Was könnte eine Programmzeitschrift für Podcasts leisten?

Bild: Rolf Unterberg, CC-BY-3.0 (cropped)

Ich bin jetzt zu knapp zwei Dritteln durch mit meinem #Podcapril-Projekt, und ein Aspekt reckt mir immer wieder sein Köpfchen entgegen: Wie hätte ich einige der wirklich guten Podcast-Perlen, die mir empfohlen wurden, finden sollen, wenn nicht mit einer solchen Aktion? Die verlangt nämlich drei Dinge:

  1. Ich schaffe mir Platz in meinen Hörgewohnheiten für Neues
  2. Ich bitte Menschen um Empfehlungen
  3. Menschen kommen der Bitte nach

Der erste Punkt mag für die Ottonormalpodcasthörerin nicht so entscheidend sein. Wahrscheinlich haben nur wenige Menschen ihre Hörzeiten so vollgestopft wie ich und deswegen tendenziell sowieso Zeit für neue Podcasts. Aber auch Punkt zwei und drei finde ich nicht selbstverständlich. Ich habe das Glück, auf Social Media ein Netzwerk von anderen Podcastbegeisterten aufgebaut zu haben, so dass das Fragen leichtfiel und die Antworten prompt und reichlich kamen. Aber wo bekäme ich gute Empfehlungen her, wenn dem nicht so wäre?

Ich rede dabei explizit nicht davon, einfach irgendwelche neuen Podcasts zu finden. Auch wenn fundierte Podcastkritik in Deutschland nach wie vor selten zu finden ist, gibt es ja viele Empfehlungslisten, es gibt Charts, Start- und Rubrikenseiten bei den großen Anbietern. Aber es gibt nach wie vor wenig redaktionelle Kuration, die einem aus dem Wust des Angebots die Perlen herausfischt. Die einem sagt: Wenn du Zeit hast, lohnt es sich diesen Monat, das hier zu hören.

Ich lande immer wieder bei dem Bild einer Podcast-Programmzeitschrift.

Redaktionelles Drumherum

“Zeitschrift” ist hier natürlich im übertragenen Sinne zu verstehen. Ein Online-Format wäre wahrscheinlich sinniger, auch wenn es für die Manufactum-Crowd vielleicht auch ein gedrucktes Magazin auf schwerem Papier mit ganzseitigen Anzeigen für edle Kopfhörer sein könnte. Entscheidend wäre nur, dass mir dieses Medium immer für einen bestimmten Zeitraum Podcasts und vor allem auch einzelne Podcastfolgen empfiehlt, die es sich wirklich lohnt zu hören. Und zwar nicht als reinen Link (denn diese Art von Kuration kann Fyyd ja), sondern mit redaktionellem Drumherum.

Podcasts haben eine Eigenschaft, die diesem Gedanken komplett entgegensteht: Sie sind eigentlich nicht für gezieltes Reinhören gedacht. Der typische Use Case bei den meisten Podcasts besteht eher darin, Menschen zu finden, denen man gerne zuhört, und ihnen dann in regelmäßigen Abstand immer wieder zuzuhören, bis man eine parasoziale Beziehung aufgebaut hat. Abonnement und Feed sind nicht nur technisch die zentralen Merkmale des Podcasts, sie bestimmen auch die Programmgestaltung. Abgeschlossene Podcasts oder Mini-Serien (um mal eine Terminologie aus dem Fernsehen zu verwenden) brechen inzwischen zwar regelmäßig aus diesem Paradigma aus, aber selbst sie bekommen inzwischen oft im Nachhinein weitere Staffeln, um aus dem einmal abgeschlossenen Abo das Maximum rauszuholen (siehe zum Beispiel “Wild Wild Web“, das sich jüngst mithilfe eines Projekts der DJS eine zweite Staffel geradezu einkaufte.)

