Die nervige Nostalgiewelle und der einzige Film, der sie begriffen hat

Die zweite Staffel von Stranger Things habe ich schon gar nicht mehr geschaut. Ich kann sie nicht mehr sehen, diese elende Nostalgie in vergangenen Perioden bewegter Bilder. Egal, ob es die Sehnsucht nach der eigenen Kindheit und ihrer Steven-Spielberg-Magie wie in der Serie der Duffer-Brüder oder nach der Zeit der vertikalen Integration von Hollywood wie in La La Land ist. Egal, ob die Nostalgie als geradliniger Geldmacher-Reboot wie Baywatch oder als halb ironisches, halb sehnsüchtiges Spiel mit einer vergangenen Ästhetik wie in Guardians of the Galaxy Vol. 2 daherkommt.

Und egal, ob die Bevölkerung des Internets, gefügig gemacht mit einer Unzahl von Listicles mit Gegenständen, die man nur versteht, wenn man die 1980er erlebt hat, danach verlangt und das Resultat abfeiert: Nostalgie kann nicht für sich alleine stehen. Wer sich von ihr einlullen lässt und das Heute vergisst, läuft Gefahr (in der Terminologie von Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym) von der „reflektiven“ in die „restaurative“ Nostalgie zu wechseln. Er oder sie ruft plötzlich nicht mehr „Hach, früher war auch schön“ sondern „Make America Great Again“.

Der einzige Film, der das 2017 so richtig begriffen hat, ist …

Weiterlesen auf kino-zeit.de

Selbstvergewisserungsfilme für Männer

Kennen Sie das? Sie lernen bei einer Party einen Mann zwischen 18 und, sagen wir, 55 kennen, unterhalten sich gut und erwähnen nach einiger Zeit vorsichtig, dass Sie sich sehr für Kino interessieren. Die Augen Ihres Gegenübers leuchten auf. Auch er interessiere sich für Filme, sagt er. Er sei sogar ein echter Filmkenner. Fight Club, das sei ein toller Film – haben Sie davon schon mal gehört?

Katie, eine Nutzerin der Filmdatenbank Letterboxd, musste diese Situation anscheinend schon öfter ertragen. Sonst hätte sie wohl kaum eine Liste angelegt mit dem Titel “Movies that snobby men ask if I’ve heard of cause I say ‘I’m into film'” (etwa: Filme, bei denen versnobte Männer fragen, ob ich sie kenne, weil ich sage, dass ich Filme mag). Inzwischen existiert die Liste nur noch im Google Cache, aber die Auswahl, mit Ausnahme des wahrscheinlich ironischen Ausreißers Barbie in The Nutcracker, ist bezeichnend.

Blade Runner, Gladiator, Taxi Driver, Inception oder Mad Max: Fury Road. Es sind die Art Filme, von denen man als junger Mann schon auf dem Schulhof Raunen gehört hat. Einer der Klassenkameraden hatte mit einer ausgeleierten VHS (diese Erwähnung von Technik verrät mein Alter) von Requiem for a Dream oder Donnie Darko ein Erweckungserlebnis, wie es nur Teenager haben können. Plötzlich wusste er, was Kino sein kann. So abgefahren, das hast du noch nicht gesehen.

Katie kann fast froh sein, dass in ihrer Liste nur ein Film von Quentin Tarantino auftaucht (Pulp Fiction). Die Autorin Ali Elkin hat im Internetmagazin McSweeny’s gleich eine ganze “Oral History of Quentin Tarantino as told to me by men I’ve dated” zusammengetragen. Wenn Männer einer bestimmten Spezies erstmal loslegen mit der Filmkennerschaft, gibt es kein Entkommen mehr, scheint Elkin zu sagen. Sie identifizieren sich nicht nur mit den Filmen, sondern auch mit ihren Regisseuren – mit den Männern, die es überhaupt gewagt haben, solche Filme zu erschaffen. Meist Außenseiter mit einer singulären Vision, die sich durch nichts haben kleinkriegen lassen. So will es zumindest die Legende. Und so wären die, die ihre Geschichte erzählen, auch gerne.

Das nämlich verbindet die Filme von Tarantino, die Filme von Katies Liste und ein paar weitere:

Weiterlesen auf kino-zeit.de

Quotes of Quotes (XXXI) – James Mangold Thinks Canon Sucks and You’re Part of the Problem

Listening to a recent episode of Jeff Goldsmith’s Podcast The Q&A with Logan-director James Mangold, I came across this exchange. Host Jeff Goldsmith can’t help himself as he asks about continuity issues between Logan and the other X-Men-Movies and thereby prompts Mangold to go on a juicy rant about the superhero movie industrial complex.

