Wie Magic: The Gathering den Transmedia-Code knackte

Diesen Talk durfte ich auf der re:publica 2019 halten, die das Motto “tl; dr” hatte. Dies sind meine Vortragsnotizen. Das gesprochene Wort im Video weicht leicht davon ab. Meine Präsentation ist ebenfalls online. Auf der Seite der re:publica kann man den Programmtext lesen.

Ich möchte mit einer Frage beginnen. Kennt jemand diesen freundlichen jungen Mann? Das ist der Italiener Andrea Mengucci.

Andrea spielt professionell das Kartenspiel “Magic: The Gathering”, hat im März das erste große “Mythic Invitational”-Turnier gewonnen und ein Preisgeld von 250,000 Dollar eingesackt – zusätzlich zu den 75,000 Dollar Jahresgehalt, die er als Spieler der “Magic Pro League” erhält.

Und wie sieht’s mit dieser sympathischen Figur aus?

Das bin ich, im Jahr 1997. Und damals war ich wahrscheinlich ähnlich besessen von Magic wie Andrea heute.

Dieses Spiel – Magic: The Gathering – ist wirklich schon so alt, dass es Andrea und mich verbindet.

Es wurde 1993 von dem Mathematiker Richard Garfield erfunden, der diese Idee hatte, dass ein Spiel “bigger than the box” sein könnte. Magic ist eben nicht nur ein Kartenspiel, es ist ein Sammelkartenspiel.

Man kauft die Karten in zufällig sortierten Packungen und konstruiert sich aus den Karten, die man erhält, sein eigenes Kartenspiel, mit dem man gegen andere antritt, die das gleiche getan haben.

Ein Vorteil dieses Systems ist, dass man das Spiel stetig erweitern kann. In den jetzt 26 Jahren, die es besteht, sind für Magic 81 reguläre Erweiterungen erschienen, plus dutzende weitere Sets und Editionen, im Moment erscheinen rund vier reguläre neue Erweiterungen pro Jahr, die jüngste, “War of the Spark”, an diesem Wochenende.

Es gibt über 20.000 unterschiedliche Karten inzwischen

Inzwischen ist Magic auch ein recht beliebter E-Sport. Andrea Mengucci und seine Kollegen spielen einen großen Teil seiner Spiele auf der Plattform “Magic Arena”. Das Spiel hat viele Fans weltweit, 2015 waren es wohl etwa 20 Millionen, aber ein Mainstream-Phänomen ist es trotzdem nicht – es bleibt ein nischiges Nerdhobby.

Ich habe Magic nach dem Abi 2001 für lange Zeit ziemlich aus den Augen verloren, aber vor zwei Jahren habe ich ein neues Hobby gesucht – und obwohl ich erst zaghaft wieder angefangen habe, hat das Spiel sehr schnell einen Sog entwickelt und jetzt ist es schon wieder kein Hobby mehr, denn ich stehe ja hier und halte einen Vortrag darüber.

Was mich nämlich als Medienwissenschaftler und Kommunikationsmensch überrascht hat, als ich wieder angefangen habe, und mich eingelesen hatte ist, wie gut Magic in Transmedia Storytelling geworden ist.

Der Begriff ist relativ selbsterklärend, aber hier noch mal die Definition von seinem größten Propheten Henry Jenkins:

“Transmedia storytelling bezeichnet einen Prozess, in dem integrale Elemente einer Fiktion systematisch über mehrere Ausspielkanäle verteilt werden, mit dem Ziel, ein einheitliches und abgestimmtes Unterhaltungserlebnis zu erschaffen. Idealerweise trägt dabei jedes Medium etwas Einzigartiges zur Entfaltung der Geschichte bei.”

Henry Jenkins

Das ist sozusagen eine Idealdefinition, relativ eng gefasst. Jenkins hat sie selbst mehrfach aufgebrochen und sieht sie keinesfalls als dogmatisch.

Prominenteste Beispiele für Transmedia Storytelling finden sich heute vermutlich in den großen Fantastik-Franchises wie dem Marvel Cinematic Universe, das über Kinofilme, Fernsehserien und Comics hinweg erzählt wird oder Star Wars – dort gibt es Kinofilme, Comics, Romane und Videospiele.

Transmedia Storytelling galt mal eine Weile so als der Heilige Gral modernen Geschichtenerzählens, weil es wirklich cool ist, wenn es funktioniert, aber in seiner puren Form auch wirklich schwierig gut zu machen ist.

Ich will also, dass über mehrere Medien hinweg eine Geschichte erzählt wird. Das heißt auch: Ich will diejenigen belohnen, die sich die Mühe machen, alle Teile dieser Geschichte über die verschiedenen Medien hinweg zu verfolgen. Die sollen einen Mehrwert davon haben, ein umfassenderes Bild, vielleicht einen Blick auf die Dinge, der anderen fehlt.

Aber ich will auch diejenigen mitnehmen, die sagen TL; DR – ich habe keine Lust, eine Geschichte über mehrere verschiedene Formate hinweg zu verfolgen und zum Beispiel das Ende nur zu erfahren, wenn ich nach meinem Kinobesuch noch ein Buch lese. Die sind nämlich das Gros, und die bringen im Zweifelsfall auch das Geld.

Am besten sollte es auch noch egal sein, wo ich anfange. Also es sollte keine festgelegte Reihenfolge geben, in der ich die Medien konsumieren MUSS und wenn ich als weniger investierter Konsument anfange, sollte ich die Möglichkeit haben später nachzurüsten sozusagen. Jenkins spricht von “rabbit holes”, von Kaninchenlöchern, die überall verteilt sind und wo man halt gucken kann, wie tief man hineinkriecht.

Und trotz all dieser Einschränkungen, sollte eben trotzdem ein einheitliches Bild entstehen, keine Widersprüche usw. – nicht zu viel Wildwuchs.

Wie schwierig das ist, kann ich mal kurz an den beiden Beispielen zeigen, die ich eben genannt habe. Im Marvel Cinematic Universe war die Serie Agents of S.H.I.E.L.D. anfangs relativ eng an die Kontinuität der Kinofilme angedockt.

Als in Captain America: Winter Soldier plötzlich enthüllt wird (SPOILER), das SHIELD von der bösen Organisation HYDRA unterwandert worden ist, war es tatsächlich so, dass zur gleichen Zeit als der Film ins Kino kam, die gleiche Plotwendung auch in der Serie ausgefochten wurde.

Das war aber sozusagen plotlogistisch gleichzeitig so komplex und anscheinend im Payoff trotzdem irgendwie nicht krass genug, dass es das letzte Mal war, dass die beiden Medien so eng zusammenarbeiten. Inzwischen existieren die Marvel-Kinofilme und die Marvel-Serien zwar immer noch nominell im gleichen Universum, was man vor allem daran sieht, dass gelegentlich Charaktere aus dem einen im anderen auftauchen, aber davon abgesehen erzählen sie eigentlich separate Geschichten.

Bei Star Wars ist es noch krasser. Hier wurde über drei Jahrzehnte ein sogenanntes “Expanded Universe” aus hunderten Büchern und Comics aufgebaut, in denen sich diverse Autoren über sehr lange fiktive Zeiträume auch austobten, aber als die neuen Kinofilme vor ein paar Jahren in den Startlöchern standen, entschied man sich bei der Produktionsfirma Lucasfilm, alles bisher Erschienene mit Ausnahme der Filme aus dem Kanon zu streichen und zu “Legenden” zu machen. Es wäre einfach zu komplex gewesen, und hätte den neuen Filmen keinen Raum mehr zum Atmen gelassen.

Dafür ist Star Wars jetzt aber ebenfalls ein ziemlicher Transmedia-König – die verschiedenen TV-Serien, Comics, Romane und natürlich die Filme sind eng aneinander angebunden und bieten eigentlich genau das, was Jenkins definiert.

Star Wars brauchte dafür aber diese Tabula Rasa, als 2015 die neuen Filme kamen. Magic hingegen, beziehungsweise das Unternehmen Wizards of the Coast, das das Spiel herstellt, hat über 25 Jahre immer wieder aufs Neue probiert, sein Transmedia Storytelling auf die Reihe zu kriegen.

Mark Rosewater, der seit vielen Jahren der Head Designer von Magic ist, betont immer wieder, wie wichtig Iteration für den Designprozess ist. Und das finde ich das Faszinierende daran. Wir können uns heute im Rückblick diesen iterativen Prozess anschauen und nachvollziehen, was sie versucht haben, wo sie gescheitert sind und was sie gelernt haben – bis sie heute, wie ich finde, an einem Punkt angekommen sind, wo es wirklich gut funktioniert.

Fangen wir mal damit an, wie man bei einem Kartenspiel überhaupt dazu kommt, eine Geschichte zu erzählen.

Als Magic entstand, hatte es eigentlich gar keine Geschichte, es hatte nur diese Spielidee von sich duellierenden Magiern, was aber ja eigentlich auch nur ein stimmungsvoller Anstrich für ein Regelkonzept ist. Aber es war auch nicht total generisch.

Also wenn wir uns eine typische Karte aus der Zeit anschauen – die hätte ja auch einfach nur “Elves” heißen können, aber es sind eben Llanowar Elves, offenbar eine sehr kriegerische Elfenart, das zeigt auch das Bild und dieser sogenannte “Flavor Text” in kursiv, der keine Regelbedeutung hat.

Solche Andeutungen von einer größeren Welt hinter den Karten gab es auf vielen Karten und irgendwann hat sich dann auch mal jemand hingesetzt und diese Andeutungen zu einer Welt und auch einer groben Geschichte zusammengesetzt.

Also es gab die Karten “Ankh of Mishra” und “Glasses of Urza”.

Und als die Erweiterung “Antiquities” designt wurde, entschieden die Designer das Urza und Mishra Brüder waren, die gegeneinander Krieg führten – und deuteten das dann wiederum im Flavor Text an.

Gleichzeitig hatte Magic, dieses neue Spielprinzip, aber auch kurzzeitig so etwas wie Mainstream-Erfolg und Wizards lizensierte die Magic-Marke an Verlage, die Bücher und Comics herausgaben. Die Autoren dachten sich aber wiederum eigene Geschichten aus, die höchstens mal einzelne Karten referenzierten. Ein Buch über den Krieg zwischen Urza und Mishra gab es zum Beispiel nicht.

