Scoping Things Out – in 360 Degrees

Ich bin vor kurzem endlich dazu gekommen, David Bordwells vor drei Jahren veröffentlichten Videovortrag zu Cinemascope zu gucken. So lang liegen Artikel und Videos bei mir manchmal im Pocket rum, aber sie verschimmeln nicht, im Gegenteil.

Denn es ist erstaunlich, wie aktuell das, was Bordwell in seinem Vortrag beschreibt, gerade wieder aktuell wird. Beim Wechsel vom Academy Ratio zum ultrabreiten Cinemascope, erklärt er im Video, wendeten verschiedene Regisseure ganz unterschiedliche Taktiken an. Manche begriffen Scope als “Mehr” Platz für’s Bild – quasi Erweiterungen vom Academy Ration rechts und links. Andere eher als “Weniger”, als ein Beschnitt des ursprünglichen 4:3-Frames oben und unten, der engeres Kadrieren ermöglichte. Viele spielten mit der zweidimensionalen Form des Rechtecks, um abstrakte Bildmotive zu komponieren und einige bemühten sich, im großen Bild interessante Tiefenaufbauten einzufangen.

Bei allem, was ich bisher im Bereich Virtual-Reality-Film bzw. 360-Grad-Film beobachtet habe, treffen ähnliche Merkmale fast exakt so zu. Wenn man die neu hinzukommenden Komponenten “fühlbarer Raum” und “Bildausschnittswahl durch Nutzer_in” einmal ausklammert, ist das VR-Bild auch nicht mehr als ein neues Leinwandformat, das sich theoretisch auch flach darstellen lässt (sogenanntes “equirectangular mapping”). Entsprechend habe ich bisher in den Filmen, die ich gesehen habe, fast alle oben beschriebenen Taktiken wieder entdeckt:

Manche Regisseur_innen begreifen ihre Leinwand einfach als “Mehr”. Sie arrangieren die zu filmenden Subjekte und Objekte einfach im ganzen Raum oder lassen Leerräume drumherum. Andere bergeifen es als “Weniger” und gehen einfach so nah ran, dass das ganze Blickfeld ausgefüllt ist. Manche spielen gezielt mit dem 360-Grad-Erlebnis und warpen und abstrahieren den Raum entgegen unserer Erwartungen. Und wieder andere arrangieren vor allem in die Tiefe und sorgen dadurch dafür, dass die zuschauende Person die Szene selbst regelmäßig neu im Kopf kadriert.

Natürlich sind die beiden Komponenten, die ich oben eben mal so ausgeklammert habe, ein wichtiger Teil des VR-Erlebnisses. In Sachen Filmemacherei aber eben auch nur ein Teil. Einiges anderes war bereits da. (Noch einmal die Empfehlung, Andrew Marantz’ Artikel zu lesen.)

Die Illusion der fairen Filmkritik

Immer wieder habe ich mir gesagt, dass ich zu diesem Thema die Klappe halten will. Aber jetzt sitze ich doch hier und tippe, weil sich Leute, die ich eigentlich schätze, auf Twitter regelmäßig angiften. Und das alles nur, weil in einer vielleicht sogar lohnenswerten Debatte mehrere völlig unterschiedliche Themen in einen Topf geworfen werden.

Was ist passiert? Im August 2015 haben sich Antje Wessels und Sidney Schering, die beide im Netz sowohl privat als auch beruflich über Film schreiben (Sidney war damals einer meiner Interviewpartner für den Blogosphären-Post), vorgenommen, eine ihrer Meinung nach überfällige Diskussion über die Qualität von Filmkritik und Filmkritiker_innen loszutreten. Was als einigermaßen unkoordinierte Ventilation von persönlichem Frust begann, mündete schließlich in einem Plädoyer von Antje auf ihrer Website, in dem sie sich für “Faire Filmkritik” einsetzt. Diskutiert wurde dieses Plädoyer nach meiner Wahrnehmung vor allem unter Blogger_innen, weniger unter anderen professionellen Filmkritiker_innen, zum Beispiel im Verband der deutschen Filmkritik, der ja selbst vor zwei Jahren ein Flugblatt zur Lage der Filmkritik veröffentlicht hat.

Das Plädoyer

Genau genommen besteht das Plädoyer aus zwei Kritikpunkten, die für Antje aber unmittelbar miteinander zusammenzuhängen scheinen. Der eine ist, dass viele Filmkritiker_innen sich laut Antje in ihrem Beruf wie Idioten verhalten. Obwohl sie in der privilegierten Situation sind, Filme gesondert vorgeführt zu bekommen, Interviews mit inspirierenden Menschen führen zu dürfen und dafür bezahlt zu werden, ihre Meinung zu äußern, beschweren sie sich ständig über ihre Arbeitssituation, sind faul und ätzend im Umgang. Ihren persönlichen Frust und ihre persönlichen Vorlieben auch für Dinge, die wenig bis gar nichts mit den Filmen zu tun haben, die sie besprechen sollen, gießen sie in ihre Kritiken. Kurzum: Sie entsprechen genau dem Klischee des Filmkritikers, dass Jesse Eisenberg jüngst für den “New Yorker” aufgeschrieben hat.

So weit so gut. Diesem Kritikpunkt kann ich – auch wenn ich persönlich bisher nur wenige Vertreter_innen dieser Spezies erlebt habe – zustimmen. Ich habe mich oft genug selbst mit dem merkwürdigen Dünkel auseinandergesetzt, den ein Teil der Kolleg_innen an den Tag legt und ich habe eine klare Position dazu: Wer sich selbst für zu wichtig hält, um seinen Job ordentlich zu machen, gehört kritisiert, gekündigt und im besten Fall außerdem ausgelacht. Einen Film kritisieren, den man nicht oder nur halb gesehen hat; persönlichen Ärger an denen auslassen, die nichts dafür können; die Menschen, die hinter einem Film stehen, persönlich zu beschimpfen, statt sich mit ihrer Kunst auseinanderzusetzen – das ist schlicht und einfach unprofessionell.

Nervig und Lächerlich

Sich pausenlos darüber beschweren, dass der Markt die eigene Arbeit nicht wertschätzt und die Arbeitsbedingungen besser sein könnten, ist meiner Meinung nach nicht das gleiche. Es ist nervig, oft genug lächerlich, aber auch menschlich und nicht auf die Filmkritik-Branche beschränkt. So lange solche Menschen am Ende trotzdem ordentliche Arbeit abliefern, sollte man da als ebenfalls professionell arbeitender Mensch einfach drüberstehen oder eine vergnügliche Kolumne drüber schreiben.

Für Antje – und Sidney, der sie mal mehr, mal weniger sachlich auf Twitter verteidigt (Anmerkung: Sidney sieht sich hier außer Kontext zitiert Ich habe Sidneys als zweiten verlinkten Tweet augenscheinlich falsch verstanden. Er war, wie er in den Kommentaren erläutert, als humorvolle Aufspießung der ganzen Debatte gemeint, ich empfand ihn als passiv-aggressive Nonmention von wem auch immer. Es war wahrscheinlich dumm, ihn hier auf ähnlich raunende Weise und außer Kontext aufzugreifen. Wir haben das besprochen.) – sind beide Fälle allerdings Ausprägungen des gleichen Missstandes. Dies ist der zweite Kritikpunkt des Plädoyers: Die gescholtenen Kritiker_innen haben keinen “Respekt” vor den Filmen, über die sie schreiben, und sie haben nicht verstanden, welchen Zweck Filmkritik hat. Dieser ist laut Antje: “Filmkritiken sollten im Idealfall als Atlas für all jene Zuschauer fungieren, die mit dem Gedanken spielen, ins Kino zu gehen.”

