Unsortierte Gedanken #12: Drei Facetten von Immersion

In der taz ist am 1. August ein Text von mir erschienen, in dem ich beschreibe und reflektiere, wie ich angefangen habe, mit meinem Kind gemeinsam zu larpen. Wir machen das beim Verein Spektakulus in Niedersachsen, der LARPs speziell für Kinder anbietet, in denen die Erwachsenen die NSCs sind. Im Artikel geht es also auch darum, was diese Fokus-Verschiebung mit den Erwachsenen macht.

Der Artikel steht als Meilenstein eines längeren Prozesses, in dem ich neu angefangen habe, mich wieder in (Live-)Rollenspiele einzudenken, und der im letzten Frühjahr begonnen hat, wie man im Blog nachlesen kann. Ich habe regelmäßig die Zeitschrift LARPzeit gelesen sowie ein paar Grundsatztexte, die mir das LLM empfohlen hat, und ich habe den exzellenten Podcast Spielend Subversiv von Lena Falkenhagen und Marina Weisband gehört, der LARP-Themen auf hohem Niveau bespricht.

Der ursprüngliche Kerngedanke des Artikels im Gespräch mit meinem Redakteur war: Hier machen Erwachsene etwas gemeinsam mit Kindern, in dem Kinder normalerweise besser sind – nämlich das, was im Englischen “pretend play” heißt, also “so tun als ob”. In meinem Fall trifft das, wie auch im Artikel steht, zu hundert Prozent zu. Mein Kind versinkt im Charakter, ich schaue uns beiden von außen zu. Obwohl ich lange Theater gespielt habe, larpe seit ich 16 bin und mich regelmäßig mit immersiven Medien wie VR beschäftige, bin ich selbst überhaupt nicht gut darin, mich in etwas zu verlieren. 

Zum Glück habe ich bei Spielend Subversiv gelernt, dass Immersion auch nur für einen Teil der Larper:innen tatsächlich das Ziel ist und zum Beispiel Lena Falkenhagen auch keine immersive Spielerin ist. Sie verfolgt stattdessen das Ziel, die Immersion möglichst für andere zu schaffen. Ich fahre Anfang September das nächste Mal auf ein LARP und gehe auf jeden Fall mit einem ganzen Rucksack voll neuer Ideen und Ansätze rein, die ich hoffentlich zum Teil auch umsetzen kann.

Übrigens ist der taz-Text insgesamt erfreulich gut angekommen. So gut sogar, dass ich eingeladen worden bin, zum Thema LARP am 28. August in Hildesheim beim Reporter Slam teilzunehmen. Ich bin sehr gespannt und hoffe, ich kann was Gutes draus machen.

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In meinem Urlaub ist es mir nach vielen Jahren endlich gelungen, die Phantastische Bibliothek in Wetzlar zu besuchen. Dort lagern über 330.000 Bücher aus den Bereichen Fantasy, Science-Fiction und Horror sowie angrenzenden Genres, die man auch fast alle ausleihen kann. Ich wurde sehr freundlich begrüßt, bekam direkt am Tresen eine kleine Einführung und konnte mir dann eine knappe Stunde selbst den Bestand anschauen.

Ich kämpfe ein wenig damit, in Worte zu fassen, was mich an der Phantastischen Bibliothek so fasziniert. Die Bibliothek als solche ist in der Phantastik traditionell ein aufgeladener Ort. Selbstverständlich schreiben Autor:innen gerne mit Verve über die Orte, die ihnen vermutlich selbst einmal sehr wichtig waren. Ich denke sofort an die Bibliothek von Babel bei Jorge Luis Borges, an die Bibliothek und den Bibliothekar der Unseen University bei Terry Pratchett, die Stadt der Träumenden Bücher von Walter Moers, aber auch an die endlosen virtuellen Bibliotheken und Datensammlungen aus der Science-Fiction. Alles irgendwie mythische Orte, an denen nichts so ist, wie es scheint; wo große Geheimnisse und Abenteuer schlummern.

In gewisser Weise ist die Phantastische Bibliothek natürlich so ein Ort. Wer im richtigen Alter ist, findet hier einen nicht enden wollenden Schatz an Geschichten und Abzweigungen zu neuen Geschichten. Aber sie ist gleichzeitig auch einfach eine städtische Bibliothek, in der es ein bisschen muffig riecht, und in der viele ausgeblichene Taschenbücher aus den 90ern stehen, die auf mich heute einen etwas wunderlichen Eindruck machen, weil sie auch im Cover-Design nicht so schrecklich gut gealtert sind.

