Unsortierte Gedanken #9: Nils Westerboer, Keine Dystopie, Millennial Music

Ich habe jetzt zwei Bücher des deutschen Science-Fiction-Autors Nils Westerboer gelesen. Sein jüngstes, Lyneham, wurde mir vom Buchladen meines Vertrauens so lange angepriesen, bis ich nachgegeben habe. Und noch während ich dabei war, es zu lesen, kam die Ankündigung, dass David Wnendt den Roman Athos 2643, den Vorläufer von Lyneham, verfilmt hat, also musste ich den natürlich auch noch lesen.

Westerboer schreibt sehr gute Science-Fiction-Romane. Verkopft, zwar, aber mit dreidimensionalen Charakteren, eingebettet in glaubwürdiges und dennoch immer leicht ungreifbares Zukunfts-Worldbuilding. Westerboer ist im Hauptberuf Lehrer an einer progressiven Schule in Jena und hat sowohl Film- und Medienwissenschaft als auch Germanistik und evangelische Theologie studiert, wirkt also fast ein bisschen, als wäre er in einem Reagenzglas gezüchtet worden, um zu mir zu passen.

Athos 2643 ist ein wirklich guter Roman über Mensch-Maschine-Interaktion, über unsere Zuschreibungen von Persönlichkeit an Künstliche Intelligenzen und darüber, was uns dennoch unterscheidet – verpackt in einen spannenden Krimi. Lyneham ist ein Buch über Eltern, Kinder und Terraforming, das mich ebenso gefesselt hat.

Wenn ich eine Kritik an Westerboers Schreiben habe, dann dass seine Bücher auf mich sehr bewusst geplottet wirken. Lyneham ist auf zwei Zeitebenen erzählt und hat mich wahnsinnig gemacht mit dem Vorenthalten von Informationen. Athos 2643 hat nach zwei Dritteln der Handlung einen dieser typischen Thriller-Twists, der einen alles Vorherige neu bewerten lässt. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich von Autor:innen so manipuliert werde, pendle ich immer zwischen Anerkennung und Wut. Und es hat mich gewundert, dass Westerboer nach eigener Aussage eher jemand ist, der einfach anfängt zu schreiben. Wobei er gleichzeitig zu seinen Romanen immer tolle Making-Of-Collagen veröffentlicht, die seinen Prozess und seine Inspiration zeigen.

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Wenn über unsere Gegenwart gesprochen wird, höre ich immer wieder das Wort “Dystopie” und “dystopisch”, zuletzt von Sascha Lobo und in einem Deutschlandfunk-Feature, und es nervt mich kolossal. Die Bezeichnung impliziert, dass wir schon an irgendeiner Art von Endpunkt angelangt sind, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

Wer die Jetztzeit bereits als dystopisch betrachtet, hat sich nach meinem Empfinden wenig mit Dystopien auseinandergesetzt und legt auch eine erstaunliche Geschichtsvergessenheit an den Tag. Noch ist die Klimakatastrophe nicht eingetreten, noch haben Faschisten nicht überall die absolute Herrschaft übernommen und noch beherrschen wir die Technologie, die wir geschaffen haben, und nicht umgekehrt. Wenn ein bisschen schlechtes Wetter, gemeine Umfragewerte, leicht verteuertes Benzin und etwas zu viel Doomscrolling für Leute schon “Dystopie” sagt, was machen die eigentlich, wenn wirklich ein Krieg auch in Deutschland stattfindet (wie ihn meine Großeltern noch erlebt haben) oder diverse Klima-Kipppunkte erreicht werden? Können wir mal mit diesem vorauseilenden Gehorsam aufhören?

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Ich habe lange nicht mehr aufgeschrieben, wo ich außerhalb dieses Blogs unterwegs war. Es ist schon ewig her, dass ich mit Sascha im PewCast zu 28 Years Later: The Bone Temple gesprochen habe. Und im März war ich endlich mal im Podcast Tasty MTG meiner beiden Magic-Buddies Martin und Geis zu Gast und habe über das Magic x Teenage Mutant Ninja Turtles Crossover und meine eigenen Turtles-Kindheitserinnerungen gesprochen.

