Leiden für die Kunst (II)

Dieses Video ist gestern schon relativ viral durchs deutschsprachige Netz gegeistert. Es passt aber auch zu gut zur Freude der Deutschen an der Selbst-Flagellation. Hach, endlich sagt mal wieder jemand “neutrales”, wie bescheuert “Wetten, dass …?” wirklich ist. “Betrachtet man die Show aus der Perspektive eines US-Schauspielers, hat Arnett sogar recht”, schreibt etwa Meedia.

Blödsinn. Das erste, was Arnett sagt, ist, wie viele Menschen er mit seinem Auftritt erreicht hat. Und auf eine gewisse Weise war er wohl eher vom generellen Aufwand beeindruckt, der für eine Show wie “Wetten, dass …?” betrieben wird, und der ja auch ziemlich einmalig in Europa ist. Der Mann ist Comedian – ist ja klar, dass er beim Erzählen gerne übertreibt. Und dass “40 Minuten auf einer Couch sitzen” auf einer Promotour, die sonst aus 5-Minuten-Interviews besteht, schon als anstrengend wahrgenommen wird, finde ich persönlich ja auch ein bisschen pienzig.

Als Lehren aus dieser Episode sollten wir vielmehr zwei Sachen mitnehmen: 1. Knopf-im-Ohr Synchrondolmetschung ist Mist und hemmt Gespräche. Da kann ich Arnett voll verstehen. Lieber das Gespräch auf Englisch führen, wenn er Moderator des Englischen mächtig ist, und anschließend kurz übersetzen, worüber man gesprochen hat. Dauert etwas länger und ist auf den ersten Blick umständlicher, aber auch viel natürlicher. Alternativ: Den Dolmetscher als Person mit auf die Bühne holen (kenn ich zum Beispiel von Filmfestivals). Menschlich > Mechanistisch. 2. Briefing ist alles. Als Hollywood-Schauspieler sollte man sich doch eigentlich einen Promotour-Manager leisten können, der einem Konzept und Kontext der Show erklärt, in der man auftritt. Wobei Arnett’s Hintergrundwissen zur Show, das er preisgibt, wie gesagt sowieso dafür spricht, dass er gar nicht so verwirrt war, wie er tut.

Sich freundlich-neidisch über die in ihrer Effizienz zum Größenwahn neigenden Deutschen lustig zu machen ist nunmal auch Volkssport in den USA. Das sollte man auch nicht vergessen. Funktioniert ja schließlich umgekehrt genauso.

(In der Reihe “Leiden für die Kunst” sammle ich amüsante und anstrengende Episoden aus der Filmpromotion. Hinweise gerne an bonjour@realvirtuality.info)

Nachhaltigkeit (III)

Das Internet mag ein ewiges Langzeitgedächtnis haben, doch sein Kurzzeitgedächtnis ist miserabel. In der Rubrik “Nachhaltigkeit” gehe ich zurück zu meinen Blogeinträgen der letzten Monate und verweise auf interessante Entwicklungen in den angerissenen Themen.

Cinematic Universes

First things first. Mein Lieblingsthema, das Marvel Cinematic Universe, erfährt dieser Tage einen harten Backlash. Wobei, es ist nicht einmal das MCU, dass beschimpft wird, sondern die Studios, die jetzt alle versuchen, das Prinzip zu kopieren. Egal ob Universal Monster, Robin Hood oder Ghostbusters. Jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben mit Filmen, die das Avengers-Modell kopieren, das Marvel so viel Geld eingebracht hat. Und wie immer scheitern die Nachahmer. Dracula Untold, der Film, den Universal noch nachträglich zum ersten Franchise-Film umgebaut hat, muss einsamer Mist sein und jetzt ist mehreren Kritikern der Kragen geplatzt. Peter Sciretta, Chef von “/Film” hat in seinem Artikel 9 Current Movie and Television Trends I hate die Universen gleich an erste Stelle gepackt – und direkt seine Kollegin Angie Han zitiert.

Bei “The Dissolve” hat Scott Tobias sogar eine längere Abhandlung namens “The Case Against Cinematic Universes” verfasst und ganz klar die Schwächen solcher Filmreihen benannt: Die Filme müssen sich ähneln, sie müssen Szenen enthalten, die eigentlich nicht in den Film gehören, und sie werden schwerfälliger, weil sie Zukünftiges aufbauen müssen. Tobias hat natürlich absolut recht. Ich glaube trotzdem, dass diese Art Filmemachen – wenn es clever angestellt ist – dennoch seinen (popkulturellen) Wert haben kann. Aber wann hat der Kopierwahn in Hollywood jemals zu etwas Gutem geführt? Sam Adams hatte schon im August festgestellt, dass die After-Credit-Scene in Guardians of the Galaxy noch der beste Kommentar auf Marvels Synergiebemühungen ist.

