Das Interessanteste an … Toni Erdmann (2016)

© NFP

Ich schließe mich nicht oft Hypes an, was mich aber nicht daran hindert, Dinge gut zu finden, die andere Menschen auch gut finden. In Toni Erdmann habe ich im Kino viel gelacht und viel gedacht, die fast drei Stunden Laufzeit gingen einigermaßen flott rum und auch wenn ich den dezenten Backlash als Reaktion auf die überkandidelte Feierlaune der Kritik verstehen kann – Maren Ades Film wird bei mir mit ziemlicher Sicherheit am Ende des Jahres auf irgendeiner Liste stehen.

Das Bemerkenswerteste aber ist, überhaupt zu beobachten, welche Reaktionen der Film hervorruft. Ich war mit drei weiteren Personen im Kino und schon auf dem Weg zur S-Bahn wurde klar, dass wir uns alle auf ganz unterschiedliche Weise im Film gespiegelt haben. Eine Person aus unserer Gruppe sprang sofort auf das Thema “Frau in einer männerdominierten Arbeitswelt” an, das ich gar nicht so stark wahrgenommen hatte. Ich dachte am meisten darüber nach, ob Peter Simonischeks Charakter jetzt eigentlich bewunderns- oder bemitleidenswert sein sollte und sah in Sandra Hüllers Ines eine Frau, die zwar mit sich kämpft, aber doch immerhin weiß, was sie will. Manch einer sah sich an das Verhältnis zu den eigenen Eltern erinnert, ein anderer an den eigenen Eindruck von Deutschland als Ort. Jeder von uns vieren spiegelte sich sehr individuell in diesem Film und nahm ganz andere Dinge daraus mit. Keine “Message” oder “Erfahrung”, sondern einen sehr persönlichen Spiegel des eigenen Lebens und der eigenen Philosophien.

Wo ich hinschaue, wenn Menschen über Toni Erdmann reden, sehe ich die gleiche Ratlosigkeit. Im Longtake Podcast, zum Beispiel, kämpft Joko, der im bürgerlichen Leben gerade in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat, damit, das Bild der Unternehmensberatungs-Welt im Film mit seinem eigenen in Einklang zu bringen — es ist längst nicht so überzogen wie etwa in Zeit der Kannibalen und ihm wohl gerade dadurch nicht ganz geheuer (mir ging es ähnlich mit der Darstellung von Coaching und Führung). Und im unbedingt lesenswerten Gespräch über Toni Erdmann auf “Jugend ohne Film” sind die drei Diskutierenden fest davon überzeugt, dass sich der Film direkt an Filmkritiker und “Leute, die im Kulturbetrieb arbeiten” richtet, obwohl er fernab von dieser Branche spielt.

Das Gespräch von Patrick Holzapfel, Katharina Müller und Alejandro Bachmann dreht überhaupt einige interessante Schleifen, denn ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie dem Film reihum gegenteilige Kritik anhalten. Zu lustig, nicht lustig genug, zu deutsch, nicht deutsch genug und sogar zu ambivalent, nicht ambivalent genug. Auch dort spiegelt sich also der Facettenreichtum eines Films, in dem sich jede_r irgendwie findet, aber auf eine so persönliche Art, dass es schwer ist, sie mit anderen zu teilen. Weshalb es simpler ist, sich einfach auf “Sehr gut” als Konsens zu einigen.

Am Ende des Gesprächs wird dann klar, dass Betrachter_innen mit diesem Gefühl unterschiedlich gut klar kommen:

K.M.: Ich bin auf jeden Fall noch nie mit Leuten zusammengekommen wegen eines Films, um aufzunehmen, was wir darüber denken. Also das spricht für den Film.

P.H.: Oder die Reaktion auf diesen Film löst das auf. Ich habe noch nie eine derart breite Zuneigung für einen Film gesehen. Der Film trifft ja nicht nur einen Zeitnerv, sondern auch etwas, was sich Filmzuseher wünschen. Da wird Kritik eigentlich ausgehebelt. Für mich ist das eine Armutserklärung, wenn lange Zeit nur Lob zu hören ist, man aber beim Lesen nie ganz versteht, woher dieses Lob eigentlich kommt.

Wo ich stehe ist klar, oder?

Piq: Der Joker – Eine Herausforderung für Make-Up-Designer

Suicide Squad läuft seit zwei Wochen in den USA, jetzt auch in Deutschland. Über Jared Letos Darstellung von Batmans Gegenspieler Joker, eine Rolle die Leto nach Medienberichten auch abseits der Kamera nicht abstreifte, wird bereits heftig diskutiert: Ist es der Beweis dafür, dass “Method Acting” längst kaputt ist? War es vor allem ein Marketing-Gag?

Viel interessanter ist es da, sich mal das Handwerk anzuschauen, das dafür sorgte, dass Leto und sein legendärer Rollenvorgänger Heath Ledger überhaupt in die Rolle des berüchtigten Spaßmachers schlüpfen konnten. Der “Hollywood Reporter” hat die Makeup-Artists von Ledger und Leto, John Caglione Jr. und Alessandro Bertolozzi, erzählen lassen, wie sie die Maske gemeinsam mit den Schauspielern erarbeiteten.

Spannendstes Faktoid: Ledgers ikonisches “Why so serious”-Makeup brauchte am Ende nur 25 Minuten, Leto saß täglich drei Stunden in der Maske. Und Caglione kennt jetzt schon den ersten Satz seines Nachrufs.

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Piq: Haben wir das Happy End abgeschafft?

Jacob Hall ist einer der besten Thinkpiece-Autoren in der US-Filmbloggerszene, nachdenklich und eher versöhnlich als konfrontativ. Mit vielen der Gedanken, die er in seinem neuen Stück für “Slashfilm” aufwirft, ist er nicht der erste – es gibt exzellente Artikel aus Wired und Daily Dot, die sich auch mit dem neuen Kulturparadigma beschäftigt haben, in dem Geschichten kein Ende mehr finden.

