Real Virtuality 2016 – Persönliche Höhepunkte (Kurzform)

Ich hatte wie in den vergangen Jahren an dieser Stelle einen Post geschrieben, in dem ich meine persönlichen Gefühlshöhepunkte des Jahres rekapituliert hatte. Beim Zwischenspeichern ist WordPress abgestürzt und hat alles gelöscht. Ich kann das heute nicht noch einmal aus mir herausholen, deswegen folgt nur eine telegrafierte Zusammenfassung. Sehr schade. Oder vielleicht sogar besser so?

Immer noch Berlin

Ich finde die Stadt, in der ich seit 16 Monaten lebe, nach wie vor endlos faszinierend, und das ist toll.

#rpTEN

Trotz inhaltlicher Ambivalenz gab es wieder sehr viele denkwürdige persönliche Momente. Insbesondere habe ich eine Person näher kennengelernt, die ich sehr gern habe, und ich habe einen sehr schönen letzten Abend erlebt.

BoJack Horseman

Die beste aller Netflix-Serien kombiniert sehr speziellen Humor mit der Erforschung existenzieller Lebensfragen und gibt keine einfachen Antworten. Jeder und jede sollte sie sehen, vor allem wenn er oder sie etwas mit Medien macht.

Liepāja

In dieser lettischen Küstenstadt habe ich dieses Jahr Urlaub gemacht. Sie hat tolle Strände, einen Park und ein riesengroßes Schlagzeug (siehe Bild). Ich war dort sehr entspannt.

Piqd

Eine Seite, die die besten Artikel aus dem Netz kuratiert. Ich bin sehr froh, randständiger Teil eines inspirierenden Teams zu sein.

Breaking Bad

Ich habe die Serie dieses Jahr endlich nachgeholt und ihr Status ist gerechtfertigt. Die interessanteste Figur ist für mich Hank Schrader. Sie zeichnet vieles nach, was mit heutigen Männlichkeitsbildern nicht stimmt, und man muss sich einmal vorstellen, die Handlung durch ihre Augen zu sehen, um zu merken, wie genial die Serie ist.

Der Audiokommentar von Captain America: Civil War

Obwohl mich die Marvel-Filme inhaltlich immer weniger berühren, bin ich immer noch von der Logistik dahinter begeistert. Dass die Regisseure Joe und Anthony Russo enorm gut in der Lage sind, ihre eigene Rolle in diesem Geflecht mit dutzenden beweglichen Teilen zu reflektieren, finde ich bemerkenswert. Es lohnt sich, ihnen zuzuhören. Hier oder im bereits verlinkten Q&A des Smithsonian.

Gipfeltreffen

Ich habe wieder eine Band, was mir sehr gut tut. 2016 haben wir zum ersten Mal live gespielt und ihr solltet uns 2017 buchen!

Hoffen wir, dass das 2017 nicht wieder passiert. Prozit!

Piq: Die aggressive Expansionspolitik von Netflix

Vor drei Jahren sagte Ted Sarandos, Netflix’ Chief Content Officer, einen berüchtigten Satz: “The goal is to become HBO faster than HBO can become us.” Ein Bloomberg-Artikel trägt zum Stand dieses Plans einige beeindruckende Zahlen zusammen: Sechs Milliarden Dollar will die Streaming-Plattform 2017 für Programm ausgeben. 30.000 Quadratmeter hat die neue Konzernzentrale. Über 100 Millionen Kunden sollen nächstes Jahr erreicht werden. 40 Millionen Dollar hat ein Deal mit Chris Rock gekostet.

Und noch ein weiterer Punkt macht den traditionellen Machtinhabern in Hollywood zu schaffen: Netflix wirbt ihnen die Mitarbeiter ab. Allein im Bereich Öffentlichkeitsarbeit hat das Unternehmen derzeit 60 Stellen ausgeschrieben — und lockt mit enorm hohen Gehältern. Vertragsbrüche und die darauf folgenden Rechtsstreits werden billigend in Kauf genommen.

Doch die aggressiven Ausgaben haben auch ihren Preis: Dieses Jahr macht Netflix rund 1,5 Milliarden Dollar Schulden. Die Hoffnung: Teuer selbst produzierte Serien und Filme kosten nur einmal Geld und bleiben dann auf ewig als attraktive Gründe für ein Abo im Portfolio, statt regelmäßig neue Lizenzgebühren zu verschlingen.

Zum Artikel | Zum Piq auf piqd.de

Piq: Ein Superheld mit Hip Hop-Seele

Auf Netflix hat Marvel in den letzten Jahren sein Superhelden-Imperium um eine bodenständige Serien-Kolonie erweitert. Daredevil, Jessica Jones und nun Luke Cage (ab 30. September) sollen einen Kontrast zu den Kino-Materialschlachten von Iron Man und Co bieten, und kämpfen mit härteren Bandagen in den Straßen von New York.

Nebenher rollen sie aber auch das stereotype Bild vom Superhelden neu auf. Kein All-American-Weißbrot in Uniform, keine sexy Hexy im Catsuit. In den Netflix-Serien sind die moralischen Grenzen ambivalenter und die Helden realer. Nach einem Blinden und einer traumatisierten Frau scheint die Netflix-Welt mit Luke Cage nun erstmals auch bereit für einen Superheld of Color in der Hauptrolle (im Kino folgt nächstes Jahr Black Panther).

Obwohl ich persönlich Daredevil nicht mochte und Jessica Jones zu lang fand: nach diesem Artikel von Jason Tanz freue ich mich sehr auf Luke Cage. Tanz trifft Hauptdarsteller Mike Colter, der schon in Jessica Jones eine gute Figur gemacht hat, und Showrunner Cheo Hodari Coker und spricht mit ihnen über ihre Erwartungen und Einflüsse. Allein dass Coker ein hochdiverses Team um sich scharen konnte und die Musik von Ali Shaheed Muhammad stammt, sollte Luke Cage sehenswert machen.

