Was taugte die erste Staffel von Agents of SHIELD?

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Enthält keinerlei wirkliche Spoiler für Agents of SHIELD, nur für The Winter Soldier. Ich schreibe außerdem SHIELD statt S.H.I.E.L.D., weil Letzteres auf Dauer total behämmert zu tippen ist.

Um die ABC-Serie Marvel’s Agents of SHIELD hat sich in den vergangenen Wochen ein interessantes Narrativ gebildet. Es lautet: “Die Serie hatte einen sehr schwachen Start, aber in den letzten Wochen hat sie es echt rumgerissen und ist zu einem der besten Dinge im Fernsehen geworden.” Sehr praktisch für die Produzenten. Aber leider nur die halbe Wahrheit.

In Wahrheit sind einige Kritiker, ganz in meinem Sinne, totale Opfer der Operationellen Ästhetik geworden. “A true television marvel” nennt etwa Mary McNamara in der “Los Angeles Times die Serie, denn “never before has television been literally married to film, charged with filling in the back story and creating the connective tissue of an ongoing film franchise.”

Der einmalige Effekt

Und in der Tat ist das wohl der interessanteste und einmalige Effekt der Serie, mit dem sie vielleicht ein bisschen in die Annalen der Fernsehgeschichte eingehen darf. In Captain America: The Winter Soldier, der im Frühjahr ins Kino kam, bricht die Organisation SHIELD, die bis dahin das Marvel-Kinouniversium zusammengehalten hat, in sich zusammen. Und in der Serie gab es daraufhin die Folgen dieses Zusammenbruchs zu sehen.

In dieser Interaktion mit einem Kinostart hat lineares Fernsehen tatsächlich mal sein scheinbar größtes Defizit – das Festgelegtsein auf eine bestimmte Zeit – in eine Stärke umgewandelt. Wer Agents of SHIELD in Zukunft auf DVD oder VOD als Binge reinzieht, wird mit Sicherheit nicht so einen Aha-Effekt erleben, wie die Zuschauer, die frisch aus dem Kino kommend erleben durften, wie die Geschichte im Fernsehen weitergeht. Zuletzt hat solche Effekte wahrscheinlich Lost mit seinem allwöchentlichen Rästelraten erzeugt.

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Was die Macher sagen

In einem Interview mit “Buzzfeed” haben die Showrunner Jed Whedon und Maurissa Tancharoen verraten, dass sie von Anfang wussten, was auf sie zukommt. Sie mussten also irgendwie mit dem Problem umgehen, dass sie eine Serie namens Agents of SHIELD leiten und SHIELD per Dekret von oben nach zwei Dritteln der Laufzeit aufhören würde zu existieren. Dabei durften sie das natürlich niemandem verraten. Die Geheimhaltung von Marvel scheint legendär, das bestätigen auch die Produzenten Jeph Loeb und Jeffrey Bell. Und auch Joe Quesada hatte ja vor zwei Wochen schon gesagt, dass die Schauspieler beispielsweise zu Anfang nicht wussten, was sie erwartet.

Doch so beeindruckend all das ist – ein interessanter Twist nach 17 Folgen rechtfertigt nicht automatisch die 16 schwachen, die ihm vorausgingen. Neuen Serien, besonders solchen im werbegetriebenen Network-Fernsehen, muss man ein paar Folgen Zeit geben, um ihren Tritt zu finden. Aber sie sind eben kein 22-stündiger Film, wie es im “Buzzfeed”-Stück heißt, sondern sie müssen ihre Existenz Woche um Woche rechtfertigen.

Eine Season – drei Phasen

Ich bin da eher bei Todd VanDerWerff, der im “A.V. Club” ein etwas weniger euphorisches Fazit zieht und die Staffel in drei Phasen einteilt:

For the first nine or 10 episodes, the show is too often a slog, an attempt to create a weird blend of NCIS and The X-Files with a chaser of superhero dramatics. […] Right after the first of the year, however, producers and showrunners Jed Whedon, Maurissa Tancharoen, and Jeffrey Bell started righting the ship. The episodes in this middle portion of the season are often clunky, but they do a better job of fleshing out the characters, and the superhero spy shenanigans start to coalesce into something more interesting than their disparate parts.

