Was ich tue, wenn ich nicht hier schreibe

Ich bereite im Moment den 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag vor, der in zwei Monaten startet. Das bedeutet: viel Arbeit, wenig Platz im Kopf frei, wenig Zeit und Muße zum Bloggen – vor allem nicht für die langen Artikel, die ich gerne schreibe.

Aber ich bin nicht völlig untätig. Letzte Woche habe ich zum Beispiel ein Radiointerview zum Thema “Superhelden” gegeben, das heute im RBB-Inforadio läuft. Kurze Technikgeschichten dokumentiere ich weiterhin im “Techniktagebuch”, zum Beispiel wie das Interview entstand oder wie absurd manchmal meine Telefonkonferenzen ablaufen.

Und manchmal schreibe ich doch mal was Längeres, was aber nichts mit Film und Medien zu tun hat. Dann nebenan, in meinem Tumblr. Letzte Woche zum Beispiel meine Philosophie für das beste Mixtape.

Und keine Angst: Ich habe bereits Artikel für einige der nächsten Wochen geplant. Und für “epd film” schreibe ich auch gerade mal wieder was.

Ich wünsche euch ein schönes Osterwochenende!

Vom auf die Schnauze fallen

Es ist etwas mehr als vier Jahre her, dass sich mir eine Gelegenheit bot, für das Online-Portal einer großen deutschen Zeitung Filmkritiken zu verfassen. Die Gelegenheit war entstanden, weil mich eine Kollegin empfohlen hatte und ich fühlte mich sehr geehrt.

Der erste Kontakt mit der Redaktion war gut, allerdings war ich zu dieser Zeit, genau wie jetzt auch, voll berufstätig außerhalb des Filmbereichs und hatte keine Gelegenheit, Pressevorführungen zu besuchen. Also einigte ich mich mit der Redakteurin darauf, den zu besprechenden Film in einer Mitternachtspreview zu sehen und die Kritik noch in der gleichen Nacht zu schreiben, damit sie ihn am nächsten Morgen auf ihrem Schreibtisch hatte.

Ein hässlicher Bastard

Das Ergebnis war ein Desaster. In der Mittagspause bekam ich einen Anruf, dass meine Kritik nicht dem Niveau entspreche, dass sich die Redakteurin erwartet hatte. Ich wusste sofort, was passiert war: Ich hatte mich so sehr bemüht, für diese Zeitung besonders klug zu klingen, dass ich meine eigene Stimme verloren und stattdessen einen hässlichen Bastard geboren hatte. Die Kritik las sich genauso, wie sich manchmal Briefe von Menschen lesen, die im Alltag wenig mit Schriftsprache zu tun haben, und sich nun Mühe geben, besonders “offiziell” zu klingen.

Weil die Zeit drängte, hatte ich keine Möglichkeit mehr, den Text zu überarbeiten und das Online-Portal veröffentlichte stattdessen eine Kritik aus einer anderen Zeitung. Ich bekam ein Ausfallhonorar (keine Selbstverständlichkeit) und einen Monat später auch eine zweite Chance, deren Ergebnis dann auch veröffentlicht wurde. Aber es war danach klar, dass sich keine erneute Zusammenarbeit ergeben würde.

Im Frühjahr des letzten Jahres durfte ich einen Vortrag auf einem Symposium halten. Wieder fühlte ich mich sehr geehrt, besonders, als sich anschließend die Möglichkeit bot, den Vortrag für die Veröffentlichung in einer akademischen Zeitschrift umzuarbeiten. Ich bin ja inzwischen seit acht Jahren nicht mehr an der Uni, aber ich interessiere mich nach wie vor für die akademische Welt und auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung würde ich sehr stolz sein.

Die erste Fassung des Artikels bekam ich von meinem Betreuer mit viel konstruktivem Feedback zurück. Unter anderem bat er mich, stärker auf den Fokus der Zeitschrift einzugehen. Ich überarbeitete den Artikel und er wanderte in den Review-Prozess.

Die Peer Reviewer schlagen zurück

Heute, ein gutes halbes Jahr nach der Einreichung, habe ich erfahren, dass die Peer Reviewer ihn nicht gut genug finden. Einige Kritik, vor allem zu fehlenden Hintergrundinformationen und Literatur, die ich vielleicht noch in Betracht ziehen sollte, hat sich mir erschlossen. Allerdings wurde auch mehrfach darauf hingewiesen, dass Stil und Struktur nicht akademisch genug seien und sich der Artikel “eher wie ein Blog” lese. Sie fanden das Thema interessant, aber ich hätte den Text noch einmal grundlegend überarbeiten müssen. Im Grunde wäre ich wohl nicht umhin gekommen, ihn neu zu schreiben und erheblich zu erweitern.

