn nicht benennen. 3) Ich kann Schauspieler:innen und/oder grobe Epoche identifizieren, aber ich kenne den Film nicht. 4) Noch nie gesehen. Gefühlt über alle Ausschnitte am meisten zu sehen, übrigens: Big Ben. (Es gibt tatsächlich ein komplettes, crowdgesourcetes Wiki des Films, in dem man nachschauen kann, was in jeder Minute im Film zu sehen ist.)

Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir aber die Rezeptionssituation. The Clock läuft in einem eigens gebauten Kino auf großer Leinwand, das allerdings nicht mit Kinosesseln, sondern mit Reihen von Sofas bestuhlt ist. Das ermöglicht den Besucher:innen, das Kino frei zu betreten und zu verlassen, aufrecht zu sitzen oder sich hemmungslos zu fläzen. Trotzdem herrscht andächtiges Schweigen wie in einem Museum. Lachen oder andere Gefühlsregungen habe ich selten gehört – außer bei einem älteren Paar, das sich immer wieder flüsternd austauschte, wie sehr es bestimmte Schauspieler:innen mag. Einmal setzte sich eine Frau mit einem Baby neben mich und stillte es. Das war wahrscheinlich der schönste Moment. Mit Kino kann man gar nicht früh genug anfangen.

The Clock lebt an einem merkwürdigen Ort zwischen Kino und Installation. Ich habe insgesamt rund dreieinhalb Stunden in zwei Blöcken – einmal 75, einmal 135 Minuten – gesehen, also knapp die Hälfte der Öffnungszeit der Neuen Nationalgalerie zwischen 10 und 18 Uhr. Natürlich würde ich ihn am liebsten ganz sehen (auf Letterboxd entspann sich sofort eine Diskussion, ob man ihn überhaupt als “gesehen” markieren darf, wenn das nicht der Fall ist), aber auf gar keinen Fall in einem 24-Stunden-Marathon, wie ihn das Museum insgesamt zweimal anbietet.

Denn so schön es ist, sich in den endlosen Fluss der Bilder fallenzulassen – nach zwei Stunden am Stück merkte ich, wie mir auch langsam der Kopf schwirrte. Am besten für The Clock wäre es meiner Meinung nach, wenn er wirklich irgendwo als Uhr laufen würde. An einem (realen oder virtuellen) Ort, an dem man zu jeder Tages- und Nachtzeit vorbeischauen könnte und “die Uhr” betrachten könnte, manchmal für wenige Minuten, manchmal für mehrere Stunden, je nach Gefühl.

Wäre man frei, sich The Clock zu beliebigen Stimmungen und Zeiten zu widmen, könnte er seine Wirkung ganz anders entfalten. Ich stelle mir vor, dass ich nachts aufwache und mir zum Wieder-einschlafen eine Weile die Szenen zwischen 2 und 3 Uhr anschaue, mich um 20 Uhr für einen Filmabend einmummele, oder mich bei meiner Morgenroutine begleiten lasse. Man sollte The Clock auch im Hintergrund auf Partys laufen lassen können, gemeinsam davorsitzen und schauen, welche Szenen man erkennt. In der sterilen Umgebung eines Museumskinos, für das man im Übrigen 20 Euro Eintritt gezahlt hat (was die Hürde für wiederholte Besuche an mehreren Tagen hoch setzt), ist Marclays Werk in seiner Gesamtheit eigentlich verschenkt.

Ich empfehle trotzdem jedem, der die Gelegenheit hat, The Clock zu sehen. Mein Tipp wäre, sich einen Tag Zeit zu nehmen, direkt morgens zu kommen und zwischendurch kurze oder lange Pausen zu machen: Spazieren gehen, essen, mit Freund:innen über das Gesehene sprechen und dann immer wieder eintauchen, bis das Kino schließt. Was es aber eigentlich nicht sollte. Andere Uhren hören ja auch nicht auf, weiterzulaufen.

Höreindrücke: Nice & Nötig, Deep State, Unsere Franzi, Wolf of Cannabis

Nice & Nötig – Der Podcast für gute Ideen (Übermedien)

Ich bin begeisterter Leser von Annika Schneiders Artikeln und mag sie auch persönlich. Es ist also kein Wunder, dass sie sich hier auch als gute Interviewerin zeigt. Vom Konzept des Podcasts bin ich dennoch nicht ganz überzeugt. Die Gespräche sind nicht so zielgerichtet, wie sie sein könnten, vor allem wenn die Interviewpartner:innen nicht ganz mitmachen (wie in der ersten Folge). So kommen die „guten Ideen“ aus dem Titel nicht so klar raus, wie ich sie mir gewünscht hatte. Außerdem habe ich etwas an der Distribution zu mäkeln: Holger Klein hat im regulären Übermedien-Podcast schon zweimal angekündigt, dass „Nice & Nötig“-Folgen in „seinem“ Feed auftauchen würden, das ist aber nicht passiert. Schade, wenn redaktionelle Abstimmung so schiefläuft.