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Das erneute Ende des großen Büffets

Im Sommer 2015 habe ich mich entschieden, Musikstreamingdiensten endlich eine faire Chance zu geben. Ausschlaggebend war nicht zuletzt ein Gespräch mit einer zehn Jahre jüngeren Kollegin, deren Musikgeschmack ich schätzte und die mir fröhlich und selbstverständlich davon erzählte, wie sie ständig neue Bands entdeckt und eine innige Beziehung zu Musik entwickelt, auch ohne eine Repräsentation dieser Musik zu kaufen. Ich testete Spotify erst einen kostenlosen Monat und blieb dann noch zwei weitere, weil ich mich sehr schnell an diese neue bequeme Art, Musik zu hören, gewöhnte. Im September entschied ich, der Konkurrenz eine Chance zu geben (und ein bisschen Geld zu sparen), und testete drei weitere Monate Apple Music.

Ich fand Apple Music etwas umständlicher zu bedienen als Spotify und ihm fehlte der geniale “Discover Weekly”-Algorithmus, aber am Ende siegte vor allem die Bequemlichkeit. Apple Music dient als Erweiterung meiner bisherigen mp3-Musiksammlung in iTunes, ich kann im gleichen Ökosystem bleiben. Praktisch. Es gab aber einen weiteren Grund. Im Dezember entdeckte ich auf Apple Music ein Album, das ich toll fand, aber auf Spotify nie gefunden hätte. Gavin Harrisons “Cheating the Polygraph”, ein furioser Big-Band-Jazz-Remix seiner besten Porcupine-Tree-Performances, ist aus irgendeinem Grund nicht in den 30.000.000 Songs auf Spotify enthalten, in denen von Apple Music aber schon.

Eine mächtige Kombination

Klar, ich hätte trotzdem bei Spotify bleiben und mir “Cheating the Polygraph” einfach kaufen können – aber es ist ätzend anstrengend bis unmöglich, “externe” Songs ins Spotify-System einzuschleusen. Im Endeffekt hätte ich das Album also mit Sicherheit seltener gehört. Apples Exklusivbesitz des Assets “Cheating the Polygraph” hat mich an den Dienst gebunden. Irgendwo hat ein Content Marketing-Experte seine Flügel bekommen.

Die Kombination von Abonnements und exklusiven Inhalten ist nichts Neues, sie fällt mir aber in diesem neuen Streaming-Zeitalter gerade mal wieder enorm auf, weil sie so mächtig ist. Netflix hat 2015 mit (guten) Exklusivinhalten richtig auf die Kacke gehauen und plant, die Menge an “Original Programming” 2016 zu verdoppeln. Amazon steht derzeit ungefähr so da wie Netflix vor einem Jahr – mit einer frischgebackenen besten TV-Serie des Jahres und schon einigen weiteren Hits im Sack oder in Petto.

Opfer der Bequemlichkeit

Will man einen dieser Hits genießen hat man keine Wahl, außer sich gleich auf das ganze Paket einzulassen. Und je mehr exklusive Inhalte ein Anbieter hat, umso schwächer wird unser Wille, ihn zu verlassen. Abos, selbst monatlich kündbare, sind clever, weil sie garantierten Umsatz bedeuten, egal ob die Abonnenten den Dienst nutzen oder nicht. Und Bequemlichkeit sorgt dafür, dass wir Abos viel länger behalten, als wir müssten. Ich habe mein GMX-ProMail Abo, das ich mal abgeschlossen habe, weil ich ein IMAP-Postfach wollte, ungefähr zwei Jahre gekündigt nachdem ich das erste mal dachte “Könnteste eigentlich mal kündigen”. Meine erste Domain läuft immer noch bei einem anderen Provider als mein Blog, weil ich einfach zu faul bin, mich mal eine Stunde hinzusetzen und den ganzen Schlonz zu tranferieren.

Es mag Leute geben, die in den USA ihr HBO-Abo immer nur während der aktuellen Game of Thrones-Staffel laufen lassen und es danach wieder kündigen, aber das wäre mir zu viel Arbeit. Ich bin zwar Fürsprecher entspannter Mediennutzung angesichts des Überflusses, aber ich möchte selbst entscheiden können, welche Optionen ich ignoriere. Ich gehe gerne mal in ein Restaurant mit kleiner Karte, weil eine reduzierte Auswahl entspannen kann, aber ich würde mich ärgern, wenn ich dieses Restaurant dann immer auch dann bezahlen müsste, wenn ich dort nicht esse.

Entbündelung und vertikale Integration

Als Kultur noch an Trägermedien gebunden war, war der freie Markt unser großes Büffet. Wir konnten einfach so losgehen und uns die Kultur kaufen und dann hatten wir sie zu Hause. Das Internet hat diesen Prozess, Stichwort “Entbündelung“, auf noch kleinere Teile heruntergebrochen – Songs statt Alben, Artikel statt Zeitungen. Streamingdienste, mit ihrer Emulation des HBO-Modells im Digitalen, kehren zu einer vertikalen Integration zurück, wie sie im US-Kinomarkt beispielsweise in den 50er Jahren verboten wurde: Produktion, Bereitstellung und Auslieferung aus einer Hand.

Überdramatisiere ich? Mit Sicherheit. Will ich eigentlich nur nicht dauerhaft mehrere Abos abschließen, um alles sehen/hören/lesen zu können, was andere mir empfehlen? Genau. Ist das ein luxuriöses First World Problem? Auf jeden Fall! Aber ich denke doch, dass es auch ein paar ernstzunehmende Folgen haben könnte. Zum Beispiel hat das Internet die große kulturelle Unterhaltung demokratisiert, exklusive Angebote aber schaffen wieder Filterbubbles, die jene ausschließen, die sich (beispielsweise) kein Netflix-Abo leisten können. Darüber darf man ruhig mal nachdenken. Das moderne Unterhaltungsparadigma bedient nicht nur die Nische, es schafft sie auch selbst.

