Beinahe unaufhaltsam: Bilals Weg in den Terror

Es gibt Tonaufnahmen, die so mächtig sind, dass man eine fünfteilige Radioserie um sie aufbauen kann. Weniger als eine Minute lang ist wahrscheinlich die Whatsapp-Audionachricht, die der 17-jährige Bilal aus Syrien an einen Freund in Deutschland schickt und doch funktioniert sie wie eine Art Generalschlüssel für den gesamten Themenbereich „Radikalisierung junger Muslime in Westeuropa“. Bilal ist aus Hamburg über die Türkei nach Syrien gereist, um sich dem IS anzuschließen und für die gute Sache des Islam zu kämpfen.

Doch in Syrien findet er nur Chaos vor. Er wird eingesperrt und mit leeren Versprechungen hingehalten. Nichts von dem, was ihm erzählt wurde, ist wahr. Stattdessen begreift er schnell, warum er nach Syrien geholt wurde. Seine Altersgenossen und er dienen dem IS als Kanonenfutter in seinem scheinheiligen Krieg. Fassungslos wiederholt er, was er sieht: „Die schicken einfach die Brüder zum Tod.“

Weiterlesen in epd medien 9/17

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Drei Minuten vor zwölf

Als jemand, der Anfang der 1980er Jahre geboren wurde, hatte ich Zeit meines Lebens Schwierigkeiten damit, das Lebensgefühl dieser Dekade nachzuempfinden – bis vor einigen Jahren, als der Zeitgeist plötzlich wieder zu passen schien. Warum das so sein könnte, darauf legen andcompany&Co. in ihrem Hörspiel, das auch als Theaterstück schon durch Deutschland getourt ist und den unmerkbaren Namen WARPOP MIXTAKE FAKEBOOK VOLXFUCK PEACE OFF! ‘Schland Of Confusion trägt, eigentlich ganz gut den Finger: Angst.

Die “Doomsday Clock”, die Weltuntergangsuhr, die die Gefahr der globalen Bedrohung anzeigt, ist 2015 wieder auf drei Minuten vor zwölf vorgestellt worden, zum ersten Mal seit 1984. Das nimmt die Performance-Gruppe zum Anlass, um wie mit einem riesigen Schaufelbagger die kulturellen Artefakte von damals aufzuklauben, sie über dem Heute wieder abzuwerfen und in einem akustischen Thermomix kräftig mit der momentanen Stimmung zu verquirlen. In einer fiktiven Radiosendung stellt die fiktive Band “Die Schlitz” ihr Album “Schewenborn” vor, benannt nach Gudrun Pausewangs 1983 erschienenem Anti-Atomkriegsroman Die letzten Kinder von Schewenborn, der seinerseits in einer fiktiven Kleinstadt spielt.

Was es Mitte der 80er nicht alles gab. James Camerons Film The Terminator, in dem eine Maschine aus der postapokalyptischen Zukunft Jagd auf eine Frau macht, Pseudo-Protest-Pop wie Genesis’ Land of Confusion, Midnight Oils Beds are Burning und Ultravox’ Dancing With Tears in My Eyes. Heckscheiben-Aufkleber gegen AKWs und Waldsterben. Friedenskonzerte mit Udo Lindenberg. Und George Orwells drohendes Menetekel in Form eines Romantitels.

Weiterlesen in epd medien 41/2016

WARPOP MIXTAKE FAKEBOOK VOLXFUCK PEACE OFF! ‘Schland Of Confusion in der WDR-Mediathek

In der Mitte ein Loch: Der talentierte Mr. Vossen

Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ (und die zwei Verfilmungen mit Alain Delon und Matt Damon) handeln von einem mittellosen jungen Mann, der über Leichen geht, um sich die Identität und den Lebensstil eines reichen Freundes anzueignen, und am Ende damit davonkommt. Felix Vossen, dessen Name im Titel der NDR-Podcastserie in Anspielung auf Highsmiths Roman verwendet wird, ist der wohlhabende Sohn eines Textilfabrikanten, der sich nach Jahren luxuriösen Lebens mit 60 Millionen Euro veruntreutem Geld absetzte und derzeit in Zürich im Gefängnis sitzt. Bis auf die Tatsache, dass beide Personen ihren Freunden etwas vorspielen, haben Mr. Ripley und Mr. Vossen nicht viel gemeinsam.