Meine Blogosphären-Präsenz auf der re:publica hat dazu geführt, dass ich zur Abschlussrunde bei Töne Texte Bilder eingeladen wurde. Und am letzten Wochenende ist ein erster Text von mir in der gedruckten taz erschienen, übrigens die Extrapolation eines Absatzes aus meinem KI-Nutzungs-Artikel hier im Blog.

Gerade in Podcasts lasse ich mich übrigens immer gerne einladen. Schreibt mir einfach.

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Ich fahre kommendes Wochenende nach Wiesbaden zu einem Treffen meines Abi-Jahrgangs zum 25. Jahrestag unseres Abiturs. Die meisten der Leute, die dort kommen, habe ich mindestens seit 15, einige wahrscheinlich sogar wirklich seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Der Song, den ich am meisten mit unseren Abi-Feierlichkeiten 2001 verbinde, ist “One More Time” von Daft Punk. Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie ich im Party-Teil des Abiballs in den Morgenstunden mit meinen Jahrgangskamerad:innen dazu getanzt habe. Die Jungs hatten ihre Sakkos und die Mädchen ihre hohen Schuhe ausgezogen, und dann gab es so einen “Erinnerungs-Festhalte-Platte-Spring”-Moment in meinem Kopf wie am Ende von Absolute Beginner.

Ich erzähle das, weil NPR Music gerade in einem Podcast über den “defining Millennial Song” gesprochen hat. Ich bin Jahrgang 1983, also am älteren Rand der Millennial-Generation und merke immer wieder, dass es mir schwer fällt, mich dieser Generation wirklich zuzuordnen. Viele meiner prägendsten kulturellen Erlebnisse stammen genau aus der Zeit knapp vor 9/11. Als die Dinge passierten, über die Hazel Cills und Sheldon Pearce im Podcast sprechen – Cringe, Emo, Finanzkrise, iTunes-Hits, YouTube, EDM – war ich mit dem Studium quasi schon fertig. Gleichzeitig bin ich nicht alt genug, um so richtig den Generation-X-Moment in den 90ern mitgenommen zu haben, den ich ja auch für prägend für die Blogosphäre halte.

Was mir noch aufgefallen ist: Die bei NPR geschilderten Erfahrungen sind trotz des Claims der “ersten globalen Generation” ziemlich amerikanisch! EDM war in Europa schon längst passé als es in den USA groß wurde, die Finanzkrise kam hier anders an, und Hot Topic haben wir hier gar nicht.

Außer “Elder Millennial” gibt es für meine Mikro-Alterskohorte auch den Begriff X-Ennial, dem ich mich am ehesten zugehörig fühle. Und eine Musik, die sehr gut zu uns passt, hat der Creator David Percy vor kurzem als “Matrix Music” bezeichnet, also Musik, die im Film The Matrix laufen könnte, den ich für einen definitiven Text der Xennials halte. Darin steckt sowohl 90er-Electronica wie The Prodigy oder The Chemical Brothers, als auch späte Grunge-Ausläufer und Brit Pop. Das ist Musik, die ich damals selbst kaum gehört habe, bei denen ich aber wirklich das Gefühl habe, sie haben sich in mich eingeschrieben.

In London hatte ich die Gelegenheit, die sehr tolle Ausstellung “The Music is Black” im frisch eröffneten V&A East Museum zu sehen, und das Erleben dort passt wiederum sehr zum Gefühl der europäischen Perspektive, die immer anders ist, als die amerikanische. Beim Durchwandern der Ausstellung habe ich mich mit viel Freude an Schwarze britische Artists erinnert, die ich schon in meiner Jugend gefeiert habe, und die ebenfalls sehr gut Matrix Music sein könnten, allen voran Massive Attack und Skunk Anansie.