A Little Respect

Über diesen Satz und seine Implikationen, die im Plädoyer auch noch weiter aufgefächert werden, schreibe ich gleich etwas und komme damit zum Herz dieses Posts. Aber um das Ganze noch etwas weiter in die Länge zu ziehen, will ich nur noch kurz etwas zu der Sache mit dem Respekt sagen. Ich höre dieses Argument öfter und ich habe es am Rande in meinem “Filme normal gucken“-Post gestreift. Ich halte es außerdem für gefährlich. Natürlich sollte man als Kritiker_in grundsätzlich erstmal jedem Film so unvoreingenommen entgegentreten, wie das eben geht, in einem Strudel von Vorwissen und PR. Aber genauso sollte man sagen dürfen, dass man persönlich einen Film “schlecht” findet. Nicht nur “am Publikum vorbeiinszeniert”. Dass ehrliche Arbeit und Mühe in ein Projekt geflossen ist, kann trotzdem bedeuten, dass das Ergebnis nicht überzeugt.

(Anmerkung: Ich sehe ein, dass dieser Absatz und der davor missverstanden werden können. Was er nicht bedeutet: Dass Sidney alles, was Antje schreibt, exakt genau so sieht. Dass Sidney oder Antje denken, dass Kritiker Filme nicht mögen dürfen.)

Jetzt sind wir endlich am Knackpunkt der ganzen Diskussion angelangt. Für Antje hat “persönlicher Filmgeschmack (…) in einer Pressevorführung nichts zu suchen”. Die wahre Kunstfertigkeit der “fairen” Filmkritik liegt darin, “sich in die Erwartungen der unterschiedlichen Zielgruppen hineinzuversetzen”. Das ermöglicht “unabhängige Berichterstattung”, denn die Annahme “Filmkritiken könnten niemals objektiv sein (…) [ist] schlicht und ergreifend falsch.”

Ehrenwert und tragisch, aber falsch

Antjes Argumentation geht also in die exakt entgegengesetzte Richtung des weiter oben erwähnten Flugblatts des VDFK. Ihrer Meinung nach ist es der explizite Zweck von Filmkritik, sich in jede_n einzelne_n mögliche_n Zuschauer_in hineinzuversetzen und eine Empfehlung auszusprechen, ob diese_r Zuschauer_in sein sauer verdientes Geld und seine knappe Zeit in diesen Film investieren sollte. Sie glaubt nicht nur, dass das möglich ist, sie hält es sogar für die einzig richtige Art der Filmkritik. Winston Roundtree gibt ihr recht. Ich nehme vorweg: Ich halte beide Annahmen für falsch. Die erste für ehrenwert aber falsch, die zweite für tragisch und falsch.

Ich möchte kurz versuchen, die erste Annahme zu entkräften, es sei möglich, Filme objektiv zu bewerten, indem man versucht vorherzusehen, ob sie einem bestimmten Publikum gefallen könnten. Es ist ja nicht so, dass ich mit den gesammelten Werken von Pauline Kael und Michael Althen in der Wiege geschlafen habe. Ich habe meine Filmbildung auch jahrelang aus “TV Movie” und anderen Zeitschriften gezogen, die genau diese Art der Filmbewertung vornehmen (“Cinema” zufällig nicht, aber “Cinema TV”). Ich halte sie für eine legitime Form des Servicejournalismus, aber sie ist nicht “objektiv”. Sie versucht, sich in eine begrenzte Zahl (!) bestimmter Zielgruppen hineinzuversetzen, aber sie ist nicht “unabhängig”. An die Stelle der persönlichen Meinung eines Autors tritt das behauptete Expertentum des Mediums. Das ist aber genauso ein Konstrukt wie Aggregatskritik und kann höchstens eine relative Meinung vermitteln. Keine Wahrheit, so schön das wäre.

Wichtig ist meine eigene Meinung

Die zweite Annahme ist aber die unangenehmere. Ich kann einfach nicht zustimmen, dass diese Art von Filmkritik die einzig richtige ist, im Gegenteil. Filmkritik sollte persönliche Meinung enthalten und zwar viel davon. Weil Filmkritik nicht nur Serviceempfehlung ist, sie ist Teil des kulturellen Diskurses. Was Filmkritik alles kann, welche Aufgaben sie wahrnehmen kann, das muss ich hier nicht alles noch einmal aufzählen. Dafür kann man das Flugblatt lesen, oder Rajkos Text oder Lucas’ Text oder A. O. Scotts Buch (das ich noch nicht gelesen habe) oder einen der dutzenden anderen Texte, die zu diesem Thema bereits aufgesetzt wurden, auch in den letzten paar Jahren.

In einer Sache gebe ich Antje Recht: Ich finde auch, dass es in einer guten Filmkritik um eine Beziehung zwischen Autor_in und Leser_in geht. Diese wird aber zunächst einmal von Leser_innenseite aus initiiert. Ich lese einen Text zu einem Film und die dort vertretene Meinung entspricht meiner oder nicht, auf jeden Fall aber regt sie mich im besten Fall zum Nachdenken an. Später lese ich einen weiteren Text, der von derselben Person geschrieben oder am selben Ort publiziert wurde und irgendwann habe ich vielleicht eine Beziehung zu Person oder Ort, die unabhängig vom konkreten Text existiert. Ich weiß, wenn ich kluge Dinge über Comicfilme lesen möchte, lese ich Matt Singer; wenn ich in meiner landläufigen Meinung herausgefordert werden möchte, lese ich Rajko Burchardt; wenn ich wissen möchte, wie ein intimer Kenner des Disney-Kanons denkt, lese ich Sidney Schering; wenn ich tendenziell linksliberale, intelligente amerikanische Kulturkritik lesen will, schaue ich mal, was bei “Slate” steht. Wichtig ist aber am Ende meine eigene Meinung, die durch die Beschäftigung mit den Meinungen anderer entsteht. Nicht, ob irgendjemand recht hatte, dass ein Film gut oder schlecht ist. Das alles kann Filmkritik leisten.

tl;dr?

Dieser Text ist sehr lang und womöglich hat jemand, der bis hier gelesen hat, schon wieder vergessen, was am Anfang stand. Deswegen möchte ich meine Kernthesen noch einmal zusammenfassen. Ich bin der Meinung, dass

  1. Filmkritiker_innen, die unprofessionell arbeiten, einen anderen Beruf haben sollten,
  2. Filmkritiker_innen, die nervige Zeitgenossen sind, ausgelacht werden sollten, aber ansonsten genauso toleriert werden müssen, wie andere nervige Menschen auch, so lange sie niemandem wehtun,
  3. Servicekritik, die an den Ansprüchen eines vorgestellten Publikums ausgerichtet ist, legitim, aber weder “objektiv” noch besonders “fair” ist,
  4. Filmkritik im Idealfall zu einem kulturellen Gespräch beiträgt und es Konsument_innen ermöglicht, sich eine eigene Meinung zu bilden und ebenfalls Teil dieses Gesprächs zu werden.

Diese Thesen zeigen, dass die Diskussion vielschichtig ist und mehrere Themen beinhaltet. Es ist sehr schwierig, sie in 140-Zeichen-Schüben, am besten noch auf Englisch (mit anderen Nicht-Muttersprachler_innen), zu führen. Aber sie ist es durchaus wert, geführt zu werden.

