Das faszinierendste Rabbit Hole, in das ich in jüngster Zeit abgetaucht bin, wurde durch den Besuch der Cirque du Soleil-Show “Alizé” ausgelöst, die seit November als “Residency”, also fest installiert, im Berliner Theater am Potsdamer Platz spielt. Der größte Wow-Effekt der Show, neben wie immer erstaunlichen artistischen Fähigkeiten und einem beeindruckenden Design, besteht drain, dass auf der Bühne Elemente in schneller Abfolge selektiv sichtbar gemacht werden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Requisiten und Performer verschwinden oder im Raum hin- und herspringen. Der Effekt lässt sich leider schlecht beschreiben und Videos davon gibt es im Netz nicht.
Das Erlebnis hat mich jedenfalls inspiriert, mich im Anschluss ausführlicher mit den Entwicklungen moderner Bühnen und Zirkus-Technik zu beschäftigen. Dabei habe ich nicht nur herausgefunden, dass es eine vor rund 20 Jahren in Frankreich entstandene Bewegung namens Magie Nouvelle gibt, die der Zirkusmagie einen emotionaleren und immersiveren Charakter zu geben, sondern ich habe auch viel darüber gelernt, wie die Bühnenmagie in “Alizé” vermutlich bewerkstelligt wurde: Mit einer Kombination aus sehr hellen Projektoren, die über das Lichtpult automatisiert (und über LIDAR getriggert) angesteuert werden können, eventuell Mesh-Flächen auf der Bühne, die von hinten und vorne angestrahlt Teile der Bühne besser oder schlechter sichtbar machen und das Auge täuschen. Schließlich – das fand ich vermutlich das faszinierendste – ultraschwarzem Material, das so dunkel ist, dass es Licht quasi schluckt. (Dieses Interview verrät nicht alles, liefert aber einen Einstieg).
Mich hat das Ganze so begeistert, weil ich es immer wieder cool finde, wenn moderne Technik und moderne Unterhaltungs-”Philosophie” auf diese Art aufeinandertreffen und sich gegenseitig inspirieren. Vantablack, das tiefschwarze Material, wurde für Raumfahrt und Militär entwickelt. Aber dann kommen Zirkusperformer des Wegs, die nach Möglichkeiten suchen, Bühnenmagie fantastischer zu machen, und setzen es ein, um bisher undenkbare Effekte umzusetzen. Diese Geschichten liebe ich.
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In meiner Bubble wird gerade viel über das Social-Media-Verbot für Jugendliche diskutiert, das die Politik immer wieder in den Raum wirft. Viele Menschen, denen ich folge, sind tendenziell eher dagegen und fordern stattdessen, Medienkompetenz zu stärken und die Technikkonzerne besser zu regulieren. Erstaunlicherweise neige ich im Moment dazu, einfach alles gleichzeitig anzugehen.
Einen entscheidenen Ausschlag hat bei mir ein Interview von Alexander Brand mit einem Lehrer aus Australien verursacht, wo ein Social Media Verbot ja seit zwei Monaten existiert. Der Lehrer Chris Bush beschreibt zwar, dass die Jugendlichen die Sperren leicht umgehen konnten und sich ihr Verhalten kaum geändert hat, aber er sagt auch das hier:
Ich sehe dieses Gesetz eher wie das Rauchverbot: Es braucht Zeit. Wahrscheinlich reden wir über eine Generation – oder zumindest fünf bis zehn Jahre –, bis wir die Effekte sehen, die wir uns erhoffen. Für Kinder, die heute neun, zehn oder elf Jahre alt sind, wird Social Media nicht denselben sozialen Druck mit sich bringen wie für die heutigen Teenager. Sie wachsen nicht mit der Annahme auf, dass man mit 13 oder 14 automatisch Social Media bekommt. Bei den heutigen 13- bis 16-Jährigen erwarte ich keine großen Veränderungen der Gewohnheiten. Aber bei den jüngeren Jahrgängen, die nachrücken, glaube ich schon, dass wir positive Effekte sehen werden.
