Unsortierte Gedanken #7: Hyperinterpretation, Fortsetzungen, James Camerons Epic-Fantasy-Erbe

Das erste Buch, was ich im neuen Jahr gelesen habe, ist Annekathrin Kohouts Hyperreaktiv – Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird, und ich fand es ziemlich gut. Nicht alles, was darinsteht, ist völlig neu oder klar mit Daten belegbar, aber Kohout entwickelt ein Konzept sehr ausführlich, das ich überzeugend fand. Sie nennt es “Hyperinterpretation”.

In einer Social-Media-Welt, die User durch ihre Aufmerksamkeitsmechanismen zum Reagieren auf Ereignisse zu zwingen scheint, ist die Hyperinterpretation eine besonders perfide Art der Reaktion. Sie kapriziert sich strategisch auf einzelne Aspekte von Bildern oder Ereignissen, dekontextualisiert sie und setzt sie in Windeseile in neue Zusammenhänge, garniert mit historischen Referenzen und wissenschaftlich erscheinenden Daten. Dafür sammelt sie Beifall aus der Followerschaft ein, und bald schon hat die hyperinterpretierte Reaktion in Reichweite und Auslegung das Ursprungsereignis überholt.

“Was einst als Ideal der kritischen Medienrezeption galt – die aufmerksame Analyse von Inhalten, das Hinterfragen von Motiven –, hat sich in ein zynisches ‘Alles-Durchschauen’ transformiert. Der kritische Impuls, der im Idealfall auf Emanzipation zielt, wird in der Hyperinterpretation zu einem Instrument der Machtausübung pervertiert.”

Wie Kohout darlegt, wird dieses Mittel sowohl von rechts als auch von links eingesetzt – ihr zufolge mit unterschiedlichen Motivationen (Zynismus und Moralismus). Es ist mir in Internet-Diskursen schon öfter aufgefallen und sauer aufgestoßen. Da ich nicht so viel in rechten Bubbles unterwegs bin, ist es mir stärker von links begegnet, oft in einer Haltung von “Natürlich spricht natürlich wieder niemand darüber, wie PROBLEMATISCH das ist – educate yourself!” Selbst wenn es wahr ist, dass dahinter oft ein echter, moralisch getriebener Aufklärungswille steckt, ist es dennoch eine auf maximale Empörung optimierte Reduzierung.

Kohout beschreibt, dass sich auch Journalist:innen oft in die hyperinterpretative Logik treiben lassen und regt am Ende dazu an, dem Drang zu widerstehen, selbst auf alles reagieren zu müssen. Das kann ich nur unterschreiben.

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Im Dezember habe ich William Gibsons zweite Romantrilogie, die sogenannte “Bridge-Trilogie” (Virtual Light, Idoru, All Tomorrow’s Parties) aus den 1990ern beendet, und ich habe mich gefreut, dass er darin wieder die Sequel-Logik einsetzt, die ich schon an seiner “Sprawl-Trilogie” bewundert habe. Jedes der Bücher steht für sich, auch wenn einzelne Figuren und Hintergrund-Stränge sich hindurchziehen.

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A propos Fortsetzungen: Seit den 2010er Jahren begleite ich hier im Blog die diversen Verrenkungen Hollywoods beim Am-Leben-erhalten erfolgreicher “Intellectual Properties” mit immer neuen Filmen und Serien. Mein Lieblings-Film-YouTuber Patrick Willems hat sich dem Thema in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres ausführlich gewidmet. Warmgelaufen hat er sich mit einem Video zum James-Bond-Franchise im August, aber besonders gut fand ich seine zwei Videos zu “Legacy Sequels” im November und Dezember.

Legacy Sequels – Fortsetzungen, die viele Jahre nach dem Original unter Mitwirkung der gealterten Schauspieler:innen entstehen –  folgen einer bestimmten Formel. Sie versuchen, gleichzeitig die Nostalgie der Fans am Ursprungswerk zu bedienen und eine neue Generation an Protagonisten zu etablieren, die das Franchise fortsetzen können. Meistens klappt das nur mittelmäßig.

Willems dröselt in seinen Videos sehr gut auf, wie es überhaupt dazu kam, dass dieses Format so populär wurde, und welche Auswüchse es inzwischen angenommen hat. Dass er T2 Trainspotting als positives Gegenbeispiel nennt, hat mich dann natürlich endgültig überzeugt.

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In der jüngsten Ausgabe des Slate Culture Gabfest debattiert die Kritiker:innen-Crew mal wieder das alte und beliebte Thema, ob die Avatar-Filme von James Cameron einen kulturellen Fußabdruck hinterlassen haben. Die Argumente sind alle nicht neu – die Filme sind visuelle Spektakel, es fehlt ihnen aber an originellen narrativen Ideen und erinnerungswürdigen Charakteren, die sie über den Kinobesuch hinaus relevant erscheinen lassen. Michael Schulman vom New Yorker vergleicht sie mit Planetariums-Shows, was ich einen guten Vergleich finde.

Nachdem ich Fire and Ash, den jüngsten Avatar-Teil gesehen hatte, war mir ein anderer Vergleich in den Kopf geschossen, den ich auch auf Letterboxd festgehalten hatte: Fantasy-Buchzyklen aus den 90er Jahren. Meine erste Referenz ist natürlich Robert Jordans The Wheel of Time, aber ich erinnere mich auch an Tad Williams’ Memory, Sorrow and Thorn und Terry Goodkinds The Sword of Shanarra. Viele habe ich auch nie gelesen, etwa von Robin Hobb oder Kate Elliott (oder auch A Game of Thrones, das 1999 erschien), aber die Art von Buch hat mich geprägt.

Die Merkmale waren immer ähnlich. Die Bücher waren dick (600+ Seiten). Sie standen nie für sich allein. Während man drinsteckte, fühlten sie sich toll an. Ihr Worldbuilding setzte ähnliche Bausteine (jugendliche Helden, alte Prophezeiungen, magische Sekten, legendäre Waffen) immer neu zusammen, ihre Plots bewegten sich oft in Gletschergeschwindigkeit vorwärts, und letztendlich waren sie ziemlich austauschbar – obwohl kommerziell durchaus erfolgreich. Und da die 90er eine andere Zeit waren, sind viele der Tropes des Genres aus heutiger Sicht nicht gut gealtert, gerade wenn es um Geschlechterbilder oder die Darstellung von “exotischen” Kulturen geht.

James Camerons imperiale Dekade waren die 90er – zwischen Terminator 2 und Titanic. Ich finde es nicht verwunderlich, dass seine Filme bis heute diesen Geist atmen. Seht ihr das ähnlich?

Foto von eleonora auf Unsplash

Lieblingsfilme 2025

Letztes Jahr habe ich noch geschrieben, dass Filme in meinem Leben weniger wichtig geworden sind. Für 2025 kann ich das nicht behaupten. Zum jetzigen Zeitpunkt, zwölf Tage vor Ende des Kalenderjahres, habe ich bei Letterboxd 75 Filme geloggt – anderthalbmal so viele wie 2024. Der Grund ist eine Mischung aus Lebensumständen und bewusster Entscheidung:

Ich zähle 29 Kinobesuche für 2025, genauso viele wie im Vorjahr. An freien Abenden ins Kino zu gehen, gehört nach wie vor zu meinen Haupt-Freizeitbeschäftigungen, weil es einfach ist. Filme laufen jeden Tag, und ich gehe meistens alleine. Der Unterschied kommt durch andere Faktoren: Statt Serien zu verfolgen, habe ich mich dieses Jahr immer öfter entschieden, abends einfach einen Film zu gucken – notfalls in zwei Teilen. Außerdem ist mein Kind inzwischen alt genug, dass es selbst gerne Filme schaut. Wir haben Mitte des Jahres einen regelmäßigen Filmnachmittag am Wochenende etabliert, und sogar einige Kinobesuche waren möglich.