Nachgedanke, 22:09 Uhr: Exklusivinhalte sind das Gegenteil von guter Kuration, womit Netflix zum Beispiel ja mal angefangen hat. Kuration sucht dir aus der Masse der Angebote die besten an einem Ort zusammen. Exklusivinhalte bedeuten, dass es mehrere Orte gibt, von denen jeder behauptet, er habe selbst das Beste.

Real Virtuality 2015 – Persönliche Höhepunkte

Baptism by Fur: Mit Äffle und Pferdle bei einem Termin zur Privatquartierkampagne in Stuttgart, März 2015

Das Jahr neigt sich dem Ende. Ich habe schon Musik und Bücher Revue passieren lassen. Bevor ich zur großen Filmliste komme, möchte ich wie in den vergangenen Jahren auch noch auf ein paar weitere Highlights des Jahres zurückblicken, die eher persönlicher, wenn auch nicht unbedingt privater Natur sind. Dinge, die ich erlebt oder beobachtet habe.

#rp15

Eigentlich habe ich zur diesjährigen re:publica schon alles geschrieben. Sie war eine Druckbetankung an Eindrücken, Begegnungen und Gefühlen, die es eben nur dort gibt (weil ich weder zum Zündfunk Netzkongress noch zum Chaos Communication Congress fahren konnte). Ein gutes halbes Jahr später sind mir vor allem drei Dinge in Erinnerung geblieben: Das Zusammensitzen mit der Redaktionskonferenz des “Techniktagebuch”, der Adrenalinrausch nach meinem eigenen Talk und ein gesprächiger Abend mit einer tollen Person. Für die #rpTEN habe ich erneut einen Vorschlag eingereicht.

Mad Men

Seit dem Beginn des neuen TV-Booms hat mich keine Serie so gefangen genommen wie Mad Men. Nicht The Wire, nicht Breaking Bad (bisher nur den Piloten gesehen) und schon gar nicht Lost (nach der ersten Staffel entnervt aufgegeben). Vielleicht liegt es daran, dass Mad Men grob in “meiner” Branche spielt, dass ich so schnell Zugang zu ihr gefunden habe. Aber viel mehr als den Werbekram habe ich es geliebt, an der Serie den Wandel der kulturellen Landschaft in den USA in der vielleicht wichtigsten Dekade des 20. Jahrhunhderts zu verfolgen. Obwohl Mad Men zwischenzeitlich etwas durchhing – ich war sowohl tieftraurig als auch erleichtert, als Matthew Weiners Magnum Opus im Mai endgültig zu Ende ging. Noch hat keine neue Serie ihren Platz einnehmen können.

35. Deutscher Evangelischer Kirchentag

Mein Brotjob erreichte seinen Höhepunkt vom 3. bis 7. Juni. Wieder einmal saß ich von einem Tag auf den anderen plötzlich mit 50 Leuten in einem Raum, die alle auf mein Kommando hörten. Das Tolle: Die “mittlere Management”-Ebene der sogenannten Multimediaredaktion, darunter Jens Albers, Ralf Peter Reimann, Christian De Zottis und Katharina Matzkeit (um nur mal die Leute mit eigener Webpräsenz zu promoten), funktioniert inzwischen so gut zusammen, dass ich mich aus dem operativen Geschäft fast völlig zurückziehen konnte/musste, was manchmal auch etwas einsam war. Vom Kirchentag selbst habe ich trotzdem wie immer nichts mitbekommen – außer durch die vielen tollen Artikel, Videos und Social-Media-Aktionen, die auch dieses Jahr wieder entstanden sind. Kaum zu glauben, dass ich jetzt schon wieder auf den nächsten hinarbeite, bei dem hoffentlich auch die Berliner Digitalszene eine Rolle spielen kann.

“Fortsetzung Folgt”

Mein Freund Martin musste eine Weile an mich hinreden, bis ich zugestimmt habe, mit ihm gemeinsam ein viertägiges Seminar zum Thema “Serielles Erzählen” für die Sommeruni des Evangelischen Studienwerks Villigst zu geben, und in meinem stressigen Sommer zwischen Kirchentag, Wohnungssuche und Umzug wäre ich noch mehrfach am liebsten abgesprungen. Am Ende war es den Stress aber doch wert. Wir wurden belohnt mit äußerst aufmerksamen und inquisitiven Studierenden, die auch selbst ein paar ganz ordentliche Serienideen entwickelt haben. Wenn also wieder mal jemand einen Seminarleiter braucht – ich bin zu haben.

Berlin

1999, auf Klassenfahrt in der elften Klasse, war ich das erste Mal in Berlin und ich war sofort wie verzaubert von dieser Stadt. Das nächste Mal war ich 2007 dort, zu einem Vorstellungsgespräch, und ich wäre gerne dort geblieben. Drei Jahre später dann erstmals zur Berlinale. Im Dezember 2010 habe ich eine Berlinerin kennengelernt und sie eine Weile fast jedes Wochenende in Berlin besucht, nur um sie dann im Sommer 2011 nach Mainz zu entführen. Irgendwie war uns aber insgeheim immer klar, dass wir irgendwann nach Berlin zurückkehren würden, und dieses Jahr war es dann so weit.