Was passiert, wenn ich so tue, als wäre ich jemand anderes, habe ich vor vier Jahren erlebt, als ich das erste Mal auf die Schnauze gefallen bin. Ich habe damals eine Weile mit mir gerungen, ob ich vielleicht einfach nicht gut genug für bestimmte Aufgaben bin, stattdessen habe ich mich aber entschieden, dass ich schreibe, wie ich schreibe. Das heißt nicht, dass ich der Meinung bin, es sei alles gut so, wie es ist und dass ich nicht an mir arbeiten muss. Aber ich möchte dabei “meine Stimme” nicht verlieren, von der ich weiß, dass manche Menschen sie auch schätzen. Es schien mir verlorene Lebenszeit, daran zu arbeiten, mehr so zu klingen, wie ich glaube, dass andere Leute gerne hätten, dass ich klinge.

Daher war ich heute zwar enttäuscht, dass mein Artikel nicht genommen wurde, aber ich habe mich auch sehr schnell dagegen entschieden, die große Emulationsmaschine im Keller anzuwerfen und mich in den nächsten Wochen damit abzustrampeln, so zu tun, als wäre ich ein Vollzeitakademiker. Ich habe den Luxus, dass ich meistens aus Spaß am Schreiben schreiben kann. Und vor allem dann, wenn ich nicht dafür bezahlt werde, möchte ich mir diesen Spaß erhalten. Dafür bin ich auch bereit, manchmal auf die Schnauze zu fallen.

Mein Plan für 2015: Bessere Geschichten erzählen

Hat ja super geklappt mit meinem Vorsatz für dieses Jahr. Da hatte ich mir im letzten Dezember ausgekäst, ich könnte 2014 ein Buch schreiben, aber es hat hinten und vorne nicht gepasst. Kein Wunder, dass ich eigentlich niemand bin, der sich Vorsätze macht – sondern nur Pläne schmiedet. Mein Plan für 2015 ist weniger präzise, sein Erfolg ist weniger messbar, aber ich halte ihn für ungleich wichtiger: Ich will 2015 lernen, bessere Geschichten zu erzählen.

Dafür muss ich zunächst überhaupt üben, Geschichten zu erzählen. Bei “Real Virtuality” habe ich in den letzten Jahren vor allem Artikel veröffentlicht, die einer Art Essay-Struktur folgen, mit Thesen, Argumenten und Ausblicken. Doch je länger ich die Uni hinter mir lasse und je mehr ich meinen Lesehorizont erweitere, umso mehr begeistern mich Menschen, die Journalismus so aufbereiten können, dass er nicht nur Informationen übermittelt, sondern auch ein lebendiges Bild und eine dazugehörige Geschichte vor meinem inneren Auge entstehen lässt.

Spannender als jeder Roman

Begegnet ist mir das, wie üblich, zunächst in Printjournalismus aus den USA. Gerade Magazine, pflegen dort gerne einen Longform-Journalismus, der eben aus Vorfällen die Geschichten extrahiert, die dahinter stecken. Gute Recherche und gute Dramaturgie können dabei durchaus Hand in Hand gehen. Und was für Magazinartikel funktioniert, passt natürlich auch in Buchform – “Nonfiction” kann unterhaltsamer und spannender sein als jeder Roman.

(Ich weiß, dass es auch in Deutschland tolle Autor_innen gibt, die das können, mir begegnen sie nur seltener.) (Mein bester Versuch in diese Richtung war bisher der Artikel zu Day-and-Date-Releasing in “epd Film”, in dem auf wundersame Weise während der Recherche plötzlich eine Art Handlung entstand, wo vorher nur eine These war.)