Ich glaube, 2025 war ein gutes Filmjahr. Ich hatte zumindest keine Schwierigkeiten, zehn Filme für eine Top 10 auszuwählen und erinnere mich auch, oft genug zufrieden aus dem Kino zu kommen. Blockbuster, etwa Superheldenfilme, habe ich häufig bewusst ausgespart und mich stattdessen auf Filme konzentriert, von denen ich mir mehr versprochen habe.

Überraschung und Überwältigung

Die größte Überraschung war dann aber doch ein Film, über den ich im Vorfeld quasi gar nichts wusste, außer dass er plötzlich in meinem Letterboxd-Stream überall zu sein schien. Ryan Cooglers Sinners (“deutscher” Titel Blood and Sinners) war dann aber ein so wilder Ritt durch Musik, Horror und Identitätspolitik, dass er mich im besten Sinne überwältigt hat. Es ist nie fair, dass Überraschung und Überwältigung in der Erinnerung schwerer wiegen als abwägende Analyse. Aber wenn ich auf ein Jahr zurückblicke, sind es immer eher diese emotionalen Erinnerungen, die von Dauer sind, und deswegen blieb Sinners von April bis jetzt mein Film des Jahres.

Auf den restlichen Plätzen findet sich deswegen auch eine Mischung aus intellektuellen und emotionalen Stimulierungen. Sentimental Value fällt sicher eher in die erste Kategorie – ein Film, den ich vor allem sehr clever durchdacht und gezeichnet fand, vor allem in seinen Figurendynamiken. Kathryn Bigelows A House of Dynamite hingegen ist trotz seiner verarbeiteten Ideen über Entscheidungsapparate und Kommunikation im Herzen pures Affektkino und hat als solches auch bei mir gewirkt.

Ich habe mich sehr gefreut, dass Danny Boyle und Alex Garland dieses Jahr mit ihrer “28”-Reihe zurückgekehrt sind und gezeigt haben, dass nicht alle spät entstehenden Sequels auch Legacy-Sequels sein müssen (was ich ausführlich mit Sascha im “Pewcast” besprochen habe). Der Animationsfilm Flow war mir aufgrund seiner filmischen Raumgestaltung im März sogar einen Blogartikel wert und ist ein guter Kandidat für einen Rewatch mit Kind.

Echtzeit-Dramatik am Arbeitsplatz

Eine ähnliche Einheit von Raum und Zeit findet sich auch in Heldin und September 5. Echtzeit-Dramatik am Arbeitsplatz scheint, siehe A House of Dynamite, also ein verstecktes Leitmotiv dieses Jahres zu sein. (Gleichzeitig ist Heldin ein Kandidat für den blödesten Titel des Jahres. Der internationale Titel Late Shift gefällt mir viel besser).

Das brasilianische Kino hatte, wie auch vor kurzem von Thomas Abeltshauser in epd film porträtiert, ein gutes Jahr. Deswegen freut es mich, dass mich auch zwei brasilianische Filme begeistern konnten, nachdem ich zuvor quasi keine Berührung mit dem Land hatte (City of God mal ausgenommen). Und während I’m Still Here (Für immer hier) auch wieder eher eine emotionale Reise darstellte (ich habe sehr lange danach noch Lieder aus dem Soundtrack immer wieder gehört), war The Secret Agent die Art Film, von dem ich nicht sofort wusste, wie gut ich ihn fand, der mich aber deutlich länger hat nachdenken lassen.

Erwähnungen und Caveats

Ich reserviere mir in dieser Art Listen traditionell Platz 10 für eine “Wild Card”. Pumuckl und das große Missverständnis wird sich sicher auf wenigen anderen Listen wiederfinden. Aber ich hatte so ein positives Kinoerlebnis gemeinsam mit meinem Kind und war so angetan davon, wie unaufgeregt und dennoch emotional stimmig Marcus H. Rosenmüller seine kleine große Geschichte erzählt, dass ich kein Problem damit hatte, auf diese Weise The Mastermind aus der Top 10 zu schubsen, dem ich hiermit eine lobende Erwähnung zukommen lassen möchte.

Für viele vermutlich sichtbar abwesend von dieser Liste ist One Battle After Another, den ich zwar gesehen und geschätzt habe, der mich aber insgesamt völlig kalt gelassen hat, wie – das muss ich inzwischen zugeben – eigentlich jeder Film von Paul Thomas Anderson seit Punch-Drunk Love. Dass ich auch mit In die Sonne Schauen nicht warm wurde, habe ich aufgeschrieben. Mit Sorry, Baby ging es mir ähnlich, wobei ich nicht hoffe, dass daraus bei mir eine Aversion gegen weibliches Trauma spricht.

Und es gilt der übliche Disclaimer, dass ich viele Filme auch einfach nicht gesehen habe, sei es aus Zeit-, sei es aus Interessensgründen, darunter Eddington, Bugonia, Frankenstein, Sirât und Ein einfacher Unfall – wobei ich zumindest die letzten beiden gerne noch nachholen möchte.

Et voilá, hier ist eine Liste und hier ist eine Liste auf Letterboxd.

  1. Sinners
  2. Sentimental Value
  3. A House of Dynamite
  4. 28 Years Later
  5. Flow
  6. Heldin
  7. September 5
  8. Für immer hier
  9. The Secret Agent
  10. Pumuckl und das große Missverständnis

Bild: Constantin Film

The Clock

Vor kurzem habe ich mir einen vierzehn Jahre alten Wunsch erfüllt.

Im Februar 2011 habe ich auf David Bordwells Blog erstmals von Christian Marclays Filminstallation The Clock gehört. Marclays Werk passte in die Zeit. Denn mit der allgemeinen Verfügbarkeit von Videostreams über YouTube war auch die Zeit der “Supercuts” angebrochen, in denen Enthusiast:innen im Internet Filmszenen aneinanderreihten, die miteinander zu interagieren schienen, oft unterlegt mit Musik.

The Clock ist, so wird er auch immer wieder genannt, der ultimative Supercut. Marclay und sein Team haben aus über 3000 Filmen Szenen herausgesucht, in denen Uhren im Bild zu sehen sind oder in denen es um Zeit geht. Diese Szenen haben sie zu einem 24-Stündigen “Film” montiert, in dem, wenn man ihn korrekt synchronisiert, die im Bild gezeigten Uhren immer der Uhrzeit außerhalb des Films entsprechen. Um 12 Uhr mittags sieht man Szenen, die mittags spielen. Um 18 Uhr abends sieht man Filme, die um 18 Uhr abends spielen. The Clock ist also nicht nur ein Supercut von Uhren-Szenen, er ist auch selbst eine Uhr. Ein erstaunliches Werk, das ich unbedingt sehen wollte, seit ich zum ersten Mal davon gelesen hatte.

Aus Rechtegründen ist The Clock nirgendwo einfach so zu sehen, weder im Internet noch im Kino. Seit 29. November aber läuft er in der Neuen Nationalgalerie in Berlin und somit hatte ich vor kurzem die Gelegenheit, mich in seinen Bann zu begeben.