Ich staune immer noch jeden dritten Tag darüber, dass ich jetzt hier wohne. Manchmal – wenn ich in einem Supermarkt oder einem Kaufhaus bin, das auch sonstwo stehen könnte – vergesse ich, dass ich in Berlin bin und erst beim Verlassen des Ladens trifft mich die Erkenntnis wieder mit voller Wucht und ich jubiliere ein bisschen. Nicht nur dass ich jetzt in Deutschlands Film- und Medienhauptstadt wohne (suck it, München! 😉), ich bin auch immer wieder tief bewegt von der Geschichte dieser Metropole, die einem von jeder Ecke entgegenleuchtet, egal ob ich durch Grunewald jogge oder in Friedrichshain mit meiner neuen Band probe. Ich mag die Menschen hier, diese merkwürdige Mischung aus Treibholzwesen aus der ganzen Welt und alteingesessenen Nörglern mit weichem Kern. Ich bade so gut es geht im Kulturangebot, den Kinos, den Theatern, den Ausstellungen, den Konzerten – manchmal reicht es schon, nur zu wissen, dass man hingehen könnte, um sich daran zu erfreuen. Ich liebe die Tatsache, dass hier nirgendwo Berge sind und dafür überall Seen.

Nach einem knappen Monat Anfangshoch hatte ich durchaus ein paar Wochen Großstadtdepression und Heimweh. Lässt sich wohl nie vermeiden. Jetzt aber bin ich angekommen und wenn es nach mir geht, bleibe ich noch lange hier.

Volunteer Planner

Im Sommer hatte ich noch genug Gründe, um vor mir selbst zu rechtfertigen, warum ich gerade nichts für geflüchtete Menschen tun kann. Spätestens im Oktober war Schluss damit, ich war umgezogen und angekommen und hatte genug freie Zeit. Den letztendlichen Ausschlag hat aber der Volunteer Planner gegeben, mit dem man sich einfach und unkompliziert für Helferschichten in den Flüchtlingsunterkünften eintragen kann. Die Website eliminiert die letzte Hürde für jeden, der irgendwie vielleicht ja doch gerne helfen würde, aber Angst vor dem ersten Kontakt hat. Ich gebe zu, dass ich die Seite im Endeffekt nicht so oft genutzt habe, wie ich mir vorgenommen hatte, aber die Tatsache, dass ich jetzt überhaupt mehrfach Kontakt mit Geflüchteten und Helfenden hatte, hilft mir zusätzlich in Gesprächen mit alljenen, die noch Ängste und Vorurteile mit sich herumtragen. Ich kann jedem nur empfehlen, die Seite (und vergleichbare Seiten) zu nutzen – ich werde es 2016 auch wieder tun.

© Netflix

Master of None

Master of None

Was das reine Zeitinvestment angeht, hat Fernsehen bei mir das Kino derzeit endgültig überholt. Ich habe 2015 neue Staffeln von The Good Wife, Downton Abbey, Mad Men, Brooklyn Nine-Nine, Modern Family, Game of Thrones, Transparent, Agents of SHIELD und New Girl gesehen sowie endlich Sherlock nachgeholt und mit Battlestar Galactica angefangen. Aber nichts hat mich von Anfang an so begeistert wie Aziz Anzaris Master of None. Ich kannte Anzari aus Parks and Recreation, und Master of None ist am Ende auch nicht viel mehr als die Auserzählung von Gedanken, die er in seinen Standup-Specials schon öfter hatte, aber dass es möglich ist, diese Art von freundlicher und leiser Comedy zu machen, die sich gleichzeitig einiger kontroverser Themen annimmt, ist trotzdem etwas besonderes. Master of None ist eine Serie, wie sie nur 2015 entstehen konnte. Die Folgen hängen mal lose, mal eng zusammmen. Sie sind aufwändig produziert, funktionieren ohne Werbepausen und eignen sich perfekt, um sie an einem Wochenende zu verschlingen (wie wir es gemacht haben). Leider kann man sie auch nur sehen, wenn man ein Netflix-Abo hat. Dazu bald mehr in diesem Blog.

Peak Marvel

Ich habe jede Menge Respekt vor Age of Ultron, ich fand Ant-Man streckenweise sehr unterhaltsam. Aber ich gebe zu: Mit meiner Marvel-Begeisterung hat es so langsam ein Ende. Bei Daredevil kam ich nicht über zwei Folgen hinaus, Jessica Jones (derzeit Folge 6) werde ich wohl zu Ende gucken, aber ich weiß noch nicht wann. Zum Weiterschauen von Agents of SHIELD konnte ich mich bisher noch nicht durchringen und 2016 freue ich mich fast mehr auf Batman v Superman (wegen der Hybris) als auf Civil War. Ich finde es nach wie vor erzählerisch spannend, was da passiert (und wie jeder versucht, es zu kopieren), aber die echte Fanboy-Begeisterung, die ich noch während The Avengers gespürt habe, ist 2015 endgültig ausgelaufen – spätestens als mein Lieblings-“Wired”-Autor Adam Rogers über das neue Franchisezeitalter einen Feature-Artikel geschrieben und darin die meisten Aspekte auf den Punkt gebracht hat, an denen ich mich an dieser Stelle seit fünf Jahren abarbeite. Marvel-Produkte fühlen sich immer mehr wie eine Pflicht und immer weniger wie etwas Besonderes an. Dass Joss Whedon sich verabschiedet hat, macht es nicht besser. Es könnte also gut sein, dass ich mir bald eine neue Obsession suche.

“Kommerzkacke”

Ich schreibe ja inzwischen seit einigen Jahren regelmäßig-unregelmäßig für epd film und epd medien, die ich gemeinsam so ein bisschen als meine berufliche Alma Mater betrachte. Ich habe mich sehr gefreut, als ich dieses Jahr aus dem Nichts bei einer weiteren Publikation in den Autorenstamm aufgenommen wurde. Für “kino-zeit.de” habe ich ja schon zuvor ab und zu kleinere Geschichten geschrieben, aber jetzt habe ich dort eine regelmäßige Kolumne, die das nächste Mal Anfang Januar erscheinen wird. Ich fühle mich sehr geehrt, zur Kino-Zeit-Truppe zu gehören, und ein bisschen stolz bin ich auch.

