ABBA Voyage: Das uncannyeste aller Valleys

Seit ich das erste Mal von ABBA Voyage gehört habe, wollte ich hingehen. Nicht, weil ich so ein riesiger ABBA-Fan bin — ich mag viele ihrer Lieder wegen ihrer grandiosen Pop-Hooks, aber mich verbindet nichts mit der Band (nicht mal Mamma Mia!) – sondern, weil ich von Anfang wissen wollte, zu welcher Art von Konzerterlebnis heutige Computertechnik fähig ist. Ob Gebräue wie ABBA Voyage gar die Zukunft des Konzerts in sich tragen. 

Vor kurzem war ich für ein paar Tage in London (zum ersten Mal seit 1993, es war super!). Ich habe ABBA Voyage gesehen und bin mir immer noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Auf jeden Fall aber bin ich an meine semiotischen Grenzen gestoßen.

Nach so großen Worten sollte ich vermutlich kurz erklären, worum es geht. Obwohl die Story damals vor rund vier Jahren groß durch die Medien ging, habe ich nämlich die Erfahrung gemacht, dass kaum jemand wusste, wovon ich sprach. ABBA Voyage ist ein Konzerterlebnis, das im Mai 2022 gestartet ist und einem die Möglichkeit gibt, ein ABBA-Konzert zu erleben, ohne dass die vier Mitglieder der Gruppe anwesend sind.

Zu diesem Zweck haben ABBA mit Industrial Light and Magic zusammengearbeitet, um digitale Versionen ihrer jüngeren Ichs aus den 1970ern zu generieren, die sogenannten ABBAtare. Diese performen ein 100-minütiges, virtuelles Konzert ihrer größten Hits auf einer riesigen, hochauflösenden LED-Wand in einer eigens dafür errichteten “ABBA Arena” im Nordosten Londons, für das Agnetha, Benni, Björn und Annifrid selbst große Teile des Motion Capturing und ihre eigenen Stimmen aufgenommen haben.

Die Grenzen verschwimmen

Ok, ein computeranimierter Konzertfilm ist jetzt nichts wirklich Besonderes, könnte man sagen. Nicht im Zeitalter von, zum Beispiel, K-Pop Demon Hunters. Das Besondere aber ist, dass ABBA Voyage alles daran setzt, die Grenzen zwischen der künstlichen und der echten Welt maximal verschwimmen zu lassen, bis man als Zuschauer endgültig ins uncannyeste aller Valleys abgetaucht ist.

Sehr viele Entscheidungen rund um ABBA Voyage sind so getroffen worden, dass das Erlebnis möglichst stark an ein echtes Konzert erinnert. Die Arena hat zum Beispiel in der Mitte einen Stehplatz-”Dancefloor”. Effekte auf dem Screen sind nahtlos integriert mit realen Geschehnissen (Lichtern, Spiegeln, Bühneneffekten) im Saal. Jedes ABBA-Mitglied bekommt Solo-Spots im Set, in denen sie kleine Geschichten erzählen und das Publikum ansprechen. Und schließlich ist da eine zehnköpfige Live-Band am vorderen linken Bühnenrand, die jeden Abend die Musik zum eingespielten Gesang liefert.

Auch die Art und Weise, wie die ABBAtare präsentiert werden, ist einem Live-Konzert nachempfunden. Man sieht die vier Mitglieder am unteren Rand des Screens stehen, so dass der Eindruck entsteht, sie stünden weiter hinten auf der Bühne, während am linken und rechten Rand große Nahaufnahmen an typische Konzert-Kameras erinnern. Den Gipfel der Konzert-Simulation fand ich, dass sich bei schunkeligeren Songs wie “Chiquitita” oder “Fernando” Mitarbeitende des Theaters vor die Zuschauerränge stellen, um die anwesenden Fans zum rhythmischen Winken zu animieren. Für eine Musikgruppe, die nicht wirklich da ist. Es zählt alleine das Gefühl “Konzert”.

Abstraktionsebenen

Das wiederum hält ABBA Voyage aber nicht über 100 Minuten durch und dringt daher von Zeit zu Zeit auf eine andere Abstraktionsebene vor. Etwa beim dritten oder vierten Song schon wechselt die Darstellung auf dem Screen von der Konzertsimulation zum Musikvideo. Immer noch mit den ABBAtaren, die nun aber abstrahiert an ganz unterschiedlichen Stellen auf der Leinwand auftauchen und sich bewegen – ganz ohne dass die Gruppe als reale “Referenz” auf Bühnenhöhe zu sehen ist. In der Mitte des Sets wird es sogar noch abstrakter: Zu einer Sequenz mit Songs wie “Eagle” und “Summer Night City” wird eine animierte Geschichte über eine Abenteurerfigur gezeigt, die durch die Wüste reist, um einen Tempel zu finden, in dessen Zentrum riesige ABBA-Ebenbilder stehen. Anschließend aber kehrt man wieder zur Konzertsimulation zurück, nur mit anderen “Kostümen”.