Meine erste Erkenntnis: The Clock ist doch etwas anders, als ich erwartet hatte. Die Uhrenszenen folgen nicht “neutral” aufeinander, sie sind, wie in einem Supercut, miteinander verwoben. Manche Szenen sind parallel montiert, als würden sie im Dialog stehen. Auf der Tonebene werden Übergänge geschaffen, die im Bild nicht zu sehen sind. So erzeugt The Clock wirklich einen fortlaufenden Flow, der nie endet, auch wenn die gezeigten Bilder oft wenig miteinander zu tun haben. Und somit entsteht auch ein Sog, dem man sich schwer entziehen kann. (All das steht schon in Bordwells Artikel, an den ich mich aber nicht im Detail erinnern konnte.)

Die zweite Beobachtung: The Clock erlaubt einem (wie alle Supercuts), seine eigene Filmbiografie gameshow-mäßig auf die Probe zu stellen. Obwohl Marclay Filme aus der ganzen Welt in seinem Werk verarbeitet hat, liegt der Schwerpunkt doch auf Hollywood-Produktionen, viele davon populär. Ich konnte nicht anders, als mich bei jedem neuen Ausschnitt zu fragen, ob ich den Film kenne. Die Abstufungen waren: 1) Ja, kenne ich und kann ich benennen. 2) Habe ich vielleicht irgendwann mal gesehen, aber ich kann ihn nicht benennen. 3) Ich kann Schauspieler:innen und/oder grobe Epoche identifizieren, aber ich kenne den Film nicht. 4) Noch nie gesehen. Gefühlt über alle Ausschnitte am meisten zu sehen, übrigens: Big Ben. (Es gibt tatsächlich ein komplettes, crowdgesourcetes Wiki des Films, in dem man nachschauen kann, was in jeder Minute im Film zu sehen ist.)

Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir aber die Rezeptionssituation. The Clock läuft in einem eigens gebauten Kino auf großer Leinwand, das allerdings nicht mit Kinosesseln, sondern mit Reihen von Sofas bestuhlt ist. Das ermöglicht den Besucher:innen, das Kino frei zu betreten und zu verlassen, aufrecht zu sitzen oder sich hemmungslos zu fläzen. Trotzdem herrscht andächtiges Schweigen wie in einem Museum. Lachen oder andere Gefühlsregungen habe ich selten gehört – außer bei einem älteren Paar, das sich immer wieder flüsternd austauschte, wie sehr es bestimmte Schauspieler:innen mag. Einmal setzte sich eine Frau mit einem Baby neben mich und stillte es. Das war wahrscheinlich der schönste Moment. Mit Kino kann man gar nicht früh genug anfangen.

The Clock lebt an einem merkwürdigen Ort zwischen Kino und Installation. Ich habe insgesamt rund dreieinhalb Stunden in zwei Blöcken – einmal 75, einmal 135 Minuten – gesehen, also knapp die Hälfte der Öffnungszeit der Neuen Nationalgalerie zwischen 10 und 18 Uhr. Natürlich würde ich ihn am liebsten ganz sehen (auf Letterboxd entspann sich sofort eine Diskussion, ob man ihn überhaupt als “gesehen” markieren darf, wenn das nicht der Fall ist), aber auf gar keinen Fall in einem 24-Stunden-Marathon, wie ihn das Museum insgesamt zweimal anbietet.

Denn so schön es ist, sich in den endlosen Fluss der Bilder fallenzulassen – nach zwei Stunden am Stück merkte ich, wie mir auch langsam der Kopf schwirrte. Am besten für The Clock wäre es meiner Meinung nach, wenn er wirklich irgendwo als Uhr laufen würde. An einem (realen oder virtuellen) Ort, an dem man zu jeder Tages- und Nachtzeit vorbeischauen könnte und “die Uhr” betrachten könnte, manchmal für wenige Minuten, manchmal für mehrere Stunden, je nach Gefühl.

Wäre man frei, sich The Clock zu beliebigen Stimmungen und Zeiten zu widmen, könnte er seine Wirkung ganz anders entfalten. Ich stelle mir vor, dass ich nachts aufwache und mir zum Wieder-einschlafen eine Weile die Szenen zwischen 2 und 3 Uhr anschaue, mich um 20 Uhr für einen Filmabend einmummele, oder mich bei meiner Morgenroutine begleiten lasse. Man sollte The Clock auch im Hintergrund auf Partys laufen lassen können, gemeinsam davorsitzen und schauen, welche Szenen man erkennt. In der sterilen Umgebung eines Museumskinos, für das man im Übrigen 20 Euro Eintritt gezahlt hat (was die Hürde für wiederholte Besuche an mehreren Tagen hoch setzt), ist Marclays Werk in seiner Gesamtheit eigentlich verschenkt.

Ich empfehle trotzdem jedem, der die Gelegenheit hat, The Clock zu sehen. Mein Tipp wäre, sich einen Tag Zeit zu nehmen, direkt morgens zu kommen und zwischendurch kurze oder lange Pausen zu machen: Spazieren gehen, essen, mit Freund:innen über das Gesehene sprechen und dann immer wieder eintauchen, bis das Kino schließt. Was es aber eigentlich nicht sollte. Andere Uhren hören ja auch nicht auf, weiterzulaufen.

Von Richard Bachman zu Hans Fallada (Unsortierte Gedanken #6)

Vor einigen Wochen sagte meine Frau Katharina zu mir: „Stell dir vor, ich lese als nächstes ein Buch von Stephen King. Es spielt im Jahr 2025, und es geht um einen Mann, der gejagt wird.“ Wir brauchten etwas Hin und Her und ein paar Internetsuchen, um festzustellen, dass

  • a) der Roman von 1982 mit dem „deutschen“ Titel Manhunt im Original The Running Man heißt,
  • b) King den Roman unter seinem Pseudonym Richard Bachman geschrieben hat,
  • c) er tatsächlich die Vorlage für den Film mit Arnold Schwarzenegger von 1987 ist, den ich als 12-Jähriger viel zu früh gesehen habe und
  • d) diese Verfilmung aber nur wenig mit dem Roman zu tun hat und Edgar Wrights Film The Running Man, der diese Woche startet, sich enger am Buch orientiert.

Diese ganze Kombination aus Erinnerungen und aktuellen Anlässen fand ich interessant genug, dass ich The Running Man auch gelesen habe. Er spielt in einer nahen Zukunft, in der die Luft in den Städten verpestet ist und die Quasi-Regierung der Vereinigten Staaten vom Fernsehsender „Games Network“ gestellt wird. Die Armen, die außer den verpflichtenden Fernsehern in jedem Haushalt kaum etwas besitzen, melden sich dort freiwillig, um in martialischen Game Shows wie „Treadmill to Bucks“ und „Swim the Crocodiles“ gegeneinander anzutreten. Zur Unterhaltung der Massen und in der Hoffnung auf den großen Gewinn. Die Hauptfigur, ein wütender Draufgänger namens Ben Richards, dessen 18 Monate alte Tochter eine Lungenentzündung hat, meldet sich beim Network und wird für das Kronjuwel der Gameshows ausgewählt: den „Running Man“, in dem er vogelfrei durch die USA zieht, verfolgt von professionellen „Jägern“, die ihn töten wollen. Jede Stunde, die er überlebt, bringt ihm Geld ein.

No smell but the decaying reek of this brave year 2025.
(aus The Running Man)

Eigentlich nichts Neues, möchte man meinen. Ein typisches Gewächs der späten 70er und frühen 80er im Geist, den Neil Postman 1985 in Amusing Ourselves To Death final einfing. Ich musste an Network (1976) denken und an den deutschen Fernsehfilm Das Millionenspiel von 1970, der auf Robert Sheckleys Kurzgeschichte The Prize of Peril von 1958 basiert und ein fast identisches Setup hat. Ich war aber doch überrascht, wie nihilistisch der Roman ist. Er strotzt nur so vor Verachtung der gesamten Gesellschaft, hat wenig Raum für Optimismus, geschweige denn für Heldentaten und mündet in einem ziemlich düsteren Ende – ganz anders als die Schwarzenegger-Verfilmung, in deren Finale der Protagonist Ben Richards und seine Verbündeten eine Art Medienrevolution starten und das Games Network als Lügner anklagen.