Im Alltag versteckt

Die zweite Inspirationsquelle sind Menschen, die in der Lage sind, aus ihrem eigenen Alltag Geschichten herauszulösen. Mein Lieblingsmensch, der das macht, ist das Nuf, aber seit ich einmal damit angefangen habe, sowas zu mögen, begegnet es mir immer häufiger. Hier geben die Autoren selbst oft zu, dass sie ihr Erlebtes durch die Art ihrer Schilderung vielleicht manchmal etwas dramatischer erscheinen lassen, als es jemand beschrieben hätte, der unparteiisch daneben gestanden hätte. Ich kann das persönlich nicht so gut – es liegt einfach nicht in meiner Natur – aber die Crux ist, dass man ein Auge und ein Gefühl dafür entwickelt, wo sich im Leben manchmal Geschichten verstecken, die man auf den ersten Blick vielleicht als reine Geschehnisse abtut.

Ich übe das zurzeit schon ein bisschen im “Techniktagebuch“. Dort geht es zwar eigentlich nur darum, Begegnungen mit Alltagstechnik zu dokumentieren, aber beim Aufschreiben stelle ich häufig fest, dass in diesen Begegnungen auch kleine Geschichten mit Anfang, Mitte und Ende stecken. Die Sensibilisierung nimmt also bereits zu.

Dein Freund, das Mikrofon

Besonders gut funktioniert das Extrahieren von Geschichten aus Ereignissen, vielleicht gar nicht unbedingt erwartbar, in Audioform. Wenn die Producer von This American Life, Radiolab oder Pitch (letztere bekommen demnächst noch einen Extrapost) loslegen und mir ganz intim direkt ins Ohr hineinerzählen, oft von O-Tönen und Musik unterstützt, kann das so lebendig sein, wie ein toller Film. Ihren vorläufigen Höhepunkt hat die Form 2014 sicherlich mit Serial erreicht, wo das Format zusätzlich mit Elementen der seriellen Erzählung eine aufregende Beziehung einging – nicht zuletzt auch aus journalistischen Gesichtspunkten.

Die Radiojournalistin Sandra Müller von “radio-machen.de”, mit der ich mich vor ein paar Tagen auch auf Twitter darüber ausgetauscht habe, hat das Prinzip toll zusammengefasst: “Sprich in das Mikrofon, als wäre es ein Freund, dem du etwas erzählst.” Nachdem ich Podcast als Medium 2014 erstmals etwas ausführlicher für Berichterstattung getestet habe, will ich es 2015 unbedingt auch mal als journalistisches Erzählmedium ausprobieren.

Das also ist der Plan für 2015. Ob wirklich ein großes Projekt dabei herauskommt, zwischen all den anderen Dingen, die ich tun möchte oder muss, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber ich übe schon. Und der Weg ist das Ziel. So ist das mit Plänen.

In eigener Sache: Podiumsdiskussion beim FILMZ Festival Mainz

Am 30. November werde ich auf dem FILMZ Festival in Mainz an einer Podiumsdiskussion “Zur Lage der Filmkritik in Deutschland” und zum Flugblatt für aktivistische Filmkritik teilnehmen. Mit mir sitzen einige alte Bekannte auf dem Podium: Norbert Grob hat meine Magisterarbeit betreut, Rudolf Worschech ist mein Chef bei “epd film” und Dennis Vetter hat mit mir studiert. Mit Marli Feldvoß war ich immerhin schon in Pressevorführungen, glaube ich.

Hier ist der Text aus dem Programmheft:

Lesen Sie Filmkritiken noch in gedruckten Fachzeitschriften oder informieren Sie sich über aktuelle Kinostarts über Blogs im Internet? Reicht Ihnen vielleicht schon der Trailer oder das Staraufgebot für Ihre Entscheidung ins Kino zu gehen? Oder schauen Sie Filme sowieso nur noch auf dem Tablet? Um für ihre Rezipienten auch im 21. Jahrhundert attraktiv zu bleiben, müssen Filmkritiker_innen auf diese Fragen Antworten finden. Der Verband der deutschen Filmkritik hat mit ihrem „Flugblatt für aktivistische Filmkritik“ ein Zeichen gesetzt: Um gesellschaftlich relevant zu bleiben, soll sich die Filmkritik gegen eine Anpassung an die Marktlogik und einem Eigenverständnis als Dienstleister für Filmverleiher und Programmkinos stellen. Stattdessen sollen Filmkritiker_innen wagemutige Positionen einnehmen und dabei ästhetisch wie kulturpolitisch Stellung beziehen. Auf Basis des Flugblatts diskutieren einige der renommiertesten Filmkritiker_innen über die Potentiale einer „aktivistischen“ Filmkritik unter Berücksichtigung neuer Rezeptionsbedingungen des Publikums:
Dennis Vetter (Vorstand im Verband der Deutschen Filmkritik VDFK)
Marli Feldvoss (Publizistin, Filmkritikerin und Lehrbeauftragte für Filmgeschichte)
Prof. Dr. Norbert Grob (Wissenschaftler, Autor, Essayist / Professur für Mediendramaturgie und Filmwissenschaft in Mainz)
Alexander Matzkeit (Freier Journalist und Blogger)
Rudolf Worschech (Verantwortlicher Redakteur epd film)
Moderation: Andreas Heidenreich (Vorstandsmitglied im Bundesverband kommunale Filmarbeit, Programmgestalter beim Kommunalen Kino Weiterstadt und der Caligari FilmBühne, Leiter des Filmfests Weiterstadt u.v.m.)

