Rohrkrepierer (I): John Carter and the Ghosts of Michael Sellers

© Disney

Dies ist der 401. Beitrag auf “Real Virtuality”. Und was könnte es besseres geben, um das Überschreiten einer solch historischen Marke zu feiern, als den ersten Beitrag in einer zukünftigen, losen Reihe zu verfassen, die sich mit Themen befassen wird, die in diesem Blog (aus dem einen oder anderen Grund) nie zustande kamen.

“Real Virtuality” besteht ja hauptsächlich aus Meinungsbeiträgen, aber immer mal wieder habe ich den Anspruch an mich selbst, etwas zu verfassen, was auch journalistischen Ansprüchen genügt. Eine der einfachsten Möglichkeiten, das zu erreichen, ist es, ein Interview zu führen. Im April hatte ich gerade das eBook von John Carter and the Ghosts of Hollywood gelesen, in dem Autor Michael Sellers nicht immer perfekt, aber doch sehr interessant und mit viel Hingabe die Art und Weise beschreibt, wie Disneys Marketingabteilung den Film John Carter versenkte – und wie die Fans mit Sellers als Speerspitze versuchten, das Ruder noch im letzten Moment herumzureißen.

Das Narrativ

Das Buch ist aufgrund seines sehr speziellen Themas eigentlich nur interessant, wenn man sich für Filmmarketing interessiert. Dort scheint es vor allem darum zu gehen, im Vornherein ein “Narrativ” des Films aufzubauen, was dann von den Medien und Publikum angenommen wird. World War Z ist ein jüngeres Beispiel eines Films, der ein Negativ-Narrativ umdrehen konnte. John Carter ist dieses Kunststück nicht gelungen.

Mein Plan war es, das Buch in zwei Absätzen zu rezensieren, als Mehrwert aber ein Interviw mit Sellers zu führen, in dem er das Buch noch einmal reflektiert. Anderen war das auch gelungen, und schließlich ist Sellers ja auch ein Fan und Blogger – seine Bereitschaft erschien mir also plausibel. Auf ein erstes Anschreiben antwortete er dann auch recht positiv und sehr freundlich, er würde sich gerne interviewen lassen. Ich schrieb ihm zurück, dass ich mich auch freuen würde und dass bald Fragen per Mail folgen würden. Er bestätigte mir das. Und einen Tag später schickte ich ihm die Fragen.

(Bitte hier Grillenzirpen einspielen)

Der verschwundene Autor

Ich habe nie wieder etwas von Michael Sellers gehört. Ein paar Tage später habe ich kurz nachgefragt, ob er die Mail erhalten hat. Dann ein paar Wochen später noch einmal – fragend, ob ich ihn irgendwie beleidigt hätte ohne es zu wissen. Ich habe auch auf Twitter versucht, ihn anzufunken, falls meine Mail im Spam gelandet ist. Aber Sellers schweigt. Ich weiß nicht warum (krank oder tot scheint er nicht zu sein, er schreibt noch). Und ich finde es sehr schade, denn seine Antworten hätten mich sehr interessiert. Und deswegen ist John Carter and the Ghosts of Hollywood bis heute in diesem Blog nicht aufgetaucht, obwohl es zu den restlichen Themen des Blogs perfekt gepasst hätte.

Hier sind die Fragen, die ich ihm geschickt hatte. Auf die sich meine werten Leser nun selber Antworten ausdenken können. Wenn jemand etwas beleidigendes auffällt, was ich übersehen habe (abgesehen davon, dass ich zugebe, dass ich John Carter nicht perfekt fand), bitte ich um Mitteilung.

You paid close attention to and even had a hand in the buildup to “John Carter” last year. What made you want to put your story into book form?

Was it clear to you from the start that you would start the book as an observer without any involvement and then suddenly insert yourself into the “story” almost like a second-act-twist?

Have you heard back from any of the people involved in the film since your book came out? Has Disney ever stirred?

You’re very methodical in dissecting everything that went wrong with the making and the marketing of “John Carter”, but you’re careful to not actually place any blame on individuals. Did your own feelings ever differ from your written account?

Marketing and production flukes aside – how happy are you with what actually ended up on screen? I have to say that I have sympathies for it and I quite enjoyed myself in the cinema, but all in all, I had expected something with a bit more substance from a master storyteller like Stanton. In the book, you describe how it took you some time to get around to the film, because of the ways it’s different from both the book and the ideal movie in your head. How do you feel today?

One thing I found very interesting in the book is your description of the narrative – “John Carter” is a very expensive flop, the result of indulging a director that didn’t know what he was doing – that had already settled before anyone ever saw the finished film. In your opinion, how important are these narratives in film marketing and are there examples of succesful marketing turning them around in the past?