Dieser Gedanke hat bei mir gezündet. Ich erinnere mich noch gut daran, wie merkwürdig es sich vor rund 20 Jahren angefühlt hat, dass man plötzlich in den meisten Innenräumen (besonders in Kneipen) nicht mehr rauchen durfte. Heute ist das genaue Gegenteil der Fall: Verrauchte Räume fühlen sich merkwürdig an. Raucher sind stärker markiert als Nichtraucher. Könnte das für Social Media auch möglich sein? Man könnte es zumindest versuchen.
Wie gesagt, das heißt nicht, dass ich nicht trotzdem dafür bin, die Firmen hinter Social Meda Plattformen zu mehr Sicherheit zu zwingen (ich fand hierzu besonders hörenswert das Interview von Ezra Klein mit Cory Doctorow und Tim Wu, und dort die Metapher des Gärtners, der bestimmte Parzellen abteilt und Unkraut jätet ohne dadurch den Garten zu zerstören) und Medienkompetenz zu stärken. In meinem neuen Job in einem Präventionsprojekt lerne ich zurzeit sehr viel darüber, dass “gesundes” Verhalten bei Kindern meist aus der Kombination aus Gelegenheiten und Anerkennung für dieses Verhalten entsteht.
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Im Odeon Kino läuft derzeit eine Filmreihe zu Journalistenfilmen. Ich habe die Gelegenheit genutzt und endlich The Insider von 1999 nachgeholt, Michael Manns Film über einen Whistleblower aus der Tabakindustrie (Russell Crowe), der von einem Journalisten (Al Pacino) ins Fernsehen gebracht wird. Ich gebe zu: Ich war nicht der größte Fan dieser Miami-Vice-Version von Journalismus. Ständig harte Männer, die einsame Entscheidungen treffen. Der Al Pacino-Charakter packt in jedem Raum erstmal seine Klöten auf den Tisch und steht bevorzugt mit einem Mobiltelefon am Meer, während er “Answer the fucking phone!” brüllt. Wie anders (und sympathischer) sind doch die Darstellungen von Journalismus in späteren Filmen wie Spotlight oder She said, in dem Teams von Journalist:innen hartnäckig, aber leise und subtil an einer Story feilen, bis sie druckreif ist. Ich liebe insbesondere diese Szene aus She said.
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Ich habe auf Empfehlung des Newsletters Oh My Pod einen Podcast der BBC über den Aufstieg und Fall der Indie-Rockbands in den Nuller Jahren gehört – Höreindruck dazu folgt bald. Interessant daran fand ich: Anders als die in den letzten Jahren grassierende Nostalgie für die 90er Jahre – also für meine Tween- und Teenagerzeit – war ich zur Zeit von “Indie Sleaze”, wie die BBC es nennt, schon erwachsen. Der Blick zurück auf diese Zeit ist entsprechend ein ganz anderer. Viel politischer und viel weniger von vagen Gefühlen geprägt, aber dennoch stark von schönen Erinnerungen (insbesondere an meine Studienzeit in Schottland 2005/2006). Dass sich Nostalgie so unterschiedlich anfühlen kann, hat mich überrascht. Wie wird das bloß werden, wenn wir in 30 Jahren nostalgisch auf die jetzige Zeit zurückblicken?
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Lena Falkenhagen und Marina Weisband sind Personen, deren Schaffen ich online schon eine Weile verfolge. Lena spätestens seit meiner vertieften Beschäftigung mit Interaktiver Fiktion, Marina in letzter Zeit wieder durch ihren Podcast Wind und Wurzeln. Jetzt habe ich ganz überrascht festgestellt, dass die beiden schon seit 2024 einen Podcast über mein altes und letztes Jahr wieder frisch aufgenommenes Hobby Liverollenspiel (LARP) haben. Er heißt Spielend Subversiv, was ich nicht den besten Titel finde, aber der Podcast ist trotzdem super, um ein tieferes, auch analytisches Nachdenken über LARP zu fördern, was ich gerne tue aber selten beobachte – leider erst recht nicht in den Medien der Szene wie LARP-Zeit, deren Artikel oft auf einem “Mein schönstes Ferienerlebnis”-Niveau geschrieben sind. Ich empfehle die Episoden über Formate und Stile und über Immersion.
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