Warum es großartig ist, im Internetzeitalter zu leben

Als ich meine Interviewserie “Erfolgsstory Internet” startete (von der es hoffentlich bald neue Folgen gibt), wollte ich aufzeigen, wie das Internet die persönliche Welt von Menschen zum Guten wenden kann. Dieses Wochenende ist mir auch meinem persönlichen Leben mal wieder enorm aufgefallen, welch einen Mehrwert dieses Medium, das manche immer noch sehr skeptisch betrachten, bringen kann.

Meine Lieblingsband, die kalifornische Progrock-Truppe Spock’s Beard ist derzeit auf Tour in Europa. Freitag und Samstag war ich auf zweien ihrer Konzerte in Rüsselsheim und Aschaffenburg. Ich bin auf beide Konzerte eigentlich alleine gegangen*, das war aber kein Problem – denn ich wusste vorher, dass ich dort jede Menge Menschen treffen würde, die ich kenne. Die Mitglieder der deutschen Spock’s Beard-Fancommunity The Bearded, mit denen ich fast 365 Tage im Jahr über Musik spreche, und mit denen ich inzwischen auch befreundet bin – obwohl wir Anfangs eigentlich nur den gleichen Musikgeschmack teilten.

Doch damit nicht genug: Auf beiden Konzerten präsentierten Spock’s Beard ihr neues Album X. Für dieses Album hatte die Band mit ihrer alten Plattenfirma gebrochen und ihren loyalen Fankreis um Hilfe bei der Vorfinanzierung gebeten. Es gab verschiedene Stufen der Beteiligung, mit T-Shirt, ohne T-Shirt oder für 200 Dollar eine ganze Reihe sinnloser Goodies und einen Song, in dem der eigene Name gesungen würde. 130 Leute (ich nicht) haben das Premium-Paket gewählt und sind jetzt Teil der Musikgeschichte.

Als ich am Sonntag von meinem Konzertwochenende nach Hause kam, wartete eine weitere Nachricht auf mich: Auch Gavin Castleton (hoffentlich mein nächster Interviewpartner) hatte sein neues Album fertig. Auch dieses hatte ich im Vorhinein mitfinanziert und obwohl ich meine CD auch in zwei Wochen bekomme, hatte Gavin seinen Fans schon einen Download-Link geschickt – dachte er. Es gab ein paar Probleme, doch er reagierte auf seiner Facebook-Seite prompt, und eine Stunde später hatte ich Won over Frequency auf meinem iPod.**

Heute schließlich stieß ich über Ulrike Langers Blog auf ein Projekt, das Christian Jakubetz nun startet: Ein neues, modernes Lehrbuch für Journalistenschüler, das er ebenfalls über Unterstützer finanzieren möchte. Ich empfahl es zunächst weiter, dann entschied ich mich nach kurzer Überlegung, auch einen ersten Obolus dazu beizutragen.

Es war toll, zu lesen, wie “überwältigt vom Feedback” Jakubetz schon nach wenigen Stunden war. Genau wie es toll war, Musik live auf der Bühne zu sehen, die ohne die Unterstützung der Internetgemeinde nicht zustande gekommen wäre. Auch von Gavin Castleton Dankesmails und schnell neu generierte Codes zu bekommen war toll.

Jedes Mal war ich froh, ein Teil von etwas Größerem zu sein. Und ich war froh, dass ich im Internetzeitalter lebe, wo so etwas ganz einfach möglich ist.

* streng genommen hatte ich am Freitag einen Nicht-Internet-Freund dabei, aber das war eher Zufall. In der Regel gehe ich fast immer “alleine” auf Konzerte.
** Inzwischen ist das für Nicht-Mainstream-Bands ein reguläres Finanzierungsmodell geworden. Die Webseite Pledge Music, zum Beispiel, widmet sich exklusiv dem Vorfinanzieren von neuen Albumprojekten.

Are Magazines Dead or Do They Just Smell Funny?

It’s not every day that you get challenged by Jeff Jarvis. Very well then, I accept. However, I’m not sure that I’ll win. There is more of an olympic spirit posesssing me right now.

