Nachhaltigkeit (II)

Das Internet mag ein ewiges Langzeitgedächtnis haben, doch sein Kurzzeitgedächtnis ist miserabel. Tweets und Blogposts, die man heute liest, hat man morgen wieder vergessen. Die Sau, die diese Woche durchs Dorf getrieben wird, mampft nächste Woche schon wieder unbehelligt in ihrem Stall. Das entspricht weder meiner Gesinnung als Journalist, noch als Geisteswissenschaftler. Unter dem Label “Nachhaltigkeit” gehe ich zurück zu meinen Blogeinträgen der letzten Monate und verweise auf interessante Entwicklungen in den angerissenen Themen.

Godzilla

Mit der Debatte, die Gareth Edwards’ Film Godzilla angestoßen hat, ließe sich ein eigenes Blog füllen. Das Absurdeste an der Kritikerlandschaft, die ich beobachten konnte, ist natürlich nicht, dass manche den Film mochten und andere nicht, sondern dass selbst diejenigen, die nach eigener Aussage Spaß im Kino hatten, sich in der Folge gerne daran beteiligen, die schwergängige Taktung, die logischen Löcher und die flachen Charaktere des Films auseinanderzunehmen. Beispiele: /filmcast und “Slate” Spoiler Special. Bei mir hat das den Eindruck hinterlassen, dass eigentlich doch niemand den Film als Ganzes so richtig mochte – auch Tim Slagman nicht, der eine direkte Replik auf meinen Blogpost “Erst durch Godzilla werdet ihr merken, was ihr an Pacific Rim hattet” schrieb.

Umso mehr eignet sich der Film als Grundlage für diverse Diskussionen: Ist Godzilla tatsächlich der erste Blockbuster, der keine Menschen braucht? Was sagt er über sogenannte Calling Card Movies wie Monsters aus, mit denen sich junge Regisseure in Hollywood bewerben (siehe auch “epd film“)? Forrest Wickman nahm auf “Slate” das Datenzepter in die Hand und bewies, dass eigentlich sogar die meisten Monsterfilme ihr Monster erst nach etwa einer Stunde ganz zeigen.

Wie ich arbeiteten sich einige Autoren am Vergleich mit Pacific Rim ab, unter anderem Annalee Newitz bei “io9” (“Why Godzilla kicked Pacific Rims Ass at the Box Office“) und Orlindo Frick beim “Moviepilot”-Aufreger der Woche. Die interessanteste Debatte ist aber meiner Ansicht nach die darüber, was Godzilla über die “Ernsthaftigkeit” des Blockbusterkinos aussagt. Darren Franich schrieb in “Entertainment Weekly” einen Call for an End of Serious Blockbusters, am härtesten schlägt aber wahrscheinlich Lee Weston Sabo bei “Bright Lights” zu. Für ihn ist Godzilla Teil der “Gentrifizierung von Pulp“, was ich für einen interessanten Gedanken halte. Enden wir auf einem Zitat aus Sabos Artikel:

Godzilla, the King of the Monsters, has been stripped of personality and dressed up in a taciturn action blockbuster just like any other, perfectly acceptable for a middle-class audience to enjoy without feeling low-brow. It even has Bryan Cranston fresh off the success of Breaking Bad, and middle-aged character actors David Strathairn, Sally Hawkins, Ken Watanabe, and Juliette Binoche show up in bland cameos to give it some arthouse credibility. It’s just like a “real” movie!

X-Men und Ant-Man

In meinem Gespräch mit Sascha über die Opfer, die konsistentes Worldbuilding verlangen kann kam unter anderem X-Men: Days of Future Past vor. Zwei tolle Interviews sind seitdem aufgetaucht, die einige der Aspekte beleuchten, über die wir im Podcast nur mutmaßen konnten. Bryan Singer beweist, dass er für jeden Continuity-“Fehler” zwischen The Last Stand und Days of Future Past eine Erklärung hat. Und Simon Kinberg erzählt im zweistündigen Interview mit Jeff Goldsmith einiges zu den Hintergründen für bestimmte Entscheidungen und bestätigt tatsächlich, dass eine der Motivationen für den Film war, The Last Stand ungeschehen zu machen. Nachdem außerdem bekannt wurde, dass der niemals besonders aufgefallene Peyton Reed Edgar Wrights Zügel bei Ant-Man übernehmen wird, hat Sidney Schering sehr ausgewogen zusammengefasst, wie die Gesamtsituation jetzt aussieht: Marvel und die Yes Men.