Der neue Aspekt hier ist das Wort “Happy”. Anhand von Harry Potter and the Cursed Child und Star Wars: The Force Awakens seziert Jacob Hall, dass heutigen Helden eben nicht mehr nur kein Ende ihrer Geschichte mehr zugestanden wird, sondern auch kein lang anhaltendes Glück. Auf diese Weise, schreibt er, kommen wir nie dazu, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Wir wollen uns nostalgisch an sie erinnern und reißen trotzdem ihre alten Wunden ständig wieder auf. “It’s frustrating to watch two worlds with infinite possibilities barrel toward the future while remaining so closely tethered to the past.”

Fans, meint er, bekommen zurzeit alles, was sie sich wünschen, nämlich eine endlose Parade an Abenteuern mit Charakteren, die sie lieben. Aber vielleicht, das ist seine Schlussfolgerung, sollten wir auch mal an das Schicksal der Charaktere denken.

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Das Interessanteste an … Wiener-Dog (2016)

© Prokino

Manchmal lustig, manchmal zynisch, aber am Ende ein bisschen leer. So wirkte Todd Solondz’ Episodenfilm Wiener-Dog auf mich. Gute Schauspieler, einige originelle Ideen, und das alles nur, um mir zu erzählen, dass wir alle sterben müssen? What else is new?

Dieser Song ist neu, den man leider nirgendwo bekommt, aber kurz im Trailer erhaschen kann:

Die Country-Ballade, die in ihrem Text von den heroischen Taten des Dackels erzählt, auf dem Weg durch die Weite der Vereinigen Staaten, läuft über einer fünfminütigen “Intermission” in der Mitte des Films. Neben Hinweisen auf “Der Film geht gleich weiter” und “Im Foyer gibt es Snacks” sieht man dazu eine Bluescreen-Montagesequenz, in der der titelgebende Wiener-Dog in froher gleichmut durch wechselnde Hintergründe läuft.

Dem Blog “Sydney’s Buzz” hat Solondz erzählt, was die Geschichte hinter dem Lied ist:

In the script all it said was, “doggy montage,” and I had to figure out what that would be, because I wanted to give a panoramic, expansive view of America, of a dog going on a quest for home. That’s what the lyrics were supposed to convey. And I chose music that was inspired by songwriters like Johnny Cash, and Marc and Scott understood the quality of the very American sound that I wanted. I didn’t want any kind of “indie” sounds, I wanted something very “American.” So it would be very expansive for the movie, because it is a little movie, we had a limited budget, but this, I felt, could open it up more.

“Marc and Scott” sind die Autoren des Songs, Marc Shaiman und Scott Wittman. Shaiman kennt man vielleicht von seinen diversen Comedy-Filmscores, die er über die Jahre geschrieben hat. Aber echtes Gold kommt vor allem zum Vorschein, wenn er sich mit dem Texter Scott Wittman, zusammentut. Zum Beispiel die Musicalversion von Hairspray, die 2007 verfilmt wurde, und die so brillant beginnt:

Sänger Eric William Morris hat übrigens keinerlei Folk- oder Country-Credentials. Er war Schauspieler, erst am Broadway unter anderem in Mamma Mia!, und jetzt im Fernsehen. An der Fiedel fährt der Song dafür Gabe Witcher auf, bekannt aus der Bluegrass-Band Punch Brothers.

“The Ballad of Wiener-Dog” ist das Interessanteste an Todd Solondz’ FIlm. Ich stimme dem britischen Filmkritiker Guy Lodge zu: “If Marc Shaiman’s ‘The Ballad of Wiener-Dog” doesn’t get nominated for a Best Original Song Oscar next year, just retire the category.

Das Interessanteste an … Ghostbusters (2016)

© Columbia Pictures

Nach dem gigantischen Bohei um die Neuauflage von Ghostbusters mit weiblichen Hauptdarstellerinnen, fand ich den letztendlich entstandenen Film erschreckend (höhö) egal. Er erschien mir streckenweise witzig, aber auch erstaunlich lose gestrickt und abgesehen von seinem Casting einfach in keinster Weise irgendwie relevant. Außer …

… in seinem Einsatz von stereografischem 3D. Ghostbusters arbeitet in seiner 3D-Fassung durchgängig mit der Technik des “Maskenbruchs” (matte break), um die Strahlen der Protonenpacks und die umherschwirrenden Geister stärker aus dem Bild herausspringen zu lassen. Die Technik ist punktweise auch in der Vergangenheit schon oft bei 3D-Filmen eingesetzt worden, zum Beispiel in der Fisch-Sturm-Szene in Life of Pi.

https://www.youtube.com/watch?v=zf0sIKypI4g?t=34s

Aber bei Ghostbusters gingen die Filmemacher einen Schritt weiter und letterboxten den kompletten Film für die 3D-Fassung durchgängig auf ein schmaleres Format (von 1:2,4 auf 1:1,85), das dann durchbrochen werden konnte.

Auf “Vulture” erklärt Regisseur Paul Feig:

“I thought it sounded cool, because I’m always looking for anything that’s innovative and new (…). So they did a test with one of the proton beams firing towards the camera and shooting outside the frame, and I said, ‘That’s the greatest thing I’ve ever seen. How many things can we do it on?’”

Aber das war auch das einzig Interessante an Ghostbusters.

Teaser sind die besseren Trailer

Screenshot: Paramount Pictures

Meine Fresse habe ich Lust auf Arrival. Es wird Zeit, dass die Welt mal wieder einen SF-Film in der Tradition von Close Encounters und Contact bekommt. Der Teaser Trailer, der unten eingebettet ist, weckt perfekt diese Lust in mir. Er erklärt kurz die Ausgangssituation des Films, zeigt die Hauptcharaktere und die Mission, die vor ihnen liegt, vermittelt einen Eindruck von der Grundstimmung – und bricht dann ab, während ich hier sitze und denke: MEHR! Und das alles in unter einer Minute.

