Es ist wahr: Ich beschäftige mich wieder mit der Blogosphäre

„Der Begriff Blogosphäre kommt mir unappetitlich vor. Weil das so ein Insidertum suggeriert, von dem ich zur Hälfte glaube, dass es das gar nicht gab und zur anderen Hälfte nicht Teil davon sein wollte.“

Kathrin Passig

Ich glaube, ein nicht unwesentlicher Teil meiner geringen Internet-Bekanntheit hängt mit einem Blogpost zusammen, den ich Anfang 2013 geschrieben habe, mit dem Titel “Vier Thesen zur deutschen Filmblogosphäre“. Ich hatte dafür diverse Filmblogger:innen per Fragebogen interviewt und sie gefragt, warum sie eigentlich mit anderen Blogger:innen nicht besser vernetzt sind.

Darauf folgte eine jahrelange Bemühung bei mir, die Leute noch mehr zusammenzubringen, mit Blogparaden und Festivaltreffen. Ich glaube, eine Blogosphäre habe ich dadurch nicht geschaffen, aber ich selbst habe mir darüber ein Netzwerk aus Kontakten und Freundschaften erschlossen, das bis heute nachwirkt. Mit Sascha und Lucas habe ich jahrelang einen Podcast gemacht. Mit Sonja bin ich noch immer gut befreundet. Olivier schickt mir regelmäßig die tollsten selbstgemachten Adventskalender. Den Rest sehe ich manchmal in Arbeitskontexten oder er weiß zumindest, wer ich bin.

Das war 2013. Da war Bloggen schon beinahe wieder out. Aber meine Beschäftigung mit dem Begriff und Konzept “Blogosphäre” kam nicht von ungefähr. Seit ich Blogs für mich entdeckt hatte, war bei mir dieser Eindruck entstanden, dass es da draußen wirklich eine virtuelle Gemeinschaft von interessanten Menschen gibt, die ständig im Internet zusammen abhängen. Als jemand, der mit solchen Gemeinschaften in den 1990ern in Foren großgeworden war, hat mich das immer fasziniert. Und natürlich wollte ich auch immer dazugehören.

Das galt nicht nur für Leute, die über Film bloggen. Im Intro des “Vier Thesen”-Artikels schreibe ich sogar folgendes (und das hatte ich ganz vergessen, bevor ich anfing, diesen Post zu schreiben):

Wenn man von der “deutschen Blogosphäre” spricht, denken doch hoffentlich alle ungefähr an dasselbe. Die deutsche Blogosphäre, das sind die, die sich jedes Jahr auf der re:publica treffen, ihre Gallionsfiguren sind Leute wie Lobo, Beckedahl, Gröner, Häusler, Borchert – unsere digitale Bohème. Die gehören irgendwie zusammen, denkt man sich so. Die reden miteinander und hecken bestimmt gemeinsam einen Plan aus

Diese Faszination war also damals schon da. Mein erster Talk auf meiner ersten re:publica, “Wie ich ganz alleine die deutsche Filmblogosphäre erschuf“, drehte sich ein Jahr später um genau das Thema. Über die Zeit ist die Neugier nur gewachsen.

In Richard Linklaters Nouvelle Vague über die Entstehung von À Bout de Souffle gibt es relativ am Anfang eine Szene auf einer Filmpremiere, wo all die Personen, die man heute als die Nouvelle Vague kennt, auf einer Terrasse beieinandersitzen, rauchen und über Filme reden. So habe ich mir die deutsche Blogosphäre in den 2000ern in Berlin auch immer vorgestellt – wie so eine coole Subkultur für das digitale Zeitalter.

Ich muss schon zugeben, dass diese Vorstellung immer mehr infrage gestellt wurde, vor allem, seitdem ich im Laufe der Jahre einige der Hauptakteure interviewen und persönlich kennenlernen konnte, mit manchen sogar locker befreundet bin. Aber ich hatte trotzdem diesen Gedanken: Eines Tages sollte jemand mal die Geschichte dieser Zeit erzählen. (Das sage ich auch als Fan von Sachbüchern und Oral Histories wie Easy Riders, Raging Bulls und Der Klang der Familie.)