Drei Ergänzungen noch zum Schluss:

Ich habe einen Punkt versucht, so gut es geht auszusparen, und das ist Antje Wessels Person – obwohl diese im Zentrum des Textes steht und obwohl sie ihr Plädoyer aus ihrer eigenen Biografie herleitet. Wie auch immer diese Diskussion weitergeführt wird, ich finde es sehr wichtig, dass dies auch alle anderen Diskutant_innen tun. Es ist egal, ob euch Antje und ihre Art, Kritiken zu schreiben oder auf Twitter aufzutreten, sympathisch ist oder nicht. Wenn ihr sie persönlich angreift, verhaltet ihr euch exakt so unprofessionell, wie sie das ihren Kolleg_innen vorwirft.

Weil der Artikel sonst noch ein paar Schlaufen hätte drehen müssen, habe ich auch das größere Thema “Journalismus” ausgespart. Ich habe große Probleme mit einem Satz wie “Wenn ich heute ein Interview mit einem Schauspieler führe, empfinde ich das nach wie vor als große Ehre”. Journalismus kann im Gegensatz zu Kritik sehr wohl unabhängig (also nicht von fremden Interessen geleitet) sein, und wer für die reine Möglichkeit, sich in die PR-Maschinerie von Firmen einzuklinken, die etwas verkaufen wollen schon so dankbar ist, sollte meiner Ansicht nach noch einmal über seine Funktion in der Gesellschaft nachdenken. Damit meine ich nicht, dass niemand Fan von Künstler_innen sein darf oder sich nicht freuen darf, diese etwas zu fragen. Aber wenn man es als Ehre begreift, macht man sich damit selbst unnötig klein.

Schließlich bitte zu beachten, dass ich mich bemüht habe, in diesem Text an vielen Stellen hervorzuheben, dass er nur meine eigene Meinung in einer Diskussion wiedergibt. Eine Eigenschaft von Antjes Text, an der sich vielleicht auch andere bewusst oder unbewusst gestört haben, ist, dass er so absolut ist. Eine spöttische Überschrift “gehört sich einfach nicht”, eine überhaupt nicht faktisch überprüfbare Annahme ist “schlicht und ergreifend falsch”. Das mag einer journalistischen Zuspitzung geschuldet sein. Hilfreich in einem Gespräch gerade mit Kolleg_innen ist es aber nicht.

Außer den markierten Korrekturen, habe ich im Laufe des Abends noch ein paar Tippfehler in diesem Text korrigiert.

Podgast (XI) – Bei Longtake zu Captain America: Civil War

Longtake“, der Podcast von Johannes, Lucas Barwenczik und Lukas Markert ist recht schnell mein Lieblingsfilmpodcast aus dem deutschsprachigen Raum geworden. Mir gefällt die Gesprächsdynamik zwischen den drei Sprechern, die durchaus etwas an die des lange von mir geschätzten “/Filmcast” erinnert; ich mag auch die Tatsache, dass der Podcast vergleichsweise dicht ist, mit geschriebenen Anmoderationen, Leuten, die sich Mühe geben, auf den Punkt zu reden und im Zweifelsfall auch ein bisschen Schnitt, den man aber nicht merkt.

Deswegen habe ich mich gefreut, als mich die drei Kollegen eingeladen haben, als Gast in ihre Sendung zu Captain America: Civil War zu kommen und so meine Tour durch die Podcasts der Republik (ohne selbst einen Podcast zu haben) fortzusetzen. Leider waren wir alle vier nicht besonders begeistert vom Film, was irgendwie schade ist, weil wir uns auch alle drauf gefreut hatten. (Ich entschuldige mich außerdem für ein paar Probleme auf meiner Tonspur.)

Was genau wir zu bemängeln hatten, könnt ihr selbst hören

Die Geschichte des V – Warum wir Helden gegeneinander antreten lassen

© Warner Bros.

Als Batz das Zitat twitterte, konnte ich es kaum glauben: David Goyer hat 2005 in der “L.A. Times” gesagt: “‘Batman Vs. Superman’ is where you go when you admit to yourself that you’ve exhausted all possibilities.” Heute, elf Jahre später, steht er als Koautor auf dem Plakat von Batman v Superman: Dawn of Justice.

Das Zitat stammt natürlich aus einer Zeit als der moderne Superheldenfilm noch am Anfang stand. Damals gab es noch kein Marvel Cinematic Universe, keinen Avengers-Film, keine zwei einander treffenden X-Men-Generationen in Days of Future Past. Das Superheldenkino hatte noch nicht angefangen, die Erzählmechanismen von Comics für sich zu apropriieren. Ist an Goyers Satz trotzdem etwas dran? Immerhin ist “Batman vs. Superman” ja doch ein bisschen was anderes als die Superhelden-Teams, die wir inzwischen aus Marvelfilmen kennen, und die wir mit Suicide Squad und Justice League bald auch von DC bekommen werden. Hier tun sich – zumindest laut Titel – nicht zwei Helden zusammen, um gemeinsam einen Big Bad zu bekämpfen, sondern sie treten gegeneinander an.

A Bit of Circus Hoopla

“It’s somewhat of an admission that this franchise is on its last gasp”, sagt Goyer in dem “L.A. Times”-Artikel weiter – und tatsächlich scheint das eine populäre Meinung zu sein. Filme mit einer Konfrontation zweier bekannter Charaktere im Titel sind der letzte Strohhalm, wenn einem nichts Besseres mehr einfällt. Auch Tim Robey vertritt diese Ansicht im “Telegraph”: “Traditionally, these face-offs are devised when both brands are at something of a low ebb, and need a bit of circus hoopla drummed up to get bums back on seats.”

Als Beispiele führt Robey die gesamte Filmgeschichte an. Von den ersten “Meets” Filmen aus dem Hause Warner Bros., die ihre Horror-Ikonen gegeneinander antreten ließen (Frankenstein Meets the Wolfman) über King Kongs diverse Gegner in den 60er Jahren bis zu moderneren Hahnenkämpfen wie Alien vs Predator oder Freddy vs Jason. Die Kraft der zwei Franchises wird beschworen, wenn eine alleine nicht mehr trägt. Das neueste Beispiel heißt The Ring vs. The Grudge.

Ultimate Showdown of Ultimate Destiny

Aus rein wirtschaftlicher Sicht also alles klar. Aber man muss sich nur mal umsehen, um festzustellen, dass Geldüberlegungen auf keinen Fall der einzige Grund dafür sind, dass es Filme mit “Vs” im Titel gibt. Die Nerdkultur ist voll mit Debatten darüber, wer in einem hypothetischen Kampf gewinnen würde. Und nicht nur die Fantasy-SciFi-Nerdkultur. Der YouTube-Kanal Epic Rap Battles of History hat das Konzept mit dem Battle-Rap-Element der Hip-Hop-Kultur kombiniert. Der Film Rocky Balboa beginnt damit, dass Sportkommentatoren einen Computer einen ebensolchen hypothetischen Kampf simulieren lassen, was vor allem in der US-Sportwelt heutzutage ständig passiert. Ultimate Showdowns of Ultimate Destiny sind überall.

Der Ursprung liegt natürlich im Fandom, und deswegen ist es auch kein Wunder, dass Sport neben Nerdkultur das zweite große Spielfeld für Vs-Kämpfe ist. Schon im sprichwörtlichen Sandkasten haben wir als Kinder unsere Actionfiguren gegeneinander gehauen oder mit Quartett-Karten Autos und andere Dinge verglichen. Wer ein “echter” Fan ist, entscheidet sich aber irgendwann für einen Verein oder für eine Figur und verteidigt deren Ehre bis aufs Blut. “Superman ist besser!” – “Batman ist besser!” – “Anscheinend gibt es nur einen Weg, herauszufinden, wer recht hat.” Und schon haben wir einen Vs.-Film.