Einstiegspunkte

Nichtsdestotrotz gibt es auch bei fortlaufenden Formaten besonders gute Folgen (zum Beispiel Interviewpodcasts mit besonders gelungenen Interviews) oder gute Punkte, an denen es sich lohnen könnte, ins Hören einzusteigen oder dem Format eine Bühne zu bieten. Teilweise passiert das ja sogar organisch, wenn Podcasts zum Beispiel für Preise nominiert werden, ein Jubiläum feiern oder doch irgendwie mal einen viralen Moment haben (leider meistens eher wegen hässlicher als wegen schöner Dinge). Dann gibt es oft einen sprunghaften Anstieg von neuen Hörer*innen. (Dass die schwierige “Shareability” von Podcasts dennoch ein Hindernis für Neueinsteiger*innen ist, ist hinreichend bekannt.)

Um Podcasts auf diese Art gut kuratieren und redaktionell auswählen zu können, bräuchte es idealerweise ein Team an Redakteur*innen, die viel und breit hören. Die Podcastlandschaft ist so weit und vielfältig, das stelle ich gerade im Podcapril wieder fest, dass es unmöglich scheint, mit nur wenigen Leuten einen Überblick zu behalten. Einige Überlappungen sollte es geben, damit gemeinsam informierte Entscheidungen getroffen werden können, aber ansonsten gilt: je weiter das Netz desto besser.

Ein bisschen funktioniert das bei Piqd ja schon so. Die dortigen Piqer*innen sind explizit nach Unterschiedlichkeit in Interessen und Hintergründen zusammengestellt und decken gemeinsam ein weites Feld an Themen und Medien ab, immer auf der Suche nach besonders Hervorhebenswertem. Leider ist nur ein kleiner Teil davon Audiocontent. Ich bin auch ziemlich beeindruckt davon, was Constanze Marie Teschner für Hört Hört! von Pool Artists alles so querhört. Sie scheint inzwischen ein festes Hörkontingent für Neuentdeckungen zu haben (und war auch vor kurzem zum Thema im Über Podcast zu Gast).

Screenshot: Shelfd

Beispiel Shelfd

Einer, der das gleiche Prinzip ja schon länger für ein verwandtes Medium verfolgt, ist David Streit mit Shelfd. Die Kurationsplattform verspricht gut ausgewählte, tägliche Tipps für Bewegtbild-Streaming sowohl von den großen Diensten als auch aus den Mediatheken der deutschen Sender. Im Shelfd-Teamfoto zähle ich 13 Menschen. Wie einigen die sich darauf, was sie abseits der großen, ohnehin beworbenen Produktionen hervorheben?

Das hat mir David dazu geschrieben:

Da wir in der Redaktion alle zeitunabhängig arbeiten, muss diese Entscheidung auch von allen unabhängig von großen Abstimmungsschleifen getroffen werden können. (…) Heute wollen wir für allem Filme, Serien und Dokus empfehlen, die mit Liebe gemacht sind (unabhängig wer dahinter steckt und wie viel Geld der Anbieter hatte). Das ist insofern wichtig, weil damit eine gewisse Erwartungshaltung einher gehen soll. Denn unsere Community soll sich ja denken: Wenn ich Lust auf so einen Inhalt habe, dann schaue ich bei Shelfd vorbei. Vorher war das gar nicht umrissen.

David Streit, Gründer von Shelfd

Nun ist “mit Liebe gemacht” sicher ein sehr subjektives Kriterium, aber ich mag die Idee einer redaktionellen Linie, über die zwischen Empfehlenden und Lesenden kommuniziert wird. Laut David basieren 80 Prozent aller geschauten Videos nach eigenen Erhebungen auf Empfehlungen. Das wird bei Podcasts kaum anders sein.

Anlaufstelle

Eine Programmzeitschrift für Podcasts sollte meiner Meinung nach also einen Schwerpunkt auf Abgeschlossenes und einfache Quereinstiege legen und von einer möglichst breit hörenden Redaktion bespielt werden, die nicht nur in der Lage ist, Empfehlungen auszusprechen, sondern auch zu begreifen und zu formulieren, warum ein Podcast gerade jetzt gut passt. Somit könnte sie Menschen, die nach neuen Empfehlungen suchen, eine verlässliche Anlaufstelle bieten, bei der die Suchenden auch wissen, was sie bekommen. Nicht nur irgendwelche Empfehlungen aus dem persönlichen Geschmacksbereich einiger Expert*innen oder Kritiker*innen, sondern ein Angebot, das mit einer Zielgruppe im Hinterkopf gestaltet wurde, die interessiert ist, aber eben auch nur begrenzte Zeit zur Verfügung hat.