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Die Zukunft des Lesens, des Schreibens und des In-die-Sonne-Schauens (Unsortierte Gedanken #4)

Ich war letzte Woche im Literatur-Podcast „Gelesen.“ zu Gast, um mit Lucas Barwenczik über Christoph Engelmanns Buch Die Zukunft des Lesens zu sprechen. Engelmanns These: Die Menschen lesen weniger, vor allem lange Texte, dafür hat sich aber eine „Plattform-Oralität“ entwickelt, in der uns Menschen in Podcasts und Videos erzählen, was sie an unserer Stelle gelesen haben. 

Das war schon das zweite Mal, dass ich in „Gelesen.“ zu Gast war. Im August haben Lucas und ich über LitRPG und Dungeon Crawler Carl gesprochen. 

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Im Podcast probiere ich unter anderem einen Gedanken an Lucas aus, der aber eigentlich nicht so gut zum Thema passt und deswegen dort auch nicht weiter verfängt. 

Vor einigen Wochen wurde in meiner Medienblase das Thema „Google Zero“ heftig diskutiert: Wenn Menschen zunehmend KI-Anwendungen, egal ob Chatbots wie ChatGPT oder Gemini-Zusammenfassungen über den Google-Suchergebnissen, nutzen, geht dem Online-Journalismus eine weitere Traffic- und damit Einnahmen-Quelle verloren. Die User kommen mit null Klicks zum gewünschten Ergebnis ohne jemals auf der Seite des journalistischen Angebots zu landen.

Mein Gedanke dazu: Ein derart parasitäres Modell ist langfristig, in einer Welt, in der Wissen nicht statisch ist, eigentlich nicht nachhaltig. Sicher werden noch eine Menge Journalismus-Angebote (leider) dran glauben müssen, aber es ist auch ein anderer Pfad denkbar, den ich mal als das “Netflix-Modell” bezeichnen will.

Auch Netflix hat damit angefangen, nur Filme und Serien anderer Anbieter “durchzureichen” und sie haben in ähnlicher Art dafür gezahlt wie OpenAI inzwischen für die Nutzung von Axel-Springer-Material zahlt. Um sich aber irgendwann für Nutzer:innen interessant zu halten, fing Netflix 2013 an, eigenen Content zu produzieren. Heute bemisst sich fast jede Streamingplattform an der Qualität der “Originals”, die man dort schauen kann.

Ist es also abwegig, zu glauben, dass in der Zukunft journalistischer, wissenschaftlicher etc. Content direkt für die KI fabriziert wird? Content, den das LLM direkt in seine Trainingsdaten einarbeiten und nach Bedarf ausspucken kann. Zumindest bis die KI in der Lage ist, selbstständig Ereignisse wahrzunehmen, einzuordnen und zu verarbeiten. Welche Form müsste dieser Content haben, damit er möglichst LLM-tauglich ist? Ein Datenaggregat aus Fakten und reproduzierbaren Formulierungen? Welche Journalist:innen bräuchte es, um solchen Content zu fabrizieren?

Ich gebe zu: die dystopische Lesart ist eine Art Moloch-Szenario, in der Menschen nur noch direkt für die Maschine arbeiten, die sie am Ende des Tages durchgewalkt wieder ausspuckt. Auf der anderen Seite hat nichts die Film- und Fernsehbranche in den letzten zwölf Jahren so befeuert wie die Produktionsbudgets der Streamer. Who knows.

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Ich habe den weit und breit gefeierten Film In die Sonne schauen von Mascha Schilinski gesehen und mich danach wie schon lange nicht mehr in der (für mich) unangenehmen Situation befunden, mit meinem Eindruck gegen den kritischen Konsens zu stehen. Ich fand In die Sonne schauen, in dem es um transgenerationale (und auch einfach allgemein verbreitete) Traumata von Frauen auf einem Bauernhof von der Kaiserzeit bis heute geht, eine gute Stunde lang ziemlich gut.

