Zwischenruf zu “Reclaim: Tic Tac Toe”: Reclaim Pop

Ich habe gestern die erste Folge vom Podcast Reclaim: Tic Tac Toe gehört, und ich verstehe total die Motivation des Reclaimens einer Band, die zeitweise als ein bisschen peinlich oder lächerlich abgestempelt war. Das scheint in diesem Fall auch absolut berechtigt. Aber an einer Stelle bin ich doch stutzig geworden.

Da heißt es, die Diskussion ob Tic Tac Toe ein “Produkt” waren, hätten vor allem “die Medien unter sich selbst geführt” – den Fans wäre es ja egal gewesen. Das, nachdem man 40 Minuten lang gehört hat, dass Jazzy, Lee und Ricky von einem Management/Produzenten-Duo zusammengecastet wurden, dass ihnen eine falsche Origin Story angedichtet und über ihr Alter gelogen wurde, um für die anvisierte Zielgruppe von Preteens besser zu funktionieren. Und Musik und Texte, die nach dem Erfolg von “Ich find dich Scheiße” sehr eindeutig auf der Annahme “Welche Tabu-Kraftausdrücke können wir noch in Songtiteln verwenden?” (“Verpiss dich!”, “Leck mich am A B Zeh”) konfektioniert waren, hat ebenfalls ihr Produzent geschrieben.

Natürlich waren Tic Tac Toe ein Produkt. Der Fehler ist, darin ein Qualitätsurteil zu sehen.

Gute Popmusik kann genau davon leben, dass sie ein perfektes Produkt liefert. Auch vermeintliche Authentizität ist oft ein Produkt oder wird im Nachhinein dazu gemacht – auch in “echt” konnotierten Musikrichtungen wie Rock und Rap. Deswegen kann Musik trotzdem empowernd, wirksam und auch musikalisch herausragend sein. Und ihre Performer können trotzdem geniale Vorbilder und Vorreiter sein.

Performance ist eine entscheidende Zutat im Pop. Wenn man sich eine vermeintlich perfekte rotzige Girlband zusammencastet, die Sängerinnen das aber nicht überzeugend performen können, funktioniert es nicht. Jazzy, Lee und Ricky haben durch ihre Perfomance einen entscheidenden, vielleicht sogar den wichtigsten Beitrag für den Erfolg von Tic Tac Toe geliefert. Das sagen im Podcast übrigens auch mehrere Leute, zum Beispiel über den Videodreh von “Scheiße”.

Ich hätte es besser gefunden, wenn das Team diesen Punkt offensiv herausgestellt hätte. Man hätte darauf hinweisen können, dass das in den 90ern tatsächlich noch an vielen Stellen anders bewertet wurde, der Diskurs inzwischen aber zum Glück weiter ist. Die vermeintliche Realness, die insbesondere männliche Journalisten damals noch als Merkmal von “guter Musik” postuliert haben, wurde längst abgelöst.

Genau unter dem Aspekt des “Reclaimens” übrigens, und zwar von Pop als Kunstform.

Im Podcast aber wird die Frage, ob Tic Tac Toe ein Produkt waren, mit so einem “Ist doch egal, müssen wir gar nicht drüber reden” vom Tisch gewischt. Der Produzent hat den Mädels ja auch zugehört und das dann umgesetzt, heißt es. Als wolle man sich seine schöne Umdeutungs-Story bloß nicht von störenden Tatsachen kaputt machen lassen.

Oder sehe ich das falsch?

(zuerst als Thread auf Bluesky formuliert)

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