Doch nicht nur der Titel suggeriert Hörerinnen und Hörern etwas, das Christoph Heinzles Hörfunk-Reihe nur schwer einlösen kann. Von einem „rätselhaften“ Kriminalfall spricht Heinzle im Vorspann jeder Folge, der in der „Jagd“ auf einen Millionenbetrüger mündete. Dabei ist Vossen, das gibt der Autor bereits in der zweiten der sieben Folgen zu, das klassische Zentrum eines Ponzi-Systems, in dem ein charmanter Vertrauensmann mit dem Versprechen auf hohe Rendite immer neue Investoren anwirbt, um alte Investoren auszuzahlen und immer größere Geldlöcher zu stopfen.

Eine Folge zuvor hat man erfahren, dass die Jagd auf Vossen wenig spektakulär mit einer Festnahme bei einer Routinekontrolle in Spanien endete. Statt auf eine Jagd begibt sich Christoph Heinzle also auf eine Spurensuche durch die verschiedenen Stationen von Vossens Leben. Das Ende der 90er Jahre Konkurs gegangene Frottier- Unternehmen Vossen in Gütersloh, das Internat in der Schweiz, die gelinkten Freunde in London, Felix Vossens leidenschaftliche Ausflüge ins Filmgeschäft.

Die vollständige Kritik ist erschienen in epd medien 40/2016.

Was “Live Escape Room” Games fehlt

Die junge akademische Disziplin der Game Studies teilte sich in ihren Gründungsjahren in zwei Lager auf. Die “Narratologen” entschieden, Spiele als einen Text wie jeden anderen zu betrachten, der mit den erprobten Mitteln der Literaturwissenschaft auf die Geschichte hin analysiert werden kann, die er erzählt. Ein Schachspiel, etwa, erzählt die Geschichte zweier Völker, die gegeneinender Krieg führen.

Gegen diese Sichtweise rebellierte die Schule der “Ludologen” (von lat. “ludos”, Spiel). Ihrer Ansicht nach muss man zur Analyse von Spielen ein neues Instrumentarium anlegen, das sich rein auf die spielerischen Aspekte wie Regeln und ihre Anwendung bezieht. Spiele sind nach Ansicht der Ludologen “Simulationen”, in denen Sinn von den Spielern und nicht von einem Autor erzeugt wird. Die Geschichte ist höchstens Beiwerk, Ausschmückung der Spielprinzipien.

Hauptdarsteller sein

Die junge Freizeitgestaltung der “Escape Room”-Spiele hat sich in seiner Vermarktung für das Lager der Narratologen entschieden. Als ich vor zwei Wochen angeschrieben und gefragt wurde, ob ich als Blogger Lust hätte, einen neuen Escape Room-Anbieter namens Claustrophobia in Berlin zu testen, wurde mir angekündigt, ich könnte dort “selbst die Hauptrolle in einer filmreifen Kulisse” spielen. Und auch auf der Website heißt es: “Warum also Filme nur anschauen, wenn Du der Hauptdarsteller sein kannst?” und “Du schreibst eine einzigartige Geschichte”.

Und tatsächlich sind die “Live Escape Rooms” bei Claustrophobia mit einem gewissen narrativen Anstrich versehen. Der von mir ausgewählte “Quest” namens “Schutzraum 13” spielt in einer apokalyptischen Zukunft des Jahres 2077. Die Welt ist atomar verseucht, meine drei Begleiter_innen und ich gehören zu den letzten Überlebenden, die unter der Erde Schutz gesucht haben. Doch nun ist die Zeit gekommen: Wir wollen mal wieder an die Oberfläche, um zu gucken, ob die Sonne scheint, wie unsere Game Masterin Marina erklärt. Dafür haben wir 60 Minuten Zeit und müssen uns durch eine Reihe von Puzzles quizzen. Wir können im Escape Room alles machen, manipulieren und anwenden – außer all den Dingen, die wir nicht machen können, wie wir ebenfalls erklärt bekommen.