VanDerWerff gesteht schließlich zu, dass Agents of SHIELD ab Folge 17, wenn es mit den Folgen von The Winter Soldier umgeht, deutlich spannender wird. Allerdings notiert auch er, dass diese Spannung vor allem aus den vielen Storywendungen entsteht und weniger aus den lebendigen Charakteren. Devin Faraci von “Badass Digest” hingegen lässt kein gutes Haar an der Serie:

I got a show that continued to be about people having fights in hallways and empty rooms, about characters who constantly explain what happened in the last scene to each other and that felt like the kicked-to-the-curb step-sibling of the mighty Marvel Cinematic Universe.

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Hoffnung für langweilige Charaktere

Faraci hat recht, wenn er am Ende schreibt: “[W]hat the show needs [is] better, wittier writing. The characters are so bland that they can be reshaped in season two by better writers”. Das große Problem von Agents of SHIELD ist nicht, dass es keine interessante Geschichte zu erzählen hat, sondern dass es diese nicht auf interessante Weise an den Mann und die Frau bringt.

Zu sehr verlässt sich schon das Ausgangspaket auf die typische Whedon-Formel des Teams als kaputte Familie, die er in Buffy und stärker noch in Firefly scheinbar perfektioniert hatte. Doch nur weil ein Team aus disparaten Teilelementen besteht, von denen jedes eine andere Ecke des Fanservice-Spektrums und seiner Mary Sues zu erfüllen scheint (die Indiegirl-Hackerin, die arschtretende Ninja-Lady, der gutaussehende mysteriöse Mann, die zwei nerdigen Wisenschaftler mit sexy britischem Akzent), existiert damit noch lange nicht automatisch ein Ensemble, mit dem man mitfiebert. Man muss es auch mit Leben füllen.

Der steinige Weg zum Finale

Wenn dazu noch Episodenplots kommen, die in der Summe einfach schrecklich beliebig erscheinen und den Zuschauer selten überraschen, hat eine Serie einfach verloren. Agents of SHIELD wirkte von Anfang an zu formelhaft und kalkuliert, um in der Fernsehlandschaft der gestiegenen Ansprüche (auch im Network TV, man denke an gefeierte Serien wie The Good Wife) bestehen zu können. Auch ich musste zeitweise sehr die Zähne zusammenbeißen, um die Serie trotz meiner Enttäuschung weiterzuschauen. Gehalten hat mich hauptsächlich professionelles Interesse.

Treue Zuschauer wurden am Ende definitiv belohnt. Nicht nur, dass die Plotwendungen einem am Ende mehrfach den Boden unter den Füßen wegziehen – die Aufstockung des Casts durch Bill Paxton, Patton Oswalt und B. J. Britt als Agent Triplett fügt dem Ensemble tatsächlich mal ein paar Charaktere hinzu, die so wirken, als wüssten sie was sie tun. (Clark “I Am the Glue” Gregg, der in den Marvel-Filmen ein perfekter Nebendarsteller war, wirkt in Agents of SHIELD als Anführer ziemlich fade.) Außerdem sorgt die Tatsache, dass SHIELD zum Ende der Staffel nicht mehr existiert, dafür, dass nun für die Charaktere viel mehr auf dem Spiel steht. Sie waren vorher nicht mehr als Tatortreiniger, jetzt sind sie Gejagte. Mit einer Mission. Und im August – also kurz vor Start der zweiten Staffel – wird das Marvel Cinematic Universe bekanntlich galaktisch.

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Praxistipp: Diese Episoden lohnen sich

Wer sich nicht durch 22 Episoden wühlen will, nur um auf Stand zu sein, dem sei folgendes empfohlen: Schaut den Piloten, Episode 5 “Girl in a Flower Dress”, Episode 10 “The Bridge”, Episode 11 “The Magical Place”, Episode 13 “T.R.A.C.K.S.”, Episode 14 “T.A.H.I.T.I.” und dann alle Episoden von 17 bis 22. Wenn ihr noch weniger Zeit habt, schaut nur den Piloten, Episode 5 und die letzten sechs. So könnt ihr vorbereitet in die nächste Staffel und die nächste Phase des Marvel Cinematic Universe starten.

Mit Dank an Rochus