Unsortierte Gedanken #13: Karthatische Dystopien

Nachdem ich immer wieder Hinweise aus verschiedenen Ecken darauf bekommen habe, habe ich vor kurzem die Miniserie Station Eleven (2021) nach dem gleichnamigen Roman von Emily St. John Mandel nachgeholt (gibt es in Deutschland auf Paramount+). Meine Partnerin hat zufälligerweise zur gleichen Zeit das Buch gelesen, so dass wir auch ein bisschen abgleichen konnten, was Showrunner Patrick Somerville in der Adaption geändert hat – es ist nämlich nicht wenig.

Die Kernfrage beider Fassungen aber ist gleich, und ich war sehr froh darum, weil ich selbst immer wieder darauf herumdenke: Wenn die Apokalypse einmal überstanden ist, wie werden zukünftige Generationen, die nur das “danach” kennen, über ihre Eltern und Großeltern denken? In Station Eleven geht es stark darum, ob es sich lohnt, Vergangenes zu bewahren, oder ob man die Vergangenheit vollständig abstreifen sollte. Faszinierend fand ich auch die Überlegungen, welche kulturellen Artefakte in einer postapokalyptischen Welt Bedeutung haben werden – jetzt schon kanonische wie die Stücke Shakespeares, aber auch zufällige wie ein selbst publiziertes Comic mit einer Auflage von 3.

Große Teile der Menschheit haben im 20. Jahrhundert eine Art von Apokalypse mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust und den Atombombenabwürfen auf Japan erlebt. Die letzten Menschen, die diese Zeit noch erlebt haben, sterben gerade. Das Vergessen der Schrecken von damals und des Gefühls, dass sie sich nicht wiederholen sollten, greift um sich, und die Folgen davon sind überall sichtbar. Durch den Klimawandel steuern wir fast unweigerlich auf eine nächste Apokalypse zu. Welche Fragen werden unsere Nachfahren an uns richten?

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Und wo wir gerade bei Apokalypsen sind, muss ich selbstverständlich mal wieder auf Ada Palmer zu sprechen kommen. Die hat für ihr Sachbuch Inventing the Renaissance (das ich noch nicht gelesen habe) einen Hugo Award, den wichtigsten amerikanischen Phantastik-Preis, bekommen und in ihrer Dankesrede mal wieder auf ihre Vision von “Hopepunk” Bezug genommen. Besonders prägnant fand ich aber, was sie vorher formuliert: Dass die Aussicht auf Apokalypse auch etwas Entlastendes für die geplagte Menschheit hat, und dass diese Apokalypse vielleicht genau deswegen auch immer wieder beschworen wird:

Our present is saturate with crises, and it’s tempting to enjoy apocalyptic fantasies where the world ends and these problems go away, or cathartic dystopias which defeat regimes worse than our present. The end of the world is relaxing, relieving the exhausting burden of building the future.

Ada Palmer

Ich komme regelmäßig auf diesen Gedanken zurück: Dass die Menschheit, besonders die, die von apokalyptischen Religionen wie dem Christentum geprägt ist, auch immer wieder gerne mit dem Weltuntergang flirtet, weil er dieses sexy Versprechen enthält, alle unsere komplexen Probleme auf einen Schlag zu lösen. Für die Überlebenden hält er dann eine vermeintlich einfachere, “karthatische”, wie Palmer schreibt, Tabula Rasa bereit – sehr verführerisch. Das ist auch nichts Neues. Menschen beschwören das Ende der Welt in schöner Regelmäßigkeit mit einer Mischung aus Angst und wohligem Schaudern herauf.

Daran muss ich dieser Tage auch immer wieder denken, wenn von KI-Funktionären vor den potenziell katastrophalen Folgen ihrer Technikentwicklung gewarnt wird. Ich selbst weiß nicht genug, um diese Warnungen endgültig zu bewerten. Menschen, deren Meinung ich vertraue, argumentieren in beide Richtungen. Aber ich kann nicht verhindern, dass ich mir auch vorstelle, wie die KI-Forscher:innen dieser Welt dasitzen und denken “Wouldn’t it be nice?” Nice, wenn die Erde, wie sie jetzt ist, eine KI-Apokalypse erleiden und mich von meiner Verantwortung befreien würde, und ich außerdem einer der wenigen wäre, der wüsste was passiert.