Liebe in der Gestaltung

Die Tür fällt ins Schloss und los geht’s. Als erstes fällt auf, wie viel Liebe in die Gestaltung des Raums geflossen ist. Von der atmosphärischen Beleuchtung, über das geschickte Verstecken von nicht zur Spielwelt gehörenden Elementen bis zum stimmigen Gesamtdesign aller Requisiten und Bauten. Schon nach kurzer Zeit fühlt man sich wirklich wie in einem postapokalyptischen Bunker, komplett mit “Nuclear Cola” und allem.

Nachdem wir zehn bis 15 Minuten unsere Umgebung erkundet, diverse Gegenstände gefunden und mehrfach über die Laustsprecheranlage ermahnt wurden, dass wir bitte das ein oder andere Ding in Ruhe lassen sollen, scheinen wir unserem Ziel, die erste Tür zu öffnen, noch nicht wirklich näher gekommen. Also holen wir uns nach etwas Debatte zähneknirschend über einen Klingelknopf einen Hinweis von unserer Game Masterin. Der ist so einleuchtend, das wir alle ein bisschen aufstöhnen. Die gleiche Situation ereilt uns rund 15 Minuten später wieder. Wir kommen nicht weiter und der rettende Hinweis erscheint unfassbar banal. Am Ende schaffen wir es ganz knapp, die letzte Tür zu öffnen, nicht ohne Marina zwei weiter Male um Hilfe zu bitten. Die Erleichterung, als das Rolltor in die Höhe fährt und Tageslicht erkennen lässt, ist echt. Mein Frust aber ist es auch.

Escape Rooms als LARPs?

Ich habe mit 16 Jahren angefangen, Liverollenspiele (LARPs) zu spielen und habe sie auch schon selbst geplant und geleitet. Ich bin kein Hardcore-Larper, der im Sommer jedes Wochenende woanders sein Latex-Breitschwert auspackt, sondern spiele vor allem mit einer kleinen Gruppe von Freunden einmal im Jahr in wechselnden Settings. Nach der Spielertypologie von Robin D. Laws bin ich ganz klar ein “Storyteller”. An LARPs, die ja auch häufig als eine Reihe von zu lösenden Aufgaben auftreten, begeistert es mich, Teil einer vielleicht sogar transmedial erzählten Geschichte zu sein. Dafür bin ich, genau wie Laws beschreibt, oft auch schnell bereit, meinen gewählten Charakter etwas zu vernachlässigen und bin “quick to compromise if it moves the story forward”. Ideale Voraussetzungen für ein Escape Game, dachte ich.

Aber Escape Rooms sind keine LARPs – und deswegen ist es auch egal, welcher Spielertyp man ist. Sie folgen trotz ihren narratologischen Marketings knallhart ludologischen Prinzipien. Es mag schön aussehen, dass nukleare Cola in einem verbeulten Verkaufsautomaten steht, für das Gewinnen des Spiels ist es aber völlig irrelevant. Auch kreatives und originelles Denken wird, anders als in einem LARP mit guter Spielleitung, nicht belohnt. Obwohl das Setting mit seiner Bewegungsfreiheit und Atmosphäre eine alternative Realität suggeriert, ist es in Wirklichkeit ein Spiel mit sehr engen Regeln.