Ich bin explizit als Blogger geladen, werde mich also bemühen, die Rolle gut zu spielen. Das heißt, ich werde einen Kapuzenpulli tragen, vom Podium twittern und generell eher pöbeln als argumentieren. Logo.

Das ganze findet statt in meinem alten Hörsaal
im Mainzer Medienhaus, Wallstraße 11, am 30. November 2014, um 11 Uhr.
Der Eintritt ist frei.
Mehr Infos zu FILMZ auf deren Homepage.

In eigener Sache: Real Virtuality verkauft seinen Körper

In der kommenden Woche werde ich in diesem Blog erstmals Posts veröffentlichen, für die ich bezahlt worden bin. Bisher habe ich mich immer dagegen gesträubt, weil meine journalistische Ehre genauso dagegen spricht wie der ursprüngliche Plan, dieses Blog eher als Visitenkarte und als Auffangbecken für anderswo unpublizierbare Gedanken zu nutzen. Eigentlich will ich mit diesem Blog also gar kein Geld verdienen, es ist aber eine Zeit herbeigekommen, wo ich es a) kann und b) “muss”. “Muss” in Anführungsstrichen, weil ich natürlich auch an anderer Stelle Geld sparen, meinen Job wechseln, in eine kleinere Wohnung ziehen oder sonstige Dinge tun könnte, um am Ende des Monats im Plus zu sein, aber formulieren wir es einfach mal so: Ich kann das Geld im Moment trotz day job gut gebrauchen.

Mir ist wichtig, dass ich hier wirklich nur meinen Körper, das heißt: dieses Blog, verkaufe und nicht meine Seele. Die bezahlten Posts werden transparent als solche gekennzeichnet sein. Es werden nicht viele Posts sein und ich werde das Ganze nur einen gewissen Zeitraum machen. Wer trotzdem “Ausverkauf!” schreien möchte, dem sei noch in Erinnerung gerufen, dass ich bisher komplett darauf verzichtet habe, dieses Blog mit vergleichsweise einfachen aber Klickzahlen-mäßig sehr effektiven Einträgen wie Trailern oder Gewinnspielen zu füllen und nur mit Einträgen meinen jetzigen Status erreicht habe, in denen viel Zeit, Schweiß und Recherche steckt.

Ich hoffe auf euer Verständnis.

Geburt

Es war still im Blog in den letzten Wochen. Der Grund: Ich habe fieberhaft an einem der wichtigsten Projekte meines bisherigen Berufslebens gearbeitet. Das hat mich nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Nerven gekostet. Ich habe die letzten zwei Wochen kaum eine Nacht richtig geschlafen, mich stattdessen stundenlang hin- und hergewälzt und meine Neurodermitis gekratzt, weil ich eine Riesenangst hatte, dass ich nicht rechtzeitig fertig und damit zum Gespött der Welt werde. Ich konnte mich nicht aufraffen, in meiner Freizeit dann auch noch kreativ zu sein – obwohl noch ein paar Ideen in der Schublade warten – und habe lieber The Good Wife geguckt.

Er ist dann aber mit nur wenigen Einschränkungen doch noch rechtzeitig fertig geworden, der Relaunch von kirchentag.de. Ich habe inzwischen kein Gefühl mehr dafür, ob er schön geworden ist und praktisch – wie geplant – oder nur eins von beidem oder keins. Aber er ist jetzt fertig und live. Und ich bin sehr erleichtert.

Und nächste Woche fange ich dann vielleicht auch wieder an zu bloggen.