Aber die semiotische Uneindeutigkeit (Ist es ein Konzert? Ist es ein 4D-Musikvideo?) hört hier noch nicht auf. Während die ABBAtare ganz bewusst so aussehen wie ABBA in ihren besten Jahren – wie ich gelesen habe, wollten die Mitglieder der Gruppe gerne, dass die Fans sie wie zu ihren imperialen Zeiten erleben können – sprechen sie aus dem Jetzt zu den Zuschauenden. Björn macht einen Witz darüber, dass er sich einfach sehr gut gehalten hätte. Agnetha sagt, dass es ja doch irgendwie unglaublich sei, dass sie nach all der Zeit noch einmal zusammen ins Studio gegangen sind. Ein Teil des Sets ist der Song “I still have faith in you”, der erst 2021 veröffentlicht wurde. Wo also befinden wir uns? 1979 oder 2021? Und warum gelingt es anscheinend allen anderen, das einfach so zu akzeptieren?

Gelernte Ambiguität

Ich habe das hier im Blog einmal mit Bezug auf Alanis Morissette erwähnt: Konzerte großer Künstler:innen enttäuschen mich immer wieder. Weil das, was eigentlich ein Live-Konzert ausmacht, nämlich den gleichen Raum mit Menschen zu teilen, die performen und dafür eine Rückkopplung aus dem Publikum erhalten, automatisch verloren geht, sobald dieser geteilte Raum eine gewisse Größe überschreitet. Also muss auf Kameras und ergänzende “Visuals” gesetzt werden, um auch die Leute weiter hinten bei Laune zu halten. Also muss die Ton- und Lichttechnik so gestaltet werden, dass überall Konzert stattfindet, unabhängig von seiner Quelle auf der Bühne. De facto ist es bei vielen großen Konzerten, wenn man nicht gerade direkt an der Bühne steht, egal, ob Performance und Ton live sind oder nicht. Irgendwann merkt man den Unterschied sowieso nicht mehr. Auf diese gelernte Ambiguität setzt ABBA Voyage.

Und auch in Sachen “Konzerte alter Künstler:innen aus den 70ern” habe ich schon einiges erlebt. In den 2000ern war ich mehrfach auf Konzerten von The Musical Box, einer Coverband, die Genesis-Konzerte aus den 1970ern haargenau nachbildete, inklusive Perücken und Kostümen. Als ich in den 2010ern mal Roger Waters’ The Wall gesehen habe (bevor Waters seinem Antisemitismus endgültig freie Bahn ließ), erschien es mir schon total absurd, dass hier ein 70-Jähriger ungebrochen eine Geschichte nachspielte, die aus der Wut und Einsamkeit eines 35-Jährigen entstanden war. Ähnlich traurig waren auch Queen mit Adam Lambert, in der die Freude darüber, Roger Taylor und Brian May live spielen zu sehen, dadurch konterkariert wurde, dass Adam Lambert sich ständig dafür entschuldigte, nicht Freddie Mercury zu sein. Ähnlich Yes, deren neuer Sänger zuvor Sänger einer Yes-Coverband war.  Vielleicht ist ein virtuelles Konzert, das nur zur Hälfte wirklich ein Konzert ist, dann doch die bessere Wahl.

Paradesimulakrum

Für mich ist ABBA Voyage das Paradebeispiel für ein Simulakrum im Sinne Jean Baudrillards. Es ist eine gigantomanische Sammlung von Zeichen, für die es kein Bezeichnetes gibt. Es ist keine Nachbildung eines realen Konzerts (wie bei The Musical Box), es ist keine aufgemotzte Version eines alten Show-Konzepts (wie bei The Wall), es ist nicht mal ein richtiges Konzert, Live-Band hin oder her. Aber trotzdem tut es alles dafür, den Anschein zu erwecken, man könnte jeden Abend ein perfektes ABBA-Konzert besuchen. Ein Konzert, das es so nie gegeben hat und das deswegen sogar besser ist als jedes Original. Das demnach, genau wie Baudrillard schrieb, das Bezeichnete ersetzt, mindestens für sämtliche Generationen, die die Original-ABBA nie live sehen konnten.