Point and Click

Der beste Vergleich sind die Point-and-Click-Adventures, die in den 80er und 90er Jahren ihre Blütezeit hatten. Zumindest in unserem Escape Room folgte das Spiel einem klaren Prinzip. Finde Objekt A, benutze Objekt A mit Objekt B, um Objekt C zu erhalten, wende Objekt C an Objekt D an, um Zugang zu Objekt E zu bekommen. Um dieses Prinzip am effektivsten anzuwenden, sind Atmosphäre und suggerierter Hintergrund sogar eher hinderlich, denn je nüchterner man die Objekte als Mittel zum Zweck betrachtet und je weniger man versucht, vom Setting auf die Problemlösungen zu schließen, umso schneller kommt man voran. Genau wie in Point-and-Click-Adventures ist der eigentliche Pfad durch das atmosphärische Dickicht ein sehr schmaler – als Spieler_in kann man eben doch nur auf die Punkte im Bild klicken, bei denen der Mauszeiger seine Farbe verändert. Denn Sinn erschafft man selbst. Der Autor hat nur die Regeln festgelegt, nicht die Geschichte.

Wenn ich das nächste Mal ein Escape Room Game spiele, und das werde ich mit Sicherheit, denn es hat trotz allem Frust auch wirklich Spaß gemacht, werde ich das im Hinterkopf behalten. Vielleicht könnte mir das Spiel aber auch etwas entgegen kommen, indem es seine Rätsel etwas mehr durch die anfangs suggerierte Story motiviert. Wenn wir seit der nuklearen Apokalypse in diesem Schutzraum sind, warum kennen wir ihn nicht besser? Wer hat uns diese Schnitzeljagd hinterlassen? Warum wurde sie so schwierig gemacht? Gibt es einen Gegner? Zeigt uns irgendwas an diesen Pflanzen, dass es sicher ist, an die Oberfläche zu gehen? Und vor allem: was kann die Kenntnis dieser Geschichte dazu beitragen, die Rätsel zu lösen? Das wären Fragen, die ich am liebsten beantworten können würde, während ich spiele.

Claustrophobia Berlin befindet sich im 3. Stock des Alexa-Einkaufszentrums am Alexanderplatz. Neben dem Schutzraum-Szenario gibt es noch ein zweites, bei dem die Spieler_innen ein Kunstwerk aus einem Museum stehlen müssen. Ein 60-minütiges Spiel für bis zu vier Personen kostet je nach Wochentag und Uhrzeit 80 oder 100 Euro, unabhängig von der Anzahl der Spieler_innen.

Offenlegung: Weil ich eingeladen wurde, musste ich mein Spiel nicht bezahlen. Darüber hinaus habe ich, soweit ich das beurteilen konnte, keine Sonderbehandlung bekommen. Mir wurden keinerlei Vorgaben darüber gemacht, was ich schreiben soll. Weil es leider die erste wirklich gute Erfahrung mit Blogger Relations war, die ich bisher gemacht habe, möchte ich gerne die Firma Schlösser PR, die mich ursprünglich kontaktierte, positiv erwähnen.

“Arschbombe” außer Kontext: Wenn Blogs zu Büchern werden

Ich habe “Sehr gerne Mama, du Arschbombe” von Patricia “Das Nuf” Cammarata gelesen. Ich mochte es und habe ihm auf Goodreads vier Sterne gegeben. Ich hab beim Lesen gelacht, gekichert, geschmunzelt und manchmal sogar nachgedacht. Ich würde “Arschbombe” weiterempfehlen und werde es vermutlich in Zukunft noch öfter verschenken, wenn in meinem Freundeskreis Nachwuchs ansteht.

Ich fand es trotzdem nicht perfekt und ich glaube, dieses Empfinden kommt vor allem daher, dass ich auch seit ein paar Jahren schon Patricias Blog und ihren Twitter-Account verfolge. (Ich habe Patricia auch schon dreimal persönlich getroffen, aber das ist hier gar nicht so wichtig.) “Arschbombe” ist eine Zusammenstellung der besten Geschichten aus Patricias Blog, in dem es vor allem um das Leben mit Kindern geht. Diese zerfallen grob in zwei Kategorien. Manche sind wirklich beinahe direkte Wiedergaben von Erlebtem, pointiert aufgeschrieben, zum Beispiel “U8” über einen Besuch beim Kinderarzt. Andere, zum Beispiel die Geschichte vom vom Furby (die nicht im Buch ist), nehmen ein Erlebnis nur als Ausgangssituation, um es dann zu übertreiben und eine Art Kishonsche Satire draus zu machen.