Jeff Goldsmith: Obviously there was a timeline reset in Days of Future Past which Simon Kinberg wrote, and he’s the producer of this film as well. I’m just curious: How does this fit in the timeline? Because in X-Men: Apocalypse, there was a different Caliban and I’m just curious if this an offshoot, a different timeline …

James Mangold: I have no idea. As you can tell by the way I’m sparring with you on these questions, I don’t care. Meaning that I think that stuff is in the way of making good movies, not in support of it. It would be as if I’m making movies for the Catholic church and I have to pass some kind of papal approval for what happens to Jesus in this episode. It’s just ludicrous …

I’m just curious where it fits in.

I know, but your’re part of the industry, when you ask those questions, of maintaining the sense of ‘Did you break canon or stick with canon?’. In fact, I think canon sucks.

I was just trying to find out, where it was in the canon.

Nowhere. The reality as a marketeer would be that we very carefully positioned it beyond all the existing movies, so it’s up to you. My feeling is: I want to have a relationship with the audience, not with internet crazy factcheckers with a hundred episodes of shit accusing me of getting something wrong. It’s the actual audience that I am most concerned with and that they exist in the immediate, taking in the movie. And unless it’s wildly contradicting something that they just saw in another movie, it’s not of concern to me. (…) My own arrogance or spiciness with you about these questions is partly about how you get the movie made. The gravitational pull between the kind of internet industry of superhero movie worship, the actual industry itself of selling these things, the merchandising machine, the toy manufacturer, the comic books, the rival companies, the summer dating, all of it is not a friend to movie making. It’s a friend to corporate money making. And part of my own defense to making a movie and not just a commodity, is to have a lot of hostility towards a lot of the value systems, some of which fans bring to the material, where they’re actually serving corporations and not themselves, in my opinion. They’re actually demanding the movies work as a box set. They all can then be bought and sold so that the action figures will work consistently from one movie to another, the animated Saturday morning one can match the — they’re actually demanding something that helps the companies sell and ram all these products at the same time. It’s much harder for the companies to make money off eight different visions of what Batman could be, but for me that’s phenomenally more interesting.

Listen to the whole episode here. The quoted passage starts about 46 minutes in.

Kulturindustrie 002 – Menschenwerk, Blade Runner, Blade Runner 2049

Zwei Wochen sind vorbei, ein neuer Podcast ist da. In Folge 002 spreche ich mit Lucas Barwenczik, Mihaela Sartori und Sascha Brittner über “Menschenwerk”, Han Kangs Roman über das Massaker von Gwangju, über “Blade Runner”, Ridley Scotts Sci-Fi-Neo-Noir Klassiker in seinem 35. Jahr und natürlich über “Blade Runner 2049”, Denis Villeneuves Fortsetzung dieses Klassikers mit Ryan Gosling. Außerdem: Persönliche Empfehlungen von jedem von uns.

Zeit, um großartig zu sein

Wer in der Postmoderne überleben will, sollte die Fertigkeit beherrschen, zwei scheinbar konträre Konzepte gleichzeitig geistig festzuhalten. Filme wie My Little Pony: Der Film sind selbst Meister dieser Kunst und verlangen entsprechend ihren Zuschauern das Gleiche ab. Sie sind gleichzeitig hirnverbrannte Glitzerexplosionen für ein U13-Publikum und die Subversion davon; reine, blank polierte Plastikoberfläche mit angeschlossener Produktlinie und aus tiefem Herzen ernst gemeintes Gefühlskino.

Vielleicht ist das der Grund, dass die dem Film zugrundeliegende Serie My Little Pony: Freundschaft ist Magie, die das Universum des 35 Jahre alten Hasbro-Spielzeugs 2010 in dessen neuester Inkarnation begleitete, so ein großer Erfolg wurde. Nicht nur beim geplanten Zielpublikum junger weiblicher Kinder, sondern auf merkwürdige Weise auch bei erwachsenen Männern, die sich selbst Bronies nennen und vor allem im Netz einen eigenartigen Kult begründet haben. My Little Pony: Der Film jedenfalls, hinter dem das gleiche, nur um ein paar Promi-Stimmen aufgestockte Serien-Kreativteam steckt, funktioniert im Rahmen der Erwartungen an einen Film zur Fernsehserie zum Spielzeug erstaunlich gut.

Weiterlesen bei kino-zeit.de

Filmdrehorte: Umsonst und draußen

In der Calton Road wird gerade gebaut. Das beeinträchtigt die Stimmung leider sehr. Zwecklos, darauf zu warten, dass ein Auto aus der Einfahrt kommt, über dessen Motorhaube man ein irres Grinsen in die Welt schicken könnte – wie einst Mark Renton in der ikonischen Eröffnungsszene von Danny Boyles Trainspotting. Ich muss mich mit Fotos und einer Rezitation des »Choose Life«-Monologs begnügen. Aber dass ich herkommen würde, in diese historische Seitenstraße in Edinburghs Zentrum, stand bereits vor meinem Urlaub fest.

