Nachdem ich immer wieder Hinweise aus verschiedenen Ecken darauf bekommen habe, habe ich vor kurzem die Miniserie Station Eleven (2021) nach dem gleichnamigen Roman von Emily St. John Mandel nachgeholt (gibt es in Deutschland auf Paramount+). Meine Partnerin hat zufälligerweise zur gleichen Zeit das Buch gelesen, so dass wir auch ein bisschen abgleichen konnten, was Showrunner Patrick Somerville in der Adaption geändert hat – es ist nämlich nicht wenig.
Die Kernfrage beider Fassungen aber ist gleich, und ich war sehr froh darum, weil ich selbst immer wieder darauf herumdenke: Wenn die Apokalypse einmal überstanden ist, wie werden zukünftige Generationen, die nur das “danach” kennen, über ihre Eltern und Großeltern denken? In Station Eleven geht es stark darum, ob es sich lohnt, Vergangenes zu bewahren, oder ob man die Vergangenheit vollständig abstreifen sollte. Faszinierend fand ich auch die Überlegungen, welche kulturellen Artefakte in einer postapokalyptischen Welt Bedeutung haben werden – jetzt schon kanonische wie die Stücke Shakespeares, aber auch zufällige wie ein selbst publiziertes Comic mit einer Auflage von 3.
Große Teile der Menschheit haben im 20. Jahrhundert eine Art von Apokalypse mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust und den Atombombenabwürfen auf Japan erlebt. Die letzten Menschen, die diese Zeit noch erlebt haben, sterben gerade. Das Vergessen der Schrecken von damals und des Gefühls, dass sie sich nicht wiederholen sollten, greift um sich, und die Folgen davon sind überall sichtbar. Durch den Klimawandel steuern wir fast unweigerlich auf eine nächste Apokalypse zu. Welche Fragen werden unsere Nachfahren an uns richten?
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Und wo wir gerade bei Apokalypsen sind, muss ich selbstverständlich mal wieder auf Ada Palmer zu sprechen kommen. Die hat für ihr Sachbuch Inventing the Renaissance (das ich noch nicht gelesen habe) einen Hugo Award, den wichtigsten amerikanischen Phantastik-Preis, bekommen und in ihrer Dankesrede mal wieder auf ihre Vision von “Hopepunk” Bezug genommen. Besonders prägnant fand ich aber, was sie vorher formuliert: Dass die Aussicht auf Apokalypse auch etwas Entlastendes für die geplagte Menschheit hat, und dass diese Apokalypse vielleicht genau deswegen auch immer wieder beschworen wird:
Our present is saturate with crises, and it’s tempting to enjoy apocalyptic fantasies where the world ends and these problems go away, or cathartic dystopias which defeat regimes worse than our present. The end of the world is relaxing, relieving the exhausting burden of building the future.
Ada Palmer
Ich komme regelmäßig auf diesen Gedanken zurück: Dass die Menschheit, besonders die, die von apokalyptischen Religionen wie dem Christentum geprägt ist, auch immer wieder gerne mit dem Weltuntergang flirtet, weil er dieses sexy Versprechen enthält, alle unsere komplexen Probleme auf einen Schlag zu lösen. Für die Überlebenden hält er dann eine vermeintlich einfachere, “karthatische”, wie Palmer schreibt, Tabula Rasa bereit – sehr verführerisch. Das ist auch nichts Neues. Menschen beschwören das Ende der Welt in schöner Regelmäßigkeit mit einer Mischung aus Angst und wohligem Schaudern herauf.
Daran muss ich dieser Tage auch immer wieder denken, wenn von KI-Funktionären vor den potenziell katastrophalen Folgen ihrer Technikentwicklung gewarnt wird. Ich selbst weiß nicht genug, um diese Warnungen endgültig zu bewerten. Menschen, deren Meinung ich vertraue, argumentieren in beide Richtungen. Aber ich kann nicht verhindern, dass ich mir auch vorstelle, wie die KI-Forscher:innen dieser Welt dasitzen und denken “Wouldn’t it be nice?” Nice, wenn die Erde, wie sie jetzt ist, eine KI-Apokalypse erleiden und mich von meiner Verantwortung befreien würde, und ich außerdem einer der wenigen wäre, der wüsste was passiert.
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Nicht apokalyptisch, aber sehr karthatisch ist Alanis Morissettes Song Uninvited. Geschrieben hat sie ihn für City of Angels (1998), das US-Remake von Der Himmel über Berlin, und der Text bezieht sich wohl auch auf die Perspektive der weiblichen Hauptfigur, in die sich ein Engel verliebt. Ich habe ihn aber immer auch als eine allgemein sehr starke Beschreibung des Erlebens von Frauen gelesen, die von mächtigen oder berühmten Männern umgarnt werden – die konfuse Mischung aus “sich geschmeichelt fühlen” und “das unangenehme Machtgefälle spüren”, die im Rahmen von #MeToo immer wieder thematisiert wurde. Gut denkbar, dass Morissette hier auch Erfahrungen als junge Künstlerin im Musikbusiness verarbeitet hat.
Wie dem auch sei, Brandi Carlile, die einen der besten Songs darüber geschrieben hat, wie es ist, frisch Eltern zu sein, und Joni Mitchell zu einem überraschenden Bühnen-Comeback verholfen hat, hat Uninvited vor kurzem live gecovert. Carliles Version unterscheidet sich gar nicht stark von Morisettes, aber sie ist trotzdem großartig und eventuell wirklich noch ein bisschen karthatischer als das Original. Den Song gibt es auf vielfachen Wunsch jetzt auch auf allen Streamingdiensten, und inzwischen haben sie ihn auch schon zusammen gespielt.
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Ein letzter Hinweis: Diesen Donnerstag (17. September) startet Coyote vs Acme in den deutschen Kinos, ein Film, der einen jetzt schon legendären Sorgerechtsstreit hinter sich hat. Für mich hat der Film eine besondere Bedeutung, weil er auch der aktuellste Credit meines Studienfreundes Carsten ist, der anders als ich während des Filmwissenschaftsstudiums Bock auf Praxis bekommen hat und vor bald 20 Jahren nach Hollywood gezogen ist. Carsten hat Coyote vs Acme geschnitten – also wenn jemand, der das hier liest, in den nächsten Wochen ins Kino gehen sollte, bitte ich darum, einmal extralaut zu jubeln, wenn sein Name im Abspann läuft.
Foto von Mylène Haudebourg auf Unsplash