Ein weiterer Aspekt dieser Art von Franchising, den ich schon vor zwei Jahren aufgeschrieben hatte, ist, dass Filme durch die über den einzelnen Film hinaus geplante Produktion, stärker wie Fernsehserien werden. Für den “Hollywood Reporter” hat Richard Greenfield das Argument vorgebracht, dass sich das noch verstärken sollte.

In a sense, movie studios will need to morph into television studios, which tell ongoing stories. This is a logical evolution for a movie industry that is now obsessed with the creation of “franchises,” with increasingly little to no interest in midbudget films. How many wannabe Jedis and their families would pay for an everything Star Wars subscription? Avengers? Frozen? Spider-Man? Batman? Avatar? Whereas the movie industry has resisted change in the past decade(s), major change over the next decade feels inevitable.

Eigentlich eine schreckliche Vorstellung.

Das neue Star Wars Universum

Das einzige Medienuniversum, dem die Kritikerinnen noch etwas zuzutrauen scheinen, liegt in den Händen der “Lucasfilm Story Group”. Es geht natürlich um Star Wars, dessen neue Serie Rebels ich ja in einem Podcast besprochen habe. Außerdem hat Lucasfilm ja in diesem Jahr das alte Expanded Universe dichtgemacht und durch einen neuen, zentral gesteuerten Kanon ersetzt. Hierzu sehr lesenswert: “The Star Wars Expanded Universe: A Eulogy“, John Jackson Millers Bericht über seinen Weg zum ersten Roman im neuen Kanon, A New Dawn sowie der erste Teil des Interviews mit Simon Kinberg, einem der Masterminds in der Story Group.

Über Dawn of the Planet of the Apes schreibend habe ich versucht zu erfassen, wie Prequels funktionieren können, nämlich indem sie möglichst indirekt auf ihren Ur-Text Bezug nehmen. Noel Murray hat auf “The Dissolve” allgemeiner auf “The Problem with Prequels” hingewiesen und sie vor allem vom Flashback abgesetzt. Warum steht das hier noch unter der Star Wars-Überschrift? Weil Rebels den Schuss anscheinend nicht gehört hat.

Einheitstheorien

Ich habe in der berüchtigten “Pixar Theory” ja eine Sehnsucht nach einem gemeinsamen Universum gesehen, in dem sich unsere fiktionalen Helden begegnen könnten. Nicht nur hat die Pixar Theory vor kurzem durch ein YouTube-Video neuen Aufwind bekommen, sondern auch einen ebenso genialen Cousin: Die Stan-Lee-Theorie.

Diese Theorie postuliert, dass Stan Lee – der in jedem Marvel-Film einen Cameo-Auftritt hat – in Wirklichkeit immer die gleiche Figur spielt. Die Theorie existiert in zwei Varianten. Eine Möglichkeit ist, dass Lee den “Watcher” spielt, eine schräge Figur aus dem “kosmischen” Teil des Marvel-Universums, die alles beobachtet, aber nie eingreift. Viel besser finde ich Variante Nummer zwei: Stan Lee ist ein ganz normaler Typ, der Superhelden scheinbar magisch anzieht und darüber nicht gerade glücklich ist. Hochamüsant.

Internet im Film

Mein Artikel vom letzten Jahr, “Unser vernetztes Leben ist im Kino nur eine Randnotiz” bekommt dieser Tage wieder Aufwind, weil Jason Reitmans Film Men, Women and Children in den USA gestartet ist. Darin geht es um mehrere Geschichten, die sich um Kommunikation, Beziehungen und das Internet drehen und der Film scheint in die gleiche technophobe Kerbe zu hauen, die man seit Jahren im Hollywood-Kino beobachten kann. (“Hackers and Nerds” ist übrigens Punkt 8 auf Scirettas Hassliste). Kate Erbland fragt auf “Screencrush” zurecht: “Why are Movies still afraid of the Internet?

Der reinen Darstellbarkeit von moderner Kommunikationstechnologie hat sich auch Tony Zhou angenommen, dessen Videoserie “Every Frame a Painting” sich zunehmend zu einer der “Must Watch”-Dinge für Filmfans entwickelt.