Ich bin nicht allein. Nicht nur in der Calton Road, wo sich auch andere Trainspotting-Fans herumtreiben. Filmfans sind schon immer gepilgert – zu den “Homes of the Stars” und dem Hollywood-Boulevard, aber auch zu den oft entlegenen Drehorten ihrer Lieblingsfilme. Sie wissen, dass in der tunesischen Wüste ein paar verwitterte Überbleibsel von Lukes Feuchtigkeitsfarm aus Star Wars zu besichtigen sind oder dass in der Nähe des südspanischen Alméria viele Italowestern ihr Pulver verschossen haben. Ganz zu schweigen von Filmstädten wie New York, Los Angeles oder Berlin, zu denen einige Regalmeter mit einschlägigen Reiseführern gefüllt wurden. Doch seit einigen Jahren hat der Filmtourismus eine neue Qualität erreicht. Wo man früher oft Einheimische nach dem Weg fragen musste, ist eine kleine Industrie aus dem Boden geschossen.

Eine Voraussetzung dieser Entwicklung: Drehs außerhalb der Studios an beeindruckenden Schauplätzen haben zugenommen, ironischerweise nicht trotz, sondern wegen digitaler Technologien. Fernsehantennen an Gebäuden etwa müssen heute nicht mehr mühsam abmontiert werden, sie lassen sich einfach in der Postproduktion digital entfernen. In Totalen können ganze Gebäude und Aussichten durch digitale Modelle und matte paintings nahtlos ersetzt werden. Häufig bedeutet das auch, dass die gefilmten Orte nicht sich selbst repräsentieren, sondern fantastische Orte aus anderen Welten, die von Filmemachern behutsam konstruiert werden. Perfekt für Touristen.

Weiterlesen auf epd-film.de

Schauspiel im Zeitalter der Performance Capture

Die Debatte wird mit Sicherheit auch dieses Jahr wieder geführt. Sollte Andy Serkis nicht endlich für einen Oscar als bester Schauspieler nominiert werden? Nicht für seinen Part als Ulysses Klaue im Marvel-Universum natürlich (der dazugehörige Film Black Panther kommt sowieso erst 2018 ins Kino), sondern für eine Rolle, in der sein Gesicht nicht zu sehen ist: die des Schimpansen Caesar in Planet der Affen – Survival. Serkis ist, wie schon in den beiden vorhergehenden Planet-der-Affen-Filmen und wie in King Kong und Der Herr der Ringe, die treibende Kraft hinter Caesars Performance, aber Serkis alleine könnte die Rolle nicht spielen. Er braucht das Team der Effektfirma Weta Digital, die Serkis in Caesar verwandeln.

Seit sein Auftritt in Der Herr der Ringe – Die zwei Türme Andy Serkis zum Star gemacht hat und seine Interpretation von Gollum zur popkulturellen Ikone wurde, versucht die Filmwelt dem Phänomen performance-capture-acting Herr zu werden. Wie soll man Schauspieler*innen behandeln, die in einem grauen Gymnastikanzug ihre Bewegungsmuster und Mimik in einen Computer übertragen und aus deren Daten anschließend von einer Horde digitaler Zauberer*innen Wesen geschaffen werden, deren Physis sich von der eines Menschen signifikant unterscheidet? Wie viel Credit sollten sie für ihre Leistung bekommen?

In der Riege der Schauspieler*innen, die nicht als solche gelten, sind sie damit keinesfalls alleine. Beispiel Animationsfilm: Voice Actors (die im Deutschen nicht „Stimmenschauspieler*innen” sondern meist „Synchronsprecher*innen” heißen, was schon viel über ihre Klassifizierung aussagt – als gehe es einzig darum, Lippenbewegungen abzupassen) sind oft ausgebildete Schauspieler*innen, die neben ihrer Arbeit als Sprecher*innen auch mit dem ganzen Körper auf der Bühne oder vor der Kamera stehen. Dennoch werden Parts, in denen sie nur ihre Stimme einsetzen, kaum als „Schauspiel” gehandelt. Animationsregisseur*innen betonen wiederum bei jeder Gelegenheit, dass auch Animator*innen im Grunde Schauspieler*innen sind, die zu vorhandenen Tonaufnahmen Bewegungen und Mimik der Figuren ausbilden. Als Referenz dient ihnen dabei, entgegen verbreiteter Marketing-Mythen, deutlich häufiger der eigene Körper und das eigene Gesicht als die der Sprecher*innen – wenn der Charakter überhaupt spricht. Einen Schauspielpreis würden sie trotzdem nicht gewinnen.

Weiterlesen auf kino-zeit.de