Unsortierte Gedanken #7: Hyperinterpretation, Fortsetzungen, James Camerons Epic-Fantasy-Erbe

Das erste Buch, was ich im neuen Jahr gelesen habe, ist Annekathrin Kohouts Hyperreaktiv – Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird, und ich fand es ziemlich gut. Nicht alles, was darinsteht, ist völlig neu oder klar mit Daten belegbar, aber Kohout entwickelt ein Konzept sehr ausführlich, das ich überzeugend fand. Sie nennt es “Hyperinterpretation”.

In einer Social-Media-Welt, die User durch ihre Aufmerksamkeitsmechanismen zum Reagieren auf Ereignisse zu zwingen scheint, ist die Hyperinterpretation eine besonders perfide Art der Reaktion. Sie kapriziert sich strategisch auf einzelne Aspekte von Bildern oder Ereignissen, dekontextualisiert sie und setzt sie in Windeseile in neue Zusammenhänge, garniert mit historischen Referenzen und wissenschaftlich erscheinenden Daten. Dafür sammelt sie Beifall aus der Followerschaft ein, und bald schon hat die hyperinterpretierte Reaktion in Reichweite und Auslegung das Ursprungsereignis überholt.

“Was einst als Ideal der kritischen Medienrezeption galt – die aufmerksame Analyse von Inhalten, das Hinterfragen von Motiven –, hat sich in ein zynisches ‘Alles-Durchschauen’ transformiert. Der kritische Impuls, der im Idealfall auf Emanzipation zielt, wird in der Hyperinterpretation zu einem Instrument der Machtausübung pervertiert.”

Wie Kohout darlegt, wird dieses Mittel sowohl von rechts als auch von links eingesetzt – ihr zufolge mit unterschiedlichen Motivationen (Zynismus und Moralismus). Es ist mir in Internet-Diskursen schon öfter aufgefallen und sauer aufgestoßen. Da ich nicht so viel in rechten Bubbles unterwegs bin, ist es mir stärker von links begegnet, oft in einer Haltung von “Natürlich spricht natürlich wieder niemand darüber, wie PROBLEMATISCH das ist – educate yourself!” Selbst wenn es wahr ist, dass dahinter oft ein echter, moralisch getriebener Aufklärungswille steckt, ist es dennoch eine auf maximale Empörung optimierte Reduzierung.

Kohout beschreibt, dass sich auch Journalist:innen oft in die hyperinterpretative Logik treiben lassen und regt am Ende dazu an, dem Drang zu widerstehen, selbst auf alles reagieren zu müssen. Das kann ich nur unterschreiben.

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Im Dezember habe ich William Gibsons zweite Romantrilogie, die sogenannte “Bridge-Trilogie” (Virtual Light, Idoru, All Tomorrow’s Parties) aus den 1990ern beendet, und ich habe mich gefreut, dass er darin wieder die Sequel-Logik einsetzt, die ich schon an seiner “Sprawl-Trilogie” bewundert habe. Jedes der Bücher steht für sich, auch wenn einzelne Figuren und Hintergrund-Stränge sich hindurchziehen.

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A propos Fortsetzungen: Seit den 2010er Jahren begleite ich hier im Blog die diversen Verrenkungen Hollywoods beim Am-Leben-erhalten erfolgreicher “Intellectual Properties” mit immer neuen Filmen und Serien. Mein Lieblings-Film-YouTuber Patrick Willems hat sich dem Thema in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres ausführlich gewidmet. Warmgelaufen hat er sich mit einem Video zum James-Bond-Franchise im August, aber besonders gut fand ich seine zwei Videos zu “Legacy Sequels” im November und Dezember.

Legacy Sequels – Fortsetzungen, die viele Jahre nach dem Original unter Mitwirkung der gealterten Schauspieler:innen entstehen –  folgen einer bestimmten Formel. Sie versuchen, gleichzeitig die Nostalgie der Fans am Ursprungswerk zu bedienen und eine neue Generation an Protagonisten zu etablieren, die das Franchise fortsetzen können. Meistens klappt das nur mittelmäßig.

Willems dröselt in seinen Videos sehr gut auf, wie es überhaupt dazu kam, dass dieses Format so populär wurde, und welche Auswüchse es inzwischen angenommen hat. Dass er T2 Trainspotting als positives Gegenbeispiel nennt, hat mich dann natürlich endgültig überzeugt.