Also: Transmedia Storytelling, Fehlanzeige

Die zweite Iteration beginnt Ende der 90er. Hier wurde parallel zum Set “Visions” eine Reihe von Charakteren eingeführt, die Besatzung eines fliegenden Schiffs namens “Weatherlight”, das fortan Abenteuer in Magics Multiversum erleben sollte.

Gleichzeitig wurde die Buchproduktion von Wizards of the Coast ins Haus zurückgeholt, und ab 1999 erschienen die Romane – geschrieben von freien Autoren – begleitend zu den Sets. Zum Teil sogar nachträglich – und es gab endlich einen Roman zum “Brother’s War”.

Allerdings waren die Produktionszyklen von Romanen und Karten so unterschiedlich und weiterhin so wenig aufeinander abgestimmt, dass sich irgendwie kein einheitliches Gefühl einstellen wollte.

Der damalige Kreativchef Brady Dommermuth fasste das mal so zusammen:

“Allgemein liefern die Karten die Welt, in der die Romane spielen, und die Romane liefern manchmal Charaktere, die auf Karten zu sehen sind. Aber Karten führen auch eigene Charaktere ein, die nicht in den Romanen auftauchen. Kurz gesagt arbeiten das Magic Kreativteam und die Romanautor*innen größtenteils parallel und informieren einander so viel wie möglich.”

“Wir informieren uns so gut es geht.” Klingt von einem Transmedia-Standpunkt eher nach “Er hat sich stets bemüht.” Und so sind wohl auch die meisten Romane aus dieser Zeit. Für Fans, die sich wirklich für die Geschichte interessieren, ist die Tatsache, dass das irgendwie nicht zusammen passt, ein endloser Grund für Frust.

Für die anderen ist es aber auch nicht besser: Die Charaktere tauchten ständig auf den Karten, in Bildern und Flavor Text auf, aber da man ja diese Karten zufällig bekommt und nicht in irgendeiner Art chronologisch spielt, muss man schon sehr stark auf die Suche gehen, um irgendwie einen Eindruck davon zu bekommen, was die Geschichte sein soll, die hier erzählt wird.

Dieses Parallelsystem war trotzdem ziemlich lange der Status Quo. Irgendwann aber hatte der eben schon erwähnte Brady Dommermuth die Idee, die im Endeffekt zur dritten Iteration führte: Was wir brauchen sind Figuren, die ein bisschen außerhalb des Spiels stehen, mit denen sich die Spieler identifizieren können.

Deswegen gab es 2007 erstmals sogenannte Planeswalker, ein völlig neuer Kartentyp mit Charakteren, die die Macht haben, zwischen den verschiedenen Welten, auf denen Magic spielt, hin und her zu wandern. Im Endeffekt wie die Spieler.

Doch obwohl es plötzlich diese durchaus auch populären Charaktere gab, gelang es Wizards einfach nicht, die Spieler für die parallel produzierten “Planeswalker Novels” zu begeistern, auch nicht für die Ebooks, die man dann stattdessen versuchte zu produzieren.

Deswegen versuchte man es schließlich 2015 noch einmal mit so einer Art Neustart und einer neuen Distributionsstrategie.

Man kombinierte ein Team aus beliebten jungen Planeswalkern, die bereits in den bisherigen Sets aufgetaucht waren, mit Kurzgeschichten, keinen ganzen Romanen, die In-House von Mitgliedern des Creative Teams geschrieben wurden.

Und diese Geschichten wurden kostenlos auf der Magic Website veröffentlicht. Und plötzlich wurden sie besser gelesen als je zuvor.

Auf den Karten wurden wiederum wurden nur noch wenige Schlüsselmomente aus den Geschichten abgebildet, die als “Story Spotlights” mit einem Symbol markiert sind. Unten rechts in der Ecke steht die URL mtgstory.com – auf dieser Website finden sich dann die Kurzgeschichten. Die restlichen Karten im Set schmücken wie bisher die Welt aus.

Diese Mischung schien endlich zu funktionieren.

  • Die Spieler kennen ihre Charaktere, weil sie mit ihnen spielten.
  • Wichtige Momente finden sich auf den Karten wieder und nicht so stark in die Story investierte Spieler bekommen dennoch einen groben Eindruck
  • Wer mehr erfahren will, kann niedrigschwellig und kostenlos im Internet genau erfahren, wie die Geschichte weitergeht
  • Weil der Geschichtsprozess Teil des Kartendesignprozesses ist, gehen die beiden Welten endlich Hand in Hand. Inzwischen funktioniert es sogar wieder mit externen Autoren ganz gut

Aber das beste ist – das hätte ich mir nicht mal träumen lassen können, als ich diesen Talk eingereicht habe – dass sich diese Iteration dieses Jahr so richtig auszahlt. Das aktuelle Set nämlich, das gerade erst dieses Wochenende erschienen ist, erzählt fast ausschließlich Geschichte – was nur mit dem momentanen Modell möglich ist.

“War of the Spark” ist jetzt dieses Wochenende erschienen und bildet den Abschluss eines zweijährigen Plotbogens. Eine Art Avengers: Infinity War” von Magic. Alle Planeswalker treffen sich auf einer Welt und kämpfen gegeneinander und gegen einen Oberbösewicht, den fiesen Drachenplaneswalker Nicol Bolas.

Anders als in anderen Sets steht hier nicht irgendeine spannende Welt im Hintergrund, die bestimmte EIgenschaften hat, sondern wirklich die Geschichte und die Figuren, die über Jahre etabliert wurden. Die Designer selbst nennen es ein “Event Set”.

Die Karten wurden in Story-Reihenfolge enthüllt. Die Story-Spotlights haben Akte. Und plötzlich solche Kommentare:

Zusätzlich zu den kostenlosen Geschichten gibt es auch wieder einen Roman, der kräftig beworben wird. Sie versuchen es also noch einmal, aber diesmal könnte es funktionieren, weil sich die Spieler tatsächlich für die Geschichte interessieren!

Das zeigt sich unter anderem daran, dass sogar einige professionelle Spieler – leider nicht Andrea Mengucci, das wäre ein zu schöner geschlossener Kreis gewesen, aber immerhin zum Beispiel Jon Finkel, einer der dekoriertesten Spieler aller Zeiten, die sich für’s gewinnen sonst natürlich nie für die Story interessieren, haben gesagt: Jetzt möchten sie doch mehr wissen.

Natürlich sind nicht alle zufrieden. Es gibt auch immer noch genug zu kritisieren. Das Buch zum Beispiel hat viel Plot und wenig Tiefe. Aber insgesamt kann das Ganze schon als Erfolg gewertet werden. Mit den Karten zu spielen fühlt sich wirklich an, als würde man Geschichte erleben.

Hätte man an diesem Punkt auch sofort mit Konzeption des Spiels angelangen können? Wahrscheinlich nicht, einfach weil die Medienlandschaft 1993, und selbst 2005 noch so anders aussah als heute.

Mal ganz abgesehen davon, dass es noch kein Internet gab. Auch genau diese Herangehensweise an Lizensierung aus den frühesten Iterationen war typisch für diese Zeit. Erst in den letzten Jahren ist es üblich geworden, so enge kreative Kontrolle auszuüben, weil man gemerkt hat, dass man so seinen Kunden ein einheitlicheres Erlebnis bieten kann – was sich nicht nur kreativ, sondern auch in Sachen Markenbindung und damit in ausgegebenem Geld auszahlt.

Das coole ist eben, dass man bei Magic diese Entwicklung so schön beobachten kann. Man beginnt mit Karten, die Hinweise auf eine größere Geschichte geben und damit ein Potenzial für Transmedia Storytelling sichtbar machen.

Dann probiert das Spiel in einer ersten Iteration ein Lizensierungsmodell, stellt aber fest, dass das nicht gut funktioniert.

Also holt man die Buchproduktion, jetzt mal repräsentativ für die tiefere Geschichte, ins Haus.

Dann wendet man sich wieder den Karten zu, und versucht, zusätzlich mehr Geschichte auf den Karten zu erzählen (tl;dr). Aber das funktioniert auch nicht. Was man braucht sind ANDERE Karten, die CHARAKTERE verkörpern.

Das funktioniert sehr gut bei den Karten, aber nun werden die Probleme des Romanformats noch deutlicher.

Deswegen löst kostenlose Webfiction sie ab.

Und weil da so gut funktioniert, kann man sich wieder dem Potenzial von “Geschichte auf den Karten” zuwenden und entwickelt die “Story Spotlights”.

Jetzt endlich ist alles verbunden. Charaktere, Geschichten und Karten passen zusammen

Und geben sogar die Sicherheit, in einem “Event Set” wieder zusätzlich einem Roman eine Chance zu geben.

Aber damit das möglich war, und sich das volle Potenzial entfalten konnte, das sich am Anfang nur erahnen ließ, brauchte es eben jede Menge Zwischenschritte, es brauchte regelmäßiges Scheitern, und den Willen, immer wieder neue Varianten zu versuchen.

Mit die wichtigste Ressource für die Entstehung dieses Talks waren die Artikel (1, 2, 3) “A Brief History of Magic Publishing” von Sam Keeper und eine Folge des “Vorthos Cast”.

Der Kirchentag der Netzgemeinde

Blogger und Filmjournalist bin ich ja nur bei Nacht. In meiner Bruce-Wayne-Identität bereite ich in Berlin ein Großereignis für 140.000 Menschen vor und steuere dafür Pressearbeit und Marketing. Ich bin nicht der erste, dem aufgefallen ist, dass der Deutsche Evangelische Kirchentag und mein persönliches Jahreshighlight, die re:publica, Gemeinsamkeiten haben, aber ich glaube, ich war der erste der Markus Beckedahl darauf angesprochen hat. Aus unserem Gespräch und meinen Erlebnissen in drei Jahren re:publica habe ich für das Magazin des Kirchentages einen Artikel geschrieben, der jetzt online steht.

