Das erste Buch, was ich im neuen Jahr gelesen habe, ist Annekathrin Kohouts Hyperreaktiv – Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird, und ich fand es ziemlich gut. Nicht alles, was darinsteht, ist völlig neu oder klar mit Daten belegbar, aber Kohout entwickelt ein Konzept sehr ausführlich, das ich überzeugend fand. Sie nennt es “Hyperinterpretation”.
In einer Social-Media-Welt, die User durch ihre Aufmerksamkeitsmechanismen zum Reagieren auf Ereignisse zu zwingen scheint, ist die Hyperinterpretation eine besonders perfide Art der Reaktion. Sie kapriziert sich strategisch auf einzelne Aspekte von Bildern oder Ereignissen, dekontextualisiert sie und setzt sie in Windeseile in neue Zusammenhänge, garniert mit historischen Referenzen und wissenschaftlich erscheinenden Daten. Dafür sammelt sie Beifall aus der Followerschaft ein, und bald schon hat die hyperinterpretierte Reaktion in Reichweite und Auslegung das Ursprungsereignis überholt.
“Was einst als Ideal der kritischen Medienrezeption galt – die aufmerksame Analyse von Inhalten, das Hinterfragen von Motiven –, hat sich in ein zynisches ‘Alles-Durchschauen’ transformiert. Der kritische Impuls, der im Idealfall auf Emanzipation zielt, wird in der Hyperinterpretation zu einem Instrument der Machtausübung pervertiert.”
Wie Kohout darlegt, wird dieses Mittel sowohl von rechts als auch von links eingesetzt – ihr zufolge mit unterschiedlichen Motivationen (Zynismus und Moralismus). Es ist mir in Internet-Diskursen schon öfter aufgefallen und sauer aufgestoßen. Da ich nicht so viel in rechten Bubbles unterwegs bin, ist es mir stärker von links begegnet, oft in einer Haltung von “Natürlich spricht natürlich wieder niemand darüber, wie PROBLEMATISCH das ist – educate yourself!” Selbst wenn es wahr ist, dass dahinter oft ein echter, moralisch getriebener Aufklärungswille steckt, ist es dennoch eine auf maximale Empörung optimierte Reduzierung.
Kohout beschreibt, dass sich auch Journalist:innen oft in die hyperinterpretative Logik treiben lassen und regt am Ende dazu an, dem Drang zu widerstehen, selbst auf alles reagieren zu müssen. Das kann ich nur unterschreiben.
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Im Dezember habe ich William Gibsons zweite Romantrilogie, die sogenannte “Bridge-Trilogie” (Virtual Light, Idoru, All Tomorrow’s Parties) aus den 1990ern beendet, und ich habe mich gefreut, dass er darin wieder die Sequel-Logik einsetzt, die ich schon an seiner “Sprawl-Trilogie” bewundert habe. Jedes der Bücher steht für sich, auch wenn einzelne Figuren und Hintergrund-Stränge sich hindurchziehen.
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A propos Fortsetzungen: Seit den 2010er Jahren begleite ich hier im Blog die diversen Verrenkungen Hollywoods beim Am-Leben-erhalten erfolgreicher “Intellectual Properties” mit immer neuen Filmen und Serien. Mein Lieblings-Film-YouTuber Patrick Willems hat sich dem Thema in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres ausführlich gewidmet. Warmgelaufen hat er sich mit einem Video zum James-Bond-Franchise im August, aber besonders gut fand ich seine zwei Videos zu “Legacy Sequels” im November und Dezember.
Legacy Sequels – Fortsetzungen, die viele Jahre nach dem Original unter Mitwirkung der gealterten Schauspieler:innen entstehen – folgen einer bestimmten Formel. Sie versuchen, gleichzeitig die Nostalgie der Fans am Ursprungswerk zu bedienen und eine neue Generation an Protagonisten zu etablieren, die das Franchise fortsetzen können. Meistens klappt das nur mittelmäßig.
Willems dröselt in seinen Videos sehr gut auf, wie es überhaupt dazu kam, dass dieses Format so populär wurde, und welche Auswüchse es inzwischen angenommen hat. Dass er T2 Trainspotting als positives Gegenbeispiel nennt, hat mich dann natürlich endgültig überzeugt.
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In der jüngsten Ausgabe des Slate Culture Gabfest debattiert die Kritiker:innen-Crew mal wieder das alte und beliebte Thema, ob die Avatar-Filme von James Cameron einen kulturellen Fußabdruck hinterlassen haben. Die Argumente sind alle nicht neu – die Filme sind visuelle Spektakel, es fehlt ihnen aber an originellen narrativen Ideen und erinnerungswürdigen Charakteren, die sie über den Kinobesuch hinaus relevant erscheinen lassen. Michael Schulman vom New Yorker vergleicht sie mit Planetariums-Shows, was ich einen guten Vergleich finde.
Nachdem ich Fire and Ash, den jüngsten Avatar-Teil gesehen hatte, war mir ein anderer Vergleich in den Kopf geschossen, den ich auch auf Letterboxd festgehalten hatte: Fantasy-Buchzyklen aus den 90er Jahren. Meine erste Referenz ist natürlich Robert Jordans The Wheel of Time, aber ich erinnere mich auch an Tad Williams’ Memory, Sorrow and Thorn und Terry Goodkinds The Sword of Shanarra. Viele habe ich auch nie gelesen, etwa von Robin Hobb oder Kate Elliott (oder auch A Game of Thrones, das 1999 erschien), aber die Art von Buch hat mich geprägt.
Die Merkmale waren immer ähnlich. Die Bücher waren dick (600+ Seiten). Sie standen nie für sich allein. Während man drinsteckte, fühlten sie sich toll an. Ihr Worldbuilding setzte ähnliche Bausteine (jugendliche Helden, alte Prophezeiungen, magische Sekten, legendäre Waffen) immer neu zusammen, ihre Plots bewegten sich oft in Gletschergeschwindigkeit vorwärts, und letztendlich waren sie ziemlich austauschbar – obwohl kommerziell durchaus erfolgreich. Und da die 90er eine andere Zeit waren, sind viele der Tropes des Genres aus heutiger Sicht nicht gut gealtert, gerade wenn es um Geschlechterbilder oder die Darstellung von “exotischen” Kulturen geht.
James Camerons imperiale Dekade waren die 90er – zwischen Terminator 2 und Titanic. Ich finde es nicht verwunderlich, dass seine Filme bis heute diesen Geist atmen. Seht ihr das ähnlich?