Das vergleiche ich im Kopf gerade mit meinem Kinobesuch von Ghostbusters letzte Woche, wo ich vor dem Hauptfilm die Trailer für Mike and Dave need Wedding Dates, Nine Lives und Bad Moms gezeigt bekam. Drei vermutlich relativ platte Komödien, von denen ich mir aber mindestens zwei allein wegen der involvierten Schauspieler an einem verkaterten Sonntagmittag trotzdem angucken würde, wenn nicht die Trailer so unfassbar blöd gewesen wären. Bei Mike and Dave erfährt man nicht nur die Handlung des 98-Minüters bis sicherlich Minute 50, sondern auch noch mehrere Witze, an denen Handlungswendungen zu hängen scheinen. Warum sollte ich diesen Film noch sehen?

Was Trailer nicht alles sind. Ein Ergebnis der Leak Culture. Ein Showcase für unfertige Effekte. Irreführend und monoton.

Two-Hour Albatross

Der neueste Anti-Trailer-Text ist von Chris Ryan bei “The Ringer” und heißt relativ klar “Stop Watching Movie Trailers“. Unterzeile: “They are broken and they are ruining movies”. Sein Argument: Wenn man einen Film sehen will, geht man eh rein, Trailer hin oder her. Für einen Film, den man sehen will, muss man sich nicht mit Hilfe eines Trailers vorbereiten. Am Ende des Promotion-Laufs, während dem immer mehr Szenen veröffentlicht werden (bei Amazing Spider-Man 2 waren es am Schluss 25 Minuten), ist der eigentliche Film nur noch ein “two-hour albatross hanging around a three-minute trailer’s neck”.

Es gibt eine ganze Schule von Filmschauenden, die sämtliche Marketing-Instrumente im Vorfeld eines Films vermeiden, um ihn möglichst unbeleckt sehen zu können. Andere scheinen Trailer zu wollen, die bereits viel zeigen oder zumindest andeuten. Die es erlauben, sich eine Meinung über den Film zu bilden ohne den Film gesehen zu haben. Die meisten hängen wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Sie haben nichts gegen ein bisschen Aufmerksamkeit und Vorfreude, aber sie wollen den Film auch nicht schon auswendig kennen, bevor sie ihn gesehen haben.

Der Buchstabe tötet

Mit Theologe und Filmfan Stefan Geil habe ich vor kurzem darüber gesprochen, inwieweit Trailer-Analyse, wie sie etwa bei einem Film wie Rogue One losbricht, mit biblischer Exegese zu vergleichen ist. Sein Fazit: Die Praxis kommt einer biblischen Exegese schon sehr nah, “aber Traileranalysen werden dann obsolet, wenn man das fertige Produkt im Kino zu sehen bekommt”. Der Apostel Paulus schreibe: “Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig” (2. Korinther 3,6) – laut Stefan “eine Absage gegenüber allen, die denken, ein Text dürfe sich in den Augen eines Lesers niemals verändern und keine neuen Bedeutungen entwickeln”. Also: Trailerexegesen sind höchstens temporäre Wahrheiten.

Es gibt Trailer, die sich der Exegese und dem Streit um die temporäre Wahrheit weitgehend entziehen. Jene nämlich, die im Fachjargon nur “Teaser” genannt werden. Kürzer, weniger umfassend als ein ganzer Trailer. Ein Filmchen, das einen nur kitzelt und Interesse weckt und nicht schon den Film als ganzes Produkt verkauft. Wenig Buchstabe, viel Geist. Martin Beck hat das mal so ausgedrückt: Der ideale Fall wäre, wenn eine “Marketing-Kampagne nur noch aus einem Versprechen besteht. Erste Tafel: ‘Lasst euch überraschen’. Zweite Tafel: ‘Im Kino’.” Dem kann ich voll zustimmen. Hasst also nicht den Trailer als solches. Aber schaut ihn besser nur, wenn “Teaser” draufsteht.

Im Fan-Dilemma – Wie sich Filme wie Warcraft von ihrer Authentizität zerstören lassen

© Legendary Pictures

Es wird viel magisch gereist in Warcraft. Weltentore transportieren ganze Armeen von A nach B, Greifen tragen Krieger auf ihrem Rücken von Stadt zu Stadt, Teleportationssprüche erlauben Einzelpersonen oder kleinen Gruppen in einem Lidschlag von einem Hotspot zum anderen zu wechseln. Das leuchtet ein, nicht nur weil Fantasy-Narrative generell häufig die Fernreise als Plotmotor nutzen. Sondern auch weil die schnelle Bewegung von Ort zu Ort eine wichtige Mechanik eines Massive Multiplayer Online Roleplaying Games ist.

Die dort bespielten Welten sind so groß, dass sie Millionen von spielenden Menschen Platz bieten und jedem von ihnen eine echte Wahl lassen, was er als nächstes tun will. Wer möchte, kann die immensen Distanzen in Echtzeit laufend zurücklegen (und manch einer tut dies auch), aber für viele Spieler kommt diese Art von langweiliger Freizeitgestaltung nicht in Frage. Ein Greifenritt, ein magisches Portal, das dürfte vielen World of Warcraft-Spielern bekannt vorkommen. Genauso die äußere Form der gewirkten Zaubersprüche oder der exakte Aufbau von Locations wie Stormwind oder Karazhan, die seit Jahren als quasireale Räume im digitalen Äther existieren. Warcraft, der Film, ist durch und durch authentisch. Es ist das Werk eines Fans.