A bit of background: Jeff took three tweets (1, 2, 3) to attack a Newsweek article that basically says that the amount of people using the internet to do meaningful interactive things in their free time (Blogging, Wikipedia, News Commenting etc.) is shrinking and gives the reason simply as “sloth”. While I certainly wasn’t fully convinced by the article I think it did make some points that I think might be true, and that scared me.

Like Jeff, I have always been adamant that people love doing things for free and can be just as good as professionals. However, I could imagine with (a) the web becoming more and more mainstream and part of our lives and more and more people using it that don’t want to contribute to it and (b) the web growing larger and larger, becoming ever more differentiated – that the actual amount of peopleactive at any one site goes down.

However, that was not the challenge. The challenge was to convince Jeff that magazines are not dead. Well, I don’t think they are, at least not for a while. While I am a supporter of a lot of the Buzzmachine theories, especially the one that the future of Journalism lies in ecosystems and not monoliths, I just don’t want to go along with the one that in essence says that journalists should stop presenting finished articles to audiences – which is what magazines do.

While I would say that written articles should be open to debate, change, admittance of mistakes and dialogue between author and audience in the wake of their publication, I also believe there should be the right to say “I like this article I have written as it is; I will gladly correct factual errors or supplement interesting addendums but I don’t want to crowdsource the whole thing until it is no longer mine but the crowd’s”. I don’t think that this is arrogance, it is artistic freedom.

But journalism is not art, you say. Indeed, most of it isn’t. I worked in a news agency for a year and I found it fascinating how we produced truly mutable articles that might begin with a quick announcement at the start of the day and end up as a summary with a completely different focus at the end of it. Then, the newspaper journalists would go and change and mold it once again for publication. A kind of b2b-crowdsourcing, if you will. I gladly accept that this process should continue down to a level of mutabilty that is indeed not restricted to journalists but open to everyone. That’s why I think Newspapers are definitely dead. The kind of articles they present us with were made to be changed all the time.

However, magazine articles and indeed a magazine as a whole, are different. They are much closer to an artistic statement than news are. A good magazine’s contents are carefully curated, designed and sometimes even timeless. The articles are long statements about “big pictures”.

I, for one, like being presented with a magazine like this as a finished – or at least mostly finished (see above, factual errors) – product, whose life cycle is a bit slower than that of an online news article. It means that I can also take the time to enjoy it because I know it won’t change for a while and the authors like their articles as artistic statements that might be refuted (or refudiated) and should please spawn debates – but for now they should stand as they are.

And because I think that a lot of people would agree, I believe that magazines are not dead yet.

I do agree that magazines have to change, shouldn’t rely on print, shouldn’t rely on advertising, build a community around their brand etc., but I still can believe that a particular form of curated, bundled journalistic content with a longevity that makes it closer to art/literature than commodity, will persist.

Freemium gone bad?

Mit Faszination habe ich Anfang des Jahres Chris Andersons Buch Free gelesen. Anders als der Titel vermuten lässt, geht es Anderson (Chefredakteur von Wired) gar nicht um ein Plädoyer für Gratismentalität, sondern vor allem um Preismodelle, bei denen “kostenlos” einer der Preise ist.

Die meisten Modelle, die Anderson vorstellt, entsprechen der so genannten “Freemium”-Denke, das heißt: Ich biete eine Basis-Version meines Produkts kostenlos an und die Premium-Version kostet dann Geld. Die wenigen Premium-Nutzer quersubventionieren die vielen Kostenlos-Nutzer, die ich aber gleichzeitig so sehr an mich binde, dass sie vielleicht auch bleiben, wenn sie die Premium-Dienste doch irgendwann benutzen.

Besonders im Internet ist dieses Geschäftsmodell inzwischen weit verbreitet (de facto ist es immer noch das Hauptfinanzierungsmodell vieler Online-Ableger von Printprodukten) und die Tatsache, dass ich für die CSS-Customization in meinem kostenlosen WordPress-Blog bezahle ist eins der Beispiele, dass es funktioniert.

Im Madison+Vine-Blog von Advertising Age hat Chris Tilk mit Blick auf die Filmbranche eine interessante These aufgestellt: Durch das “verschenken” von Film-Clips im Netz – in der Hoffnung, dass sie als Appetitanreger auf den kostenpflichtigen Komplettfilm dienen – ist Hollywood dabei, ein Freemium-Modell zu entwickeln, das aber auch nach hinten losgehen kann.