Fan culture and the willingness of fans to invest time and effort into the stuff they love is basically the hero of your book. How do you see fan culture today, as a whole? Is it a good thing that so many films based on properties with a fan base are made? Isn’t it a certainty that you will always disappoint some people – and people often unwilling to forgive – unless you produce such faithful, i.e. boring, adaptations like the “Harry Potter” series? What do you think is the role of fans in movie culture today?

At the end of the book you lay out some ideas for how a sequel or reboot of the series could be realized. Do you believe this can actually happen (in our lifetime)? My personal feeling is that “John Carter of Mars” has amassed too much bad karma for there to be any future efforts.

What’s next for you? Any writing or filmmaking you would like to plug?

Genießt euer barockes Kino, so lange ihr noch könnt!

Sollen sie Kuchen essen? – New Line Cinema/MGM

“Ja, er hat Fehler in der Figurenzeichnung. Ja, er ist zu lang, zu ausgewalzt (…). Aber verdammt noch eins,
es ist so schön, wieder in Mittelerde zu sein.”
- Ich zitiere mich selbst, weil ich es kann

Der Hobbit erobert derzeit nicht nur überall die Kinokassen, er erhitzt auch die Gemüter. Ein großer Teil dieser Erhitzung ist auf seinen Einsatz von HFR 3D zurückzuführen, was manche als Verrat am Kino empfinden, andere (darunter ich) als endlich eine angenehme Art, 3D zu genießen. Doch fast genauso viel Zorn hat der Film auf sich gezogen, weil er Randals Spott über die Herr der Ringe-Triolgie in Clerks 2, “All it was, was a bunch of people walking”, in die Hände zu spielen scheint. Bilbos Worte aus The Fellowship of the Ring, er fühle sich wie “Butter, die auf zu viel Brot verstrichen wurde”, mussten nicht nur einmal herhalten, um die Probleme des neuen Mittelerde-Filmkapitels auf den Punkt zu bringen.

Ich mochte den Film trotzdem, oder gerade deswegen. Gut, ich denke ich hätte ohne den doppelten Prolog leben können, der sich etwas zu sehr bemüht, die Hobbit-Filme an die Herr der Ringe-Trilogie anzudocken, aber davon abgesehen habe ich mich im Kino nie gelangweilt, denn schließlich gab es ständig genug zu staunen, zu fiebern und zu lachen.

Das bizarre Biest Hobbit

Und doch hat mich das Ganze ins Grübeln gebracht. Man muss mal einen Schritt zurücktreten und dieses Projekt Hobbit-Trilogie mit etwas Abstand betrachten, um zu sehen, was es eigentlich für ein bizarres Biest ist, das Peter Jackson erschaffen hat. Grundlage der Filmtrilogie, deren Kinofassung vermutlich insgesamt etwa achteinhalb Stunden Laufzeit haben wird, ist ein (in der Originalausgabe) 310 Seiten starkes Kinderbuch und etwa 50 weitere Seiten Anhänge des “Herrn der Ringe”. Doch die Filme sind noch gar nicht fertig, sie sind nur die Grundlage für zu erwartende “Extended Editions”, die jedem Film vermutlich noch einmal mindestens zehn bis zwanzig Minuten hinzufügen werden. Und eigentlich sind sie nicht mal wirklich Filme, sie sind nur eine Art Ur-Text für ein Marken-Universum aus Merchandising-Artikeln und Anschau-Ritualen für die kommenden Jahre, hinter dem sich ein weiteres Universum aus Neuseeland- und Weta-Mythologie verbirgt, aus Making-Ofs und Anekdoten, aus Tourismus und Staatshaushalten.

So werden Hollywood-Filme heute gemacht. Und man muss sich immer wieder bewusst machen, wie ungeheuerlich es ist, dass ein Filmstudio einem einzelnen Mann und seinem Team einen neunstelligen Geldbetrag in die Hand drückt, um im Grunde ein Kunstwerk zu schaffen – in der Hoffnung, damit eine Geldlawine loszutreten. Man – und damit meine ich insbesondere jene, die das ganze Jahr über das Ende des Kinos beschrien haben – man muss sich bewusst machen, wieviel Macht heutzutage einem Film innewohnen kann.

