23 Dinge, die ich durch einen Monat unbekannte Podcasts gelernt habe

Kleiner Ausschnitt aus meinem Hörverlauf

Im April hatte ich für mich den #Podcapril ausgerufen. Ich wollte meinen Horizont erweitern und einen Monat lang nur Podcasts hören, die ich noch nicht kenne. Welche Podcasts ich gehört habe, lässt sich am besten in meinem Twitter-Thread nachlesen, ein Blogpost wird dazu noch folgen.

1. Es war super

Alles in allem hat mir der Podcapril, trotz seines total doofen Namens, genau das gebracht, was ich mir erhofft habe. Ich habe sehr viele neue Podcasts gehört und damit auch viele neue Hörerfahrungen gemacht. Die wenigsten Sachen haben mir so gut gefallen, dass ich sie weiterhören wollte, aber erkenntnisreich war es allemal!

2. Ich habe es nicht durchgehalten

Ich habe unterschätzt, wie sehr Podcasts auch Comfort Food sind, die einen regelmäßig mit Vertrautem abholen. Nur neue Hörerfahrungen hingegen sind auf Dauer anstrengend. Deswegen habe ich mir ab und zu Pausen gegönnt und ein paar Folgen meiner Lieblings-Entspannungspodcasts nicht einfach weggewischt, sondern gehört. Der Unterschied war enorm.

3. Menschen sind gut im Podcast empfehlen

Ich hatte ja bereits eine kleine Liste von Podcasts begonnen, in die ich schon länger reinhören wollte, aber es war schon auch ein großes Glück, dass mir meine Follower auf Twitter, und die, an die der Ursprungstweet weitergereicht wurde, wirklich eine große und breite Auswahl an Formaten und Genres empfahlen. Dass die Liste am Ende ziemlich exakt so lang wurde, dass sie den Monat abdeckte, war ein glorreicher Bonus.

4. Naja, die meisten Menschen

Ich hatte ja explizit auch “erlaubt”, eigene Podcasts zu empfehlen, so lange irgendeine Qualifizierung stattfand. Das haben viele Podcaster*innen ganz toll gemacht und mir ihre persönlichen Lieblingsepisoden geschickt (sehr aufschlussreich!) oder Episoden, die gut für Einsteiger geeignet sind. Aber manche empfahlen mir doch einfach nur ganze Feeds oder, noch besser, ganze Netzwerke! Twitter halt.

5. Es fiel mir erstaunlich leicht, auf meine übliche Podcast-Diät zu verzichten

An den meisten Tagen empfand ich es geradezu als befreiend, wartende Folgen mit einem Wisch ins Nirwana zu schicken und nie wieder anzuschauen. Nur wenige Episoden warten noch darauf, nachgehört zu werden, hauptsächlich, weil sie irgendeine übergeordnete Relevanz für mich haben. Und natürlich musste Karina Longworth ausgerechnet im April ihre neue Staffel You Must Remember This starten.

6. Wer labert, braucht entweder Charme oder Sachverstand

Die meisten Podcasts, die ich regulär höre, sind eher journalistisch, insofern war es super, auch mal ein bisschen breiter in die beliebte Gattung der “Laberpodcasts” reinzuschnuppern. Dabei ist mir mal wieder eine Sache klargeworden: Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Menschen nicht immer zielgerichtet oder mit Publikum im Hinterkopf sprechen, aber sie müssen mir einen Grund geben, ihnen zuzuhören. Für mich ist dabei relevant, dass sie entweder wirklich außergewöhnlich viel Ahnung von dem haben, wovon sie reden, oder so charmant sind, dass ich ihnen zuhören würde, egal worüber sie reden. Es gibt leider immer noch Podcasts, die beides nicht bieten können, und ich frage mich nach wie vor, für wen sie sind – abgesehen von Leuten, die die Sprechenden ohnehin kennen, und extradiegetischen Kontext beisteuern können.

