Über Renommee

Award Ceremony

Mein täglicher Job abseits des Blogs besteht ja zum Teil auch aus dem Schreiben und Redigieren von Pressetexten. Aus dieser Erfahrung heraus enstand vorgestern dieser Tweet:

Für den ich von Ekkehard Knörer hart ins Gericht genommen wurde.

Sicher nicht geholfen hatte, dass ich im ursprünglichen Tweet das Wort “renommiert” falsch geschrieben hatte. Ich habe Ekkehard in zwei weiteren Tweets versucht zu erklären, was ich meinte (darauf hat er leider nicht mehr reagiert), aber ich dachte, ich schreibe sicherheitshalber auch hier noch einmal etwas dazu.

Hinter dem Ganzen steckt ein grundsätzlicher Gedanke, den vielleicht nicht alle Menschen teilen. Da ich ursprünglich Journalist bin, und – obwohl ich teilweise Aufgaben übernommen habe, die klar der PR zuzurechnen sind – mich auch immer noch so sehe, bin ich der Meinung, dass gute Pressemeldungen so formuliert sein sollten, dass sie Journalisten so gut wie möglich dienen. Extralative des Grauens nutzen niemandem außer dem Ego der Autoren – kein Journalist wird sie ernst nehmen und erst recht nicht für seinen Text übernehmen. Viel sinnvoller (und perfider natürlich und deswegen mitten im Herz der Krise des Agenturtexte-Übernehm-Journalismus) ist es, Pressetexte so zu formulieren, dass sie stimmen und gut klingen, aber trotzdem natürlich genau den Spin tragen, den man vermitteln möchte.

Tiere quälende Nazis

Vielleicht ist es nur mein Training als Nachrichtenjournalist beim epd, aber dort galt das Attribut “renommiert” als verpönt, weil es an und für sich nichts aussagt. Jeder kann behaupten, dass jemand renommiert ist. Und selbst wenn es stimmt, dass jemand renommiert ist, weiß ich immer noch nicht bei wem oder wofür er oder sie renommiert ist. Die Person könnte für seine Fähigkeit, Tiere zu quälen, renommiert sein, oder bei Nazis. Letzteres ist nicht einmal weit hergeholt, da gerade Bevölkerungsgruppen, die allgemein als gesellschaftlich verurteilenswert gelten, gerne unschuldig aussehende Preise verleihen, um unbedarfte Fachleute in ihren eigenen Kontext zu stellen.

Eine Formulierung wie “der renommierte Regisseur Klaus Klopstock” enthält aber noch etwas anderes, und zwar ein implizites Hinabblicken des Autoren auf seine Leserschaft. Das ist es auch, was ich im ursprünglichen Tweet ausdrücken wollte – und vielleicht ist es auch ein markantes Merkmal im deutschen Feuilletonsjournalismus generell. Wenn ich einer Person nebenbei das Attribut “renommiert” verpasse, spalte ich damit meine Lesenden in zwei Lager. Diejenigen, die wissen, wovon ich rede, und sich dadurch gemeinsam mit mir auch als “Wissende” fühlen können. Und diejenigen, die nicht wussten, dass Klaus Klopstock renommiert ist, und sich durch meine Formulierung also automatisch dümmer fühlen als ich. Da ich Journalismus immer als Dienst am Lesenden begreife, ist also wieder nichts gewonnen. Außer der Förderung von Elitengefühl.

Der berühmte Goethe

Aus meinem Bekanntenkreis ist mir mal die Geschichte eines Brautvaters zugetragen worden, der in seiner Hochzeitsrede (wie wir alle) literarisch gebildet erscheinen wollte, und ihr deswegen das obligatorische Goethe-Zitat voranstellte. Dummerweise leitete er es mit den Worten ein “Wie der berühmte Goethe sagte …”. Darin offenbart sich die umgekehrte Gefahr einer solchen Formulierung: Wenn sowieso jeder weiß, dass eine Person namhaft ist, brauche ich es nicht extra zu erwähnen. Sonst sehe ich nämlich aus wie der Gimpel, der auf sein eigenes besonderes Elitenwissen hinweisen will, das alle anderen als selbstverständlich empfinden.