Eins muss ich allerdings zugeben: ABBA Voyage ist es durchaus gelungen, mir eine neue Wertschätzung für ABBAs Musik mitzugeben. “SOS” und “Waterloo” gingen mir über Tage nicht aus dem Kopf. Und “Eagle” war ein kleinerer Hit, den ich gar nicht kannte und wirklich mag.

Bild Copyright: ABBA Voygae

Unsortierte Gedanken #8: Bühnenmagie, Social-Media-Verbote, Journalistenfilme

Das faszinierendste Rabbit Hole, in das ich in jüngster Zeit abgetaucht bin, wurde durch den Besuch der Cirque du Soleil-Show “Alizé” ausgelöst, die seit November als “Residency”, also fest installiert, im Berliner Theater am Potsdamer Platz spielt. Der größte Wow-Effekt der Show, neben wie immer erstaunlichen artistischen Fähigkeiten und einem beeindruckenden Design, besteht drain, dass auf der Bühne Elemente in schneller Abfolge selektiv sichtbar gemacht werden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Requisiten und Performer verschwinden oder im Raum hin- und herspringen. Der Effekt lässt sich leider schlecht beschreiben und Videos davon gibt es im Netz nicht.

Das Erlebnis hat mich jedenfalls inspiriert, mich im Anschluss ausführlicher mit den Entwicklungen moderner Bühnen und Zirkus-Technik zu beschäftigen. Dabei habe ich nicht nur herausgefunden, dass es eine vor rund 20 Jahren in Frankreich entstandene Bewegung namens Magie Nouvelle gibt, die der Zirkusmagie einen emotionaleren und immersiveren Charakter zu geben, sondern ich habe auch viel darüber gelernt, wie die Bühnenmagie in “Alizé” vermutlich bewerkstelligt wurde: Mit einer Kombination aus sehr hellen Projektoren, die über das Lichtpult automatisiert (und über LIDAR getriggert) angesteuert werden können, eventuell Mesh-Flächen auf der Bühne, die von hinten und vorne angestrahlt Teile der Bühne besser oder schlechter sichtbar machen und das Auge täuschen. Schließlich – das fand ich vermutlich das faszinierendste – ultraschwarzem Material, das so dunkel ist, dass es Licht quasi schluckt. (Dieses Interview verrät nicht alles, liefert aber einen Einstieg).

Mich hat das Ganze so begeistert, weil ich es immer wieder cool finde, wenn moderne Technik und moderne Unterhaltungs-”Philosophie” auf diese Art aufeinandertreffen und sich gegenseitig inspirieren. Vantablack, das tiefschwarze Material, wurde für Raumfahrt und Militär entwickelt. Aber dann kommen Zirkusperformer des Wegs, die nach Möglichkeiten suchen, Bühnenmagie fantastischer zu machen, und setzen es ein, um bisher undenkbare Effekte umzusetzen. Diese Geschichten liebe ich.

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In meiner Bubble wird gerade viel über das Social-Media-Verbot für Jugendliche diskutiert, das die Politik immer wieder in den Raum wirft. Viele Menschen, denen ich folge, sind tendenziell eher dagegen und fordern stattdessen, Medienkompetenz zu stärken und die Technikkonzerne besser zu regulieren. Erstaunlicherweise neige ich im Moment dazu, einfach alles gleichzeitig anzugehen.

Einen entscheidenen Ausschlag hat bei mir ein Interview von Alexander Brand mit einem Lehrer aus Australien verursacht, wo ein Social Media Verbot ja seit zwei Monaten existiert. Der Lehrer Chris Bush beschreibt zwar, dass die Jugendlichen die Sperren leicht umgehen konnten und sich ihr Verhalten kaum geändert hat, aber er sagt auch das hier:

Ich sehe dieses Gesetz eher wie das Rauchverbot: Es braucht Zeit. Wahrscheinlich reden wir über eine Generation – oder zumindest fünf bis zehn Jahre –, bis wir die Effekte sehen, die wir uns erhoffen. Für Kinder, die heute neun, zehn oder elf Jahre alt sind, wird Social Media nicht denselben sozialen Druck mit sich bringen wie für die heutigen Teenager. Sie wachsen nicht mit der Annahme auf, dass man mit 13 oder 14 automatisch Social Media bekommt. Bei den heutigen 13- bis 16-Jährigen erwarte ich keine großen Veränderungen der Gewohnheiten. Aber bei den jüngeren Jahrgängen, die nachrücken, glaube ich schon, dass wir positive Effekte sehen werden.