„Is this the real life? Is this just fantasy?“ Plötzlich hallt die ganze Stage 1 am Berliner Gleisdreieck wider mit den Anfangsworten aus Queens Rockklassiker „Bohemian Rhapsody”. Wenn mehrere tausend Menschen hier gleichzeitig dieses Lied singen, kann das nur eins bedeuten: die re:publica ist vorbei. Rund 8.000 Menschen haben drei Tage im Veranstaltungszentrum „Station“ über Themen der digitalen Gesellschaft miteinander diskutiert, genetzwerkt und gefeiert. Die traditionelle Abschlusszeremonie mit Gesangseinlage ist kein Schlussgottesdienst – sie könnte aber genauso gut einer sein.

„Kirchentag der Netzgemeinde“ ist die re:publica nicht nur einmal genannt worden. Die früheste Quelle, die das Internet für den Begriff findet, stammt von 2010, aber das Begriffspaar scheint so gut zu passen, dass es jedes Jahr von Medien und Besuchern gleichermaßen gerne wieder aufgegriffen wird. Mitbegründer Markus Beckedahl, Betreiber des Blogs „Netzpolitik.org“, stört das nicht. Er sieht durchaus Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Veranstaltungen, erzählt er am Telefon: „Der Kirchentag ist ein Zusammenkommen verschiedener Communities, die der Glaube eint. Die re:publica ist ein Zusammenkommen verschiedener Communities, die verbunden sind durch eine Faszination für das Digitale“, sagt er.

Weiterlesen …

re:publica von Herzen – Ein Bericht in vielen Absätzen und sechs Tweets

Weil in diesem Bericht über meine dritte und die insgesamt zehnte re:publica wahrscheinlich sowieso irgendwann Snapchat vorkommen muss, schaffe ich das lieber gleich zu Anfang aus dem Weg. Und zwar mit einer Geschichte, die schon eine halbe Woche vor der re:publica passiert ist. Auf dem Social-Media-Tag der EKHN habe ich Wolfgang Loest über Snapchat sprechen hören. Er hat berichtet, wie er sich die App von seinen Konfirmanden hat erklären lassen. Und dann hat er einen eigenen User angelegt (“snap.church”) und die Konfis einen Adventskalender per Snapchat gestalten lassen. Jeden Tag hat ein anderes Kind den Kanal bespielt.

Wie Wolfgang das so erzählte, merkte man, dass er mit vollem Herzen dahinter stand. Für ihn war Snapchat ein Kommunikationskanal mit dessen ursprünglichen Nutzer_innen und durch die Zusammenarbeit mit ihnen fand so eine Art gegenseitiges Empowerment statt. Die Kinder lehrten ihn, wie sie diesen Kanal nutzen und er zeigte ihnen Wertschätzung, weil er bereit war, ihr Medium auf ihre Art ernst zu nehmen. Und obwohl ich in den Wochen zuvor dutzende Stimmen sowohl dazu gesammelt hatte, wie Snapchat als ein journalistisches One-To-Many-Kommunikationstool am besten genutzt werden sollte, als auch wie neu und (für meine Generation) ungewohnt Teenager darüber kommunizieren – erst in dem Moment, wo ich Wolfgang zuhörte machte es bei mir irgendwie “Klick!”. Eben weil man in seiner Perspektive weder Kalkül noch anthropologische Verwunderung spürte, sondern nur Herz.

Mit Herz meine ich Überzeugung, die aus einem guten Ort strömt. Aus dem Willen heraus, etwas zu verbessern, Menschen näher zusammen zu bringen, Liebe (so kitschig das klingen mag) zu verbreiten. Die Überzeugung, dass auch Wissen und Geld und Ruhm und Ehre im Endeffekt eigentlich nur Mittel zu diesem Zweck sind. Und nach der Aufregung des Neuen auf meiner ersten re:publica und den etwas stressigeren Gedanken der zweiten, hatte ich dieses Jahr irgendwie schnell raus, dass “Herz” wohl das sein würde, was von der re:publica bei mir bleibt.

Das Thema zog sich durch die ganze Veranstaltung. Schon Johnny Haeusler erzählte bei der Eröffnung etwas von “Post Love, Not War”. Es ging viel um Hass und was man dagegen tun kann (was vor allem Liebe zu sein scheint). Aber es war auch in meinem privaten Umgang mit den drei Tagen in der Station irgendwie ein Leitmotiv.

Am ersten Tag zum Beispiel hatte ich viele Sessions im Kalender, die zu Themen gehörten, mit denen ich mich hier im Blog, im Beruf, im Leben ohnehin täglich auseinandersetze. Einige davon auf der Media Convention zu Journalismus, andere im “Labore:tory” zu Virtual Reality, wieder andere zu Netzthemen. So richtige Begeisterung wollte bei mir aber partout nicht aufkommen. Fast alles, was dort gesagt wurde, hatte ich so oder so ähnlich schon einmal anderswo gehört oder gelesen. Das frustrierte mich enorm und so war ich froh, dass mich irgendwann einfach zwei Menschen mitnahmen zu Tom Hillenbrand, der über Überwachung im 17. Jahrhundert sprach und mich damit völlig begeisterte.

Das Coole war, dass man Tom auf der Bühne so richtig anmerkte, dass er zwar einerseits inzwischen ein gewiefter Bestsellerautor (Drohnenland) ist, dass er sich aber gleichzeitig wie ein Schneekönig darüber freute, auf das Phänomen der Postinterzeption überhaupt gestoßen zu sein und es mit uns teilen zu können. Ähnlich ging es mir dann auch wieder abends bei der Glorreichen Rückkehr des Sascha Lobo™. Ich habe Sascha immer dafür geschätzt, dass er zwar gelungen mit Ironie umgehen kann, dass man seinen Worten aber immer anmerkt, dass sie aus tief sitzenden Überzeugungen geformt sind. Wenn er die vollgepackte Stage 1 mehrfach laut “TROTZDEM!” rufen lässt, ist das zwar natürlich auch irgendwie ein effektiver Stunt für die Kameras, aber ich nehme ihm ab, dass dieses Trotzdem wirklich etwas ist, woran er mit blaise-pascalscher Überzeugung glaubt. Deswegen habe ich gerne mitgerufen.

In den folgenden Tagen stellte ich immer wieder fest, dass dies auf der re:publica mein eigentliches Ziel sein sollte: Sessions zu finden, in denen Menschen – unabhängig vom Thema – aus dem Herzen sprechen. Zum Glück habe ich sie mit diesem neuen inneren Kompass auch immer wieder gefunden. Bei Anne Schüßler, die über Science-Fiction nachdenkt. Bei Claudia Krell und Ralf Stockmann, die ganz vorne dabei sind, die Podcast-Szene miteinander zu vernetzen und angehenden Podcaster_innen beim Start zu helfen. Bei Dominik Stockhausen (Sonar) und Johan Knattrup Jensen (Doghouse), die sich im VR-Bereich sowohl mit kleinen analytischen Schritten vorantasten, wie ich es tun würde (Dominik), als auch für ihre eigene radikale Vorstellung von Kunst einstehen, auch wenn sie ein bisschen eitel und abgekupfert ist (Johan).

Auch bei Jeff Kowalski, der natürlich ein aalglatter amerikanerischer Unternehmer ist, dessen Vortrag zielgerichtet auf Statements wie “In the future, we won’t have to learn tools, tools will learn us” zuläuft. Der aber auch eine Zuschauerfrage nach der Dialektik der Aufklärung damit beantwortete, dass er in den gleichen bewusst keine dystopische Visionen eingebaut habe, weil er glaubt, dass das mit dazu führe, das sie passieren (quasi der Plot von Tomorrowland, mit dem man nicht einer Meinung sein muss, dessen Kraft mir aber trotzdem imponiert).

Bei Randall Munroe fühlte ich das alles anders als Felix Schwenzel nicht so sehr, ich fand seinen Vortrag doch eher eine Buchverkaufsshow. Dafür aber wieder bei Jens Scholz (“LARPs in der politischen Bildung”), Journelle (“Das Internet hat mich dick gemacht”) und auch bei meinen Co-Autorinnen und -Autoren vom Techniktagebuch bei unserem “Live Let’s Play” über die Tücken diverser Benutzeroberflächen, das verspätet starten musste, weil unsere sorgsam ausgetüftelte und mehrfach geprüfte Präsentationsstrategie dann natürlich auf der Bühne technisch nicht funktionierte.

Schließlich spürte ich Herz bei all den vielen zwischenmenschlichen Momenten mit den Menschen, die die re:publica nicht “als Bildungsurlaub mitnehmen”, weil sie als “Social-Media-Manager bei Siemens” arbeiten (Sascha Lobo), sondern weil sie dem Digitalen in ihrem Leben eine gewisse Bedeutung zumessen. Und mit diesen Menschen spricht man (also ich) dann, wenn man sie einmal im Jahr sieht, auch gar nicht unbedingt über Snapchat oder Virtual Reality oder Netzneutralität. Sondern darüber, wie es ihnen geht, was in ihrem Leben wichtig ist, wie sie an den Ort gekommen sind, wo sie sich gerade befinden. Warum sie genau dieses Lied beim Karaoke singen wollen, wie sich das anfühlte, als die Panama Papers veröffentlicht wurden, und warum Princes Tod sie bewegt hat.

Von diesem Herz hat man dann hoffentlich am Ende der drei Tage so viel gespürt, dass es ein bisschen reicht für die Zeit danach. Wahrscheinlich nicht für das ganze Jahr bis zur nächsten re:publica (leider), aber mindestens für ein paar Wochen, in denen man sich so intensiv wie sonst nie daran erinnert, woran das eigene Herz hängt und wie man dieses Herz ein bisschen an andere weitergeben kann.

Real Virtuality 2015 – Persönliche Höhepunkte

Baptism by Fur: Mit Äffle und Pferdle bei einem Termin zur Privatquartierkampagne in Stuttgart, März 2015

Das Jahr neigt sich dem Ende. Ich habe schon Musik und Bücher Revue passieren lassen. Bevor ich zur großen Filmliste komme, möchte ich wie in den vergangenen Jahren auch noch auf ein paar weitere Highlights des Jahres zurückblicken, die eher persönlicher, wenn auch nicht unbedingt privater Natur sind. Dinge, die ich erlebt oder beobachtet habe.