In den restlichen anderthalb Stunden verspielte der Film sein Karma bei mir allerdings Stück für Stück, weil ich immer mehr das Gefühl hatte, dass eine Behauptung von Bedeutsamkeit und künstlerischem Eigensinn an die Stelle der eigentlichen Dinge trat. Im Laufe der Zeit ging mir in dem, was andere Beobachter:innen als geniale Verknüpfung begriffen, zunehmend die Nuance verloren, dazu kamen recht plakative Symbole und Erklärungen, zu viele Enden. Die letzte Handlung, die eine der Hauptfiguren vollzieht, erschloss sich mir gar nicht mehr.

Andere mögen sich mit einer solchen Dissonanz zum Kritik-Mainstream bestätigt fühlen, in mir löst es meist doch Unbehagen aus. Einmal mehr natürlich, weil ich ein Mann bin und es im Film um die Erfahrungen von Frauen und Mädchen geht. Geholfen hat mir wie so oft der Podcast “Fashion the Gaze“. Wenn Vera und Freya berichten, welche Teile des Films in ihnen wiedergeklungen haben, kann ich zumindest nachvollziehen, warum andere Leute den Film mochten. Auch Thomas Grohs Formulierung “Weird hypnagogic ambient cinema” hat mir eröffnet, wie man den Film begreifen kann. Vielleicht passten Sonne und ich einfach nicht zusammen.

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Ich habe im Sommer Jane Austens Emma gelesen und anschließend die Verfilmung mit Gwyneth Paltrow von 1996 und mit Alicia Silverstone von 1995 geschaut. Ich war erstaunt, wie sehr die Lebendigkeit und zeitlose emotionale Resonanz eines Romans verloren gehen kann, wenn man ihn relativ “werktreu” verfilmt, während seine komische und beißende Essenz in einer modernisierten Adaption viel besser erhalten bleibt.

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Second Screen Murderbot, Panems Historie mit KI, Superhelden im Rückspiegel (Unsortierte Gedanken 3)

Ich habe in der ersten Jahreshälfte die ersten vier Bände von Martha Wells’ Murderbot-Buchreihe gelesen. Angeregt natürlich durch die Serienadaption, die auf Apple TV+ läuft, die ich aber noch nicht gesehen habe. Die Bücher sind so gut wie ihr Ruf, insbesondere das erste, All Systems Red. Murderbot ist eine neue und gut eingefangene Erzählstimme einer introvertierten Mensch-Maschine, die nach Persönlichkeit jenseits von Pinocchio-Klischees sucht, wie im Laufe der Reihe auch immer klarer wird.

Ein in der Kritik eher unterbelichteten Aspekt, den ich faszinierend finde, ist die Art und Weise, wie die Handlung der Murderbot-Bücher eigentlich pausenlos in zwei Sphären stattfindet. Murderbot hat einen Körper, mit dem sich die SecUnit durch die Welt bewegt und der Dinge tut wie kämpfen, gucken oder sprechen. Die meiste Action der komplexen Situationen, in die Murderbot sich immer wieder hineinmanövriert, findet aber virtuell statt. In einem Podcast habe ich gehört, dass Autorin Martha Wells von Ann Leckies Roman Ancillary Justice inspiriert wurde, den ich ebenfalls vor einigen Jahren gelesen habe und dessen Hauptfigur eine virtuelle Intelligenz ist, die anfangs sowohl ein Raumschiff als auch mehrere Bot-Körper besitzt. 

Murderbot hackt sich pausenlos in Sicherheitssysteme und Datenstreams, beobachtet die Welt durch Kameras und Drohnen, kommuniziert per Text und mit Dateien, sowohl mit Menschen als auch mit anderen Maschinen. Er schreibt im Hintergrund Code, den er zu geeigneten Zeiten deployt und bevorzugt in der Regel sogar die virtuelle Interaktion gegenüber dem Meatspace. Die virtuellen Handlungen benötigen allerdings keinerlei räumliche Repräsentationen, wie sie etwa im Cyberpunk üblich sind. Murderbot muss sich nicht „in die Matrix“ begeben und von Knoten zu Knoten reisen, um mit Daten zu interagieren. Die SecUnit macht es einfach, während sie parallel andere Dinge in der physischen Welt tut. Dies entspricht ja längst unserer Realität, wenn wir Textnachrichten schreiben, während wir durch die Stadt laufen, beim Putzen einen Podcast hören, oder die Kollegen in der Zoom-Konferenz anlächeln, während wir parallel eine Slack-Nachricht beantworten.