Dieser Gedanke hat bei mir gezündet. Ich erinnere mich noch gut daran, wie merkwürdig es sich vor rund 20 Jahren angefühlt hat, dass man plötzlich in den meisten Innenräumen (besonders in Kneipen) nicht mehr rauchen durfte. Heute ist das genaue Gegenteil der Fall: Verrauchte Räume fühlen sich merkwürdig an. Raucher sind stärker markiert als Nichtraucher. Könnte das für Social Media auch möglich sein? Man könnte es zumindest versuchen.

Wie gesagt, das heißt nicht, dass ich nicht trotzdem dafür bin, die Firmen hinter Social Meda Plattformen zu mehr Sicherheit zu zwingen (ich fand hierzu besonders hörenswert das Interview von Ezra Klein mit Cory Doctorow und Tim Wu, und dort die Metapher des Gärtners, der bestimmte Parzellen abteilt und Unkraut jätet ohne dadurch den Garten zu zerstören) und Medienkompetenz zu stärken. In meinem neuen Job in einem Präventionsprojekt lerne ich zurzeit sehr viel darüber, dass “gesundes” Verhalten bei Kindern meist aus der Kombination aus Gelegenheiten und Anerkennung für dieses Verhalten entsteht.

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Im Odeon Kino läuft derzeit eine Filmreihe zu Journalistenfilmen. Ich habe die Gelegenheit genutzt und endlich The Insider von 1999 nachgeholt, Michael Manns Film über einen Whistleblower aus der Tabakindustrie (Russell Crowe), der von einem Journalisten (Al Pacino) ins Fernsehen gebracht wird. Ich gebe zu: Ich war nicht der größte Fan dieser Miami-Vice-Version von Journalismus. Ständig harte Männer, die einsame Entscheidungen treffen. Der Al Pacino-Charakter packt in jedem Raum erstmal seine Klöten auf den Tisch und steht bevorzugt mit einem Mobiltelefon am Meer, während er “Answer the fucking phone!” brüllt. Wie anders (und sympathischer) sind doch die Darstellungen von Journalismus in späteren Filmen wie Spotlight oder She said, in dem Teams von Journalist:innen hartnäckig, aber leise und subtil an einer Story feilen, bis sie druckreif ist. Ich liebe insbesondere diese Szene aus She said

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Ich habe auf Empfehlung des Newsletters Oh My Pod einen Podcast der BBC über den Aufstieg und Fall der Indie-Rockbands in den Nuller Jahren gehört – Höreindruck dazu folgt bald. Interessant daran fand ich: Anders als die in den letzten Jahren grassierende Nostalgie für die 90er Jahre – also für meine Tween- und Teenagerzeit – war ich zur Zeit von “Indie Sleaze”, wie die BBC es nennt, schon erwachsen. Der Blick zurück auf diese Zeit ist entsprechend ein ganz anderer. Viel politischer und viel weniger von vagen Gefühlen geprägt, aber dennoch stark von schönen Erinnerungen (insbesondere an meine Studienzeit in Schottland 2005/2006). Dass sich Nostalgie so unterschiedlich anfühlen kann, hat mich überrascht. Wie wird das bloß werden, wenn wir in 30 Jahren nostalgisch auf die jetzige Zeit zurückblicken?

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Lena Falkenhagen und Marina Weisband sind Personen, deren Schaffen ich online schon eine Weile verfolge. Lena spätestens seit meiner vertieften Beschäftigung mit Interaktiver Fiktion, Marina in letzter Zeit wieder durch ihren Podcast Wind und Wurzeln. Jetzt habe ich ganz überrascht festgestellt, dass die beiden schon seit 2024 einen Podcast über mein altes und letztes Jahr wieder frisch aufgenommenes Hobby Liverollenspiel (LARP) haben. Er heißt Spielend Subversiv, was ich nicht den besten Titel finde, aber der Podcast ist trotzdem super, um ein tieferes, auch analytisches Nachdenken über LARP zu fördern, was ich gerne tue aber selten beobachte – leider erst recht nicht in den Medien der Szene wie LARP-Zeit, deren Artikel oft auf einem “Mein schönstes Ferienerlebnis”-Niveau geschrieben sind. Ich empfehle die Episoden über Formate und Stile und über Immersion

Foto von Cristian Escobar auf Unsplash