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In der jüngsten Ausgabe des Slate Culture Gabfest debattiert die Kritiker:innen-Crew mal wieder das alte und beliebte Thema, ob die Avatar-Filme von James Cameron einen kulturellen Fußabdruck hinterlassen haben. Die Argumente sind alle nicht neu – die Filme sind visuelle Spektakel, es fehlt ihnen aber an originellen narrativen Ideen und erinnerungswürdigen Charakteren, die sie über den Kinobesuch hinaus relevant erscheinen lassen. Michael Schulman vom New Yorker vergleicht sie mit Planetariums-Shows, was ich einen guten Vergleich finde.

Nachdem ich Fire and Ash, den jüngsten Avatar-Teil gesehen hatte, war mir ein anderer Vergleich in den Kopf geschossen, den ich auch auf Letterboxd festgehalten hatte: Fantasy-Buchzyklen aus den 90er Jahren. Meine erste Referenz ist natürlich Robert Jordans The Wheel of Time, aber ich erinnere mich auch an Tad Williams’ Memory, Sorrow and Thorn und Terry Goodkinds The Sword of Shanarra. Viele habe ich auch nie gelesen, etwa von Robin Hobb oder Kate Elliott (oder auch A Game of Thrones, das 1999 erschien), aber die Art von Buch hat mich geprägt.

Die Merkmale waren immer ähnlich. Die Bücher waren dick (600+ Seiten). Sie standen nie für sich allein. Während man drinsteckte, fühlten sie sich toll an. Ihr Worldbuilding setzte ähnliche Bausteine (jugendliche Helden, alte Prophezeiungen, magische Sekten, legendäre Waffen) immer neu zusammen, ihre Plots bewegten sich oft in Gletschergeschwindigkeit vorwärts, und letztendlich waren sie ziemlich austauschbar – obwohl kommerziell durchaus erfolgreich. Und da die 90er eine andere Zeit waren, sind viele der Tropes des Genres aus heutiger Sicht nicht gut gealtert, gerade wenn es um Geschlechterbilder oder die Darstellung von “exotischen” Kulturen geht.

James Camerons imperiale Dekade waren die 90er – zwischen Terminator 2 und Titanic. Ich finde es nicht verwunderlich, dass seine Filme bis heute diesen Geist atmen. Seht ihr das ähnlich?

Foto von eleonora auf Unsplash

Playlist 2025

Ich bilde mir ja ein, dass ich auch mit über 40 nach wie vor einen relativ breiten Musikgeschmack habe. Ich habe zwar klare melodische und harmonische Vorlieben, derer ich mir auch bewusst bin, aber ich höre mich immer noch gerne breit durch alle möglichen Genres und Künstler:innen und versuche überall die Sachen zu entdecken, die mir gefallen.

Eine große Leerstelle ist bei mir trotzdem nach wie vor Rap und Hip-Hop. Das mag daran liegen, dass ich immer ein großer “Music first” Mensch war, der erst beim x-ten Hören wirklich auf Texte achtet. Vielleicht hat es zum Teil auch etwas mit dem Gestus der Subkultur zu tun, der mir insbesondere seit den 2000ern, ganz ohne Wertung, bis heute eher fremd ist. Was sich auch durch eingehendere Beschäftigung (ich habe dieses Jahr zum Beispiel mit Spaß das Buch “Könnt ihr uns hören?” von Jan Wehn und Davide Bortot gelesen) nicht ändert.

Insofern hat es mich dann doch gefreut, dass ich dieses Jahr ein Rap-Album entdeckt habe, das vermutlich mein Album des Jahres ist – und daher auch mit zwei Songs in meiner Playlist vertreten sein darf. Klar, wenn man ein Album schon Dead Channel Sky nennt – in Anspielung auf den berühmten ersten Satz von William Gibsons Neuromancer – und in seinen Songs dann auch ein allgemeines Gefühl von Cyberpunk aufkommen lässt, hat man bei mir sowieso schon gewonnen. Aber der eher maximalistische Ansatz des Trios clipping. – vertrackte Beats und Soundscapes, über die Daveed Diggs dann auch noch mit angeberischer Geschwindigkeit rappt – spricht in mir natürlich auch die Liebe zu Konzepten und Musiktheater an, die im Rap sonst eher nicht so vertreten sind. Die furiose letzte Minute von “Dodger”, in der Breakbeat, Streicherflächen und synkopierter Rap gemeinsam abheben, ist vielleicht das beste, was dieses Jahr entstanden ist.

Ansonsten war das Jahr musikalisch für mich eher wenig herausragend. Ich war auf vier Konzerten – über Alanis Morissette hatte ich ja schon geschrieben – und hatte sowohl bei And So I Watch You From Afar (Titelbild) als auch bei KNOWER einigen Spaß. Am meisten in meine Gehörgänge gewurmt haben sich der Song “Antarctica” der Band Divorce, in der sich männliche und weibliche Gesangsstimme wunderschön miteinander verweben, und Joe “Djo” Keerys Beatles-Pastiche “Charlie’s Garden”. Letzteres ist wirklich schon nah an der Parodie, mit seinen Ringo-esken Drumfills und dem Einsatz einer Piccolotrompete, die direkt aus “Penny Lane” geklont sein könnte, aber es ist trotzdem auch einfach ein schöner Song.