Zugegeben: In manchen Bänden nimmt die schiere Menge an Datenmanipulation, die den Vorteil hat, das sie nicht plausibel erklärt werden muss (Murderbot „hackt“ einfach drauflos) etwas überhand. Sie erlaubt Murderbot, ständig überall seine Spuren zu verwischen, Systeme nach Belieben zu verwirren und zu deaktivieren und so die Regeln der Welt, in der sich die SecUnit bewegt, so zu verändern, wie es am besten zum Plot passt. Am besten funktioniert die „Second Screen“-Action in relativ isolierten Settings, etwa auf einer verlassenen Raumstation in Band 3.

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Aktuell lese ich Sunrise on the Reaping, den fünften Band und das zweite Prequel der Hunger Games/Tribute von Panem-Reihe von Suzanne Collins. Collins’ Young-Adult-Dystopien waren von Anfang an immer auch große Kommentare auf die Medienwelt, besonders auf Reality TV und Propaganda, und auch wenn Collins darin nie sehr subtil war, fand ich das immer gut.

Sunrise on the Reaping ist 17 Jahre nach dem ursprünglichen Roman The Hunger Games erschienen, spielt aber 24 Jahre vor dessen Zeit. Die gesamte Welt von Panem liegt so weit in der Zukunft, dass diese Verschiebungen kaum einen Unterschied machen sollten. Trotzdem scheint Collins mitten im Buch das Bedürfnis zu haben, die Tatsache anzusprechen, dass die reale technische Entwicklung seit ihrer ersten Buchtrilogie ein paar Sprünge gemacht hat. In einer Szene, in der die Hauptcharaktere kleine Propaganda-Videos drehen, heißt es plötzlich:

He sighs when he [der Kameramann/Regisseur Plutarch Heavensbee] mentions the tools that were abolished and incapacitated in the past, ones deemed fated to destroy humanity because of their ability to replicate any scenario using any person. “And in mere seconds!” He snaps his fingers to emphasize their speed. “I guess it was the right thing to do, given our natures. We almost wiped ourselves out even without them, so you can imagine. But oh, the possibilities!”

Soso. Auch in Panem gab es also irgendwann mal generative KI. Die wurde aber wieder abgeschafft. Weird retcon, but ok.

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Es sind wieder mal Superheldenfilme im Kino, James Gunns Superman und The Fantastic Four: First Steps. Ich habe nicht das geringste bisschen Lust, einen dieser Filme zu sehen, auch nicht den viel diskutierten Superman. Ich bin dieses Genres nach fast 30 Jahren Dauerbombardement etwa genauso müde, wie ich einst von ihm fasziniert war (wie dieses Blog beweist). 

Was ich dabei eigentlich am traurigsten finde: Keiner der Filme, die insbesondere seit dem Start des MCU hoch- und runtergehypt wurden, wird jemals wieder irgendeine Relevanz haben, so wie wir etwa dieses Jahr 50 Jahre Jaws feiern. Die ganze Franchise-Brühe, die ja durchaus eine erzählerische Innovation ins Kino gebracht hat, ist jetzt schon und wird in Zukunft noch viel mehr höchstens noch generische Zeitgeisttapete sein – genau wie es die Mainstream-Erfolge rund um Jaws aus den 1970ern (etwa The Towering Inferno) heute sind. 

Oder gibt es irgendeinen Superhelden-Film, der wirklich noch in zwanzig bis dreißig Jahren als herausragender Film gelten könnte? The Dark Knight natürlich. Spider-Man 2 vielleicht. Aber ich würde mein Geld weder auf The Avengers noch auf Guardians of the Galaxy setzen, obwohl das vielleicht die besten MCU-Filme sind. Schade eigentlich.

Sollte ich diese Einträge zu mehreren Themen lieber in einzelne Blogposts gießen?