Vielen Dank allen, die mich 2015 gefördert und herausgefordert, gelesen und verlinkt haben. Danke an jeden, der hier im Blog oder auf anderen Plattformen kommentiert, favorisiert und auf “Like” geklickt hat. Danke an alle Kolleginnen, Kollegen und Netzgemeindeglieder, die meine Arbeit verfolgen, auch wenn mich viele von ihnen nicht persönlich kennen. Ihr könnt nicht ahnen, wie viel mir das bedeutet. Ich hoffe, euer 2015 hatte auch ein paar Highlights zu bieten und euer 2016 wird noch besser.

Das neue Watchever studivzettelt sich

Sie hatten es mit viel Tamtam Anfang der Woche angekündigt und heute haben Sie ernst gemacht. Der Video-on-Demand-Anbieter Watchever, so die Pressemitteilung, “präsentiert sich ab heute im neuen Gewand”. Allerdings riecht dieses neue Gewand ziemlich stark nach Kathodenstrahlröhren und graubraunen Lerchenberger Fluren. Denn die große Innovation ist ausgerechnet genau jenes Problem des traditionellen Fernsehens, dessen sich die Menschheit mit Video on Demand endlich entledigt hatte: Kanäle!

Das neue WATCHEVER macht Videostreaming ab sofort zu einem noch größeren Vergnügen, indem es vorerst 25 speziell zusammengestellte Kanäle mit vielen neuartigen und optimierten Funktionen vereint. Zugeschnitten von renommierten Partner-Studios (unter anderem CBS, BBC, Disney und ZDF Enterprises) sowie dem Expertenteam von WATCHEVER, unterstützen sie den Zuschauer beim Entdecken des vielfältigen Angebots. (Pressemitteilung)

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Fünfundzwanzig “speziell zusammengestellte Kanäle” von “unter anderem CBS, BBC, Disney und ZDF Enterprises”. Klingt für mich irgendwie verdächtig nach Fernsehen! Da haben sich Bewegtbildhinhalte nach Jahrzehnten der Gefangenschaft in Zeit- und Senderkontexten endlich aus allen Fesseln freigestrampelt und ein deutsches Unternehmen kommt an und versucht, den Dschinni zurück in die Flasche zu stecken.

Wie Netflix die Welt übernahm

Zum Rekapitulieren: Netflix beginnt 2008 damit, Filme nicht nur per DVD zu verschicken, sondern sie direkt zum Streamen im Netz anzubieten. Die Idee schlägt ein wie eine Bombe und löst bald das DVD-Verschicken als Kerngeschäft ab. Ja, Sie überlebt sogar den Versuch, die beiden Geschäftszweige zu trennen. Rund fünf Jahre später hat sich Netflix als Marktführer vor allem durch zwei Merkmale profiliert: einen hervorragenden Empfehlungsalgorithmus, der jedem Zuschauer und jeder Zuschauerin erstaunlich gut Filme empfiehlt, die sie mögen, sowie hochwertiger selbst produzierter und damit exklusiver Content, von House of Cards bis Orange is the New Black.

Nach dem Aufstieg von Netflix in den USA entsteht in Ländern wie Deutschland ein Vakuum. Zwar gibt es Streamingdienste wie Maxdome oder Videoload, diese bieten aber nicht den Komfort, die originären Inhalte oder den niedrigen Abonnementpreis, der von Netflix bekannt ist. In dieses Vakuum kracht 2013 Watchever, eine Tochter des französischen Medienkonzerns Vivendi, die erstmals ein Netflix vergleichbares Angebot in Deutschland schafft: Ein fester, günstiger Abopreis und eine komfortable Benutzeroberfläche, die auf den meisten Geräten funktioniert.

Allein, im Herbst 2014 hat Netflix endlich die finanzielle Sicherheit, Lizenzmasse und regulatorische Abnickung zusammen, um auch nach Deutschland zu expandieren. Watchever reagiert mit einer massiven Werbekampagne, doch es hilft nichts. Schon im Februar 2015 hat Netflix viermal so viele Nutzer wie Watchever, deren Marktanteil auf ein Zehntel des Wertes vor dem Netflix-Start gefallen ist. (Damals lag Watchever auch nur knapp hinter Amazon Prime Instant Video, die als Platzhirsch in Deutschland über 30 Prozent des Marktes beherrschen.) Wenn man sich die aktuelle Netflix-Plakatkampagne ansieht, ahnt man auch warum: Netflix bietet Inhalte, die es im Fernsehen nicht gibt. Vor allem Serien, die man bingewatchen kann. Und Watchever bietet jetzt – KANÄLE.

Das letzte Aufbäumen von StudiVZ

Mich erinnert diese Geschichte fatal an die letzten Atemzüge von StudiVZ. Die deutsche Seite stieß damals Mitte der Nuller Jahre ebenfalls in ein Bedürfnisloch jener Deutschen, die Facebook wollten, aber noch nicht haben konnten. Eine kurze Zeitlang konnten sich die Gründer feiern, doch als Facebook weltweit expandierte war ganz schnell Schluss mit lustig, StudiVZ verlor 80 Prozent seiner Nutzer und hat heute nur noch Liebhaberwert.

Doch ein letztes Aufbäumen gab es: Als Facebook seine Weltdominanz begann und StudiVZ seine Felle bereits davonschwimmen sah, warf es sich mit viel Bravura dem deutschen Medien- und Politikmarkt an den Hals. Wo zuvor Datenschutz und Kundenzufriedenheit eher belächelt wurden, verpflichtete man sich plötzlich zu heftiger Selbstkontrolle und versuchte sich etwa im Bundestagswahlkampf 2009 als Plattform politischer Meinungsbildung zu profilieren. “Wir sind das Social Network Made in Germany”, war die Botschaft. “Wir sind Anti-Facebook. Ihr könnt uns vetrauen und wir lassen uns auf euch ein.” Die Menschen wollten aber nicht Anti-Facebook, sie wollten Facebook.