Thinkpieces

Während ich im Best Blog Award-Stöckchen versucht habe, zu umreißen, welche Art von Artikel ich am liebsten schreibe, hat Nick Pinkerton auf “Film Comment” bei einer generellen satirischen Abrechnung mit dem Internet-Filmjournalismus eine fiese, aber natürlich in Teilen auch treffende Definition des “Thinkpieces” formuliert:

The review was an unwieldy format that allowed for the cacophonous interplay of multiple ideas, some of which could seem to directly contradict one another. What a nightmare! This flawed and antique form, I am happy to announce, has been replaced by the thinkpiece, which puts forth a single, strong argument about contemporary culture, which gains force through bypassing historical context, eliminating niggling details which problematize the thesis or isolating them to a passing thought, and strawmanning fellow writers.

Ich hoffe doch, dass ich zumindest ab und zu auch einigen Fallen aus dem Weg gehe in meinen “Thinkpieces”, die ja durchaus auch als bewusste Zuspitzung und Provokation gedacht sind.

Und außerdem

Die beste Ergänzung zu meinem re:publica-Fazit hat Patricia Cammarata alias “Das Nuf” formuliert, die ebenfalls ein bisschen das Positive, Zusammenschweißende vermisste.

Der Magic: The Gathering-Film hat jetzt einen Drehbuchautor: Bryan Cogman, vor allem bekannt durch seine Arbeit an Game of Thrones. Klingt doch interessant …

Und dann war da noch The Wolf of Wall Street. Meine Kritik am Film wurde unter anderem direkt im “Kontroversum”-Podcast und von Sophie Charlotte Riger in ihrer “Biss zum Abspann”-Kolumne aufgegriffen. Die Debatte um das Thema zog sich jedoch durch sämtliche Medien, weil ich nicht der einzige war, der bemängelte, dass Scorsese versucht, gleichzeitig zu kritisieren und zu genießen. “Indiewire” fasst die Diskussion im englischsprachigen Raum zusammen, noch besser fand ich aber das Gespräch bei “Cargo”. Inzwischen bin ich fast überzeugt, dass der Film mehr ist, als er auf den ersten Blick scheint, aber ich müsste ihn wohl noch einmal sehen, um sicher zu sein.

Bild: Flickr Commons

Wenn die Filmkritik das Gespräch sucht

The Wolf of Wall Street war nicht jedermanns Sache. Meine zum Beispiel nicht. Doch da ich die Gelegenheit hatte, nach dem Kino noch mit zwei Kollegen kurz über den Film zu sprechen, wusste ich direkt, dass ich mit dieser Meinung nicht überall auf Zustimmung stoßen würde. Lukas Foerster und Ekkehard Knörer ging es anscheinend ähnlich. Die beiden fingen auf Facebook an, ihre konträren Meinungen zum Film auszutauschen und entschieden sich schließlich, ihre Diskussion in Gänze bei “Cargo” zu veröffentlichen. Das Ergebnis ist faszinierend zu lesen: Zwei Menschen wechseln höchstkluge Argumente – und am Ende darf man sich selbst irgendwo dazwischen positionieren.

Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob das so selbstverständlich ist. Kritik, so scheint es mir doch meistens, ist traditionell nach wie vor etwas, was alleine geschmiedet wird. Der Kritiker, die Kritikerin erfassen das Objekt, das sie konsumieren wollen, sie ordnen es ein, bilden sich eine Meinung und gießen diese Meinung dann in Worte. Diese Worte werden dann auf die Welt losgelassen, man darf dann auch auf sie reagieren – aber es ist nicht selbstverständlich, dass ein Kritiker oder eine Kritikerin sich die Blöße gibt, noch nicht in Stein gemeißelte Ideen in den Ring zu werfen, um sie mit anderen zu diskutieren.

Ein Mehrwert für alle

Kritikerinnen und Kritiker, die den Mut haben, ihre Ideen anderen im Gespräch gegenüberzustellen und damit im Zweifelsfall Gefahr laufen, von den Ideen ihres Gegenübers erdrückt zu werden, schaffen für alle Beteiligten einen Mehrwert. Sie selbst werden gefordert, ihre Eindrücke gegenüber Fachgenossen zu verteidigen. Und die Lesenden bekommen auf einen Schlag gleich ein Spektrum von Meinungen, in dem sie sich orientieren können.

Ich will dem Internet nicht die Ehre zuschieben, in diesem Bereich irgendetwas erfunden zu haben. Die Fernsehsendung “At the Movies” — für US-Amerikaner, die in den 80ern und 90ern groß wurden quasi die filmische Früherziehung — hat in dem Format Geschichte geschrieben. Auch Podiumsdiskussionen und andere Dialogveranstaltungen haben Tradition. Und Dialoge als Textform gehören mit ihren antiken Vorbildern schließlich an den Anfang aller westlichen Gedanken.