Hateland: Deep State (WDR)

Obwohl ich das Thema für sehr relevant halte und gerne mehr darüber erfahren hatte, bin ich hier nicht reingekommen. Wenn Sachverhalte erklärt wurden, war ich an Bord, auch mit dem Ton des Podcasts. Aber immer wenn ich dann dem Reporter und seinem Hund wieder auf Recherchetrips folgen musste, fühlte sich das an wie nicht sehr ergiebiges Füllmaterial. Fast schon unlauter fand ich es, am Ende von Folge 1 einen großen Fund in Folge 2 anzuteasern, der sich dann als Luftnummer entpuppt.

Unsere Franzi — Being Franziska van Almsick (ARD)

Zu meckern habe ich hier eigentlich nur an dem merkwürdigen Doppeltitel, der sich auf den ohnehin überflüssigen englischen Titel der TV-Reportage bezieht, aber dann aus irgendeinem Grund noch einen draufsetzen musste. Ansonsten eine sehr dicht erzählte Doku, die den Zugang zu seiner Protagonistin voll ausnutzt ohne dabei journalistische Distanz vermissen zu lassen. Und mit vier Folgen angenehm überschaubar.

Wolf of Cannabis (1LIVE)

Hier stimmte alles, fand ich. Die Reportage-Elemente sind nicht nur Schmuck, sondern helfen tatsächlich dabei, Thema und Protagonist runder zu machen. Das Host-Team macht seine Arbeit transparent und zeigt gleichzeitig klare Haltung. Das Thema ist in seiner Komplexität gut aufgedröselt und nimmt sich die Dimensionen einzeln vor, ohne das große Ganze zu vergessen. Ausführliche Kritik in der nächsten Ausgabe von LÄUFT.

Höreindrücke: War da was?, The German Wiedergutmachung, OZ, Der Sophie Passmann Podcast

In den letzten Wochen haben sich bei mir mal wieder einige Höreindrücke angesammelt, es wird also Zeit für einen neuen Post.

War da was? (Zeit Online)

Diesen Podcast habe ich für LÄUFT besprochen, als er noch recht frisch war. Inzwischen habe ich fast alle Folgen gehört. Ich applaudiere der Innovation, zwei sehr unterschiedliche Formate, die sich ergänzen (lange Interviews und kurze Chroniken), in den gleichen Feed zu packen. Ich fand die Fach-Interviews und die thematisch ausgerichteten Chronikfolgen am besten, die “menschlichen” Interviews hatten mir manchmal zu viel Nähe und taugten oft auch nur bedingt als Fallstudien. Die Sound- und Schnittqualität war zudem insgesamt sehr durchwachsen – und den flapsigen Titel finde ich nach wie vor nicht gut.

The German Wiedergutmachung (Bundesarchiv)

Hier bleibe ich bei meinem Urteil aus LÄUFT Folge 59. Ein lohnenswertes und informatives Projekt, gut umgesetzt, das ein klein bisschen weniger Abstraktion vertragen hätte. Als jemand, der selbst oft in staatlich finanzierten Kontexten arbeitet, meine ich, das Knarzen der Vorgaben und Abnahmeschleifen öfter gehört zu haben, vor allem in der Sprache. Selbst bei einem guten Podcast wie diesem zeigt sich also: Es ist immer ein Unterschied, ob man einem journalistischen Impetus folgt, oder für die eigene Arbeit werben will.

OZ. Graffiti-Künstler. Schmierfink. Rebell. (ARD Kultur u.a.)

Ich plädiere bei jeder Gelegenheit für weniger Formatierung und mehr Autor:innen-Stil auch in Storytelling-Formaten, und das war hier definitiv spürbar, in Ansprache und Aufbau genau wie in Sound-Design und Musik. Mir persönlich war das Erzähltempo zu langsam und das Sujet, die Hintergrundgeschichte des Hamburger Graffiti-Künstlers OZ, nicht spannend genug, um mich länger zu fesseln. Die Inhalte hätte ich lieber in einem kompakteren Radiofeature vermittelt bekommen (das es auch gab, aber das ich nicht gehört habe).