Und warum mache ich das nicht einfach, ich Schlauberger? Weil ich gerne erst noch länger darüber nachdenken und andere Meinungen hören will. Was denkst du, der du das hier gerade liest, dazu? Ich will es wissen. Schreib mir.

Die Filmblogosphäre bei “Blogger privat” (II)

Nach Gorana von der “ERGOthek” und Wulf vom “Medienjournal” waren in den letzten zwei Wochen wieder mal zwei Filmblogger_innen in der Internetsendung von Radio Fritz, “Trackback” zu Gast, genauer in der Rubrik “Blogger Privat”.

Renaissance Man David Streit, der unter anderem “Farbensportlich” und “Previevv” zum Thema Filme macht, spricht in der Sendung vom 24. Oktober über sein aktuelles Projekt “Shelfd”. David hat Sophie Rieger, die “Filmlöwin“, nominiert, die unter anderem über das Pornfilmfestival spricht. Sophie hat mich nominiert. Mal schauen, ob die Redaktion das gut findet, und ich nächste Woche im Radio sein darf. (Ergänzung: Tut sie nicht. Sophies Alternativvorschlag wurde ausgewählt.)

Filme “normal” gucken

Als ich 2002 mein Studium mit dem Hauptfach Filmwissenschaft begann, wurde mir eine Frage immer wieder gestellt. “Kannst du denn jetzt Filme noch normal gucken?” Die Frage ist so beständig, dass sie selbst vor einem halben Jahr in David Streits Intervievv wieder auftauchte – was mich dazu brachte, noch einmal systematischer über das Thema nachzudenken.

Was Menschen, die diese Frage stellen, damit wohl meistens meinen ist: Ist es möglich, sich eine Art Unschuld beim Filme gucken zu bewahren, auch wenn man vielleicht mehr über Filme weiß, als vorher. Die Frage lässt sich sicher auf fast jeden anderen Beruf ummünzen. Kann ein_e Botaniker_in durch einen Park gehen, ohne überall Pflanzen zu identifizieren? Kann ein_e Architekt_in eine Stadt besuchen, ohne aus dem Augenwinkel die Statik der ihn oder sie umgebenden Häuser abzuschätzen? Das Eigentümliche bei Filmen ist wohl, dass sie ein allgegenwärtiges Konsumgut sind, über deren Hintergründe allerdings die wenigsten Menschen genauer nachdenken (wollen). Ich habe beobachtet, dass Ernährungswissenschaftler_innen gerne ähnliche Fragen gestellt bekommen.

1,6 mal pro Jahr ins Kino

Natürlich muss man die Frage zunächst umdrehen, das heißt: Wie schaut man einen Film denn “normal”? Was ist ein “normaler” Zuschauer? Jemand, der 1,6 mal pro Jahr ins Kino geht, 2014 in Monsieur Claude und seine Töchter und die Hälfte vom dritten Hobbit? Ich denke in diesem Zusammenhang oft an meine Eltern, die noch seltener ins Kino gehen, aber dennoch seit mittlerweile über 50 Jahren Filme schauen – jene Filme eben, die ihnen die großen Fernsehsender jeden Abend um 20.15 Uhr vorsetzen. Mit gewissen Abstrichen natürlich, meine Mutter mag zum Beispiel, ohne so genau sagen zu können warum, keine französischen Filme. Aber wie weit reicht die Spanne? Wann hört Filmkonsum auf, seine Unschuld zu verlieren?