#rp15

Eigentlich habe ich zur diesjährigen re:publica schon alles geschrieben. Sie war eine Druckbetankung an Eindrücken, Begegnungen und Gefühlen, die es eben nur dort gibt (weil ich weder zum Zündfunk Netzkongress noch zum Chaos Communication Congress fahren konnte). Ein gutes halbes Jahr später sind mir vor allem drei Dinge in Erinnerung geblieben: Das Zusammensitzen mit der Redaktionskonferenz des “Techniktagebuch”, der Adrenalinrausch nach meinem eigenen Talk und ein gesprächiger Abend mit einer tollen Person. Für die #rpTEN habe ich erneut einen Vorschlag eingereicht.

Mad Men

Seit dem Beginn des neuen TV-Booms hat mich keine Serie so gefangen genommen wie Mad Men. Nicht The Wire, nicht Breaking Bad (bisher nur den Piloten gesehen) und schon gar nicht Lost (nach der ersten Staffel entnervt aufgegeben). Vielleicht liegt es daran, dass Mad Men grob in “meiner” Branche spielt, dass ich so schnell Zugang zu ihr gefunden habe. Aber viel mehr als den Werbekram habe ich es geliebt, an der Serie den Wandel der kulturellen Landschaft in den USA in der vielleicht wichtigsten Dekade des 20. Jahrhunhderts zu verfolgen. Obwohl Mad Men zwischenzeitlich etwas durchhing – ich war sowohl tieftraurig als auch erleichtert, als Matthew Weiners Magnum Opus im Mai endgültig zu Ende ging. Noch hat keine neue Serie ihren Platz einnehmen können.

35. Deutscher Evangelischer Kirchentag

Mein Brotjob erreichte seinen Höhepunkt vom 3. bis 7. Juni. Wieder einmal saß ich von einem Tag auf den anderen plötzlich mit 50 Leuten in einem Raum, die alle auf mein Kommando hörten. Das Tolle: Die “mittlere Management”-Ebene der sogenannten Multimediaredaktion, darunter Jens Albers, Ralf Peter Reimann, Christian De Zottis und Katharina Matzkeit (um nur mal die Leute mit eigener Webpräsenz zu promoten), funktioniert inzwischen so gut zusammen, dass ich mich aus dem operativen Geschäft fast völlig zurückziehen konnte/musste, was manchmal auch etwas einsam war. Vom Kirchentag selbst habe ich trotzdem wie immer nichts mitbekommen – außer durch die vielen tollen Artikel, Videos und Social-Media-Aktionen, die auch dieses Jahr wieder entstanden sind. Kaum zu glauben, dass ich jetzt schon wieder auf den nächsten hinarbeite, bei dem hoffentlich auch die Berliner Digitalszene eine Rolle spielen kann.

“Fortsetzung Folgt”

Mein Freund Martin musste eine Weile an mich hinreden, bis ich zugestimmt habe, mit ihm gemeinsam ein viertägiges Seminar zum Thema “Serielles Erzählen” für die Sommeruni des Evangelischen Studienwerks Villigst zu geben, und in meinem stressigen Sommer zwischen Kirchentag, Wohnungssuche und Umzug wäre ich noch mehrfach am liebsten abgesprungen. Am Ende war es den Stress aber doch wert. Wir wurden belohnt mit äußerst aufmerksamen und inquisitiven Studierenden, die auch selbst ein paar ganz ordentliche Serienideen entwickelt haben. Wenn also wieder mal jemand einen Seminarleiter braucht – ich bin zu haben.

Berlin

1999, auf Klassenfahrt in der elften Klasse, war ich das erste Mal in Berlin und ich war sofort wie verzaubert von dieser Stadt. Das nächste Mal war ich 2007 dort, zu einem Vorstellungsgespräch, und ich wäre gerne dort geblieben. Drei Jahre später dann erstmals zur Berlinale. Im Dezember 2010 habe ich eine Berlinerin kennengelernt und sie eine Weile fast jedes Wochenende in Berlin besucht, nur um sie dann im Sommer 2011 nach Mainz zu entführen. Irgendwie war uns aber insgeheim immer klar, dass wir irgendwann nach Berlin zurückkehren würden, und dieses Jahr war es dann so weit.

Ich staune immer noch jeden dritten Tag darüber, dass ich jetzt hier wohne. Manchmal – wenn ich in einem Supermarkt oder einem Kaufhaus bin, das auch sonstwo stehen könnte – vergesse ich, dass ich in Berlin bin und erst beim Verlassen des Ladens trifft mich die Erkenntnis wieder mit voller Wucht und ich jubiliere ein bisschen. Nicht nur dass ich jetzt in Deutschlands Film- und Medienhauptstadt wohne (suck it, München! ?), ich bin auch immer wieder tief bewegt von der Geschichte dieser Metropole, die einem von jeder Ecke entgegenleuchtet, egal ob ich durch Grunewald jogge oder in Friedrichshain mit meiner neuen Band probe. Ich mag die Menschen hier, diese merkwürdige Mischung aus Treibholzwesen aus der ganzen Welt und alteingesessenen Nörglern mit weichem Kern. Ich bade so gut es geht im Kulturangebot, den Kinos, den Theatern, den Ausstellungen, den Konzerten – manchmal reicht es schon, nur zu wissen, dass man hingehen könnte, um sich daran zu erfreuen. Ich liebe die Tatsache, dass hier nirgendwo Berge sind und dafür überall Seen.

Nach einem knappen Monat Anfangshoch hatte ich durchaus ein paar Wochen Großstadtdepression und Heimweh. Lässt sich wohl nie vermeiden. Jetzt aber bin ich angekommen und wenn es nach mir geht, bleibe ich noch lange hier.

Volunteer Planner

Im Sommer hatte ich noch genug Gründe, um vor mir selbst zu rechtfertigen, warum ich gerade nichts für geflüchtete Menschen tun kann. Spätestens im Oktober war Schluss damit, ich war umgezogen und angekommen und hatte genug freie Zeit. Den letztendlichen Ausschlag hat aber der Volunteer Planner gegeben, mit dem man sich einfach und unkompliziert für Helferschichten in den Flüchtlingsunterkünften eintragen kann. Die Website eliminiert die letzte Hürde für jeden, der irgendwie vielleicht ja doch gerne helfen würde, aber Angst vor dem ersten Kontakt hat. Ich gebe zu, dass ich die Seite im Endeffekt nicht so oft genutzt habe, wie ich mir vorgenommen hatte, aber die Tatsache, dass ich jetzt überhaupt mehrfach Kontakt mit Geflüchteten und Helfenden hatte, hilft mir zusätzlich in Gesprächen mit alljenen, die noch Ängste und Vorurteile mit sich herumtragen. Ich kann jedem nur empfehlen, die Seite (und vergleichbare Seiten) zu nutzen – ich werde es 2016 auch wieder tun.

© Netflix

Master of None

Master of None

Was das reine Zeitinvestment angeht, hat Fernsehen bei mir das Kino derzeit endgültig überholt. Ich habe 2015 neue Staffeln von The Good Wife, Downton Abbey, Mad Men, Brooklyn Nine-Nine, Modern Family, Game of Thrones, Transparent, Agents of SHIELD und New Girl gesehen sowie endlich Sherlock nachgeholt und mit Battlestar Galactica angefangen. Aber nichts hat mich von Anfang an so begeistert wie Aziz Anzaris Master of None. Ich kannte Anzari aus Parks and Recreation, und Master of None ist am Ende auch nicht viel mehr als die Auserzählung von Gedanken, die er in seinen Standup-Specials schon öfter hatte, aber dass es möglich ist, diese Art von freundlicher und leiser Comedy zu machen, die sich gleichzeitig einiger kontroverser Themen annimmt, ist trotzdem etwas besonderes. Master of None ist eine Serie, wie sie nur 2015 entstehen konnte. Die Folgen hängen mal lose, mal eng zusammmen. Sie sind aufwändig produziert, funktionieren ohne Werbepausen und eignen sich perfekt, um sie an einem Wochenende zu verschlingen (wie wir es gemacht haben). Leider kann man sie auch nur sehen, wenn man ein Netflix-Abo hat. Dazu bald mehr in diesem Blog.

Peak Marvel

Ich habe jede Menge Respekt vor Age of Ultron, ich fand Ant-Man streckenweise sehr unterhaltsam. Aber ich gebe zu: Mit meiner Marvel-Begeisterung hat es so langsam ein Ende. Bei Daredevil kam ich nicht über zwei Folgen hinaus, Jessica Jones (derzeit Folge 6) werde ich wohl zu Ende gucken, aber ich weiß noch nicht wann. Zum Weiterschauen von Agents of SHIELD konnte ich mich bisher noch nicht durchringen und 2016 freue ich mich fast mehr auf Batman v Superman (wegen der Hybris) als auf Civil War. Ich finde es nach wie vor erzählerisch spannend, was da passiert (und wie jeder versucht, es zu kopieren), aber die echte Fanboy-Begeisterung, die ich noch während The Avengers gespürt habe, ist 2015 endgültig ausgelaufen – spätestens als mein Lieblings-“Wired”-Autor Adam Rogers über das neue Franchisezeitalter einen Feature-Artikel geschrieben und darin die meisten Aspekte auf den Punkt gebracht hat, an denen ich mich an dieser Stelle seit fünf Jahren abarbeite. Marvel-Produkte fühlen sich immer mehr wie eine Pflicht und immer weniger wie etwas Besonderes an. Dass Joss Whedon sich verabschiedet hat, macht es nicht besser. Es könnte also gut sein, dass ich mir bald eine neue Obsession suche.

“Kommerzkacke”

Ich schreibe ja inzwischen seit einigen Jahren regelmäßig-unregelmäßig für epd film und epd medien, die ich gemeinsam so ein bisschen als meine berufliche Alma Mater betrachte. Ich habe mich sehr gefreut, als ich dieses Jahr aus dem Nichts bei einer weiteren Publikation in den Autorenstamm aufgenommen wurde. Für “kino-zeit.de” habe ich ja schon zuvor ab und zu kleinere Geschichten geschrieben, aber jetzt habe ich dort eine regelmäßige Kolumne, die das nächste Mal Anfang Januar erscheinen wird. Ich fühle mich sehr geehrt, zur Kino-Zeit-Truppe zu gehören, und ein bisschen stolz bin ich auch.