Hinzu kommt, davon bin ich noch immer fest überzeugt, unsere Sehnsucht nach einem alles verbindenden fiktionalen Universum. Eigentlich kann Superman Batman nicht treffen, weil beide in unterschiedlichen Comicreihen zu Hause sind. Aber wäre es nicht cool, wenn sie sich treffen könnten? Dann könnten sie auch gegeneinander kämpfen … und schwupps haben wir Crossovers und fiktionale Universen.

Der salomonische Kanon

Das wichtigste Element des letzten Punktes ist die Verbindlichkeit. Schafft der Verlag, das Filmstudio, der TV-Sender den Crossover selbst, dann ist das Ergebnis des Kampfes mehr als nur eine hypothetische Nummernspielerei oder eine epische Fanfiction. Es ist Kanon, mit offiziellem Siegel: So würde der Kampf ausgehen. Für fanatische Anhänger gibt es nichts, was vermeintlich befriedigender ist, in letzter Instanz aber immer zu Frust führen muss.

Denn natürlich, und das ist das letzte interessante Element, wird sich niemals eine offizielle Stelle dazu bringen, einen Vs-Kampf endgültig zu entscheiden. Die Mächte des Kanons wären schön blöd, wenn sie eins der beiden miteinander konfrontierten Franchises erst durch eine endgültige Niederlage beleidigen und dann durch Nicht-Fortsetzung verlieren würden. Und deshalb gehen titanische Vs-Kämpfe am Ende immer zu einem gewissen Grad unentschieden aus. (Es folgen Spoiler bis zum Ende des Absatzes) Der Kampf zwischen Godzilla und King Kong wird von einem plötzlichen Erdbeben unterbrochen und Godzilla stürzt zwar ins Meer, aber tot ist er nicht (wie dutzende Fortsetzungen beweisen). Jason hat Freddy den Kopf abgeschlagen, dieser zwinkert aber noch. Die Predators gewinnen den Kampf, aber einer von ihnen ist der nächste Wirt für eine neue Alien-Generation. Thors Hammer trifft Captain Americas Schild, aber beide werden zurückgeschleudert. Und so weiter und so weiter.

Das ist alles sehr salomonisch und es scheint die einzige Art zu sein, diese Konflikte, nach denen nicht nur geldgierige Studioheinis sich sehnen, auszufechten. Am Ende wollen wir nämlich gar nicht wissen, wer gewinnt. Wir wollen nur den Kampf sehen. Und wir wollen die Option, ihn jederzeit zu wiederholen.

Danke an Denis Krick und Jörg Buttgereit für die Vorgespräche.

Content is King – Erfolgreiches Content Marketing für Kinofilme

Die größte Lektion, die er in der Herstellung seines ersten Films The Primary Instinct gelernt habe, sei, wie unfassbar schwierig es sei, Menschen dazu zu bekommen, den eigenen Film zu sehen, sagt David Chen in einem Interview. “Unsere Wettbewerber sind heutzutage nicht mehr nur andere Filme, sondern all die kostenlose Unterhaltung, die es im Internet gibt.” Chen muss es wissen. Er produziert selbst einen Teil davon, dreht YouTube-Videos und nimmt diverse recht erfolgreiche Podcasts auf. Im Hauptberuf war er allerdings bis vor kurzem auch noch in der Marketing-Abteilung von Microsoft tätig. So kam er auf die Idee, für The Primary Instinct kreatives “Content Marketing” zu verwenden.

Jeder Mensch, der diese Kolumne liest und in seinem Beruf nur entfernt etwas mit Marketing und PR zu tun hat, dürfte gerade aufgestöhnt haben. “Content Marketing” ist der Begriff, mit dem in Werbekreisen zurzeit so inflationär um sich geworfen wird wie mit Maskottchenpuppen nach Ende einer Fußball-WM. Kein Wunder, denn der Gedanke dahinter ist clever: Diejenigen, die den Film vermarkten wollen, schaffen Inhalte, die für sich gesehen interessant sind und deswegen ein Publikum finden, aber gleichzeitig indirekt für ein anderes Produkt, also den Film, werben. In Chens Fall bedeutet das zum Beispiel, den Schauspieler Stephen Tobolowsky, dessen Storytelling-Bühnenshow der Hauptinhalt von The Primary Instinct ist, andere Geschichten erzählen zu lassen, und diese über verschiedene Kanäle zu verbreiten. Man müsse sich überlegen, was andere Medien ihren Konsumenten normalerweise gerne anbieten, sagt Chen, und dann versuchen, dem in die Arme zu spielen.

Weiterlesen auf “kino-zeit.de” …

“Raise the Stakes!” – Der Einsatz in Actionfilmen, 1981-2015

UPDATE: Ich habe auch die Jahre 1981-1990 eingefügt.
INFO: Working on an English version.

“Raise the stakes” is something that every executive must learn on the first day of executive school.
– Paul Wernick, Drehbuchautor von
Deadpool

Deadpool hat jede Menge Geld eingespielt. Und das obwohl er “R-Rated” war, obwohl Ryan Reynolds als Superheld bisher gefloppt war, obwohl er nur ein Budget von 58 Millionen Dollar hatte. Und, das wird auch immer wieder von den Fürsprechern lobend erwähnt, obwohl er nur einen so kleinen Konflikt im Zentrum hatte. Deadpool will den Menschen finden, der ihn entstellt und seine Freundin entführt hat. Dem Schicksal der Welt könnte das nicht egaler sein.

Im Interview mit Jeff Goldsmith sprechen die Autoren von Deadpool davon, dass ihnen wenig in ihr Drehbuch hineingequatscht worden wäre. Nur bei der Sache mit den “Stakes”, dem Einsatz des zentralen Konflikts, hätten sie ihre kleine Geschichte verteidigen müssen, weil es in Hollywood zurzeit so en vogue ist, dass immer mehr auf dem Spiel stehen muss, als nur die persönliche Genugtuung des Helden.

Diese Klage ist nicht neu, auch ich habe sie schon mal angestimmt, Damon Lindelof hat sie bestätigt. Heute muss es in großen, teuren Blockbustern immer gleich um alles gehen. Nicht wie früher, als auch kleinere Konflikte reichen.

Aber stimmt das überhaupt? Ich habe mir Blockbuster* zwischen 1991 und 2015 angesehen und danach bewertet, was dort jeweils der zentrale Einsatz ist. Geht es nur um einen persönlichen Konflikt? Steht das Schicksal einer Stadt auf dem Spiel? Eines Landes? Oder droht die Welt, wie wir sie kennen, unterzugehen?**

Das Ergebnis: Es stimmt. Während in den 90ern noch persönliche Konflikte oder die Bedrohung einer Stadt das Gros der Einsätze ausmachten, hat sich die Balance bis in die 2010er Jahre ins Gegenteil verschoben. Im weitaus größten Teil der Konflikte geht es heute um das Schicksal der ganzen Welt.

Nun sind die 2010er Jahre ja noch nicht vorbei, die Datenlage ist dort also kleiner. Aber auch wenn man die Daten in Fünf-Jahres-Schritten betrachtet, sieht man, dass die Weltbedrohung Stück für Stück an Boden gewinnt und kleinere Konflikte weniger werden.

