Die Sache mit dem Journalismus

In der Februar-Ausgabe von LÄUFT ging es um die Arbeitsbedingungen von Journalist:innen. Dass sie immer öfter zu Burnout führen (laut einer Studie haben über die Hälfte der Menschen in diesem Beruf ein erhöhtes Risiko) und dass sie Journalist:innen auch regelmäßig dazu treiben, den Beruf zu verlassen oder allenfalls noch als Nebenjob auszuführen. Ich habe dazu mit der Journalistin und Medienforscherin Anna von Garmissen gesprochen, die gerade mehrere Studien dazu ausgewertet hat. Ich finde, das Gespräch lohnt sich.

Natürlich hat dieses Thema auch in mir widergehallt. Und weil ein Formatentwickler mir neulich geraten hat, mehr von mir selbst im Podcast zu erzählen, habe ich das im Intro auch getan. Hier ist – in Auszügen – mein Sprechertext:

Vor 17 Jahren hatte ich das große Glück, direkt nach dem Studium einen Vollzeit-Job im Journalismus zu landen. Aber nach einem guten Jahr war dieses Glück dann auch schon wieder vorbei. Mein Vertrag endete. Ich musste mich nach einem neuen Job umsehen, und den fand ich sogar auch recht schnell – allerdings nicht im Journalismus.

Ich bin seitdem immer wieder hin- und hergependelt. Ohne Journalismus wollte und will ich nicht leben, deswegen habe ich immer ein bisschen nebenher journalistisch gearbeitet – mal mehr, mal weniger. Seit drei Jahren kann ich diesen medienjournalistischen Podcast machen. Aber den größten Teil meines Geldes verdiene ich festangestellt anderswo. Der Journalismus, insbesondere der freie, ist mir einfach zu unsicher.

Wie mir Anna von Garmissen im Gespräch erzählt (und hier auch aufgeschrieben hat), entspricht mein Verhalten einem gewissen Muster. Die Medienwissenschaftlerin Jana Rick hat ein ganzes Buch dazu geschrieben: Ausstieg aus dem Journalismus. Darin kategorisiert sie Menschen wie mich als “Desillusionierte”: “Berufseinsteiger, die sich aufgrund mangelnder Perspektiven und Enttäuschung über die Arbeitsbedingungen umorientieren.”

Die Frage, ob ich Journalist sein kann oder nicht, ist eine der großen Fragen meines Lebens. Ich wollte darüber schon lange mal laut nachdenken – auch, weil ich immer wieder erlebe, dass Menschen ein verzerrtes Bild darüber haben, wie Arbeits-Lebensläufe sich so entwickeln. Bei anderen sieht es irgendwie immer besser aus, als bei einem selbst. 

Und da ich jetzt weiß, dass ich mit meinen Erfahrungen alles andere als untypisch bin, erscheint mir eine Relevanzgrenze erreicht, die über die reine Nabelschau hinausgeht. Aber keine Angst: Es wird sehr viel Nabelschau geben.

Was ich oben in meinem Introtext erzählt habe, ist im Prinzip alles wahr. Aber natürlich ist die ganze Wahrheit etwas komplexer.  Wenn man es ganz genau nehmen will, bin ich nicht “direkt nach dem Studium” im Journalismus gelandet. Nach meinem Abschluss in Filmwissenschaft, Publizistik und Anglistik an der Uni Mainz im Sommer 2007 habe ich zweierlei Dinge entschieden: Ich mache noch zwei gute journalistische Praktika, und ich starte eine Promotion. 

Letzteres erwies sich als deutlich schwieriger als gedacht. Im Herbst 2008 hatte ich für meine geplante Dissertation (über Regisseur Danny Boyle) immer noch weder ein Stipendium noch eine ordentliche Betreuung. Allerdings hatte ich erfolgreich Urlaubsvertretungen in der Filmredaktion 3sat und in der Redaktion von “epd film” (beides ehemalige Praktikumsstationen( absolviert und erhielt einen Anruf, ob ich mir vorstellen könnte, ab Januar Pauschalist in der Redaktion von “epd medien” zu werden.