Der Sophie Passmann Podcast (Studio Bummens)

Auf die Gefahr hin, wie ein Papagei zu klingen, feiere ich auch hier den Mut zum (nicht neuen aber noch immer seltenen) Format. 50 Minuten in Sophie Passmanns Stream of Consciousness zu verbringen, sogar ohne Intromusik, finde ich gut – es ist quasi die reinste Form des Podcastens. Ob man das, was Sophie Passmann sagt, besonders interessant findet, hängt dann aber logischerweise auch stark davon ab, wie interessant man Sophie Passmann findet. Und hier habe ich festgestellt, dass ich nicht zur Kernzielgruppe gehöre.

Die “Höreindrücke” sind eine unregelmäßig erscheinende Kolumne über neue Podcasts, von denen ich in der Regel zwei bis drei Folgen gehört habe.

Höreindrücke: Berlin Code, Our Ancestors Were Messy, Durchgefallen, SWF3 – Das Phänomen

Berlin Code (ARD)

Wie in Folge 54 von LÄUFT besprochen, klang “Berlin Code” für mich nach den ersten Folgen ein bisschen zu sehr wie “Hauptstadtjournalismus: Der Podcast”, mit allem, was das so mit sich bringt. Mein Eindruck: Er konnte sich nicht entscheiden, wo er den Schwerpunkt setzen will (Meinung, Information, Gossip, Analyse), aber das halte ich für ein typisches Findungsproblem neuer Gesprächspodcasts – der “Über Podcast” kam vor zwei Wochen zu einem ähnlichen Ergebnis. Ich schließe nicht aus, dass das schon jetzt besser geworden ist.

Our Ancestors Were Messy (Indie)

So viele gute Ideen in einem Projekt. Black History, vermittelt durch die Klatschkolumnen der Zeit nach dem Bürgerkrieg, in einem Dialog zwischen perfekt vorbereiteter Host und schlagfertiger Gästin. So viele verschiedene Reflexionsebenen, historisch wie aktuell, die auf wirklich tolle Art aufeinandertreffen. Und das ganze völlig unabhängig gestemmt. Respekt!

Durchgefallen (SWR)

In diesem Podcast fallen meine zwei beruflichen Welten zusammen, weswegen ich in seiner Bewertung ganz sicher nicht unabhängig bin. Aber ich finde, Lisa Graf hat die aktuelle Situation im Schulsystem in fünf Folgen sehr gut und kompakt zusammengefasst, und ich würde diesen Podcast allen Eltern von Schulkindern sehr ans Herz legen. Was mir aufgrund meines Backgrounds am Ende fehlte, war ein Ausblick auf mögliche Lösungen für die systemischen Probleme jenseits des Startchancen-Programms. Vielleicht etwas für die Fortsetzung?

SWF3 – Das Phänomen (Indie)

Eins meiner Seifenkisten-Themen ist ja die Nützlichkeit von Podcasts als mündliches Archiv, und ich finde es super, dass Gregor Glöckner sich dieser Aufgabe für den Radiosender SWF3 (für dessen heiße Phase ich etwas zu jung bin) angenommen hat. Ohne viel redaktionellen Schnickschnack drumherum, einfach in einer ausführlichen Sammlung von Interviews mit den damals Beteiligten konserviert er so die Erinnerungen an eine mediale Entwicklung. Das ist natürlich schrecklich nischig, aber es zeigt, was Podcasts alles leisten können.

Die “Höreindrücke” sind eine unregelmäßig erscheinende Kolumne über neue Podcasts, von denen ich in der Regel zwei bis drei Folgen gehört habe.

Höreindrücke: Nein to Five, Lösch alles, Bro!, German Dreams, Becoming The Beatles

Willkommen zu den vermutlich letzten Höreindrücken für dieses Jahr! Es geht um New Work, Deutschland und die Beatles. Und wer mir übrigens schon immer mal ins Gesicht sagen wollte, was von meinen Kurzkritiken zu halten ist: ich bin am 22. und 23.11. auf dem “So Many Voices” Podcastfestival in München. Sehen wir uns?

Nein to Five (Fora/brandeins)

Wer sich Plakatwerbung für seinen Podcast an jeder Litfaßsäule in Berlin leistet, dachte ich mir, muss schon sehr davon überzeugt sein, dass er gut ist. Ich fand aber eher, dass es sich um ein mittelmäßiges Interviewformat mit mittelmäßigem Sound handelt, in dem man nie den Namen des Hosts erfährt, auch wenn die Themen gar nicht so uninteressant sind. Mich würde wirklich interessieren, wie der ROI für die Plakatkampagne war.