Ein Teil dieses Nihilismus lässt sich sicher mit der allgemeinen „No Future“-Stimmung der Zeit nach Vietnam, Watergate und Co erklären, aber Stephen King sah sein Alter Ego Richard Bachman irgendwann ja auch ganz bewusst als seine „dunkle Seite“ an. Ursprünglich geschaffen, um einfach mehr Bücher publizieren zu können – die Verleger waren der Meinung, mit mehr als einem Buch pro Jahr würden sich Kings Verkäufe kannibalisieren – wurde Bachman schnell zu einem Ventil, in dessen Romanen King seinen eigenen pessimistischen Impulsen freie Bahn lassen konnte. Bachmans erstes Buch Rage (1977) hatte King sogar zu großen Teilen geschrieben, als er noch in der High School war –  also die Zeit, in der viele Menschen einen Hang zum Nihilismus entwickeln. (Das doppelte Spiel wurde einige Jahre später enttarnt und King schrieb einen Roman namens The Dark Half, in der ein Autor von seinem düsteren Pseudonym gefangen genommen wird.)

King hat diese innere Transformation später in Vorworten zu den Bachman-Romanen reflektiert und schlussgefolgert, dass es gut ist, einen inneren Bachman zu haben:

„There’s a place in most of us where rain is pretty much constant, the shadows are always long, and the woods are full of monsters. It is good to have a voice in which the terrors of such a place can be articulated and its geography partially described, without denying the sunshine and clarity that fill so much of our ordinary lives. For me, Bachman is that voice.“
Stephen King, „The Importance of Being Bachman“

Nun ist The Running Man nicht die einzige Bachman-Verfilmung, die dieses Jahr ins Kino kommt. Im September ist auch The Long Walk gestartet, den ich nicht gesehen habe, aber der The Running Man auch in seiner Struktur ähnelt: Ein grausames, tödliches Spiel, das einen großen Gewinn verspricht, aber  – soweit ich weiß – in einem Pyrrhussieg endet. Und natürlich frage ich mich, inwiefern die heutige Zeit die Ära der Bachman-Romane so spiegelt, dass sie wieder populär werden.

Natürlich lassen sich Zeiten nie 1:1 aufeinander übertragen, das wäre viel zu einfach, aber wie in den 70ern das Fernsehen metastasierte passt schon zur gesellschaftlichen Polarisierung, die heute Social Media zugeschrieben wird. Genauso wie die dystopische Desillusionierung mit dem Politikbetrieb. Heute – mit dem Faschismus an der Türschwelle – vielleicht sogar schlimmer als damals.

Normalität im Angesicht der Katastrophe

So weit, so einfach und küchenpsychologisch. Was mich an dem Thema aber nicht losgelassen hat, ist die Wechselwirkung mit einem andern Phänomen, über das ich schon länger nachdenke. Ich habe hier im Blog schon einmal über das paradoxe Gefühl der Normalität im Angesicht der Katastrophe geschrieben. Anfang des Jahres ist es mir erneut eindrucksvoll begegnet, als ich Hans Falladas Kleiner Mann, was nun? von 1932 gelesen habe (auf den ich – intertextuelle Serendipity – auch nur gekommen bin, weil ich Saša Stanišićs Herkunft gelesen habe und der Erzähler darin den Roman in einem Nebensatz entdeckt).

Die Kurzform: Wir können nur erahnen, ob wir in später mal historisch bedeutsamen Zeiten leben. Manchmal gibt es deutliche Indikatoren (Pandemie), meist ist es aber nur ein diffuses Hintergrundrauschen (Klimawandel, Faschismus). Wenn in einigen Jahrzehnten ein Highlight Reel unserer Zeit zusammengeschnitten würde, mag man dasitzen und denken „Was waren das für krasse Zeiten, in denen ständig unglaubliche Sachen passiert sind“, aber das entspricht nicht dem, wie es sich anfühlt, wenn man mittendrin steckt.

Das mag man als Abstumpfung sehen, aber ganz viel davon ist auch einfach die Tatsache, dass das Leben ja weitergeht. Jeden Tag schlage ich mich, genau wie die meisten anderen Menschen, mit ganz normalen Problemchen im Job, in der Familie, in der Freizeit herum. Und, wie King ja auch zurecht schreibt, gibt es gleichzeitig mit den weniger schönen Dingen, die passieren, auch nach wie vor ganz viel „sunshine and clarity“ im Alltag. Ein ständiger historischer Alarmzustand ist nicht durchhaltbar. Umso erstaunter bin ich über Social-Media-Accounts vieler Aktivist:innen, die nicht müde werden, mir jeden Tag vor Augen zu führen, welche schlimmen Sachen ich heute schon wieder größtenteils ignoriert habe.

Kleiner Mann, was nun? hat dieses Gefühl für mich perfekt verkörpert. Der Roman erzählt die Geschichte eines Paares in den Jahren, in der er auch geschrieben wurde, also kurz vor der Machtergreifung der Nazis. Die Unruhen der Zeit – SA-Aufmärsche in den Straßen, wachsende politische Instabilität – tauchen in der Geschichte immer wieder im Hintergrund auf, geben ihr sogar das eine oder andere Mal einen leichten Schubs. Im Mittelpunkt aber steht der Alltag von Johannes und Emma, die versuchen, in einer immer prekärer werdenden finanziellen Situation ein Baby in Liebe großzuziehen. Dabei erleben sie angsteinflößende, aber auch schöne Momente. Aber sie haben keine Zeit, keine Energie, um sich mit den historischen Umwälzungen ihrer Zeit zu beschäftigen, weil sie viel zu viel Alltag zu bewältigen haben. 

Ich will meine Situation nicht mit der eines 1932 in Armut lebenden Paares vergleichen. Mir geht es nur um das Bewusstsein, dass große Katastrophen und banaler Alltag gleichzeitig passieren und ich nicht weiß, ob es einen „angemessenen“ Umgang damit gibt. Stephen Kings Weg, die eigene Überforderung in wütende, nihilistische Kunst zu gießen – oder vielleicht auch diese zu konsumieren – ist eine Möglichkeit. Es kann gut tun, die Wut in sich am Leben zu erhalten, weil sie einen vielleicht früher oder später doch ins Handeln bringt.

So wie in Hans Fallada letztem Roman Jeder stirbt für sich allein, den ich gerade lese. Auch hier geht es wieder um die „kleinen Leute“, die eigentlich genug Alltag zu bewältigen haben, um sich mit der historischen Ungerechtigkeit zu beschäftigen, die rund um sie herum passiert. Aber man merkt, dass Jeder stirbt für sich allein 1940 spielt, acht Jahre nach Kleiner Mann, was nun?, und noch einmal sechs Jahre später, also nach Kriegsende, geschrieben wurde. Fallada besitzt also bereits die Fähigkeit zur Rückschau. Allerdings basiert der Roman auch recht genau auf realen Ereignissen. Erneut geht es um ein Ehepaar, das sich bisher vor allem um sich selbst gekümmert hat. Als ihr einziger Sohn aber im Krieg fällt, platzt im Kopf des Mannes etwas und gemeinsam entscheiden sich die beiden, einzelne Postkarten mit aufrüttelnden Botschaften auszulegen. Ein kleiner Akt des Widerstands, der ihnen zwar kurze Zeit später zum Verhängnis wird, aber sie weniger gebeugt schlafen lässt.