In eigener Sache: Alex im INTERVIEVV

David Streit hat mir geschmeichelt und mich in die Riege seiner “Intervievv“-Partner aufgenommen, in der unter anderem auch schon Gunter Dueck und Richard Gutjahr mitgemacht haben. Das Rezept ist simpel: David stellt die Fragen und der Interviewte zeichnet sein eigenes Video auf. Ich nehme darin “Stellung” zu meinen Steckenpferd-Themen Film-Blogosphäre und Digitale Ästhetik und dem jüngsten Brouhaha um die Sperrfrist zu Guardians of the Galaxy. Einblicke in eine Ecke meines Wohnzimmers gibt es inklusive. Für Kamera und Schnitt danke ich natürlich Cutterina.

Stöckchen: Best Blog Award

Ich stecke blogtechnisch manchmal in einer gewissen Zwickmühle. Einerseits möchte ich den Aufbau einer Blogosphäre und den Austausch von Bloggern untereinander fördern, andererseits aber verfolge ich in mit meinem Blog einem irgendwie vage journalistischen Anspruch und versuche daraus, eben keine Ego-Show zu machen, die nur nach dem Prinzip “Ich finde xy gut/schlecht” funktioniert. Es sollte euch eigentlich egal sein, was mein Lieblingsfilm (2001: A Space Odyssey) oder mein Favorit unter den neuen amerikanischen Serien (Mad Men) ist, solange ihr euch an meinen Thesen und Argumenten reiben könnt und euch von mir informiert fühlt.

Die typischen Vernetzungs-Mechanismen von Blogs wie Blogparaden und Stöckchen aber stellen genau diesen Ich-Aspekt in den Vordergrund – und fühlen sich nicht zuletzt deswegen manchmal an, wie ein Relikt aus einem anderen, dem Livejournal-Zeitalter, als Blogs eben wirklich noch Online-Tagebücher waren und nicht einfach nur eine Publikationsform unter vielen. Darum habe mich ihnen bisher fast immer verweigert (genauso wie dem “Media Monday”, obwohl ich ihn bei anderen gerne lese).

Ein paar Ausnahmen gibt es: Ich habe mal an der This is How I Work-Parade teilgenommen und mir vor zwei Jahren mal den Luxus gegönnt, meine Medienkonsum-Gewohnheiten aufzuschreiben. Weil es in diesem Stöckchen auch hauptsächlich um die Beschreibung der eigenen Arbeit geht und ich hoffe, dass irgendjemand daraus tatsächlich einen Mehrwert ziehen könnte, und weil mich der Intergalactic Ape-Man so nett gefragt hat und mir schmeichelhafter Weise einen “Best Blog Award” verliehen hat, mache ich eine weitere Ausnahme.

Warum sollte man deinen Blog deiner Meinung nach lesen und welchen charakteristischen Artikel auf deinem Blog sollte unbedingt jeder kennen?

Ich habe mir die bewusste Aufgabe gestellt, mich von anderen Filmblogs zu unterscheiden, indem ich keine Kritiken schreibe. Das ist ganz praktisch, weil ich auch der Meinung bin, dass ich nicht gut darin bin, Kritiken zu schreiben. Stattdessen schreibe ich, wenn ich nicht gerade neue Formate ausprobiere, das, was im englischsprachigen Raum gerne “Thinkpieces” genannt wird, im Grunde kleine Essays, in denen ich eine These vertrete, die oft (fürchte ich) genauso viel über das Untersuchungsobjekt wie den Autoren aussagt. Das ist zum Teil auch etwas, was ich aus meiner Uni-Zeit behalten habe. Ich habe einfach sehr gerne Hausarbeiten geschrieben, mich auf einen Aspekt eines Werkes konzentriert und diesen in einen größeren Kontext gestellt. Und so gehe ich heute noch an Filme heran. Das Endergebnis kommt manchmal einer Kritik recht nahe, ist aber nie so konzipiert.

Man sollte mein Blog also lesen, wenn man bereit ist, meinen Blick auf die Filmwelt zu akzeptieren, das ist im Grunde der Blick eines Möchtegern-Medienwissenschaftlers. Der erste Artikel, in dem sich mein heute favorisiertes “Format” kristallisiert hatte, war meine Statt-Kritik zu The Perks of Being A Wallflower, “Die Annehmlichkeiten des Mauerblümchendaseins” im Oktober 2012. Ansonsten fällt mir immer wieder meine merkwürdige Rechtfertigung von Star Trek Into Darkness ein, in der sich viele meiner Obsessionen widerfinden. Der Artikel heißt “Star Trek Into Darkness ist eine faszinierende Studie des Butterfly Effects (und deswegen besser als ihr denkt)“.