Ein willkommenes Wiedersehen gab es 2025 unter anderem mit Nao (Album Jupiter), Tunde Adepimpe von TV on the Radio (der immer mehr wie Peter Gabriel klingt), Molly Tuttle, The Beths (deren Konzert ich leider verpassen musste) Tyla und – überraschend für mich – auch Mariah Carey. 90er Jahre RnB steckt doch tiefer in meinem Venen, als ich selbst vermutet hätte. Ich habe nunmal als Teenager auch ab und zu geschmachtet.

Und wie immer ist auch dieses Jahr ein Song auf der Liste, der fast eine Hassliebe ist. Charlie Puths “Changes” klingt so sehr nach einem bestimmten musikalischen Moment Ende der 80er, Anfang der 90er (sehr bewusst, wie er in Switched on Pop erklärt hat), das ich einfach nicht weghören konnte. Hier trifft Wilson Philips “Hold On” auf Bruce Hornsbys “The Way it Is”, und es klingt einfach irgendwie genial, auch wenn mir die Melodielinie etwas zu repetitiv daherkommt.

Da ich letztes Jahr so viel darüber geschrieben habe, woher meine Musik kommt, will ich das zumindest kurz aufgreifen. Wohl in kaum einem anderen Jahr haben die Empfehlungen von NPR Music sich so sehr in meiner Endjahres-Playlist niedergeschlagen. Seit Bob Boilen das Team verlassen hat und All Songs Considered zwölfmal im Jahr “Contenders” nominiert, also Lieblingslieder der Journalist:innen dort, ist meine Überschneidung mit dem Geschmack der Redaktion erstaunlich hoch geworden. 17 von 26 Titeln habe ich zuerst bei All Songs Considered gehört. Die einzigen echten Algorithmus-Empfehlungen dieses Jahr waren Chloe Qisha und die zwei elektronischen Tracks.

  1. HAIM – Relationships
  2. clipping. – Keep Pushing
  3. Chloe Qisha – Sex, Drugs and Existential Dread
  4. Divorce – Antarctica

Bester Reim des Jahres, über zwei Strophen hinweg: “Antarctica” mit “Parked the Car”.

  1. Great Grandpa – Junior
  2. Djo – Charlie’s Garden
  3. Nao – Light Years
  4. The Knocks & Dragonette – Dreams
  5. Erik Luebs – Beat the Lifeless Heart
  6. Anthony Naples – Uforia2
  7. Tautumeitas – Bur ma laimi
  8. FKA Twigs – Eusexua
  9. Tunde Adepimpe – Drop
  10. Jacob Collier – Norwegian Wood
  11. Sandbox Percussion – Don’t Look Down: I. Hammerspace
  12. The Beths – No Joy
  13. Molly Tuttle – Rosalee
  14. Brandi Carlile – Church and State
  15. Amy Millan – Kiss that Summer
  16. Sarah McLachlan – Better Broken
  17. Tyla – Bliss
  18. Bon Iver – If Only I Could Wait (feat. Danielle Haim)
  19. Mariah Carrey & Shenseea – Sugar Sweet (feat. Kehlani)
  20. Charlie Puth – Changes
  21. Ólafur Arnalds & Talos – We didn’t know we were ready
  22. clipping. – Dodger

Die Playlist ist so arrangiert, dass sie sich gut von vorne bis hinten durchhören lassen sollte. Es gibt sie auf meinem Heimatplaneten Apple Music und kopiert bei Spotify.

Sprawl-Trilogie: Die perfekten Sequels

Buchcoverdesigns vom Gollancz-Verlag

Nachdem ich Neuromancer schon als Teenager das erste Mal gelesen habe (und 2021 erneut), habe ich in den letzten Wochen auch die anderen beiden Bände der Sprawl-Trilogie von William Gibson, Count Zero (deutscher Titel Biochips) und Mona Lisa Overdrive gelesen (den Erzählband Burning Chrome hole ich irgendwann noch nach).

Die Romane entstanden zwischen 1984 und 1988. Über ihren Charme, ihre Coolness und ihre prägende Zukunftsvision (mit einigen hellseherischen Passagen, wie dieser Tweet von mir zeigt, den Gibson retweetete und der daraufhin viele Likes bekam, und mit einigen putzigen Anachronismen etwa zur Bedeutung des Fax) ist längst genug gesagt und geschrieben worden. Was ich aber vor allem auch bemerkenswert fand, ist, wie gut die Bücher als Franchise funktionieren und als Sequels aufeinander aufbauen.