Mir ist klar, dass ich hier vage und vielleicht schwer nachvollziehbare Verbindungslinien ziehe. Zu einer klaren These oder gar Handlungsaufforderung möchte sich die ganze Gemengelage auch in meinem Kopf nicht verdichten. Ich stelle nur immer wieder fest, wie mir Kunst hilft, aus unterschiedlichen Winkeln auf die gleiche Welt zu blicken, und manchmal vielleicht sogar etwas daraus mitzunehmen. Belassen wir es für heute dabei.

Foto von sporlab auf Unsplash

Glow-Ups, Arbeitsversionen und bevorstehende Katastrophen (Unsortierte Gedanken #5)

Als ich vor kurzem den Robbie-Williams-Film Better Man gesehen habe, fiel mir ein Thema wieder ein, über das ich schon lange mal schreiben wollte: Jukebox Musicals, also Musicals, die keine Originalkompositionen verwenden, sondern auf bereits existierende Popsongs zurückgreifen. Oft aus einem bestimmten Genre (Rock of Ages) oder, meistens, von einer bestimmten Künstlerin oder einem bestimmten Künstler. Das bekannteste ist vermutlich Mamma Mia mit der Musik von Abba. Ich hoffe ja sehr, dass ich irgendwann noch die Gelegenheit bekomme, Joyride zu sehen, das Roxette-Jukebox-Musical.

Handlungsmäßig sind diese Musicals meist ziemlich an den Haaren herbeigezogen – logo, schließlich hängen die genutzten Songs ja ursprünglich überhaupt nicht zusammen – aber ich finde immer wieder interessant, was in ihnen musikalisch passiert. Denn die Lieder werden in der Regel ganz neu arrangiert und insbesondere wenn Hollywood involviert ist, sorgt das oft dafür, dass man sie noch mal ganz neu hören kann. Selten wird dabei ein wirklich kreativer Ansatz gewählt wie in Across the Universe, in dem Julie Taymor und Elliot Goldenthal die Musik der Beatles wirklich gut dekonstruieren und neu zusammensetzen. Aber auch die gehörige Schippe Bombast, die das Arbeiten mit großen Orchestern und Hollywood-Musikproduzenten, ermöglicht, sorgt bei diesen Popsongs oft für ein Glow-Up, das mir gefällt.

Der YouTuber Patrick Willems hat gerade erst herausgearbeitet, dass Musik-Biopics und Jukebox-Musicals zurzeit eine Allianz eingegangen sind, die der ganzen Form gut tun. Statt das Leben eines Musikers nur als bloßes Reenactment von Begegnungen und Konzerten anhand einer sehr standardisierten Dramaturgie zu verfilmen, werden Musical-Sequenzen mit den Songs der Hauptfigur eingefügt, die es erlauben, die Realität zu verlassen und stilisierter zu erzählen. So geschehen in Rocket Man, Elvis (selbst noch nicht gesehen) und jetzt auch in Better Man.

Die Musik bekommt dann jedes Mal auch das entsprechende Musical-Bombast-Treatment, aber meiner Meinung nach selten zum Schlechten. Einzelne Songs vom Soundtrack von Rocket Man (den Titelsong, aber auch “Saturday Night’s Alright for Fighting“) höre ich immer wieder gerne. Und die Version von “Rock DJ” aus Better Man, in der einfach alles ein bisschen fetter ist als vor 25 Jahren und zwischendurch eine Marching-Band-Sektion eingefügt ist, lohnt sich auch auf jeden Fall, zumal Robbie Williams selbst singt – am besten guckt man sich gleich dazu die Sequenz aus dem Film an, die die gesamte Karriere von Take That in einer beeindruckenden Choreografie nachbildet. (Und noch ein Tipp aus dem Glow-Up-Space: Emiliana Torrinis Version von Jefferson Airplanes “White Rabbit” aus dem ansonsten furchtbaren Sucker Punch kann ich auch immer wieder hören.)

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Der Song “Take on me” von A-Ha gehörte früh zu meinen Lieblingssongs und ist es bis heute geblieben. Im Podcast Song Exploder hat A-Ha-Mitglied Paul Waaktaar-Savoy vor kurzem die Entstehungsgeschichte des Songs erzählt, der viele verschiedene Demos und sogar veröffentlichte Versionen durchlief, bevor er zu dem Hit werden konnte, der er bis heute ist. Ich finde solche Geschichten immer spannend, weil sie zeigen, dass es manchmal eben doch Details sind, die einen Unterschied machen.

Tatsächlich finde ich auch, dass “Take on me” ein Song ist, der nur in seiner Originalversion, mit dem stampfenden aber zwischendurch auf half-time wechselnden LinnDrum Schlagzeug und den Synthiesounds der Zeit, so richtig funktioniert. Ich habe bis heute kein Cover gehört, das mir wirklich gefällt – also das genaue Gegenteil des eben beschriebenen Phänomens.

Trotzdem habe ich eine Version, die ich lieber mag als den Song, den man aus dem Radio kennt: die extralange 12″-Version gönnt sich ein fast religiöses Intro und einen erweiterten Instrumentalteil in der Mitte, die beide eigentlich nur einen Zweck haben: auf das totale Wegbrechen aller Instrumente hinzuarbeiten, damit das ikonische Anfangsriff so richtig strahlen kann.

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Kathryn Bigelows A House of Dynamite ist ein sehr spannender Thriller über einen Atomraketenangriff aus unbekannter Quelle auf die USA, der es ziemlich sicher Ende des Jahres unter meine Lieblingsfilme schaffen wird und seit vorgestern auf Netflix ist. (Am Ende dieses Abschnitts kleinere Spoiler, wenn man gar nichts über den Film weiß.)

Ein Aspekt, der mir beim Sehen (im Kino) auffiel ist, wie sehr A House of Dynamite ein Film über Menschen ist, die wirklich gut in ihrem Job sind. Er spielt eigentlich nur an Arbeitsplätzen – vor allem in Kommandozentralen und “Situation Rooms”. Die dort sitzenden Personen treffen Entscheidungen in Minuten. Immer wieder fallen Sätze wie “We have trained for this a million times”. Auf dem Bildschirm ist die geballte Expertise eines Staatsapparats zu sehen.

Besonders Hollywood-Filme erzählen ja gerne Geschichten davon, wie Expert:innen versagen, weil ihnen über ihr Expertentum die Menschlichkeit verlorengegangen ist (gerade erst wieder in Jurassic World Rebirth gesehen, in der eine eigentlich sehr überschaubare Operation durch fanatischen Leichtsinn schiefläuft, und am Ende nichts ohne romantisierte Normalos läuft). In A House of Dynamite machen die Expert:innen alles richtig und können die bevorstehende Katastrophe dennoch nicht verhindern. Nur die schwerwiegendste Entscheidung, nämlich über einen möglichen Gegenschlag liegt dann wieder bei jemandem, der eigentlich ein Laie ist: dem US-Präsidenten.

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Ich arbeite mich seit einigen Jahren stückweise, Jahr für Jahr, durch die History of Middle Earth, Christopher Tolkiens zwölfbändige Aufarbeitung der Papiere seines Vaters, in der man ähnlich wie in Song Exploder die diversen Versionen seiner Werke lesen kann, die nicht veröffentlicht wurden.