In the case of “Despicable Me,” releasing a batch of clips featuring the Steve Carell-voiced Gru and the young girls he adopts worked out well as the movie grossed $56 million its opening weekend. But audiences didn’t react nearly as well to the extended scenes of a scruffy Nicolas Cage, with “The Sorcerer’s Apprentice” only conjuring up $24 million in its first outing at the box office.

Die Überlegung finde ich durchaus erwägenswert. Ich persönlich versuche normalerweise, mich von Clips fernzuhalten, wenn ich weiß, dass ich den Film noch sehen möchte, was aber daran liegen mag, dass ich die wenigsten Filme, für die ich ins Kino gehe, aufgrund solcher Clips anschaue, sondern entweder aus professionellem Interesse oder wegen Regisseuren/Schauspielern/Artikeln etc. Wäre ich unsicher, ob ich einen Film sehen will, würde ich mir solche Clips auch anschauen, mir würde aber vermutlich auch der Trailer reichen (ohnehin gibt es ja sehr gute Trailer, die zu großen Teilen aus nur einer Filmszene bestehen).

Mit anderen Worten: Viele kostenlose Clips können einen Film vermutlich sowohl killen als auch befördern – aber wie so oft in der Filmindustrie liegt das vermutlich eher an der Qualität des Films. Bei einem guten Film tritt vermutlich seltener ein Gefühl von “das waren bestimmt schon alle guten Szenen” ein, als bei einem mittelmäßigen.

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich Tilk den Begriff “Freemium” zugestehen würde. Ein Film ist und bleibt meiner Ansicht nach (allen Mashups, Director’s Cuts und Extended Versions zum Trotz) ein abgeschlossenes Kunstwerk, dass man in der Regel entweder ganz oder gar nicht sieht. Drei bis sechs zwei-Minuten-Clips können nur bei wenigen Filmen “Shareware”-Ersatz dafür sein, dass man nicht den ganzen Film sieht.

Diese wenigen Filme könnten Action-Filme, Musicals oder Komödien sein (von Pornos mal ganz abgesehen), bei denen einzelne Szenen ohnehin wichtiger sind, als das große Ganze. Gerade im Action-Bereich könnte ich mir vorstellen, dass es genug Filme gibt, deren spektakuläre Verfolgungsjagd es sich zu schauen lohnt, ohne dass man dafür wissen muss, wer hier wen jagt und warum. Würde man diese Szene vorab ins Netz stellen mit dem Hinweis “Hier eine Basis-Version des Films für alle, wer das Drumherum sehen will, soll bitte ins Kino gehen”, hätte man in der Tat ein Freemium-Modell geschaffen. Bei komplizierteren Filmen, z. B. Inception, würde das aber niemals funktionieren.

Vielleicht ist das der Grund, warum die Clip-Verteilung bei Despicable Me funktioniert hat? Man möchte gerne mehr über die ulkigen Charaktere und ihre Verknüpfung erfahren, auch wenn es damit wohl nicht weit her ist. Und Sorcerer’s Apprentice? Wirkte auf mich schon im Trailer wie eine Ansammlung von beeindruckenden CGI-Szenen mit einer Entschuldigungs-Story drumherum.

Deutschland, eine Sommerpause

Eine aktuelle Plakatkampagne der Telekom wirbt damit, dass sie einem jetzt das Netz “IN ECHTZEIT” in die heimischen vier Wände transportieren. Überhaupt ist das Echtzeitweb ja derzeit ein schönes Angeberwort, denn es passt ja zu der althergebrachten Weisheit, dass sich die Welt immer schneller dreht, dass wir jetzt alles immer überall haben; morgens mit den Aktienkursen aus Tokio aufwachen (wenn wir nicht kurz schon mal Nachts gecheckt haben); die Wikipedia vom Zahnarztstuhl aus editieren; während des ersten Dates kurz ein lustiges Katzenbild retweeten; Antworten auf SMS und Mails innerhalb von Sekunden erwarten und jeden neuen Bekannten erstmal googlen.

