Unsortierte Gedanken #9: Nils Westerboer, Keine Dystopie, Millennial Music

Ich habe jetzt zwei Bücher des deutschen Science-Fiction-Autors Nils Westerboer gelesen. Sein jüngstes, Lyneham, wurde mir vom Buchladen meines Vertrauens so lange angepriesen, bis ich nachgegeben habe. Und noch während ich dabei war, es zu lesen, kam die Ankündigung, dass David Wnendt den Roman Athos 2643, den Vorläufer von Lyneham, verfilmt hat, also musste ich den natürlich auch noch lesen.

Westerboer schreibt sehr gute Science-Fiction-Romane. Verkopft, zwar, aber mit dreidimensionalen Charakteren, eingebettet in glaubwürdiges und dennoch immer leicht ungreifbares Zukunfts-Worldbuilding. Westerboer ist im Hauptberuf Lehrer an einer progressiven Schule in Jena und hat sowohl Film- und Medienwissenschaft als auch Germanistik und evangelische Theologie studiert, wirkt also fast ein bisschen, als wäre er in einem Reagenzglas gezüchtet worden, um zu mir zu passen.

Athos 2643 ist ein wirklich guter Roman über Mensch-Maschine-Interaktion, über unsere Zuschreibungen von Persönlichkeit an Künstliche Intelligenzen und darüber, was uns dennoch unterscheidet – verpackt in einen spannenden Krimi. Lyneham ist ein Buch über Eltern, Kinder und Terraforming, das mich ebenso gefesselt hat.

Wenn ich eine Kritik an Westerboers Schreiben habe, dann dass seine Bücher auf mich sehr bewusst geplottet wirken. Lyneham ist auf zwei Zeitebenen erzählt und hat mich wahnsinnig gemacht mit dem Vorenthalten von Informationen. Athos 2643 hat nach zwei Dritteln der Handlung einen dieser typischen Thriller-Twists, der einen alles Vorherige neu bewerten lässt. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich von Autor:innen so manipuliert werde, pendle ich immer zwischen Anerkennung und Wut. Und es hat mich gewundert, dass Westerboer nach eigener Aussage eher jemand ist, der einfach anfängt zu schreiben. Wobei er gleichzeitig zu seinen Romanen immer tolle Making-Of-Collagen veröffentlicht, die seinen Prozess und seine Inspiration zeigen.

***

Wenn über unsere Gegenwart gesprochen wird, höre ich immer wieder das Wort “Dystopie” und “dystopisch”, zuletzt von Sascha Lobo und in einem Deutschlandfunk-Feature, und es nervt mich kolossal. Die Bezeichnung impliziert, dass wir schon an irgendeiner Art von Endpunkt angelangt sind, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

Wer die Jetztzeit bereits als dystopisch betrachtet, hat sich nach meinem Empfinden wenig mit Dystopien auseinandergesetzt und legt auch eine erstaunliche Geschichtsvergessenheit an den Tag. Noch ist die Klimakatastrophe nicht eingetreten, noch haben Faschisten nicht überall die absolute Herrschaft übernommen und noch beherrschen wir die Technologie, die wir geschaffen haben, und nicht umgekehrt. Wenn ein bisschen schlechtes Wetter, gemeine Umfragewerte, leicht verteuertes Benzin und etwas zu viel Doomscrolling für Leute schon “Dystopie” sagt, was machen die eigentlich, wenn wirklich ein Krieg auch in Deutschland stattfindet (wie ihn meine Großeltern noch erlebt haben) oder diverse Klima-Kipppunkte erreicht werden? Können wir mal mit diesem vorauseilenden Gehorsam aufhören?

***

Ich habe lange nicht mehr aufgeschrieben, wo ich außerhalb dieses Blogs unterwegs war. Es ist schon ewig her, dass ich mit Sascha im PewCast zu 28 Years Later: The Bone Temple gesprochen habe. Und im März war ich endlich mal im Podcast Tasty MTG meiner beiden Magic-Buddies Martin und Geis zu Gast und habe über das Magic x Teenage Mutant Ninja Turtles Crossover und meine eigenen Turtles-Kindheitserinnerungen gesprochen.