Inzwischen ist mir klar, dass ich dieser Jemand sein sollte. Deswegen habe ich verschiedene Schritte ergriffen. Erstens habe ich begonnen, Blogger:innen zu interviewen. Mit Patricia Cammarata, Dirk von Gehlen und Kathrin Passig habe ich schon gesprochen. Sie sagen alle tolle Sachen und haben mich schon auf Pfade geführt, an die ich vorher noch gar nicht gedacht hatte: Bloglesungen, Popliteratur, Gen X!

„Ich glaube, das Geheimnis war immer diese Verknüpfung zwischen Online und Offline. Also diese Kohlenstoffwelt hat es gebraucht. Wenn man sich auf der re:publica getroffen hat oder einfach mal auf einen Kaffee, das hat anders verbunden. Und das war in Berlin natürlich einfacher, weil sich vieles dort konzentriert hat.“

Patricia Cammarata

„Man hatte mit den anderen eigentlich gar nicht so viel zu tun, aber man fand es trotzdem gut und verlinkte sich. Die Gemeinsamkeit bestand halt wirklich aus: ‚Ich habe auch ein Tocotronic-T-Shirt [also ein Blog]‘ – und der andere sagt: ‚Okay, cool, und was sonst?‘“

Dirk von Gehlen

Zweitens werde ich das Thema auf der diesjährigen re:publica – ein Jahr vor ihrem 20. Jubiläum – besprechen. Am Montagabend zusammen mit Felix Schwenzel, Franziska Bluhm und Inés Gutierrez, die alle nur als die Kaltmamsell kennen. Die Veranstaltung heißt “Mythos Blogosphäre – Wie war es damals wirklich?” und ich freue mich sehr darauf.

Und drittens? Wer weiß das schon. Ob ich aus all dem noch irgendwann mehr mache – einen Podcast, ein Buch, eine Magazingeschichte (Redakteur:innen aller Medien gerne melden unter kontakt@alexandermatzkeit.de) – wird sich zeigen. Es wird auch davon abhängen, wie die Resonanz ist. Aber bis dahin sammle ich erstmal. Das belohnt für’s erste schon mal meine Faszination und Neugier.

Und vielleicht blogge ich ja ab und zu darüber.

Wen sollte ich als nächstes interviewen?

Handbuch für Zeitreisende – Ein Buch wie ein trojanisches Pferd

Manchmal sind meine Podcast-Skripte nur Stichwortsammlungen, manchmal sind sie fast echte Texte. Im letzteren Fall habe ich mich entschieden, sie auch hier zu veröffentlichen für Leute, die keine Podcasts hören. Sie sind aber natürlich trotzdem darauf ausgelegt, gesprochen (und während des Sprechens verknüpft) zu werden und enthalten evtl. Fehler.

Kathrin Passig, Aleks Scholz
Handbuch für Zeitreisende
Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer
Berlin: Rowohlt, 2020, 336 Seiten