Keine Chronologie, keine Übergänge

Im Blog, klar, tauchen diese Geschichten in chronologischer Reihenfolge auf, zwischen anderen Posts zu Themen, die Patricia interessieren, zum Beispiel geschlechtergetrennte Produkte, Ausflugsziele für Kinder und Bloggen. Im Buch sind sie grob nach Kategorien sortiert wie “Familienalltag”, “Peinlichkeiten” oder “Andere Eltern”. Es gibt keine Chronologie, keine Übergänge, eine Geschichte folgt einfach nach der anderen. Im ersten Moment gibt es das dritte Kind noch gar nicht, im nächsten ist es im Kindergarten. Aber noch viel merkwürdiger: Auch Patricia, die Ich-Erzählerin und sozusagen die halbfiktionale Hauptfigur des Buchs, ändert sich von Geschichte zu Geschichte. Manchmal ist sie mit Situationen überfordert, mit denen sie beim nächsten Mal schon klarkommt.

Mich hat das verwirrt und ich halte es für einen der größten Fehler bei “Büchern mit Texten aus dem Internet”, die anscheinend recht erfolgreich sind, die Texte ohne Bearbeitung aus ihrem Kontext zu entfernen. Dirk von Gehlen interessiert sich gerade auch sehr für das Thema und natürlich ist es wegen Blendle gerade in aller Medienmenschen-Munde. Die “Arschbombe” hat mir gezeigt warum. Im Buch fehlen die Hyperlinks, es fehlen die anderen Aspekte von Patricias Persönlichkeit, die man im Blog in der Regel mitkonsumiert. Es fehlt das Gesamtbild, das die einzelnen Texte besser wirken lässt.

Geschichten aus 1001 Arschbombe

Damit will ich nicht sagen, dass man aus Blogtexten keine sehr guten Bücher machen kann. Aber ich glaube, gerade in diesem Fall hätte ein bisschen zusätzliche Arbeit sich gelohnt. Die lustigen Episoden hätten nach meinem Dafürhalten eingebettet werden sollen in eine Rahmen-Erzählung, einfach aus der Ich-Perspektive eines Sachbuchs, in der man die Autorin bzw. ihre Erzähler-Persona Stück für Stück besser kennenlernt, während sie immer wieder ins Geschichtenerzählen abschweift. So hätte man dem Buch eine Spannungslinie verpassen können, eine Dramaturgie, die auch dem Durchlesen von vorne nach hinten einen Mehrwert verpasst, unabhängig von den einzelnen Geschichten. Beispiele für diese Art Bücher gibt es genug, von “1001 Nacht” über “Gullivers Reisen” bis “What would Google do”. Klar, ist natürlich auch Arbeit, aber es lohnt sich.

Ich habe Patricia jedenfalls gebeten, im nächsten Buch mehr und unterschiedlichere Seiten von sich selbst zu verarbeiten, unabhängig von lustigen Mini-Episoden. Ich will diesen Teil ihres Blogs einfach nicht missen, wenn ich ihr Buch lese. Mal gucken, ob das klappt.

Starlee Kines “Mystery Show” ist ein verdammter Manic Pixie Dream Podcast

© Gimlet Media

“Is that what you do in your free time?”, wird Starlee Kine vom Ticketmaster-Mitarbeiter am Telefon gefragt. “‘I don’t want to work today, I’m gonna go change someone’s life?'” Kine lacht daraufhin, aber vielleicht auch, weil er so recht hat. Denn ihre Mission scheint es wirklich zu sein, ab und zu ein paar Leben zu ändern. In seiner anderen Vermutung hat der freundliche junge Mann am Telefon allerdings unrecht. Starlee Kine macht das nicht in ihrer Freizeit. Es ist ihr Job, als Host ihres neuen Podcasts “Mystery Show”.