Ich erinnere mich sehr genau, dass ich zum Himmel geschaut und gesagt habe: Alles klar, ich habe verstanden. Das Universum will mich eindeutig nicht an der Uni, sondern im Journalismus sehen. Und so konnte ich tatsächlich direkt aus der Uni in eine Redaktion wechseln – ohne Journalistenschule, nur auf Basis eines guten Rufs und dem Glück, dass jemand gesucht wurde und ich gerade in der Nähe war. Das war schon 2008 keine Selbstverständlichkeit. Die digitale Revolution hatte bereits kräftig am Geschäftsmodell des Journalismus zu nagen begonnen.

Mein Jahr in der Redaktion von “epd medien” war ein fantastisches Lehrjahr. Ich lernte innerhalb von kürzester Zeit, sowohl tagesaktuell für de Nachrichtenagentur zu arbeiten, sauber zu recherchieren und schnell zu erfassen, was an einer Geschichte das Wichtigste ist (bis heute einer der wichtigsten Skills überhaupt für mich), als auch längere Analyse-Stücke und Kritiken selbst zu schreiben und bei anderen zu redigieren. Fast alle meine Kolleg:innen von damals sind heute noch in der Redaktion und damit weiterhin Kolleg:innen. Die Redaktion schickte mich ins Medienjournalismus-Seminar des Grimme-Instituts, wo ich einen bis heute guten Freund kennenlernte. Und das erste halbe Jahr arbeitete ich unter Volker Lilienthal, dessen Geschichte ich 2024 in LÄUFT erzählt habe.

Nach Ende des ersten Jahres aber wurde ich zum ersten Mal in meinem Berufsleben vor eine Entscheidung gestellt, die sich ähnlich später noch mehrmals wiederholen würde. Der epd konnte mir keine langfristige Perspektive bieten und meinen Vertrag höchstens um sechs Monate verlängern. Ein paar Bewerbungen für andere journalistische Jobs liefen ins Leere. 

Ich war 26 und hatte Bock, neue Dinge auszuprobieren, insbesondere Dinge mit Internet. Und ich hatte mich nie auf eine Karriere im Journalismus festgelegt. Als ich die Gelegenheit bekam, beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden als Internetredakteur anzufangen, habe ich Ja gesagt, obwohl ich mich damit vom Journalismus abwandte. “Ich bin ja noch jung”, war mein Gedanke. “Ich kann ja wieder zurückkommen.”

Drei Jahre später stand ich wieder an einem ähnlichen Punkt. Pünktlich nach dem Kirchentag (tolle Erfahrung, bei der ich sehr viel Verantwortung übernehmen durfte) im Sommer 2011 hatte die Filmredaktion 3sat wieder angerufen und mir eine Redakteursstelle angeboten. Noch einmal ein riesiger Glücksfall, genau wie damals beim epd. Was für ein Traumjob für jemanden mit einem Magister in Filmwissenschaft – wahrscheinlich ansonsten einer der nutzlosesten geisteswissenschaftlichen Abschlüsse, die man sich vorstellen kann.

Doch nach zweieinhalb Jahren im ZDF war ich zermürbt. Ich gehörte zum sogenannten “Dritten Kreis”, eine Art feste freie Angestellte, die über Produktionsbudgets abgerechnet werden. Jobsicherheit gab es nicht – das Tageskontingent, das einem für ein Jahr zugesichert war, konnte auch mal plötzlich zusammengestrichen werden. Der journalistische Teil meiner Arbeit war toll, aber wenig und von der Redaktion hart erkämpft.  Mit der generell frustigen Atmosphäre im ZDF kam ich nicht gut klar. Als der Kirchentag Ende 2013 fragte, ob ich zurückkommen und eine Abteilungsleitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit übernehmen will, fiel mir die Zusage trotz Journalismus und Dienstreisen auf die Berlinale einigermaßen leicht.

Seitdem habe ich nicht mehr hauptberuflich journalistisch gearbeitet. Auf einen Kirchentag in Stuttgart folgte ein zweiter in Berlin mit immer mehr Führungsverantwortung. Darauf ein Job als Redakteur bei einem Online-Portal für geflüchtete Kinder in der Kita, der dann in klassischere PR-Jobs und irgendwann in einer Projektleitung in der gleichen Stiftung, der Stiftung Kinder forschen, mündete. Ich bin seitdem im Bildungsbereich geblieben, seit Januar arbeite ich 30 Stunden die Woche als Kommunikationsmensch bei einem Verein, der Schulen beim Erarbeiten von Präventionskonzepten hilft.