All diejenigen, die das am meisten erschreckt, die sich deshalb regelmäßig darüber beschweren, die aus der Autobahn einen Parkplatz machen wollen und immer wieder gerne “Entschleunigung!” rufen, waren wahrscheinlich lange nicht mehr zwischen Mitte Juli und Mitte August in Deutschland.

In dieser Zeit nämlich schrumpfen Firmenbelegschaften auf einen Bruchteil ihrer Standardmasse zusammen. Telefonisch erreicht man Anrufbeantworter, per Mail eine automatisch generierte “Bin weg”-Nachricht. In der Mittagspause muss man die Speisekarte der Dönerbude von oben nach unten durchprobieren, weil Kantine, Suppenbar und Nachbarschaftsmetzger geschlossen haben. Wenn nicht gerade mal wieder ein CDU-Politiker zurücktritt, passiert auch auf der politischen und wirtschaftlichen Bühne nichts von Belang, weshalb die Medien entweder auf Sommerlochthemen zurückgreifen oder über das Sommerloch selber berichten. Und wo immer man anruft (und sogar wenn man selbst angerufen wird), die Antwort ist häufig die gleiche: “Das können wir erst nach der Sommerpause bearbeiten.”

Ich finde das ja einerseits ganz schön – unter anderem auch, weil man in diesen Zeiten endlich mal die Ruhe findet, um lange liegengebliebene Projekte in Ruhe anzugehen. Andererseits finde ich aber auch, dass ein Land, dass es sich leisten kann, mehrere Wochen im Jahr quasi sein komplettes Uhrwerk auf weniger als halbe Geschwindigkeit zu drosseln, sich wirklich keine Sorgen machen sollte, dass es irgendwann vor lauter Schnelligkeit explodiert. Wenn man sich selbst langsam bewegt, wird “Echtzeit” gewissermaßen zu einem relativen Begriff.

Worte zur Wochenmitte

Journalismus ist keine exklusive Profession mehr. Journalismus ist zu einer Aktivität geworden, die nur noch von einer Minderheit professionell ausgeübt wird. Ob ein Journalist professionell ist, bemisst sich nicht mehr daran, ob er mit seiner Arbeit Geld verdient, sondern allein daran, ob er professionelle Standards einhält, etwa in der Sorgfalt und Fairness seiner Recherche und der Qualität seiner Sprache.

Wolfgang Blau , sueddeutsche.de
// Es geht erstaunlich gut

Worte zur Wochenmitte

Irgendein Amateur hätte das Handyfoto vermutlich einfach bei Twitpic hochgeladen mit der Unterschrift: „Heute am Kemnader See Baumstamm Krokodil entdeckt”. Oder als Leserfoto an „Bild” geschickt, die nach eingehender Prüfung festgestellt hätten, dass es sich nicht um ein Krokodil handelt, sondern ein Alien.

Stefan Niggemeier , stefan-niggemeier.de
// Journalisten machen Kemnader See unsicher

Wir leben in Deutschland, nicht in Syrien. Das bedauere ich bisweilen, wenn ich aufs Wetter schaue, aber ich hatte schon das Vergnügen, in Damaskus mit Journalisten zu arbeiten und kann sagen: Deutschland ist ein Paradies im Vergleich zu Syrien, wenn es um die negative Pressefreiheit geht.

Matthias Spielkamp , kress.de
// “Journalisten nicht wie Bittsteller behandeln”

They’re calling it “social micropayments,” which has people mentioning Scott McCloud and Penny Arcade and old arguments long since passed by. I think this is unfortunate, because not only isn’t this a micropayment system, it does the concept of micropayments a disservice.

Eric Alfred Burns , Websnark
// By the way? The Soonr™ web services ending in ‘r’ stop dropping the ‘e’ before that r, the Bettr™.

Pulling off a wish like this one required a big story, and a lot of heart. And so, with a note of panic in his voice, Spider-Man explained the dilemma: “Dr. Dark” and “Blackout Boy” had imprisoned the Seattle Sounders in a locker room at Qwest Field. Only Electron Boy could free them.