Meine Blogosphären-Präsenz auf der re:publica hat dazu geführt, dass ich zur Abschlussrunde bei Töne Texte Bilder eingeladen wurde. Und am letzten Wochenende ist ein erster Text von mir in der gedruckten taz erschienen, übrigens die Extrapolation eines Absatzes aus meinem KI-Nutzungs-Artikel hier im Blog.

Gerade in Podcasts lasse ich mich übrigens immer gerne einladen. Schreibt mir einfach.

***

Ich fahre kommendes Wochenende nach Wiesbaden zu einem Treffen meines Abi-Jahrgangs zum 25. Jahrestag unseres Abiturs. Die meisten der Leute, die dort kommen, habe ich mindestens seit 15, einige wahrscheinlich sogar wirklich seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Der Song, den ich am meisten mit unseren Abi-Feierlichkeiten 2001 verbinde, ist “One More Time” von Daft Punk. Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie ich im Party-Teil des Abiballs in den Morgenstunden mit meinen Jahrgangskamerad:innen dazu getanzt habe. Die Jungs hatten ihre Sakkos und die Mädchen ihre hohen Schuhe ausgezogen, und dann gab es so einen “Erinnerungs-Festhalte-Platte-Spring”-Moment in meinem Kopf wie am Ende von Absolute Beginner.

Ich erzähle das, weil NPR Music gerade in einem Podcast über den “defining Millennial Song” gesprochen hat. Ich bin Jahrgang 1983, also am älteren Rand der Millennial-Generation und merke immer wieder, dass es mir schwer fällt, mich dieser Generation wirklich zuzuordnen. Viele meiner prägendsten kulturellen Erlebnisse stammen genau aus der Zeit knapp vor 9/11. Als die Dinge passierten, über die Hazel Cills und Sheldon Pearce im Podcast sprechen – Cringe, Emo, Finanzkrise, iTunes-Hits, YouTube, EDM – war ich mit dem Studium quasi schon fertig. Gleichzeitig bin ich nicht alt genug, um so richtig den Generation-X-Moment in den 90ern mitgenommen zu haben, den ich ja auch für prägend für die Blogosphäre halte.

Was mir noch aufgefallen ist: Die bei NPR geschilderten Erfahrungen sind trotz des Claims der “ersten globalen Generation” ziemlich amerikanisch! EDM war in Europa schon längst passé als es in den USA groß wurde, die Finanzkrise kam hier anders an, und Hot Topic haben wir hier gar nicht.

Außer “Elder Millennial” gibt es für meine Mikro-Alterskohorte auch den Begriff X-Ennial, dem ich mich am ehesten zugehörig fühle. Und eine Musik, die sehr gut zu uns passt, hat der Creator David Percy vor kurzem als “Matrix Music” bezeichnet, also Musik, die im Film The Matrix laufen könnte, den ich für einen definitiven Text der Xennials halte. Darin steckt sowohl 90er-Electronica wie The Prodigy oder The Chemical Brothers, als auch späte Grunge-Ausläufer und Brit Pop. Das ist Musik, die ich damals selbst kaum gehört habe, bei denen ich aber wirklich das Gefühl habe, sie haben sich in mich eingeschrieben.

In London hatte ich die Gelegenheit, die sehr tolle Ausstellung “The Music is Black” im frisch eröffneten V&A East Museum zu sehen, und das Erleben dort passt wiederum sehr zum Gefühl der europäischen Perspektive, die immer anders ist, als die amerikanische. Beim Durchwandern der Ausstellung habe ich mich mit viel Freude an Schwarze britische Artists erinnert, die ich schon in meiner Jugend gefeiert habe, und die ebenfalls sehr gut Matrix Music sein könnten, allen voran Massive Attack und Skunk Anansie.

Foto von Patrick Perkins auf Unsplash

Unsortierte Gedanken – Juni 2025 (2)

Blog as if no one is watching

In Arbeitskontexten wird viel Material produziert. Als jemand, der viel im öffentlichen Sektor gearbeitet hat, kenne ich vor allem die Textschlachten von Anträgen und Projektberichten. Vor kurzem habe ich aus dem Beratungsbereich den gräßlichen Ausdruck “Slides schrubben” gelernt, also das Produzieren von vielen Folien für Powerpoint-Decks.