Vielen Dank allen, die mich 2015 gefördert und herausgefordert, gelesen und verlinkt haben. Danke an jeden, der hier im Blog oder auf anderen Plattformen kommentiert, favorisiert und auf “Like” geklickt hat. Danke an alle Kolleginnen, Kollegen und Netzgemeindeglieder, die meine Arbeit verfolgen, auch wenn mich viele von ihnen nicht persönlich kennen. Ihr könnt nicht ahnen, wie viel mir das bedeutet. Ich hoffe, euer 2015 hatte auch ein paar Highlights zu bieten und euer 2016 wird noch besser.

Ambiguitätstoleranzunterricht – Rückblick auf die re:publica 2015

Eine meiner Geschäftsführerinnen hat mir im Gespräch mal vom “Problem des zweiten Kirchentags” erzählt. Wenn man diesen Wahnwitz, ein Event für 100.000 Menschen mit 2.500 Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, zum ersten Mal macht, ist man in der Vorbereitung irgendwann völlig überfordert. Meist muss man von erfahreneren Kollegen immer wieder daran erinnert werden, dass schon alles gut gehen wird. Was es dann auch tut. Wenn man sich entscheidet, das Ganze ein zweites Mal zu machen, ist man dann allerdings davon überzeugt, dass man jetzt verstanden hat, wie alles funktioniert. Das kann gefährlich sein, denn natürlich ist jeder Kirchentag anders. Andere Stadt, andere Kollegen, andere Zeiten.

Mittendrin im wahrscheinlich größten beruflichen Stress, in dem ich je gesteckt habe – nämlich vier Wochen vor meinem zweiten Kirchentag, setze ich mich in einen Zug und fahre nach Berlin. Dort findet zum neunten Mal der “Kirchentag der Netzgemeinde” statt und obwohl ich letztes Jahr schon einmal dort war, versuche ich auch hier, mich innerlich darauf einzustellen, dass vieles anders sein wird.

Ich mache mir sehr viel Gedanken darüber, wie andere Leute mich wahrnehmen, auch wenn ich weiß, dass ich das nicht sollte. Letztes Jahr war ich nur interessierter Beobachter. Dieses Jahr bin ich selbst Speaker, sogar doppelt. Und auch wenn ich einmal nur zehn Minuten über ein Thema spreche, dessen ich mir ziemlich sicher bin und einmal als Teil eines großartigen Teams auf der Bühne stehe, bin ich deswegen ziemlich aufgeregt. Ich möchte einfach, dass meine Auftritte Erfolge sind.

Damit meine ich nicht nur Bühnenauftritte. 2014 hatte ich nur mit sehr wenigen Menschen diese Situation, die ein bisschen an ein erstes Date erinnert. Man kennt sich aus dem Internet, hat schon miteinander getwittert oder gechattet, aber sich noch nie von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden. Dieses Jahr stand mir das mit der kompletten Chatbesetzung des Techniktagebuchs bevor. Menschen, mit denen ich im letzten halben Jahr in einigen Dingen eine gewissee Vertrautheit aufgebaut hatte, die mich aber nur in schriftlicher Form kennen.

Ich glaube, dass es gerade im Internet normal ist, dass Menschen zu anderen Menschen eine stärkere Bindung aufbauen als umgekehrt. Mit anderen Worten: Oft ist einer von beiden erst Fan und so etwas ähnliches wie Freundschaft auf Augenhöhe entsteht erst später. Zum Glück schweben Menschen, die internetberühmt sind, meist nicht in dieser Celebrity-Blase umher, die Stars häufig vergessen lässt, wie das “normale” Leben funktioniert und so dauert es meistens nicht lange, bis das Star-Fan-Verhältnis sich nivelliert hat.

Ich fahre aber trotzdem im vollen Bewusstsein zur re:publica, dass ich Fan einiger Menschen bin, die ich dort mit Sicherheit persönlich treffen werde. Andererseits werde ich dann wiederum vor diesen Menschen auf der Bühne stehen. Ich hoffe also gleichzeitig, dass diese Menschen im persönlichen Kontakt meine Hoffnungen erfüllen und dass ich auf sie so wirke, wie ich mir das wünsche. Gleichzeitig weiß ich, dass es extrem behämmert ist, mir über sowas Sorgen zu machen. Ich tue es aber trotzdem. Sehr verwirrend, das Ganze.

Zum Glück wird natürlich alles viel entspannter als befürchtet. Mit den meisten Techniktagebuch-Menschen treffe ich mich bereits am Sonntagabend abseits der re:publica. Das baut schon mal Hemmungen ab und natürlich sind alle diese Menschen, auf die man im Internet manchmal Dinge projiziert, ganz anders, als man sie sich projiziert hat. Meistens netter.

Und genauso wie mein Telefon das W-LAN in der Station sofort wiedererkennt, erkenne ich auch die re:publica sofort wieder. Die verändert sich eben nicht so stark wie ein Kirchentag und mein Dienstag ist deswegen auch ein rundum guter Tag. Die Keynote von Ethan Zuckerman bietet eine gute Problemanalyse aber sehr schwache Lösungsvorschläge. Ralf Stockmann und Claudia Krell fassen super zusammen, wie auch ich mir die Zukunft des Podcastings wünsche. Maschek und Anne Schüßler bringen mich ordentlich zum Lachen. Ich führe anregende Gespräche, trinke Bier und habe einen schönen Abend.

Der Mittwoch ist dagegen ein Wirbelwind, aber natürlich geht auch hier nichts schief – warum sollte es auch? Ich leide etwas unter Müdigkeit, aber der Talk läuft gut und erntet einige nette Reaktionen, persönlich und auf Twitter. Dass sogar meine Eltern live dabei sind, rührt mich sehr. Danach bin ich so erschöpft, dass ich mir keine weiteren Vorträge wirklich anhören kann, selbst mit Astronauten nicht, aber abends bin ich zur absolut großartigen Techniktagebuch-Session “Wir hatten ja nix! Und das haben wir mitgebracht” wieder einigermaßen fit. Danach noch ein Abschiedsbier und das war’s. Am Donnerstagmorgen sitze ich wieder im Zug.

Und trotzdem. Während ich im ICE Kirchentags-E-Mails beantworte, merke ich, wie schwer es mir fällt, aus der Parallelwelt aufzutauchen, in der ich in den letzten Tagen gesteckt habe. In der man mit Menschen irgendwie anders umgeht, weil man glaubt, sie schon zu kennen. In der vielleicht sogar ich den einen oder anderen Fan habe, von dem ich nichts weiß und auch gar nichts wissen möchte, aber in der man doch spürt, dass man auf eine andere Art und Weise wahrgenommen und wertgeschätzt wird als im Alltag.

Es ist extrem passend, dass Felix Schwenzels Vortrag, den ich leider live verpasst und erst heute morgen nachgeholt habe, davon handelt, dass Realität und Virtualität beides Produkte unseres Bewusstseins und unserer Wahrnehmung sind. Am Ende sagt er, dass wir “Ambiguitätstoleranz” entwickeln müssen, um damit umzugehen, dass nicht immer alles in das Bild passt, was wir uns zurechtgelegt haben. Dass wir Widersprüche – auch zwischen fleischlicher und virtueller Existenz – nicht nur aushalten sondern umarmen müssen.

Dafür ist die re:publica die perfekte Trainingseinheit.

Wie ich ganz alleine die deutsche Filmblogosphäre erschuf (Update: Mit Video)

Handyfoto: Christian Steiner, Second Unit

Den Folgenden “Lightning Talk” habe ich heute auf der re:publica-Konferenz im Rahmen der Media Convention gehalten. Nachhören kann man ihn bereits auf voicerepublic.com (ab Minute 11:30) ungefähr. Video folgt wahrscheinlich/hoffentlich bald gibt es auf YouTube. Gesprochen habe ich manche Sachen ein kleines bisschen anders ausgedrückt. Für die Folien suche ich mir noch einen Weg, sie zur Verfügung zu stellen. Überhaupt werde ich diesen Post in den nächsten Tagen noch “hübsch” machen.

Hallo. Als ich letztes Jahr hier war, hat mir mein Kollege Jannis Kucharz vom „Netzfeuilleton“ gesagt, die Essenz eines guten re:publica-Vortrags sei „Overpromise and Underdeliver“. Am Titel meines Talks könnt ihr sehen: Ich habe mir mindestens mal den ersten Teil zu Herzen genommen. Was den Rest angeht – das dürft ihr dann gleich beurteilen.

Die re:publica ist daran schuld, dass ich heute hier bin. Nicht nur, weil sie mich eingeladen haben, hier zu sprechen. Sondern weil ich in den letzten Jahren immer neidisch drauf geguckt habe. Auch auf die Menschen, die sich hier treffen. Die Netzgemeinde. Die Blogosphäre. Oder wie immer man das nennen will.

Von der re:publica ging immer so ein Gefühl von Gemeinschaft aus, das ich an meinem Ende des Internets nie so richtig gespürt habe. Ich habe in meinem Blog „Real Virtuality“ über Film gebloggt und ich wusste, dass es andere Menschen gibt, die auch über Film bloggen. Aber ich kannte diese Menschen nicht. Und ich fühlte mich nicht als Teil einer Gemeinschaft.

Wenn ich in die USA geschaut habe, hab ich gesehen, wie sich dort die Filmbloggerinnen und Blogger – die natürlich auch allesamt Nerds sind – alle gegenseitig zu kennen schienen. Sie machten Podcasts miteinander. Sie treffen sich auf Festivals. Sie sind sogar Teil einer „Online Film Critics Society“.

Und auch in Deutschland, zum Beispiel bei den Foodbloggerinnen, bei den Elternbloggern oder bei den Medienbloggerinnen, hatte ich immer das Gefühl, dass diese Menschen jeder für sich arbeiten, aber auch Teil einer Gemeinschaft sind. Und zwar einer Gemeinschaft, die sehr netzkulturspezifisch ist – durchaus auch in Abgrenzung von den Printschreibern, worüber ich jetzt hier gar nicht urteilen will.