Ich musste erneut an Die unendliche Geschichte denken, die etwa zur gleichen Zeit entstanden ist wie die Phantastische Bibliothek, und die für mich den zentralen Widerspruch der Phantastik auch aus meiner Kindheit abbildet: Phantásien, die Welt aus der Unendlichen Geschichte ist ein wunderbarer Ort, an dem alles möglich ist und die kuriosesten Dinge passieren. Aber er ist das Fantasiegebilde eines nerdigen Jungen, der auf einer staubigen Turnmatte im schlecht beleuchteten Speicher seiner Schule liegt und liest. Die wichtigen Orte der Phantastik enthalten zu einem gewissen Grad immer beides. Wären sie nur perfekt immersive Erlebnisse wie Disneyland, würde ihnen etwas fehlen: die Menschen, die dahinter stehen und die sich die ganzen phantastischen Welten erst ausdenken.

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Regelmäßige Leser:innen meiner Blogs wissen um meine komplizierte Beziehung zu elektronischer Musik. Während ich als Tween sehr gerne Eurodance gehört und generell noch ein Gefühl von “Techno als Musik der Zukunft” gepflegt habe, wurde ich Ende der 90er zeitweilig zum Rockisten und verpasste somit genau die Zeit, in der ich jung und ausdauernd auf Techno-Partys hätte gehen können. Über die Jahre jedoch ist mein Interesse an Techno und seinen diversen Genres wieder erwacht – weil ich in Berlin lebe, weil ich Bücher gelesen habe, weil ich einige Leute kenne, die mit Clubkultur groß geworden sind oder sogar selbst auflegen.

Musik ist immer der eine Space gewesen, in dem mir das “sich selbst verlieren” tatsächlich gelingt. Ich habe mich selten so frei von störenden Gedanken gefühlt, wie am Schlagzeug, beim gemeinsamen Spielen mit anderen. Und das ist es auch, was mich immer am meisten an Techno und Clubkultur fasziniert hat: das Ziel, tanzen zu gehen weniger um gezielt Songs zu hören und sich dazu zu bewegen, sondern um hypnotisiert zu werden und sich selbst im stetigen Wummern der Bässe und im Wogen der Körper zu vergessen.

Vor kurzem habe ich mir ein Herz gefasst und bin endlich mal ordentlich auf eine Technoparty gegangen (es gab verschiedene Versuche vorher, über die ich besser den Mantel des Schweigens breite). Über eine Anzeige war ich auf die Reihe “Feiern wie früher … nur früher” gestoßen, die sich gezielt an ein älteres Publikum richtet, das keinen Bock mehr hat, erst um 1 Uhr den Club zu betreten. Die Party im Berliner Lokschuppen ging von 16 bis 22 Uhr. Das erschien mir übersichtlich.

Ich hatte nicht ganz damit gerechnet, dass die gesamte Veranstaltung einen so starken 90er-Vibe haben würde. Vor allem die Musikauswahl mit hoher BPM-Zahl und sägenden Synthies roch schwer nach Love Parade 1999. Das Publikum war vielfach noch älter als ich und größtenteils entspannt, mit Ausnahme von zwei immer betrunkener werdenden Männern, die allen auf die Nerven gingen. Ich war schwer beeindruckt von den DJ-Künsten von Anna Reusch, deren Set von Anfang an enorme Energie aufbaute und perfekte Dramaturgie lieferte. Dass sie unironisch das zum Meme gewordene “Sandstorm” von Darude spielen konnte und dafür beglücktes Johlen aus dem Publikum erntete, hat mich besonders gefreut.

Mir ist klar, dass ausgerechnet diese Party wohl kaum als Prototyp für heutige Clubkultur taugt, aber ich war doch von einigen Dingen überrascht. Etwa, dass die versammelte Gästeschar sich auf das DJ-Pult ausgerichtet tanzte und jeden Drop gemeinsam aufbaute und feierte, wie bei einem Konzert. Eine Entwicklung der letzten 20 Jahre, wie mir Eingeweihte verraten haben.

Das Schönste war aber, dass es tatsächlich geklappt hat, mich wie erhofft in Musik und Bewegung zu verlieren. Nicht von Anfang an, nicht durchgängig und nicht mit Plan, logischerweise. Aber zeitweise. Und das war dann doch ziemlich cool. Bis dann der Gedanke “Merk dir diesen Moment!” wieder dazwischenschoss. Danke auch, Hirn.