Einer der Unterschiede, die ich zwischen “normalen” und “fortgeschrittenen” Filmguckern festgestellt habe, ist die Art und Weise, wie Filme kategorisiert werden. Meine Eltern wissen bei einem Film wahrscheinlich das grobe Genre, vielleicht noch, wer die Hauptrollen gespielt hat – falls die Schauspieler bekannt genug sind. Als ich ihnen vor kurzem Midnight in Paris ans Herz gelegt habe, ging ein großer Teil des Charmes an ihnen verloren, weil sie die vielen kleinen Filmstars nicht kannten, die sich dort in Minirollen tummeln. Filmliebhaber sortieren Filme stärker nach Regisseuren, nach Generationen oder “Schulen”, falls es diese gibt. Ausnahmen wie Tom Cruise, der jeden Film dominiert, in dem er mitspielt, bestätigen die Regel.

Die unsichtbare Linie

Aber fügt solches Zusatzwissen dem Filmgenuss wirklich so viele Dimensionen hinzu, dass “Normalität” beim Schauen verlorengeht? Diese Frage hat mich auch in meiner Filmblogosphären-Diskussion immer wieder beschäftigt, wo ich ja auch – vielleicht zu unrecht – darüber sinniert habe, ob es eine unsichtbare Linie zwischen Filmprofis und Filmamateuren gibt.

Wenn ich an mein Studium zurückdenke, sehe ich vor allem drei Dinge, die meinen Blick auf Filme verändert habe. Ich vermute, dass es anderen Menschen auch so geht, die Film – egal ob an einer Hochschule oder privat – intensiv studieren. Als erstes die Erweiterung des filmischen Vokabulars. Nachdem ich im ersten Semester Einstellungsgrößen, Montagetechniken, Beleuchtungsstile und andere Dinge gelernt hatte, die zur Filmanalyse gehören, war es mir viel besser möglich, präzise zu benennen, was einen Film in meinen Augen ausmachte.

Film-Traditionen und Denk-Traditionen

Zweitens haben sich mir historische Zusammenhänge erschlossen, die ich zuvor nicht kannte. Ich gebe gerne zu, dass ich vor meinen ersten Vorlesungen noch nie von der Nouvelle Vague gehört hatte. Jemand, der etwas älter ist als ich, kennt die Nouvelle Vague vielleicht, aber hat er mal die Werke der russischen Revolutionsfilmemachern gesehen? Nur wenige Menschen beschäftigen sich filmisch mit Epochen oder Genres, die für sie nicht irgendeine persönliche Bedeutung haben (vor meinen Studium hatte ich immerhin Metropolis gesehen, weil ich mich für Science Fiction interessierte). Aber zu wissen, auf welche Traditionen moderne Filmemacher zurückgreifen, wenn sie heute ihre Filme machen; welche Revolutionen es im Laufe der Filmgeschichte gab, das hat meinen Blick entscheidend geweitet.

Drittens schließlich führt ein Film-Studium dazu, dass man viel darüber erfährt, welche Gedanken sich andere Menschen bereits zu Filmen gemacht haben. Dabei ist es unerheblich, ob man tatsächlich – wie ich – Gefallen an Filmtheorie und an den Grundfragen dessen, was Film ausmacht, findet oder einfach nur viel Filmkritik liest. Der Punkt ist, dass man irgendwann feststellt, dass es viele verschiedene Arten gibt, Filme zu sehen und über Filme nachzudenken. Und dass somit reine Filmempfehlungen, jener “Service”, den etwa das Flugblatt zur aktivistischen Filmkritik so verschreit, nur ein kleiner, wenig ergiebiger Aspekt der Beschäftigung mit Film ist.

Das alles ist aber, wie gesagt, nur reines Wissen, dass sich jeder aneignen kann, der genug Zeit darin investieren möchte. Einige Menschen tun das zu unterschiedlichen Graden und wahrscheinlich werden sie dennoch nur selten gefragt, ob sie Filme noch “normal” schauen können. Sie schauen Filme eben informierter, sie können sie besser kontextualisieren und genauer benennen, was sie an ihnen mögen, oder eben nicht.