Meiner persönlichen Einschätzung nach steht Watchever in Bälde etwas Ähnliches bevor. Weil sie mit Netflix und Amazon in Sachen schiere Marktmacht nicht mithalten können, versuchen sie sich zu profilieren, indem sie Anti-Netflix werden. Netflix wäre aber nicht so groß geworden, wenn die Leute Anti-Netflix gewollt hätten. Wer Video-On-Demand guckt, will keine Kanäle. Nur Fernsehsender – der Pressemitteilung nach zu urteilen Watchevers wichtigster Partner – wollen Kanäle. Und wer Kanäle will, schaut Fernsehen.

(Expandierte Version eines Facebook-Posts)

Game of Thrones x Deutsche Zeitschriften (II)

Ich hab es einmal getan, es war klar, dass es wieder passieren müsste. Vor allem dank der unermüdlichen Kreativität meines Freundes Marc Exner gibt es pünktlich zum Start der neuen Staffel eine neue Runde Game of Thrones Zeitschriften-Mashups. “Braavos” stammt von mir. Alle anderen sind von Marc. [Ergänzung: 16.4., “Stark” stammt von Michael]

Podgast (VII): Bei Serien.Ninja über “Agent Carter”

Philipp von “Serien.Ninja” hat mich freundlicherweise mal wieder zum Podcast eingeladen. Zusammen mit Matthias vom “FilmFeuilleton” sprechen wir eine knappe Stunde über die neue Marvel-Serie Agent Carter und ein wenig über das, was uns von Marvel sonst noch erwartet.

Marvel startet 2015 direkt durch und zeigt ab Anfang Januar die Agentenserie “Agent Carter” im US-Fernsehen, in der die aus “Captain America: The First Avenger” bekannte Peggy Carter (Hayley Atwell) im Mittelpunkt steht.

Quotes of Quotes (XXVI) – Markus and McFeely on “Agent Carter” within the MCU

How much of the bigger Marvel Universe are you weaving in?

[Screenwriter/Co-Creator Christopher] McFeely: We can’t help but weave in the Marvel Universe. We’ve been at this for a few years now. All of our reference points are within the universe. We need a scientist character. We didn’t go very far to come up with Anton Vanko, just as a very small part scientist character. If you know what he is, or what he goes on to be, that’s interesting. If not, he’s the Russian scientist.

[Screenwriter/Co-Creator Stephen] Markus: Also, working in the past where you already know the future — obviously, we saw ninety-something old Peggy — there are references being made, whether you do them on purpose or not. We know Hydra eventually took over S.H.I.E.L.D. When somebody says something hopeful about the future in Agent Carter, that is going to be tinged with the fact we know the future didn’t work out that well. There are plenty of little indicators of the future going forward, and the legacy of both the S.S.R. and Howard’s technology that will have ramifications later.

It’s almost like the M. Night Shyamalan curse, though. Viewers always expect some crazy twist in his movies. With Marvel, people anticipate all these tie-ins to other projects.

McFeely: I suppose it has the red box on the front. It’s a Marvel project, so they are going to expect something. But we’ve really tried to make the best show, about an interesting character in a world where there are some glowing objects and where a superhero has died.

Markus: We are also slightly freed up from that interconnection by the period. On “Agents of S.H.I.E.L.D.,” Captain America and Iron Man and everybody are running around in that same world and same time period. They could theoretically show up at the door. There’s nobody around during “Agent Carter.” You can’t have an end-of-the-credits tag where Nick Fury shows up and talks to Peggy. He hasn’t been conceived yet. We’re a little cocooned.
– from an Interview at Comicbookresources.com

(vgl.)

Filme “normal” gucken

Als ich 2002 mein Studium mit dem Hauptfach Filmwissenschaft begann, wurde mir eine Frage immer wieder gestellt. “Kannst du denn jetzt Filme noch normal gucken?” Die Frage ist so beständig, dass sie selbst vor einem halben Jahr in David Streits Intervievv wieder auftauchte – was mich dazu brachte, noch einmal systematischer über das Thema nachzudenken.

Was Menschen, die diese Frage stellen, damit wohl meistens meinen ist: Ist es möglich, sich eine Art Unschuld beim Filme gucken zu bewahren, auch wenn man vielleicht mehr über Filme weiß, als vorher. Die Frage lässt sich sicher auf fast jeden anderen Beruf ummünzen. Kann ein_e Botaniker_in durch einen Park gehen, ohne überall Pflanzen zu identifizieren? Kann ein_e Architekt_in eine Stadt besuchen, ohne aus dem Augenwinkel die Statik der ihn oder sie umgebenden Häuser abzuschätzen? Das Eigentümliche bei Filmen ist wohl, dass sie ein allgegenwärtiges Konsumgut sind, über deren Hintergründe allerdings die wenigsten Menschen genauer nachdenken (wollen). Ich habe beobachtet, dass Ernährungswissenschaftler_innen gerne ähnliche Fragen gestellt bekommen.

1,6 mal pro Jahr ins Kino

Natürlich muss man die Frage zunächst umdrehen, das heißt: Wie schaut man einen Film denn “normal”? Was ist ein “normaler” Zuschauer? Jemand, der 1,6 mal pro Jahr ins Kino geht, 2014 in Monsieur Claude und seine Töchter und die Hälfte vom dritten Hobbit? Ich denke in diesem Zusammenhang oft an meine Eltern, die noch seltener ins Kino gehen, aber dennoch seit mittlerweile über 50 Jahren Filme schauen – jene Filme eben, die ihnen die großen Fernsehsender jeden Abend um 20.15 Uhr vorsetzen. Mit gewissen Abstrichen natürlich, meine Mutter mag zum Beispiel, ohne so genau sagen zu können warum, keine französischen Filme. Aber wie weit reicht die Spanne? Wann hört Filmkonsum auf, seine Unschuld zu verlieren?