Katherine Long , Seattle Times
// Local boy with cancer turns into a superhero for a day

Wenn die Scheiße den Ventilator trifft: Von Sascha Lobo zu Chris Tookey

Sascha Lobo hat auf der re:publica vor einigen Wochen einen Vortrag zum Thema How to Survive a Shitstorm gehalten, den es sich anzugucken durchaus lohnt – wenn man auf Lobos etwas schnodderigen und gleichzeitig pseudo-wissenschaftlichen Stil steht.

Denn: Wie ein Kommentator ganz richtig feststellte: Lobo erzählt eigentlich wenig Neues, er bereitet althergebrachte Weisheiten aus der Risikokommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei Verleumdungskampagnen für das Netz neu auf. Wobei ich ihm glaube, dass seine Erkenntnisse durchaus genuin sind, also dass er selbst drauf gekommen ist und sie nicht nur irgendwo abgeschrieben hat.

Der oben schon erwähnte pseudo-wissenschaftliche Stil macht zumindest Theoretikern aus Leidenschaft wie mir Freude: Lobo studiert Trolle als wären Sie eine biologische Spezies und er kriert Begriffe wie “Mikroöffentlichkeit”. Wer es pragmatischer mag: Tim Ferriss hat bei Mashable eine Liste zusammengestellt, die im Prinzip den gleichen Inhalt hat wie Lobos Vortrag, das ganze nur etwas kompakte (und eben weniger meta-theoretisch) zusammenfasst.

Jüngstes Opfer eines Shitstorms im sonst vermutlich eher harmlosen Bereich Filmjournalismus war wohl Chris Tookey, Kritiker der Daily Mail. Er hatte am 2. April in seiner Kritik zur Comicverfilmung Kick-Ass (den ich leider noch nicht selbst gesehen habe) geschrieben, dass der Charakter des 11-jährigen “Hit Girl”, die im Film fröhlich herumflucht und brachiale Gewalt austeilt, ein Musterbeispiel für die Sorte Figur ist, an der sich auch Pädophile aufgeilen könnten. Matthew Vaughns Film vermittle, so Tookey “a perniciously sexualised view of children and glorifies violence, especially knife and gun crime, in a way that makes it one of the most deeply cynical, shamelessly irresponsible films ever.”

Dass Comic-Fans, und besonders Kick-Ass-Fans, nicht gerade sanftmütig sind, bekam Tookey im Anschluss zu spüren. Er erhielt einen Berg von Hatemail voller persönlicher Beledigungen, die ihn vor allem auch selbst als Pädophilen bezeichneten.

Tookey scheint den Shitstorm überstanden zu haben. In einem ausführlichen Blogeintrag hat er den Prozess anschließend sachlich geschildert und analysiert, seine Meinung noch einmal fundiert dargelegt und die Gefahren von Cyber-Bullying aufgezeigt. Der Beitrag ist lang, aber auch sehr lesenswert.

Tookeys Taktik ist also eine andere: Statt wie Lobo Theorien aufzustellen und mit Guerillawaffen wie dem öffentlichen Outing von Trollen zurückzuschlagen, versucht er seine Gegner mit Argumenten auszuhebeln und eine öffentliche Diskussion anzustoßen (der Blogeintrag erschien in gekürzter Form auch in der Mail). Ich bin in den meisten Punkten seiner Meinung, allerdings bezweifle ich, dass seine Methode die richtigen Adressaten findet. Vor weiteren Shitstorms wird wohl keiner der beiden gefeit sein, was aber auch sowohl Lobo als auch Tookey wissen dürften.

Der dritte Weg, gegen Internet-Hater vorzugehen ist am teuersten und aufwändigsten, bringt aber wohl auch am meisten Befriedigung mit sich. Es ist der Weg von Jay und Silent Bob.

Worte zur Wochenmitte

Zwei Funktionen von Journalismus kommen im Netz zu kurz. Internetpublizistik ist vom Prinzip her lustgetrieben: Wer Spaß hat, über ein Thema zu schreiben, tut das, wenn er keine Lust mehr hat, hört er auf. Und wenn gerade andere Dinge wichtiger sind, sind andere Dinge eben wichtiger. Was dem professionellen Journalismus deshalb ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen könnte, sind Recherchen, die lästig sind, die lange dauern, die Geld kosten und Nerven – also mehr als nur erste Gedanken. Ein zweites Alleinstellungsmerkmal wäre die absolut verlässliche Unabhängigkeit der Informationen. Denn auch da hat das Netz Schwächen.

