Teuer aber aufregend – Die VR Arena “VR Nation” in Berlin

Temple of Diamond Skull

Eine ähnliche, aber etwas freier gesprochene Version dieses Textes gibt es auch als Podcast.

Zwischen Anfang 2015 und Ende 2016 war Virtual Reality plötzlich wieder ziemlich präsent. Die Oculus Rift, deren Hersteller von Facebook für sehr viel Geld gekauft wurde, war kurz davor, frei erhältlich zu sein. Andere Hersteller wie HTC mit der “Vive”-Brille strömten auf den Markt. Brillengestelle wie Google Cardboard versprachen VR für jeden mit einem Smartphone.

Ich habe mich in dieser Zeit viel mit dem Potenzial von VR als Dispositiv für Filme beschäftigt, darüber unter anderem für “epd film” und “kino-zeit” geschrieben, und auch hier im Blog häufig über die neue Technik nachgedacht. Ich war auf dem Kaleidoscope Showcase. Auf der re:publica 2016 gab es massig Veranstaltungen zu VR.

Der Hype ist vorbei

Aber kurz danach war der Hype dann für mich auch vorbei. Im Filmbereich tauchte wenig Interessantes mehr auf meinem Radar auf. Kein Wunder, es zeichnete sich schon damals ab, dass wohl eher Videospiele als Kino die Mediengattung sein würden, die VR zum Durchbruch verhelfen würden. Und selbst das würde wahrscheinlich noch auf sich warten lassen.

Umso mehr war ich freudig überrascht, als mich letzte Woche eine PR-Agentur anschrieb und mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, eine sogenannte “VR Arena” in Berlin zu testen und hinterher drüber zu schreiben. Von diesen Systemen, die das Brillen-Erlebnis von VR mit räumlicher Bewegung verbinden, hatte ich bisher nur Gutes gelesen – das bekannteste System heißt “The Void” – und natürlich hatte ich große Lust, außerdem drei interessierte Freunde, die mitkommen konnten, und einen unverplanten freien Abend.

Die Fakten

Die in Berlin eröffnete Arena heißt “VR Nation” und befindet sich in der Leipziger Straße, etwa 10 Gehminuten vom Potsdamer Platz. Sie basiert auf der Technik und den Programmierungen der Schweizer Firma TrueVRSystems, die in der Schweiz auch bereits einige Arenen betreibt. Angeboten werden zurzeit zwei etwa 20-30-minütige “Experiences” (das VR-Äquivalent zu “Spiel”). Die eine, Temple of Diamond Skull, lehnt sich thematisch an Spiele wie Tomb Raider und vom Spielprinzip an Puzzlespiele an. Die andere, Patient Zero, ist ein Zombie-Shooter.

Wir hatten uns für Diamond Skull entschieden. Nachdem wir Spielregeln und Haftungsauschlüsse unterschrieben hatten, ging es ans Einkleiden. Auf dem Rücken, wie in einem Rucksack, trägt man den Computer, der die Experience berechnet. Damit verbunden ist logischerweise die VR-Brille und ein Kopfhörer. Neu bei diesem System ist, dass alle Spieler*innen zudem an Händen und Füßen Sensoren tragen, die etwa die Größe einer Kröte haben. So kann der Rechner innerhalb der Arena, einem mit Sensoren abgetasteten Raum ähnlich einer Motion Capture Volume, auch die Arm- und Beinbewegungen erfassen und innerhalb der virtuellen Realität wiedergeben.

Teleportation

Durch Brillen und Kopfhörer unserer Sinne beraubt wurden wir im Gänsemarsch in die Arena geführt, die hinter einem Vorhang lag. Dann plötzlich schaltete sich das System an und wo eben noch Orientierungslosigkeit war, wurde plötzlich alles glasklar. Diesen Übergang fand ich insgesamt fast das Faszinierendste am ganzen Erlebnis. In einem Moment dümpelte ich in einem VR-Raum, wie ich ihn nun schon öfter erlebt hatte – einer virtuellen Sphäre (hier ein Blick vom All auf die Erde) in der ich mich zwar mit dem Kopf umgucken kann, aber mich sonst merkwürdig substanzlos fühlte. Im nächsten Moment war ich mit Haut und Haaren an einen anderen Ort teleportiert. Ich stand an den Außenmauern eines zerfallenen Tempels. Aus dem Dschungel wehte ein kühler Wind und ein Geruch nach Regen herüber. Und drei meiner Freunde waren bei mir – auch wenn sie alle in Metroid-Anzügen steckten.