Hast du deinen ersten veröffentlichten Artikel für deinen Blog geschrieben und wovon handelte er?

Mit Sicherheit nicht für mein Blog. Wahrscheinlich für eine Schülerzeitung, aber ich kann mich nicht genau dran erinnern. Mitte der 90er hatte ich bereits eine eigene Website und auch da habe ich schon Artikel und Kritiken geschrieben. Ich glaube meine erste war eine Krtik zu Lost in Space, dem gräßlichen Remake von 1998. Zum ersten Mal von einem “erwachsenen” Medium veröffentlicht wurde ich wohl 2003, als ich ein Praktikum beim “Wiesbadener Kurier” gemacht habe – in dem Artikel ging es um die Hitzewelle des Sommers.

Was motiviert dich, einen Blogpost zu schreiben und was hält dich davon ab?

Mich motiviert die Tatsache, dass ein einmal aufgeschriebener Artikel nicht mehr in meinem Kopf rumspukt und mich abends nicht einschlafen lässt. Und die Tatsache, dass ihn vielleicht jemand liest und sich dann damit auseinandersetzt. Abgehalten werde ich höchstens durch Alltagszwänge – ich habe ja schließlich auch ein Berufs- und ein Privatleben sowie ein paar andere Hobbies.

Was waren die letzten drei Themen, über die du einen Artikel schreiben wolltest, es aber nicht getan hast?

Noch nicht getan hast. Nach meiner Enttäuschung über Rush wollte ich etwas über Peter Morgan schreiben und warum ich seine Art, Realität zu dramatisieren (auch in The Queen und Frost/Nixon) unzureichend finde, aber die These hat sich in mir nicht genug verhärtet und dann war der Moment vorbei, wo der Artikel jemanden interessiert hätte. Ich hebe sie aber für seinen nächsten Film auf. Dann hatte ich irgendwann etwas über virtuelle Produktplatzierung gelesen und wollte der Absurdität dieses Begriffs nachgehen, habe es aber zeitlich nicht geschafft. Und ich hätte sehr gerne etwas über die Schrift im Bild von The Great Gatsby gemacht, die in der deutschen Fassung auch deutsch war. Mich hätte interessiert, wie die Firma, die das gemacht hat, gearbeitet hat – hat sie Fitzgeralds Sätze neu übersetzt oder eine existierende Übersetzung genommen? Wie sahen die unfertigen “Plates” aus, die sie von der VFX-Firma geliefert bekommen haben? Hat die deutsche Sprache ein anderes Arbeiten verlangt, oder ging es relativ einfach? Leider sind meine Recherchen, wer die Lokalisierung eigentlich vorgenommen hat, nach mehreren Kontakt-Versuchen immer irgendwo versandet.

Zu welcher Tageszeit und in welcher Stimmung schreibst du Blogposts und veröffentlichst du die dann auch gleich?

Ich schreibe dann, wenn ich nicht arbeiten muss. Das heißt unter der Woche abends und am Wochenende. Stimmungen können dafür unterschiedlich sein, aber wenn ich richtig schlecht drauf bin, lasse ich es eher. Meistens veröffentliche ich die Artikel sofort, außer es gibt irgendwelche dringenden Gründe (Presse-Embargos, zum Beispiel), die mich daran hindern. Ich bin schon recht eitel und möchte sofort sehen, welche Reaktionen kommen.

Was ist das Teuerste, worüber du gern schreiben würdest oder geschrieben hast?

Ich bin nicht so ganz sicher, wie das Wort “teuer” hier zu verstehen ist. “Teuer” im Sinne von “mir am Herzen liegend” wird es immer, wenn ich über Musik schreibe. Film liebe ich, aber mein Verhältnis dazu ist recht analytisch. Musik hingegen geht bei mir häufig direkt ins Herz, deswegen freue ich mich immer, wenn ich mal beides verbinden kann, wie bei meinem jüngsten Artikel über Moulin Rouge! oder über den “echten” Gesang im Film.