7. Zwei Sprechende sind eine gute Menge Sprechende

Ich habe über 69 Podcasts immer wieder festgestellt, wie angenehm ich Gespräche zwischen zwei Menschen finde. Es ist ist wirklich kein Wunder, dass sich das gerade bei Promis als ein Standardformat herausgeschält hat. Bei einer normalen Podcastlänge kommt in einem Zwiegespräch jeder genug zu Wort, zwei Personen sind in der Regel leicht unterscheidbar, das Gespräch moderiert sich selbst und findet bei geübten Sprechenden meist auch natürliche Spannungsbögen und Dramaturgien. Bei mehr als zwei Personen ist das viel schwieriger und gelingt selten so gut (schrieb er als Teil eines Kulturkritik-Podcasts mit vier Panel-Teilnehmer*innen).

8. Low-Key Podcasthumor ist nichts für mich

Ich hatte vor Jahren schon mal in Gästeliste Geisterbahn reingehört, kenne natürlich Fest und Flauschig und war jetzt auch mal hörend bei Drinnies und evtl. sogar bei Apokalypse und Filterkaffee zu Gast. Ich kann total verstehen, warum dieses Genre – Menschen, die einen natürlichen Witz besitzen, erzählen sich lustige Geschichten aus ihrem Leben – beliebt ist. Es fordert von den Hörenden quasi überhaupt keine Eigenleistung. Es ist einfach nur gemeinsames Abhängen. Die Leute sind charmant (s.o.) und können Geschichten gut erzählen. Ich verwende meine Podcasthörzeit gerne anders und habe meinen Humor gerne fordernder (der Podcast Schamlos zum Beispiel baut in seine Plauderrunden unerwartet Improcomedy-Szenen ein – mag für manche wie ein Albtraum klingen, ich fand es genau die richtige Form von komödiantischer Übung).

9. Ich bin für jeden dankbar, der meinen Blick verändert

Ich denke öfter an die Formel zurück, die besagt, dass wer im Internet erfolgreich sein will, etwas entweder zuerst, am besten oder anders machen muss. Ich habe mich sehr über Podcasts gefreut, die vertraute Themen aus einem unerwarteten Blickwinkel neu aufgerollt haben. Die Macherinnen von Fashion the Gaze beispielsweise blicken auf Medienkultur sehr kundig mit dem expliziten Schwerpunkt Selbstinszenierung. Sport Inside schaut auf die Welt des Sports mit dem Blick von investigativem Journalismus. Not Another F**king Elf blickt auf Tolkiens Charaktere und vergleicht deren Interpretation in verschiedenen Adaptionen.

10. Ich bin für jeden dankbar, der das Format aufmischt

Ebenso habe ich mich jedes Mal gefreut, wenn ich das Gefühl hatte, dass jemand formell etwas Ungewöhnliches probiert. Mit Plötzlich Pirat:in habe ich endlich mal eins der berüchtigten Rollenspiel-Hörspiele aus der Schmiede von Johannes Wolf und Co (Puerto Patida) gehört, und obwohl ich das Format persönlich nicht so spannend finde, ziehe ich doch meinen Piratenhut vor der Idee und der Umsetzung. Der 1LIVE-Podcast Der Raum setzt Prominente einfach alleine in einen Raum und lässt sie 30 Minuten reden. Schicke Frise verlegt das Interview in den Friseurstuhl, aber nicht nur als Gimmick, sondern es werden tatsächlich währenddessen Haare geschnitten. Auch Studio Komplex, ein neuer Podcast des HR, hat mir zwar selbst nicht gefallen, ist aber als investigatives Format mit hoher Selbstreferentialität formell auf jeden Fall ein bemerkenswertes Experiment.

11. Interviewen ist ein Handwerk

In meinen Empfehlungen fanden sich auch diverse Interviewformate, und es war besonders im direkten Vergleich schon noch einmal deutlich zu hören, dass Interviews gut und schlecht sein können und das nicht nur an der interviewten Person liegt. Vorbereitete Fragen ablesen, die im Zweifelsfall nicht besonders interessant sind, machen leider noch kein Interview. Wer denkt “Ich muss ja einfach nur irgendwelche Leute was fragen, dann habe ich einen guten Podcast”, ist auf dem Holzweg.

12. Manche Vorurteile bestätigen sich

Natürlich hatte ich über einige Formate, die ich noch nicht gehört hatte, oder bestimmte Ecken der Podcastlandschaft, Vorurteile. Manche haben sich leider bestätigt. Andere dafür zum Glück nicht.