Der Eindruck täuscht also nicht. Es geht heute tatsächlich größer zu als noch vor 20 Jahren. Wegweisende Filme auf diesem Weg scheinen Independence Day und Armageddon gewesen zu sein und dann die zweiten, dritten und vierten Teile der Franchises, die alle irgendwann in die Falle des Poochie Effekts treten: die Stadt haben wir letztes Mal schon gerettet, dieses Mal steht die Zivilisation auf dem Spiel. An den X-Men kann man diese Entwicklung in den vier Filmen mit der “Stammbesetzung” beispielhaft gut sehen. Mutanten gegen Mutanten, Mutanten gegen den Rest der Welt, Mutanten gegen das Ende der Welt, Mutanten gegen das Raum-Zeit-Kontinuum.

Drei Fragen bleiben: Wie lange kann dieser Trend noch anhalten? Gibt es bereits eine Rückkehr zu kleineren Geschichten à la Deadpool? (The Winter Soldier und Iron Man 3 werfen die Helden beide zunächst auf sich selbst zurück, nur um sie dann doch gegen große Bedrohnungen kämpfen zu lassen) Und wie war das ganze eigentlich vor 1991?

Letzteres wäre vor allem deswegen interessant, weil darin auch der Ursprung der Datensammlung lag. Fühlen wir uns heute wieder mehr wie in den 80ern? Ist das gesellschaftliche Narrativ einer bevorstehenden Apokalypse (vielleicht sogar der heimliche Wunsch danach) wieder gegenwärtiger geworden? Oder glauben wir längst, dass wir langsam zu Grunde gehen werden? Um das zu sagen, muss ich erst noch mehr Daten sammeln. Die Daten zeigen: In den 1980ern waren “kleinere” Geschichten auch deutlich prominenter als heute. Die Vermutung liegt also nah, dass die Steigerung weniger mit Zeitgeist und mehr mit den Möglichkeiten von Visual Effects zu tun hat.

Danke an Kathrin für die Idee


* Datengrundlage sind Filme, die in der IMDB im Genre “Action” eingeordnet sind, dort jeweils die zehn mit den höchsten US-Einspielergebnissen in jedem Jahr. (Beispiel) Eine bessere Metrik war schwer zu finden, da bei Sortierung nach Beliebtheit auch Serienfolgen angezeigt werden und das weltweite Box-Office nicht zur Verfügung stand. Einen gewissen Action-Anteil müssen die Filme meiner Ansicht nach haben, um eine solche Aufstellung überhaupt machen zu können.

** Natürlich steht nicht immer exakt eine Stadt oder ein Land auf dem Spiel. Auch das Leben von größeren Menschengruppen habe ich als “Stadt” erfasst und die Existenz von auf Landesebene operierenden Organisationen als “Land”. Es ging vor allem darum, ein ungefähres Gefühl für die Dimensionen der Bedrohung zu klassifizieren. Hier ist das Spreadsheet, meckern bitte in den Kommentaren.

Fünf kanonische Filme, die meinen Blick auf das Kino verändert haben

“Klassiker sind nicht umsonst Klassiker” ist ein sehr nach Binsenweisheit klingender Satz, den ich nichtsdestotrotz immer wieder gerne sage. Denn manchmal scheint es mir, als sei er alles andere als selbstverständlich. In einer Zeit, in der wir das Überangebot der gesamten Kulturgeschichte irgendwo auf Abruf haben, neigen wir als Menschen trotzdem gerne dazu, uns dem einfachen, naheliegenden zuzuwenden.

Kanonische Filme, Klassiker aus der Zeit vor unserer Geburt hingegen haben – von einigen Ausnahmen abgesehen, die auf Ritualen beruhen wie Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, oder die “leicht” genug sind, um von uns in eine andere Schublade gesteckt zu werden, wie ein Laurel-und-Hardy- oder ein Disney-Film – den Ruf, grundsätzlich erstmal anstrengend zu sein. Sie sind alt, das heißt: sie sind irgendwie anders. Sie entsprechen nicht unseren antrainierten Sehgewohnheiten. Und dann sitzen wir vor unserem Netflix-Menü und wählen doch lieber eine Komödie von 1992 als eine von 1962, obwohl die von 1992 eine viel schlechtere Stern-Wertung hat und die von 1962 als absoluter Klassiker gilt.

Irgendwie wichtig

“Klassiker sind nicht umsonst Klassiker”, sage ich unter anderem immer dann, wenn mich jemand fragt, warum oder welche “alten” Filme ich mag. Denn gerade im Kino ist das eine Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe. Nur sehr wenige Filme sind in den Kanon der besten Filme aller Zeiten eingegangen, weil sie “irgendwie wichtig” aber ansonsten todlangweilig sind. Sicher, es gibt sie, die sperrigen, anstrengenden Kunstfilme, durch die man sich nur durchquält, weil man muss oder weil man sollte. Die meisten Klassiker aber haben sich ihren Namen deshalb verdient, weil sie ohne jede Einschränkung gute Filme sind. Sie sind spannend oder unterhaltsam, verstörend oder provozierend, angenehm rätselhaft oder saukomisch. Egal wie alt sie sind.

In meiner Beschäftigung mit Film, erst als interessierter Teenager, dann als Filmwissenschaftsstudent und schließlich als Autor und Journalist, bin ich immer wieder einzelnen Filmen begegnet, die wie kleine Erweckungserlebnisse waren. Nicht nur, weil sie gut waren, obwohl sie nicht mehr meinen aktuellen Sehgewohnheiten entsprachen, sondern weil mir, während ich sie sah, plötzlich irgendetwas klar wurde. Sie stellten meine Vorstellung von bestimmten, das Kino betreffenden Dingen auf den Kopf. Sie ließen mich etwas verstehen, was ich vorher immer nur geahnt hatte. Sie zeigten mir den Ursprung (oder zumindest einen Ursprung) von Elementen, die ich in neueren Filmen schon oft gesehen hatte – als Mutterschiff, das immer noch da draußen herumfliegt.

Fünf von diesen Filmen möchte ich heute mit euch teilen. Ich erlaube mir, ein bisschen gefühlte persönliche Weisheit weiterzugeben. Und wenn ihr zwar filmbegeistert seid, aber es eigentlich nicht so mit Klassikern habt. Oder nur Klassiker in bestimmten Sparten guckt, zum Beispiel Science-Fiction, dann tut mir den Gefallen. Guckt diese fünf Filme. Vielleicht öffnen sie euch genauso die Augen wie mir.

(Die Liste erfolgt in chronologischer Reihenfolge der Entstehung der Filme, nicht in der Reihenfolge, in der ich sie gesehen habe.)

1. Броненосец Потёмкин (Panzerkreuzer Potemkin), Sergei Eisenstein, 1925

Wer sich irgendwie mit Film beschäftigt, dem läuft dieser Titel irgendwann über den Weg. Vielleicht hat sie schon einmal von “Attraktionsmontage” gehört oder er hat Ausschnitte aus der oder Parodien auf die Sequenz auf den Stufen von Odessa gesehen. Als ich 2005 in meinem Erasmus-Semester in Edinburgh den Screeningraum betrat, hatte ich mit dem Stummfilmkino eigentlich innerlich schon abgeschlossen. Ich konnte selbst über Chaplin immer schon nur ein bisschen schmunzeln und so schön ich zum Beispiel Metropolis designt oder Nosferatu kadriert fand – Stummfilme verlangen einem schon eine echte Umstellung ab, vor allem, wenn man sie nicht im Kino sieht. Ohne die Tonebene, die einem immer wieder neue Reize bietet, mit einem Schauspielstil, der mit dem Tonfilmschauspiel nur wenig zu tun hat (einer der Gründe, warum moderne Stummfilmparodien oft so fake wirken, es braucht eben mehr als Texttafeln und Klimperpiano), sind die meisten Stummfilme schon eher Studienobjekte als Erlebnisse.