Eva-Maria Schnurr , der Freitag
// Wie der Blauflossenthunfisch

[I]t is claimed that the directive to ban English acronyms was actually issued by the almighty State Administration of Radio, Film, and Television. The supreme irony is that this powerful agency of the PRC (!) government is known everywhere as SARFT! That’s certainly a lot easier to write than 国家广播电影电视总局 Guójiā Guǎngbō Diànyǐng Diànshì Zǒngjú!

Victor Mair , Language Log
// A Ban on Roman Letter Acronyms?

We’re not going to pay you for fixing our sink – but we will tell our neighbors what a great job you did

Tom Tomorrow , This Modern World
// If real life were more like the Internet
[via The Film Doctor]

It’s not hard to imagine a near future when a movie opens simultaneously on the global market to satisfy its most devoted public before moving in a very few weeks to DVD, VOD, iTunes, and other digital platforms. It then snuggles into hundreds of thousands of hard drives around the world, ready to be awakened when somebody feels the urge to watch. These seem to be the two poles we’re moving toward: the brief big-screen shotgun blast, and the limbo of everlasting virtual access. You can argue that the very success of home video, cable, and the internet have irredeemably cheapened our sense of a movie’s identity.

David Bordwell , Observations on film art
// Festival as repertory

Worte zur Wochenmitte

Da sind Journalisten wie jener J. (was wohl für Johannes steht) Boie von der „Süddeutschen Zeitung“. Für den Leser quälend trieft durch ihre Zeilen der Neid, dass da Leute das gleiche Handwerk betrieben wie sie: schreiben. Und das tun sie einfach so, als Hobby. Sie schreiben nicht über das, was ihnen Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität diktieren – sie schreiben über das, was sie interessiert. Dabei sagen sie auch noch deutlich ihre Meinung. Und dafür ernten sie dann auch noch Leserkommentare, Resonanz und dürfen auf einem Kongress stehen und Bier trinken.

Thomas Knüwer , Indiskretion Ehrensache
// Re-Publica 10: der Neidfaktor

Was jemand da Marco Schreyl auf die Moderationskarten geschrieben hat, ist nicht nur erschütternd in seiner Zeitschinderei, es ist nicht nur bekannt, falsch, dumm oder albern (all das ist es auch). Es feiert seinen eigenen Sadismus, einen brutalen Ausleseprozess, einen menschenverachtenden Sozialdarwinismus, auf eine Art, die man kaum anders als faschistoid nennen kann.

Stefan Niggemeier , Fernsehblog
// “Der Verlierer steht für immer im Schatten”: Das Weltbild von DSDS

I remain convinced that in principle, video games cannot be art. Perhaps it is foolish of me to say “never,” because never, as Rick Wakeman informs us, is a long, long time. Let me just say that no video gamer now living will survive long enough to experience the medium as an art form.

Roger Ebert , Chicago Sun Times
// Video games can never be art

Apple-style secrecy may help drive some sales, but ultimately it’s the usefulness, durability, affordability, and availability of a product that play the greatest roles in sales. Being a rational man who appreciates the scientific method, Steve Jobs might want to consider dumping the pixie dust for one product cycle and see if that strategy increases sales.

Jack Shafer , Slate
// The Apple Secrecy Machine

Warum muss mit Journalismus Geld verdient werden?

Über Rivva habe ich mitbekommen, dass bei Meedia schon wieder jemand (Stefan Winterbauer) Jeff Jarvis gebasht hat. Na ja, was soll’s. Das kann er ab und dass er ein Selbstdarsteller ist, ist eigentlich eine Binsenweisheit, denn Selbstvermarktung ist schließlich das, was er verkauft.