Und dann muss man sich vorstellen, ob ein Film wie The Hobbit vor 15, 20 oder 30 Jahren hätte entstehen können. Ein Film, der aus vergleichsweise wenig Geschichte ungeheure Schauwerte strickt. Der sich aber gleichzeitig traut, zu erzählen wie ein Roman oder eine Fernsehserie, nicht wie ein traditioneller Kinofilm. Der mit einer Technologie in die Kinos kommt, die noch nirgendwo zuvor ordentlich ausgetestet wurde. Der in einer fantastischen Parallelwelt spielt und zu dessen Hauptfiguren 13 (!) bärtige Personen mit Namen wie Dori, Ori und Nori zählen. Der vollständig abseits des Hollywood-Kontrollsystems am anderen Ende der Welt entsteht. Dessen bekannteste Darsteller britische Fernseh- und Bühnenmimen sind und dessen größtes Verkaufsargument der Erfolg seiner Vorgängerfilme ist. Hätte so ein Film entstehen können? Fast immer wird die Antwort “Nein” lauten. Die Ausnahme heißt wahrscheinlich Star Wars.

Mehr als zwei sind ein Trend

Und doch ist ein Film wie The Hobbit heute nur die extremste Form eines Trends, die im Filmjahr 2012 vielleicht so deutlich wie noch nie zutage getreten ist. Marvel’s The Avengers: ein zweieinhalbstündiges Ensemblestück, das die B-Mannschaft von Marvels Superheldenriege gegen eine charakterlose Alien-Armee antreten lässt, nachdem zuvor jede de Hauptfiguren in einem eigenen Film vorgestellt wurde. The Dark Knight Rises: 165 Minuten, in denen ein grüblerischer alter Mann in epischer Breite gegen einen Feind kämpft, dessen Gesicht man nicht sehen und dessen Stimme man kaum verstehen kann. Prometheus: Ein Regisseur kehrt über 30 Jahre später zu dem Genrefilm zurück, der ihn groß gemacht hat, und verpasst ihm eine aufgeblähte Vorgeschichte, die wahlweise mystisch oder schrecklich unlogisch ist.

John Carter: Die 250-Millionen-Dollar-Verfilmung eines Schundromans aus den 30ern, der angeblich alle anderen Welten inspiriert hat, den aber nur eingeweihte Hardcore-Fans kennen, von einem Regisseur, der noch nie einen Realfilm gedreht hat. Battleship. Twilight: Breaking Dawn – Part 2. Sherlock Holmes: A Game of Shadows. Die Liste ließe sich vermutlich noch eine Weile weiterführen, besonders wenn man die letzten paar Jahre dazunimmt.

Das Dunkel Erhellen

Auch wenn mir vermutlich jeder Kunsthistoriker dafür aufs Dach steigt: Ich sage, wir befinden uns 2012 im Mainstreamkino in einem barocken Zeitalter des Filmemachens. Alles ist größer als notwendig, von scheinbar epischer Bedeutung, unendlich verziert, dekadent und wunderbar bunt anzusehen. Fantasie und Phantastik regieren. Kunst hat Macht, doch sie nutzt sie nicht dazu, die Gesellschaft zu verändern, sondern ihren unstillbaren Hunger nach Spektakel zu stillen. Filmgattungen (Animation und Realfilm, Dokumentar- und Spielfilm), Filmbranchen (Kamera, Schnitt und Effekte) und Medienformen (Fernsehen, Videospiele, Kino) fließen ineinander zu einem einzigen, dickflüssigen Unterhaltungsbrei, der irgendwie das Dunkel erhellt.

Die Kulturpessimisten mögen das nicht. Sie fordern Relevanz und Realismus, mehr Brot und weniger Kuchen. Ich sage: Das Kino war noch nie so frei wie heute. Lasst uns den Tanz auf dem Vulkan genießen, so lange wir noch können, und die mannigfaltigen Blüten preisen, die dieses Kino hervorbringt. Filme wie Cloud Atlas oder Holy Motors, die sich nicht zu schade dafür sind, 100 Jahre Kinogeschichte und 4000 Jahre westliche Kulturgeschichte in einem abgeschlossenen Stück Kino zusammenzupressen.

Denn ihr wisst, was als nächstes kommt: Revolution und Krieg, Enthauptung der Machthaber und der sogenannte “Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen”. Sämtliche Triebe werden unterdrückt. Die Kunst zieht sich in die Natur zurück, heult vor sich hin und malt Seerosen. Das kann doch niemand ernsthaft wollen.

John Carter and Company: Hype, Expectation, Forgiveness

Disney

Andrew Stanton’s latest film John Carter is the talk of the town. It cost somewhere between $250 and $300 Million and it didn’t actually make that much money on the opening weekend – at least in the U.S. There is hope that it might become a slow grower and eventually make back its budget, but in the industry’s eye, it can be considered a flop. Many critics also didn’t like it. They felt it was all over the place storywise, campy and simply not interesting enough.