Aber dann kam Sergei Eisenstein und blies mich in nur knapp über einer Stunde Laufzeit völlig aus den Socken. Panzerkreuzer Potemkin widersprach allem, was ich bis dato über das Stummfilmkino zu wissen glaubte. Intellektuell schießt er vielleicht nicht immer genau in die Richtung, in die er zielt, aber dieser Film ist einfach ein Feuerwerk aus Eindrücken, Rhythmus, Bildern und Drama. Er zeigt, dass stummer Film viel viel mehr sein kann als abgefilmtes Theater. Und zum Glück gibt es noch viel mehr stumme Filme, die auch für heutige Augen noch reizvoll genug sind. Man muss sie nur finden.

2. The Big Sleep (Tote schlafen fest), Howard Hawks, 1946

“Film noir und Neo Noir” hieß das Seminar bei Marcus Stiglegger, das ich gleich im ersten Semester meines Filmwissenschafsstudiums in Mainz besuchte, und The Big Sleep war einer der ersten Filme, die ich dafür guckte. Das große Erweckungserlebnis hier war Humphrey Bogart, beziehungsweise nein: Es war Humphrey Bogart als Philip Marlowe. The Big Sleep führte mir mit einer unglaublichen Klarheit zwei Dinge gleichzeitig vor Augen: 1. Warum Humphrey Bogart einer jener Stars ist, die in keinem Bild mit dem Thema “Hollywoodstars” fehlt und 2. Woher mein inneres Bild von Privatdetektiven stammt.

Wer will, darf jetzt “Aber The Maltese Falcon!” brüllen, der ja schon einige Jahre zuvor ähnliche Elemente kombiniert. Und sicher stammt Bogarts Starruhm eher aus Casablanca, der auch älter ist. Aber keiner der beiden Filme hat Lauren Bacall, die zu diesem Zeitpunkt bereits mit Bogart liiert war, und die einfach Funken von der Leinwand sprühen lässt, wenn sie “You know how to whistle, don’t you?” mit ihm herumfrotzelt*. The Big Sleep hat mich verstehen lassen, warum manche Schauspieler Stars sind und andere nicht. Und das war damals für mich eine völlig neue Erkenntnis.

3. À Bout De Souffle (Außer Atem), Jean-Luc Godard, 1959

Ich wiederhole mein Geständnis: Vor Beginn meines Studiums hatte ich den Begriff “Nouvelle Vague” noch nie gehört. Kaum hatte ich mit dem Studium angefangen, flog er mir aber natürlich ständig um die Ohren. Und als ich À Bout de Souffle dann eines Tages endlich sah, jenen Film, der wie kein anderer als Startschuss der Bewegung gilt, wusste ich auch, warum alle Fiwis ständig davon sprachen. Auf irgendeine Weise repräsentiert Godards Debütfilm den unterschied zwischen “neu” und “alt” im Kino.

Geboren aus dem Willen eines Kritikers, bei seinem eigenen Film alles anders zu machen, rebelliert er gegen fast jede Konvention des Kinos. Nicht nur wegen seiner berüchtigten jump cuts sondern auch, weil er so tut als wäre er ein Genrefilm (die Haupthandlung dreht sich um einen Kleinganoven auf der Flucht), aber eigentlich keiner ist. Weil er zu großen Teilen aus der Hüfte gedreht wurde, ohne Sets und Lichtaufbauten. Weil er über weite Strecken nichts anderes zeigt, als das Herumalbern zweier Liebender. Weil er Figuren zeigt, die sich nach Filmstars der Vergangenheit modeln. Und er macht das alles ohne jeden schweren Kunst- oder Avantgarde-Gestus. Er ist witzig, frech, leichtfüßig und durchgeknallt sympathisch, der Pulp Fiction seiner Generation. Alle “neuen Wellen”, die danach kamen, egal wo auf der Welt, müssen sich für mich an À Bout de Souffle messen lassen – und kaum eine von ihnen hat jemals wieder diese anfängliche Leichtigkeit erreicht, als das Kino einfach mal so entschied, dass es fortan anders sein wollte.

4. Annie Hall (Der Stadtneurotiker), Woody Allen, 1977

Annie Hall ist tatsächlich der Film aus dieser Liste, den ich als erstes gesehen habe. Irgendwann zwischen meiner letzten Abiprüfung und meiner ersten Semesterwoche anderthalb Jahre später, als ich erstmals damit anfing, mich gezielt mit Filmklassikern zu beschäftigen und sie mir auf VHS-Kassette aufzunehmen. Ich kannte den Namen Woody Allen, ich hatte Ausschnitte aus Everything You Always Wanted to Know About Sex gesehen, und ich kannte dieses merkwürdige Wort “Stadtneurotiker”, aber viel mehr wusste ich nicht. Meine Güte, was habe ich gelacht.

Da steht dieser Typ ganz am Anfang des Films und spricht direkt in die Kamera. Später holt er einen bekannten Menschen (nein, ich wusste noch nicht, wer Marshall McLuhan war) plötzlich in die Szene, als er ihn braucht. Er redet mit einer Frau, in die er verknallt ist, und es erscheinen Untertitel, was die beiden wirklich sagen. Das ganze ist schrecklich albern und gleichzeitig schrecklich klug. Als jemand, der nie allzuviel mit körperlicher Komik anfangen konnte (siehe oben) und auf einer Diät aus Otto Waalkes und Jürgen von der Lippe großgeworden war, war diese Art von intellektuellem, sich selbst auf die Schippe nehmendem, Meta-Humor eine echte Erweckung. IN EINEM FILM, DER 25 JAHRE ALT WAR. Ich war so glücklich danach, einfach weil ich plötzlich wusste, dass es solche Filme gibt.

5. Festen (Das Fest), Thomas Vinterberg, 1997

Als einziger Film in dieser Aufstellung ist Festen nach meiner Geburt entstanden. Von meinen Hollywood-geprägten Mainstream-Sehgewohnheiten könnte er trotzdem nicht weiter entfernt sein. Obwohl er mit einigen seiner selbst auferlegten Dogma 95-Regeln direkt wieder bricht, ist er trotzdem wiederum der bewusste Versuch, das Vertraute zu verändern. Nicht unbedingt auf der Handlungsebene, denn Festen ist psychologisch stimmig und kalkuliert schockierend, aber doch vor allem durch eine völlig neu entfesselte Ästhetik, geprägt von Anthony Dod Mantles Handkamera und der fehlenden Ausleuchtung.

Festen findet kreative Lösungen für selbstgemachte Probleme und zwingt sich so seine eigene Frische auf, aber weil er sich genug Bodenständigkeit bewahrt, driftet er nie in kryptisches Kunstkino ab. Dass Filme das können – kunstvoll und ungewöhnlich sein ohne das im Zweifelsfall unerfahrene Publikum auszusperren – hat mich tief beeindruckt, damals Anfang der nuller Jahre. In vielen Filmen suche ich immer noch danach.

Aktuell und passend dazu: Lucas Barwenczik über die Frage “Altern Filme?”

* Peter “Noster” Schneider hat mich auf Twitter freundlicherweise darauf hingewiesen, dass die Pfeifzeile aus To Have and Have Not stammt, dem ersten Film, den Bogart und Bacall zusammen gemacht haben. Ich habe beide gesehen, aber durcheinandergebracht (weil ich auch beide mag). Schuld ist, glaube ich, Nik Kershaw mit dem Song “Bogart”, an den meine Erinnerung etwas frischer ist. Dort heißt es nämlich “Wish I could whistle like The Big Sleep‘s famous lover”. Shame on you, Nik und danke, Peter.