Textual Poachers

Fans stehen im popkulturellen Diskurs zurzeit häufig im Rampenlicht. Waren sie früher als überambitionierte Minderheit verlacht, zu denen man als Schöpfer_in zwar nett sein sollte, die aber für den großen Erfolg eines künstlerischen Produkts nur eingeschränkt wichtig sind, haben Produzenten und Marketingabteilungen heute erkannt, dass Fans im Internetzeitalter einflussreiche Meinungsführer_innen sein können. Wer ihre Unterstützung hat, kann damit im Fluss kultureller Gespräche viel bewegen. Wissenschaftler_innen wie Henry Jenkins haben darüber hinaus in Büchern wie Textual Poachers dargelegt, wie aktiv Fans inzwischen daran teilhaben, den Kosmos des verehrten Werkes positiv mitzugestalten und neu zu interpretieren, oft entlang ungeahnter ideologischer Linien.

Auf der anderen Seite haben gerade die vergangenen Jahre immer wieder die dunkle Seite von Fantum hervorgekehrt. Erst letzte Woche brodelte es wieder in der Popkultur-Filterbubble, als der kontroverse US-Blogger Devin Faraci, bezugnehmend auf einen anderen Artikel, das Fantum mal wieder als “kaputt” bezeichnete, weil es sich kampagnenmäßig organisiert, um Filmemachern die eigene Sichtweise aufzuzwingen. Faraci vergleicht Hashtag-Kampagnen wie #GiveElsaAGirlfriend – Disney soll der Frozen-Heldin ein Coming Out schenken – und die lautstarke Wutwelle gegen das bald startende Ghostbusters-Remake mit der Figur Annie Wilkes aus Stephen Kings Roman Misery. Wilkes kidnappt dort einen Autor, um ihn zu zwingen, eine Geschichte nach ihren Wünschen fortzuschreiben.

Die Linie ist unscharf

Was die Forschung von Autor_innen wie Jenkins zwar andeutet, aber was im allgemeinen Diskurs gerne verloren geht, ist allerdings, dass die Trennlinie zwischen Fans und Schöpfern in den letzten zwanzig Jahren zunehmend unschärfer geworden ist. Seit die Kulturindustrie endgültig dahinter gekommen ist, dass es lukrativer ist, bekannte kreative Marken endlos fortzusetzen, als neue zu erfinden, sind auch immer mehr Menschen, die ihre Beziehung mit diesen Marken als (minderjährige) Fans begonnen haben, heute selbst in einer Position, wo sie schöpfend tätig werden. (Ja, das ist ein Thema, das mich fasziniert – ich habe es schon öfter hier im Blog beleuchtet.)

Dieser Aufstieg vom einstigen Fan zum heutigen Schöpfer ist an sich überhaupt nichts Neues. Die Autoren der Nouvelle Vague waren Fans von Filmemachern wie Alfred Hitchcock, bevor sie selbst zu Filmemachern wurden. Kevin Smith und Quentin Tarantino haben auf ihrer Identität als Fans große Teile ihrer Karriere aufgebaut. In den großen US-Comicverlagen übernahmen bereits in den 1980er Jahren ehemalige Fans das Ruder bei Superheldenserien und schufen einige der ikonischsten Inkarnationen.

Fantum als Rechtfertigung

Der Unterschied zu heute ist, dass diese Identität als Schöpfer-Fan lange Zeit noch kein Qualitätsmerkmal für sich darstellte. Ambitionierte Fans wagten irgendwann den Schritt auf die andere Seite des Schreibtisches und gut. Es gab, zumindest im breiten Diskurs, kein Narrativ, das besagte, dass Fans am besten wissen, wie mit ihren Held_innen umgegangen werden sollte. Es gab noch keine Notwendigkeit, sich gegenüber denjenigen, deren Ränge man verließ, anschließend mit der eigenen Ahnentafel als Fan zu rechtfertigen, als “einer von uns”, der ganz sicher die richtigen Entscheidungen treffen wird. Es gab noch keine Star Wars-Prequels, die einer Nation von Fans scheinbar vor Augen führten, dass ursprüngliche Schöpfer eben nicht wissen, welche Fortschreibung ein geliebter Parakosmos “verdient” hat.

Bei Warcraft wurde sichergestellt, dass nur die richtigen Leute das Sagen hatten. Die Vergangenheit warnt durch absurde Freakprojekte wie Super Mario Brothers zu genüge davor, was passiert, wenn Videospielfirmen ihre Welten in die Hände derer geben, die keinen Gamer-Stammbaum vorweisen können. Duncan Jones, der Regisseur, betont in jedem Interview, wie viel Zeit er selbst mit den verschiedenen Warcraft-Inkarnationen verbracht hat. Die Spielefirma Blizzard war eng an der Produktion des Films beteiligt – vier von zwölf im Abspann genannten Produzenten (Nicholas S. Carpenter, Chris Metzen, Michael Morhaime und Paul W. Sams) sind Blizzard-Funktionäre.

Mythische Authentizität

Marvel Studios hat einen großen Teil seines Images darauf aufgebaut, dass dort die Menschen die Filme machen, die auch schon die Comics gemacht haben. Und diese gleiche mythische Authentizität umgibt auch Warcraft – jedoch mit einem katastrophalen Ergebnis. Dem Film scheint genau jene Distanz zu fehlen, die Fans häufig nicht haben. Er ist nicht nur eine schamlose, reverse-engineerte Hommage an einen Urtext und versucht, dessen Effekt zu replizieren, wie es die verspäteten Fortsetzungen des letzten Jahres – von Jurassic World bis Star Wars VII – taten. Warcraft ist ein Werk, das außerhalb eines Reenactment-Kontextes nicht funktioniert. Seine Locations, Charaktere und Effekte mögen noch so genau ihren Dependancen aus den Videospielen entsprechen, sie besitzen dennoch kaum nachvollziehbaren Motive oder Handlungsbögen. Das Drehbuch beginnt mit einer Geschichte, die ganz am Anfang des Warcraft-Kanons steht, als sei es vor allem darum gegangen, eine bebilderte Enzyklopädie herzustellen und keinen unterhaltenden Film, der für sich stehen kann.

