Beinahe unaufhaltsam: Bilals Weg in den Terror

Es gibt Tonaufnahmen, die so mächtig sind, dass man eine fünfteilige Radioserie um sie aufbauen kann. Weniger als eine Minute lang ist wahrscheinlich die Whatsapp-Audionachricht, die der 17-jährige Bilal aus Syrien an einen Freund in Deutschland schickt und doch funktioniert sie wie eine Art Generalschlüssel für den gesamten Themenbereich „Radikalisierung junger Muslime in Westeuropa“. Bilal ist aus Hamburg über die Türkei nach Syrien gereist, um sich dem IS anzuschließen und für die gute Sache des Islam zu kämpfen.

Doch in Syrien findet er nur Chaos vor. Er wird eingesperrt und mit leeren Versprechungen hingehalten. Nichts von dem, was ihm erzählt wurde, ist wahr. Stattdessen begreift er schnell, warum er nach Syrien geholt wurde. Seine Altersgenossen und er dienen dem IS als Kanonenfutter in seinem scheinheiligen Krieg. Fassungslos wiederholt er, was er sieht: „Die schicken einfach die Brüder zum Tod.“

Weiterlesen in epd medien 9/17

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Nur von Kult zusammengehalten

Bela B. ist Drummer, Sänger und Songwriter in der kultisch verehrten Band Die Ärzte. Oliver Rohrbeck ist einer der Sprecher der kultisch verehrten “Die drei ???”-Hörspiele. Der Italo-Western ist ein Genre, das gerne mal dem Kultfilm zugeschrieben wird. Und Rainer Brandts “Schnodderdeutsch”-Synchronfassungen, in denen die Helden immer einen blumigen Spruch auf den Lippen haben, genießen inzwischen auch Kultstatus. Wenn all diese Dinge gleichzeitig auftreten, wie im Hörspiel Sartana – Noch warm und schon Sand drauf, steht die Kult-Singularität unmittelbar bevor.

Vermutlich muss man aber selbst Kultist sein, um ihr entgegenzufiebern. Man muss der Überzeugung sein, es gehe darum “ein lang vergessenes Kulturgut wiederzubeleben”. So drückt es Sartana-Mastermind und Hauptdarsteller Bela B. in einem der geskripteten Backstage-Dialoge aus, die dem um Brandts Synchronbuch herumgestrickten Hörspiel eine selbstreflektive Note geben sollen. Sicherlich nicht hundertprozentig ernst gemeint – weder Italowestern noch schnodderige Synchros dürften als “lang vergessen” gelten, so lange es Privatfernsehen gibt – aber auch eine gute Selbstrechtfertigung. Sonst könnten hinterhältige Rezensenten schließlich glauben, hier habe jemand nur ein paar Kumpels und Idole um sich geschart, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen: in einem Film von damals die Hauptrolle spielen und all die coolen Sprüche endlich selbst klopfen.

Noch warm und schon Sand drauf von 1970 ist je nach Rechnung der dritte oder vierte der am Fließband produzierten Italo-Western um den kernigen Scharfschützen Sartana, einer der vielen Nachahmer von Sergio Leones Für eine Handvoll Dollar. Wie üblich dreht sich der Plot um einen einsamen Revolverhelden, der das Gesetz in die eigenen Hände nimmt und selbst entscheidet, wen er rächt und wen er rettet. Ein Schurke nach dem anderen meldet in dieser Iteration der Geschichte Interesse entweder an einem Gold versprechenden Stück Land nahe der Stadt Indian Creek oder gleich an Sartanas Leben an. Der Originaltitel des Films, der übersetzt “Schönes Begräbnis, Freunde! … Sartana zahlt” lautet, sagt alles darüber, was dann jeweils als nächstes passiert.

Weiterlesen in epd medien 47/2016

Drei Minuten vor zwölf

Als jemand, der Anfang der 1980er Jahre geboren wurde, hatte ich Zeit meines Lebens Schwierigkeiten damit, das Lebensgefühl dieser Dekade nachzuempfinden – bis vor einigen Jahren, als der Zeitgeist plötzlich wieder zu passen schien. Warum das so sein könnte, darauf legen andcompany&Co. in ihrem Hörspiel, das auch als Theaterstück schon durch Deutschland getourt ist und den unmerkbaren Namen WARPOP MIXTAKE FAKEBOOK VOLXFUCK PEACE OFF! ‘Schland Of Confusion trägt, eigentlich ganz gut den Finger: Angst.