Foto von Olivier Miche auf Unsplash

Unsortierte Gedanken – Juni 2025 (2)

Blog as if no one is watching

In Arbeitskontexten wird viel Material produziert. Als jemand, der viel im öffentlichen Sektor gearbeitet hat, kenne ich vor allem die Textschlachten von Anträgen und Projektberichten. Vor kurzem habe ich aus dem Beratungsbereich den gräßlichen Ausdruck “Slides schrubben” gelernt, also das Produzieren von vielen Folien für Powerpoint-Decks.

Dahinter steckt leider ganz oft die Simulation von Produktivität, um Rechenschaft abzulegen. Es wird viel Zeit und werden viele Phrasen darin versenkt, dem Geschäftspartner zu beweisen, dass sein Geld sinnvoll angelegt ist, weil ja viel produziert wurde, und seien es nur Worte.

LLMS erleichtern genau diese eigentlich leere Arbeit. Sie können aus Stichpunkten und anderem Rohmaterial viel schneller Texte in der verlangen Form produzieren als ein Mensch das könnte. Meine These ist aber: Die genannten Texte und Präsentationen werden genauso ungerne gelesen wie sie geschrieben werden. Es ist also davon auszugehen, dass die Empfänger die erhaltenen Dokumente ihrerseits wieder in ein LLM werfen und sie sich von diesem zusammenfassen lassen.

Die eine Seite lässt schreiben, die andere lässt lesen. Ist das die Zukunft des Berichtswesens? Oder war das im Grunde schon immer so, es wird nur jetzt erst sichtbar. Ich frage mich vor allem: Was sagt es über die “wahre” und “notwendige” Form von Informationen aus? Wann werden wir aufhören, Informationsgehalt durch Masse zu ersetzen?

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Ich habe festgestellt, dass ich eine merkwürdige Liebe für Songs habe, die sich selbst beschreiben. Meine früheste Erinnerung ist “Memphis Soul Stew” von King Curtis (wenn auch in der Version “Springfield Soul Stew” vom kuriosen Musikalbum der Simpsons), das seine Instrumentalparts wie Zutaten in einem Kochrezept beschreibt (“give me about half a teacup of bass”). Ich höre auch immer wieder gerne Music Instructor’s Cover von Ultravox’ “Hymn”, das genau beschreibt, wie es gemacht ist (“Let’s see how it sounds when we pitch it five notes up”).

Ein weiteres Beispiel: der Song “Poppa’s Blues” aus Andrew Lloyd Webbers Starlight Express, dessen erste zwei Zeilen “The first line of the blues is always sung a second time” lauten. Oder auch den großartigen “Fountains of Wayne Hotline” von Robbie Fulks, in dem der Erzähler die titelgebende Nummer anruft, um sich bei der Komposition helfen zu lassen (“Get a split bar of 4 in there, and push the one. and then we’ll slather the holy hell out of the thing with a semi-ironic Beach Boys vocal pad”). Die Ärzte spielen mit diesem Werkzeug auch immer mal wieder, zum Beispiel im Song “Richtig schön evil” (“Lass dich nicht so häng’ / dies ist der Refrain / richtig schön evil, abartig und pervers / wird’s erst wieder im Vers”).

Kennt ihr noch mehr solche Songs? Es gibt sicher dutzende.

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Ich habe Alanis Morissette live gesehen, Open Air in der Zitadelle in Berlin Spandau. Das Konzert war sehr schön, denn Alanis Morissettes Musik bedeutet mir viel, aber ich habe auch wieder mal gemerkt, dass ich Konzerte dieser Größe nicht leiden kann, insbesondere Open Air. In der Rückschau (Queen bei Live Aid, Robbie Williams in Knebworth) wirken sie immer beeindruckend, aber vor Ort bekommt man, wenn man nicht ewig vor Beginn da ist, einfach nur matschigen Sound mit wummernden Bässen und fehlenden Mitten und keinerlei echte Verbindung zwischen Künstler:in und Publikum, was nach meinem Dafürhalten immer noch der Zweck von Konzerten sein sollte.