13. Wenn man viele Podcasts hört, hört man wie unterschiedlich Leute reden

Das klingt wie eine Binsenweisheit, war für mich aber ein interessanter Aspekt der Horizonterweiterung. Nicht mehr nur Leute zu hören, die einen gewissen professionellen Hintergrund haben oder aus den gleichen Subkulturen stammen wie ich, fand ich sehr wertvoll. Besonders aufgefallen ist mir, dass schon Menschen, die nur rund zehn Jahre jünger sind als ich (Jahrgang 83), zum Beispiel die Moderatorinnen von Rice and Shine oder Weibers, einfach einen ganz anders geprägten Duktus haben. Podcasts zu hören, die außerhalb der unmittelbaren eigenen Lebenswelt stattfinden, und von denen man vielleicht auch gar nicht die direkte Zielgruppe ist, sensibilisiert einen damit auch für’s restliche Leben – Empathie und so.

14. Podcast-Kuration ist etwas Tolles

Einer der empfohlenen Podcasts war eigentlich ein Podcast im Podcast, die Debütfolge von Stuff the British Stole, eingebettet in 99% Invisible. Zusätzlich zur Folge gab es aber auch ein Intro von 99PI-Moderator Roman Mars und ein anschließendes Interview mit dem Macher. Ich wünsche mir, dass noch mehr Podcasts diese Art der Cross-Promo nutzen, weil sie einfach für mich als Hörer so bequem für Neuentdeckungen, und durch die redaktionelle Einbettung mehr als reine Werbung ist.

15. Es gibt Themen, die mich einfach nicht genug interessieren

Auch das ist eine Erkenntnis. Podcasts erlauben es sehr gut, Nischen zu bedienen, aber auch ich als professioneller Podcasthörer kann nicht einfach so in jede Nische hineinschlüpfen. Bei manchen Themen, die alleine mit meinem persönlichen Geschmack zu tun haben, kann auch ein guter Podcast meine Aufmerksamkeit nicht halten, wenn er sich primär an Leute richtet, die ein Vorinteresse mitbringen.

16. Ansprache ist wichtig

Das folgt aus dem letzten Punkt, und es ist etwas, über das ich schon länger nachdenke. Ich glaube, es machen sich immer noch zu wenige Nicht-Profis (denn Profis müssen es tun) Gedanken darüber, wer eigentlich ihre Zielgruppe ist. Mache ich meinen Podcast für Leute, die das Thema sowieso interessiert? Oder möchte ich möglichst viele Menschen erreichen und ihnen beweisen, dass mein Thema interessant ist? Der zweite Ansatz sorgt wahrscheinlich dafür, dass ich mein eigenes Niveau senken muss, und darauf habe ich wahrscheinlich auf Dauer keine Lust oder halte es auch nicht durch. Aber: Es kann sich lohnen, immer mal wieder Einsteigerfolgen einzustreuen und an Leute zu denken, die später dazukommen und vielleicht noch ein bisschen ins Boot geholt werden müssen. Solche Folgen kann man dann zum Beispiel mir empfehlen, wenn ich Podcapril mache. Clean Electric hatte zum Beispiel so eine Folge parat, und das fand ich klasse.

17. Ich respektiere Podcasts, die nur entstehen, weil die Macher Bock drauf hatten

Das ist die andere Seite der Medaille. Nicht jeder Podcast braucht eine Zielgruppe, und ich finde es auch super, wenn Leute einfach ihr Ding machen, genau so, wie sie es machen wollten. Podcast, as if no one is listening.

18. Ich kenne quasi keine Podcastpromis

Seit Podcasts auch ein Vehikel für Promis und Influencer geworden sind, hat sich nach meinem Empfinden so eine Art Podcast-Personality-Bubble etabliert, mit der ich aber wenige Berührungspunkte habe, weil ich mich dem Medium aus einer anderen Richtung genähert habe. Einigen dieser Menschen, die dem Anschein nach sonst jeder kennt, Micky Beisenherz und Leila Lowfire, zum Beispiel, bin ich durch den Podcapril das erste Mal begegnet. Ich fand es einfach irgendwie witzig, wie man innerhalb des gleichen Medums so aneinandervorbeileben kann – man darf einfach nie vergessen, dass Podcasts nur ein Medium und kein Genre sind und es so viele Startpunkte wie Podcasts gibt.