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Nicht apokalyptisch, aber sehr karthatisch ist Alanis Morissettes Song Uninvited. Geschrieben hat sie ihn für City of Angels (1998), das US-Remake von Der Himmel über Berlin, und der Text bezieht sich wohl auch auf die Perspektive der weiblichen Hauptfigur, in die sich ein Engel verliebt. Ich habe ihn aber immer auch als eine allgemein sehr starke Beschreibung des Erlebens von Frauen gelesen, die von mächtigen oder berühmten Männern umgarnt werden – die konfuse Mischung aus “sich geschmeichelt fühlen” und “das unangenehme Machtgefälle spüren”, die im Rahmen von #MeToo immer wieder thematisiert wurde. Gut denkbar, dass Morissette hier auch Erfahrungen als junge Künstlerin im Musikbusiness verarbeitet hat.

Wie dem auch sei, Brandi Carlile, die einen der besten Songs darüber geschrieben hat, wie es ist, frisch Eltern zu sein, und Joni Mitchell zu einem überraschenden Bühnen-Comeback verholfen hat, hat Uninvited vor kurzem live gecovert. Carliles Version unterscheidet sich gar nicht stark von Morisettes, aber sie ist trotzdem großartig und eventuell wirklich noch ein bisschen karthatischer als das Original. Den Song gibt es auf vielfachen Wunsch jetzt auch auf allen Streamingdiensten, und inzwischen haben sie ihn auch schon zusammen gespielt.

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Ein letzter Hinweis: Diesen Donnerstag (17. September) startet Coyote vs Acme in den deutschen Kinos, ein Film, der einen jetzt schon legendären Sorgerechtsstreit hinter sich hat. Für mich hat der Film eine besondere Bedeutung, weil er auch der aktuellste Credit meines Studienfreundes Carsten ist, der anders als ich während des Filmwissenschaftsstudiums Bock auf Praxis bekommen hat und vor bald 20 Jahren nach Hollywood gezogen ist. Carsten hat Coyote vs Acme geschnitten – also wenn jemand, der das hier liest, in den nächsten Wochen ins Kino gehen sollte, bitte ich darum, einmal extralaut zu jubeln, wenn sein Name im Abspann läuft.

Foto von Mylène Haudebourg auf Unsplash

The Rising ist jetzt auch in Gänze online

Den postapokalyptischen Kurzfilm The Rising habe ich schon einmal hier im Blog erwähnt und Regisseur Sebastian Mattukat hat einen Gastbeitrag über die Parallelen zu Oblivion geschrieben. Jetzt haben sich die Filmemacher entschieden, den kompletten Kurzfilm online zu veröffentlichen, so dass ihr euch selbst davon überzeugen könnt. Viel Spaß!

Hat Oblivion von euch geklaut?

© Universal Pictures International

Dieser Gastbeitrag von Sebastian Mattukat enthält Spoiler für Oblivion. Ich habe den Film nicht gesehen, aber durch Zufall gelesen, wie er endet. Danach habe ich Sebastian, dem Regisseur des Kurzfilms The Rising, leicht ironisch die Frage der Überschrift gestellt. An seiner Reaktion war abzulesen, dass ich nicht der erste war. In unserem anschließenden IM-Gespräch habe ich ihn gefragt, ob er nicht Lust hat, seine Erfahrungen aufzuschreiben. Entstanden ist der erste Gastbeitrag dieses Blogs. Viel Spaß!

„Oblivion schon gesehen?“ Diese Frage wurde mir in den letzten Tagen immer wieder gestellt. Meistens schauen mich die Freunde und Kollegen dann mit einer Mischung aus Entrüstung und verschmitztem Grinsen an. Denn sie wollen eigentlich keinen Filmtipp bekommen, sondern mir eine ganz bestimmte Reaktion entlocken.

JA, ich habe Oblivion gesehen und JA, auch mir ist aufgefallen, dass dieser 120-Millionen-Dollar-Film fast die gleiche Handlung wie mein Kurzfilm The Rising hat. Das Gefühl, im Kino zu sitzen und aufgrund einer kleinen Ähnlichkeit zu schmunzeln ist amüsant. Aber während des Films ein Déja-Vu nach dem anderen zu haben, ist für mich in dieser Form neu. Hier geht es nicht nur um die gleiche Art von Film (Transformers vs. Battleship oder A Bugs Life vs. Antz), sondern um eine verblüffend ähnliche Handlung. Im Grunde könnte man mit The Risings und Oblivions Synopsis das Avatar/Pocahontas-Spiel betreiben.

Denn The Rising lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Unser einsamer Held zieht über die zerstörte Erdoberfläche, sammelt Daten und muss sich immer wieder per Funk bei der Obrigkeit im Bunker melden. Sonst gibt es Ärger. Doch wie das in Filmen so ist, kommt unser Held eines Tages von seiner normalen Route ab und erfährt, dass er ein Klon ist. Doch nicht nur das, er findet ebenfalls heraus, dass es einen Widerstand gibt, der sich gegen die Herrscher im Bunker auflehnt. Nach kurzem Zögern schließt er sich diesem an und beginnt gegen das System und die Unterdrückung zu kämpfen.

