Nostalgie ist Ideologie

“They don’t make’em like they used to” ist im Englischen ein gerne geäußerter Sinnspruch, wann immer jemand einen Film dreht, der erfolgreich an vergangene Zeiten erinnert. “So werden sie heute nicht mehr gemacht”. Der Awards-Season-Darling La La Land schwärmt pausenlos von der guten alten Zeit klassischer Hollywood-Musicals und lässt sie auch im Look wieder auferstehen. Regisseur Damien Chazelle hat deswegen sogar auf Film gedreht, genau wie Martin Scorsese Silence und Christopher Nolan seinen neuen Film Dunkirk, die auf diese Weise nicht nur inhaltlich vergangene Zeiten aus dem Grab heben. Ridley Scott kehrt 2017 mit seiner Regiearbeit Alien: Covenant und Blade Runner 2049, den er produziert, gleich zweimal zu seinen Ursprüngen zurück und versucht, eine damals revolutionär neue, stilbildende Ikonographe wiederzubeleben.

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Gegen das Empire: Rogue One, Fankultur und Kapitalismus

“Den Luxus einer politischen Meinung hatte ich nie.” Mit dieser Haltung beginnt die junge Heroine Jyn Erso ihre Reise im neuen Star-Wars-Film Rogue One. Von ihrem Vater als Kind in die Hände eines politischen Aktivisten gegeben, hat sie augenscheinlich irgendwann die Lust daran verloren, sich überhaupt mit der Gesamtsituation ihrer Welt auseinanderzusetzen, die unter dem Joch eines galaktischen Imperiums leidet. Stattdessen ist sie zu einer typischen Drifterin geworden, die sich an den Rändern der Legalität und oft darüber hinaus herumtreibt und vor allem an ihr eigenes Überleben denkt.

Es ist kein Spoiler, zu verraten, dass das Drehbuch von Rogue One dafür sorgt, dass Jyn sich ihre politische Haltung anders überlegt. Im letzten Drittel des Films wird sie zur Anführerin eines Stoßtrupps, der in das Herz des Imperiums vordringt und dort versucht, die Pläne für dessen gigantische Kampfstation zu stehlen. Aus der selbstgenügsamen Opportunistin ist eine Kämpferin für die gute Sache geworden.

Warum genau die Sache gut ist, definiert Rogue One nicht. Die Rebellenallianz steht mindestens mal für Freiheit von Unterdrückung und – das macht auch das Casting klar – Diversität von Hautfarben und Spezies. Was sie darüber hinaus für eine politische Agenda verfolgt, erfahren die Menschen im Kino nicht. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Disney-Chef Robert Iger in einem Interview mit dem Hollywood Reporter behauptet hat, der Film sei “in keiner Weise politisch” und enthalte “keinerlei politische Meinungen”, nachdem Drehbuchautor Chris Weitz getwittert hatte, das galaktische Imperium sei nach seinem Verständnis eine “white supremacist organisation”.

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360 Grad Luther

Die Panoramen von Yadegar Asisi, denen ich erstmals 2010 in Dresden begegnet bin, finde ich ja eine sehr abgefahrene Verschmelzung alter und neuer Immersions-Techniken. Sie finden im analogen Raum statt, werden aber mit digitalen Mitteln erstellt, zusammenkomponiert aus tausenden Fotos, Texturen und CG-Strukturen. Insofern habe ich mich darum gerissen, die Chance zu bekommen, Asisi in Kreuzberg zu besuchen und mit ihm über seinen Prozess und seine Philosophie zu reden. Das Ergebnis musste ich vom Nerdfaktor natürlich etwas runterschrauben, aber ich bin trotzdem ganz zufrieden damit. Wenigstens mal ein Schnittpunkt zwischen meinem Brotjob und meinen Privatinteressen.

Ein Blitzschlag wie bei Martin Luther war es nicht, der Yadegar Asisi dazu bewog, sich mit der Reformation zu beschäftigen. Aber einen inspirativen „Impuls“ habe er vor rund zehn Jahren doch gespürt, als er auf die Tür der Schlosskirche in Wittenberg blickte. Vor seinem inneren Auge sei die Idee für ein „Gesellschaftsbild“ aus der Lutherstadt entstanden, das anhand des Lebens des Reformators und seiner Zeitgenossen zeigt, „wie die Gesellschaft zusammenspielt“. Zehn Jahre später sitzt der 61-Jährige in seinem Atelier in einem Kreuzberger Hinterhaus und denkt zurück an das, was alles passieren musste, damit das Panorama „Luther 1517“ im Oktober in Wittenberg feierliche Eröffnung feiern kann. Kontakte, Reisen, Gespräche über Finanzierung, Beratung, Ideen und schließlich sehr viel Arbeit. Dabei hielt der mit sanfter Stimme und leicht sächsischem Dialekt erzählende Künstler zu jeder Zeit selbst die Fäden in der Hand. „Ich verwirkliche nur noch Herzensprojekte“, sagt er. „Es ist ein großes Glück, dass ich inzwischen so selbstbestimmt arbeiten kann.“