19. Ich sollte mal auf ein Podcast-Treffen gehen

Ich höre ja wirklich schon lange Podcasts (seit 2007), bin aber überhaupt nicht in der deutschen Indiepodcast-Szene vernetzt – eben weil ich an einem anderen Startpunkt begonnen habe und im Internet eher aus der Blogosphäre als der Podcastosphäre stamme. Als mein Interesse an Podcasts so weit gereift war, dass ich mich gerne mehr vernetzt hätte, bekam ich in kurzer Abfolge erst ein Kind und dann eine Pandemie, so dass Veranstaltungen wie die Subscribe oder Podstock leider keine Option mehr waren. Das möchte ich in Zukunft ändern. Schon das Hören einiger Podcasts aus dieser Szene hat meinen Blick verändert – jetzt würde ich sehr gerne auch die Menschen dazu kennenlernen. (Podstock dieses Jahr passt leider zeitlich nicht.)

20. Ich hasse exklusive Podcasts

Ich hatte einige Podcasts auf der Liste, die ich eigentlich noch hören wollte, die aber exklusiv bei Spotify eingemauert sind. Als ich alle anderen Podcasts, die ich einfach in meinem Podcatcher in den Queue werfen konnte, geschafft hatte, war der Monat vorbei. Die zusätzliche Hürde, eine extra App zu öffnen (ich bin sonst auch kein Spotify-Nutzer), um dort bestimmte Podcasts zu hören, war für mich schon zu viel. Ich habe auch aufgehört, mindestens einen sehr guten Podcast zu hören (Heavyweight), weil er exklusiv zu Spotify gewandert ist. Podcasts sind ein Routinen-Lean-Back-Medium. Ich höre sie nicht, wenn ich sie nicht gut in diese Routinen einbauen kann. Gilt auch für die ARD-Audiothek.

21. Ich weiß, dass ich nichts weiß

Der Podcapril hat mir gezeigt, wie wenige Podcasts ich überhaupt kenne und wie viele es noch zu entdecken gibt. Das ist zwar manchmal etwas erschreckend, aber bedeutet eben auch, dass es immer noch das Potenzial gibt, etwas zu finden, dass einem wirklich gut gefällt. Podcasts wie Our Opinions Are Correct, Des Pudels Kern, Freitagnacht Jews und das schon erwähnte Fashion the Gaze habe ich meinen regulären Abos hinzugefügt. Bei anderen Podcasts wäre ich jederzeit bereit, einzelne Folgen zu hören, wenn sie mir gut empfohlen werden.

22. Ich werde es wieder tun

So anstrengend der Podcapril war, die ständige Auseinandersetzung mit dem Neuen und die teilweise langen Strecken mit Podcasts, die sich wie Hausaufgaben anfühlten, so bereichernd war er auch. Ich mache daraus also ziemlich sicher eine Tradition. Mal schauen, ob wieder nächstes Jahr im April, oder wann sich die nächste gute Zeit dafür findet.

23. Vielleicht brauche ich auch einen festen Platz für Neues

Alternativ oder ergänzend habe ich überlegt, ein Backlog an Podcasts anzulegen, in das ich reinhören möchte und mir einen festen Platz in der Woche oder im Monat zu reservieren (s.o., Routinen) in denen einer dieser Podcasts im Queue nach vorne springt und gehört wird. So könnte ich meinen Horizont regelmäßig und in kleinen Inkrementen erweitern, statt nur auf einen Schlag. Auf jeden Fall gilt: Wer immer das liest, darf mir immer und jederzeit Podcasts empfehlen, auch die eigenen (bitte Punkt 3 und 4 beachten)! Ich werde einen Zeitpunkt finden, um reinzuhören.

Podcastempfehlungen gerne als Kommentar unter diesem Post, auf Twitter oder per Mail an bonjour@realvirtuality.info.

Was könnte eine Programmzeitschrift für Podcasts leisten?