Gerade habe ich Band V, The Lost Road and Other Writings, beendet. Allerdings lese ich die Bücher in einer Reihenfolge, die ein bisschen an die Star Wars-Filme erinnert, nämlich I, II, VI, VII, VIII, IX, III, dann Tolkiens Briefe, IV, V. Mit The Lost Road habe ich nun also zu den Bänden VI bis IX aufgeschlossen, die die Geschichte des Herrn der Ringe erzählen.

Mein Plan ist, als nächstes X, XI und XII zu lesen und dann noch einmal die Unfinished Tales, die ich zuletzt vor über 20 Jahren gelesen habe – somit wäre ich 2029 fertig. Ich lese diese Bücher, weil Tolkiens Romane mich geprägt haben wie kaum ein anderes Werk, aber auch, weil ich diese einmalige Aufstellung einer Rekonstruktion des gesamten Schaffensprozesses eines Menschen nach wie vor – unabhängig vom Inhalt – schrecklich faszinierend finde. Wo sonst gibt es das, dass man einen Menschen quasi beim literarischen Nachdenken über die gleichen Geschichten durch ein ganzes Leben hindurch begleiten kann? (Unter anderem in Adam Moss’ großartigem Buch The Work of Art, das ich auch Stück für Stück lese und sehr empfehle.)

Dennoch gebe ich zu, dass ich ein bisschen Angst davor hatte, in diesem Band ein weiteres Mal alle Geschichten des Silmarillion zu lesen. Mit minimalen Abweichungen gegenüber der publizierten Ausgabe, mit Detailabweichungen in Namen und Geografie, die ich mir sowieso nicht merken kann. Tatsächlich habe ich zwischendurch überlegt, den Teil zum Quenta Silmarillion einfach zu überspringen, nachdem ich die Geschichten des ersten Zeitalters in den vorausgehenden Bänden schon mehrfach gelesen hatte.

Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe. Denn nicht nur ist die Version des Silmarillion, die Tolkien 1937 schrieb – kurz bevor er den Herrn der Ringe begann – eigentlich ganz angenehm zu lesen. In ihrer Lektüre erschloss sich mir auch, dass diese Art von Sagen ihre wahre Wirkung wirklich erst entfalten, wenn man ihnen immer wieder ausgesetzt ist. Gerade die vage Erinnerung an die vorhergehenden Versionen und das grobe Wissen zu jedem Zeitpunkt darüber, welche Ereignisse noch kommen werden, machte mir das Lesen und Verstehen leichter als zuvor. Zudem enthält dieser Teil des Buchs einige interessante Reflexionen von Christopher Tolkien über seine eigene kuratorische Arbeit, etwa dass er heute einige seiner Entscheidungen beim Zusammenstellen des veröffentlichten Silmarillion bedauert.

Ein noch größeres Geschenk ist aber tatsächlich das Fragment The Lost Road, von dem Christopher Tolkien mit Recht schreibt, es sei „among the most interesting and instructive of my father’s unfinished works“. Nicht nur ist es, anders als die Silmarillion-Sagen, in Romanform angelegt, die zeigt, dass J. R. R. Tolkien zwar ein altmodischer, aber wirklich kein schlechter Erzähler war. Es erhellt wirklich wie wenige andere seiner Schriften sein Denken über seine Geschichten als zeitlose Wiedergeburten von Ur-Erzählungen. In diesem Fall über die Ignoranz einer dekadenten Menschheit im Angesicht einer drohenden Katastrophe, wie im Atlantis-Mythos und seiner Mittel-Erde-Version, dem Untergang von Númenor.

In The Lost Road hatte er vor, diese Variationen über die Zeitalter hinweg zu einem großen Narrativ zu vereinen, das zeigt, wie sehr die Geschichte und die aus ihr entstehenden Mythen sich wiederholen und reimen. Quasi J. R. R. Tolkiens Everything Everywhere All At Once. Ich weiß nicht, ob das Ergebnis gut gewesen wäre, aber ich hätte es mit Sicherheit gerne gelesen. (Diesen Text habe ich zuerst in ähnlicher Form auf Goodreads veröffentlicht)

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Die Zukunft des Lesens, des Schreibens und des In-die-Sonne-Schauens (Unsortierte Gedanken #4)

Ich war letzte Woche im Literatur-Podcast „Gelesen.“ zu Gast, um mit Lucas Barwenczik über Christoph Engelmanns Buch Die Zukunft des Lesens zu sprechen. Engelmanns These: Die Menschen lesen weniger, vor allem lange Texte, dafür hat sich aber eine „Plattform-Oralität“ entwickelt, in der uns Menschen in Podcasts und Videos erzählen, was sie an unserer Stelle gelesen haben. 

Das war schon das zweite Mal, dass ich in „Gelesen.“ zu Gast war. Im August haben Lucas und ich über LitRPG und Dungeon Crawler Carl gesprochen. 

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Im Podcast probiere ich unter anderem einen Gedanken an Lucas aus, der aber eigentlich nicht so gut zum Thema passt und deswegen dort auch nicht weiter verfängt. 

Vor einigen Wochen wurde in meiner Medienblase das Thema „Google Zero“ heftig diskutiert: Wenn Menschen zunehmend KI-Anwendungen, egal ob Chatbots wie ChatGPT oder Gemini-Zusammenfassungen über den Google-Suchergebnissen, nutzen, geht dem Online-Journalismus eine weitere Traffic- und damit Einnahmen-Quelle verloren. Die User kommen mit null Klicks zum gewünschten Ergebnis ohne jemals auf der Seite des journalistischen Angebots zu landen.

Mein Gedanke dazu: Ein derart parasitäres Modell ist langfristig, in einer Welt, in der Wissen nicht statisch ist, eigentlich nicht nachhaltig. Sicher werden noch eine Menge Journalismus-Angebote (leider) dran glauben müssen, aber es ist auch ein anderer Pfad denkbar, den ich mal als das “Netflix-Modell” bezeichnen will.

Auch Netflix hat damit angefangen, nur Filme und Serien anderer Anbieter “durchzureichen” und sie haben in ähnlicher Art dafür gezahlt wie OpenAI inzwischen für die Nutzung von Axel-Springer-Material zahlt. Um sich aber irgendwann für Nutzer:innen interessant zu halten, fing Netflix 2013 an, eigenen Content zu produzieren. Heute bemisst sich fast jede Streamingplattform an der Qualität der “Originals”, die man dort schauen kann.

Ist es also abwegig, zu glauben, dass in der Zukunft journalistischer, wissenschaftlicher etc. Content direkt für die KI fabriziert wird? Content, den das LLM direkt in seine Trainingsdaten einarbeiten und nach Bedarf ausspucken kann. Zumindest bis die KI in der Lage ist, selbstständig Ereignisse wahrzunehmen, einzuordnen und zu verarbeiten. Welche Form müsste dieser Content haben, damit er möglichst LLM-tauglich ist? Ein Datenaggregat aus Fakten und reproduzierbaren Formulierungen? Welche Journalist:innen bräuchte es, um solchen Content zu fabrizieren?

Ich gebe zu: die dystopische Lesart ist eine Art Moloch-Szenario, in der Menschen nur noch direkt für die Maschine arbeiten, die sie am Ende des Tages durchgewalkt wieder ausspuckt. Auf der anderen Seite hat nichts die Film- und Fernsehbranche in den letzten zwölf Jahren so befeuert wie die Produktionsbudgets der Streamer. Who knows.