Dahinter steckt leider ganz oft die Simulation von Produktivität, um Rechenschaft abzulegen. Es wird viel Zeit und werden viele Phrasen darin versenkt, dem Geschäftspartner zu beweisen, dass sein Geld sinnvoll angelegt ist, weil ja viel produziert wurde, und seien es nur Worte.

LLMS erleichtern genau diese eigentlich leere Arbeit. Sie können aus Stichpunkten und anderem Rohmaterial viel schneller Texte in der verlangen Form produzieren als ein Mensch das könnte. Meine These ist aber: Die genannten Texte und Präsentationen werden genauso ungerne gelesen wie sie geschrieben werden. Es ist also davon auszugehen, dass die Empfänger die erhaltenen Dokumente ihrerseits wieder in ein LLM werfen und sie sich von diesem zusammenfassen lassen.

Die eine Seite lässt schreiben, die andere lässt lesen. Ist das die Zukunft des Berichtswesens? Oder war das im Grunde schon immer so, es wird nur jetzt erst sichtbar. Ich frage mich vor allem: Was sagt es über die “wahre” und “notwendige” Form von Informationen aus? Wann werden wir aufhören, Informationsgehalt durch Masse zu ersetzen?

***

Ich habe festgestellt, dass ich eine merkwürdige Liebe für Songs habe, die sich selbst beschreiben. Meine früheste Erinnerung ist “Memphis Soul Stew” von King Curtis (wenn auch in der Version “Springfield Soul Stew” vom kuriosen Musikalbum der Simpsons), das seine Instrumentalparts wie Zutaten in einem Kochrezept beschreibt (“give me about half a teacup of bass”). Ich höre auch immer wieder gerne Music Instructor’s Cover von Ultravox’ “Hymn”, das genau beschreibt, wie es gemacht ist (“Let’s see how it sounds when we pitch it five notes up”).

Ein weiteres Beispiel: der Song “Poppa’s Blues” aus Andrew Lloyd Webbers Starlight Express, dessen erste zwei Zeilen “The first line of the blues is always sung a second time” lauten. Oder auch den großartigen “Fountains of Wayne Hotline” von Robbie Fulks, in dem der Erzähler die titelgebende Nummer anruft, um sich bei der Komposition helfen zu lassen (“Get a split bar of 4 in there, and push the one. and then we’ll slather the holy hell out of the thing with a semi-ironic Beach Boys vocal pad”). Die Ärzte spielen mit diesem Werkzeug auch immer mal wieder, zum Beispiel im Song “Richtig schön evil” (“Lass dich nicht so häng’ / dies ist der Refrain / richtig schön evil, abartig und pervers / wird’s erst wieder im Vers”).

Kennt ihr noch mehr solche Songs? Es gibt sicher dutzende.

***

Ich habe Alanis Morissette live gesehen, Open Air in der Zitadelle in Berlin Spandau. Das Konzert war sehr schön, denn Alanis Morissettes Musik bedeutet mir viel, aber ich habe auch wieder mal gemerkt, dass ich Konzerte dieser Größe nicht leiden kann, insbesondere Open Air. In der Rückschau (Queen bei Live Aid, Robbie Williams in Knebworth) wirken sie immer beeindruckend, aber vor Ort bekommt man, wenn man nicht ewig vor Beginn da ist, einfach nur matschigen Sound mit wummernden Bässen und fehlenden Mitten und keinerlei echte Verbindung zwischen Künstler:in und Publikum, was nach meinem Dafürhalten immer noch der Zweck von Konzerten sein sollte.

Das liegt nicht nur an den Künstler:innen, die mit Kameras statt mit Menschen interagieren und auf ihren riesigen Bühnen so verloren wirken, dass jede Menge Visuals im Hintergrund aufgefahren werden müssen, um von dieser Tatsache abzulenken. Auch Teile des Publikums sind (vor allem bei Mainstream-Künstlern, wenn sie nicht gerade ihre drei größten Hits spielen) zwischendurch über lange Strecken mit anderen Dingen beschäftigt. Irgendwie schade.

***

Ich habe Aiki Miras (gerade noch) neuesten Roman Proxi gelesen, eine “Endzeit-Utopie”, jüngst ausgezeichnet mit dem Kurd-Laßwitz-Preis, die mir wie schon zuvor bei Neongrau auf der Ideen-Ebene sehr gut gefallen hat, aber mit deren Sprache ich gekämpft habe.