Ganz aufgegeben habe ich den Journalismus aber auch nie. Für meine alten Bekannten bei epd film und epd medien habe ich über die Jahre durchgängig, mal mehr mal weniger, Kritiken und journalistische Artikel geschrieben. Ab und zu ergaben sich auch mal andere kleine Aufträge für verschiedene Medien. Sehr geschätzt habe ich auch die Arbeit für das Online-Portal Piqd (R.I.P.).

Wenn ich tief in mein Herz schaue, sehe ich dort einen Journalisten, keinen PR-Menschen. Ich sage immer gerne: Ich stelle viel lieber Fragen, als Antworten zu geben. Ich kann gut in PR- und Marketing-Logiken denken, aber ich entdecke lieber interessante Phänomene und gute Geschichten und schreibe sie auf. Ich liebe es auch, Redakteur zu sein, Inhalte zu kuratieren, Themen zu setzen und mit Autor:innen zusammenzuarbeiten. Vieles davon geht ansatzweise auch im Content-Marketing und anderen Bereichen der PR, aber es ist weit vom Thrill entfernt, den echter Journalismus in mir auslöst.

Und doch habe ich es nie zurückgeschafft. Wie ich in meinem Podcast-Intro gesagt habe: Der Journalismus wurde über die Jahre nicht nur immer unerreichbarer, er war auch wirklich immer zu unsicher. Er hat mir keine Verlässlichkeit und kaum Perspektiven geboten. Währenddessen war das Versprechen auf der anderen Seite immer: Komm her, probier dich aus, entwickle dich weiter – und das alles mit einem soliden Gehalt. Deiner Leidenschaft kannst du doch als Hobby immer noch nachgehen.

Ich glaube, inzwischen ist mir der Weg zurück versperrt. 2022/23 hatte ich noch einmal eine Chance. Ich habe meine feste Stelle auf 60 Prozent reduziert und beim epd wieder Pauschalistendienste übernommen. Auch der Podcast LÄUFT startete in dieser Zeit – bis heute das tollste Projekt, das ich je umsetzen durfte und in dem ich viele Freiheiten genieße. Ich habe mich in dieser Zeit auf zwei Redakteursjobs bei seriösen Medienunternehmen beworben und bin zumindest mal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen worden.

Aber auf Dauer war das kein Zustand. Ich konnte nicht in zwei Welten gleichzeitig leben, zwei Themengebieten und Skillsets gleichmäßig viel Aufmerksamkeit schenken. Also habe ich mich am Ende wieder entschieden, Sicherheit und Weiterentwicklung (in diesem Fall die oben erwähnte Projektleitung) zu wählen – aber halt nicht im Journalismus (bis auf einen Tag Podcast die Woche).

Wenn ich heute noch einmal ernsthaft die Schreibtischseite wechseln wollen würde, ginge das vermutlich nur durch Selbstständigkeit. Ich müsste versuchen, mich als freier Journalist durchzuschlagen und mir neu einen Namen zu machen. Das ginge vermutlich sogar irgendwie. Ich habe ein klar definiertes Themenfeld, in dem es nicht zu viel Konkurrenz gibt. Ich habe ein gutes Netzwerk. Meine Frau hat einen sicheren und ordentlich bezahlten Job. Aber ich bin ehrlich: Ich habe keine Lust darauf, die Hälfte von dem zu verdienen, was ich jetzt verdiene, und gleichzeitig keinerlei Jobsicherheit zu haben. 

Das ist mir der Traum nicht wert. Ich bleibe ein “Desillusionierter”. Und wenn ich regelmäßig auf LinkedIn die Laufbahnen von Kolleg:innen in ähnlichem Alter verfolge, die ich von früher kenne und die es zum Teil in wirklich bemerkenswerte journalistische Positionen geschafft haben, werde ich nicht selten neidisch und denke mir: „I could have been a contender!“ – wenn ich mich zwischendurch nur anders entschieden hätte.

Das ist Jammern auf enorm hohem Niveau. Das weiß ich. Oh nein, seht mich an, ich kann meinen Lieblingsjob nur nebenberuflich machen und bin ansonsten mit einer sicheren, gut bezahlten Stelle mit Sinn und tollen Kolleg:innen geschlagen, die nicht zu hundert Prozent meinem Traum entspricht. 

Aber die journalistische Arbeit wird für mich trotzdem immer zu einem gewissen Grad „the one that got away“ bleiben. Das schmerzt einfach. Und ich frage mich: Muss ich das akzeptieren und meinen Frieden damit machen? Oder gibt es einen anderen Weg?