Sichten statt sehen

Meiner Ansicht nach kommt ein gewisser “Unschuldverlust” eher in dem Moment, wenn dieses Wissen zum Beruf wird. Wer als Filmkritiker_in arbeitet, als Redakteur_in für einen Fernsehsender, als Mitarbeiter_in einer PR-Agentur, wer ein Kino betreibt oder für ein Festival oder einen Verleih Filme sucht, für den wird ein Film von einem kulturellen Gut – egal wie sehr man es künstlerisch zu schätzen weiß – zu einem Broterwerb. Man “sichtet” statt zu “sehen”. Muss man nach dem Film eine Kritik schreiben oder diesen später verkaufen, denkt man vielleicht schon während des Films darüber nach, welche Momente man hervorheben möchte und mit welchen Formulierungen. Soll man den Film für eine Auswertung in einem anderen Kontext bewerten, prüft man schon während des Sehens, ob der Film für diesen Kontext passend ist. Wenn nicht, und falls man die Kontrolle darüber hat, bricht man die Sichtung vielleicht frühzeitig ab, weil die Zeit zu kostbar ist. (Eine der Erfahrungen, die mir als Mensch, der Dinge gerne zu Ende bringt am Anfang meiner Zeit bei 3sat am meisten das Herz gebrochen hat.)

Und noch über einen weiteren Aspekt denken Film-Amateure wahrscheinlich selten nach. Film-Profis sehen viele Filme. Und im Gegensatz zu Filmnerds, die dagegenhalten könnten, dass sie vielleicht sogar noch viel mehr Filme schauen, wählen Film-Profis diese Filme in der Regel nicht selbst aus. Diese Abwesenheit eines “selection bias” führt automatisch dazu, dass man seinen eigenen, filmischen Horizont noch einmal enorm erweitert, ob man will oder nicht.

Ein gigantischer Sumpf an schlechten Filmen

Zum Thema “oder nicht”: Sowohl als etwas-auf-sich-haltende_r hauptberufliche_r Filmkritiker_in als auch als jemand, der für ein Festival oder einen Lizenzgeber arbeitet, watet man regelmäßig durch einen gigantischen Sumpf an mittelmäßigen und wirklich schlechten Filmen. Und ich meine nicht Michael-Bay-schlecht oder Meine-Erwartungen-wurden-enttäuscht-schlecht. Ich meine abgrundtief, warum-hat-jemand-diese-Menschen-in-die-Nähe-einer-Kamera-gelassen-schlecht.

Die schlechten Filme sind aber nicht einmal das größte Problem. Viel erstaunlicher ist es, festzustellen, wie unfassbar viel Mittelmaß produziert wird. Filme, an denen nichts direkt falsch ist, aber die einfach nichts Besonderes an sich haben. Anschließend wird aber trotzdem von einem erwartet, dass man zu diesen Filmen eine Meinung hat – und diese Meinung kann anderswo in einer betriebswirtschaftlichen Entscheidung münden. Das verändert die Art, wie man Filme schaut.

Echter Genuss geht nicht verloren

Das Gute ist, dass selbst die Abgebrühtheit, die man in so einer Profession entwickelt, einem in der Regel echten Genuss nicht verderben kann. Sehr gute Filme stechen heraus, sie machen wach – meistens, damit man dann hinterher feststellen kann, dass alle anderen auch dieser Meinung sind und damit die eigene Meinung entweder wenig zählt oder der Film unerreichbar geworden ist. Ganz selten nur stehen die Sterne in einer Reihe und man gehört zu den ersten, die das Außergewöhnliche in einem Film erkennen, den andere vielleicht als belanglos abgetan haben. Zum Verfechter eines solchen Films zu werden und zu sehen, wie der Rest der Welt schließlich reumütig seine Sicht der Dinge ändert, für solche Momente lebt man als Film-Profi.

Der wahre Hirnfick, man möge mir mein Französisch verzeihen, kommt dann erst noch eine Stufe später – und er ist für mich der entscheidende Punkt in der endlosen und leider nur selten fruchtbaren Diskussion zwischen Kritiker_innen und Filmemacher_innen. Sobald man nämlich Teil der Industrie wird, die Filme tatsächlich regelmäßig und professionell herstellt, also wirklich hauptberuflich und nicht nur ab und zu, ist der Unschuldsverlust komplett. Ich schreibe hier spekulativ, weil ich selber nie Filmemacher war, aber ich habe es bei anderen beobachtet.