Renommee sollte also entweder für sich selbst sprechen, oder ich kann es konkreter machen. Eine Möglichkeit wäre, einen Preis zu nennen, den Klaus Klopstock gewonnen hat. Natürlich gibt es auch den immer wieder dummen Fall, gerade in der Filmwelt, aber natürlich auch in der Wissenschaft, dass jemand tatsächlich seit langem in seinem Fachgebiet renommiert ist, aber bei Preisverleihungen immer übersehen wurde. Selbst dann hilft es, wenn man einfach ein paar Informationen hinzufügt. Statt “Der renommierte Regisseur Klaus Klopstock” zum Beispiel “Der für seine realistische Darstellung niederrheinischer Kugelschreiberfarmen renommierte Regisseur Klaus Klopstock”. So nimmt auch der Leser, der, warum auch immer, Klaus Klopstock noch nicht kannte, etwas mit nach Hause, woran er noch lange Freude hat. Und so hat man auch als PR-Mensch ausnahmsweise etwas Gutes in der Welt getan.

(Bildquelle)

5 thoughts on “Über Renommee”

  1. “und vielleicht ist es auch ein markantes Merkmal im deutschen Feuilletonsjournalismus generell.”

    Das ist es. Streich das vielleicht.

  2. Wenn ich renommiert dazuschreibe, gehe ich in der Tat davon aus, dass nicht jeder die betreffende Person einordnen kann. Das ist dann einfach ein Service – und was daran arrogant sein soll, das Zusatzwissen, das man als Experte im Zweifel den LeserInnen gegenüber hat, auch in einem Text unterzubringen, begreife ich nicht. Wenn ich als Journalist nur Dinge schriebe, von denen ich vorausssetzen kann, dass mehr oder minder jeder Leser sie weiß, dann blieben wir alle miteinander schön dumm.

    Das hat natürlich seine Weiterungen: Gibt ja auch die Fraktion, die was gegen Fremdwörter, zu komplizierte Sätze etc. hat. Ich sehe mich auch nicht als Diener meiner Leserin, sondern als Gesprächspartner auf Augenhöhe mit einem Partner, den ich nicht für blöd und ungebildet, sondern für intelligent und neugierig halte.

  3. Und noch eine Ergänzung: Es gibt auch eine Anmaßung von Lesern – nämlich die Erwartung, dass man gefälligst immer alles und zwar auf der Stelle zu verstehen habe. Ich habe als Leser in meinem Leben verdammt viel nicht gleich verstanden, hätte es aber in den meisten Fällen ganz schön unverschämt gefunden, mich da ohne weiteres Nachdenken und Nachschlagen bei den Autorinnen und Autoren zu beschweren.

  4. Danke für die Reaktion! Ich schätze, wir haben dann einfach andere Ansichten. Das mit dem Gesprächspartner auf Augenhöhe finde ich gut (auch einem solchen sollte man im Gespräch eher dienen, als ihn zu übervorteilen), aber es ändert ja nichts daran, dass die Feststellung von Renommee an sich noch kein Service sein kann, weil sie so beliebig ist.

  5. Mir geht es in Gesprächen ähnlich wie Alex, wenn Personen als der/die berühmte XYZ vorgestellt werden. Die Adressierung finde ich durchaus relevant. In einer Pressemitteilung an Filmfachleute muss ich keinen Regisseur als berühmt deklarieren. Wohl aber z.B. einen Stereographen wie Alain Derobe als renommiert, da er trotz seiner hervorragenden langjährigen Arbeit den meisten Journalisten nicht namentlich bekannt ist. Kräftiges Hineindenken ist gefragt.

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