Das liegt nicht nur an den Künstler:innen, die mit Kameras statt mit Menschen interagieren und auf ihren riesigen Bühnen so verloren wirken, dass jede Menge Visuals im Hintergrund aufgefahren werden müssen, um von dieser Tatsache abzulenken. Auch Teile des Publikums sind (vor allem bei Mainstream-Künstlern, wenn sie nicht gerade ihre drei größten Hits spielen) zwischendurch über lange Strecken mit anderen Dingen beschäftigt. Irgendwie schade.

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Ich habe Aiki Miras (gerade noch) neuesten Roman Proxi gelesen, eine “Endzeit-Utopie”, jüngst ausgezeichnet mit dem Kurd-Laßwitz-Preis, die mir wie schon zuvor bei Neongrau auf der Ideen-Ebene sehr gut gefallen hat, aber mit deren Sprache ich gekämpft habe.

Unsortierte Gedanken – Juni 2025 – LitRPG, Kinder des Rock‘n‘Roll, Sams-Franchise

Seit ich entschieden habe, im September nach mehreren Jahren mal wieder auf ein LARP zu fahren, habe ich mich wieder mehr mit Rollenspielen beschäftigt und bin dabei auf ein interessantes Rabbithole gestoßen: das Literaturgenre „LitRPG/Progression Fantasy“. Es ist noch relativ jung (10-15 Jahre), lebt besonders auf Self-Publishing-Seiten wie Royal Road und scheint mir eine logische Fortsetzung von ergodischer Literatur wie den Choose-your-own-adventure und Fighting-Fantasy-Büchern zu sein, in die ich vor ein paar Jahren wieder eingetaucht war. 

LitRPG (Literary Role Playing Games) oder Progression Fantasy zu lesen, fühlt sich an, als würde man einer anderen Person beim Videospielen zusehen. Die Bücher speisen sich aus Videospiel-Logiken und haben Protagonisten, die gewollt oder ungewollt in diesen Logiken gefangen sind – also im Spiel vorankommen müssen (daher: Progression), damit es weitergeht (einer der Vorläufer-Texte ist natürlich Ready Player One). Manche Handlungen haben sogar knallhart Videospiel Stats und Skill Trees, die sich im Laufe der Handlung weiterentwickeln. Die Bücher sind in der Regel stark auf Serialität angelegt. 

Die Fanszene rund um LitRPGs ist alles andere als klein, die populäre Buchreihe Dungeon Crawler Carl wird demnächst als Fernsehserie adaptiert. Trotzdem ist das Genre noch eine ziemliche Nische. Ich habe ein paar populäre Titel angelesen und war so fasziniert wie irritiert. Die Spiele-Logik entfaltet sofort einen Sog, weil man wissen will, wie es weitergeht. Gleichzeitig empfinde ich es als enorm frustrierend Protagonisten dabei „zuzusehen“, wie sie ständig Rätsel lösen müssen, aber nicht selbst eingreifen zu können wie bei den oben erwähnten „Du bist selbst der Held“-Büchern. (Ich gebe an dieser Stelle gerne zu, dass ich auch „Actual Play“ Rollenspiel-Videos ziemlich langweilig finde.)

Nichtsdestotrotz: Es ist spannend zu sehen, wie hier auf ganz andere Art als zuvor Spiel und Literstur aufeinandertreffen, und ich glaube, dass diese Art von gamifizierten Geschichten noch viel kommerzielles Potenzial haben. Könnte eigentlich auch ganz gut als Podcast funktionieren. 

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Magda Birkmann hat vor kurzem auf BlueSky angemerkt, dass sie alt genug ist, um die Originaltitelmusik der Serie Die Kinder vom Süderhof zu kennen, die früher im Tigerentenclub lief. Was mich dazu bewegte anzumerken, dass ich sogar noch das Originallied kenne, von dem der Süderhof-Song adaptiert wurde. Es heißt „Die Kinder des Rock‘n‘Roll“ und war auf dem Album Starke Kinder von Rolf und seinen Freunden, das ich als Kind als MC besaß. 