Wenn es um Geldwert geht, sind die Blockbuster, über die ich mit Vorliebe schreibe, sicher ganz vorne dabei. Etwas besonders teures, über das ich gerne mal schreiben würde, fällt mir spontan nicht ein.

Wenn du dir einen Interviewpartner aussuchen könntest, wer wäre es?

Lange Zeit wäre das Danny Boyle gewesen, über den ich mal promovieren wollte, aber Amy Raphael hat mir das mit ihrem tollen Interviewband dankenswerter Weise abgenommen. Heute würde ich mich natürlich am allerliebsten einmal ausführlich mit Kevin Feige, dem Präsidenten von Marvel Studios, unterhalten. Mich interessiert wirklich, wie er tickt und was ihn antreibt. Ich hoffe sehr, das sich die Gelegenheit zumindest für ein Kurzinterview eines Tages mal ergibt. Ganz abwegig ist das ja zum Glück nicht, wenn Marvel weiter Deutschlandpremieren veranstaltet.

Wie denkst du über Promoagenturen, Rezensionsexemplare und Sponsored Posts?

Da ich hauptberuflich PR-Arbeit mache, sehe ich das Ganze als ein Ökosystem, in dem sich einfach unterschiedliche Interessen professionalisiert haben. Im Idealfall funktioniert dieses Ökosystem zum Vorteil für alle. Obwohl es einen als Journalist oft stört, wenn man statt mit seinem eigentlichen Untersuchungsobjekt mit einer Agentur zu tun hat, kann man sich genauso häufig genau darüber glücklich schätzen, denn so wird man wenigstens professionell betreut und viele Dinge werden erst möglich gemacht.

Ich habe mich für mein Blog bisher noch entschieden, auf Promo-Aktionen und Sponsored Posts zu verzichten, weil ich mich nicht davon abhängig machen möchte. Ich denke immer wieder darüber nach, aber es ist mir im Moment noch wichtiger, für mein Schreiben wahrgenommen zu werden, als mit dem Blog Geld zu verdienen. Rezensionsexemplare nehme ich, aber nur wenn ich auch wirklich drüber schreiben will. Wie gesagt: ich will nicht, dass Abhängigkeiten entstehen, solange das hier nur Hobby, Spaß und Selbstverwirklichung und nicht Teil meines Jobs ist. Bei anderen stören mich all diese Dinge nicht, solange sie sich im Rahmen halten. Ich weiß ja in der Regel, was dahinter steckt.

Viele Blogs überleben die ersten zwei Jahre nicht, ein Großteil schläft nach ein paar Jahren ein. Wo siehst du deinen Blog bzw. deine Schreibtätigkeit in fünf, in zehn und in zwanzig Jahren?

Mein Blog ist in den fünf Jahren, die es jetzt existiert, stetig gewachsen und hat eigentlich vor anderthalb Jahren erst so richtig Fahrt aufgenommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das noch eine Weile so weitergeht – allerdings gibt es auch Dinge die dazwischen kommen könnten, etwa das Kind, das ich vielleicht irgendwann haben werde. Ich werde mit Sicherheit immer schreiben, vielleicht auch mal über andere Dinge als Film und Medien, und ich denke immer wieder darüber nach, auch mal wieder zu versuchen, es zu meinem Hauptberuf zu machen, aber derzeit ist mir das Risiko dafür zu hoch. Im Moment geht es mir mit “Real Virtuality” wirklich gut, aber es könnte auch nur eine Phase in meiner generellen Entwicklung als Autor sein. In zwanzig Jahren bin ich 51. Ob es dann noch Blogs gibt, wir uns längst alle Gedanken gegenseitig direkt in die Köpfe beamen oder in einer post-apokalyptischen Wüste Jagd auf mutierte Kaninchen machen, wer kann das schon sagen?

Wieviel Zeit verbringst du im Internet und würdest du dich als abhängig bezeichnen?

Ich bin, seit ich ein Smartphone besitze, eigentlich immer online. Mein Beruf hat mit Internet zu tun, also verbringe ich sicher gute acht bis zehn Stunden täglich aktiv im Netz. Abhängig fühle mich nicht. Mir fehlt nichts, wenn ich kein Internet habe, solange ich Ersatz habe für die Informationen und die Kommunikation, die dort stattfindet – also zum Beispiel Freunde und Bücher oder Filme. Aber ich bin sicherlich insofern abhängig als dass ich für viele Alltagsaufgaben aufs Netz angewiesen bin und sie neu konstruieren müsste, wenn es wegfiele.