A Brief Look at Texting and the Internet in Film from Tony Zhou on Vimeo.

Und außerdem

David Bordwell sieht Filmarchive mit anderen Augen als ich (logo). Während ich bei jeder Gelegenheit für mehr Humor in Comic-Verfilmungen plädiere, hat Warner/DC tatsächlich eine No Jokes Policy. Zu meinem Rant über das Kritikerspiel passt ganz gut David Bordwells Sammlung von Erste-Welt-Problemen großer Kritiker. (Außerdem werde ich übrigens im November zum Thema in einer Podiumsdiskussion sitzen.)

Und noch habe ich keinen Job bei “Wired”. Aber ich habe dank der App Timehop diesen Facebookpost von vor 5 Jahren wiedergefunden. Ich liebe das Heft wirklich.

Podgast (VI): Bei Serien.Ninja über “Agents of S.H.I.E.L.D.”

Für die neue hippe Seite Serien.Ninja schreibe ich ja im Moment regelmäßig meine Recaps über die zweite Staffel Agents of SHIELD. Das hat Co-Oberninja Philipp am Wochenende nicht mehr gereicht, er hat mich auch als Gast in seinen Podcast eingeladen, gemeinsam mit Podcaster Teddy. Rund 50 Minuten besprechen wir zu dritt die Meriten der ersten Staffel, den Auftakt der zweiten Staffel und unsere Hoffnungen für die Zukunft.

Blick in die Blogosphäre: #Horrorctober

Ich mach’s kurz, weil ich’s eigentlich länger machen wollte. Seit letztem Jahr haben einige Filmbloggende angefangen, die Film-Blogosphäre in Themenmonaten zusammenzubringen. Der Plan: Alle gucken einen Monat lang Filme zu einem bestimmten Thema und unterhalten sich währenddessen darüber. Mit Hashtag. Angefangen hat das ganze letztes Jahr mit dem “Horrorctober”, in dem es darum geht, im Oktober 13 Horrorfilme zu gucken. Die Liste soll man am besten noch auf Letterboxd anlegen, das ist aber keine Pflicht.

Ich wollte eigentlich mit dem Erfinder des Ganzen, Patrick Thülig von “Kontroversum” (derzeit sanft entschlafen), ein Interview machen, aber die Zeit hat mich aufgefressen. Zum Glück hat Jan auf “CineCouch” das Wichtigste zusammengefasst und – viel besser – eine Liste mit Teilnehmern erstellt – da ist echt ein ziemlich großer Teil der Film-Bloggerszene vertreten. Hurra! Weitere Mitmacher sind gerne gesehen!

Ich stehe auch in dieser Liste, aber meine Letterboxd-Zusammenstellung ist eher so ein “Was wäre wenn”. Ich bin nicht der größte Fan von Horrorfilmen (wie man an den Filmen in der Liste sieht, habe ich auch viele Klassiker noch nicht gesehen) und ich weiß nicht so recht, ob ich meinen ganzen Oktober damit verbringen möchte. Außerdem nehme ich ungerne an Unternehmungen teil, bei denen ich nicht sicher bin, ob ich sie zeitlich schaffe. Aber vielleicht nehme ich die (ansonsten grandiose) Aktion zum Anlass, um wenigstens mal das ein oder andere Objekt zu studieren und anschließend in Formaldehyd einzulegen und es später mit elektrischen Aalen wieder zum Leben zu erwecken. IT’S ALIVE!

(Mit an Bord ist übrigens auch noch das Streamingportal MUBI, das im Rahmen des Horrorctober dann auch verstärkt Horrorfilme im Angebot hat. Der Kontakt kam übrigens beim Bloggertreffen im Februar zustande. Nur mal so.)

Ergänzung, 2.10.
Felix sammelt in seinem “Felham”-Blog die Blogposts zum #Horrorctober. Danke an Jan in den Kommentaren für den Hinweis.