Begehbare Kunst

Das war nicht immer so. Zwar gewann der 1955 als Sohn iranischer Immigranten in Wien geborene Asisi schon wenige Jahre nach seinem Architektur- und Malereistudium in Berlin und Dresden erste Preise, doch erst 1995 stieß er auf das Panorama – ein fast verlorenes Kunstund Unterhaltungsformat aus dem 19. Jahrhundert, das vom Kino schnell verdrängt wurde. Innerhalb weniger Jahre wurde er zum Meister des begehbaren 360-GradKunstwerks, das Besucherinnen und Besucher in eine fremde Welt oder Zeit eintauchen lässt. Auf erste Auftragsarbeiten folgten irgendwann eigene Ideen. Inzwischen betreibt die Asisi GmbH selbstständig zwei Panoramen in Dresden und Leipzig, weitere Bilder von historischen Städten und beeindruckenden Landschaften hängen derzeit in Berlin, Pforzheim und Rouen. Dabei variiert Asisi trotz einer gewissen Routine immer wieder seine Form. So habe er für „Luther 1517“ seinen gewohnten Prozess umgedreht, erzählt er: „Bei anderen Stadtpanoramen erschließt sich der Bildinhalt zuerst über die Architektur, dieses Mal wird die Geschichte zuerst durch die Menschen erzählt.“ Das bedeutet: Wenn Besucherinnen und Besucher ab Oktober das Panorama in Wittenberg betreten, sehen sie sich an den Wänden Figuren gegenüber, die mit ihnen auf Augenhöhe stehen. Sie müssen nicht erst auf eine Plattform in der Mitte des Raums steigen, um die richtige Perspektive einzunehmen.

Reformatorischer Prozess

Und noch etwas ist anders: Statt einen bestimmten Moment in der Zeit festzuhalten, zeigt Asisis Rundgemälde gewissermaßen einen reformatorischen Prozess. Luther kommt nicht nur einmal, sondern mehrfach im Bild vor, in symbolischen Szenen aus verschiedenen Zeitaltern seines Lebens: beim Diskutieren mit Mönchen vor den Toren der Schlosskirche, beim Streit mit Thomas Müntzer, beim Predigen in der Kirche, beim Feiern mit Katharina von Bora. „Diese Momente sollen einander die Hand geben, ohne sich aus den Angeln zu heben“, hofft der Künstler. Yadegar Asisi, das merkt man im Gespräch, ist jemand, der sehr stark von innen nach außen arbeitet. Bilder und Ideen entstehen in seinem Kopf in beinahe finaler Form, bevor er sie aufs Papier bringt. Die erste, zweieinhalb Jahre alte Bleistiftskizze des Panoramas enthält schon alle wesentlichen Elemente der 12,5 Gigabyte großen Photoshop-Datei, an der er zurzeit letzte Hand anlegt: im Zentrum des Bildes die imposante Wittenberger Schlosskirche, links davon die mittelalterliche Stadt mit einer Mühle als weiterem visuellen Ankerpunkt, rechts der Neubau der Stadtmauer und der Blick auf die Elbwiesen. Das Licht fällt durch die Fenster der Kirche auf den Schlossplatz, sodass das Bild im Rund einen Weg von der Dunkelheit ins Licht beschreibt – nicht ohne am Horizont auch die Kriege anzudeuten, die folgten.

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Das Panorama ist seit dem letzten Wochenende in Wittenberg für Besucher geöffnet. Es gibt auch ein Video der Eröffnung auf Facebook.

Das glorreiche Chaos gescheiterter Filme

Manchmal ist die Geschichte rund um einen Film stärker als der Film selbst. “Ich habe gestern Abend Heaven’s Gate gesehen”, erzählt mir mein Freund Carsten. “Ah”, antworte ich, “den Film zum gleichnamigen Debakel?”