Zum Vergleich lohnt es sich durchaus, einen Blick auf einen anderen Film zu werfen, der dieses Jahr von der Kritik in Grund und Boden geschrieben wurde und um den ebenfalls Fan-Diskurse kreisen. Hinter Batman v Superman: Dawn of Justice (und davor hinter Man of Steel) steckt der bewusste Versuch, einen Film außerhalb der landläufigen Wahrnehmung der Titelcharaktere zu gestalten. Weil das vielen Fans nicht gefiel, hat Regisseur Zack Snyder im Laufe der Zeit einen erstaunlichen Wandel durchgemacht, von einem “Ich wollte gerne mal was anderes probieren” hin zu einem “Ich bin ein viel besserer Fan als ihr alle”. Die Glaubwürdigkeitsdebatte scheint in diesem Bereich irgendwann jeden in die Knie zu zwingen.

Von der Werktreue erdrückt

Batman v Superman ist aus diversen Gründen ein ähnlich schlechter Film wie Warcraft, aber man kann ihm immerhin nicht vorwerfen, keine eigene Persönlichkeit zu haben. Der Stilwille von Snyder und seinem Drehbuchautor David Goyer ist in jedem seiner über-epischen Bilder und Plotwendungen erkennbar. Batman v Superman läuft sehenden Auges in das Fan-Fegefeuer, aber er nimmt dabei jeden seiner titanischen Schritte mit stolzgeschwellter Brust.

Warcraft hingegen wirkt wie das Bauprojekt eines Fürsten, der sich auf seinen Reisen in einem fernen Land in ein wunderschönes Schloss verliebt hat. Nachdem er wieder zu Hause ist, befiehlt er seinem Hofstaat, den Steinbruch ausfindig zu machen, aus dem die Steine des geliebten Schlosses stammten. Er lässt Straßen bauen, damit Arbeiter von dort zu ihm reisen können. Er liest alles, was er finden kann über die Geschichte und Kultur des Landes, in dem er zu Gast war. Doch als er mit dem Bau beginnen will, hat er nicht nur vergessen, wie das Schloss aussah. Er hat auch vergessen, warum es ihm eigentlich gefiel. Mich lässt der Eindruck nicht los, dass in Warcraft irgendwo ein interessanter Film verborgen liegt, der allerdings vom Wunsch seiner Fans nach Werktreue zerdrückt wurde.

Der sichere Kern

Disney scheint in diesem Wechselspiel aus Fan-Authentizität und Umformung für ein neues Medium und ein anderes Publikum den Dreh raus zu haben. Die Marvel Studios-Filme, zuletzt Civil War, gefallen en gros sowohl Hardcore Fans als auch der breiten Zuschauerschaft. Sie scheinen das aber vor allem dadurch zu tun, dass sie eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden haben, der weder auf stilistischer noch auf Plot-Ebene große Risiken eingeht. Auf keinen Fall darf der sichere “Kern” verloren gehen, der das Franchise groß gemacht hat: ein leichtfüßiger Ton und ein Reigen gut identifizierbarer Helden. Bei der frisch wieder aufgenommenen Star Wars-Serie sieht es genauso aus. Die größte Meldung, die in der vergangenen Woche durch die Geek-Blogosphäre geisterte, lautete, dass größere Teile von Rogue One, den ersten für sich stehenden Star Wars-Film von Regisseur Gareth Edwards, neu gedreht werden sollen. Angeblich sollte der Film dadurch stärker an die gewohnte Star Wars-Gußform angepasst werden, aus der sich ja auch J. J. Abrams mit The Force Awakens nur sehr wenig gelöst hatte. (Diverse Quellen haben diese Lesart dementiert.)

Die Frage ist, wie lange ein solcher Selbstbezug noch aufrechterhalten werden kann. Zynische Menschen könnten an dieser Stelle sicher sagen, dass es doch genau unserer Natur entspricht, immer wieder den gleichen, anspruchslose Brei vorgesetzt zu bekommen. Und in der Tat hat Warcraft zum Beispiel in China, wo das MMORPG besonders beliebt ist, diverse Rekorde gebrochen (vielleicht nicht ganz selbstverschuldet). Aber langfristig kann das nicht die gesamte Zukunft des populären Kinos sein. Es scheint sie ja zu geben, jene Filmemacher_innen, die genug Distanz zu ihrem eigenen Fantum besitzen, um zu wissen, dass Authentizität alleine nicht reicht, um einen Film gut zu machen. Wenn von denen jetzt noch ein oder zwei ihren bisherigen Erfolg nutzen würden, um auch mal ein paar mutigere Schritte zu wagen, wäre das ja schon ein Anfang.

Scoping Things Out – in 360 Degrees

Ich bin vor kurzem endlich dazu gekommen, David Bordwells vor drei Jahren veröffentlichten Videovortrag zu Cinemascope zu gucken. So lang liegen Artikel und Videos bei mir manchmal im Pocket rum, aber sie verschimmeln nicht, im Gegenteil.

Denn es ist erstaunlich, wie aktuell das, was Bordwell in seinem Vortrag beschreibt, gerade wieder aktuell wird. Beim Wechsel vom Academy Ratio zum ultrabreiten Cinemascope, erklärt er im Video, wendeten verschiedene Regisseure ganz unterschiedliche Taktiken an. Manche begriffen Scope als “Mehr” Platz für’s Bild – quasi Erweiterungen vom Academy Ration rechts und links. Andere eher als “Weniger”, als ein Beschnitt des ursprünglichen 4:3-Frames oben und unten, der engeres Kadrieren ermöglichte. Viele spielten mit der zweidimensionalen Form des Rechtecks, um abstrakte Bildmotive zu komponieren und einige bemühten sich, im großen Bild interessante Tiefenaufbauten einzufangen.