Die “Doomsday Clock”, die Weltuntergangsuhr, die die Gefahr der globalen Bedrohung anzeigt, ist 2015 wieder auf drei Minuten vor zwölf vorgestellt worden, zum ersten Mal seit 1984. Das nimmt die Performance-Gruppe zum Anlass, um wie mit einem riesigen Schaufelbagger die kulturellen Artefakte von damals aufzuklauben, sie über dem Heute wieder abzuwerfen und in einem akustischen Thermomix kräftig mit der momentanen Stimmung zu verquirlen. In einer fiktiven Radiosendung stellt die fiktive Band “Die Schlitz” ihr Album “Schewenborn” vor, benannt nach Gudrun Pausewangs 1983 erschienenem Anti-Atomkriegsroman Die letzten Kinder von Schewenborn, der seinerseits in einer fiktiven Kleinstadt spielt.

Was es Mitte der 80er nicht alles gab. James Camerons Film The Terminator, in dem eine Maschine aus der postapokalyptischen Zukunft Jagd auf eine Frau macht, Pseudo-Protest-Pop wie Genesis’ Land of Confusion, Midnight Oils Beds are Burning und Ultravox’ Dancing With Tears in My Eyes. Heckscheiben-Aufkleber gegen AKWs und Waldsterben. Friedenskonzerte mit Udo Lindenberg. Und George Orwells drohendes Menetekel in Form eines Romantitels.

Weiterlesen in epd medien 41/2016

WARPOP MIXTAKE FAKEBOOK VOLXFUCK PEACE OFF! ‘Schland Of Confusion in der WDR-Mediathek

In der Mitte ein Loch: Der talentierte Mr. Vossen

Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ (und die zwei Verfilmungen mit Alain Delon und Matt Damon) handeln von einem mittellosen jungen Mann, der über Leichen geht, um sich die Identität und den Lebensstil eines reichen Freundes anzueignen, und am Ende damit davonkommt. Felix Vossen, dessen Name im Titel der NDR-Podcastserie in Anspielung auf Highsmiths Roman verwendet wird, ist der wohlhabende Sohn eines Textilfabrikanten, der sich nach Jahren luxuriösen Lebens mit 60 Millionen Euro veruntreutem Geld absetzte und derzeit in Zürich im Gefängnis sitzt. Bis auf die Tatsache, dass beide Personen ihren Freunden etwas vorspielen, haben Mr. Ripley und Mr. Vossen nicht viel gemeinsam.

Doch nicht nur der Titel suggeriert Hörerinnen und Hörern etwas, das Christoph Heinzles Hörfunk-Reihe nur schwer einlösen kann. Von einem „rätselhaften“ Kriminalfall spricht Heinzle im Vorspann jeder Folge, der in der „Jagd“ auf einen Millionenbetrüger mündete. Dabei ist Vossen, das gibt der Autor bereits in der zweiten der sieben Folgen zu, das klassische Zentrum eines Ponzi-Systems, in dem ein charmanter Vertrauensmann mit dem Versprechen auf hohe Rendite immer neue Investoren anwirbt, um alte Investoren auszuzahlen und immer größere Geldlöcher zu stopfen.

Eine Folge zuvor hat man erfahren, dass die Jagd auf Vossen wenig spektakulär mit einer Festnahme bei einer Routinekontrolle in Spanien endete. Statt auf eine Jagd begibt sich Christoph Heinzle also auf eine Spurensuche durch die verschiedenen Stationen von Vossens Leben. Das Ende der 90er Jahre Konkurs gegangene Frottier- Unternehmen Vossen in Gütersloh, das Internat in der Schweiz, die gelinkten Freunde in London, Felix Vossens leidenschaftliche Ausflüge ins Filmgeschäft.

Die vollständige Kritik ist erschienen in epd medien 40/2016.