Mich hat aber vor allem der letzte Absatz gestört:

Wer von Jarvis wissen will, wie er denn die vielen Leute, die Gebäude, die Dienstleister, die ganze Infrastruktur mit der Link-Ökonomie bezahlen soll, der erhält zur Antwort, man müsse “Wege finden”, die Aufmerksamkeit zu monetarisieren. Immer wenn’s ans Eingemachte geht, verdrückt sich Jarvis ins Ungefähre und eilt zum nächsten Vortrag. Nur: Würde man Jarvis mit seinen radikalen Thesen ernst nehmen, könnten die meisten Medienhäuser von heute auf morgen dicht machen.

Erstens schießt die Kritik am Ziel vorbei: Jarvis hätte überhaupt nichts dagegen, wenn die meisten Medienhäuser von heute auf morgen dichtmachen. Seiner Ansicht nach liegt die Zukunft des Journalismus eben nicht in großen Häusern, sondern in kleinen Zellen.

Zweitens stört es mich, dass hier wie schon an hundert Orten radikale Ideen einer Neuordnung des Mediensystems damit abgetan werden, man könne damit kein Geld verdienen. Selbst wenn das stimmen würde (und das tut es nicht zwangsläufig, denn es gibt Menschen, die mit der Link-Ökonomie Geld verdienen und ihre Aufmerksamkeit beispielsweise durch Beraterverträge etc. in Geld umwandeln) – wäre das so schlimm?

Werner D’Inka hat auf einem Vortrag mal den Vergleich gebracht, er würde sich ja gerade noch von einem Bürgerfriseur die Haare schneiden lassen, aber nicht mehr von einem Bürgerchirurgen den Blinddarm rausnehmen lassen. Dieser Vergleich wird bemüht, wann immer es darum geht, dass möglichst ALLE Journalisten ZWANGSLÄUFIG gut bezahlte Profis sein müssen.

Mal ganz abgesehen davon, dass weder heutzutage noch jemals alle Journalisten ordentlich bezahlt wurden oder dass ordentliche Bezahlung keine Garantie für fehlerlose Arbeit ist – stimmt das überhaupt?

Ich habe schon öfter (auch hier) gesagt, dass ich glaube, dass in der Zukunft sehr viel Journalismus von Amateuren produziert werden wird. Von Journalismus-Amateuren, wohl gemerkt, nicht von Idioten. Rechtsanwälte, Wirtschaftskenner, Politik-Kenner, Kultur-Kenner, die in anderen Berufen ihr Geld verdienen, aber nebenher auch gerne noch über ihr Fachgebiet schreiben möchten, wie es sie immer schon gegeben hat.

Warum sollte ich diesen Menschen weniger vertrauen als einem bezahlten Journalisten? Wegen der Unabhängigkeit, könnte man jetzt als Argument anbringen, und das stimmt. Aber die journalistische Unabhängigkeit ist auch nur ein Idealbild, der die Realität durch Druck von Anzeigenkunden oder einfach durch persönliche Überzeugung ohnehin hinterherhinkt. Das Gesetz der großen Leser-Zahlen wird in einer demokratisch geprägten Gesellschaft schon zeigen, wen es sich lohnt zu lesen, und wer nur schlecht geschriebene Propaganda von sich gibt. Relevanz treibt nach oben.

Und was soll das überhaupt mit dem Vertrauen in den Bürgerchirurgen? Deutschland ist das Land des Ehrenamtes, die ARD hat diesem Thema sogar jüngst eine Themenwoche gewidmet. Wir lassen uns von Nicht-Profis aus brennenden Häusern retten, wir vertrauen ihnen unsere Alten, Kranken und Kinder an. Wir Deutsche lassen uns sogar von Amateuren in hochkomplizierten Sportarten wie – sagen wir mal – Dreisprung oder Biathlon auf internationalen Sportwettbewerben vertreten und freuen uns mit wenn “unsere” Sportler gewinnen. Menschen, die nebenher noch Zahnarzthelfer oder Rechnungsprüfer sind.

Aber wir wollen den Journalismus diesen Menschen nicht anvertrauen? Nicht ausschließlich diesen Menschen (das ist ja bei der Feuerwehr auch nicht so), aber auch diesen Menschen? Da muss unbedingt Geld fließen, damit gute Arbeit geleistet werden kann? Ich warte immer noch drauf, dass mir das mal jemand richtig erklärt.