Der Umbruch von spätsommerlichen Sonnentagen zur Herbstkälte, die einem in alle Knochen zieht, war schnell, aber hart. Was ist also besser, als sich die nächsten drei Monate zuhause einzumummeln, sämtliche Krisen der Welt und des Privaten auszusperren und irgendwo in einer Fantasiewelt einen Buchladen zu eröffnen oder anderen entspannten Tätigkeiten nachzugehen.
Die Spielebranche hat dieses Bedürfnis längst erkannt. Auf der jüngsten Spielemesse SPIEL in Essen waren “Cozy Games” ein großer Trend. Bei Videospielen sind sie schon länger ein beliebtes Marketing-Label. In einem Bericht zur SPIEL habe ich auch über ein Rollenspiel gelesen, dass “Leisure Fantasy” verspricht: “Es geht um die Entdeckung der Welt, um Geister, Rätsel und ein umfangreiches Tränkebrau-System in einem Grafikstil, der durchaus deutlich an Filme von Studio Ghibli erinnert.”
Welterkundungs-Spiele, bei denen man sich nicht die ganze Zeit kloppen muss, finde ich eigentlich eine super Idee. Aber “Coziness” als Konzept macht mir trotzdem ein wenig Angst.
Zufälligerweise habe ich gerade ein Buch gelesen, das auch schon öfter das Etikett “Cozy” verpasst bekommen hat: Becky Chambers’ Monk and Robot – streng genommen zwei Novellen, A Psalm for the Wild-Built und A Prayer for the Crown-Shy, die in einem Band zusammengefasst sind, aber sie schließen direkt aneinander an und könnten wirklich auch zwei Teile eines Romans sein. Seit Chambers Ehrengast bei der diesjährigen MetropolCon war, wollte ich etwas von ihr lesen, aber von Monk and Robot war ich nur mäßig begeistert.

Die Geschichte spielt in einer Welt namens Panga, die vor etwa zweihundert Jahren eine Wende zu einem nachhaltigeren Wirtschafts- und Gesellschaftssystem geschafft hat. Auslöser: Die in den Fabriken arbeitenden Roboter erlangten ein Bewusstsein und entschieden gemeinsam, die Menschheit zu verlassen und sich in die Wildnis zurückzuziehen.
Tee ausschenken > Gärtnern
Der Plot von Monk and Robot beginnt damit, dass Dex, ein Mönch, merkt, dass dey mit seinem aktuellen Job als Dachgärtner in der Stadt nicht mehr zufrieden ist. Dex braucht eine Pause, und beginnt eine neue Aufgabe als herumreisende, Tee ausschenkende Seelsorgeperson – doch nach knapp zwei Jahren gibt dem auch diese Aufgabe nichts mehr und dey entscheidet sich, ein verfallenes Einsiedlergebäude in der Wildnis suchen zu gehen.
Auf seinem Weg abseits der vertrauten Pfade trifft Dex auf Mosscap, einen Roboter auf der Mission, wieder vorsichtig Kontakt mit den Menschen aufzunehmen. Die beiden führen Gespräche über den Sinn des Lebens und das Drumherum, sind füreinander da und kehren dann in die Zivilisation zurück. Im zweiten Band reist Dex mit Mosscap durch die verschiedenen Habitate seiner Welt – am Ende merken die beiden noch einmal, wie gut sie einander tun, und dass sie am liebsten Zeit nur zu zweit verbringen.
Es gibt keinen externen Konflikt in Monk and Robot. Der größte Konflikt findet in Dex selbst statt – der vertraute Struggle des modernen Menschen, nicht gut zu Selbstmitgefühl in der Lage zu sein, ohne sich schuldig zu fühlen. In diesen inneren Widerstreit fühlt Chambers sich gut ein und auch die Freundschaftsgeschichte von Dex und Mosscap ist schön und mit viel Humor erzählt.
Von der Gesellschaft, die Chambers um diese Geschichte heraumbaut, war ich allerdings einigermaßen entsetzt, und sie ist ein entscheidender Faktor dafür, dass das Buch als “cozy” wahrgenommen wird. Als die Menschen von Panga die Roboter ziehen lassen, nahmen sie das anscheinend zum Anlass, auch gleich alles andere so zu reformieren, dass am Ende eine Art progressive Utopie übrig geblieben ist. Es ist nicht das erste Mal, dass ich dieser Utopie begegnet bin, aber so prononciert wie bei Chambers habe ich sie noch nie erlebt:
- Die Energieversorgung ist vollständig auf nachhaltige Quellen umgestellt (daher werden die Bücher auch oft bei “Solarpunk” eingruppiert).
- Gebaut wird aus nachhaltigen Baustoffen, besonders beliebt sind Pilz/Myzel-Strukturen – Häuser werden nicht gebaut, sondern wachsen und sind natürlich überall begrünt.
- Über Gender-Binarität denkt niemand mehr nach. Mindestens ein Charakter ist nichtbinär (in Monk and Robot ist es die Hauptfigur Dex), dafür ist aber Sexpositivität weit verbreitet und Menschen haben als Consenting Adults sehr guten, entspannten nicht-heteronormativen Sex miteinander
- Der Kapitalismus ist überwunden und durch ein gesellschaftsweites Tausch-System von Waren und Dienstleistungen ersetzt worden. In Monk and Robot “bezahlen” Personen sich gegenseitig mit “Pebs”, einer Art imaginärer Wertschätzungs-Währung, die man aber auch nicht zwingend braucht, um zu überleben.