Verdammt gutes Radio: “Der Anhalter”

Am 1. Juli verbreitete sich die Nachricht aus Baltimore wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken: Adnan Syed bekommt ein neues Verfahren. Der heute 35-jährige Syed wurde vor 17 Jahren zu lebenslanger Haft wegen des Mordes an seiner Freundin verurteilt. 2014 erfährt die Radioreporterin Sarah Koenig davon, rollt den Fall im Podcast “Serial” wieder auf und schafft damit ein globales Medienphänomen. Über fünf Millionen Menschen, ein bisher ungebrochener Rekord, hören zu, wenn Koenig Woche für Woche neue Fakten präsentiert. Am Ende bleiben erhebliche Zweifel an Syeds Schuld. Und nun, anderthalb Jahre später, haben die Recherchen tatsächlich ein neues Verfahren angestoßen.

Es ist die Hochphase des “Serial”-Booms, im September 2014, als Stephan Beuting am Verteilerkreis in Köln von einem obdachlosen Anhalter angesprochen wird. Er habe Knochenkrebs und sei auf dem Weg nach Zürich, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Beuting hört sich die Geschichte von Heinrich Kurzrock an, gibt ihm etwas Geld, erwartet nicht, ihn wiederzusehen. Doch als er seinem Kollegen Sven Preger von der Begegnung erzählt, stellen die beiden fest, dass Preger Kurzrock ebenfalls begegnet ist, ein Jahr zuvor, mit der gleichen Geschichte.

Es lässt sich aus der Entfernung schlecht sagen, ob “Serial” die direkte Inspiration für “Der Anhalter” war. Aber wenn, dann war sie auf jeden Fall nicht die schlechteste. “Der Anhalter”, der Heinrich Kurzrocks Lebensgeschichte in fünf Teilen erzählt, ist verdammt gutes Radio.

Weiterlesen in “epd medien” 28/2016

Alles auf einmal. Sofort! [Update: Mit Reaktion auf die “Creative Europe”-Zahlen]

Jakob Lass hatte Love Steaks, seinen »Mitte des Studiums«-Film an der HFF Potsdam, nicht zuletzt deshalb ohne Fördergelder gedreht, weil ihn der Bewilligungsprozess zu viel Zeit gekostet hätte. Nach dem Filmfest München im Sommer 2013, wo Love Steaks vier Preise gewann, war der Regisseur damit in der einmaligen Position, einen potenziell erfolgreichen deutschen Film in der Tasche zu haben, der in der Distribution an keine gesetzlichen Vorgaben gebunden war. »Es haben sich einige große Verleiher für den Film interessiert«, sagt Lass, »aber wir haben gedacht: Wir nutzen die Gelegenheit und bringen den Film selbst raus.« Love Steaks startete im März 2014 deutschlandweit mit 33 (digitalen) Kopien im Kino. Ursprünglich wollte Jakob Lass aber viel weiter gehen. Sein Plan war es, den Film mit dem Kinostart im Internet abrufbar zu machen.

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Update: In einem Eintrag auf Programmkino.de weist die Redaktion darauf hin, dass die Zahlen der “Creative Europe”-Studie, die sie “europe creative” nennt und die auch ich in meinem Artikel zitiere, mit Vorsicht zu genießen sind. Die Prozentzahlen aus der Pressemitteilung wirken nämlich nicht mehr so beeindruckend, wenn man die absoluten Zahlen dagegenhält. Speziell der zitierte Zugewinn von bis zu 181 Prozent bedeutet lediglich, dass ein Film 488 Kinobesucher hatte und 881 Downloads dazukamen. Als Zahl natürlich alles andere als repräsentativ. Ich gehe davon aus, dass folgendes Zitat aus der Meldung auch an mich gerichtet ist:

Diese außerordentlich positive Einschätzung aus Brüssel wird mittlerweile von zahlreichen Journalisten zitiert, verbunden mit Kritik an traditionellen Vertretern der Filmwirtschaft. Dabei machen sich diese Journalisten nicht einmal die Mühe, die Studie selbst zu lesen.

Ich muss mich in diesem Fall zu einem Bruch journalistischer Sorgfalt bekennen. Da die Studie erst sehr knapp vor Abgabe des Artikels erschien, habe ich sie tatsächlich nicht ganz gelesen und mich stattdessen auf die Zahlen der Pressemitteilung verlassen. Das war, wie ich jetzt einsehe, ein Fehler.