Einer der Unterschiede, die ich zwischen “normalen” und “fortgeschrittenen” Filmguckern festgestellt habe, ist die Art und Weise, wie Filme kategorisiert werden. Meine Eltern wissen bei einem Film wahrscheinlich das grobe Genre, vielleicht noch, wer die Hauptrollen gespielt hat – falls die Schauspieler bekannt genug sind. Als ich ihnen vor kurzem Midnight in Paris ans Herz gelegt habe, ging ein großer Teil des Charmes an ihnen verloren, weil sie die vielen kleinen Filmstars nicht kannten, die sich dort in Minirollen tummeln. Filmliebhaber sortieren Filme stärker nach Regisseuren, nach Generationen oder “Schulen”, falls es diese gibt. Ausnahmen wie Tom Cruise, der jeden Film dominiert, in dem er mitspielt, bestätigen die Regel.

Die unsichtbare Linie

Aber fügt solches Zusatzwissen dem Filmgenuss wirklich so viele Dimensionen hinzu, dass “Normalität” beim Schauen verlorengeht? Diese Frage hat mich auch in meiner Filmblogosphären-Diskussion immer wieder beschäftigt, wo ich ja auch – vielleicht zu unrecht – darüber sinniert habe, ob es eine unsichtbare Linie zwischen Filmprofis und Filmamateuren gibt.

Wenn ich an mein Studium zurückdenke, sehe ich vor allem drei Dinge, die meinen Blick auf Filme verändert habe. Ich vermute, dass es anderen Menschen auch so geht, die Film – egal ob an einer Hochschule oder privat – intensiv studieren. Als erstes die Erweiterung des filmischen Vokabulars. Nachdem ich im ersten Semester Einstellungsgrößen, Montagetechniken, Beleuchtungsstile und andere Dinge gelernt hatte, die zur Filmanalyse gehören, war es mir viel besser möglich, präzise zu benennen, was einen Film in meinen Augen ausmachte.

Film-Traditionen und Denk-Traditionen

Zweitens haben sich mir historische Zusammenhänge erschlossen, die ich zuvor nicht kannte. Ich gebe gerne zu, dass ich vor meinen ersten Vorlesungen noch nie von der Nouvelle Vague gehört hatte. Jemand, der etwas älter ist als ich, kennt die Nouvelle Vague vielleicht, aber hat er mal die Werke der russischen Revolutionsfilmemachern gesehen? Nur wenige Menschen beschäftigen sich filmisch mit Epochen oder Genres, die für sie nicht irgendeine persönliche Bedeutung haben (vor meinen Studium hatte ich immerhin Metropolis gesehen, weil ich mich für Science Fiction interessierte). Aber zu wissen, auf welche Traditionen moderne Filmemacher zurückgreifen, wenn sie heute ihre Filme machen; welche Revolutionen es im Laufe der Filmgeschichte gab, das hat meinen Blick entscheidend geweitet.

Drittens schließlich führt ein Film-Studium dazu, dass man viel darüber erfährt, welche Gedanken sich andere Menschen bereits zu Filmen gemacht haben. Dabei ist es unerheblich, ob man tatsächlich – wie ich – Gefallen an Filmtheorie und an den Grundfragen dessen, was Film ausmacht, findet oder einfach nur viel Filmkritik liest. Der Punkt ist, dass man irgendwann feststellt, dass es viele verschiedene Arten gibt, Filme zu sehen und über Filme nachzudenken. Und dass somit reine Filmempfehlungen, jener “Service”, den etwa das Flugblatt zur aktivistischen Filmkritik so verschreit, nur ein kleiner, wenig ergiebiger Aspekt der Beschäftigung mit Film ist.

Das alles ist aber, wie gesagt, nur reines Wissen, dass sich jeder aneignen kann, der genug Zeit darin investieren möchte. Einige Menschen tun das zu unterschiedlichen Graden und wahrscheinlich werden sie dennoch nur selten gefragt, ob sie Filme noch “normal” schauen können. Sie schauen Filme eben informierter, sie können sie besser kontextualisieren und genauer benennen, was sie an ihnen mögen, oder eben nicht.

Sichten statt sehen

Meiner Ansicht nach kommt ein gewisser “Unschuldverlust” eher in dem Moment, wenn dieses Wissen zum Beruf wird. Wer als Filmkritiker_in arbeitet, als Redakteur_in für einen Fernsehsender, als Mitarbeiter_in einer PR-Agentur, wer ein Kino betreibt oder für ein Festival oder einen Verleih Filme sucht, für den wird ein Film von einem kulturellen Gut – egal wie sehr man es künstlerisch zu schätzen weiß – zu einem Broterwerb. Man “sichtet” statt zu “sehen”. Muss man nach dem Film eine Kritik schreiben oder diesen später verkaufen, denkt man vielleicht schon während des Films darüber nach, welche Momente man hervorheben möchte und mit welchen Formulierungen. Soll man den Film für eine Auswertung in einem anderen Kontext bewerten, prüft man schon während des Sehens, ob der Film für diesen Kontext passend ist. Wenn nicht, und falls man die Kontrolle darüber hat, bricht man die Sichtung vielleicht frühzeitig ab, weil die Zeit zu kostbar ist. (Eine der Erfahrungen, die mir als Mensch, der Dinge gerne zu Ende bringt am Anfang meiner Zeit bei 3sat am meisten das Herz gebrochen hat.)

Und noch über einen weiteren Aspekt denken Film-Amateure wahrscheinlich selten nach. Film-Profis sehen viele Filme. Und im Gegensatz zu Filmnerds, die dagegenhalten könnten, dass sie vielleicht sogar noch viel mehr Filme schauen, wählen Film-Profis diese Filme in der Regel nicht selbst aus. Diese Abwesenheit eines “selection bias” führt automatisch dazu, dass man seinen eigenen, filmischen Horizont noch einmal enorm erweitert, ob man will oder nicht.