Lösch alles, Bro! (ZDF Frontal/hauseins)

Hier haben mir viele Einzelteile gefallen: Musik und Sound Design (bin aber gegenüber Joscha Grunewald auch immer biased), die ganze Idee, Textnachrichten dramatisch von guten Schauspielern einsprechen zu lassen und auch die Inszenierung als ein bisschen cooles Gangsterdrama (statt als Investigativ-Pose) mochte ich eigentlich. Nur dramaturgisch fiel alles für mich ein bisschen auseinander. Ich musste mich hart motivieren, Folge 2 überhaupt zu hören, in der es dann aber plötzlich viel interessanter wurde, und der wahre Kern der Story rund um Crypto-Messenger, Datenschutz und europäische Polizeiarbeit zum Vorschein kam, in dem die Bros eigentlich nur Nebencharaktere sind.

German Dreams (DLF)

Migrantische Erfahrung in Deutschland erzählt anhand von einzelnen Geschichten, dramaturgisch durchdacht, sympathisch und nahbar, mit Hosts, die angenehm persönlich sprechen. Manchmal ein bisschen viel Händchenhalten durch Fakten-Wiederholung und am Ende oft ein merkwürdiger Werbeblock für’s deutsche Sozialsystem, aber insgesamt ein schönes Projekt, dem ich viele Hörende wünsche.

Becoming the Beatles – Die Hamburger Jahre (NDR Kultur)

Ich hatte keine hohen Erwartungen für etwas, das so aussieht, als wollte noch mal jemand zwanghaft den “regionalen Dreh” für eine tausendfach erzählte Geschichte ansetzen. Aber heidewitzka! hat mich Ocke Bandixen überzeugt. Aus seiner Narration spricht so viel persönliche Leidenschaft, dass ich nach wenigen Minuten hooked war. Es ist so angenehm, wie transparent er seine Motivation, seine Materiallage, seine Arbeit macht, während er das Hamburg von 1960 lebendig werden lässt. Belohnt wird er dann auch gleich in Folge 1 mit einer Knaller-Zufallsszene. Große Empfehlung für alle, die ein Herz für die Beatles haben, auch sie glauben, alles schon zu wissen (wie ich).

Höreindrücke: Bücher in Asche, Enden, Changemakers, Broomgate

Bücher in Asche (MDR/Good Point)

Ich hatte “Bücher in Asche” auf LinkedIn gesehen und entschieden, reinzuhören. Nachdem ich das bereits getan hatte, hat mich eine der Beteiligten auch per DM um Feedback gebeten. Das hat mir fast ein bisschen leid getan, denn die Anfrage war sehr nett, aber ich war leider kein Fan des Podcasts, obwohl oder gerade weil ich das Thema (Brand in der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek vor 20 Jahren) sehr interessant fand. Entscheidender Faktor war für mich der Ton, der mir etwas zu feuilletonistisch-betulich und damit streckenweise einfach zu langweilig war. Die Scherze sind nicht gelandet, die Spannung hat sich nicht aufgebaut und ich hatte bis zum Ende von Folge 2 noch immer kein Gefühl für die Geografie des Ortes. Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt: Ist die Geschichte dieses Brandes wirklich in erster Linie ein Kulturthema?

Enden: Pleasant Island (Futurium/Undone)

Manchmal fühle ich mich bei Podcasts an die Peak TV-Zeit vor zehn Jahren erinnert. “Wurde diese Geschichte nicht schon öfter erzählt?” – “Ja, aber noch nicht als Streamingserie qualitativ hochwertiger Storytelling-Podcast.” Nichts an “Pleasant Island” ist schlecht, vieles ist sehr gut. Ich finde besonders das Scoring mal wieder hervorragend. Aber es ist (zumindest nach zwei Folgen) auch wenig daran neu oder überraschend. Mir wurde nicht klar (so ging es mir schon bei “Amanda Knox”), warum diese Geschichte jetzt noch einmal erzählt werden muss. Und ich habe nicht ganz verstanden, warum das Futurium einen sicher nicht unerheblichen Betrag dafür ausgibt.