Dieses Gefühl, sich tatsächlich wie an einem anderen Ort zu fühlen, obwohl ich ja wusste, dass ich nur in einem Laden in Berlin-Mitte stand, hörte bis zum Schluss nicht auf, mich zu begeistern. Da das Spiel sich in seinen Dimensionen ja auf die gut 100 Quadratmeter beschränken musste, die der Arena zur Verfügung stehen, fuhren wir Charaktere immer wieder mit Aufzügen nach oben oder unten in andere Level und jedes Mal hatte ich wirklich das Gefühl, mich vertikal zu bewegen, obwohl das objektiv nicht der Fall war. Überhaupt spielte die virtuelle Umgebung immer wieder sehr clever mit Raum – mit Weite und Höhe, die gar nicht existierte aber unter der Brille völlig real wirkte. Einige wenige Objekte, mit denen man tatsächlich interagieren konnte, etwa eine Fackel und ein Brett, machten das Endergebnis perfekt, auch wenn ich immer wieder aus Versehen in eine nur virtuell vorhandene Wand griff. Da war es auch völlig egal, dass wir die meisten Rätsel auf dem Weg eigentlich nicht selbst lösten – das reine Spielgefühl entschädigte mich vollends (was ich von meinem ersten Escape Room nicht behaupten konnte).

Wer soll das bezahlen?

Ein Manko hat “VR Nation”. Es ist teuer. 139 Euro kostet eine Experience für bis zu vier Personen, das macht 35 Euro pro Kopf für knapp 30 Minuten VR-Spaß, mehr als ein Euro pro Minute. Nichts, was man eben mal so nebenbei macht und auch noch mal deutlich über den Preisen von vergleichbaren Aktivitäten wie Laser Tag oder Escape Games.

Ohne zu wissen, was mich erwartet, hätte ich diese Summe mit Sicherheit nicht ausgegeben. Wem würde ich raten, sie zu investieren? Allen, die sich wirklich für die Zukunft von Games und VR interessieren. Es lohnt sich, zu erleben, welches Potenzial in dieser Technik steckt, bei der durchaus zu erwarten steht, dass in zehn Jahren das Equipment kleiner, die Grafik schärfer (derzeit würde ich sagen sie befindet sich etwa auf dem Level von 3D-Shootern von vor 15 Jahren) und die Abtastung genauer ist. Abgesehen davon, dass man wohl noch lange eine Brille tragen wird tragen müssen, ist das, was “VR Nation” erahnen lässt, schon deutlich näher am allseits beschworenen Holodeck, als alles, was ich bisher kannte.

Allerdings würde ich beim besagten Preisschild (es gibt auch ein Kombiangebot mit beiden Experiences für zusammen 239 Euro) genau überlegen, wen ich mitnehme. Wer nicht eh ein Faible für Computerspiele oder Digitales hat, für den ist das Erlebnis eventuell nicht so transformativ wie für mich.

Der leere Raum

Nachdem wir eine gute halbe Stunde Tempel erkundet und Zombies erschossen hatten, durften wir am Ende die Brillen abnehmen. Es wirkte absurd, dass wir uns wirklich nur in einem Raum von der Größe eines Klassenzimmers befanden, in dem in einer Ecke ein paar Ventilatoren und in der anderen eine Computerkonsole zu sehen war, der aber sonst komplett leer war.

Wieder war es der Übergang, der mich besonders nachhaltig beeindruckte, so wie Start und Landung ja auch das beste am Fliegen sind. Es wird noch eine Weile dauern, bis mein Kopf verarbeiten kann, wie virtuelle und reale Welten so ineinandergestülpt existieren. Dreidimensionale Anstriche eines Raums, die nur als Daten in einem Computer existieren, und erst durch unsere Erfahrung Wirklichkeit werden. Vielleicht ist der Hype doch noch nicht vorbei.

Offenlegung zum Schluss: Ich musste nichts bezahlen und wurde vorher gefragt, wo und wie ich von meinen Erfahrungen berichten würde. Sonst wurden mir keine Vorgaben gemacht.

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