Zum Zeitpunkt dieses Austauschs, vor etwa zehn Jahren, kannte ich den Film wirklich nur in diesem Zusammenhang (und um ehrlich zu sein, habe ich ihn mir auch erst in Vorbereitung auf diese Kolumne angeschaut). Ich wusste nicht mehr als dass Heaven’s Gate der Film ist, der fast ein Studio ruiniert hätte. Ein Endpunkt des New Hollywood, Symbol für über die Stränge schlagendes Autorenkino, während dessen eskalierender Dreharbeiten Regisseur Michael Cimino ein komplettes Set abreißen und einige Meter weiter wieder aufbauen ließ, weil er es halt so wollte. Ein unfassbar teurer Flop, den nicht einmal die Kritik wirklich gut fand. Die Art Film, dessen katastrophale Entstehung genug Stoff bietet für einen weiteren Film, einen abendfüllenden Dokumentarfilm namens Final Cut: The Making and Unmaking of Heaven’s Gate.

Und doch sagt allein die Tatsache, dass ich all das über Heaven`s Gate wusste, ohne ihn gesehen zu haben, etwas über die Faszination solcher Filme aus. Sie sagt: Wenn der Wind ein wenig anders gestanden hätte, hätte Heaven’s Gate auch Apocalypse: Now werden können. Ein Film mit ähnlich chaotischen Dreharbeiten und ähnlich furchterregenden Meta-Filmen (Heart of Darkness), der aber heute als wegweisender Klassiker rezipiert wird. Warum Heaven’s Gate nicht der Apocalypse: Now des Westerns wurde, darüber haben sich Kritikerinnen und Filmschaffende über Jahrzehnte den Kopf zerbrochen, in dutzenden neuen Schnittfassungen, Wiederaufführungen und Neubewertungen. (Ich würde es auf die Figuren schieben.) Das teure Chaos hat definitiv seinen ganz eigenen Sog.

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Das meistdokumentierte Filmprojekt aller Zeiten

“Die lassen sich ziemlich in die Karten gucken.” Die Worte meines Freundes Jochen im Herbst 2002 kommen mir jedes Mal in den Sinn, wenn ich an die eine Quelle denke, aus der ich vermutlich am meisten über die Art und Weise gelernt habe, wie heute Filme gemacht werden. Was für andere Filmfreaks Truffauts Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? oder Sidney Lumets Making Movies sein mögen, sind für mich die “Anhänge” zu den Mittelerde-Filmen von Peter Jackson.

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Rückentbündelung. Watchever und die alten Kathodenstrahlröhren

Frank Underwood starrt einem in Berlin gefühlt von jedem zweiten Werbeplakat entgegen. Unter markigen Sprüchen über politisches Kalkül empfiehlt die Hauptfigur der Serie House of Cards dem Betrachtenden zusätzlich ein Abo beim Weltmarktführer für das Streamen von Videoinhalten, Netflix. Auf der anderen Hälfte der Plakate wirbt Netflix’ größter Konkurrent, der deutsche Marktführer Amazon Video, mit einem dramatischen Motiv für die Serie Hand of God, in der Ron Perlman beim Anblick eines Tauben-Mobiles in blutige Tränen ausbricht (das verspricht zumindest das Poster).

Verdächtig abwesend in diesem Krieg der Video-on-Demand-Anbieter ist Watchever, die deutsche Tochter des französischen Konzerns Vivendi, deren Werbekampagne mit Til Schweiger man noch vor einiger Zeit kaum entkommen konnte. Dabei hat das Portal erst Anfang Oktober mit viel Getöse einen Relaunch hingelegt, um dem dramatischen Absturz von Nutzern seit dem deutschen Netflix-Start entgegenzuwirken.

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“Kommerzkacke”: Die perfekte Abschlussnummer

“Das ist doch alles Kommerz!” Mit wenigen Sätzen kann man eine Diskussion über Filme schneller beenden. Kommerz, das wollen wir ja nicht, das ist das Gegenteil von Kunst. Kunst ist Ausdruck individuellen Empfindens und entsteht aus sich selbst heraus. Kommerz hat Geldmacherei zum Ziel, deswegen strebt er auch nicht nach Schönheit und Wahrheit, sondern nach größtmöglichem Massenzuspruch.

Mein Kopf wird bei Filmen und andere Kulturprodukten, die eindeutig kommerzielle Ziele verfolgen, erst so richtig wach. Ich finde es faszinierend zu sehen, wie sich nichtkünstlerische Ziele wie Vermarktbarkeit in einem Produkt künstlerisch niederschlagen können und dieses Produkt deshalb funktioniert – oder eben gerade nicht. Das “perfekte” Produkt, das sehr präzise auf einen bestimmten Markt kalibriert wurde, hat eine eigene Erhabenheit. Um den Versuch, diese zu beschreiben (und manchmal vielleicht auch darüber zu lachen), soll es bei “Kommerzkacke” gehen.

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