Changemakers (WDR/Sportschau)

Podcast als Sachbuch-Hörspiel. Dynamische Texte über Sportler:innen, die über ihren Sport hinaus gewirkt haben. Toll interpretiert von Henriette Schreurs (mir bekannt aus “Score Snacks”) mit einem beeindruckenden Bett aus Soundeffekten und Musik. O-Töne tauchen auf, aber nur selten, wenn sie der Geschichte nicht im Weg stehen. Lieber werden Schauspieler:innen benutzt. Trotzdem wird mit journalistischer Sorgfalt darauf geachtet, dass alles nicht zu sehr biopic-isiert wird. Das Format ist nicht völlig neu, aber es ist noch viel zu selten und hier wirklich auf höchstem Niveau umgesetzt.

Broomgate: A Curling Scandal (CBC/USG Audio)

Ich finde ja, dass es kein besseres Medium gibt, um solche Nerd-Nischen-Geschichten zu erzählen, die gleichzeitig ein bisschen albern, aber journalistisch dennoch hochinteressant sind. Wer 2,5 Stunden Zeit hat, sollte sich dieses Reporterstück über den größten Skandal der Curling-Welt vor rund 10 Jahren mal anhören. Auch wenn der Host seine eigene Rolle in der Geschichte vielleicht etwas zu sehr hochjazzt.

Thüringen 2024, Shell Game, Judging Amanda Knox, 130 Liter: Vier Podcast-Kurzkritiken

Eigentlich wollte ich im Sommer keine Höreindrücke schreiben, aber dann kamen doch ein paar neue Produktionen des Wegs. Heute geht es um Explainer, KI und True Crime.

Thüringen 2024: Was wäre, wenn? (Hauseins/Verfassungsblog)

Ein brennendes Thema. Eine sehr gute Herangehensweise, die Gefahren in Thüringen über Bedrohungsszenarien greifbar zu machen. Mit Steffi Groth eine erfahrene und sehr sympathische Host. Klingt aber trotzdem hart nach Hausaufgaben. Ich sehe zwei Gründe: Erstens geskriptete Interviews mit den Co-Hosts vom Verfassungsblog, die dadurch, dass sie Ablesen, leicht ins Leiern kommen (Mein Vorschlag: Entweder echte Co-Moderation oder echte Interviews). Zweitens sehr lange O-Töne von Expert:innen (oft dazu noch im Konjunktiv!) ohne einordnende oder zusammenfassende Einschübe. Alles keine Dealbreaker, erhöht aber die Komplexität und Trockenheit.

Shell Game (Evan Ratliff)

Indieproduktion des Journalisten (Wired, Longform), in dem er seine eigene Stimme klont, in diversen Experimenten auf die Welt (bisher: Kundenservice, Scammer, Selbstgespräche) loslässt und laut über seine Beobachtungen nachdenkt. Dicht und unterhaltsam erzählt. Hat die persönliche Komponente, die ich für solche Formate unerlässlich finde, wie schon öfter an dieser Stelle erwähnt. Vergegenwärtigt noch mal, wie weit KI im Audio-Bereich schon gekommen ist.

Judging Amanda Knox (Undone/Der Spiegel)

Ich habe Khesrau Behroz ja letzte Woche für LÄUFT interviewt, und alles was in dem Gespräch steckt, ist im Grunde auch mein Eindruck. “Judging Amanda Knox” ist, wie immer bei Undone, erzählerisch auf höchstem Niveau. Khesrau und Alexandra Berlin ergänzen sich auch sehr gut. Die Musik ist diesmal wirklich ein deutlicher Charakter. Aber ich finde diese Meta-Reflexion (diese Woche erscheint Episode 4, in der über True Crime reflektiert wird, in den freien Feeds) nicht so tugendhaft, wie sie tut, weil mir eine klare These oder ein Richtungsvorschlag an ihrem Ende fehlt. Khesrau hat Großes für den Schluss in Episode 8 angekündigt. Ich werde auf jeden Fall noch dranbleiben.

130 Liter: Streit um unser Trinkwasser (DLF)

Ein großes Thema mit moderner Haltung aber zeitlosen Mitteln erklärjournalistisch heruntergebrochen. Mir haben vor allem die Reportage-Elemente gefallen, in denen Protagonist:innen vor Ort zu Wort kommen und Reporter:innen auch DInge berichten können, die sie sehen oder erleben. Das macht alles viel greifbarer, gibt einem dieses Radio-Gefühl und hat bei mir viele positive Erinnerungen etwa an “Planet Money” geweckt. Ein bisschen traurig finde ich das allgemeine Musik- und Sounddesign, aber so isses halt: Deutschlandfunk’s gonna deutschlandfunk.