Deadpool ist erst der Anfang des pubertären Superheldenkinos

Ich habe mich lange nicht mehr mit 13-Jährigen unterhalten. Also mache ich jetzt das, was man eigentlich nicht machen sollte und was trotzdem alle Journalisten machen. Ich extrapoliere aus meiner eigenen Erfahrung. Als ich 13 war, das war 1996, habe ich unter anderem folgende Dinge getan. Ich hatte eine Band (die nie aufgetreten ist) mit einem einzigen, auf lustig getrimmten Lied, das beschrieb, wie Menschen auf grausame Art zu Tode kommen. Ich spielte einen Rollenspielcharakter namens Thorn, einen Typ im langen Ledermantel mit Sonnenbrille, der Wolverine-ähnliche Krallen besaß (und sehr mysteriös war). Ich behauptete nach dem Umzug in eine neue Stadt, ich hätte an meinem letzten Wohnort eine feste Freundin (was nicht stimmte). Ich las in einem “Coupé”-Heft, dass ich irgendwie bekommen hatte, über die sexuellen Vorlieben versauter Luder (oder so ähnlich).

Ich hatte dann irgendwann mal ein Gespräch mit meinen Eltern, die mich fragten, ob ich das eigentlich wirklich witzig finde mit den ganzen Toden, was ich weinend verneinte. Ich habe irgendwann angefangen, im Rollenspiel Charaktere zu spielen, die eher meiner verkopften Natur entsprachen. Ich hatte eine real existierende Freundin. Ich schäme mich für nichts, was ich mit 13 getan habe, denn ich war erst 13. Tod, Gewalt, Liebe und Sexualität waren merkwürdige Unbekannte, mit denen ich noch nicht wirklich in Berührung gekommen war. Es war mir aber wichtig, nach außen zu zeigen, dass sie mir nichts anhaben konnten. Also tat ich abgebrüht, während ich mich heimlich schrecklich davor fürchtete.

Die zwei Schulen des Superheldenfilms

Der moderne Superheldenfilm hat in der Zeit seit seiner Geburt Ende der 70er Jahre diverse Stadien durchlaufen und ein paar Eckpfeiler eingeschlagen, zwischen denen sich die meisten Filme, die so entstehen, irgendwo einsortieren lassen. Grob vereinfacht nenne ich die beiden Haupt-Schulen des 21. Jahrhunderts mal die Nolan/Goyer-Schule, die andere die Whedon/Singer-Schule. Nicht ganz zufälligerweise korrespondieren die beiden Schulen auch mit den beiden größten amerikanischen Comic-Verlagen DC und Marvel und mit Autorenströmungen, die es dort gab. Zum Beispiel mit Autoren wie Frank Miller oder Chris Claremont. Immer noch vereinfacht sieht die eine Schule Superhelden als verzweifelte Menschen in einer nihilistischen Welt, die sich entscheiden, die Welt irgendwie ein bisschen weniger beschissen zu machen; die andere sieht sie als hoffnungsvolle Menschen in einer Welt voller Graustufen, die sich bemühen, das Richtige zu tun, obwohl sie fehlbar sind. Beiden Schulen gemein ist, dass sie versuchen, das fantastische Superheldentum irgendwie in dem zu verankern, was sie für “Realität” halten. “Realistisch” bedeutet allerdings für die einen “Hart und grausam”, für die anderen “verwirrend und vielschichtig”. Ich finde, beide Schulen haben ihre Berechtigung.

Beide Schlagrichtungen legen diese Maßstäbe unter anderem auch deswegen an ihr Werk an, würde ich behaupten, weil sie beweisen wollen, dass Superhelden durchaus etwas “Erwachsenes” sein können. Die ursprüngliche Zielgruppe von Superheldencomics war seit den 30er Jahren minderjährig, wahrscheinlich noch nicht einmal jugendlich, doch nachdem Comics in den 70ern ihr Massenpublikum verloren und langsam ein Nischenprodukt wurden, wuchsen die Comics mit ihren Lesern mit. Spätestens in den 80ern ging es den oben genannten Autoren aktiv darum, zu beweisen, dass auch Superhelden komplexe Charaktere sind, deren Geschichten etwas über unsere Welt aussagen können. Sie sind nicht bloß etwas für Kinder mit einfachen Moralvorstellungen und sie sind nicht bloß alberner, amüsanter Camp.

Der Stinkefinger im Kino

Doch die Comicbranche ist beileibe nicht nur bevölkert von Menschen, die erwachsene Geschichten erzählen wollen. Insbesondere in den 90ern regierte in Verlagen wie Image Comics auch das große Verlangen, mit den Bildergeschichten einfach nur eine diffuse Vorstellung von “cool” und “extrem” zu bedienen und dem Rest der Branche den Finger zu zeigen. Jetzt, zwanzig Jahre später, wo der Superheldenfilm als zwar nicht unbedingt immer anspruchsvolles, aber doch erwachsenes Genre etabliert ist, kommt diese Attitüde auch ins Kino.

Rob Liefeld, der Schöpfer des Comichelden Deadpool – mit dem Ryan Reynolds diese Woche im Kino startet – beschreibt dessen Genese Anfang der 90er auf “io9” als “Spider-Man with guns and swords”. Sein Partner Fabien Nicieza ergänzt:

“Unfortunately, his brain is my brain, in all its sad, pathetic glory,” Nicieza said. “Most of us have a filter. If I said a tenth of the things I think I’d get my ass kicked every day. Deadpool is that without the filter. He has the biological excuse that he can’t filter himself, so he can say the most inappropriate things, go off on complete tangents, and pull cultural references out of his ass all in one panel.”

Mit anderen Worten: Liefeld und Nicieza koppelten eine Wunschvorstellung im Look (Spider-Man + Waffen) mit einer Wunschvorstellung in der Einstellung (Sagt, was immer ihm in den Kram passt, “herrlich politisch inkorrekt”). Das Ergebnis kam bei den Fans extrem gut an. Deadpool lässt sich nichts gefallen und er kann alles. Er ist mysteriös und respektlos. Er ist ein Söldner, das heißt er hat keine Prinzipien. Wenn ihm etwas im Weg steht, macht er entweder einen gemeinen Witz drüber oder er schießt es zu Klump. Kurzum: Er ist die Wunschvorstellung jedes Teenagers, oder – wie Manfred Riepe es in “epd Film” ausdrückt: eine “Masturbationsfantasie für kleine Nerds, sich ganz groß erleben zu dürfen.

Nicht alle Kritiker gehen mit Deadpool so hart ins Gericht wie Riepe. Aber fast jeder erwähnt, wie sehr der Film auf pubertäre Fantasien zurückgreift. Sam Adams (“Indiewire”) schreibt: “If I were 13 years old, Deadpool would be the coolest thing I’d ever seen, (…) it indulges every vice of “mature” superhero comics while simultaneously sending them up.” Es ist ein gigantisches “Fuck You” an Mama und Papa.

Absolut loco

Doch Deadpool ist nur einer von zwei Superheldenfilmen, die dieses Jahr die pubertäre Vorstellung von Coolness zurück ins Kino schieben wollen (Spawn, eine Image-Comics-Verfilmung, hatte es in 90ern auch schon mal versucht). Der andere ist Suicide Squad von Regisseur und Autor David Ayer. Auch hier besteht der “rebellische” Gedanke hauptsächlich darin, dass die “Helden” gleichzeitig völlige Psychopathen sind. Kriminelle, die widerwillig von der Regierung angeheuert werden um jene zu töten, die noch schlimmer sind als sie selbst. Große Teile des erfolgreichen Trailers zur Musik von “Bohemian Rhapsody” werden darauf verwendet zu etablieren, wie absolut loco diese “Worst Heroes Ever” sind, allen voran Margot Robbie als durchgeknalltes Clownschulmädchen Harley Quinn.