Gimlet Media, Alex Blumbergs geplantes Podcast-Imperium, ist nach jeder Menge Anfangsaufregung in einer etwas ruhigeren Phase angekommen. “Startup”, die Show mit der alles begann, hat sich in ihrer zweiten Staffel zwar ein interessantes Unternehmen ausgesucht, dessen Gründungsphase es begleitet – die persönliche Besonderheit von Blumbergs eigener Gründung kann sie aber nicht replizieren. A propos Wörter mit “Repl” am Anfang, “Reply All”, der zweite Gimlet-Launch, ist ein ziemlicher Gemischtwarenladen, der viel ausprobiert und damit nicht immer reüssiert. “Mystery Show”, Podcast Nummer drei, klingt ad hoc auch nicht so furchtbar spannend: Eine Reporterin zieht herum und löst Rätsel, die man nicht mit Hilfe des Internets lösen kann. Haben wir bei uns im Kinderfernsehen, heißt “Willi will’s wissen”. Next.

Dr. Phil

Doch wer das denkt, hat wahrscheinlich noch nie von Starlee Kine gehört. Wie einige Gimlet-Reporter_innen stammt sie aus demselben Stall wie Blumberg, der Planet-Money-This-American-Life-Connection. Für “This American Life” hat sie mal eine Geschichte über Trennungslieder gemacht, in der sie Phil Collins anruft und ihn fragt, wie das eigentlich geht. Sie liest ihm einen Liedtext vor, den sie über ihre eigene Trennung geschrieben hat und lässt sich von Collins Ratschläge geben. “Dr. Phil“, so der Titel des Segments, ist eine der Sternstunden des amerikanischen Public Radio. Der einzige Podcast, für den ich jemals Geld ausgegeben habe, um ihn herunterzuladen. So sehr wurde er mir empfohlen und so sehr hat mich der Pitch neugierig gemacht. (Ladet ihn auch herunter. Jetzt!)

Für “Mystery Show” setzt Kine auf die gleiche absurd-fantastische Mischung aus Naivität, Hartnäckigkeit und Individualität, um persönliche Rätsel zu lösen. In der ersten Folge, die ausgerechnet die bisher schwächste ist, geht sie dem Erlebnis einer Freundin nach, die sich Anfang der 2000er in einer New Yorker Videothek Must Love Dogs auslieh und am nächsten Tag einen dauerhaft geschlossenen Laden vorfand. Mit etwas Herumfragen findet Kine die alten Besitzer der Videothek und erfährt, was passierte. Charmant erzählt, aber immer noch nicht außergewöhnlich, eine solche Spurensuche.

Britney Spears und 9/11

In Folge zwei jedoch möchte eine Autorin gerne wissen, ob ihr schwach verkauftes Buch, mit dem Britney Spears mal auf einem Paparazzi-Foto zu sehen war, von der Sängerin wirklich gelesen wurde. Mystery-Löserin Starlee Kine versucht auf verschiedene Arten, an die inzwischen notorisch öffentlichkeitsscheue Spears heranzukommen – und am Ende gelingt es ihr sogar. In Folge drei findet sie den ursprünglichen Besitzer einer besonderen Gürtelschnalle und in Folge vier die Geschichte hinter dem Nummernschild “ILUV911”.

Doch es ist bezeichnend, dass der Podcast nicht “Mystery Solving Show”, sondern “Mystery Show” heißt. Denn bei Kine ist der Weg das Ziel. Obwohl es spannend ist, die Antworten auf die Fragen zu bekommen, die am Anfang jeder Sendung aufgeworfen werden, kommt die wahre Herzensfreude beim Hören von den kleinen Seitenpfaden, die Kine zwischendurch einschlägt. Nicht nur die Sackgassen auf dem Weg zur Problemlösung, die immer Teil einer Geschichte sind, sondern die scheinbar irrelevanten Nebenstränge auf denen die Erzählerin sich kunstvoll verliert. Wie das Gespräch mit dem Ticketmaster-Mitarbeiter darüber, wie wichtig es ist, sich selbst zu sagen, dass man etwas wert ist. Oder die skurrilen Erinnerungen einer der ersten Notruf-Dispatcherinnen überhaupt in den USA, die sich in ihrer Anfangszeit mal mit einem Mann herumschlagen musste, der seinem Hund beigebracht hatte, ein Auto zu lenken.