- Dogmatische Religionen sind einer vage vom Buddhismus inspirierten Spiritualität gewichen, die vor allem Gemeinschaft, die Goldene Regel, Seelsorge und den Kreislauf aller Dinge würdigt. In Monk and Robot gibt es ein sechsköpfiges Pantheon und Dex ist Elev:in von Allalae, der Gottheit der “kleinen Freuden” (“small comforts”).
Es ist nicht so, dass ich diese Merkmale schlecht finde. Ich würde jede einzelne davon sofort umsetzen, wenn ich die Wahl hätte, und zumindest bei den ersten drei bin ich auch recht zuversichtlich, dass sie noch geschehen werden. Was ich jedoch nicht glaube, was aber in Monk and Robot (und ähnlichen Settings wie Annalee Newitz’ The Terraformers) anscheinend Teil der Vision ist: Dass solche gesellschaftlichen Verschiebungen dazu führen würden, dass automatisch alle Menschen nur noch nett zueinander sind und froh sind, sich endlich einer neuen Genügsamkeit hinzugeben.
Ich glaube erstens nicht, dass Menschen wirklich so sind. Selbst wenn man sie zweihundert Jahre lang von Kapitalismus und religiösen Schuldgefühlen reinwaschen könnte, dürften sie alle auch nach wie vor gelegentlich Gier, Egoismus, Neid, Bitterkeit und Bosheit empfinden. Wer sich regelmäßig in progressiven Zirkeln bewegt, weiß, dass dort zwar sehr viel Wert auf Rücksichtnahme und Wertschätzung gelegt wird, aber trotzdem ständig gestritten wird, zum Beispiel darüber, welche Rücksichtnahme gerade wichtiger ist.
Recht auf Unglücklichsein
Ich musste nach Ende des Buchs öfter an Aldous Huxleys Brave New World denken, in dem die Menschen genetisch so gezüchtet und behavioristisch so abgerichtet werden, dass sie die ihnen in der Gesellschaft zugedachte Rolle ganz ohne Zwang super finden. Die Outsiderfigur aus einem Reservat für “Wilde”, die diese Ordnung durcheinander bringt, plädiert am Ende im Gespräch mit dem obersten Kontrolleur dieser Gesellschaft für ein “Recht auf Unglücklichsein”.
In Brave New World geht es dabei vor allem um freien Willen, aber in Monk and Robot hatte ich ein ähnliches Gefühl: das Recht auf eine unperfekte Gesellschaft vielleicht, in der nicht jedes Problem mit Nettigkeit gelöst wird und nicht jede Verletzung weggelächelt werden kann. Dex spürt das, aber es gelingt dem bis zum Schluss nicht, es wirklich zu benennen. Vielleicht schlummert in Becky Chambers noch ein dritter Roman, in der Dex der ganzen Gesellschaft mal den Spiegel vorhält und die Risse in der scheinbar perfekten Welt sichtbar macht.
Jeder hat seinen eigenen Eskapismus. Ich kann verstehen, dass Menschen das Bedürfnis haben, die Welt, in der wir leben, gelegentlich auszusperren und sich an einen Ort zu träumen, an dem alle großen Probleme gelöst sind. In der all die Dinge, die sie für selbstverständlich halten, und mit denen sie ständig anecken, einfach mal kein Thema sind. Und vermutlich muss ich an dieser Stelle auch kurz erwähnen, dass ich mir meiner Privilegien bewusst bin, dass ich diese Kämpfe im Alltag sehr selten kämpfen muss. Es wundert mich trotzdem, dass sie sie eine so extreme Version, wie sie vor allem im zweiten Teil von Monk and Robot geschildert wird, nicht sehr schnell langweilig und steril finden. Und dass weder Autor:innen noch Leser:innen davon ausgehen, dass die Menschheit nicht stante pede neue Probleme finden würde, wenn sie alte gelöst hätte.
Kein Sedativum
Ich bevorzuge, wie ich in diesem Blog schon diverse Male geschildert habe, für meinen persönlichen Eskapismus Geschichten über Menschen, die nicht schon in der Utopie leben, sondern an diese gerade trotz der sie umgebenden Widrigkeit glauben. Das ging mir schon in der Pandemie so – eines Geschichte über Leute, die tolle Dinge taten, obwohl um sie herum Covid wütete, gab mir tausend Mal mehr, als jedes zuckersüße Tiervideo (damals noch nicht KI-generiert). Ich will kein Sedativum. Ich will Mut.
Deswegen mag ich das Genre so, das Isabella Herrmann als “Anti-Dystopie” bezeichnet hat, und das anderswo schon “Hopepunk” genannt wurde: Aiki Miras Proxi schildert eine Welt, in der Gender ebenfalls fluid ist und Gesellschaften aus den Trümmern neu entstehen, ähnlich wie in Emily St. John Mandels Station Eleven. Ursula K. LeGuins The Disposessed erzählt eine “realistische” Version eines gemeinwohlorientierten Gesellschaftssystems, scheut aber nicht davor zurück, auch unangenehme Aspekte zu benennen. Octavia Butlers Parable of the Sower zeigt, wie Solidarität aus Überzeugung aussehen kann, hat aber dennoch komplexe Charaktere, mit denen man als Leser auch ringt.
Wenn die Dystopie wirklich vor den Türen steht (ich bin da, wie berichtet, unsicher), dann weiß ich nicht, ob uns als Gegenmittel Utopien weiterhelfen, für deren Existenz wir die menschliche Natur ausblenden müssen. Als kurze Atempause, meinetwegen. Aber dann bitte wieder mit echten Menschen interagieren.