Ich habe nicht nur Filmwissenschaft, sondern auch Publizistik studiert, also war mir klar, dass ich mich dem ganzen nur über eine Art Studie nähern kann. Ich hab deswegen vor zweieinhalb Jahren zehn Filmblogger interviewt und nach ihrem Zugehörigkeitsgefühl gefragt. Das ganze habe ich dann in einem Artikel zusammengefasst, der als erste These hatte: Es gibt keine deutsche Filmblogosphäre.

Die Resonanz hat mich völlig überrollt. Am erstaunlichsten fand ich, dass die meisten mir zustimmten. Ich hatte unter anderem behauptet, dass es keine Leitmedien gibt, die von allen gelesen werden. Und dass es keine guten Aggregatoren gibt, mit denen man aufeinander aufmerksam gemacht werden kann. So bleibt jeder in einer sehr kleinen Blase gefangen. Wir interessieren uns nicht genug füreinander. Was auch bedeutet: Es interessiert sich auch sonst keiner für uns.

Unter anderem kam in der Diskussion auch auf, dass Deutschland einfach kein Filmland sei. Ich hatte das etwas anders ausgedrückt, und meine Vermutungen haben sich seitdem eigentlich nur bestätigt. Ich glaube, dass es unter den Menschen, die über Film bloggen, ein paar Grenzlinien gibt, die sie voneinander trennen. Es gibt nämlich manche, die Film sehr ernst nehmen. Die Film eher als Kunst wahrnehmen, die man auch so behandeln sollte. Und die deswegen auch eher abseits vom Mainstream ihr Futter suchen und den Mainstream auch so ein bisschen verachten. Und dann gibt es viele, die Film eher als Unterhaltung sehen. Die gerade den Mainstream feiern und bevorzugt bei großen Blockbustern ihren inneren Geek loslassen. Und denen die erste Gruppe ziemlich versnobt vorkommt.

Auf der anderen Seite gibt es jene, die das Bloggen nur zum Spaß betreiben, weil sie ein Ventil für ihre Gedanken gefunden haben. Und es gibt jene, die mit Film auch irgendwie ihr Geld verdienen und einen entsprechenden Professionalitätsgrad haben. Diese Profi-Amateur-Linie gibt es, glaube ich, nicht nur bei Filmblogs.

Gemeinsam führen die beiden Linien zu einem Koordinatensystem. Und in diesem Koordinatensystem kann man eigentlich jedes Filmblog in Deutschland ganz gut verorten.

Das hier sind nur die Blogs, die ich regelmäßig lese – woran man gut sieht, wo meine Interessen tendenziell liegen. Aber das alles bedeutet auch, dass Film – anders vielleicht als Essen oder Autos oder Social Media – selbst von Menschen, die sich damit befassen, sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Einmal bitte Hand heben, wer in seinem Teil der Blogosphäre so ähnliche Linien wahrnimmt.

Foto: Thomas Wiegold, Augengeradeaus, CC-BY-NC 2.0

Jedenfalls: Nachdem ich alle Rückmeldungen gelesen hatte, fiel mir einer meiner Lieblingsaufsätze wieder ein, von dem bestimmt viele hier schon mal gehört haben. „The Strength of Weak Ties“ von Mark Granovetter, in dem im Grunde erklärt wird, warum lose Verbindungen zwischen Menschen für das Entstehen von Netzwerken so wichtig sind. Diese Weak Ties bilden nämlich die Brücke zwischen verschiedenen kleinen Gruppen mit Strong Ties und sorgen dadurch dafür, dass Informationen von außen leichter hineinfließen können.

Und plötzlich wurde mir klar, dass ich jetzt all diese Weak Ties besaß, weil fast jeder und jede meinen Artikel gelesen hatte. Es meldeten sich Menschen bei mir aus Filmblog-Ecken, die ich trotz meiner vorherigen Suche noch gar nicht wahrgenommen hatte.

Einzelne Bloggerinnen und Blogger fingen an, aktiv Orte zu schaffen, an denen sich Über-Film-im-Netz-Schreibende treffen konnten. Und weil persönliche Kontakte Zusammenhalt immer noch mal besser zementieren als Facebook-Gruppen – siehe re:publica – gab es auf der Berlinale 2013 auch das erste Filmblog-Treffen.

Immer wieder bekomme ich auch Rückmeldungen von Leuten die sagen:
„Bäh, Blogosphäre, brauche ich alles nicht.“
„Ich will nicht Teil einer Bewegung sein.“
„Wollt ihr mir vorschreiben, was ich zu tun habe?“
„Leitmedium? Das klingt irgendwie nach Leitkultur.“
Und dann denke ich immer: Menno – ich will euch doch gar nichts vorschreiben, ich will doch nur, dass eure guten Texte gelesen werden. Aber ich habe auch einige Male ernsthaft daran gezweifelt, ob ich überhaupt das richtige will. Ob meine Vorstellung von Gemeinschaft vielleicht doch etwas zu sehr zu Gleichmacherei führen könnte.

Das geile ist aber, dass es gar nicht mehr an meinen Vorstellungen hängt. Das ganze Projekt hat längst eine Eigendynamik bekommen. Filmblogtreffen werden jetzt auch organisiert, ohne dass ich dabei bin, wie hier unten rechts auf dem Filmfest in München.

Eine Gruppe von Filmbloggern hier aus Berlin hat Themenmonate wie den #Horrorctober ausgerufen, denen sich inzwischen auch ganz viele Leute anschließen. Bei denen sie sogar von größeren Websites wie der VOD-Community MUBI unterstützt werden. Es springen zum Teil neue Aggregatoren aus dem Boden und alte werden neu wahrgenommen.

Trotzdem braucht die Filmblogosphäre weiter Pflege. Es braucht Zeit, bis die Linien nicht mehr als Grenzen verstanden werden, sondern als Achsen dieses Koordinatensystems, in dem wir uns alle bewegen. Ich bemühe mich deswegen, meine Weak Ties weiter zu knüpfen. Ich stelle in meinem Blog regelmäßig andere Ecken der Filmblogosphäre vor. Und an Orten wie hier werbe ich für uns Filmbloggerinnen. In der Hoffnung, dass ihr uns wahrnehmt. Und in der Hoffnung, dass wir uns öfter zusammentun, um mehr Einfluss zu haben.

Für mich hat in alledem aber eine wichtige Erfahrung gesteckt. Wer Gemeinschaft will, darf nicht darauf warten, dass sie von selbst entsteht. Wir müssen selbst diejenigen sein, die in der Blogosphäre, dier Netzgemeinde, wie immer man uns nennen will, die einzelnen Blasen zusammenfügen. Je größer wir unsere Blasen machen, desto besser. Und falls sich einer oder zwei, drei von euch mal in eurer Ecke des Netzes irgendwie isoliert fühlen, kann ich euch auch nur raten, eure eigene Blogosphäre zu schaffen. Für mich war es das beste, was ich bisher gemacht habe.

Und weil ich‘s versprochen habe. Als Finaler Twist hier meine Meinung zu Spoilern. Ja, man kann. Aber man muss nicht, wenn man seine Mitmenschen gern hat.

Ich bitte darum, die Position der einzelnen Blogs im Diagramm nicht überzubewerten. Danke.

Nachtrag, 8.5., 14.30: Mein T-Shirt stammt aus dem Merch-Store der Band 65daysofstatic, die zum Filmklassiker Silent Running vor drei Jahren einen neuen Soundtrack geschrieben haben (daher die Drohne aus dem Film mit der Zahl 65). Ich habe Keyboarder Paul Wolinski zu seiner Beziehung zur Science Ficion letzten Herbst interviewt.

Real Virtualitys Erlebnis-Highlights 2014

Naturhistorisches Museum Stuttgart, November 2014

Das Ende des Jahres ist für mich immer vor allem eine Zeit der Zurückschauens. Ich schließe mit dem Alten ab, um mich dem Neuen besser widmen zu können. Hier im Blog mache ich das seit Jahren mit einer Liste meiner zehn liebsten Filme des Jahres, die in den nächsten Tagen folgt. In meinem privaten Tumblr habe ich dieses Jahr außerdem ein Mixtape mit meiner Musik des Jahres zusammengestellt.

Letztes Jahr habe ich erstmals zusätzlich einen Rückblick auf ein paar andere (film- und medienbezogene) Ereignisse des Jahres geworfen, vor allem solche, die ich toll fand. Eine Art Thanksgiving im Dezember. Das mache ich dieses Jahr wieder. Spoiler: Es geht fast ausschließlich um Menschen.

Berlinale

Da ich mich letztes Jahr im Herbst entschieden hatte, erneut den Job zu wechseln und 2014 nicht mehr hauptberuflich mit Film zu tun hatte, reichte es im Februar nur für eine wochenendliche Stippvisite zur Berlinale – und dort auch nur für zwei Filme. Der wahre Grund, im Februar nach Berlin zu fahren, ist aber sowieso längst, tolle Menschen zu treffen. Gerold zum Beispiel, der mich sogar in seiner Wohnung übernachten ließ, und die anderen Bloggerinnen und Blogger auf dem 2. Berlinale-Bloggertreffen.

Weil ich die Freiheit hatte, mich einfach treiben zu lassen, bin ich – statt in Snowpiercer zu gehen – in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit Vince Mancini von “Filmdrunk” um die Häuser gezogen. Ich hatte ihn angetwittert, nachdem ich gelesen hatte, dass er auf der Berlinale ist. Und weil er sich nicht gewehrt hat, habe ich ihm einmal die einzige Gegend von Berlin gezeigt, die ich einigermaßen kenne – vom Frankfurter Tor bis zum Schlesischen Tor – inklusive Lebowski Kneipe und Eastside Gallery. Selbst in der Erinnerung noch ein wenig surreal, aber definitiv einer der besten Nächte des Jahres.

Vinces Sicht der Dinge im “Frotcast” ab 38:00 und ab 44:00.