Rote Fäden

Kine erwähnt diese Geschichten nicht nebenbei. Sie gibt ihnen Raum, weil sie weiß, dass sie Teil der großen Geschichte unseres Menschseins sind, die sie eigentlich erzählt. Ihre Mysterien sind nur die roten Fäden, die sie durch ein Dickicht von Alltagsbeobachtungen und Einblicken in ihre eigene Gedankenlandschaft zieht. “Mystery Show” ist eine Sendung über alles und nichts, vor allem aber darüber, die kleinen Besonderheiten des Lebens wertzuschätzen. Das Tolle dabei ist, dass Kine diese Rolle eines fröhlichen Kobolds, der einen akustisch durch die Welt führt, ganz natürlich auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Sie wird niemals pathetisch oder künstlich und bleibt immer sie selbst.

Um zu begreifen, was das alles bedeutet, muss man nur die Passage lesen, mit der Kine in Folge 5 die Zeit überbrückt, während sie auf eine neue Spur im Fall “Wie groß ist Jake Gyllenhaal eigentlich wirklich?” wartet.

Seasons passed. Winter came. Planets rotated. Stars died. Innumerable gallons of ice cream were consumed. Countless spoons were bent. Babies learned how to crawl. Teenagers learned how to kiss. Podcasts went from being popular in a niche way to a mainstream way. But still, older people could not figure out how to listen to them on their phones. Heavy televisions were replaced by thin televisions. The outdated models were put out on the street, picked up by couples in love and then, after some time had passed, put back, out on the street.

Wer solche Texte schreibt, der schafft es eben auch tatsächlich, mit Jake Gyllenhaal fünf Minuten später ein persönliches Gespräch auf mehreren Meta-Ebenen gleichzeitig zu führen und am Ende tatsächlich seine Größe zu erfahren. So ändert Starlee Kine Leben. Sie ist so entwaffnend — die Mysterien, die ihr gegenüberstehen, geben einfach irgendwann auf.

“Mystery Show” von Gimlet Media kann man überall hören, wo’s Podcasts gibt. Bisher sind fünf Folgen erschienen, neue kommen im Juli.

Wie ich Russell Crowes Film “The Water Diviner” in einem türkischen Kino erlebte

© Fear of God Films

Die Sintflut war weniger umfangreich, als Noah erwartete.

Alternde Filmstars, die zum ersten Mal Regie führen, wählen sich gerne Projekte, in denen sie ihren Messias-Komplex mal so richtig ausleben können. Es reicht ihnen nicht, die Hauptrolle in einem Film zu spielen, den sie selbst inszeniert haben und produziert haben. Sie müssen darin auch noch jene versöhnende Rolle einnehmen, die ihnen die Welt sonst anscheinend versagt. Es muss an ihnen hängen, dass die Menschen sich endlich wieder lieb haben.

The Water Diviner ist Russell Crowes Variante von Dances with Wolves. Nicht unbedingt im Plot, aber doch im grundsätzlichen Gestus des “Stoischer weißer Mann treibt die Völkerverständigung voran und lernt dabei etwas über sich selbst”. Russell Crowe inszeniert sich selbst als einen australischen Brunnenbuddler, der am Ende des ersten Weltkriegs in die Türkei reist, um seine drei in Gallipoli gefallenen Söhne nach Hause zu holen und in geweihter Erde zu begraben. Er hat es seiner toten Frau versprochen. In der politisch zerrissenen Türkei findet er nicht nur zu sich selbst zurück, er stellt außerdem fest, dass einer seiner Söhne noch am Leben sein könnte und entdeckt vielleicht neues Liebesglück (Olga Kurylenko).