Zieht man bei Oblivion die beiden Frauenrollen und ein paar Schauwerte ab, sitzt man vor der Spielfilmversion meines Kurzfilms. Wie kann das passieren? Haben wir geklaut? Nein. Hat sich Joseph Kosinski etwa bei uns bedient? Immerhin tourt The Rising schon seit Oktober 2012 durch die Welt der Festivals. Brauchen wir einen Anwalt? Wohl eher nicht.

Gehen wir noch einmal zurück zu Avatar. Beim Schreiben des Drehbuches hat James Cameron sich bestimmt nicht gedacht, dass ein wilder Mix aus Der mit dem Wolf tanzt und Pocahontas genau das Richtige für ihn ist. Viel eher wird er sich überlegt haben, was für eine Art von Geschichte er erzählen möchte. Er wird sich überlegt haben, was ihm an Subtext wichtig ist und wie er diesen am sinnvollsten vermitteln kann.

Genau das war unsere Vorgehensweise bei The Rising. Als Tobias Voigt und ich das Drehbuch schrieben, war für uns von Anfang an klar, dass wir einen düsteren Endzeitfilm machen wollten. Nach einer kurzen Überlegung, den Tag der Katastrophe zu zeigen, entschieden wir uns schnell, dass Leben in der zerstörten Welt in den Fokus der Geschichte zu rücken. Wir entwickelten die Hintergrundgeschichte akribisch, um unsere Welt zu kennen und logisch zu gestalten. Unser Gedanke war, dass — wenn die große Katastrophe von Menschenhand herbeigeführt wurde — größtenteils nicht die Unschuldigen überlebt hätten, sondern die Verantwortlichen. Doch eine böse Hauptfigur würde unseren Film nicht tragen. Genauso wenig wollten wir, dass unser Protagonist von vornherein auf der Seite der Guten steht. Uns interessierten die Zwischentöne. Die logisch Konsequenz war daher der Wandel von einem einfachen Menschen, einem Arbeiter, zum Revoluzzer.

Doch wie erklärt man, dass ein Arbeiter erst beim Einsetzen des Films urplötzlich seine Welt hinterfragt? Wir mussten mit ihm auf Entdeckungsreise gehen und hinter die Fassade des Bunkers schauen. Wenn Protagonist und Zuschauer zur gleichen Zeit die Welt zum ersten Mal erleben, wird man in diese hineingezogen. Filmisch bleiben einem hier nur eine Handvoll Möglichkeiten. Man kann zum Beispiel die Geschichte aus der Sicht eines kleinen Kindes erzählen, was für unseren sehr physischen Film schwierig geworden wäre. Oder aber man spart sich knapp 30 Jahre Leben und erschafft einen Klon. Dieser Klon kann Kindesgleich über die Erdoberfläche ziehen und wir können mit ihm den Alltag, die Angst und die Wut hautnah mitempfinden. Somit folgt die Handlung ihrem eigenen, inneren Kompass.

Aufgrund solcher dramaturgischen Schlussfolgerungen ähneln sind sich bestimmte Erzählstrukturen immer. Beim Schreiben wird die Umwelt absorbiert und auf ihre Essenz herunter gebrochen. Wir überlegen uns die schlimmsten Katastrophen, die schönstmöglichen Momente und packen diese in unsere Geschichten. Deshalb ist es weniger spannend zu sehen, welche Filme die gleiche Handlung haben. Es ist viel interessanter und erkenntnisreicher zu schauen, welche Themen sich gleichen. Es gibt in diesem Jahr so viele Endzeitfilme wie schon lange nicht mehr. Sie erzählen von Zombies, Utopien im Orbit und von der verlassenen Erde. Augenscheinlich gibt es ein tiefes, inneres Bedürfnis beim Publikum, solche Geschichten zu sehen. Selbst im Mainstreamkino.

Die Schönheit des Kinos und des Filmemachens liegt doch darin, dieses Verlangen zu erkennen und für den Zuschauer erlebar zu machen. Und wenn mich jemand fragt, ob ich Oblivion schon gesehen habe, dann kann ich mich natürlich einen kurzen Moment ärgern. Aber im nächsten Augenblick ist die Freude größer, dass wir eine Geschichte erzählt haben die anscheinend nicht nur uns interessiert.

Sebastian Mattukat ist Filmemacher aus Berlin. Sein Kurzfilm The Rising ist nach wie vor auf verschiedenen Kurzfilmfestivals zu sehen. Folgt ihm auf Twitter.