Bild: Rolf Unterberg, CC-BY-3.0 (cropped)

Ich bin jetzt zu knapp zwei Dritteln durch mit meinem #Podcapril-Projekt, und ein Aspekt reckt mir immer wieder sein Köpfchen entgegen: Wie hätte ich einige der wirklich guten Podcast-Perlen, die mir empfohlen wurden, finden sollen, wenn nicht mit einer solchen Aktion? Die verlangt nämlich drei Dinge:

  1. Ich schaffe mir Platz in meinen Hörgewohnheiten für Neues
  2. Ich bitte Menschen um Empfehlungen
  3. Menschen kommen der Bitte nach

Der erste Punkt mag für die Ottonormalpodcasthörerin nicht so entscheidend sein. Wahrscheinlich haben nur wenige Menschen ihre Hörzeiten so vollgestopft wie ich und deswegen tendenziell sowieso Zeit für neue Podcasts. Aber auch Punkt zwei und drei finde ich nicht selbstverständlich. Ich habe das Glück, auf Social Media ein Netzwerk von anderen Podcastbegeisterten aufgebaut zu haben, so dass das Fragen leichtfiel und die Antworten prompt und reichlich kamen. Aber wo bekäme ich gute Empfehlungen her, wenn dem nicht so wäre?

Ich rede dabei explizit nicht davon, einfach irgendwelche neuen Podcasts zu finden. Auch wenn fundierte Podcastkritik in Deutschland nach wie vor selten zu finden ist, gibt es ja viele Empfehlungslisten, es gibt Charts, Start- und Rubrikenseiten bei den großen Anbietern. Aber es gibt nach wie vor wenig redaktionelle Kuration, die einem aus dem Wust des Angebots die Perlen herausfischt. Die einem sagt: Wenn du Zeit hast, lohnt es sich diesen Monat, das hier zu hören.

Ich lande immer wieder bei dem Bild einer Podcast-Programmzeitschrift.

Redaktionelles Drumherum

“Zeitschrift” ist hier natürlich im übertragenen Sinne zu verstehen. Ein Online-Format wäre wahrscheinlich sinniger, auch wenn es für die Manufactum-Crowd vielleicht auch ein gedrucktes Magazin auf schwerem Papier mit ganzseitigen Anzeigen für edle Kopfhörer sein könnte. Entscheidend wäre nur, dass mir dieses Medium immer für einen bestimmten Zeitraum Podcasts und vor allem auch einzelne Podcastfolgen empfiehlt, die es sich wirklich lohnt zu hören. Und zwar nicht als reinen Link (denn diese Art von Kuration kann Fyyd ja), sondern mit redaktionellem Drumherum.

Podcasts haben eine Eigenschaft, die diesem Gedanken komplett entgegensteht: Sie sind eigentlich nicht für gezieltes Reinhören gedacht. Der typische Use Case bei den meisten Podcasts besteht eher darin, Menschen zu finden, denen man gerne zuhört, und ihnen dann in regelmäßigen Abstand immer wieder zuzuhören, bis man eine parasoziale Beziehung aufgebaut hat. Abonnement und Feed sind nicht nur technisch die zentralen Merkmale des Podcasts, sie bestimmen auch die Programmgestaltung. Abgeschlossene Podcasts oder Mini-Serien (um mal eine Terminologie aus dem Fernsehen zu verwenden) brechen inzwischen zwar regelmäßig aus diesem Paradigma aus, aber selbst sie bekommen inzwischen oft im Nachhinein weitere Staffeln, um aus dem einmal abgeschlossenen Abo das Maximum rauszuholen (siehe zum Beispiel “Wild Wild Web“, das sich jüngst mithilfe eines Projekts der DJS eine zweite Staffel geradezu einkaufte.)

Einstiegspunkte

Nichtsdestotrotz gibt es auch bei fortlaufenden Formaten besonders gute Folgen (zum Beispiel Interviewpodcasts mit besonders gelungenen Interviews) oder gute Punkte, an denen es sich lohnen könnte, ins Hören einzusteigen oder dem Format eine Bühne zu bieten. Teilweise passiert das ja sogar organisch, wenn Podcasts zum Beispiel für Preise nominiert werden, ein Jubiläum feiern oder doch irgendwie mal einen viralen Moment haben (leider meistens eher wegen hässlicher als wegen schöner Dinge). Dann gibt es oft einen sprunghaften Anstieg von neuen Hörer*innen. (Dass die schwierige “Shareability” von Podcasts dennoch ein Hindernis für Neueinsteiger*innen ist, ist hinreichend bekannt.)