  • Am besten fand ich die Teile des Buchs, in denen es eigentlich nicht um Zeitreisen ging
  • Kathrin Passig und Aleks Scholz schreiben das Buch aus einer fiktiven Situation heraus, in der Zeitreisen bereits möglich ist
  • Es gibt Zeitreise-Anbieter, die wie Reisebüros funktionieren und einen in verschiedenen Komfort-Levels in der Zeit verschicken
  • Gleichzeitig wird ein Zeitreisen-Modell als wahr angenommen, das auf der Viele-Welten-Theorie basiert, also jedes Mal wenn man in der Vergangenheit ankommt, macht man ein Paralleluniversum auf bzw. existiert in einem Paralleluniversum, das schon da war. Wenn man zurückreist, kommt man aber in sein Ursprungsuniversum zurück
  • Dieses Konstrukt wird aufgebaut und angenommen, aber es wird nie erklärt, da diejenigen, die das Buch schreiben, ja so tun, als lebten Schreibende und Lesende in der gleichen Zeit, in der das bereits bekannt ist
  • (Daraus ließe sich ein interessanter Exkurs zu Worldbuilding-Exposition machen, ob sie notwendig ist oder nicht)
  • Jedenfalls irritierte mich das immer ein bisschen. Aus diesen Grundannahmen werden Regeln für die Zeitreisenbeschreibungen abgeleitet (z. B. was man verändern sollte und was nicht), die aber ein bisschen beliebig wirken, weil ja auch die Annahmen ein bisschen beliebig sind – hier beißen sich Fiktion und Realität ein bisschen
  • Obwohl also alles auf bestem Wissen und Gewissen basiert, Aleks Scholz ist ja auch Astrophysiker, begeben sich die beiden für meinen Geschmack immer ein wenig auf wackeliges Terrain, wenn sie wirkliche Reiseführer-ähnliche Regeln aufstellen, oder zumindest wird an diesen Stellen immer die spekulative Ebene des Buchs etwas sichtbar und reißt einen raus
  • Das sage ich, obwohl sie an anderen Stellen sehr unterhaltsam ist und ich es auf jeden Fall viel besser finde, ein Buch aus einer fiktiven Zukunft heraus zu schreiben, in der Zeitreisen schon existieren, als alles ständig im Konjunktiv zu formulieren
  • Fairerweise muss man auch sagen, dass in einem Nachwort alles erklärt und aufgelöst wird und sich die Autor*innen auch ein bisschen entschuldigen
  • Großartig fand ich hingegen, wie das Buch als trojanisches Pferd fungiert
  • Es ist nämlich eigentlich ein Buch über alle möglichen Aspekte von Erd- und Menschheitsgeschichte (und ein bisschen Physik), vermittelt durch dieses “High Concept” von Zeitreisen
  • “Interessante Aspekte von Erd- und Menschheitsgeschichte (und ein bisschen Physik)” wäre halt auf keinen Fall ein so spannender Teaser gewesen wie “Alles, was sie für eine Zeitreise wissen müssen”
  • Die Zeitreise ist also das trojanische Pferd und die ganzen geschichtlichen Fakten und Theorien sind die griechischen Krieger, die einem heimlich Wissen vermitteln
  • Zu den Ideen, die im Buch gestreift werden, gehören:
    • Welche falschen Ideen und Mythen über die Vergangenheit sich in unserem kollektiven Unterbewusstsein festgesetzt haben (z. B. “finsteres Mittelalter”, “Dinosaurier lebten alle zusammen”, “Kriege sind heroische Schlachten, in denen man sich beweisen kann” usw.) – hier räumt das Buch mit Vorurteilen auf, aber versucht, wie häufig in Kathrin Passigs Texten, differenziert verschiedene Blickwinkel darzustellen, die man darauf haben kann
    • Das gleiche mit Geschichte als Entwicklung, z. B. Great Man Theory, Dinge, die erst im Rückblick überhaupt eine Entwicklung sind, Autorenschaft von Geschichte durch die Sigenden etc.
    • Welche bemerkenswerten Aspekte der Weltgeschichte wir gerne vergessen, z. B. dass es in Granada im 14. und 15. Jahrhundert eine blühende islamische Zivilisation gab oder dass es nicht nur Eiszeiten, sondern auch Warmzeiten gab
    • Welche Aspekte unseres Lebens wir als gegeben hinnehmen und wie lange es sie eigentlich erst gibt, das gilt sowohl für soziale Dinge (z. B. Rechte von Frauen, Armen etc.) als auch für wissenschaftliche Erfindungen 
      • Aber auch hier wieder der differenzierte Bickwinkel – Zitat “Man sollte sich daher so wenig über die Medizin der Vergangenheit mit ihren Krötenpulvern lustig machen, wie über die der Gegenwart, in der Homöopathie von der Krankenkasse bezahlt wird”
      • Also hier auch das Suchen und Darstellen von unterhaltsamen bis nachdenklichen Echos aus der Menschheitsgeschichte
      • “Durch Fragen an die Vergangenheit wird auch die Gegenwart klüger.”
    • Was eigentlich essenziell für menschliches Überleben und Gesundheit ist – interessanterweise enthält die Sektion “Praktische Informationen für Zeitreisende” besonders viel Infos zu Hygiene und Krankheiten, die sich die ganze Zeit lesen, wie die ganzen Corona-Leitlinien, die man in letzter Zeit so gelesen hat
      • es ist wirklich fast unheimlich vorausschauend, aber das Buch wurde ja auch in der Zukunft geschrieben
  • Ich mag diesen trojanischen Aspekt des Buchs, es sollte noch viel mehr davon geben – knallt mir eine krasse Science-Fiction-Idee vor die Nase und nutzt das, um mir interessante Sachen zu erzählen, nach denen ich aus eigenem Antrieb wahrscheinlich nie gesucht hätte.
  • Ich kam darauf, diese Idee im Podcast zu besprechen, weil ich direkt zuvor noch ein anderes  Buch gelesen hatte, das das gleiche macht.
  • “The World without Us” von Alan Weisman ist ein moderner Klassiker der amerikanischen Nonfiction, ich bin darauf gestoßen über eine Liste von Slate mit den besten Nonfiction-Büchern der letzten 25 Jahre
  • Auch hier wieder ein High Concept, das das Buch verkauft:
    • Was würde mit der Welt passieren, wenn die Menschheit von einem auf den anderen Moment verschwinden würde? 
    • Hingerafft zum Beispiel von einer Pandemie (da isses wieder) oder ein “Rapture”-ähnliches Ereignis
  • Das ist das trojanische Pferd. Die griechischen Krieger sind hier vor allem Informationen und Gedanken über Nachhaltigkeit, Artenerhalt, Umweltschutz – mit ein bisschen Menschheitsgeschichte auch hier und faszinierenden Fragen wie, was zum Beispiel mit der Megafauna, also den sehr großen Tieren, Nordamerikas passiert ist – sie wurden wahrscheinlich vom Menschen innerhalb weniger Jahrhunderte ausgerottet, weil sie anders als afrikanische Großtiere sich nicht gleichzeitig mit Menschen entwickeln konnten
  • Weisman besucht Orte auf der Welt, die noch besonders unberührt sind und schaut sich an, wie sich das Leben dort entwickelt hat, Orte, an denen die Menschen plötzlich verschwunden sind – demilitarisierte Zonen in Zypern und Korea oder Chernobyl – oder eben Orte, an denen die Menschen ganz besonders gewütet haben, z. B. den Panamakanal oder die sterbenden Korallenriffe im Pazifik
  • Es stecken jede Menge faszinierende Informationen und Anekdoten in diesem Buch, die nur sehr indirekt mit dem Verkaufsslogan zu tun haben
  • Aber, und das ist das coole, das heißt noch lange nicht, dass er nicht eingelöst wird: Immer wieder, meist am Ende von Kapiteln, nimmt Weisman sich dann doch ein ganz bestimmtes Szenario vor, zum Beispiel die Stadt New York oder die Ölraffinerien in Texas, und schreibt dieses in die Zukunft, beschreibt, was zuerst kaputtgeht, was nach wieviel Jahren wie aussehen wird, und was daraus folgt
  • Einer der Grundgedanken des Buches ist, dass man die Vergangenheit verstehen muss, wenn man sehen will, wie die Gegenwart und Zukunft aussehen könnten
  • Das ist also ein weiterer Punkt, der die beiden Bücher verbindet