Was bewegt dich derzeit am meisten und warum?

Es gibt viele verschiedene Wege auf diese Frage zu antworten, aber ich will nicht zu privat werden. Also bleibe ich mal dabei, dass mich interessenstechnisch nach wie vor die verschiedenen Aspekte meines geplanten Buchprojekts “Continuity” umtreiben. So sehr, dass mich bestimmte Filme inzwischen fast mehr aufgrund des Drumherums interessieren, als wegen ihres Inhalts (so geschehen bei The Amazing Spider-Man 2). Ich finde das besorgniserregend und hoffe, dass ich den Dämon bald bannen kann, indem ich tatsächlich mal mit dem Schreiben anfange. Außerdem: Die Gefühle von Zugehörigkeit und Gemeinschaft, über die ich gerade mit Blick auf die re:publica geschrieben habe beschäftigen mich weiterhin, vielleicht weil ich mich selbst zurzeit auch ein bisschen neu verorte und sich in einem guten Jahr sowieso wieder viele Achsen in meinem Leben neu ausrichten werden.

Zu Blog-Stöckchen gehört es eigentlich, das man sie weiterwirft und neue Mitmacher nominiert. Hier sollen es elf sein, die man für unterrepräsentiert hält, und elf neue Fragen. Mir fällt aber niemand ein, den ich nominieren könnte, der/die nicht a) schon nominiert wurde und von dem ich b) glaube, dass er/sie mitmachen würde. Daher belasse ich es mal dabei, es haben ja auch schon fast alle teilgenommen.

Foto: Flickr Commons

In eigener Sache: Bitte um Feedback zur ITFS-Berichterstattung

Falls es irgendjemand nicht mitbekommen hat, weil er oder sie jetzt erst dazugestoßen ist: Ich habe in der vergangenen Woche vom Internationalen Trickfilmfestival Stuttgart einen täglichen Podcast hier im Blog und einen täglichen Bericht auf kino-zeit.de veröffentlicht.

Das Ganze war für mich auch eine Herausforderung an mich selbst. Ich habe noch nie richtige Festivalberichterstattung gemacht und wollte es mal ausprobieren. Ich hatte streckenweise Spaß dabei, habe aber auch manchmal ziemlich mit Termindruck, Schlafmangel und sonstigen Widrigkeiten, die wahrscheinlich dazu gehören, zu kämpfen.

Die große Frage, die sich für mich nun stellt, ist: Soll ich das jemals wieder machen? Größere Projekte dieser Natur lohnen sich für mich persönlich im Endeffekt (und im Unterschied zu einfachen Blogposts) nach dem ersten Mal nur, wenn sie ein Publikum finden. Daher würde ich mich sehr über ein kurzes Feedback freuen – in den Kommentaren, per Mail oder über das soziale Netzwerk eurer Wahl.

Ich erhoffe mir vor allem Antworten auf folgende Fragen: War das Angebot zu viel, zu wenig oder genau richtig? Habt ihr die Podcasts überhaupt gehört? Fandet ihr sie interessant und würdet ihr sie wieder hören? Wenn nein, warum nicht? Ergibt diese Art von nicht-regelmäßigem Podcast überhaupt einen Sinn? Was würdet ihr eventuell lieber sehen?

Wenn ihr euch die Zeit nehmt, bin ich euch sehr dankbar.

Gesucht: Gesprächspartner für das ITFS

Ich habe mich für das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart akkreditiert und plane, von Dienstag an täglich hier im Blog von dort zu berichten. Unter anderem möchte ich einen täglichen etwa halbstündigen Podcast produzieren, der zur Hälfte aus Interviews mit Filmemachern und zur Hälfte aus Besprechungen des Programms besteht.

Für diese Besprechungen suche ich andere beim ITFS akkreditierte Blogger_innen und Journalist_innen, die Lust haben, sich jeweils an einem Tag des Festivals eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, um mit mir den Tag zu rekapitulieren. Denn im Gespräch lässt sich besser reflektieren als allein.

Dass ich auf eure Blogs, Profile oder sonstige Arbeit verlinke und hinweise versteht sich von selbst.

Wenn ihr Interesse habt, schickt mir eine Mail an

kontakt@alexandermatzkeit.de

und wir klären alles weitere.