Mal ganz abgesehen davon, dass die Zahlen natürlich auch für andere Auslegungen kaum repräsentativ sind, ändern sie meiner Ansicht aber nichts an den anderen Sachverhalten, die der Artikel schildert und in dem die “Creative Europe”-Zahlen nur ein Rausschmeißer am Schluss sind. Von den Ereignissen rund um Love Steaks mal abgesehen, bei denen ich wirklich außer Sturköpfigkeit keine andere Motivation dafür feststellen konnte, dass hier ein interessantes Experiment mit merkwürdigen Methoden verhindert wurde (zumindest ist das meine Meinung nach den Gesprächen, die ich geführt habe): Wenn programmkino.de am Ende schreibt,

Bei allen Filmstarts waren die VoD-Downloads also tatsächlich so gering, dass man sich fragt, was die am Modellversuch beteiligten Filmverleiher und VoD-Portale mit der finanziellen Unterstützung in Höhe von 2 Mio. EUR angestellt haben. Mit dem Betrag hätten in Europa 20 Kinos mit einer Anschubhilfe von je 100.000 EUR wiederbelebt oder neu gegründet werden können.

zeigt sich eben doch nur wieder, dass auf Seite mancher Kinobetreiber einfach kein Wille dafür vorhanden ist, irgendetwas zu ändern. Sich hinterher hinzustellen und zu sagen: Haben wir doch eh gesagt, das Geld hättet ihr auch uns geben können, ist die wohlfeilste Methode unter den billigen Kritiken. Ich habe mich im Artikel bemüht, darzustellen, dass “Day-and-date”-Releasing weit davon entfernt ist, ein Allheilmittel zu sein, dem wir alle in die Arme rennen müssen. Aber es existiert und einige Menschen haben gute Erfahrungen damit gemacht, also muss man sich doch als Branche damit auseinandersetzen, vor allem, wenn man gegen die mächtigen Medienkonzerne aus den USA sowieso kaum eine Lobby hat.

Davon abgesehen kaufe ich die reine “Kinos sind wichtig, ohne Kinos wird Film dahinsiechen”-Argumentation, die gebetsmühlenartig in diesen Kontexten wiederholt wird, niemandem mehr ab. Und keine Branche hat einen Anspruch darauf, unverändert durch alle Zeitenwenden hindurch bestehen zu dürfen. Wie so oft empfehle ich ergänzend Rajko Burchardt.

Nüchterne Hoffnung – Zum Stand von 3D-TV

Das “Beyond”-Festival in Karlsruhe ist wahrscheinlich das größte öffentliche Forum zum Thema 3D in Deutschland. Als es 2010 zum ersten Mal stattfand, lag die perfekte Stimmung in der Luft. Die Erinnerung an den Kassenerfolg von Avatar war noch frisch, Wim Wenders’ Pina war gerade erschienen und versprach einen Vorstoß der Ästhetik in den Arthouse-Bereich, die ganze Internationalen Funk-Ausstellung (IFA) sprach von 3D-Fernsehern. 3D-Enthusiasten wie “Beyond”-Gründer Ludger Pfanz vom Karlsruher Zentrum für Kultur und Medien strahlten es förmlich aus: Nach mehr als hundert Jahren als belächelte Jahrmarktattraktion wird sich Stereoskopie als Kunstform endlich emanzipieren.

Drei Jahre später hat das “Beyond”-Festival seinen Fokus deutlich erweitert. Gesprochen wird über 3D-Bilder in der Biomedizin und der Sprachpädagogik, über Simulationen und künstliche Intelligenz. Stereoskopische Bilder auf Kinoleinwänden und Fernsehern spielen nur noch am Rande eine Rolle. Bei der ersten Panel-Diskussion des festivalbegleitenden Symposiums sitzt Ludger Pfanz mit zwei einsamen Kämpen auf der Bühne. Und trotz des Themas „The Future of 3D“ wird wenig über 3D gesprochen, es geht eher um eine generelle Bestandsaufnahme der Produktionslandschaft.

Weiterlesen in epd medien 47/2013