Und hier ist die Podcastversion zum Anhören:

Wir hatten ja nix!

Wie ich in meinem Jahresrückblick schon einmal geschrieben, bin ich sehr froh und stolz, seit Herbst 2014 ein Teil des Autorenkollektivs vom Techniktagebuch zu sein. Die Geschichte dazu findet sich in einer Chatnachricht von Kathrin Passig im Februar 2014

Eigentlich müsste man eine Art Techniktagebuch führen und mindestens zweimal jährlich, besser noch öfter aufschreiben, was man gerade wie macht und warum. Und was man gern anders machen würde, wenn es endlich ginge. Man vergisst ja sonst sofort, was sich eigentlich wann geändert hat, und schreibt dann irgendwann Romane, in denen 1990 alle Handys haben.

Die Kurzform davon und das Mantra des Redaktionschats:

Aufschreiben! Alles aufschreiben!

Zum 1. Geburtstag des Techniktagebuchs am 17. Februar hat der Verlag Sobooks das Techniktagebuch jetzt als eBook in allen gängigen Formaten herausgebracht. Es gibt eine kostenlose Version, die alle Beiträge des ersten Jahres enthält und eine “Best of”-Version mit gut 300 Seiten für 1,99 Euro – weniger Text; mehr Lebenszeit (auch bei Amazon, aber einen Euro teurer). Ich bin auch mit ein paar Beiträgen dabei und da auch durchaus ein bisschen stolz drauf, unter anderem mit einem “Vornachzwischenwort”, das extra für’s Buch geschrieben wurde.

Also: Kathrins Erklärungspost zum Buch lesen, dann das Buch kaufen. Gern geschehen!

Übrigens: Wir nehmen auch Gastbeiträge an.