Fortsetzungen haben ja häufig das Problem, das sie eine Figur aus einer abgeschlossenen Geschichte “reaktivieren” müssen, obwohl diese in der Regel ihren dramatischen Spannungsbogen bereits abgeschlossen hat. Kommt dazu noch das Gefühl, das eine Fortsetzung eigentlich nicht reicht, sondern man am besten gleich aus einer Geschichte im nächsten Schritt eine Trilogie machen muss, wird es noch komplizierter, da der mittlere Teil einer Trilogie schon fast traditionell unabgeschlossen ist. Patrick Willems hat das ganze Problem einmal gut aufgeschlüsselt: Why Is It So Hard to End a Trilogy?

Das Ergebnis ist häufig etwas, das sich so aufzeichnen lassen könnte:

Struktur typischer Sequel-Trilogien (z. B. Matrix)

Die Handlung folgt der gleichen Hauptfigur (ab Teil 2 häufig um weitere Figuren erweitert) über drei Teile hinweg relativ linear. Die Spannungsbögen splitten sich, wie oben beschrieben, eher in zwei ungleiche Hälften als in einen großen oder drei einzelne und der thematische Schub der Trilogie mäandert ein wenig, weil er durch die unterschiedlichen Bedingungen in verschiedene Richtungen gezogen wird.

Die drei Bücher der Sprawl-Trilogie sind deutlich loser miteinander verbunden, und ich finde das ist eine große Stärke. Neuromancer erzählt die Geschichte des Hackers Case und der Söldnerin Molly, wie sie gemeinsam das Geheimnis einer KI namens Wintermute knacken, die von einer reichen Familie entwickelt wurde. In Count Zero kämpfen mehrere Charaktere um eine neu entwickelte Matrix-Technologie namens Biochips, die dazu führt, dass sich das weltweite Netzwerk verändert. Keiner der Charaktere aus Count Zero kommt auch in Neuromancer vor, aber die Auswirkungen der Geschehnisse aus Teil 1 sind spürbar. In Mona Lisa Overdrive wird Angie, eine Nebenfigur aus Count Zero, zu einem Point-of-View-Charakter, eine der Hauptfiguren aus Count Zero und Molly aus Neuromancer tauchen in tragenden aber nicht in POV-Rollen auf. Erneut arbeitet das Buch den “Fallout” der vorausgehenden Ereignisse auf.

Das Ergebnis würde ich etwa so skizzieren:

Struktur “Sprawl-Trilogie”

Jedes Buch hat einen abgeschlossenen Spannungsbogen, der den jeweiligen Hauptfiguren (Case in Neuromancer, Turner und Marly in Count Zero, Kumiko, Slick und Angie in Mona Lisa) ein befriedigendes Ende schenkt. Die Handlung jeder Fortsetzung setzt aber in einem Winkel zum vorhergehenden Band an (ich suche hier noch nach dem richtigen schlauen Wort – lateral? tangential?) und hat mit seinem Vorgänger immer nur am Rande zu tun.

Der thematische Bogen aber, in diesem Fall die spirituelle Veränderung der Matrix, des Internets, durch das Selbstbewusstsein von künstlichen Intelligenzen (auch ein Thema was gerade neue Aktualität erlangt), bleibt über die ganze Trilogie konsistent und öffnet sich immer weiter. Dadurch, dass die einzelnen Handlungen in sich geschlossen sind, entsteht kein Zwang, am Schluss von Band 3 die ganze Trilogie auch noch zu einem Ende zu bringen, das so zufriedenstellend ist wie das Ende des ersten Teils. Gleichzeitig ermöglichen die unabhängigen Handlungsstränge eine große Erweiterung des Worldbuildings ohne dass eine Hauptfigur nach dem “schneller, höher, weiter”-Prinzip in Fortsetzungen auf abenteuerliche Reisen geschickt werden muss, um mehr von der angerissenen Welt zu zeigen.

Ich bin seit langem Fan dieser Art Erzählens, das sich berührt und aufeinander aufbaut, ohne rein linear zu verlaufen (1, 2, 3, MCU Phase 1). Ich wünschte, viel mehr Geschichtskosmen würden so arbeiten. Bei einer Romanserie über die Matrix ist das alles natürlich noch mal mehr on point. Count Zero und Mona Lisa Overdrive haben nicht den Ur-Punch von Neuromancer, aber sie sind perfekte Sequels. (Dass Gibson im Laufe der Zeit seinen Frauenfiguren mehr Tiefe und Vielfalt gibt, ist ein Plus.)