It’s a misjudgment, however, to think that nobody liked John Carter. For one, I liked it, even though my best friend didn’t. I sided with Matt Zoller Seitz and the other half of the critics (on Rotten Tomatoes) who forgave the film its faults and its crappy marketing and simply let themselves be entertained.

The film’s opening weekend controversy, to use a big word, got me thinking. Thinking that maybe forgiveness is the only way to deal with films like John Carter, that it should be the sentiment with which we enter the theatre and which we should dial up when we review the films in our heads later on. Why? Because a film of the John Carter kind will never ever please us, if we’re not prepared to forgive.

First of all, what do I mean by “the John Carter kind”? I’m talking about films that come with attached baggage from three sources: 1. expectations from those that know and love the source material; 2. expectations toward a director with a certain credibility or track record; and 3. hype generated by the singularity and finality of the event, supported by marketing.

The three criteria are certainly true of John Carter. Many people love the source material, they have read the books as teenagers (I haven’t). Andrew Stanton is a respected director, who created Finding Nemo and Wall-E, among the more unconventional Pixar-Films (and two of its Oscar winners). And the long list of trials of bringing John Carter to the screen for twenty and more years certainly also made the fact that it finally happened very momentous.

So with all that expectation (and the amounts of money mentioned in connection with the movie), could John Carter do anything else than fail? Yes. It could have been a Lord of the Rings, a Dark Knight or an Avatar, tentpole films of the last ten years that somehow managed to meet the expectations set in them, were lauded by critics and audiences alike – despite obvious weaknesses.

But what if we forget about the expectation and the money for a moment? What if we forgive Andrew Stanton his major error of trying to tackle a property that is clearly something that you might enjoy as a child but raise your eyebrows at, when you’re an adult. In all seriousness: John Carter is not a bad movie by a long stretch. It’s heaps of illogical fun with charismatic leads. It builds a rich world that for all its preposterousness feels somehow believable. And it sustains several mysteries for much of its running time. People were willing to forgive Avatar its cheesy exoticism and enviromentalism (and possible racism). They were willing to forgive The Return of the King its many endings and endless battle scenes. I am willing to forgive John Carter its convoluted story and superficial worldview – and just enjoy the movie.

And I hope that forgiveness will be on my mind, when The Avengers roll around soon.

Andrew Stanton on the Hollywood System

Andrew Stanton is my favourite director from the Pixar stable for several reasons. The first one being, of course, that he made my two favourite Pixar films, Findin Nemo and Wall-E. But there is also something about his personality that I like. He seems a little bit more honest and candid when he talks about the work he does, without John Lasseter’s grandfatherly, all-knowing attitude and Lee Unkrich’s pasted-on smile. He is the only Pixar person I know who has talked openly about the effects of all that great work at the Pixar dream factory consuming your private life, for example (there may have been others, whose interviews I didn’t read. Feel free to correct me in the comments).

In a recent interview for his next (and first live-action) film John Carter, which looked boring at the first teaser and appears ever more exciting the closer its release gets, he talked to /Film about the challenges of working outside Pixar, in the live action studio system. Once again, his observations are quite interesting, if a little high on Pixar praise, which seems to work without the Hollywood unions:

It’s interesting to see the system and how the live-action system works. It’s based on a lot of things that maybe made sense in the day or decades ago or are holdovers from the studio system. It’s unionized and there’s a lot of rules that don’t make a lot of sense logically. Pixar has none of that. I realize that one of the reasons it’s Nirvana is that we didn’t realize how a movie was made and just used — god forbid — logic. We figured that if we made a movie the way it should be made, that was the way they were being made. Our system is very logical and we keep improving upon it. We criticize ourselves and we have post-mortems every movie to improve the system.

Out here, nobody questions the system. It’s just the way it is with all its faults and everything. We don’t have unions. Steve was very smart. He said, “Let’s give them why there was unions. Let’s give them great healthcare. Let’s treat them extra special and there’s no reason to have that.” There aren’t these weird byproduct rules that actually cause problems in one area when they think they’re helping another. We have a very clean system, Pixar. After you’ve worked in that, it becomes very obvious how things should work and very obvious how things don’t work the right way here. I get a little frustrated at the haphazardness of it.

The world of moviemaking, since the studio system broke down — and this is my guess — lives and breathes off of triage. It lives off disaster planning. People feel comfortable in the disaster. “Oh! I know how to deal with this. This is chaos. Somebody’s on fire. Let’s run and get an extinguisher.” That is not Pixar. Pixar is planning to avoid every disaster possible.
(Emphases added)

Read the full interview over at /film.