Soll man einen IKEA-Tisch kritisieren?

Der Punkt ist auch hier nicht der Verlust der Wertschätzung für gute Filme. Jeder Profi weiß gute Arbeit zu schätzen. Das Problem ist, dass er oder sie jetzt weiß (und nicht nur ahnt), wie viel gute Arbeit auch in mittelmäßigen und misslungenen Filmen steckt. Die oben erwähnten un-besonderen Filme, die nichts falsch machen – auch für sie haben jede Menge hart arbeitende Menschen viel Schweiß gelassen. Wahrscheinlich haben viele von ihnen mit Herzblut an ihr Projekt geglaubt. Und in so vielen anderen Lebensbereichen ist “gut genug” auch tatsächlich gut genug. Sollte man einen Standard-IKEA-Tisch dafür kritisieren, dass er formell nicht besonders innovativ ist? Dass er nicht aus der Masse von Tischen heraussticht?

Und selbst wenn man einen Film vielleicht nicht außergewöhnlich findet – die Filmbranche ist nicht groß und die Chancen stehen gut, dass man einen der Menschen kennt, die an diesem Film beteiligt waren. Dass man weiß, dass dieser Mensch sein Bestes gegeben hat. Immer wieder sind auch Filmkritiker_innen in diese Falle hineingezogen worden, wenn sie im Laufe ihrer Zeit persönliche Beziehungen zu Filmemacher_innen aufgebaut haben, am prominentesten vielleicht Pauline Kael, ein jüngeres Beispiel ist der abscheuliche Vorwurf, der die Gamergate-Debatte losgetreten hat. Als Kritiker_in kann man in so einem Fall wenigstens noch sagen, dass man einen bestimmten Film nicht besprechen möchte, aber sollte diese “Menschen haben hart dafür gearbeitet”-Argumentation wirklich für alle gelten, die über den Film urteilen sollen? Oder verdirbt man nicht gerade dadurch die Fähigkeit, Filme “normal” zu gucken.

Der Durchschnitt als Maßstab

Weil ich gerade in der Anfangszeit meines Studiums so oft gefragt wurde, ob ich Filme noch normal gucken kann, hatte ich mir irgendwann eine Standardantwort zurechtgelegt. Sie lautete: Durch zusätzliches Hintergrundwissen werden für mich gute Filme besser und schlechte Filme schlechter. Wahrscheinlich ist das eine Form von “nicht mehr normal”. Aber da fast jeder von uns irgendeine Form von besonderem Wissen hat, die einem manchmal hilft und manchmal im Weg steht, gibt es diese mythische Normalität vielleicht auch gar nicht, außer eventuell im rein statistischen Durchschnitt. Der jedoch sollte meiner Ansicht nach nie als Maßstab herhalten. Sonst würden wir uns doch alle viel zu sehr der persönlichen Erfahrung berauben, die wir jedes Mal machen, wenn wir überhaupt einen Film sehen dürfen.

Wie sind eure Erfahrungen mit dem Sehen von Filmen? Wie beeinflusst euer Vorwissen die Filme, die ihr schaut? Für die Antworten auf diese Fragen besitzt dieses Blog eine Kommentarfunktion.

Bildquelle

In eigener Sache: Alex im INTERVIEVV

David Streit hat mir geschmeichelt und mich in die Riege seiner “Intervievv“-Partner aufgenommen, in der unter anderem auch schon Gunter Dueck und Richard Gutjahr mitgemacht haben. Das Rezept ist simpel: David stellt die Fragen und der Interviewte zeichnet sein eigenes Video auf. Ich nehme darin “Stellung” zu meinen Steckenpferd-Themen Film-Blogosphäre und Digitale Ästhetik und dem jüngsten Brouhaha um die Sperrfrist zu Guardians of the Galaxy. Einblicke in eine Ecke meines Wohnzimmers gibt es inklusive. Für Kamera und Schnitt danke ich natürlich Cutterina.