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Ich habe den weit und breit gefeierten Film In die Sonne schauen von Mascha Schilinski gesehen und mich danach wie schon lange nicht mehr in der (für mich) unangenehmen Situation befunden, mit meinem Eindruck gegen den kritischen Konsens zu stehen. Ich fand In die Sonne schauen, in dem es um transgenerationale (und auch einfach allgemein verbreitete) Traumata von Frauen auf einem Bauernhof von der Kaiserzeit bis heute geht, eine gute Stunde lang ziemlich gut.

In den restlichen anderthalb Stunden verspielte der Film sein Karma bei mir allerdings Stück für Stück, weil ich immer mehr das Gefühl hatte, dass eine Behauptung von Bedeutsamkeit und künstlerischem Eigensinn an die Stelle der eigentlichen Dinge trat. Im Laufe der Zeit ging mir in dem, was andere Beobachter:innen als geniale Verknüpfung begriffen, zunehmend die Nuance verloren, dazu kamen recht plakative Symbole und Erklärungen, zu viele Enden. Die letzte Handlung, die eine der Hauptfiguren vollzieht, erschloss sich mir gar nicht mehr.

Andere mögen sich mit einer solchen Dissonanz zum Kritik-Mainstream bestätigt fühlen, in mir löst es meist doch Unbehagen aus. Einmal mehr natürlich, weil ich ein Mann bin und es im Film um die Erfahrungen von Frauen und Mädchen geht. Geholfen hat mir wie so oft der Podcast “Fashion the Gaze“. Wenn Vera und Freya berichten, welche Teile des Films in ihnen wiedergeklungen haben, kann ich zumindest nachvollziehen, warum andere Leute den Film mochten. Auch Thomas Grohs Formulierung “Weird hypnagogic ambient cinema” hat mir eröffnet, wie man den Film begreifen kann. Vielleicht passten Sonne und ich einfach nicht zusammen.

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Ich habe im Sommer Jane Austens Emma gelesen und anschließend die Verfilmung mit Gwyneth Paltrow von 1996 und mit Alicia Silverstone von 1995 geschaut. Ich war erstaunt, wie sehr die Lebendigkeit und zeitlose emotionale Resonanz eines Romans verloren gehen kann, wenn man ihn relativ “werktreu” verfilmt, während seine komische und beißende Essenz in einer modernisierten Adaption viel besser erhalten bleibt.

Foto von Birgit Steven-Lahno auf Unsplash

Raum und Flow

Vor rund zehn Jahren, als das Second Coming von 3-D im Kino gerade abflaute und das Second Coming von VR durch Facebooks Kauf von Oculus gerade in vollem Lauf war, war ich für eine kurze Zeit neu begeistert vom Konzept des endlosen filmischen Tiefenraums. Ich hatte mich lange schon gefragt, warum so wenige Filme im digitalen Zeitalter die Möglichkeit nutzten, die Zuschauenden mit auf eine Reise in ihren Raum zu nehmen.

Immer wieder sah ich Versuche, mit dem Gedanken eines dreidimensionalen Raums und einer wahrhaft entfesselten Kamera im Kino zu arbeiten, die ich jedes Mal faszinierend fand, egal ob in Gravity (2013) oder in der Eröffnungssequenz von The Revenant (2015). Selbst in den wenigen VR-Experiences, die ich erlebt hatte, war das Gefühl, tatsächlich einen Raum zu erleben, in dem Ereignisse stattfanden, um die man herumfließen konnte, wie in einem Open World Videospiel oder einem immersiven Theaterstück, extrem selten. Stattdessen regierte durch die Bank extrem konventionelle filmische Raumauflösung durch Montage und “digitaler Realismus“, selbst in vollständig im Computer entstandenen Filmen, was ich immer extrem schade fand.

Zu meiner großen und unerwarteten Begeisterung habe ich am Wochenende im Kino die beste Umsetzung meines Wunsches seit vielen Jahren erlebt, im lettischen Oscar-Gewinner Flow, einem mit der Open-Source-Software Blender gestalteten, dialoglosen Animationsfilm über eine Katze in einer südostasiatischen Landschaft, die langsam überflutet wird. “Flow”, das scheint sich natürlich auf den Fluss des Wassers und des Lebens zu beziehen, aber es könnte auch genauso die Kamera- und Raumarbeit des Films bezeichnen, die von einer erdrückenden Schönheit und Stringenz ist. Gints Zilbalodis’ Kamera schwebt leicht schaukelnd in langen Sequenzen neben seinen tierischen Protagonisten her, mal schneller, mal langsamer, stößt unter Wasser, nur um kurz darauf wieder in Vogelflug-Höhen aufzusteigen. Und warum? Weil sie es kann! Diese Art der Bildgestaltung gibt dem Film einen magischen Rhythmus, der den sense of wonder, der Flow als Leitmotiv ebenfalls durchströmt, noch verstärkt. Danke, Gints Zilbalodis! Der Rest darf sich gerne ein Beispiel daran nehmen.

Lieblingsfilme 2024

Mich beschleicht das Gefühl, dass Film eine immer geringere Rolle in meinem Leben einnimmt. Klar, ich würde immer noch jederzeit einen guten Film einer mittelmäßigen Serie vorziehen. Aber meine berufliche Hinwendung zu Fernsehen und Podcasts, und einfach die Zeitsituation in unserer Familie, machen es immer schwieriger, dem Medium die Aufmerksamkeit zu widmen, die es verdienen würde.

Insbesondere das Zuhause-Nachholen von Filmen, die ich im Kino verpasst habe, ist schwierig geworden. Mein Kind schläft inzwischen so spät ein, dass meistens gerade noch Zeit für eine Serienfolge bleibt, wenn ich meine 7,5 Stunden Schlaf bekommen will. Es ist aber noch nicht alt genug, um viele Filme mit ihm zu gucken, und wenn doch, guckt es am liebsten die gleichen Filme immer wieder.

Letterboxd zeigt mir für dieses Jahr 44 eingetragene Filme. Das sind weniger als letztes Jahr (51), aber mehr als in allen Jahren davor seit Geburt meines Kindes (zwischen 22 und 40). Ich war satte 29 Mal im Kino. Also vielleicht ist meine Gefühls-Beschleichung doch ein Trugschluss, und ich habe mich eigentlich auf einem ganz guten Niveau eingepegelt, dass mir einfach im Vergleich zu meinen besten Filmjahren immer noch mager vorkommt.

Trotzdem ist diese Liste natürlich, wie immer, mit entsprechender Vorsicht zu genießen, da sie eben doch aus einem nicht so tiefen Brunnen schöpft. Verpasst habe ich unter anderem The Wild Robot, Perfect Days, Emilia Perez, Konklave, The Substance, Inside Out 2, May December und La Chimera. Ein paar Filme gab es auch, die bei vielen Kritiker:innen beliebt waren, mich aber nicht begeistern konnten, darunter The Zone of Interest und Poor Things.

Was soll ich sagen? Ich kann mit einer etwas ausufernden Endzeit-Saga anscheinend doch mehr anfangen als mit einem manierierten Lehrstück zur Aussage “Nazis waren kleinbürgerlich”. Alle meine Wertungen kann man auf meiner Letterboxd-Statistik-Seite für 2024 nachschauen.

Challengers hat mich begeistert, weil er so offensiv ist. Sport als Metapher für Sex, das ist nichts Neues, aber das clevere Drehbuch passt wie die Faust aufs Auge zu Luca Guadagnino. Wenn dazu noch die aktuell vielleicht schönste Frau der Welt und mein nicht so heimlicher Celebrity Crush Mike Faist mitspielen, hat man mich einfach. Der Junge und der Reiher hat mich ganz stark an Bücher aus meiner Kindheit erinnert, in denen Kinder in Anderswelten reisen, von Joan Aiken über Michael Ende bis Die Brüder Löwenherz, und war allein deswegen ein bewegendes Kinoerlebnis. An Furiosa mochte ich das auswuchernde Worldbuilding, an Love Lies Bleeding die Körperlichkeit. The Bikeriders fand ich ein unterschätztes Dokument über Männlichkeit und Zeitgeist.