Bei allem, was ich bisher im Bereich Virtual-Reality-Film bzw. 360-Grad-Film beobachtet habe, treffen ähnliche Merkmale fast exakt so zu. Wenn man die neu hinzukommenden Komponenten “fühlbarer Raum” und “Bildausschnittswahl durch Nutzer_in” einmal ausklammert, ist das VR-Bild auch nicht mehr als ein neues Leinwandformat, das sich theoretisch auch flach darstellen lässt (sogenanntes “equirectangular mapping”). Entsprechend habe ich bisher in den Filmen, die ich gesehen habe, fast alle oben beschriebenen Taktiken wieder entdeckt:

Manche Regisseur_innen begreifen ihre Leinwand einfach als “Mehr”. Sie arrangieren die zu filmenden Subjekte und Objekte einfach im ganzen Raum oder lassen Leerräume drumherum. Andere bergeifen es als “Weniger” und gehen einfach so nah ran, dass das ganze Blickfeld ausgefüllt ist. Manche spielen gezielt mit dem 360-Grad-Erlebnis und warpen und abstrahieren den Raum entgegen unserer Erwartungen. Und wieder andere arrangieren vor allem in die Tiefe und sorgen dadurch dafür, dass die zuschauende Person die Szene selbst regelmäßig neu im Kopf kadriert.

Natürlich sind die beiden Komponenten, die ich oben eben mal so ausgeklammert habe, ein wichtiger Teil des VR-Erlebnisses. In Sachen Filmemacherei aber eben auch nur ein Teil. Einiges anderes war bereits da. (Noch einmal die Empfehlung, Andrew Marantz’ Artikel zu lesen.)

Die Illusion der fairen Filmkritik

Immer wieder habe ich mir gesagt, dass ich zu diesem Thema die Klappe halten will. Aber jetzt sitze ich doch hier und tippe, weil sich Leute, die ich eigentlich schätze, auf Twitter regelmäßig angiften. Und das alles nur, weil in einer vielleicht sogar lohnenswerten Debatte mehrere völlig unterschiedliche Themen in einen Topf geworfen werden.

Was ist passiert? Im August 2015 haben sich Antje Wessels und Sidney Schering, die beide im Netz sowohl privat als auch beruflich über Film schreiben (Sidney war damals einer meiner Interviewpartner für den Blogosphären-Post), vorgenommen, eine ihrer Meinung nach überfällige Diskussion über die Qualität von Filmkritik und Filmkritiker_innen loszutreten. Was als einigermaßen unkoordinierte Ventilation von persönlichem Frust begann, mündete schließlich in einem Plädoyer von Antje auf ihrer Website, in dem sie sich für “Faire Filmkritik” einsetzt. Diskutiert wurde dieses Plädoyer nach meiner Wahrnehmung vor allem unter Blogger_innen, weniger unter anderen professionellen Filmkritiker_innen, zum Beispiel im Verband der deutschen Filmkritik, der ja selbst vor zwei Jahren ein Flugblatt zur Lage der Filmkritik veröffentlicht hat.

Das Plädoyer

Genau genommen besteht das Plädoyer aus zwei Kritikpunkten, die für Antje aber unmittelbar miteinander zusammenzuhängen scheinen. Der eine ist, dass viele Filmkritiker_innen sich laut Antje in ihrem Beruf wie Idioten verhalten. Obwohl sie in der privilegierten Situation sind, Filme gesondert vorgeführt zu bekommen, Interviews mit inspirierenden Menschen führen zu dürfen und dafür bezahlt zu werden, ihre Meinung zu äußern, beschweren sie sich ständig über ihre Arbeitssituation, sind faul und ätzend im Umgang. Ihren persönlichen Frust und ihre persönlichen Vorlieben auch für Dinge, die wenig bis gar nichts mit den Filmen zu tun haben, die sie besprechen sollen, gießen sie in ihre Kritiken. Kurzum: Sie entsprechen genau dem Klischee des Filmkritikers, dass Jesse Eisenberg jüngst für den “New Yorker” aufgeschrieben hat.

So weit so gut. Diesem Kritikpunkt kann ich – auch wenn ich persönlich bisher nur wenige Vertreter_innen dieser Spezies erlebt habe – zustimmen. Ich habe mich oft genug selbst mit dem merkwürdigen Dünkel auseinandergesetzt, den ein Teil der Kolleg_innen an den Tag legt und ich habe eine klare Position dazu: Wer sich selbst für zu wichtig hält, um seinen Job ordentlich zu machen, gehört kritisiert, gekündigt und im besten Fall außerdem ausgelacht. Einen Film kritisieren, den man nicht oder nur halb gesehen hat; persönlichen Ärger an denen auslassen, die nichts dafür können; die Menschen, die hinter einem Film stehen, persönlich zu beschimpfen, statt sich mit ihrer Kunst auseinanderzusetzen – das ist schlicht und einfach unprofessionell.

Nervig und Lächerlich

Sich pausenlos darüber beschweren, dass der Markt die eigene Arbeit nicht wertschätzt und die Arbeitsbedingungen besser sein könnten, ist meiner Meinung nach nicht das gleiche. Es ist nervig, oft genug lächerlich, aber auch menschlich und nicht auf die Filmkritik-Branche beschränkt. So lange solche Menschen am Ende trotzdem ordentliche Arbeit abliefern, sollte man da als ebenfalls professionell arbeitender Mensch einfach drüberstehen oder eine vergnügliche Kolumne drüber schreiben.