Das Versprechen eines Lebens

In Deutschland startet die türkisch-australische Koproduktion als Das Versprechen eines Lebens erst im Mai, aber wegen des starken lokalen Bezugs war sie in Istanbul schon zur Weihnachtszeit zu sehen. Son Umut (Letzte Hoffnung) lautet der türkische Titel. Weil sonst nichts Interessantes lief und man den hunderten Postern für Son Umut in allen Metro-Stationen sowieso nicht entkommen konnte, schoben sich meine Frau und ich also am zweiten Weihnachtsfeiertag in ein ausverkauftes türkisches “Cinemaxximum”, um Russell Crowe – den ich nicht ausstehen kann, meine Frau aber einigermaßen attraktiv findet – beim Brunnenbuddeln zuzugucken.

© Fear of God Films

Wir stellten fest: Russell Crowe gräbt in seinem Film genau einen Brunnen. Ganz am Anfang. Ich hatte fest damit gerechnet, dass ein Film mit dem Titel The Water Diviner (wörtlich “Der Wasser-Wahrsager”, übersetzt “Der Wünschelrutengänger”) irgendwann darin münden würde, dass Russell Crowe seine Wasser-Such-Skills einsetzt, um den rettenden Brunnen für ein paar verlorene Türken zu graben, die ihn daraufhin in guter Hollywood-Völkerverständigungstradition in ihren Stamm aufnehmen. Aber nicht einmal Olga Kurylenko bekommt Russells Wünschelrute zu sehen, das Prinzip wird eher auf eine vage, nicht-konfessionelle Spiritualität übertragen.

Who are they toasting?

Um seinen verschleppten Sohn zu finden, schließt sich Crowe einer Truppe von republikanischen Milizen an, die in jene Richtung ziehen, wo sich die Spur des Sohns verliert. Am Abend vor dem Aufbruch sitzen sie in ihrem Versteck irgendwo in den Katakomben Istanbuls, trinken, feiern und singen. Ein türkischer Soldat hebt sein Glas auf einen abwesenden Mann namens Kemal. “Who are they toasting?”, fragt Crowe seinen neuen Freund Major Hasan (Yilmaz Erdoğan). “Turkey’s future”, antwortet dieser.

Die feierliche Stimmung im Kinosaal war spürbar. Mustafa Kemal Atatürk, der türkische Republiksgründer, wird in der Türkei wie ein Heiliger verehrt. Man sagt nichts Schlechtes über ihn. Am Nationalfeiertag, dem 29. Oktober, zieren zehn Etagen hohe Porträts von ihm die Hauswände. Es wird sich ständig auf ihn berufen, um Alles und Nichts zu rechtfertigen.

© Fear of God Films

Das kann man albern finden, oder sogar gefährlich. In diesem Moment – als Deutscher zu Gast in der Türkei, in einem Kino voller Türken, im Angesicht eines sentimentalen australischen Films über die Türkei – war ich gerührt. Ich wünschte mir einen eigenen Gründungsmythos, auf den ich mich bei Gelegenheit berufen kann, und der nicht nur darin besteht, dass mein Volk nicht in der Lage war, seinen wahnsinnigen Diktator selbst zu stürzen, sondern ihm jubelnd ins Verderben folgte. Das Gefühl wurde ich eine Weile nicht los, auch nachdem der Film vorbei war.

Völkerverständigung für Dummies

In The Water Diviner wird allerdings auch klar, dass Völkerverständigung nach dem filmepischen Modell immer nur zwischen zwei Völkern stattfinden kann. Crowe kommt als Australier nach Gallipoli und seine ursprüngliche Wut gegen die Türken, die seine Söhne umgebracht haben, schwenkt bald um in Sympathie gegenüber dieser alten Zivilisation, die mitten im Umbruch steckt und deren Vertreter Hasan ein echter Ehrenmann ist.

Das hindert ihn natürlich nicht daran, sowohl die ausnahmslos arroganten und ignoranten englischen Besatzer, als auch die ungewaschenen barbarischen Griechen, die Anatolien unsicher machen, weiterhin zu hassen. Sie haben ja schließlich auch kein Geld in seinen Film investiert.