Wicked ist ein Film mit vielen Schwächen – nicht zuletzt, dass er das Musical mit seinem papierdünnen Plot viel zu treu adaptiert, statt etwas Eigenständiges und Filmisches zu schaffen. Aber die Begeisterung, die ich dafür dieses Jahr mit meinem Kind teilen konnte, und die starke Präsenz der beiden Hauptdarstellerinnen (ich bin insbesondere Fan von Ariana Grandes marionettenhafter Glinda) haben ihn für mich trotzdem zu etwas Besonderem gemacht, und ich werde ihn sicher noch diverse Male sehen.

Das war es an Gedanken. Hier (oder hier) ist die Liste.

  1. Challengers
  2. Der Junge und der Reiher
  3. Furiosa: A Mad Max Saga
  4. Love Lies Bleeding
  5. The Bikeriders
  6. Wicked
  7. Dune: Part II
  8. The Outrun
  9. All of Us Strangers
  10. Dídí

Bild: Amazon

Lieblingsfilme 2023

Machen wir es kurz und schmerzlos: Mein Filmjahr war nicht sehr ergiebig (Letterboxd verzeichnet 51 Filme), aber es waren schon genug Filme dabei, die mir gefallen haben. An der folgenden Liste finde ich erfreulich, dass drei Filme in der Top 4 von Regisseurinnen stammen. Killers of the Flower Moon ist der Film, den ich direkt nach dem Ansehen am kritischsten bewertet habe, der aber durch weiteres Nachdenken und drüber reden gewachsen ist. Dungeons and Dragons ist sicher filmisch nicht wirklich viel großartiger als einige Filme, die weiter unten auf der Liste stehen, aber er hat mir einfach sehr viel Spaß gemacht, und ich freue mich darauf, ihn mit anderen Leuten erneut zu sehen.

Dass Banshees of Inisherin und Past Lives mich bewegt haben, sagt ein bisschen was darüber aus, dass Freundschaft für mich ein wichtiges Thema bleibt. Über diese Filme denke ich auch immer wieder nach, insbesondere Past Lives. Hingegen sind Asteroid City (Podcast) und The Fabelmans (Podcast) Filme, die ich mochte, aber die nicht mehr wirklich nachhallen. Dass Across the Spider-Verse es nicht schafft, seine Geschichte innerhalb eines sehr langen Films zu Ende zu erzählen, spricht nicht für den Film, aber irgendwie fand ich das Ding trotz aller Kritik doch irgendwie beachtlich (Podcast).

Eine weitere große Freude des Filmjahres: Immer mehr Kinobesuche und Heimvideonachmittage mit Kind (5). Man schaut zwar auch Quatsch wie Elemental oder sogar PAW Patrol: The Mighty Movie, aber wer weiß, wann ich sonst endlich mal den fantastischen Kikis kleiner Lieferservice nachgeholt hätte. Ich freue mich drauf, in den nächsten Jahren meinen Filmkonsum einfach mit Kind langsam wieder hochzufahren.

Hier ist die Liste:

  1. Anatomie d’une chute
  2. The Banshees of Inisherin
  3. Saint Omer
  4. Past Lives
  5. Dungeons and Dragons: Honor among Thieves
  6. Asteroid City
  7. The Fabelmans
  8. Killers of the Flower Moon
  9. Spider Man: Across The Spider-Verse
  10. As Bestas

Bild: Plaion Pictures

Turtles of the Mind

Die “Teenage Mutant Hero Turtles” (wie sie hierzulande hießen) waren einer der ersten großen Popkultur-Importe, der mir etwas bedeutete. Um 1990 schwappten sie nach Deutschland, und ich war großer Fan. Ich zeichnete, mit Freunden, nicht nur einen Comic mit den Turtles, sondern eine ganze Serie über mehrere Jahre. Ich erinnere mich sehr genau daran, wie ich meine Eltern so lange anbettelte, bis sie mir einen kleinen Spiegel kauften, auf dem die Turtles eingeprägt waren.

Woher kam diese Leidenschaft? Ganz sicher nicht aus den Live-Action-Kinofilmen (1990-93), für die ich in den Augen meiner Eltern noch viel zu jung war. Ich las zwar viel über diese Filme, in Zeitschriften wie Limit und Micky Maus, aber selbst gesehen habe ich sie erst viele Jahre später (und absurderweise keinerlei Erinnerung daran). 

Eine große Inspiration kam auf jeden Fall aus der Animationsserie (1987ff.), von der ich auf jeden Fall einige wenige Episoden gesehen habe. Sie hat definitiv den Stil meiner Turtles-Zeichnungen beeinflusst und ich kannte daher den Titelsong sowie die Persönlichkeiten der vier Hauptcharaktere. Aber ich durfte oder konnte die Serie nie ausführlich genug sehen, um wirklich tief in die Turtles-Mythologie einzusteigen. Mein Einblick ins Turtles-Universum war immer nur extrem oberflächlich.

Keine diegetische Wahrheit

Die Hauptquelle für meine Vorstellung von der Welt der vier Schildkröten-Helden war also meine eigene Fantasie. Wenn ich meine Comics zeichnete oder mit meiner spärlichen Auswahl an Action-Figuren spielte (ich hatte zwei von vier Turtles und ein paar Nebencharaktere), dachte ich mir auf eine Weise Geschichten aus, wie sie sich nur Kinder ausdenken können. Alles Unbekannte über Charaktere und Settings, wird einfach irgendwie ergänzt. Es gibt keine Vorstellung von einer diegetischen, durch irgendetwas oder irgendjemand festgelegten “Wahrheit”. Was zählt, sind die Dinge, die man selbst für wichtig hielt. Turtles of the Mind.

Über dreißig Jahre später merke ich, dass ich von dieser damaligen Version der Turtles nie ganz weggekommen bin. Auch, weil ich mich nie wieder tief in ihre Welt eingegraben habe. Ich habe ein paar der neueren IDW-Comics von Kevin Eastman gelesen, ich habe den Film TMNT von 2007 gesehen, aber nicht die dazugehörige Serie und erst recht nicht die Michael-Bay-Realverfilmungen. TMNT erschien mir in Design und Gefühl noch relativ nah dran an den Turtles meiner Kindheit. Ich habe mir 2014 eine Donatello-Figur gekauft (Donatello ist übrigens natürlich der beste Turtle), die der alten relativ ähnlich sah. Jetzt wohnt er im Spielhaus meines Kindes und heißt nur noch “der Turtle”.

Der Trailer zum neuen Film Mutant Mayhem, der diese Woche gestartet ist, scheint aber so gar nicht zu meinem inneren Bild von den Turtles zu passen. Ich glaube, dass es daran liegt, dass ich die Turtles aus Kinderaugen, trotz ihres Namens, nie als Teenager wahrgenommen habe, sondern als alterslose Erwachsene. Design und Marketing des von Seth Rogen mitgeschriebenen Films stellen aber genau diese Eigenschaft sehr nach vorne. Eventuell ist es das, was mich abschreckt. Aber da die kritische Rezeption des Films gut ist, werde ich ihn mir wohl trotzdem ansehen. Mal sehen, wie sehr sich innere Bilder überschreiben lassen.

Bild: Alexander Gajic (7 Jahre)