Protagonisten wie Deadpool und die Suicide Squad – der eine übrigens von Marvel, die anderen von DC, die Herkunft spielt also keine Rolle – repräsentieren genau jene Ecke der Nerdkultur, von denen sich manche Nerds heute gerne distanzieren würden. Sie sind fleischgewordene Fantasien von Männern mit “arrested development”, stehengeblieben auf dem Niveau eines 13-Jährigen, die sich immer noch vor der komplexen Welt der Erwachsenen fürchten und dagegen ankämpfen, indem sie Gewalt und Sex endlos fantastisch überhöhen. Diese Männer, und es sind eigentlich immer Männer, sind eindeutig die Zielgruppe von Deadpool, der ein R-Rating (ab 17) in den USA bekommen hat. Und sie stehen nicht nur hinter solchen Comics, sie stehen auch hinter Gamergate und den “Sad Puppies“. Es sind die Protagonisten des Ärzte-Songs “Der Infant“: “Jetzt bin ich endlich groß und die Hölle bricht los.”

Nicht kindlich, sondern ein paar ätzende Jahre älter

Vielen Filmen wird heutzutage teilweise völlig zurecht vorgeworfen, dass sie ihr Publikum entmündigen und ihm eine tief in Nostalgie getauchte Welt zeigen, die vor allem kindliches Erstaunen hervorrufen soll. Doch Deadpool und Suicide Squad sind nicht kindlich, sie sind ein paar ätzende Jahre älter. Und welche Auswüchse diese pubertären Ideen annehmen können, lässt sich vielleicht am ehesten an einem Zeichenwettbewerb festmachen, den DC Comics vor anderthalb Jahren ausschrieb. Fans sollten ein Panel eines kommenden Hefts mit folgender Beschreibung zeichnen:

Harley [Quinn] sitting naked in a bathtub with toasters, blow dryers, blenders, appliances all dangling above the bathtub and she has a cord that will release them all. We are watching the moment before the inevitable death. Her expression is one of “oh well, guess that’s it for me” and she has resigned herself to the moment that is going to happen.

Eine nackte Frau, die Selbstmord begeht. Extrem cool, extravagant und grenzüberschreitend – wenn man 13 ist. Dem Rest der Welt war es dann aber doch etwas zu bescheuert und in letzter Instanz auch gefährlich, gerade für echte Teenager. DC entschuldigte sich pflichtschuldig, aber wohl eher, um die Kritiker zu besänftigen. Es gibt schließlich noch genug Leute da draußen, die es für den ultimativen Ausdruck von Abgefahrenheit halten, sich “damaged” auf die Stirn zu tätowieren.

Die kleinen Preise

Im Booklet von Michael Jacksons Greatest-Hits-Album mit dem so genial hybrisschwangeren Titel HIStory – Past, Present and Future, Book 1 (zu dem es nie ein Book 2 geben würde) findet sich eine Auflistung aller Preise, die der King of Pop jemals gewonnen hat. Und schon damals 1995, als ich die Liste in meinem Kinderzimmer ehrfurchtsvoll durchlas, wunderte ich mich, dass dort auch mehrere “Bravo Otto: Gold Award” verzeichnet sind. “Wirklich”, dachte ich, “dafür interessiert sich Michael Jackson? Dass er einen goldenen Bravo-Otto gewonnen hat?”

Preise sind so eine Art notwendiges und manchmal auch amüsantes Übel im Zirkus der Kulturproduktion. Sie sind Richtschnur für die Außenstehenden, Marketinginstrument und möglicherweise wichtige Booster für die Karriere einzelner Künstler. Sie sind Anerkennung der eigenen Branchengenossinnen und Anlass für aufwändige Galas und rauschende Feste.

Wie bei den Bambi-Galas

Wenn man als Künstler relativ am Anfang steht und kein reinster “l’Art pour l’Art”-Mensch ist, freut man sich mit Sicherheit über jeden Preis, den man gewinnt. Genug Eindruck gemacht zu haben, dass andere Menschen einen dafür ehren wollen, das ist schon was. Aber wie ist es, wenn man etwa als Filmstar schon auf Oscar-Niveau angekommen ist? Freut man sich dann eventuell noch über einen Gilden-Award, weil dort nur die eigene Branche wählt? Freut man sich über eine Auszeichnung in einem Gebiet, wo man vermeintlich noch nicht bekannt war, zum Beispiel in Asien? Oder könnte einem das eigentlich nicht egaler sein, wo man überall in Abwesenheit kleine Preise verliehen bekommt, in jeder mickrigen Filmzeitschrift der Welt beispielsweise. Undotierte Preise natürlich.

Ich veröffentliche jedes Jahr meine persönliche Bestenliste, weil ich weiß, dass sie manche Leute interessiert aber hauptsächlich, weil ich selbst gerne dokumentiere, welche Dinge mich beeindruckt haben. Aber einen Preis für den besten Film vergeben? Wem soll das nützen? Ist das dann so wie bei den Bambi-Galas, wo erstmal geguckt wird, wen man alles als Gast buchen könnte und sich dann einen Preis ausdenkt, den man ihm geben könnte?

Schreibt man “Badass” nicht zusammen?

In nicht ganz so vielen Worten habe ich das alles Micha Scharsig geschrieben, als er mich gefragt hat, ob ich dieses Jahr in der Jury des “Filmtipp-Award” dabei sein wollte, bei dem Micha jedes Jahr eine Gruppe von Bloggerinnen und Bloggern koordiniert, um eine Reihe von Preisen zu vergeben. In den letzten Wochen habe ich mich also durch eine Liste von 33 mehr oder weniger abstrusen Kategorien geschnauft (schreibt man “Badass” nicht zusammen?), einem Nominierungsprozess beigewohnt, der im besten Fall schwierig war, weil die wenigsten Teilnehmerinnen der Jury überhaupt genug Filme gesehen hatten (inklusive mir), um sich nicht einfach nur an dem zu orientieren, was alle anderen machen. Zu guter Letzt habe ich mich noch heftig darüber gestritten, ob es chauvinistisch ist, Alicia Vikander für Ex Machina nur in der Kategorie “Beste Nebenrolle” zu nominieren, obwohl sie die wichtigste Figur des ganzen Films ist.

Niemand von denen, die hier am Ende gewinnen werden, wird sich dafür interessieren, dass ihnen eine beliebige Runde deutscher Filmblogger den Filmtipp-Award verliehen haben. Wenn also zum Beispiel Leonardo DiCaprio “Bester Schauspieler” werden sollte, kratzt ihn das vermutlich noch weniger als die Auszeichnung der Utah Film Critics Association.

Also: Für wen machen wir das? Die Antwort ist klar: für uns. Micha veranstaltet das Ganze vermutlich, weil er das Gefühl einer Preisverleihung mag. Ich mache mit, weil alles, was die Filmblogosphäre zusammenbringt, gut ist. Die Diskussionen, egal wie sinnlos sie waren, haben die Community gestärkt und Micha hat sich die Mühe gemacht, diese Communitystärkungsaktion mit 29 Filmblogmenschen zu veranstalten. Vielleicht sollte man dafür lieber ihm einen Preis geben. Michael Jackson, Gott hab ihn selig, hat bestimmt noch irgendwo einen goldenen Bravo-Otto herumstehen.

Hier geht es zu den Nominierungen des Filmtipp-Award