Im Lied geht es darum, dass die Eltern der besungenen Kinder mit dem Rock‘n‘Roll der 50er und 60er aufgewachsen sind („Die Rolling Stones war‘n für die heißen langen Nächte gut“) und sie deswegen sein Vermächtnis weitertragen werden („Der Rock‘n‘Roll lebt weiter, denn wir haben ihn im Blut“). Starke Kinder erschien 1989 – die Zeit, die mir damals schon ewig weit weg vorkam, war also bei Veröffentlichung des Songs weniger weit weg, als der Song von heute aus gesehen zurückliegt. 

Ich weiß, dass „Die Millennials werden alt“ inzwischen längst ein Meme ist, aber es ist schon immer wieder schräg, dass man tatsächlich erst selbst älter werden muss, um überhaupt ein Gefühl für solche Zeiträume zu bekommen. Wenn ich meinem Kind heute also Songs aus den 90ern vorspiele und es zu „Coco Jamboo“ und „Wannabe“ durchs Wohnzimmer tanzt, ist das wirklich das gleiche, wie damals, als mein Vater mir Beatles-Platten ans Herz legte. Obwohl es sich ganz anders anfühlt. (Eventuell auch, weil ich ein deutlich größerer Musiknerd bin als mein Vater, der zur Musik seiner Eltern, soweit ich weiß, keine große Beziehung hatte.)

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Im immer noch relativ neuen Literaturpodcast „Gelesen.“ von meinem Freund und alten „Kulturindustrie“-Kollegen Lucas Barwenczik, ging es vor kurzem mit Co-Host Fynn Benkert über die eigene Lesesozialisation. Lucas erwähnt dort, dass er etwas schockiert war, als Paul Maar im vierten „Sams“-Band „Ein Sams für Martin Taschenbier“ von 1996 plötzlich die bis dahin relativ lineare zeitliche Abfolge der Bücher verlässt und etwa 10 Jahre in die Zukunft springt, zum Sohn des ursprünglichen Protagonisten, der dann ebenfalls Besuch vom Sams bekommt. 

Ich erinnere mich, dass es mir damals ähnlich ging, aber aus heutiger Sicht finde ich den Schritt nachvollziehbar. Das erste Sams-Buch erschien 1979. Die Geschichte seiner Hauptfigur, des schüchternen Buchhalters Bruno Taschenbier, war zum Ende des dritten Bandes endgültig auserzählt – er hatte sein Gleichgewicht (natürlich in einer heterosexuellen Beziehung) gefunden und das Sams hatte sich deswegen verabschiedet. Somit erreichten die Sams-Romane den Punkt jedes erfolgreichen, langlebigen Franchises, dass der Geschichte in ihrer Fortsetzung irgendwie ein neuer Drall gegeben werden musste (ganz abgesehen davon, dass das Setting an die fortgeschrittene Zeit angepasst werden musste.)

„Ein Sams für Martin Taschenbier“ war der letzte Sams-Band, den ich gelesen habe, aber mein Kind entdeckt die Sams-Geschichten gerade und ich musste mit Erstaunen feststellen, dass die Marvel-Universifizierung der Sams-Bücher in der Zwischenzeit nur noch weiter vorangeschritten ist. Seit 1996 erschienene Sams-Bände spielen unter anderem in alternativen Timelines und zuvor nicht ausgefüllten Lücken der Ursprungs-Story, genau wie wir es aus Comics und mittlerweile auch Film-Franchises inzwischen reihenweise kennen. 

Wenn fiktionale Universen über Jahrzehnte fortbestehen, ist es doch kurios, dass viele von ihnen irgendwann an diesem Punkt landen. Die einzige Alternative scheint zu sein, eine „Illusion of Change“ zu erhalten, in der die Charaktere einfach dauerhaft in der gleichen Lebenssituation gefangen sind – wie etwa bei den „Simpsons“ oder „Bibi und Tina“. 

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Ich hoffe, in Zukunft öfter solche kleineren Gedanken und Beobachtungen hier im Blog festzuhalten.