Jesse David Fox: Interviewer meines Herzens

Ich verfolge das Schaffen des Vulture-Comedy-Kritikers und Podcasters Jesse David Fox schon länger, als ich dachte. Hier im Blog findet sich ein Link auf ein Porträt aus seiner Feder über The Lonely Island von 2016. Richtig wahrgenommen habe ich ihn aber erst, als er vor einigen Jahren den Podcast Good One begonnen hat, in dem er Stand-Up-Comedians interviewte und mit ihnen gemeinsam ihre Witze auseinandernahm.

Obwohl ich kein großer Stand-Up-Aficionado bin, habe ich Good One immer gerne gehört, wenn ich die Zeit dafür hatte. Das lag und liegt vor allem an der Art, wie Fox seine Interviews führt. In einem Interview, das er selbst mal gegeben hat, hat er berichtet, wie er sich vorbereitet: Er versenkt sich eine Woche lang im Werk seiner Gegenüber und hört und liest dazu so ziemlich jedes andere Interview, das sie jemals gegeben haben. Ins Interview geht er also mit einem fast schon enzyklopädischen Wissen über sein Subjekt und der Bereitschaft, sowohl sehr breite als auch mikroskopisch detaillierte Fragen zu stellen.

So richtig gut aufgefallen ist mir das mal wieder diese Woche, als ich Good One das erste Mal seit längerem wieder gehört habe, im Interview mit Rhea Seehorn, der Hauptdarstellerin aus Pluribus. Ich war lange der Meinung, dass man mit Schauspieler:innen selten so interessante Interviews führen kann wie mit Regiseur:innen oder Autor:innen, weil ihre Arbeit vermeintlich so wenig im Kopf und so viel im Körper stattfindet. Was sie tun und können ist sichtbar, warum sollte man noch drüber reden? Sie haben selten große Ideen über die Filme, in denen sie mitspielen – das ist auch nicht ihre Aufgabe. Gleichzeitig sind sie im Kreativbetrieb die glamourösesten Figuren, weshalb viele Interviews schnell auf Privates oder Varianten von “Wie ist [andere Person] denn so?” ausweichen. Beides interessiert mich in der Regel nicht.

Dass es auch ganz anders geht, zeigt Fox im Interview mit Seehorn. Er ist obsessiv interessiert an Prozessen, sowohl internen als auch externen. Er will genau wissen, wie Dinge funktionieren und was Menschen dafür tun und dabei empfinden. Ich habe schon lange kein so gutes Gespräch über die Arbeit des Schauspielerns mehr gehört. Einerseits: Welche Erfahrungen, welche Lehren, welche kleine Entscheidungen spielen eine Rolle, damit das entsteht, was wir zu sehen bekommen? Wie entwickelt sich eine Herangehensweise über die Zeit? Aber auch: Wie funktioniert Schauspielerei als Job? Was sind die impliziten und expliziten Regeln der Branche? Wie steht Rhea Seehorn dazu?

Seehorn lässt sich natürlich hervorragend darauf ein. Aber es ist auch ganz klar, dass Fox sich nicht nur auf sie vorbereitet hat, sondern auch immer wieder abgleicht, was er aus vorherigen Interviews gelernt hat.

Den gleichen Zweck erfüllt auch die “Lightning Round” am Ende des Interviews, eine Reihe von Fragen, die er jedem Gast oder jeder Gästin stellt. Warum das so wertvoll ist (und warum es deswegen eine sehr beliebte Kategorie in Podcasts ist), habe ich ebenfalls vor mehr als zehn Jahren schon mal aufgeschrieben. Fox schafft in seinem Podcast im Grunde eine Art qualitative Querschnittsstudie. Hier kommen auch die besonders breiten Fragen ins Spiel: Wer ist der/die beste lebende Schauspieler:in? Wieviel Geld verdienst du und hast du? Wie Menschen auf solche Fragen antworten, sagt oft genauso viel über sie aus, wie das, was sie sagen, wenn sie Fragen über sich gestellt bekommen.

Das Jesse-David-Fox-Modell ist eins, dem ich bei LÄUFT entgegenstrebe. Mir gelingt das selten. Ich habe nur etwa 25 Minuten Interviewzeit und kann mich oft nicht so ausführlich vorbereiten (es ist halt nur mein Nebenjob). Oft führe ich Gespräche mit Menschen über Themen, mit denen sie sich auskennen, und nicht über ihre eigene Arbeit. Aber ich würde diese Prozess- und Arbeits-Interviews gerne viel öfter führen.

Ich habe auch den Eindruck, dass gerade prominentere Menschen dabei oft aufblühen, weil es ihnen wiederum die Möglichkeit gibt, über Dinge zu reden und zu reflektieren, mit denen sie sich wirklich auskennen. Bei Anne Will ist mir das damals ganz gut gelungen, finde ich. Und auch bei Maren Kroymann, die fast schon überrascht war, dass ich sie gefragt habe, wie ihr Writers’ Room funktioniert.

Hier würde mich (wie immer) auch sehr die Meinung meiner Leser:innen interessieren. Lest und hört ihr gerne solche nerdigen Prozess- und “Craft”-Interviews? Würdet ihr gerne mehr davon sehen? Gibt es vielleicht im deutschsprachigen Raum schon Interviewer:innen, die gut darin sind?

Foto von Rosie Kerr auf Unsplash