Um Podcasts auf diese Art gut kuratieren und redaktionell auswählen zu können, bräuchte es idealerweise ein Team an Redakteur*innen, die viel und breit hören. Die Podcastlandschaft ist so weit und vielfältig, das stelle ich gerade im Podcapril wieder fest, dass es unmöglich scheint, mit nur wenigen Leuten einen Überblick zu behalten. Einige Überlappungen sollte es geben, damit gemeinsam informierte Entscheidungen getroffen werden können, aber ansonsten gilt: je weiter das Netz desto besser.

Ein bisschen funktioniert das bei Piqd ja schon so. Die dortigen Piqer*innen sind explizit nach Unterschiedlichkeit in Interessen und Hintergründen zusammengestellt und decken gemeinsam ein weites Feld an Themen und Medien ab, immer auf der Suche nach besonders Hervorhebenswertem. Leider ist nur ein kleiner Teil davon Audiocontent. Ich bin auch ziemlich beeindruckt davon, was Constanze Marie Teschner für Hört Hört! von Pool Artists alles so querhört. Sie scheint inzwischen ein festes Hörkontingent für Neuentdeckungen zu haben (und war auch vor kurzem zum Thema im Über Podcast zu Gast).

Screenshot: Shelfd

Beispiel Shelfd

Einer, der das gleiche Prinzip ja schon länger für ein verwandtes Medium verfolgt, ist David Streit mit Shelfd. Die Kurationsplattform verspricht gut ausgewählte, tägliche Tipps für Bewegtbild-Streaming sowohl von den großen Diensten als auch aus den Mediatheken der deutschen Sender. Im Shelfd-Teamfoto zähle ich 13 Menschen. Wie einigen die sich darauf, was sie abseits der großen, ohnehin beworbenen Produktionen hervorheben?

Das hat mir David dazu geschrieben:

Da wir in der Redaktion alle zeitunabhängig arbeiten, muss diese Entscheidung auch von allen unabhängig von großen Abstimmungsschleifen getroffen werden können. (…) Heute wollen wir für allem Filme, Serien und Dokus empfehlen, die mit Liebe gemacht sind (unabhängig wer dahinter steckt und wie viel Geld der Anbieter hatte). Das ist insofern wichtig, weil damit eine gewisse Erwartungshaltung einher gehen soll. Denn unsere Community soll sich ja denken: Wenn ich Lust auf so einen Inhalt habe, dann schaue ich bei Shelfd vorbei. Vorher war das gar nicht umrissen.

David Streit, Gründer von Shelfd

Nun ist “mit Liebe gemacht” sicher ein sehr subjektives Kriterium, aber ich mag die Idee einer redaktionellen Linie, über die zwischen Empfehlenden und Lesenden kommuniziert wird. Laut David basieren 80 Prozent aller geschauten Videos nach eigenen Erhebungen auf Empfehlungen. Das wird bei Podcasts kaum anders sein.

Anlaufstelle

Eine Programmzeitschrift für Podcasts sollte meiner Meinung nach also einen Schwerpunkt auf Abgeschlossenes und einfache Quereinstiege legen und von einer möglichst breit hörenden Redaktion bespielt werden, die nicht nur in der Lage ist, Empfehlungen auszusprechen, sondern auch zu begreifen und zu formulieren, warum ein Podcast gerade jetzt gut passt. Somit könnte sie Menschen, die nach neuen Empfehlungen suchen, eine verlässliche Anlaufstelle bieten, bei der die Suchenden auch wissen, was sie bekommen. Nicht nur irgendwelche Empfehlungen aus dem persönlichen Geschmacksbereich einiger Expert*innen oder Kritiker*innen, sondern ein Angebot, das mit einer Zielgruppe im Hinterkopf gestaltet wurde, die interessiert ist, aber eben auch nur begrenzte Zeit zur Verfügung hat.

Und warum mache ich das nicht einfach, ich Schlauberger? Weil ich gerne erst noch länger darüber nachdenken und andere Meinungen hören will. Was denkst du, der du das hier gerade liest, dazu? Ich will es wissen. Schreib mir.