Yup, that's the wall. #Berlin

Ein von Vince Mancini (@filmdrunk) gepostetes Foto am

Trickfilmfestival

Als ich noch Filmkram gearbeitet habe, habe ich Urlaub genommen, um vom Kirchentag zu berichten – also logisch, dass ich mir Urlaub nehme, um über ein Filmfestival zu berichten, während ich beim Kirchentag arbeite. Entsprechend habe ich mein drittes Trickfilmfestival Stuttgart so intensiv erlebt, wie noch nie. Tägliche Podcasts, tägliche Kolumnen und jede Menge Filme. Hat Spaß gemacht, aber mir einmal mehr gezeigt, dass Festivalstress nicht mein Lieblingsteil des Filmlebens ist. Auch hier wieder: Tolle Leute getroffen, zum Beispiel Orlindo von “animatiosfilme.ch” und Daniel von “GentleGamer.de” und überraschende Gespräche führen können, mit Daniel Kothenschulte von der “Frankfurter Rundschau” (“Oh! Sie sind Daniel Kothenschulte!”) und Thomas Klingenmaier von der “Stuttgarter Zeitung”, der mir erzählte, dass er mein Blog liest (!).

re:publica

Noch mehr Input, noch mehr wunderbare Menschen. Meine erste re:publica war ein Rausch aus Erlebnissen und Begegnungen. Was mir nach diesem Rausch als Gefühl zurückgeblieben ist, habe ich ja schon aufgeschrieben, aber am glücklichsten bin ich wohl, dass ich durch die re:publica Kontakt zu zwei Bloggerinnen aufbauen konnte, die ich sehr schätze, Journelle und Patricia Cammarata (ursprünglich indem ich mich, alle star-struckness überwindend, recht dreist in ein Gespräch zwischen ihnen eingemischt habe). Allein dafür hat sich der Besuch gelohnt.

Viral sein

Fast beiläufig und völlig ungeplant ist es mir dieses Jahr zum ersten Mal gelungen, dass sich etwas, was ich produziert hatte, mit viraler Geschwindigkeit verbreitete und sogar beinahe Meme-Charakter annahm. Es geht natürlich um meine Game of Thrones Zeitschriftencover, insbesondere “Ygritte”. Zum ersten Mal habe ich dabei auch dieses merkwürdige Gefühl gespürt, wenn einem die Kontrolle über etwas entgleitet. Ich hätte so gerne jeden einzelnen Facebook-Share nachvollzogen und mich bedankt, gelesen was die Menschen schreiben, aber ab einem gewissen Punkt muss man die Welle einfach über sich hinwegrauschen lassen. Eine erstaunliche Erfahrung.

Serial

Ich war schon lange nicht mehr Teil eines kollektiven kulturellen Moments und als ich im Oktober hier im Blog über “Serial” schrieb hatte ich noch keine Ahnung, dass der Podcast aus dem “This American Life”-Stall zu so einem Phänomen werden würde (wenn auch nur für einen vergleichsweise ausgewählten Kreis, vor allem hier in Deutschland). Da ich sonstige Kollektiv-Wows wie Breaking Bad oder das “Red Wedding” verpasst hatte, war es ein tolles Gefühl, jeden Donnerstag auf die neue Folge zu warten, und anschließend mit dem Team des “Slate Spoiler Special” zu rätseln und zu analysieren. Über dieses Gefühl hinaus ist “Serial” aber ohnehin mein Medienereignis des Jahres, das Begriffe wie Podcasting, Storytelling, “Live” und “serielles Erzählen” für mich in ein ganz neues Licht gerückt hat. Ich empfehle übrigens die Analysen von Fernsehwissenschaftler Jason Mitell.

Interstellar

Sascha vom Blog Pew Pew Pew ist seit meinem Blogosphäre-Artikel vor zwei Jahren nicht nur ein Blog-Bekannter sondern auch ein guter Freund geworden. Dieses Jahr haben wir uns zum ersten Mal persönlich getroffen, um im Karlsruher IMAX gemeinsam Interstellar zu sehen. Der Tag, an dem wir außerdem in der Computerspiele-Ausstellung des ZKM waren und in einem glutamatüberfrachteten Chinarestaurant zu Mittag gegessen haben, war ein echte Festtag für mich und hat mich in bester Weise an die ersten IRL-Treffen der Mailingliste erinnert, mit der ich Ende der 90er das Internet entdeckte. Der direkt nach dem Kinobesuch entstandene Podcast wird eines Tages ein wichtiges Zeitdokument sein.

Techniktagebuch

Seit es gestartet ist, bin ich Fan des Techniktagebuchs, ein von Kathrin Passig initiiertes Blog, in dem verschiedene Autoren alltägliche Erfahrungen mit Technik dokumentieren, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Als ich im Oktober nach Istanbul flog und zum ersten Mal eine automatisierte Grenzkontrolle erlebte, schrieb ich das auf und reichte es erfolgreich ein. Nach zwei weiteren Beiträgen wurde ich in den Gruppenchat auf Facebook eingeladen und nicht nur fühle ich mich immer noch extrem geehrt, dass ich überhaupt auf dieser Plattform publizieren darf, die beteiligten Co-Autoren sind auch noch alle schrecklich interessante und nette Menschen (zumindest im Internet), die meinen Alltag regelmäßig mit ihren Gesprächen bereichern.

Filmlöwin

“Filmlöwin”, das vor einigen Tagen online gegangene neue Blog von Sophie Charlotte Rieger hat sehr wenig mit mir zu tun, gefreut hat mich der Launch trotzdem, weil er so einen wichtigen Leuchtturm im Bereich “Professionalisierung der Filmblogosphäre” darstellt. Sophie hat sich gut dokumentiert schon mehrfach über die Zustände im Online-Filmjournalismus geärgert, und jetzt hat sie die bestmögliche Konsequenz gezogen: sich auf ihr Alleinstellungsmerkmal besonnen, ihr Profil geschärft und daraus ein ganz eigenes Ding gemacht. Ich wünsche mir mehr solcher Projekte! More power to them!

Continuity

Schließlich noch ein Scheitern mit erhobenem Haupt, was ich durchaus auch als Highlight betrachten kann. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich hier im Blog angekündigt, 2014 ein Buch schreiben zu wollen. Ein Jahr später kann ich sagen: Ich habe es nicht geschafft und ich werde es so schnell auch nicht schaffen und deswegen schlage ich mir den Gedanken vorerst aus dem Kopf. Nicht nur, dass mir meistens schlicht die Zeit und der Anreiz fehlt – vor allem, wenn ich weiterhin meinen anderen Hobbies, zum Beispiel diesem Blog, nachgehen will, sondern auch, weil das Thema inzwischen ein bisschen verbrannt ist – seitdem “Shared Universe” sogar schon auf den Hasslisten aller Filmkritiker gelandet ist. Ich habe durchaus schon etwas Recherche betrieben, ich bleibe am Thema dran, aber ich werde es vorerst nicht in Buchform gießen und möchte den Druck, etwas tun zu müssen gerne auch für’s erste los sein. Also: Kein “Continuity” in absehbarer Zeit. Aber ich stehe ja auf “slow burns”, also sollte man niemals nie sagen.

2014 hat “Real Virtuality” so viele und so unterschiedliche Menschen erreicht wie noch nie. Darüber freue ich mich sehr und ich bin dafür sehr dankbar. Alljenen, die hier ab und zu etwas lesen, wünsche ich für’s nächste Jahr mindestens genausoviele Highlights wie mir für dieses.

Dabei sein und Dazugehören – Ein Fazit zur re:publica 2014

Was mir tierisch auf den Sack geht: Der Ausdruck “Netzgemeinde”
– Joachim Kurz, @Mietgeist, via Twitter

Ich gebe es bereitwillig zu: Einer der Gründe, warum ich auf die re:publica gefahren bin, war, dass ich gerne “offiziell” dazugehören wollte, zur Netzgemeinde. Ich wollte Leute treffen, die ich selten sehe oder noch nie persönlich gtroffen habe. Ich wollte Vorträge zu Themen hören, die mich interessieren. Und ich wollte das Gefühl haben, dabei gewesen zu sein, beim jährlichen Klassentreffen meiner Netzgemeinde.

Die Netzgemeinde, das sind in meinen Augen Menschen, in deren Leben das Internet eine wichtige Rolle spielt. Für die es mehr ist als nur reines Werkzeug, nämlich Lebensraum und Philosophie. So entsteht ein Zirkelschluss. Menschen, die freiwillig zur re:publica fahren, sind Netzgemeinde. Und wer zur Netzgemeinde gehört, fährt zur re:publica. Natürlich nicht verpflichtend. Aber es bietet sich an.

Gemeinde taugt

Gemeinde. Wer wie ich beruflich auch was mit Kirche macht, für den hat dieses Wort natürlich eine bestimmte Bedeutung. Aber ich habe es immer so wahrgenommen, dass selbst Menschen, die viele andere Dinge an Kirche ablehnen, Gemeinde gut finden. Nicht umsonst werden Gemeinden inzwischen sogar von säkulären Humanisten gepflegt.

Aber anscheinend hatte ich mir für meinen re:publica-Besuch gerade das Jahr ausgesucht, in dem es plötzlich gar nicht mehr so gut war, zur Netzgemeinde zu gehören. Zumindest nicht, wenn man nicht von Sascha Lobo beschimpft werden wollte, weil man nicht genug in die eigenen Lobbygruppen investiert. Weil man zusieht, wie unser Recht auf Freiheit vom eigenen Staat mit Füßen getreten wird. (Und irgendwas mit Vogelschutz, was ich dem Vogel gegenüber irgendwie unfair fand.)

Getting real

Auch anderswo wurde die Netzgemeinde abgestraft. “Get real”, meinte Yasmina Banaszczuk alias Frau Dingens und kritisierte in ihrem Vortrag: Als Netzgemeinde wahrgenommen würden nur weiße, bildungsbürgerliche, privilegierte Männer zwischen dreißig und vierzig, mit einer ganz bestimmten Agenda. Dabei gebe es sowohl eine digitale Spaltung in Richtung ältere Generation, als auch in andere Bildungsmilieus. Außerdem macht die jüngere Generation längst alles ganz anders; und Fashionblogger und Let’sPlayer verdienen im Netz gutes Geld, obwohl die Netzgemeinde sie ignoriere. Wir Netzgemeinder müssten uns ändern, meinte Yasmina. Weniger Ego, mehr Inklusion. Shame on us. Shame on you, Netzgemeinde!