Ich glaube aber doch, dass die vernetzte Welt ihren Teil dazu beigetragen hat, der dialogischen Kritik neuen Antrieb zu geben. Denn schließlich ist das Internet, das “Web 2.0” allemal, im Grunde eine einzige “Conversation”, wie schon das Cluetrain-Manifest behauptete. Es lebt davon, dass man aufeinander reagiert, ins Gespräch kommt, Impulse abgibt und anderswo aufnimmt. Das kann nebenbei geschehen – in Kommentarthreads unter Blogs oder auf Facebook, in Twitter-Hin-und-Hers – oder ganz geplant, wie im Ur-Webformat Podcast, aber es zeigt auf jeden Fall Wege auf, auf die sich gerade die Filmkritik meiner Ansicht nach ruhig viel öfter verirren könnte.

Kleine Topologie des Filmgesprächs

Wie kann ein Filmgespräch praktisch aussehen? Für den Anfang ist der oben genannte Foerster/Knörer-Weg vielleicht der einfachste. Treibt einen ein Film oder ein Thema um, suche man sich einen Kollegen oder eine Kollegin, der man vertraut und auf deren Meinung man etwas gibt und tauscht Argumente aus. Ich habe das hier im Blog auch schon versucht – allerdings waren die Meinungen in diesen Gesprächen weniger konträr. Es gibt auch ein deutschsprachiges Blog, dass sich nur dieser Form verschrieben hat.

Hat man mit einem Gleichgesinnten erstmal eine gewisse Sicherheit im Gespräch erlangt, kann ein Gast das ganze sehr gut aufmischen. So funktionieren nicht wenige Podcasts, nicht zuletzt die Folge von “Kontroversum”, die mich auf den “Cargo”-Artikel gebracht hatte. Auch der “/filmcast” oder “The Golden Briefcase” arbeiten gerne mit dem “Zwei plus Eins” Prinzip.

Die nächste Stufe ist dann eine größere Runde, in der das Thema reihum gereicht wird. Hier ist schon etwas mehr Konzentration vonnöten, weil am Schluss des eigenen Beitrags möglichst immer noch ein Anknüpfungspunkt für den nächsten Redner gegeben werden sollte, um es der Leserin leichter zu machen. Das regelmäßige Feature The Conversation von “The Dissolve” funktioniert so und auch mein filmjournalistisches Highlight eines jeden Jahres, der “Slate” Movie Club, in dem vier Journalisten jeweils vier Beiträge schreiben und in diesem Reigen versuchen, die kritische Beurteilung des vergangenen Jahres Revue passieren zu lassen.

Und schließlich ist da die freie Gesprächsrunde mit mehr als drei Teilnehmenden. Wiederum das Feld vieler Podcasts, aber nicht unbedingt derer, die ich persönlich am liebsten höre. Hier ist gute Moderation vonnöten und die Gefahr, dass einzelne Meinungen untergehen, wächst mit jedem zusätzlichen Teilnehmer, ebenso wie bei Podiumsdiskussionen. Im besten Fall entsteht natürlich völlig unabhängig von der Anzahl der Mitredenden brillanter Denkstoff.

Beispiele für weitere Gesprächsformate gerne in die Kommentare!

Bild: Flickr Commons/Arsene Paulin Pujo (1861-1939), Representative from Louisiana (1903-1913)

Nach The Wolf of Wall Street habe ich mich schmutzig gefühlt

© Universal Pictures International

Nach geschätzt einer Stunde im Verlauf von The Wolf of Wall Street verlässt der von Leonardo DiCaprio gespielte Aktienbroker Jordan Belfort die Frau, die er hatte, bevor er reich wurde, für die blonde Sexbombe, die er in seinem Eröffnungsmonolog zu seinen Habseligkeiten zählt. So weit, so erwartbar. Doch Naomi – so heißt die von Margot Robbie verkörperte Schönheit – ist nicht nur sexy, wie uns der Voiceover verklickert, sie hat auch Geschmack, richtet die Wohnung neu ein und heuert sogar einen Butler an. Nein, einen “schwulen Butler”, so erklärt es Belfort aus dem Off.

Der stellt sich als sehr kultiviert heraus, bis die Belforts einmal zu früh von einer Reise zurückkehren und ihn mit all seinen nackten Freunden bei einer Orgie in ihrem Wohnzimmer ertappen. Außerdem fehlen 50.000 Dollar in Cash aus der Sockenschublade. Es folgt eine Verhörszene, in welcher der Butler schließlich kopfüber vom Balkon des Penthouses baumelt. Irgendwann wird er von der Polizei abgeführt.