Für Antje – und Sidney, der sie mal mehr, mal weniger sachlich auf Twitter verteidigt (Anmerkung: Sidney sieht sich hier außer Kontext zitiert Ich habe Sidneys als zweiten verlinkten Tweet augenscheinlich falsch verstanden. Er war, wie er in den Kommentaren erläutert, als humorvolle Aufspießung der ganzen Debatte gemeint, ich empfand ihn als passiv-aggressive Nonmention von wem auch immer. Es war wahrscheinlich dumm, ihn hier auf ähnlich raunende Weise und außer Kontext aufzugreifen. Wir haben das besprochen.) – sind beide Fälle allerdings Ausprägungen des gleichen Missstandes. Dies ist der zweite Kritikpunkt des Plädoyers: Die gescholtenen Kritiker_innen haben keinen “Respekt” vor den Filmen, über die sie schreiben, und sie haben nicht verstanden, welchen Zweck Filmkritik hat. Dieser ist laut Antje: “Filmkritiken sollten im Idealfall als Atlas für all jene Zuschauer fungieren, die mit dem Gedanken spielen, ins Kino zu gehen.”

A Little Respect

Über diesen Satz und seine Implikationen, die im Plädoyer auch noch weiter aufgefächert werden, schreibe ich gleich etwas und komme damit zum Herz dieses Posts. Aber um das Ganze noch etwas weiter in die Länge zu ziehen, will ich nur noch kurz etwas zu der Sache mit dem Respekt sagen. Ich höre dieses Argument öfter und ich habe es am Rande in meinem “Filme normal gucken“-Post gestreift. Ich halte es außerdem für gefährlich. Natürlich sollte man als Kritiker_in grundsätzlich erstmal jedem Film so unvoreingenommen entgegentreten, wie das eben geht, in einem Strudel von Vorwissen und PR. Aber genauso sollte man sagen dürfen, dass man persönlich einen Film “schlecht” findet. Nicht nur “am Publikum vorbeiinszeniert”. Dass ehrliche Arbeit und Mühe in ein Projekt geflossen ist, kann trotzdem bedeuten, dass das Ergebnis nicht überzeugt.

(Anmerkung: Ich sehe ein, dass dieser Absatz und der davor missverstanden werden können. Was er nicht bedeutet: Dass Sidney alles, was Antje schreibt, exakt genau so sieht. Dass Sidney oder Antje denken, dass Kritiker Filme nicht mögen dürfen.)

Jetzt sind wir endlich am Knackpunkt der ganzen Diskussion angelangt. Für Antje hat “persönlicher Filmgeschmack (…) in einer Pressevorführung nichts zu suchen”. Die wahre Kunstfertigkeit der “fairen” Filmkritik liegt darin, “sich in die Erwartungen der unterschiedlichen Zielgruppen hineinzuversetzen”. Das ermöglicht “unabhängige Berichterstattung”, denn die Annahme “Filmkritiken könnten niemals objektiv sein (…) [ist] schlicht und ergreifend falsch.”

Ehrenwert und tragisch, aber falsch

Antjes Argumentation geht also in die exakt entgegengesetzte Richtung des weiter oben erwähnten Flugblatts des VDFK. Ihrer Meinung nach ist es der explizite Zweck von Filmkritik, sich in jede_n einzelne_n mögliche_n Zuschauer_in hineinzuversetzen und eine Empfehlung auszusprechen, ob diese_r Zuschauer_in sein sauer verdientes Geld und seine knappe Zeit in diesen Film investieren sollte. Sie glaubt nicht nur, dass das möglich ist, sie hält es sogar für die einzig richtige Art der Filmkritik. Winston Roundtree gibt ihr recht. Ich nehme vorweg: Ich halte beide Annahmen für falsch. Die erste für ehrenwert aber falsch, die zweite für tragisch und falsch.

Ich möchte kurz versuchen, die erste Annahme zu entkräften, es sei möglich, Filme objektiv zu bewerten, indem man versucht vorherzusehen, ob sie einem bestimmten Publikum gefallen könnten. Es ist ja nicht so, dass ich mit den gesammelten Werken von Pauline Kael und Michael Althen in der Wiege geschlafen habe. Ich habe meine Filmbildung auch jahrelang aus “TV Movie” und anderen Zeitschriften gezogen, die genau diese Art der Filmbewertung vornehmen (“Cinema” zufällig nicht, aber “Cinema TV”). Ich halte sie für eine legitime Form des Servicejournalismus, aber sie ist nicht “objektiv”. Sie versucht, sich in eine begrenzte Zahl (!) bestimmter Zielgruppen hineinzuversetzen, aber sie ist nicht “unabhängig”. An die Stelle der persönlichen Meinung eines Autors tritt das behauptete Expertentum des Mediums. Das ist aber genauso ein Konstrukt wie Aggregatskritik und kann höchstens eine relative Meinung vermitteln. Keine Wahrheit, so schön das wäre.

Wichtig ist meine eigene Meinung

Die zweite Annahme ist aber die unangenehmere. Ich kann einfach nicht zustimmen, dass diese Art von Filmkritik die einzig richtige ist, im Gegenteil. Filmkritik sollte persönliche Meinung enthalten und zwar viel davon. Weil Filmkritik nicht nur Serviceempfehlung ist, sie ist Teil des kulturellen Diskurses. Was Filmkritik alles kann, welche Aufgaben sie wahrnehmen kann, das muss ich hier nicht alles noch einmal aufzählen. Dafür kann man das Flugblatt lesen, oder Rajkos Text oder Lucas’ Text oder A. O. Scotts Buch (das ich noch nicht gelesen habe) oder einen der dutzenden anderen Texte, die zu diesem Thema bereits aufgesetzt wurden, auch in den letzten paar Jahren.