Ein gigantischer Sumpf an schlechten Filmen

Zum Thema “oder nicht”: Sowohl als etwas-auf-sich-haltende_r hauptberufliche_r Filmkritiker_in als auch als jemand, der für ein Festival oder einen Lizenzgeber arbeitet, watet man regelmäßig durch einen gigantischen Sumpf an mittelmäßigen und wirklich schlechten Filmen. Und ich meine nicht Michael-Bay-schlecht oder Meine-Erwartungen-wurden-enttäuscht-schlecht. Ich meine abgrundtief, warum-hat-jemand-diese-Menschen-in-die-Nähe-einer-Kamera-gelassen-schlecht.

Die schlechten Filme sind aber nicht einmal das größte Problem. Viel erstaunlicher ist es, festzustellen, wie unfassbar viel Mittelmaß produziert wird. Filme, an denen nichts direkt falsch ist, aber die einfach nichts Besonderes an sich haben. Anschließend wird aber trotzdem von einem erwartet, dass man zu diesen Filmen eine Meinung hat – und diese Meinung kann anderswo in einer betriebswirtschaftlichen Entscheidung münden. Das verändert die Art, wie man Filme schaut.

Echter Genuss geht nicht verloren

Das Gute ist, dass selbst die Abgebrühtheit, die man in so einer Profession entwickelt, einem in der Regel echten Genuss nicht verderben kann. Sehr gute Filme stechen heraus, sie machen wach – meistens, damit man dann hinterher feststellen kann, dass alle anderen auch dieser Meinung sind und damit die eigene Meinung entweder wenig zählt oder der Film unerreichbar geworden ist. Ganz selten nur stehen die Sterne in einer Reihe und man gehört zu den ersten, die das Außergewöhnliche in einem Film erkennen, den andere vielleicht als belanglos abgetan haben. Zum Verfechter eines solchen Films zu werden und zu sehen, wie der Rest der Welt schließlich reumütig seine Sicht der Dinge ändert, für solche Momente lebt man als Film-Profi.

Der wahre Hirnfick, man möge mir mein Französisch verzeihen, kommt dann erst noch eine Stufe später – und er ist für mich der entscheidende Punkt in der endlosen und leider nur selten fruchtbaren Diskussion zwischen Kritiker_innen und Filmemacher_innen. Sobald man nämlich Teil der Industrie wird, die Filme tatsächlich regelmäßig und professionell herstellt, also wirklich hauptberuflich und nicht nur ab und zu, ist der Unschuldsverlust komplett. Ich schreibe hier spekulativ, weil ich selber nie Filmemacher war, aber ich habe es bei anderen beobachtet.

Soll man einen IKEA-Tisch kritisieren?

Der Punkt ist auch hier nicht der Verlust der Wertschätzung für gute Filme. Jeder Profi weiß gute Arbeit zu schätzen. Das Problem ist, dass er oder sie jetzt weiß (und nicht nur ahnt), wie viel gute Arbeit auch in mittelmäßigen und misslungenen Filmen steckt. Die oben erwähnten un-besonderen Filme, die nichts falsch machen – auch für sie haben jede Menge hart arbeitende Menschen viel Schweiß gelassen. Wahrscheinlich haben viele von ihnen mit Herzblut an ihr Projekt geglaubt. Und in so vielen anderen Lebensbereichen ist “gut genug” auch tatsächlich gut genug. Sollte man einen Standard-IKEA-Tisch dafür kritisieren, dass er formell nicht besonders innovativ ist? Dass er nicht aus der Masse von Tischen heraussticht?

Und selbst wenn man einen Film vielleicht nicht außergewöhnlich findet – die Filmbranche ist nicht groß und die Chancen stehen gut, dass man einen der Menschen kennt, die an diesem Film beteiligt waren. Dass man weiß, dass dieser Mensch sein Bestes gegeben hat. Immer wieder sind auch Filmkritiker_innen in diese Falle hineingezogen worden, wenn sie im Laufe ihrer Zeit persönliche Beziehungen zu Filmemacher_innen aufgebaut haben, am prominentesten vielleicht Pauline Kael, ein jüngeres Beispiel ist der abscheuliche Vorwurf, der die Gamergate-Debatte losgetreten hat. Als Kritiker_in kann man in so einem Fall wenigstens noch sagen, dass man einen bestimmten Film nicht besprechen möchte, aber sollte diese “Menschen haben hart dafür gearbeitet”-Argumentation wirklich für alle gelten, die über den Film urteilen sollen? Oder verdirbt man nicht gerade dadurch die Fähigkeit, Filme “normal” zu gucken.

Der Durchschnitt als Maßstab

Weil ich gerade in der Anfangszeit meines Studiums so oft gefragt wurde, ob ich Filme noch normal gucken kann, hatte ich mir irgendwann eine Standardantwort zurechtgelegt. Sie lautete: Durch zusätzliches Hintergrundwissen werden für mich gute Filme besser und schlechte Filme schlechter. Wahrscheinlich ist das eine Form von “nicht mehr normal”. Aber da fast jeder von uns irgendeine Form von besonderem Wissen hat, die einem manchmal hilft und manchmal im Weg steht, gibt es diese mythische Normalität vielleicht auch gar nicht, außer eventuell im rein statistischen Durchschnitt. Der jedoch sollte meiner Ansicht nach nie als Maßstab herhalten. Sonst würden wir uns doch alle viel zu sehr der persönlichen Erfahrung berauben, die wir jedes Mal machen, wenn wir überhaupt einen Film sehen dürfen.

Wie sind eure Erfahrungen mit dem Sehen von Filmen? Wie beeinflusst euer Vorwissen die Filme, die ihr schaut? Für die Antworten auf diese Fragen besitzt dieses Blog eine Kommentarfunktion.

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