Natürlich ist es dieser Butler, der später für den Untergang von Jordan Belfort sorgt. Nein Quatsch, er taucht nie wieder auf. Aber die Szene nimmt trotzdem gute zehn Minuten Zeit in Anspruch. Und es ist ein kurzer, überraschender Moment, als Naomi unerwartet in die Orgie hineinplatzt. Aber das war’s. Die 50.000 Dollar Cash dienen als Überleitung zu einer Erklärung von Belforts Schattengeschäften und warum er deshalb so viel Bargeld besitzt. Aber das hätte man auch anders machen können. Es ging hauptsächlich darum, noch ein bisschen mehr die Dekadenz zur Schau zu stellen, in der sich Jordan Belfort suhlt.

Zwergenwerfen und wilde Partys

Noch ein bisschen mehr als in der halben Stunde zuvor (seit er reich ist) und in rund zwei Dritteln der Zeit, die noch kommen werden. Martin Scorsese lässt nichts aus, wie der Trailer schon andeutet: Zwergenwerfen, Yachten, Häuser, belämmerte Gespräche, wilde Partys.

Und immer wieder Nutten, zumindest in der deutschen Synchronfassung, wahrscheinlich “hookers” im Original. The Wolf of Wall Street hat nicht umsonst den “Fuck”-Rekord geschlagen. Hier wird ordentlich gefickt. Immer und immer wieder. Das Schwelgen in Exzess ist das Thema des Films. Und in der Regel werden die Nutten gleich dutzendweise angekarrt, um sich mit den fleißigen Brokern zu vergnügen. Auch eine Klassifizierung gibt es – wer macht was für wieviel Geld und wie gut sehen die dazugehörigen Frauen in der Regel aus. Als ein Freund, der im Gefängnis saß, wieder rauskommt, wird er mit Nutten belohnt. Als Belfort versucht, den FBI-Agenten, der ihm auf den Fersen ist, auf seine Seite zu ziehen, bietet er ihm großzügig zwei Nutten an. Und natürlich ist da noch eine Szene relativ zu Anfang, in der DiCaprio einer Nutte Kokain in den Hintern pustet.

Drogen sind die andere Zeltstange des Exzesses. Mit Koks geht es natürlich los, aber Belfort und seine Kumpels stehen vor allem auf “Ludes”, eine Kurzform von “Quaalude”, dem Markennamen des Mitte der Achtziger verbotenen Schlafmittels Methaqualon. Der Drogenmissbrauch wird natürlich auch in seinen Schattenseiten gezeigt. In The Wolf of Wall Street bedeutet das: Slapstick. Nach einer Überdosis etwa versucht sich Belfort zu seinem Auto zu schleppen und nach Hause zu fahren, aber seine Beine tragen ihn nicht mehr. Also robbt er sich spastisch zuckend über den Teppich, bis er eine Treppe herunterkugeln muss. Was er dann auch tut. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber während einige meiner Kritikerkollegen sich um mich herum vor Lachen bogen, war ich nur gelangweilt.

Himalajische Kokainberge

180 Minuten dauert The Wolf of Wall Street und für einen Film dieser Länge hat er irgendwie sehr wenig zu sagen. Klar, wir stecken im Kopf von Jordan Belfort fest und das ist nunmal seine Wahrnehmung der Welt, aber man bekommt doch den Eindruck, dass auch Scorsese diesen unfassbaren Exzess irgendwie geil findet. Er hat ihn schließlich in den 70ern selbst erlebt. Glaubt man “Easy Riders, Raging Bulls” liegen Filme wie New York, New York unter himalajischen Bergen von Kokain begraben. In Taxi Driver stecken wir ebenfalls im Kopf eines Unsympathen, aber hier schafft Scorsese den Absprung. Am Ende will doch niemand mehr ernsthaft Travis Bickle sein. Jordan Belfort hingegen hat gegen Ende von The Wolf of Wall Street sogar einen Gastauftritt. Er ist auf unserer Seite, der Seite des Zuschauers, der Seite der Filmemacher. Sein Leben war irgendwie zum Kotzen aber, hey, konnte der Mann feiern.

In Augenblicken blitzt der todernste Zynismus durch, der hinter all dem steckt. In der Figur von Mark Hanna etwa, brillant verkörpert von Matthew McConnaughey, der wie eine Art Mephisto den jungen Jordan Belfort in den ersten zwanzig Minuten auf die dunkle Seite der Macht zieht und dann nie wieder auftaucht. Oder in einer Rede, die Belfort vor seiner ihn anbetenden Belegschaft hält, und die so von bitterbösem Pathos trieft, dass es einem kalt den Rücken runterläuft im Kino. Aber lange hält sich der Film mit solch ambivalenten Momenten nicht auf. Kurze Zeit später gibt es wieder Titten oder Koks zu sehen, wahrscheinlich beides. Hurra!

Martin Scorseses The Wolf of Wall Street startet am 16. Januar in den deutschen Kinos.