Aber steckt darin nicht irgendwie ein Widerspruch? Kann man auf der einen Seite beklagen, dass sich bestimmte Menschen anmaßen, für eine wie auch immer geartete Netzgemeinde zu sprechen – und dann selbst für diese sprechen? Und sei es nur, um sie zu kritisieren und zu mehr Inklusion aufzufordern? Darf man an die Stelle eines falschen “Wir” einfach ein anderes axiomatisches “Wir” setzen, das aber auch nur ein verkapptes “Ich und meine Filterbubble” ist?

Not all Men

Als ich nach dem Vortrag anmerke, dass ich mich zwar als Teil der Netzgemeinde sehe, aber in meinem Umfeld durchaus nicht über Fashionblogger und schon gar nicht über Gamer gelacht wird, und dass parallel zu Yasminas Vortrag übrigens ein Panel mit Lifestylebloggern auf der re:publica abläuft, schreibt “kleinerdrei”-Bloggerin Lucie Höhler auf Twitter, ich würde ein “Not all Netzgemeinde”-Argument anbringen, analog zum “Not all Men”-Argument in feministischen Debatten.

“Not all Men” ist längst zu einem Meme geworden. Es geht dabei um den Einwand, es seien ja “nicht alle Männer so”, wenn strukturelle patriarchale Diskriminierungen in der Gesellschaft kritisiert werden – von glass ceiling bis rape culture. Meistens will sich der Widersprechende damit vor allem selbst aus der Schuld nehmen, bringt die Debatte aber damit nicht weiter – denn es geht ja sowieso nicht um die Männer, die nicht so sind.

Der Unterschied ist aber, dass ich mir nicht aussuchen kann, ein Mann zu sein. Mein “Mann sein” ist eine biologische und soziale Gegebenheit und es liegt an mir, daraus das Beste zu machen und die Fehler meiner Geschlechtsgenossen nicht fortzuführen. Teil der “Netzgemeinde” zu sein, ist aber etwas, was ich frei wählen kann. Ich sehe mich als Teil der Netzgemeinde, weil ich mit ihr bestimmte Lebenseinstellungen und strukturelle Ziele teile – siehe oben – und denoch spricht für diese Gemeinde weder Sascha Lobo (er hat das übrigens selbst letztes Jahr thematisiert) noch Yasmina Banaszczuk. Auf der re:publica waren dieses Jahr knapp 7000 Menschen. Sie alle sind Netzgemeinde. Und ihre Handlungen sind es, die zählen.

Drachenväter und Reverse Engineering

Ich will mich nicht dafür rechtfertigen müssen, zur den Menschen zu gehören, die das Internet toll finden. Genauso wie ich mich übrigens nicht dafür rechtfertigen möchte, ein Nerd zu sein und als solcher unter anderem Rollenspiele (die Fantasy-Art, nicht die soziologische oder sexuelle) toll zu finden. Das Buchprojekt “Drachenväter”, das auch mit einem Vortrag auf der re:publica vertreten war, schrammt meiner Ansicht nach haarscharf daran vorbei.

“Drachenväter”, ein Buch über die Geschichte des Rollenspiels, an dessen Crowdfunding ich mich beteiligt habe, argumentiert in einer Art Reverse Engineering, heutige Virtuelle Welten, ob in Videospielen, Social Networks oder Second Life, wären ohne klassische Tischrollenspiele wie “Dungeons & Dragons” nicht denkbar. Das mag stimmen, aber steckt hinter dieser Argumentation nicht auch der Wunsch des Außenseiters, sein Außenseiter-Hobby rückwirkend zu rechtfertigen? Es aufzuwerten, weil es Einfluss hatte auf etwas, das heute auch im Mainstream akzeptiert ist? Sich also im Endeffekt eine andere Zugehörigkeit zu geben? Als wäre Rollenspiel nicht an und für sich feierns- und untersuchungswert, weil es ein geiles, fantasievolles Hobby ist. Auch wenn Charakterbögen und Facebookprofile einander nicht gleichen würden. (Tom Hillenbrand hat auf diese Frage zähneknirschend gesagt, dass ich ein bisschen Recht haben könnte. Konrad Lischka war weniger nachgiebig.)

Auch Netzgemeinden brauchen Utopien

Dabei sein und dazugehören. Das Thema zog sich irgendwie durch viele Veranstaltungen, die ich auf der re:publica besuchen durfte. Teresa Bücker sprach in ihrem Vortrag “Burnout & Broken Comment Culture” am Mittwoch morgen davon, wie leicht es durch digitale Werkzeuge geworden ist, sich einer Sache anzuschließen und sich einer Bewegung zugehörig zu fühlen. Und wie schwierig es gleichzeitig ist, dabei zu bleiben, wenn man von den vorher dagewesenen sofort und ständig dafür kritisiert wird, dass man alles falsch macht. Quod Erat Demonstrandum. Inklusion bedeutet eben nicht nur, für die Entrechteten zu kämpfen. “Do you only care about the bleeding crowd? How about a needing friend?” hieß es schon 1969.

Ich bleibe dabei: Zugehörigkeitsgefühl zu Gruppen, Gemeinde, das ist etwas Gutes. Es stiftet gemeinsame Identität. Gemeinsame Identität kann etwas erreichen. Das ist meine Ansicht in meiner fortlaufenden, wenn auch kuscheliger gewordenen Filmblogosphären-Kampagne. Und es steckt zum Beispiel hinter der Tatsache, dass ich mich als Europäer begreife – um mal ein ganz anderes Beispiel zu bemühen. Manchmal mehr, als als Deutscher. Was uns eint, sollte immer stärker sein, als was uns trennt. Nur so lassen sich gemeinsame Utopien entwickeln. Wir brauchen Utopien. Auch die Netzgemeinde. Gerade jetzt, wo unsere heile Welt durch den Überwachungsskandal starke Risse bekommen hat.

Clanwirtschaft

Am Dienstagnachmittag der re:publica sprach Susanne Mierau über die gesellschaftliche Bedeutung von Elternblogs. Der Online-Elternclan, meinte sie, sei auch Ersatz für das nicht mehr vorhandene Clan- und Gemeinschaftsleben der vorindustriellen Menschen. Dort haben sich immer mehrere Frauen und Männer gemeinsam um Kinder und auch um Eltern gekümmert. Zur Zeit des Vortrags war ich noch voll auf dem High, endlich bei meiner Netzgemeinde angekommen zu sein. Aber den Gedanken eines Online-Clans finde ich auch jetzt noch sehr sympathisch.

Die letzte Veranstaltung, die ich auf der re:publica besucht habe, war übrigens noch einmal ein Vortrag von Yasmina am Donnerstagmorgen. Es ging um Fandoms und ihre Schlussfolgerung war im Grunde, dass man sich heute nicht mehr dafür schämen muss, Fan zu sein. Na also, dann. Ich bin Fan der Netzgemeinde. Auf geht’s!

P. S.: Wenn ich mir noch eine Sache rauspicken müsste, die ich grundsätzlich an der re:publica kritisieren möchte, dann­, dass mir viele Vorträge zu sehr an der Oberfläche blieben (vielleicht wegen des Sponsors Microsoft Surface? Ja ja), sobald es um kulturelle Themen ging, die nicht mehr nur mit Computern und Social Media zu tun hatten. Vielleicht saß ich auch nur in den falschen Veranstaltungen, aber ich finde man darf doch ein gewisses Niveau bei Publikum und Rednern voraussetzen, oder? Man darf doch ruhig auch mal Wissenschaft bemühen. Also auch Geisteswissenschaft. Zu Fandom etwa gibt es seit vielen Jahren eine blühende Forschungslandschaft. Das kann man dann in einem Vortrag zum Thema ruhig mal erwähnen. Gehört für mich auch zu Recherche dazu, dass man das wahrnimmt. Und dass man Fritz Langs urdeutschen Film Metropolis nicht “Mietwoppolis” ausspricht auch. Zumindest wenn man als Deutscher in Deutschland auf einem Podium über Science-Fiction spricht. Oder ist letzterer Gedanke zu tümelnd?

Worte zur Wochenmitte

Da sind Journalisten wie jener J. (was wohl für Johannes steht) Boie von der „Süddeutschen Zeitung“. Für den Leser quälend trieft durch ihre Zeilen der Neid, dass da Leute das gleiche Handwerk betrieben wie sie: schreiben. Und das tun sie einfach so, als Hobby. Sie schreiben nicht über das, was ihnen Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität diktieren – sie schreiben über das, was sie interessiert. Dabei sagen sie auch noch deutlich ihre Meinung. Und dafür ernten sie dann auch noch Leserkommentare, Resonanz und dürfen auf einem Kongress stehen und Bier trinken.

Thomas Knüwer , Indiskretion Ehrensache
// Re-Publica 10: der Neidfaktor

Was jemand da Marco Schreyl auf die Moderationskarten geschrieben hat, ist nicht nur erschütternd in seiner Zeitschinderei, es ist nicht nur bekannt, falsch, dumm oder albern (all das ist es auch). Es feiert seinen eigenen Sadismus, einen brutalen Ausleseprozess, einen menschenverachtenden Sozialdarwinismus, auf eine Art, die man kaum anders als faschistoid nennen kann.

Stefan Niggemeier , Fernsehblog
// “Der Verlierer steht für immer im Schatten”: Das Weltbild von DSDS

I remain convinced that in principle, video games cannot be art. Perhaps it is foolish of me to say “never,” because never, as Rick Wakeman informs us, is a long, long time. Let me just say that no video gamer now living will survive long enough to experience the medium as an art form.

Roger Ebert , Chicago Sun Times
// Video games can never be art

Apple-style secrecy may help drive some sales, but ultimately it’s the usefulness, durability, affordability, and availability of a product that play the greatest roles in sales. Being a rational man who appreciates the scientific method, Steve Jobs might want to consider dumping the pixie dust for one product cycle and see if that strategy increases sales.

Jack Shafer , Slate
// The Apple Secrecy Machine