In einer Sache gebe ich Antje Recht: Ich finde auch, dass es in einer guten Filmkritik um eine Beziehung zwischen Autor_in und Leser_in geht. Diese wird aber zunächst einmal von Leser_innenseite aus initiiert. Ich lese einen Text zu einem Film und die dort vertretene Meinung entspricht meiner oder nicht, auf jeden Fall aber regt sie mich im besten Fall zum Nachdenken an. Später lese ich einen weiteren Text, der von derselben Person geschrieben oder am selben Ort publiziert wurde und irgendwann habe ich vielleicht eine Beziehung zu Person oder Ort, die unabhängig vom konkreten Text existiert. Ich weiß, wenn ich kluge Dinge über Comicfilme lesen möchte, lese ich Matt Singer; wenn ich in meiner landläufigen Meinung herausgefordert werden möchte, lese ich Rajko Burchardt; wenn ich wissen möchte, wie ein intimer Kenner des Disney-Kanons denkt, lese ich Sidney Schering; wenn ich tendenziell linksliberale, intelligente amerikanische Kulturkritik lesen will, schaue ich mal, was bei “Slate” steht. Wichtig ist aber am Ende meine eigene Meinung, die durch die Beschäftigung mit den Meinungen anderer entsteht. Nicht, ob irgendjemand recht hatte, dass ein Film gut oder schlecht ist. Das alles kann Filmkritik leisten.

tl;dr?

Dieser Text ist sehr lang und womöglich hat jemand, der bis hier gelesen hat, schon wieder vergessen, was am Anfang stand. Deswegen möchte ich meine Kernthesen noch einmal zusammenfassen. Ich bin der Meinung, dass

  1. Filmkritiker_innen, die unprofessionell arbeiten, einen anderen Beruf haben sollten,
  2. Filmkritiker_innen, die nervige Zeitgenossen sind, ausgelacht werden sollten, aber ansonsten genauso toleriert werden müssen, wie andere nervige Menschen auch, so lange sie niemandem wehtun,
  3. Servicekritik, die an den Ansprüchen eines vorgestellten Publikums ausgerichtet ist, legitim, aber weder “objektiv” noch besonders “fair” ist,
  4. Filmkritik im Idealfall zu einem kulturellen Gespräch beiträgt und es Konsument_innen ermöglicht, sich eine eigene Meinung zu bilden und ebenfalls Teil dieses Gesprächs zu werden.

Diese Thesen zeigen, dass die Diskussion vielschichtig ist und mehrere Themen beinhaltet. Es ist sehr schwierig, sie in 140-Zeichen-Schüben, am besten noch auf Englisch (mit anderen Nicht-Muttersprachler_innen), zu führen. Aber sie ist es durchaus wert, geführt zu werden.

Drei Ergänzungen noch zum Schluss:

Ich habe einen Punkt versucht, so gut es geht auszusparen, und das ist Antje Wessels Person – obwohl diese im Zentrum des Textes steht und obwohl sie ihr Plädoyer aus ihrer eigenen Biografie herleitet. Wie auch immer diese Diskussion weitergeführt wird, ich finde es sehr wichtig, dass dies auch alle anderen Diskutant_innen tun. Es ist egal, ob euch Antje und ihre Art, Kritiken zu schreiben oder auf Twitter aufzutreten, sympathisch ist oder nicht. Wenn ihr sie persönlich angreift, verhaltet ihr euch exakt so unprofessionell, wie sie das ihren Kolleg_innen vorwirft.

Weil der Artikel sonst noch ein paar Schlaufen hätte drehen müssen, habe ich auch das größere Thema “Journalismus” ausgespart. Ich habe große Probleme mit einem Satz wie “Wenn ich heute ein Interview mit einem Schauspieler führe, empfinde ich das nach wie vor als große Ehre”. Journalismus kann im Gegensatz zu Kritik sehr wohl unabhängig (also nicht von fremden Interessen geleitet) sein, und wer für die reine Möglichkeit, sich in die PR-Maschinerie von Firmen einzuklinken, die etwas verkaufen wollen schon so dankbar ist, sollte meiner Ansicht nach noch einmal über seine Funktion in der Gesellschaft nachdenken. Damit meine ich nicht, dass niemand Fan von Künstler_innen sein darf oder sich nicht freuen darf, diese etwas zu fragen. Aber wenn man es als Ehre begreift, macht man sich damit selbst unnötig klein.

Schließlich bitte zu beachten, dass ich mich bemüht habe, in diesem Text an vielen Stellen hervorzuheben, dass er nur meine eigene Meinung in einer Diskussion wiedergibt. Eine Eigenschaft von Antjes Text, an der sich vielleicht auch andere bewusst oder unbewusst gestört haben, ist, dass er so absolut ist. Eine spöttische Überschrift “gehört sich einfach nicht”, eine überhaupt nicht faktisch überprüfbare Annahme ist “schlicht und ergreifend falsch”. Das mag einer journalistischen Zuspitzung geschuldet sein. Hilfreich in einem Gespräch gerade mit Kolleg_innen ist es aber nicht.

Außer den markierten Korrekturen, habe ich im Laufe des Abends noch ein paar Tippfehler in diesem Text korrigiert.

Podgast (XI) – Bei Longtake zu Captain America: Civil War

Longtake“, der Podcast von Johannes, Lucas Barwenczik und Lukas Markert ist recht schnell mein Lieblingsfilmpodcast aus dem deutschsprachigen Raum geworden. Mir gefällt die Gesprächsdynamik zwischen den drei Sprechern, die durchaus etwas an die des lange von mir geschätzten “/Filmcast” erinnert; ich mag auch die Tatsache, dass der Podcast vergleichsweise dicht ist, mit geschriebenen Anmoderationen, Leuten, die sich Mühe geben, auf den Punkt zu reden und im Zweifelsfall auch ein bisschen Schnitt, den man aber nicht merkt.

Deswegen habe ich mich gefreut, als mich die drei Kollegen eingeladen haben, als Gast in ihre Sendung zu Captain America: Civil War zu kommen und so meine Tour durch die Podcasts der Republik (ohne selbst einen Podcast zu haben) fortzusetzen. Leider waren wir alle vier nicht besonders begeistert vom Film, was irgendwie schade ist, weil wir uns auch alle drauf gefreut hatten. (Ich entschuldige mich außerdem für ein paar Probleme auf meiner Tonspur.)

Was genau wir zu bemängeln hatten, könnt ihr selbst hören