Quotes of Quotes (XXIV) – Glenn Kenny on the Film Criticism Landscape

But in terms of the film critic landscape, it’s just weird that these people get into these arguments. There’s all this weird drama. Like, people are talking about being afraid to say bad things about “Boyhood?” Who the fuck is afraid to say bad things about “Boyhood?” Who gives a shit? People say, “We need a culture that embraces dissent.” It’s not dissent! Dissent is… (impersonates old Russian Grandmother) “Dissent is when you’re living in Soviet Russia and you’re put under house arrest!” Big fucking deal, you have a different opinion. We don’t have to embrace different opinions, it’s called arguing. It’s what we do. “Oh, poor me, I’m the only person who didn’t like ‘Boyhood.’” Just get the fuck off the cross, man, we need the wood.
– Glenn Kenny, Film Critic, interviewed by Greg Cwik for “Criticwire“,
probably inspired by Kenneth Turan

Quotes of Quotes (XXIII) – Der neue Kanon von Star Wars

Die Neuordnung des erzählerischen Universums bei Lucasfilm ist für mich als Franchising-Beobachter im Moment der interessanteste Prozess neben dem Marvel Cinematic Universe. Gute drei Jahrzehnte Worldbuilding und Storytelling werden über den Haufen geworfen, um für die Zukunft einen stärkeren Markenkern und mehr erzählerische Freiheiten zu besitzen. Allerdings wird, anders als so oft in anderen Erzählwelten, kein Komplett-Reboot durchgeführt, sondern ein Teil der bisherigen Texte (die Filme und die Fernsehserie The Clone Wars) bleiben als kanonisch erhalten, während alles, was um sie herum gebaut wurde, für die Zukunft irrelevant ist. Eine ungewöhnliche Mischung.

Noch ungewöhnlicher ist allerdings, dass der entschiedene Wandel aufgrund der starken Fanstrukturen und der von mir immer wieder gerne zitierten “Running the Asylum”-Situation – das heißt: die Macher der neuen Erzählungen waren früher Fans der alten – so öffentlich ausgetragen wird. Lucasfilm kann nicht einfach beschließen, dass jetzt alles anders ist. Es muss Wege finden, diesen Prozess öffentlich zu rechtfertigen. Das bedeutet auch, dass sie öffentlich in Diskussionsstrukturen um Kanonizität vordringen muss, die eigentlich typisch nur für obsessive Fans sind.

Die Webseite “Screenrant” hat auf der San Diego Comic-Con, wo einige Schlüsselfiguren anwesend waren, vor allem um die erste weithin sichtbare Manifestation des neuen Kanons – die Fernsehserie Rebels – vorzustellen, den Machern ein paar Fragen gestellt und sehr interessante Antworten bekommen.

Wichtig ist, wie sowohl Lucasfilm Storygroup-Mitglied Pablo Hidalgo, wie auch Verlagsfrau Shelly Shapiro darauf hinweisen, dass Kanonizität an sich noch kein Werturteil ist. Hidalgo:

The word ‘canon’ is so loaded [...] the folks that were making novels in the ’90s didn’t have an opportunity to know [that there would be new films]. So that’s a purely functional, production-driven definition of that word. If something as a result is not declared ‘canon,’ don’t let that word be a value base. It doesn’t mean that story is now worthless or meaningless. (Hervorhebung von mir)

Shapiros Aussage ist fast noch besser:

Everything now – starting from [novel] “A New Dawn” on – is canon. So if you care about that – which you really probably shouldn’t, but if you do – it’s all a part of this whole new collaborative process. All of this stuff happened. But not really; it’s fiction. (Hervorhebung von mir)

Selten wird die Schere zwischen arbeitstechnischen Notwendigkeiten im Franchising-Prozess und den Fan-Erwartungen, dass die operationelle Ästhetik erhalten bleibt, so sichtbar wie in solchen Momenten. Umso cleverer ist daher die Strategie der Macher, allen bisherigen “Expanded Universe”-Geschichten das Banner “Legends” zu verpassen und somit quasi eine Welten-intrinsische Motivation für die De-Kanonisierung zu finden. Shapiro:

Even though they would no longer be part of a Star Wars official history, they’re still stories that mean something, and they can mean something to you, even if they didn’t ‘happen.’ That they are legends. [...] So that’s why we called it Legends… So it wouldn’t get shoved off too far to the side, and treated like it never happened.

Realität überholt Satire: In Rüdesheim passiert “Postillon”-Meldung tatsächlich

Wohl niemand konnte ahnen, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am vergangenen Dienstag Brasilien 7:1 schlagen würde. Außer jemand sehr naives. Ein Kind. Dachte sich wohl auch Stefan Sichermann vom “Postillon” und postete am Folgemorgen diese Meldung:

Screenshot: der-postillon.com

Alle mal kurz gelacht. Allerdings erschien in der Mainzer “Allgemeinen Zeitung” einen Tag später dieser Artikel

Screenshot: allgemeine-zeitung.de

I rest my case.