Crashkurs, Nach der Kohle, Hopeful News, Goodbye Stranger – Vier Podcast-Kurzkritiken

Ab dreimal ist es Tradition: Es folgen wieder vier kurze Höreindrücke von neuen Podcasts aus den letzten zwei Wochen.

Crashkurs – Wirtschaft trifft Geschichte (DLF)

Ich finde es immer hilfreich, einen weiten Blick auf aktuelle Themen zu wagen, und Crashkurs enttäuscht hier nicht. Mit einem erklärenden Ansatz wird auf derzeit kursierende Wirtschaftsthemen und die historische Dimension etwa von Inflation, Arbeitszeit und Wohnungsnot geschaut. Dabei machen die vielen Zeitsprünge manchmal ein wenig schwindelig, aber die wichtigen Lektionen bleiben trotzdem haften. Ich habe zwei Hoffnungen: Erstens, dass der Claim “Es war alles schon mal da, wenn auch anders” irgendwann auch mal auf der Meta-Ebene hinterfragt wird und zweitens, dass der Podcast und Host Sandra Pfister noch ein bisschen besser die Balance zwischen Podcast-Lässigkeit und Deutschlandfunk-Seriösität finden – dort knirscht es nämlich manchmal noch ein bisschen.

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Nach der Kohle (detektor.fm)

Die Struktur fällt zuerst auf. Statt sechs Folgen zwischen 35 und 45 Minuten gibt es zwölf halb so lange. Eine Idee, die es sich lohnt auszuprobieren. Die große Geschichte wirkt dadurch aber doch stark zerstückelt. Folge 1, die eigentlich nur eine Art längere Einstiegs-Szene ist, hängt, zum Beispiel, ziemlich in der Luft. Folge 2 und 3 habe ich hintereinanderweg gehört und fühlte mich deutlich besser abgeholt – werde also den Rest wahrscheinlich lieber nach Abschluss bingen. Die zentrale Frage der Produktion – “Was ist eigentlich Strukturwandel?” – ist auf jeden Fall klar definiert, und ich hoffe, dass sie später noch als Ganzes angegangen wird und sich nicht nur fragmentarisch aus Einzelgeschichten zusammensetzt. Joana Voss ist eine gute Reporterin und Host, aber in dieser Meinung bin ich befangen, weil ich schon einmal kurz, aber sehr positiv, mit ihr zusammengearbeitet habe.

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Hopeful News (Hauseins)

Ich war wirklich bereit, mein zynisches Herz von diesem Gute-Nachrichten-Format erweichen zu lassen, aber ich muss leider zugeben, dass ich fast nichts daran mag. Vom Titel über die klimpernde Musik und das Sounddesign tue ich mich schon mit der Aufmachung schwer. Aber wirklich schwierig wird es bei der Struktur: Krampfhaft eine gute Nachricht für jeden Wochentag zu präsentieren, finde ich bemüht. Dazu ist immer noch ein Gast im Podcast, der/die aber über die Reichweitenerhöhung hinaus keine wirkliche Aufgabe hat, außer das Gehörte relativ egal zu kommentieren und von Nicole Diekmann zerschmeichelt zu werden. Warum bringt die Gästin nicht wenigstens eine eigene gute Nachricht mit? Und um einmal Erbsen zu zählen: Tracy Chapmans Song heißt “Fast Car” und nicht “Fast Cars” und sie hat dafür keinen Emmy, sondern einen Grammy gewonnen. Stecken solche Flüchtigkeitsfehler auch in den anderen Meldungen?

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Goodbye Stranger (DLF)

Podcast kann auch künstlerische, persönliche Doku sein. Gibt es gefühlt noch viel zu wenig. Hier war ich anfangs skeptisch und fühlte mich nicht angesprochen, aber die Autor:innen Felizitas Stilleke und Conrad Rodenberg, die ihren “verlorenen” Vätern nachspüren (einer ist vor 14 Jahren gestorben, der andere hat Demenz), haben mich mit jeder Folge mehr in ihre Geschichte hineingezogen. Ab und an etwas zu viele Stilelemente aus dem künstlerischen Hörspiel (Warum immer Flüster-Klangmontagen?!), aber ansonsten ein fantastischer Audio-Essay.

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In 5 Tagen Mord, HDGDL, Brave New World, Der Kunstzerstörer – Vier Podcast-Kurzkritiken

Ich hatte in den vergangenen zwei Wochen wieder Zeit, in ein paar neue Podcastformate reinzuhören und möchte erneut meine ersten Höreindrücke teilen.

In 5 Tagen Mord: Die Krimi-Challenge mit KI (BR)

Wie gut mir diese wilde Mischung aus Kreativ-Herausforderung und Aufgreifen von aktuellen Themen gefallen hat, habe ich sowohl gepodcastet als auch in einer echten Kritik aufgeschrieben. An beiden Stellen habe ich auch gesagt: Die Formatinnovation ist das eine (ich könnte mir vorstellen, dass sie Schule macht und wir mehr solcher Challenges bekommen, und ich musste sofort an Our Debut Album zurückdenken). Besonders wird der Podcast aber erst durch sein Personal (Christian Schiffer und Janina Rook) und sein gutes Skript. Ideen sind eben nicht alles.

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hdgdl (Kugel und Niere)

Pure Nostalgie ist langweilig. Aber Christian Alt und Yasmin Polat mischen ihre humorige Rückbesinnung auf die eigene Jugend (sie sind 6 und 7 Jahre jünger als ich, also gibt es eine kleine Verschiebung) zum Glück mit einer guten Dosis journalistischem Hintergrund. So steckt in jeder Folge auch ein bisschen überraschendes Wissen zum Mitnehmen. Das macht das Format rund. Gute Wochen für Christians mit klugen Co-Moderatorinnen.

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Brave New World (BosePark/ZDF)

Das journalistische Äquivalent zum Promi-Podcast. Alle drei Frauen – Katrin Eigendorf, Golineh Atai, Jagoda Marinić – sind super, in dem was sie tun, aber funktionieren sie auch zusammen in einem Raum? Ich bin nach zwei Folgen mäßig überzeugt. Folge 1 ist eine gute Meta-Betrachtung der Weltlage durch die Linse der Medien. Folge 2 wirkt schon etwas beliebig und driftet gelegentlich in insiderige Selbstbespiegelung ab. Die Stimmen der drei Sprecherinnen sind sehr schwer auseinanderzuhalten. Zudem finde ich den Namen des Podcasts und die in den Sendungen gewählte Interpretation des Shakespeare-Zitats nicht sehr gelungen. Auch die Covergestaltung ist erstaunlich lieblos.

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Der Kunstzerstörer (Radio Bremen/ARD Kultur)

Muss in einer Welt, in der es viele Podcasts gibt, alles Podcast werden? Schon nach einer Folge hatte ich das Gefühl, dass hier trotz des tollen Audio-Artefakts im Zentrum (bisher ungesendete Original-Interviews), ein vielversprechendes Radiofeature zu einem vierteiligen Podcast verwässert wurde, der sich mit vielen Redundanzen über die Zeit rettet. Die erneute Vermarktung einer solchen Geschichte als “Kultur True Crime” stößt mir ebenfalls sauer auf.

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Falls ich es schaffe, diesen Rhythmus beizubehalten, lest ihr in zwei Wochen unter anderem etwas zu Nach der Kohle (detektor.fm) und Crashkurs (DLF).